13.2 · Hitze-Schäden 1 33 8 9
Hitzeerschöpfung / Hitzekrämpfe !
Definition
Nach starken Schweißverlusten (Anstrengung bei Hitze) ohne ausreichende Flüs-
sigkeitsaufnahme kann der Körper die einwirkende Wärme nicht mehr kompensie-
ren. Hypotone Dehydratation. Bei einem Defizit von 2 - 4 l extrazellulärer Flüssig-
keit und Elektrolytmangel kann es zu Muskelzuckungen (Faszikulationen) und
Krämpfen (Konvulsionen) kommen.
Symptomatik
a) Hitzeerschöpfung:
• oft ältere Personen betroffen
• Kopfschmerzen, Schwächegefühl, Schwindel, Verwirrtheit
• Bewusstseinsstörungen bis Bewusstlosigkeit
• Übelkeit, Erbrechen, Durst, kalter Schweiß
• Puls tachykard und kaum tastbar, Blutdruckabfall / Schock
• schlechte Venenfüllung, schnelle flache Atmung
b) Hitzekrämpfe:
• Muskelzuckungen oder Krämpfe (Symptomatik des Akuten Abdomens
möglich)
• starke Schweißproduktion, keine Hyperthermie
• keine sonstigen neurologischen Symptome
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen
• Patienten in kühle Umgebung bringen, beengende Kleidung öffnen
• Flachlagerung oder Schocklage (bes. bei Hitzeerschöpfung)
• Patient bewusstseinsklar: orale Flüssigkeitszufuhr; wenn möglich bilanziertes
Elektrolytgetränk oder Wasser / Tee + 2 Teelöffel Kochsalz pro Liter (Gabe von
1 - 2 Litern in der ersten Stunde)
• Untersuchung, Standardtherapie
• Flüssigkeits- und Elektrolytersatz mit Vollelektrolytlösung
• Der Therapieeffekt einer Elektrolytsubstitution (orale Rehydratation / Voll-
elektrolytlösung i.v.) ist i. d. R. beeindruckend, sodass auf weitere medika-
mentöse Maßnahmen verzichtet werden kann.
Thermische Notfälle
Pathophysiologische Auswirkungen einer Hyperthermie: 390 Kapitel 13 · Thermische Notfälle
Hitzschlag
Körperkern- Auswirkungen auf... Stadien-Einteilung
temperatur Atmung Herz-Kreislauf Bewusstsein übrigen Körper
36,0 - 37,5 °C normal normal normal normal erfolgreiche Kompensation
der Wärmeeinwirkung
37,5 - 40,0 °C Tachypnoe;
flache Atmung Tachykardie; Unruhe; Kopfschmerz / Schwindel / Rotes Stadium I
Blutdruckanstieg; Somnolenz Übelkeit (Cave: Hirnödem!); (Abwehrstadium)
verstärkte peri- Hautrötung, Schwitzen;
phere Durch- warme Extremitäten
blutung
40,0 - 41,0 °C Tachypnoe; Tachykardie; Sopor warme trockene Haut Rotes Stadium II
flache Atmung (Schweißabsonderung (Übergangsstadium)
Blutdruckabfall eingestellt)
41,0 - 43,5 °C insuffizient Kreislaufzu- Koma fahl-graue Haut Graues Stadium / Tod
(Atemstillstand)
sammenbruch bis
Herz-Kreislauf-
Stillstand
13.2 · Hitze-Schäden 1 33 9 1
Hitzschlag (temperaturbedingte Hyperpyrexie) !
Definition
Störung und Insuffizienz der körpereigenen Wärmeregulationsmechanismen durch
längere Einwirkung hoher Temperaturen (z. B. Sonneneinstrahlung, Sauna); der
Körper ist nicht mehr in der Lage, den Anstieg der Körpertemperatur (Überhit-
zung) zu verhindern (> 40 °C). Akute Lebensbedrohung!
Gefahren: Irreversible ZNS-Schäden, Schock, Multiorganversagen, Herzinfarkt.
Pathophysiologische Auswirkungen der Hyperthermie (Fieber, Hitzschlag usw.):
siehe linke Seite!
Symptomatik
• Begleitumstände (hohe Umgebungstemperatur, hohe Luftfeuchtigkeit,
vorangegangene körperliche Anstrengung mit starkem Schwitzen bei
unzureichender Flüssigkeitszufuhr)
• evtl. vorangegangene Hitzeerschöpfung
• Lähmungen, Pupillenstörungen
• weitere körperliche Symptome s. Tabelle auf der vorhergehenden S.
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen
• Patienten in kühle Umgebung bringen, Kleidung öffnen
• Oberflächenkühlung!: kaltes Wasser (Umschläge / Besprengen) / Eisbeutel an
Leisten oder Achselhöhlen (Achtung: Kein direkter Hautkontakt des Eises!),
Fortführen der Kühlung, bis die Temperatur unter 38,5 °C sinkt.
• Untersuchung, Standardtherapie
• Flüssigkeits- und Elektrolytersatz mit Vollelektrolytlösung;
• Medikamente:
bei Kühlung ggf. medikamentöses Unterdrücken von Muskelzittern (Wärme-
bildung) und Zentralisation (periphere Vasokonstriktion durch Kühlung), z. B.
mit Promethazin (50 mg i.v.)
Thermische Notfälle
392 Kapitel 13 · Thermische NotfällePathophysiologische Auswirkungen einer Hypothermie:
Unterkühlung
Körperkern- Auswirkungen auf... Einteilung
WEW (= Wiedererwärmung) Þ Therapeutische Möglichkeiten
* Möglichkeiten der aktiven inneren WEW sind z. B.: Atemgaserwärmung, 40°C-temperatur AtmungHerz-KreislaufBewusstsein übrigen Körper
erfolgreiche Kompensation
warme Spülungen (Magen, Peritoneum, Pleura, Blase), venovenöse Hämodialyse,36,0 - 37,5 °C normalnormalnormal normal der Kälteeinwirkung
kardiopulmonaler Bypass (Herz-Lungen-Maschine; extrakorporale Zirkulation).
Auch im Rahmen der Wiedererwärmung kann es zur Gefäßweitstellung mit Einstrom34,0 - 36,0 °CAtemfrequenzHerzfrequenzUnruhe;Steigerung des Energie- Abwehrstadium
kalten Blutes aus der Peripherie kommen („Bergungstod“). Erregung stoffwechsels; Muskel- (Exzitationsstadium)
normal bis erhöht; erhöht; periphere zittern; Schmerzen in
den Extremitäten ⇒ • passive WEW
vertiefte Atmung Durchblutung • aktive externe WEW
vermindert Erschöpfungsstadium I
(Adynamie-Stadium)
30,0 - 34,0 °C unregelmäßig Bradykardie bis Teilnahms- Muskelstarre; ⇒ • passive WEW
und flach Bradyarrhythmie losigkeit; Nachlassen der
Somnolenz Schmerzen in den • aktive externe WEW nur des
Körperstammes (z.B. Hibler)
Extremitäten
Erschöpfungsstadium II
27,0 - 30,0 °C sporadisch Arrhythmien tiefe Erweiterung der (Paralyse-Stadium)
starker Bewusst- Pupillen; keine ⇒ Nur in der Klinik möglich:
Blutdruckabfall losigkeit Reaktion auf
Schmerzreize • aktive innere WEW *
22,0 - 27,0 °C insuffizient kein Puls tastbar Koma; schlaffe Lähmung Scheintod oder Tod
(Atemstillstand) (Herz-Kreislauf- keine der Muskulatur; ⇒ siehe Erschöpfungsstadium II
Stillstand); evtl. Reflexe weite und
Kammerflimmern lichtstarre Pupillen
13.3 · Kälte-Schäden 1 33 9 3
Unterkühlung (akzidentelle Hypothermie) !
Definition
Schädigung des gesamten Organismus durch Kälteeinwirkung in der Form, dass
sich die Körperkerntemperatur (KKT) und die Temperaturen in Blut und Organen
gleichmäßig unter 36° C erniedrigen. Vgl. auch S. 35!
Symptomatik
• Umstände, ausgekühlter Körper, kalte, blass-zyanotische Haut
• erniedrigte Körperkerntemperatur (tympanale, ösophageale oder rektale Mes
sung mit Spezialthermometer - besondere Skala mit niedrigeren Werten!)
• abnorme Müdigkeit; paradoxe Reaktion im fortgeschrittenen Stadium: dem
Patienten ist es zu warm, er will sich entkleiden
• weitere körperliche Symptome s. Tabelle auf der vorhergehenden S.
Notfalltherapie (abhängig von KKT s. linke S.)
• Basischeck, Basismaßnahmen
• Möglichst keine Manipulationen am Pat. (z.B. Umlagern, Warmreiben), Pat.
nicht bewegen lassen (Bergungstod!) ➯ Schonung bei Rettung u.
Transport! Kalte Extremitäten rumpffern lagern (sonst zentrale Auskühlung).
• Schutz vor weiterem Wärmeverlust (z.B. Folie / Decke) in warmer Umgebung (z.B.
Fahrzeug, ca. 25° C): Patient entkleiden und zudecken (= passive Erwärmung,
bei milder Hypothermie > 34° C i.d.R. ausreichend). Aktive Erwärmung s. linke S.
• Bei klarem Bewusstsein Verabreichung warmer, gezuckerter Getränke (Kein
Alkohol! Alkohol verstärkt durch periphere Vasodilatation eine Unterkühlung!)
• Untersuchung (an Blutzuckertest denken), Standardtherapie, ggf. Glukose i.v.
Praxistipps
• Reanimationsmaßnahmen sind bis zur Normalisierung der Körpertemperatur
fortzusetzen. (Körpertemperatur Ø ➯ O2-Bedarf Ø ➯ erhöhte Toleranz.). „No
child is dead until it is warm and dead“. Bei CPR - wenn möglich - Klinik mit der
Möglichkeit der extrakorporalen Zirkulation (ECMO) anfahren (unter Basis-CPR).
• Eine Wiedererwärmung läßt sich nicht durch Infundieren warmer Flüssig
keiten erreichen. Infusionslösungen zum Flüssigkeitsausgleich (cave: Vaso-
dilatation bei Wiedererwärmung) sollten aber vorgewärmt sein (Wärmefach).
• Bei Körperkerntemperatur unter 30° C können bereits minimale mechanische
Manipulationen Kammerflimmern auslösen. Kammerflimmern spricht bei
Körperkerntemperaturen < 30° C nur schlecht auf Defibrillationen an ➯ max. 1
Schock; weitere Defibrillationen erst nach Wiedererwärmung über 30° C. Andere
Arrhythmien bedürfen bis zur Wiedererwärmung keiner Therapie (Tendenz zur
spontanen Rerhythmisierung).
• Viele Medikamente zeigen bei schwerer Hypothermie keine Wirkung und akku-
mulieren bei Wiederholungsdosen bis zu toxischen Spiegeln (fehlende
Metabolisierung / Elimination). Zurückhaltung < 30° C KKT. Ggf. Dosisreduktion.
Thermische Notfälle 394 Kapitel 13 · Thermische Notfälle
! Erfrierung
Definition
Lokale Gewebeschädigung durch direkte Einwirkung von Kälte, meist an wenig
durchbluteten und vom Körper abstehenden Gliedern (Akren: Finger, Zehen, Na-
senspitze usw.). Ursachen: Mangelnder Kälteschutz (Kleidung), Einwirkung ex-
trem kalter Stoffe (z. B. flüssiger Stickstoff).
Symptomatik
• an der betroffenen Stelle: blasse, kalte, evtl. gefrorene Haut, Bewegungsunfä-
higkeit, starke Schmerzen (später Nachlassen / Aufhören), Gefühlsstörungen
• 1. Grad: Blässe oder Rötung, Schwellung, Schmerzen
• 2. Grad: blau-rote Haut, Blasenbildung, heftige Schmerzen
• 3. Grad: irreversible Gewebszerstörung; Nekrosen, blutige Blasen,
Schmerzfreiheit, Mumifikation
• (Als 4. Grad wird in Amerika und Skandinavien die Gangrän oder die
Totalvereisung einer ganzen Extremität bezeichnet.)
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen (den Patienten in warme Umgebung bringen)
• betroffene Stelle steril abdecken und polstern
• Untersuchung, Standardtherapie
• Medikamente:
Analgetika, z. B. ein Opiat wie Piritramid (0,1 - 0,2 mg / kg KG i.v.)
• Bei langen Transportwegen (z. B. alpines Gelände) und frischer Erfrierung
Wiedererwärmung durch kontinuierliches Eintauchen in 37–40 °C warmes
Wasser, ggf. mit antiseptischer Seife, bis nach 10–45 Minuten eine distale
Rötung auftritt, der Patient soll die betroffene Extremität bewegen. Da nach
Einsetzen der Durchblutung i. d. R. heftige Schmerzen auftreten, ist eine groß-
zügige Analgesie notwendig! Das vorzeitige Beenden des Auftauens (z. B.
wegen Schmerzen) ist ein häufiger Fehler!
Besonderheiten
• Eine vital bedrohliche Unterkühlung (s. S. 392 f.) hat Behandlungspriorität!
• Eine Sonderform der Erfrierung ist der Immersionsschaden: Auch bei
Temperaturen oberhalb des Gefrierpunktes können bei längerer Exposition
Schädigungen der Akren und Extremitäten entstehen, z. B. Stehen in
kaltem Wasser (Angler): „trench foot“ (engl. trench = (Schützen-) Graben).
Mechanismen: Vasokonstriktion, Blutstase und Schäden an der Gefäßinnen-
wand. Ein Immersionsschaden kann sich auch noch nach Tagen entwickeln.
Kapitelübersicht 1 43 9 5
Sonstige Notfälle
14.1 Strangulation .............................................................. 396
14.2 Notfälle in Gewässern ................................................. 398
Ertrinken .......................................................... 398
Tauchunfall ....................................................... 400
14.3 Stromunfall ................................................................. 402
14.4 Störungen der Homöostase ........................................ 404
Störungen im Wasser-Elektrolyt-Haushalt ... 404
Störungen im Säure-Basen-Haushalt ........... 405
Störungen im Hormonhaushalt/Stoffw. ....... 406
Thyreotoxische Krise ...................................... 408
14.5 Akute Höhenkrankheit ................................................. 409
14.6 Urologische Notfälle ................................................... 410
• Harnleiterkolik • Harnverhalt
• Priapismus • Paraphimose
• Akutes Skrotum
14.7 Notfälle der Sinnesorgane .......................................... 412
Augennotfälle ................................................... 412
Ohrennotfälle ................................................... 414
14.8 Akutfälle ...................................................................... 415
Entscheidungshilfen über Klinikeinweisung
und Initialtherapie durch den Notarzt ........... 415
Akute Schmerzsyndrome ............................... 417
• Akuter Tumorschmerz • Akute Zahnschmerzen
• Akuter Gichtanfall • Akute Migräneattacke
Notfallantibiose ................................................ 421
Sonstige Notfälle 396 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Strangulation
Erhängen
Befestigung einer Schlinge um den Hals, die sich z. B. nach Stoßen oder Fallen-
lassen durch das Körpergewicht zuzieht. ➯ Plötzliches Zuschnüren des Halses
➯ Kompression der Halsarterien (Hauptmechanismus) ➯ Ischämie im Gehirn
(Bewusstlosigkeit innerhalb von Sekunden). Die Herztätigkeit kann noch bis zu 15
Minuten anhalten. Ein sofortiger Herzstillstand durch Reizung des Nervus vagus
ist ebenfalls möglich (auch bei initialem Zerreißen des Stricks).
Andere Mechanismen haben bezüglich der Tötung des Patienten untergeordnete
Bedeutung. So ist z. B. der oft zitierte „Genickbruch“ (Fraktur des Dens axis,
HWK 2) selten Todesursache. (Ausnahme: Exekution durch den Strang wegen
stärkerer HWS-Belastung und speziellen Knotens.) Trotzdem muss bis zum radio-
logischen Ausschluss von einem HWS-Trauma ausgegangen werden! Beach-
te: Das Erhängen ist auch wirksam, wenn das Opfer nicht komplett am Strang
hängt, sondern z. B. steht oder kniet.
Erwürgen
Umfassen des Halses mit den Händen und Zudrücken. Selbsterwürgen ist nahe-
zu ausgeschlossen. Es kommt schon bei relativ leichtem Druck zum Verschlussder
Atemwege (Kehlkopf). ➯ Erhöhung der Kohlendioxid-Konzentration im Blut
➯ Atemnot, Todesangst, schließlich Erstickung (Asphyxie). Gleichzeitig werden
die Halsvenen gedrosselt. ➯ Blutstauung im Kopf mit typischer Blaufärbung
des Gesichtes, Aufdunsung und petechialen Blutungen. Da der Druck jedoch meist
nicht ausreicht, die Halsarterien zu verschließen, bleibt das Bewusstsein in der
Regel bis zum Eintritt des Erstickungstodes erhalten. ➯ Oft zunächst noch hefti-
ge Gegenwehr (u. U. ist der Täter entsprechend verletzt).
Gelegentlich tritt der Tod auch schon durch einen Karotissinus- oder Nervus-
Vagus-Reflex ein. Beachte: Selbst in einer freundschaftlichen Rangelei kann ein
solcher Reflex unbeabsichtigt eintreten!
Erdrosseln
Umschlingen des Halses mit einem Gegenstand, der durch Muskelkraft zugezo-
gen wird. Ein Selbsterdrosseln ist möglich. Wie beim Erwürgen tritt der Tod i. d.
R. durch Ersticken ein. Die Kompressionswirkung auf den Hals ist jedoch grö-
ßer, weil das Drosselwerkzeug die Kraft stärker wirksam werden lässt. Daher kann
eine Kombination von asphyktischem Ersticken und Störung der Gehirndurch-
blutung (Abdrücken der A. carotis) vorliegen. Die Form des Drosselwerkzeugs
zeichnet sich meist exakt ringförmig um den Hals ab.
14.1 · Strangulation 1 43 9 7
Strangulation !
Definition
Als Strangulation bezeichnet man den Tod durch Ersticken, der durch eine Kom-
pression des Halses erreicht worden ist. I. d. R. tritt der Tod durch Abdrücken der
Halsschlagadern (Erhängen) ein und nur selten durch eine Fraktur der HWS („Ge-
nickbruch“) oder Kompression der Atemwege (Erwürgen, Erdrosseln).
Symptomatik
• entsprechende Verletzungen und Hämatome am Hals: evtl. Kratzspuren,
Würgemale (Erwürgen; Beachte: Nicht mit Totenflecken zu verwechseln !),
gleichmäßiger, zirkulärer Striemen um den Hals (Drosselmarke), tiefe
Einschnürung (Strangmarke bei Erhängen), rekonstruierbarer Tathergang
(sichtbare Stricke, Gürtel, Knebel o.ä.)
• Zyanose
• punktförmige Blutungen in den Augenbindehäuten oder im Gesicht
(Stauungszeichen), aufgedunsenes Gesicht
• Stuhl- / Urinabgang, evtl. Zungenbiss, evtl. Ejakulation
• insbesondere bei Überleben: Angst, Verwirrtheit, Euphorie, massive
Schluckbeschwerden, geschwollene Zunge, Luftnot, Heiserkeit, evtl.
Zungenbeinfraktur mit Hämatom und Zuschwellen der Atemwege (!)
Notfalltherapie
Basischeck, Basismaßnahmen (HWS-Immobilisation! O2!)
• Untersuchung, Standardtherapie
• ggf. Sedierung/Anxiolyse, z.B. Benzodiazepine (Diazepam: 5-10 mg langsam
i.v. - Cave: Atemdepression; vorher neurologischen Status erheben und
dokumentieren!
• ggf. Narkose, Intubation und Beatmung
• ggf. Todesfeststellung
Praxistipps
• Findet man am Einsatzort einen Toten mit V.a. Strangulation auf, sollte man sich
(nach Feststellung sicherer Todeszeichen) bemühen, keine Spuren zu verwi-
schen. Polizei informieren!
• Bei Überlebenden kann die Erinnerung an das Geschehen durch zerebral-
hypoxische Zustände gestört sein. Dies hat oft auch unverständliches,
euphorisches oder verwirrtes Verhalten zur Folge, welches nicht der eigent-
lichen Persönlichkeit entspricht. DD: Psychische Traumatisierung (vgl. Kapitel
15). Fingerspitzengefühl! Verständnis! Ruhe ausstrahlen!
• Zum Umgang mit Suizidalabsicht s. Kapitel 15.
Sonstige Notfälle 398 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Ertrinken
Ursachen
Nichtschwimmer, Ermüdung und Krämpfe; Selbstüberschätzung und unbekann-
te Gewässerbedingungen (Strömung, Strudel); Vagusreizung (reflektorische Syn-
kope bis Herzstillstand durch plötzliches Eintauchen in sehr kaltes Wasser, ggf.
nach reichhaltigem Essen = Badetod); Vergiftung (z. B. Drogen, Alkohol), Selbst-
tötungsversuch; Verletzung (z. B. Bewußtseinsverlust nach Kopfsprung in fla-
ches Wasser); vom Schwimmen unabhängige Ereignisse (z. B. Tauchunfälle, Schiff-
unglücke, Eiseinbrüche, Überschwemmungen, Einsinken in Moor) und Erkran-
kungen (Versinken, z. B. nach Krampfanfall, Herzinfarkt).
Beachte: Kleinkinder ertrinken auch schon in sehr flachem Wasser (Badewanne).
Pathomechanismen - Phasenablauf des Erstickens beim Ertrinken
1. Luftschnappen vor dem Untertauchen. Panik, wildes Umsichschlagen,
gelegentliches Wiederauftauchen.
2. Atemanhalten nach dem Untertauchen.
3. Atemnot mit krampfhaftem Atmen (Reizung des Atemzentrums durch
den mittlerweile erhöhten CO2-Partialdruck im Blut). Dabei Anatmen
(Aspiration; nicht bei „trockenem Ertrinken“: s. u.) und Schlucken von
Wasser ➯ Hypoxie, Erschöpfung und Bewußtlosigkeit.
4. Tonisch-klonische Krämpfe durch zerebrale Hypoxie / Asphyxie.
5. Präterminale Lähmung, Schnappatmung.
Formen des Ertrinkens
• „Trockenes Ertrinken“: Reflektorischer Stimmritzenkrampf (Laryngospasmus)
bei Eindringen von Wasser in den Nasenrachenraum ➯ Hypoxie ➯ Ertrinken
ohne Wassereintritt i. d. Lungen.
• „Nasses Ertrinken“: Ertrinken mit Aspiration von Wasser.
• „Süßwasseraspiration“ / „Süßwasserertrinken“: Süßwasser hat einen
niedrigeren osmotischen Druck als das menschliche Blut. Infolgedessen
diffundiert es durch die Alveolarwände in den Lungenkreislauf ➯ Hypervolämie
mit relativer Verminderung der Elektrolytkonzentrationen (aber: ➯ Hämolyse
➯ Kaliumanstieg! ➯ Gefahr des Kammerflimmerns). Außerdem wird der
Surfactant-Faktor (verhindert das Kollabieren der Alveolen) in seiner Funktion
gestört. ➯ Lungenödem, Hypoxie, Hyperkapnie.
• „Salzwasseraspiration“ / „Salzwasserertrinken“: Der hohe osmotische
Druck des Salzwassers gegenüber But führt zu einer Diffusion von Wasser
aus dem Lungenkreislauf in die Lungen ➯ Lungenödem, Hypovolämie,
Hämokonzentration, Hypotension.
Besondere Gefahrensituation: Apnoisches Streckentauchen. Die vor dem Tau-
chen durchgeführte Hyperventilation (Ziel: bessere Oxygenierung) führt zur Ab-
nahme des CO2 Partialdruckes im Blut. Im hypoxischen Grenzbereich fehlt dem
Taucher dann der Atemantrieb und der eintretende Sauerstoffmangel führt zu
Bewusstlosigkeit unter Wasser mit der Folge des Ertrinkens.
1 414.2 · Notfälle in Gewässern
399
Ertrinken !
Symptomatik
• Anamnese, Unfallhergang (an Begleitverletzungen, insbes. der (Hals-)
Wirbelsäule, denken! - Flaches Wasser?)
• Bewusstseinsstörungen bis Bewusstlosigkeit
• Atemstörungen bis Atemstillstand, evtl. Atemwegsverlegung, evtl.
Rasselgeräusche auskultierbar (Lungenödem)
• Zyanose, kalte Haut, Unterkühlung; evtl. Herz-Kreislaufstillstand (oft VF)
Notfalltherapie
• Rettung: Eigenschutz beachten! Ggf. Rettungsring zuwerfen, Abschleppen
durch Rettungsschwimmer, Anwendung eines Rettungsbrettes usw.;
frühzeitig Fachdienste (Feuerwehr, DLRG) zur Rettung nachalarmieren.
• Ggf. HWS-Immobilisierung (i.d.R. noch nicht im Wasser, sofern nicht von
einem schweren Trauma ausgegangen werden muss - Zeitverlust)
• Basischeck, Basismaßnahmen: Versuche der Entfernung von Wasser aus
den (tieferen) Atemwegen sind nicht effektiv, erhöhen z.T. die Aspirations
gefahr und kosten Zeit (kein „Ausschütteln“, „Ausdrücken“, endobronchiales
Absaugen). Wasser in den Lungen wird resorbiert. Viel Wasser im Mund kurz
ablaufenlassen/absaugen; größere Fremdkörper entfernen. Bei Atemstillstand
so schnell wie möglich beatmen! (Durch Geübte ggf. auch schon im
Wasser für 1-2 min bei größerer Entfernung zum Ufer/Boot.)
• Untersuchung, Standardtherapie (ggf. Reanimation; Thoraxkom-
pressionen erst an Land/an Bord!), nasse Kleidung ausziehen
• großzügige Indikation zu Intubation und Beatmung mit PEEP
• Magensonde (wegen Aspirationsgefahr durch vollen Magen)
Praxistipps
• Aufgrund der meist bestehenden Hypothermie vergrößert sich die
Hypoxietoleranz der Organe. Reanimation, bis die normale Körpertemperatur
erreicht ist. Ggf. Transport in die Klinik unter Reanimationsbedingungen (vgl.
S. 392 f.).
• Beachte die hohe Aspirationsgefahr wegen der evtl. großen Mengen an
verschlucktem Wasser (voller Magen)!
• Bis zu 48 Stunden nach einem Ertrinkungsunfall kann aufgrund von
Membranschädigungen der Alveolen ein sekundäres Lungenödem
entstehen ! („Sekundäres Ertrinken“) Ein Beinaheertrunkener ist wegen
dieser Gefahr - auch bei gutem Zustand - immer einer angemessenen
medizinischen Überwachung zuzuführen (möglichst Intensivstation).
• Die Unterscheidung Süß- / Salzwasserertrinken (s. l.inke S.) hat keine
Auswirkung auf die präklinische Notfalltherapie, wird aber (leider) in der Aus-
bildung häufig hervorgehoben und abgeprüft; daher hier dargestellt. Die we-
sentliche Pathophysiologie besteht in Hypoxämie durch
Surfactantauswaschung/-inaktivierung, Atelektasen, intrapulmonalen Shunts.
Sonstige Notfälle 400 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Tauchunfall
Mechanismen des Barotraumas
• Verschiedene gasgefüllte Körperhöhlen können durch folgenden Mechanis-
mus geschädigt werden: Die durch Druckeinwirkung (z. B. Tauchen) kom-
primierten Gase nehmen bei schnell fallendem Druck ein Vielfaches ihres
Volumens an und üben damit Kräfte aus, die zu Reizungen und Verletzun-
gen von Organen führen können (Boyle-Mariotte-Gesetz: Druck x Volumen =
konstant). Besonders die Lunge ist bei zu schnellem Auftauchen gefährdet:
Hält ein Taucher während des (schnellen) Auftauchens die (komprimierte) Luft
an (Panik), dehnt sich diese in den Lungen aus und kann zu lebensgefährli-
chen Rupturen führen: Lungenrisse, Ausbildung eines beidseitigen Spannungs-
pneumothorax, Lungenembolie. Weiterhin können solche Barotraumen in den
Nasennebenhöhlen, Magen und Darm (Blähungen) auftreten.
• Die Paukenhöhlen (Mittelohr) sind durch die Trommelfelle von außen
getrennt. Über die Eustachischen Röhren besteht die Möglichkeit des
Druckausgleichs. Dieser Druckausgleich kann - z. B. beim Fliegen - durch
Öffnen des Mundes, Schlucken und Valsalva-Pressmanöver verbessert
werden; er erfolgt meist unter leichtem Knacken (plötzliche Änderung der
Trommelfellspannung durch Druckausgleich). Ist die Eustachische Röhre je
doch blockiert oder erfolgt die Druckveränderung plötzlich und heftig (z. B.
Druckwelle bei Explosion; Knalltrauma), so kann das gespannte Trommelfell
dem einseitigen Druck nicht mehr standhalten u. zerreißt (Trommelfellruptur).
Mechanismen der Caisson-Krankheit (Dekompressionskrankheit, DCS)
In den Körperflüssigkeiten sind immer bestimmte Mengen an Gasen (z. B.
Stickstoff, Sauerstoff, Kohlendioxid) physikalisch gelöst. Nach dem Henry-
Dalton-Gesetz sinkt die Löslichkeit dieser Gase mit fallendem Druck und steigt
mit zunehmendem Druck. Wenn ein Mensch einer Druckerhöhung ausgesetzt
wird (z. B. beim Tieftauchen), werden über die Atmung vermehrt Gase ins Blut
gelöst. Bei langsamer Drucksenkung werden die Gase genau umgekehrt wieder
frei und abgeatmet. Tritt der Druckabfall jedoch schnell ein, so perlen die
Gase aus den Körperflüssigkeiten im Gewebe, im Gefäßsystem, in den Kno-
chen usw. aus ➯ Gefäßverschlüsse (Gasembolien), Rupturen, Nervenirritationen
(„Taucherflöhe“), Knochen- und Gelenkschmerzen usw.. Dieser Effekt ist ver-
gleichbar mit dem Öffnen einer Sprudelflasche; die unter Druck gelöste Koh-
lensäure entweicht, wenn man den Druck wegnimmt. Die Therapie besteht in
möglichst frühzeitiger Überdruckbehandlung (Rekompression) mit kontrollierter
Dekompression. Die Symptome der Caisson-Krankheit können langsam, auch
bis zu 24 Stunden nach dem Ereignis auftreten; daher auch bei Verdacht im-
mer Klinikeinweisung. Als Notfallmaßnahme ist - unabhängig von der
Oxygenierung (!) - ein möglichst hoher FiO2 (1,0 = N2-frei !) notwendig, um ein
großes Konzentrationsgefälle (Diffusionsgradient) zur Abatmung von Inertgasen
(N2) zu erreichen (1. Ficksches Diffusionsgesetz)!
Bewusstlosigkeit bei apnoischem Streckentauchen s. S. 398.
1 414.2 · Notfälle in Gewässern
401
Tauchunfall !
Symptomatik
Anamnese: Tauchen; auch Druckabfall in Flugzeugkabine bei großer Höhe
Barotrauma (schon bei geringer Tauchtiefe möglich, > 3-5 m):
• Tauchgang mit Gerät (unterschiedliche Dauer)
• Nasennebenhöhlenschmerz, evtl. Nasenbluten
• Ohrschmerzen, Gehörverlust, Ohrensausen (Tinnitus)
• Atemnot, atemabhängige Schmerzen
• kolikartige Bauchschmerzen, Völlegefühl
• Pneumothorax, Spannungspneumothorax (ein- oder beidseitig)
• verschiedene Emphyseme (Haut, Mediastinum)
• Luftembolie (v. a. ZNS mit Apoplexsymptomatik)
Caisson-Krankheit (erst bei größerer Tauchtiefe möglich, > 20 - 30 m):
• Tauchgang (längere Tauchzeiten oder Wiederholungsgänge)
• Knochen-, Muskel- und Gelenkschmerzen („Bends“)
• neurologische Ausfälle: Lähmungen und Gefühlsstörungen, evtl. spinaler
Schock, Inkontinenz, Krämpfe, positive Pyramidenbahnzeichen
• Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinsstörungen
• Euphorie oder andere psychische Störungen
• Herz-Kreislauf- und Atembeschwerden
• Hautjucken („Taucherflöhe“) und Hautknistern
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen, Flachlagerung
• bei Verdacht auf Caisson-Krankheit in jedem Fall Gabe von 100 % O2 !
• Zügigen Transport mit NA-Begleitung anstreben, um den Patienten bei
Caisson-Krankheit frühzeitig einer Überdruckbehandlung mit kontrollierter
Dekompression in einer Druckkammer zuzuführen (Verzeichnis der Kliniken
mit Druckkammern liegt der RLS vor. Beachte: Nicht alle Druckkammern
haben Beatmungsmöglichkeit !). Ggf. (z. B. längerer Transport) den Einsatz
einer mobilen Druckkammer erwägen; Anforderung über Feuerwehr / DLRG.
• Untersuchung (auch an Ertrinken denken!), Standardtherapie
• Ggf. Entlastung eines Spannungspneumothorax
• Medikamente:
• Analgetika, z. B. Morphin (5 - 10 mg i.v.)
• ggf. Benzodiazepine, z. B. Diazepam (5 - 10 mg i.v.)
• ggf. Flüssigkeitsersatz mit VEL (Hypovolämie durch „Taucherdiurese“;
weiteres Ziel: vermehrte Gaslösung bei Caissonkrankheit)
Praxistipps
• Bei Hubschraubertransport sollte mit der niedrigstmöglichen sicherheitstech-
nisch vertretbaren Flughöhe geflogen werden.
• Möglichst Sicherstellung des Tauchgerätes zur Atemgasuntersuchung; Aufbe-
wahrung des Tauchcomputers.
Sonstige Notfälle 402 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Stromunfall
Pathomechanismen / Symptome: Elektrischer Strom, der den menschlichen Kör-
per durchfließt (der Mensch ist ein Leiter), ruft folgende Schäden hervor:
1. Er stört die körpereigenen Stromflüsse in Nerven und Muskeln
(elektrophysiologische Wirkung):
• Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern (Haupttodesursache bei
Wechselstrom), auch primäre Asystolie (Hochspannungs-Gleichstrom).
• Verkrampfung der Atemmuskulatur mit Atemstörungen u. Atemstillstand.
• Bewusstseinsstörungen bei Stromfluss durch das Gehirn.
• Wenn Strom den menschlichen Körper durchfließt, wird ein Kribbeln
(Nervenreiz) verspürt.
• Erregung der Muskulatur mit Luxationen, Muskeleinrissen u. Frakturen.
Typisch: Krampfartiges Festhalten der Stromquelle.
2. Die stromflussbedingte Wärmewirkung (elektrothermische Wirkung)
verursacht Gewebeschäden (z. B. in Muskeln, Gehirn). Dabei Bildung von
toxischen Eiweißzerfallprodukten ➯ Nierenschädigung, Vergiftungserschei-
nungen. Starke Ströme verursachen, vor allem an den Ein- und Austritts-
stellen, durch Hitzebildung Verbrennungen der Haut (Strommarken):
Grau-weiße bis verkohlte unregelmäßige Einsenkungen in die Haut mit
wallartigem Rand.
3. Elektrochemische Wirkung: Elektrolyte leiten den elektrischen Strom unter
chemischer Reaktion (Elektrolyse); es tritt eine Zersetzung von Körper-
substanz ein, vor allem von Blutbestandteilen (Vergiftungssymptomatik).
4. Ggf. kann durch die photoelektrische Wirkung (Lichtbogen, Blitz, Funken)
eine Netzhautschädigung im Auge eintreten.
Die Gefährdung eines Menschen durch Stromeinwirkung ist abhängig von:
• Stromstärke (abhängig von Spannung und Widerstand).
• Einwirkdauer (Kontaktzeit).
• Stromweg durch den Körper (Ein- und Austrittsstellen; Hand-Hand ist
gefährlicher als Hand-Fuß oder Fuß-Fuß).
• Stromform (Gleich- oder Wechselstrom); bei Wechselstrom von der
Frequenz (hochfrequente Ströme nehmen ihren Weg eher über die
Körperoberfläche).
• Elektrischer Widerstand (beim Menschen schwankt dieser erheblich durch
Körpergröße, Ein- und Austrittsstelle des Stromes, Haut-, Luft- und
Erdfeuchtigkeit, Kontaktdruck und Berührungsfläche - zwischen 500 und
5000 Ohm.) Bei geringem Widerstand können schon kleine Spannungen
(z. B. Autobatterie; 12 V) gefährlich werden.
14.3 · Stromunfall 1 44 0 3
Stromunfall !
Symptomatik
• Unfallmechanismus; weitere Symptome s. vorhergehende S.
• Hinweise auf Stromunfall: nicht isolierte Leiter (z. B. Stromkabel,
auseinandergebautes und angeschlossenes Elektrogerät, Ober- und
Überlandleitungen, Trafohaus, nicht geerdetes Elektrogerät).
• Charakteristische Strommarken (Verbrennungen, Verkohlungen).
• bei Blitzschlag: Zerfetzung und Verbrennung von Kleidern, Schmelzen von
Metallteilen (z. B. Knöpfe), farnkrautartig verzweigte Blitzfiguren auf der Haut,
Verbrennungen 1. - 4. Grades, z. T. schwere Frakturen und Luxationen, u.U.
Lähmung der Atemmuskulatur mit Atemstillstand und sekundärem HKS
Notfalltherapie
• Stromquelle abschalten bzw. abschalten lassen. Bei Niederspannung: ggf.
Rettung; Eigenschutz nicht vernachlässigen! Bei Hochspannung: Rettung
nur durch Feuerwehr oder anderes VDE-Fachpersonal (mindestens 5 m
Abstand halten!) - Sicherheitshinweise s. S. 12
• Basischeck, Basismaßnahmen, ggf. Reanimation (s. Kap. 5), EKG-Monitoring
• Untersuchung (vollständige Inspektion), Standardtherapie,
• Behandlung von Herzrhythmusstörungen, Verbrennungen usw.
• Medikamente: • Analgetika, z. B. Morphin (5 - 10 mg i.v.)
• ggf. Benzodiazepine, z. B. Diazepam (5 - 10 mg i.v.)
Praxistipps
• Zum Verhalten bei Stromunfällen und auf Bahnstrecken s. S. 9 ff.
• Auch bei primär überlebtem Stromunfall zunächst Klinikeinweisung an
streben; in Klinik Tetanusschutz und Risikostratifizierung: Stationäre
Überwachung - wegen potenziell eingetretener Schäden und deren Auswir-
kungen (z.B. Elektrolytveränderungen) - ist Pflicht bei:
- pathologischem 12-Kanal-EKG
- pathologischen Blutwerten (z.B. Blutbild, Elektrolyte, Herzenzyme)
- Unfall mit einer Spannung größer als 500 V
- Risikofaktoren: (Stromfluss Hand-zu-Hand oder über nasse Haut; tetanische Kontrak-
tionen, Verbrennungen, jegliche Bewusstseinsstörungen oder neurologische Auf-
fälligkeiten (Amnesie, Seh-/Hörstörungen, Schwindel, vegetative Symptome, Paresen/
Parästhesien), Gefäßverschlüsse/Thrombosen, kardiale Warnsymptome (Thorax-
schmerz, Palpitationen, Dyspnoe), schwere (kardiopulmonale Grunderkrankungen)
Sonst ambulante Behandlung möglich (Alles-oder-Nichts-Gesetz; keine nach-
träglichen Pathologien „aus dem Nichts“ zu erwarten).
• Stromstärken über 30-50 mA sind lebensgefährlich! Zum Vergleich:
Defibrillation 20 - 40 A (allerdings kurze Einwirkzeit).
• Niederspannung (< 1000 V): Vor allem Störungen der Elektrophysiologie
(Herz !). I. d. R. nur direktes Berühren stromführender Leiter gefährlich.
• Hochspannung (> 1000 V): Vor allem Verletzungen durch elektrothermische
Wirkung (Verbrennung) und Muskellähmung (bis zu 30 min, dadurch Atem-
stillstand). Der Strom kann auch nicht leitende Strecken überbrücken!
Sonstige Notfälle 404 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Wasser-Elektrolyt-Haushalt
Der menschliche Körper besteht zu 50 % (Frauen) bis 60 % (Männer) aus Was-
ser. Verteilung: Gefäßsystem (Intravasalraum – IVR – Blutplasma; 10 %),
Zwischenzell-raum (Interstitium – IS; 30 %), Zellen (Intrazellularräume – IZR;
60 %). IS und IVR werden als Extrazellularraum (EZR) bezeichnet.
Dehydratation
(Wassermenge verringert, Flüssigkeitsverlust; Exsikkose, Schock)
• Isoton (Elektrolytverlust = Wasserverlust; Verlust isotoner Körperflüssigkeiten;
osmotischer Druck normal): Ursachen: Erbrechen, Durchfall, forcierte Diurese,
Blutverlust, Verbrennung, ungenügende Flüssigkeits- und Elektrolytaufnahme,
Nebenniereninsuffizienz usw.
• Hypoton (Elektrolytverlust > Wasserverlust: Dehydratation im EZR bei Ödem-
bildung im IZR; osmotischer Druck erniedrigt): Ursachen: wie bei isotoner De-
hydratation, jedoch meist im Zustand der Kompensation oder bei Infusionen,
die viel „freies“ Wasser enthalten (z. B. Glucose 5 %).
• Hyperton (Wasserdefizit: IZR und EZR betroffen; osmotischer Druck erhöht):
Ursachen: mangelhafte Wasserzufuhr (Verdursten), Wasserverluste durch
Schwitzen, Erbrechen, Durchfall, Hyperglykämie (diabetisches Koma) und Dia-
betes insipidus, Salzwasserertrinken.
Bei allen Dehydratationen ist das Infundieren von Vollelektrolytlösung
und ggf. Volumenersatz die Therapie der Wahl. Ausgleich der Elektrolyt-
verhältnisse in der Klinik.
Hyperhydratation
(„Überwässerung“, zu große Flüssigkeitsaufnahme)
• Isoton (isotone Flüssigkeitszunahme im EZR; osmotischer Druck normal):
Ursachen: Herzinsuf.zienz, nephrotisches Syndrom, dekompensierte Leber-
zirrhose, Infusion großer Mengen isotoner Lösungen, Niereninsuffizienz,
Hyperaldosteronismus.
• Hypoton (Wasserzufuhr > Elektrolytzufuhr; Verdünnung; EZR und IZR be-
troffen; osmotischer Druck erniedrigt): Ursachen: Süßwasserertrinken,
Trinken von destilliertem Wasser („Wasserintoxikation“; Hämolyse!),
intensive Magenspülung.
• Hyperton (Elektrolytzufuhr > Wasserzufuhr: Hyperhydratation im EZR bei
Dehydratation im IZR; osmotischer Druck steigt). Ursachen: Salzwasserer-
trinken, Conn-Syndrom (= primärer Hyperaldosteronismus), Infusion
hypertoner Lösungen.
Die Notfalltherapie bei Hyperhydratation besteht in der Regel in der Gabe
von Diuretika (Furosemid). Ansonsten: kausale Therapie.
Bei hypotonen Hydratationsstörungen liegt die Gefahr im Hirnödem. Bei
hypertonen Hydratationsstörungen kommt es zu einem Flüssigkeitsentzug
aus den Gehirnzellen: geistige Verwirrtheit und neurologische Ausfälle.
14.4 · Störungen der Homöostase 405 14
Säure-Basen-Haushalt
Säuren
Stoffe, die Protonen (= H+ = Wasserstoff-Ionen) abgeben können (Protonen-
Donatoren). Eine saure Lösung heißt auch azidotisch.
Basen (Laugen)
Stoffe, die Protonen aufnehmen können (Protonen-Akzeptoren).
Eine basische Lösung heißt auch alkalisch.
pH-Wert
Kenngröße, die aussagt, ob eine Lösung sauer (pH < 7), neutral (pH = 7) oder
basisch (pH > 7) ist. Bei einem Blut-pH-Wert über 7,45 spricht man von einer
Alkalose, unter 7,35 von einer Azidose.
Um Verschiebungen von pH-Werten in Körperflüssigkeiten zu vermeiden, be-
sitzt der Körper Puffersysteme (z. B. Kohlendioxid-Hydrogencarbonat-Puffer,
Hämog-lobin-Puffer, Eiweiß-Puffer im Plasma, Phosphat-Puffer intrazellulär
und bei der Harnpufferung). Diese haben die Aufgabe, überschüssige H+-Ionen
zu binden bzw. bei zu geringer H+-Ionen-Konzentration solche freizusetzen.
Eine Pufferlösung enthält eine schwache Säure und ihre konjugierte Base.
Kann der erhöhte bzw. verminderte Anfall von Säuren oder Basen nicht durch
die oben genannten Regulationsmechanismen ausgeglichen (kompensiert)
werden, entsteht eine Azidose bzw. eine Alkalose.
Respiratorische Ursachen (= atmungsbedingt)
a) Azidose: erhöhte Kohlendioxidkonzentration im Blut durch Atem
insuffizienz mit alveolärer Hypoventilation
b) Alkalose: verminderte Kohlendioxidkonzentration im Blut durch verstärkte
Abatmung (Hyperventilation; vgl. S. 208 f.)
Metabolische Ursachen (stoffwechselbedingt)
a) Azidose:
•„Additionsazidose“ – Keto-/Laktat-Azidose: Minderversorgung des Gewe-
bes mit Sauerstoff, z. B. durch Schock oder Herzkreislauf-Stillstand; ver-
mehrte Bildung von Kohlendioxid und Säuren, z. B. beim diabetischen
Koma oder bei längerem Hungern (Umstellung des Stoffwechsels)
• „Retentionsazidose“ – Niereninsuffizienz/ -versagen
• „Subtraktionsazidose“ – enteraler/renaler HCO3--Verlust: Durchfall, Gallen-
und Bauchspeicheldrüsenfisteln; Hyperkaliämie; Vergiftungen.
b) Alkalose:
Magensaftverlust (Erbrechen); Mineralkortikoid-Exzess; Hyperaldo-
steronismus; Vergiftungen oder iatrogen, z. B. Diuretika-Therapie (Hypokaliä-
mie) oder Überdosierung von Natriumhydrogencarbonat, Laktat und Zitrat.
Sonstige Notfälle 406 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Hormonhaushalt und Stoffwechsel I
Metabolisches Koma - Definition: Bewusstseinsgestörter bis komatöser Zu-
stand eines Patienten, der aus einer Stoffwechsel-Entgleisung oder endokri-
nen Erkrankung resultiert.
Allgemeinsymptomatik
• Anamnese! (Keine akuten äußeren Einflüsse auf den Patienten erkennbar.)
• Bewusstseinsstörungen (bis Koma), Krämpfe, Unruhe, Übelkeit, Erbrechen.
Notfalltherapie
Symptomatisch - Die im folgenden genannten Ursachen endokrin-metaboli
scher Komata werden i. d. R. außerhalb der Klinik nicht spezifisch behan-
delt. Ausnahmen:Hypoglykämie (Glukose), Morbus Addison (Kortikoide).
• Entgleisung bei Diabetes mellitus (Hyper- / Hypoglykämie) s. S. 192 ff.
• Hyperthyreose / Thyreotoxischer Krise s. S. 408.
• Hypothyreose - Myxödem-Koma
Unzureichende Versorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen
(Hypothyreose), z. B. bei Entzündung der Schilddrüse (Thyreoditis), Iodmangel,
Schilddrüsenoperation, Radioiodtherapie oder Altershypothyreose. Die
krisenhafte Entwicklung einer Schilddrüsenunterfunktion wird durch zurück-
liegende chirurgische Eingriffe, Infektionen, Stress, Verletzungen oder starke
Unterkühlung ausgelöst; schwere Verlaufsform: Myxödem-Koma. Hohe
Letalität. Symptomatik: Stoffwechselverlangsamung (Hypothermie,
Bradykardie, Ateminsuffizienz, Reflexverlangsamungen), Blässe, Hypo-
glykämie, Ödeme (Myxödem: teigige Ödeme; typische Dellen bei Druck fehlen).
• Nebennierenrindeninsuffizienz (Morbus Addison) - Addison-Krise
Produktion von NNR-Hormonen vermindert (Mineralo- und Glukokortikoide).
Ursachen: Autoimmunreaktion, Entzündung, NNR-Infarkt (bei Schock oder
Meningokokkensepsis), Tumore, Hypophysenvorderlappeninsuffizienz, plötzli-
cher Abbruch einer Glucocorticoidtherapie. Addison-Krise: akut aufgetretene
NNR-Insuffizienz, durch Streßfaktoren (OP, Trauma usw.) ausgelöst.
Symptomatik: Schock (hypotone Dehydratation, Exsikkose), Hypotonie, Muskel-
schwäche, Hyperpigmentierung (Bräunung nicht sonnenbeschienener Körper-
teile), Hypoglykämie, Pseudoperitonitis, verschiedene Magen-Darm-Störungen
(Durchfall, Erbrechen). Therapie: Schockbehandlung (Volumenersatz), spezifi-
sche Therapie (Glukokortikoidsubstitution und Elektrolytkorrektur) in der Kli-
nik. Hinweis: Patienten mit bekannter NNR-Insuffizienz ➯ Kortikoid-Ausweis,
Notportion Kortison.
14.4 · Störungen der Homöostase 407 14
Hormonhaushalt und Stoffwechsel II
• Erkrankungen der Leber - Hepatisches Koma Lebererkrankungen
(Hepatopathien) können zur Folge haben:
1. Lebensbedrohliches akutes Leberversagen (Leberzerfallkoma) mit aku
ter Zerstörung des Lebergewebes bzw. dessen Funktion. Ursachen: akute
Virushepatitis, Vergiftungen (z. B. Knollenblätterpilz oder Paracetamol),
akute Alkoholhepatitis, Arzneimittelschäden.
2. Chronisches Leberversagen (Leberausfallskoma) mit Umbau des
Lebergewebes (z. B. Zirrhose) und Funktionsausfall; akute Verschlechte-
rung einer bestehenden Leberschädigung, meist Leberzirrhose.
Symptomatik: neurologische Ausfälle, Psychosyndrom, Flapping Tremor
(Fingerzittern), evtl. Gelbsucht (Ikterus), Bauchwasseransammlung
(Aszites), spezifischer Mundgeruch (Foetor hepaticus; riecht nach frischer
Leber o. Lehmerde), evtl. psychische Veränderungen (chron. Hepatopathie).
• Niereninsuffizienz - Urämisches Koma
Dekompensierte, chronische Niereninsuffizienz oder akute Niereninsuffizienz:
➯ Ansammlung von Stoffwechselendprodukten im Blut (Urämie = „Harn im
Blut“) ➯ Schädigung des Gehirns (es kommt analog dem hepatischen Koma
zu einer Enzephalopathie). Mögliche Gründe für ein akutes Nierenversagen:
- Prärenal: Hypovolämie, Schock, Verbrennung, Hämolyse, Gifteinwirkung.
- Renal: Nierenarterienstenose, entzündliche Nierenerkrankungen, EPH-
Gestose, Glomerulonephritis.
- Postrenal: Abflußstörungen, z. B. durch Nierensteine, Tumore,
Hämatome.
- Chronische Niereninsuffizienz: verschiedene Nierenerkrankungen.
Symptomatik: Teilnahmslosigkeit (Apathie), Übelkeit, Erbrechen, evtl. Kussmaul-
Atmung, evtl. spezifischer Mundgeruch (Foetor uraemicus; riecht nach Urin).
Beachte: Hyperkaliämie möglich (Gefahr: Kammerflimmern)!
• Akuter Hypoparathyreoidismus
Tetanische Krise (vgl. auch Hyperventilationssyndrom) durch echten
Kalziummangel bei Unterfunktion der Nebenschilddrüse
(Hypoparathyreodismus) Ursachen: Schilddrüsen-OP, Metastasen, Entzündun-
gen usw. Symptome: tetanischer Anfall (Muskelverkrampfungen,
Karpfenmund und Pfötchenstellung), Krampfanfälle, Psychosyndrom.
• Kritischer Diabetes insipidus
Massive hypotone Urinausscheidung durch Mangel an bzw. Resistenz gegen
das Antidiuretische Hormon, das die Harnproduktion drosselt. Ursachen:
Infektionen, Tumore, Trauma, Operation des ZNS, Nierenerkrankungen.
Symptome (typische Trias): Harnausscheidung ≠ (Polyurie), massiver Durst
(Polydipsie), fehlende Harnkonzentrationsfähigkeit (Asthenurie).
Sonstige Notfälle 408 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
! Thyreotoxische Krise
Definition
Akute, lebensbedrohliche Reaktion bei Überfunktion der Schilddrüse
(Hyperthyreose) infolge Adenom, Tumor, Morbus Basedow oder Schild-
drüsenhormontherapie.
Symptomatik
• Bewusstseinsstörungen bis Koma
• Unruhe, delirante Zustände, Angst
• hochgradige Tachykardie
• Schweißausbrüche, Exsikkose
• Muskelschwäche, evtl. Krampfanfälle
• feuchtwarme Extremitäten, hohes Fieber (> 40 °C)
• evtl. Hyperthyreose bekannt: Augensymptome (z. B. Glanzauge,
Exophtalmus), Kropf (Struma), warme Umgebung wird stark als unangenehm
empfunden (Wärmeintoleranz), Gewichtsabnahme trotz Heißhunger
(erhöhter Grundumsatz), Ruhetachykardie, Hypertonie, psychomotorische
Unruhe, Durchfall.
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen (Kühlung bei Fieber: warme Kleidung
ausziehen; frische, kühle Luft (Fenster öffnen); evtl. kalte Wadenwickel)
• Untersuchung, Standardtherapie
• ggf. Volumentherapie (Vollelektrolytlösung)
• Medikamente:
• ggf. -Rezeptorenblocker; z. B. Esmolol (initialer Bolus von 0,5 mg / kg KG i.v.)
• ggf. Benzodiazepine, z. B. Diazepam (5 - 10 mg i.v.)
Achtung
Auf jeden Fall Klinikeinweisung; Intensivbehandlung ist Pflicht. Akute Lebens-
gefahr! Insbesondere bei zurückliegendem Kontakt mit iodhaltigen Präparaten
treten thyreotoxische Krisen mit hoher Letalität auf (Latenzzeit: Wochen bis
Monate). Vorsicht bei Katecholamingabe!
14.5 · Akute Höhenkrankheit 409 14
Akute Höhenkrankheit !
Definition
Hypoxiebedingtes Syndrom, welches durch niedrige Gaspartialdrücke (insbe-
sondere Sauerstoff) der Einatemluft ausgelöst wird, die nicht mehr durch die
Sauerstofftransportkapazität des Blutes ausgeglichen werden können. Ursachen:
• Bergwanderung / Bergsteigen in große Höhe bei nicht höhenangepaßten
und / oder herzkreislaufkranken Personen; auch bei schnellem Aufstieg in
Höhen über 2000 m mit Bergbahnen.
• Druckabfall in Flugzeugkabinen in großer Höhe, wenn die für diesen Not-
fall vorgesehenen Sauerstoffmasken nicht eingesetzt werden.
Symptomatik
• Anamnese; Atemnot, Tachypnoe, Abfall der Sauerstoffsättigung
• Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Unruhe, Bewußtseinsstörungen
• Blässe oder Zyanose, feuchte und kühle Haut
• Schock, evtl. initial Hypertonus
• Tachyarrhythmie (durch Blutdruckabfall und Hypoxie), Herzklopfen
• erhöhter Vagotonus: Bradykardie, Hypotonie, evtl. Kollaps
• Willensschwäche, Schlafbedürfnis, Apathie / Euphorie („Höhenrausch“)
• HAPE (High Altitude Pulmonary Edema):
Husten, Lungenödem, im Extremfall schaumiger und blutiger Auswurf
• HACE (High Altitude Cerebral Edema): Hirnödem möglich
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen (Sauerstoffgabe!)
• ggf. Transport in geringere Höhenlage
• Untersuchung, Standardtherapie
• symptomatische Therapie (Lungenödem, Hirnödem, Dehydratation)
• Medikamente:
• ggf. Benzodiazepine, z. B. Diazepam (5 - 10 mg i.v.)
• ggf. Analgetika, z. B. Morphin (2 - 5 mg i.v.)
Sonstige Notfälle 410 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Urologische Notfälle I
• Peinlichkeit für den Patienten bedenken! Auf Takt und Distanz achten.
• Bereits bei Verdacht den Patienten immer rasch (insbesondere bei Verdacht
auf Hodentorsion) einer urologischen Behandlung zuführen. In vielen Fällen
verhütet nur die frühzeitige urologische Therapie Komplikationen und
bleibende Schäden (z.B. Zeugungsunfähigkeit).
• Ess-, Trink-, Rauchverbot (➯ Operation)!
• Ggf. Schmerzbekämpfung, z.B. mit einem Opiat wie Piritramid.
• Harnleiterkolik
Kolikartige Schmerzen bei Harnaufstau infolge Verlegung des Harnleiter-
lumens. Ursache: Harnleiterstein. Symptomatik: Kolikartige Schmerzen im
Rücken- / Flankenbereich, Ausstrahlung in die Leistenregion bis zum Skrotum /
zu den Labien möglich, Nierenlagerklopfschmerz, ggf. Zeichen des Akuten
Abdomens. Therapie: Basismaßnahmen, Standardtherapie, Analgetikum (z. B.
Metamizol i.v.), Spasmolytikum (z.B. N-Butylscopolaminiumbromid i.v.),
Einweisung in eine urologische Fachabteilung. Hinweis: Bei Vorliegen der
Symptomatik eines Akuten Abdomens mit der differenzialdiagnost. Erwägung
„Harnleiterkolik“ steht die allgemeinchirurg. Abklärung vorerst im Vordergrund.
• Akuter Harnverhalt
Unvermögen, die gefüllte Harnblase zu entleeren. Ursachen: Prostata-
hyperplasie, Tumor, Trauma, Operation u.a.m. Komplikationen: Harnstau,
Nierenversagen. Symptomatik: Harndrang bei Unfähigkeit zum Wasserlassen, in
den Genitalbereich ausstrahlende Schmerzen, evtl. Abwehrspannung, prallgefüllte
Harnblase tastbar. (Beim Tasten schmerzhaft ! Vorsicht: behutsam vorgehen.)
Therapie: Blasenkatheter, urologische Abklärung der Ursache.
• Priapismus
Akute, schmerzhafte Dauererrektion des Penis ohne sexuelle Erregung.
Ursachen: idiopathisch, Veränderung der Blutzusammensetzung, ver-
schiedene Medikamente, Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) u.a.m.
Komplikationen: Impotenz, Schwellkörperfibrose, Gangrän. Therapie: Akut:
Analgesie, Sedierung, Blutverdünnung, Kühlen der Leisten. - Fachbehandlung
(Urologie): intrakavernöse Injektion von α-Sympathomimetika, OP (Punktion).
• Paraphimose (Spanischer Kragen)
Vorhautenge mit Abschnürung des Penis hinter der Eichelwulst. Ursache:
zurückgestreifte, enger Vorhaut bei Erektion/nach Blasenkatheteranlage nicht
reponiert. Symptomatik: Schmerz. Die Glans liegt frei, ist geschwollen und blau-
rot verfärbt. Ödem. Oft im Rahmen sexueller Handlungen (Selbstbefriedigung,
Beischlaf usw.); oft junge Patienten, äußerst befangen / hinausgezögerter Arzt-
besuch. Komplikationen: Entzündung, Nekrosen und Gangrän. Therapie:
Manuelle Reposition der Vorhaut (Kompression der Eichel - Auspressen über 5
min u. - Vorhaut zurückstreifen). Bei Misslingen der Reposition sofort, bei Gelin-
gen später (zur Prophylaxe) Zirkumzision.
14.6 · Urologische Notfälle 1 44 1 1
Urologische Notfälle II
• Akutes Skrotum
Symptomkomplex, dem verschiedene Erkrankungen im männlichen Genital-
bereich zu Grundeliegen können, die schneller Diagnostik und ggf.
sofortiger Therapie bedürfen: Rasch zunehmende, in Unterbauch und Leiste
ausstrahlende, dumpfe, z.T. starke Schmerzen, Druckschmerzhaftigkeit, Rötung
der Skrotalhaut, einseitige Schwellung (Seitendifferenz) des Hodensackes, evtl.
Übelkeit und Erbrechen sowie Kollapsneigung. Mögliche Erkrankungen:
1. Hodentorsion (häufigste Ursache für das Akute Skrotum im Kindesalter):
Verdrehung von Hoden und Funiculus spermaticus. ➯ I.d.R. zunächst
venöser, später arterieller Blutfluss unterbrochen (hämorrhagische
Infarzierung). Tritt meist bei Jugendlichen auf (12-20 Jahre), aber auch schon
Säuglinge sowie Ältere betroffen. Diagnose: Akutes Skrotum, evtl. Prehn-
Zeichen negativ: Schmerzverstärkung beim Anheben des Hodens (nicht
zuverlässig). Anamnese: plötzlich, sowohl bei Bewegung als auch während
der Nachtruhe, ohne direktes Trauma. Gefahr: Akuter Verschluß der Arteria
spermatica ➯ Hypoperfusion des Hodengewebes ➯ Absterben der Keimzel-
len nach 2-6 h. Unbedingt sofort urolog. Behandlung (Voranmeldung; i.d.R.
OP)! Akutmaßnahme: Da die Drehrichtung des Hodens nach medial weist, ist
der Versuch einer Detorquierung nach lateral durch den Versierten gerecht-
fertigt - Analgesie! Fachärztliches Eingreifen nicht verzögern!
2. Hodenentzündung (Orchitis, Didymitis):
Entzündung eines oder beider Hoden. Ursachen: Übergreifen einer
Allgemeininfektion (häufig: Mumps), isolierte Virusinfektion der Hoden,
Übergreifen einer Nebenhodenentzündung, Trauma. Diagnose: Hodenhoch-
lagerung ➯ Schmerzen vermindert. Therapie: Linderung der Beschwerden
durch Kühlung und Hodenhochlagerung mit Hodenbänkchen / Verband
(Druckentlastung durch Verminderung
des arteriellen Zuflusses und Ver-
besserung des venösen und lymphati-
schen Abflusses, Schmerzlinderung):
s. Abb. rechts. Ggf. Antibiotika (Klinik).
Eine sichere Abgrenzung zur Hodentorsion ist im RD nicht möglich.
3. Akute Nebenhodenentzündung (Epididymitis):
(Bakterielle) Entzündung eines oder beider Nebenhoden. Häufigste
Ursache für das Akute Skrotum im Erwachsenenalter. Ursachen: Verän-
derungen der Harnröhre (z.B. Klappen, Stenosen), Dauerkatheter, Prostata-
erkrankungen, seltener Fortleitung einer Infektion über Blutweg oder Lymph-
bahn. Neben den Symptomen des Akuten Skrotums tritt Fieber auf. Die
Abgrenzung zur Hodentorsion ist oft schwierig. Evtl. Prehn-Zeichen positiv:
Hodenhochlagerung ➯ Schmerzen vermindert (nicht zuverlässig).
Therapie: Hodenhochlagerung, Kühlung, Antibiotika (Klinik).
4. Weitere Diagnosen: Hydatidentorsion, inkarzerierte Hernie, Tumor, Trauma.
Sonstige Notfälle 412 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Augennotfälle
1. Traumatische Augennotfälle
Bei Traumata der Augen können Hornhautschädigungen, Einblutungen in die vor-
dere Augenkammer und / oder den Glaskörper, Netzhautriss, Linsenverlagerung
und Iriseinriss auftreten. Gefahren: Infektionen, Kataraktentwicklung (Linsen-
trübung, Grauer Star), Netzhautablösung (Ablatio retinae), Sekundärglaukom (Er-
höhung des Augendruckes) ➯ Gefahr der Erblindung.
Beispiele für Traumata:
• Spitzes Trauma: Perforation von Hornhaut bzw. Augapfel, oft als klaffende
Wunde erkennbar; kleine Perforationen sind nur schwer zu sehen;
Unfallmechanismus beachten! Z. B. Arbeiten mit Hammer und Meißel
➯ plötzlicher Schmerz im Auge (durch Späne / Splitter).
• Stumpfes Trauma: Prellung, Blow-out-Fraktur (= Orbitabodenfraktur; häufig
durch Bälle, z. B. Squashball).
• Windschutzscheibenmechanismus bei Pkw-Unfall: Beim Aufprall des
Kopfes gegen die Scheibe liegt die Bruchkante genau auf Augenniveau
➯ schwerste beidseitige Schnittverletzungen auf Augenhöhe, häufig mit
Verlust der Sehkraft.
• Verbrennung / Verätzung: Schädigung der Hornhaut, Bindehaut und der
Lider durch Einwirkung von Hitze oder ätzenden Substanzen.
Schweregradeinteilung siehe Notfallseite (Augenlider werden wie Haut
eingeteilt). Das Schicksal des Auges bei Verätzungen hängt wesentlich vom
frühzeitigen und ausgiebigen Spülen des Auges ab!!
• Verblitzung: Kleine punktförmige Hornhautschädigungen durch Einwirkung
von UV-Strahlung (Schweißen; Höhensonne; Gletschersonne). Lidkrampf
und zunehmende Schmerzen entwickeln sich meist nach Stunden.
Sogenannte „Schneeblindheit“.
2. Nicht-traumatische Augennotfälle
• Glaukom (= Grüner Star = erhöhter Augendruck unterschiedlicher Genese):
1. Offenwinkelglaukom (keine subjektiven Symptome bis zum Eintritt erster
Spätfolgen wie Gesichtsfeldeinengung und Verlust der Sehkraft - kein
Glaukomanfall.)
2. Winkelblockglaukom - Engwinkelglaukom (enger Kammerwinkel; akute
Verlegung des Kammerwinkels mit Abflussblockierung des Kammerwassers
führt zum akuten Glaukomanfall; begünstigt durch Mydriasis.)
3. Sekundäre Glaukome (z. B. durch Kortison, Verletzungen usw. - kein
Glaukomanfall)
Im RD ist nur das Winkelblockglaukom akut behandlungsbedürftig.
14.7 · Notfälle der Sinnesorgane 413 14
Augennotfälle !
Symptomatik
• Trauma: Unfallmechanismus, evtl. sichtbare Fremdkörper o. Verletzungen
(z. B. Verziehungen der Pupille / Iris), Fehlstellung des Auges, Schmerzen,
Fremdkörpergefühl, Lidkrampf, evtl. Rötung, Schwellung, Hämatom,
Tränenfluß, Blutung, Sehstörungen.
• Verätzung / Verbrennung: Rötung u. Ödem der Bindehaut (I°); Blässe der
Bindehaut / evtl. weiße Hornhaut (II°); gekochtes Fischauge (III°)
• Glaukomanfall: heftigste dumpfe Schmerzen, Ausstrahlung in den
gesamten Kopf oder Bauch, Verwechslung mit Akutem Abdomen möglich,
Übelkeit, harter Augapfel (zum Vergleich nicht betroffenes oder eigenes Auge
tasten - Patienten nach unten schauen lassen und durch das geschlossene
Oberlid tasten), oft bekannte Anamnese, evtl. Abnahme der Sehkraft
• Verblitzung s. S. vorhergehende S.; DD Verlust der Sehkraft s. S. 116
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen, ggf. lockerer Verband (beide Augen)
• Psychische Betreuung! (Verlust der Sehkraft = psychische Belastung!)
• Augenklinik anfahren (auch bei Lidbeteiligung, da immer die Möglichkeit
der Schädigung der Tränenwege besteht)!
• bei Verätzung / Verbrennung:
1. ggf. vorsichtiges Entfernen locker sitzender, ätzender Partikel mit
Wattestäbchen (z. B. bei Kalkverätzung)
2. ausgiebiges Augenspülen (Aufhalten des Auges, dabei Kopf zur Seite
des verletzten Auges drehen und das gesunde Auge schützen; von innen
(Nase) nach außen (Augenwinkel) spülen; den Patienten auffordern, das
Auge in alle Richtungen zu bewegen. Spüllösungen: Wasser, NaCl
0,9 %, Isogutt Pufferlösung (nicht bei Erdalkalien !)) - s. a. S. 470
• Untersuchung, Standardtherapie, ggf. auch Spülen unter Ektropionieren!
• Medikamente:
- Analgetika, z. B. Ketamin (0,25 - 0,5 mg / kg KG i.v.); bei Glaukom ggf.
alternativ ein Opiat wie Piritramid (0,1 - 0,2 mg / kg KG i.v.)
- zur Augenspülung bei Verätzung: ggf. Lokalanästhetika (spezielle Augen-
tropfen; z. B. Oxybuprocain: s. S. 472!
- bei Glaukomanfall:
- Carboanhydrasehemer, z. B. Acetazolamid (500 mg langsam i.v.)
- wenn vorhanden: Pilocarpin-Augentropfen 0,5 - 1 % (alle 10 min 1 Trop-
fen, bis keine Pupillenverengung mehr nachweisbar ist).
Opiat mit Pupillen-verengendem Effekt als Analgetikum, z. B. Piritramid (s.o.)
(nicht Pethidin!)
Sonstige Notfälle 414 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
! Ohrennotfälle
Das Ohr kann durch innere wie äußere Einflüsse empfindlich geschädigt werden
bzw. erkranken. Symptome, die üblicherweise auf eine Ursache in den Gehöror-
ganen schließen lassen, können auch durch Erkrankungen umliegender Organ-
systeme (Gehirn, Augen, Zähne, Mandeln usw.) bedingt sein. Differentialdiagno-
se Schwindel s. S. 116.
Spezielle wichtige Krankheits- und Verletzungsbilder
• Ménière-Krankheit: Erkrankung des Innenohres mit Ansammlung von
Flüssigkeit im Labyrinth (Gleichgewichtsorgan). Meist ist nur ein Ohr
betroffen. Symptomatik: Plötzliche Schwindelanfälle, die den Patienten zu
Boden werfen können, Übelkeit, Erbrechen, ruckartige Augenbewegungen,
Hörverlust, Ohrensausen (Tinnitus), Druckgefühl im betroffenen Ohr. Die
Anfälle dauern eine Minute bis zu mehreren Stunden u. treten unterschiedlich
häufig auf. Hörverlust und Ohrensausen können zwischen den Anfällen
andauern.
• Fremdkörper im Ohr: Meist im Rahmen spielerischer Manipulationen bei
Kindern. Symptomatik: Ohrenschmerz, Blutung oder Ausfluss aus dem Ohr,
evtl. Übelkeit oder Erbrechen, Angst. Unfallmechanismus!
• Hörsturz: Akuter Verlust der Schallempfindung (Hörkraft) aufgrund von
Durchblutungsstörungen des Innenohres. Symptomatik: plötzlicher
Hörverlust (oft morgens nach dem Aufwachen); Ohrensausen; Völlegefühl;
evtl. (Dreh-) Schwindel; Gefühl von „Watte im Ohr“, Angst.
Notfalltherapie
• Basischeck, Basismaßnahmen, ggf. lockerer steriler Ohrverband
• Untersuchung, Standardtherapie
• Medikamente:
• ggf. Analgetika, z. B. ein Opiat wie Piritramid (0,1 - 0,2 mg / kg KG i.v.)
Bei Ménière-Anfall:
• Antiemetika, z. B. Triflupromazin (5 - 10 mg i.v.)
• ggf. Benzodiazepine, z. B. Diazepam (5 - 10 mg i.v.)
14.8 · Akutfälle im Notarztdienst 415 14
Akutfälle im Notarztdienst I
Entscheidungshilfen für Klinikeinweisung und
Initialtherapie durch den Notarzt
Akutfälle (früher: Notfallsituationen; kein Notfall – keine Vitalbedrohung)
gehören zwar nicht zum gewollten Einsatzziel des Notarztes, sind aber regelmäßiger
Bestandteil des notärztlichen Einsatzspektrums. Die Gründe liegen in der manchmal
schwierigen Abgrenzung zwischen Notfall und Notsituation (aus Sicht von Anrufern/
Leitstellendisponenten), mancherorts einer Versorgungslücke der hausärztlicher Ver-
sorgung (bzw. ärztl. Bereitschaftsdienst) oder der missbräuchlichen Zweckentfrem-
dung des Notarztes. Die folgende Liste soll entsprechende Krankheitsbilder mit Handluns-
optionen des Notarztes aufzeigen. Sie ist nicht vollständig, sondern gibt eine Auswahl
(nach Erfahrungen aus der Praxis) wieder. Sollte sich eine Klinik-Einweisung empfehlen,
so ist das Rettungsmittel nach Patientenzustand auszuwählen (nicht zwingend NAW).
Akutfälle Symptome/DD Was tun?
Bauch- - Diagnostik s. S. 102 - Therapie ursachen-
schmerzen
- DD s. S. 290 ff. abhängig (DD bedenken)
- Dysmenorrhö s. S. 420 - ggf. KH-Einweiung
- Schmerztherapie s.S. 294
Erbrechen - DD s. S. 112 - Antiemetika
- Frauen: - Weitere Therapie
DD Myokardinfarkt! ursachenabhängig
- Ggf. an Facharzt oder
Klinik weiterleiten
Erysipel - flammende Rötung - Antibiose (s. S. 421 f.)
- Schwellung - Antiseptische Behand-
- LK-Schwellung
- Krankheitsgefühl lung der Eintrittspforte
- Fieber/Schüttelfrost - Ruhigstellen/Hochlagern
- Evtl. Lymphangitis - Bettruhe
- ggf. Klinik-Einweisung
(abhängig vom Zustand)
Gichtanfall s. S. 420
Harnverhalt s. S. 410 - ggf. Katheterisieren (s. S. 61)
- Zuweisung an Urologen
- sonst Klinikeinweisung
Lumbago s. S. 264
Migräneattacke - s. S. 420 - DD Apoplex/SAB/Meningitis!
- DD s. S. 111 - Anamnese!
- Diagnostik s. S. 99 - Schmerztherapie (s.S. 420)
- ggf. KH-Einweisung
Fortsetzung auf der nächsten Seite
416 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Akutfälle im Notarztdienst II
Akutfälle Symptome Was tun?
Meningitis - Nackensteifigkeit - Bei V.a. Meningokokken
- Fieber (Pneumokokken/Hämo-
- Bewusstseinsstörung philus influenzae) Notfall-
- evtl. Petechien Antibiose! (s. S. 236, 421 f.)
- DD Apoplex/SAB! - KH-Einweiung mit Vor-
anmeldung!
Otitis media - starke Ohrschmerzen - abschwellende Nasentropfen
- Hörminderung - keine Ohrentropfen/Watte
- Ohrgeräusch - Schmerztherapie (z.B.
- Druck im Ohr
- Fieber Paracetamol)
- Facharztüberweisung
- evtl. schon vorab
Antibiose (s. S. 421 f.)
Phlegmone - Rötung/Schwellung - Ruhigstellen/Hochlagern
- Lymphangitis - Antibiose (s. S. 421 f.)
- Facharztüberweisung
(„Blutvergiftung“)
- Lymphadenitis (Chirurg)
- KH-Einweisung bei reduziertem
Allgemeinzustand sowie
Krankheitsgefühl bei
Hand- o. Gesichtsphlegmone
Sonstige Notfälle Pneumonie - Diagnostik s. S. 100 - Antibiose (wenn ambulant zu
- typ. Rasselgeräusche therapieren; S. 421f.), Kontrolle!
- Fieber, Tachykardie - ggf. Blut-/Sputumkultur
- evtl. Dyspnoe - KH-Einweisung auf jedenFall bei
- evtl. Exsikkose
• schlechtem Allgemeinzustand
• Risikopatient (Herz-Kreislauf,
Asthma bronchiale, COPD, etc.)
• Rezidivpneumonie
• Immundefizienz (z.B. AIDS)
• keine Entfieberung trotz
korrekter Antibiose > 3 d
Tonsillitis - Rötung/Schwellung - Antibiose (s. S. 421 f.)
(Tonsillarabszess) der Tonsillen; - Facharztüberweisung
- Schluckbeschwerden - Ggf. KH-Einweisung (HNO)
14.8 · Akutfälle im Notarztdienst 417 14
Akute Schmerzsyndrome I
Schmerzdurchbrüche bei Tumorpatienten rufen nachts und wochenends auch
den Notarzt oder ärztlichen Bereitschaftsdienst auf den Plan. Die folgenden Fra-
gen, Tips und Regeln sollen bei der Therapie helfen. Sie sind mit Einschränkungen
auch für sonstige chronische Schmerzpatienten gültig.
Wichtige Fragen:
Wo? Woher?
Bekannter Schmerz bei Krebs- oder chron.Leiden?
Neu aufgetretenes Symptom (Ursachenabklärung! Ggf. Klinik-
Einweisung, z.B. Leibschmerzen durch Ileus bei Morphintherapie)
Schmerzcharakter?
Knochen-, Muskelschmerz (z.B. stechend, bohrend, dumpf, ziehend)
Viszeralschmerz (z.B. dumpf, tiefliegend, krampfartig)
Neuropathischer Schmerz (brennend, reißend, evtl. anfallsartig)
Schmerzstärke?
(Skala von 0=kein Schmerz bis 10=unvorstellbare Schmerzen)
WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie
Stufe 1: Nicht-Opiat (z.B. Paracetamol, Diclofenac, Metamizol, ASS)
± Adjuvans (s.u.)
Stufe 2: Nicht-Opiat + Opiat für leichte bis moderate Schmerzen
(z.B. Tramadol, Codein, Tilidin) ± Adjuvans
Stufe 3: Nicht-Opiat + Opiat für moderate bis starke Schmerzen
(z.B. Morphin, Fentanyl) ± Adjuvans
Nicht-Opiate (Beispiele, z.T. Medikamentensteckbrief vorhanden, s. S. 455)
Muskel- u. Knochenschmerz: Diclofenac, Paracetamol, evtl. ASS,
ersatzweise Metamizol
Viszeralschmerz: Metamizol, ersatzweise Paracetamol
Neuropathische Schmerzen: Antidepressiva / Antikonvulsiva
Dosierung: ASS, Metamizol, Paracetamol: 1000 mg alle 4-6 h
Diclofenac: 2 mg/kgKG/24 h, verteilt auf Einzeldosen alle 8-12 h
Opiate
Opiate eignen sich gut bei Muskel-, Knochen u. viszeralen Schmerzen. Sie sind
auch teilweise gut geeignet bei neuropath. Schmerzen. Geeignete Wirkstoffe s.o.
Adjuvanzien
1. Schmerz(erleben) wird negativ beeinflusst durch Angst (z.B. vor Schmerz!),
Depression, Übelkeit, Husten, Atemnot usw. Daher haben Koanalgetika
einen festen Platz in der Tumor- und Langzeitschmerztherapie (z.B.
Neuroleptika, Antidepressiva, Antiemetika, Antikonvulsiva, Kortikoide)
2. Prophylaktika gegen Analgetikanebenwirkungen u -komplikationen, z.B.
Laxantien (Vermeidung von Obstipation bis Ileus bei Opiatgabe - Cave:
u.a. Hypokaliämie mit verstärkter Obstipation; z.B. Laktulose, Bisacodyl,
Movicol®, wenn mgl. förderliche Ernährung), H -Blocker / Misoprostol
2
(Vermeidung NSAID-induzierter Gastropathie mit Ulzeration)
Sonstige Notfälle 418 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Akute Schmerzsyndrome II
Basisdosierung: tägliche, regelmäßige Applikation (z.B. Opiatretardpräparate und
Nicht-Opiate nach festem Schmerzplan, Fentanylpflaster). Bei der Basisdosierung
immer die Einnahmeintervalle an der Wirkdauer orientieren, um Schmerz-
durchbrüche durch dosierungsbedingte Opiatpausen zu vermeiden!
Keine „Variation nach Bedarf“.
Zwischendosierung: Bedarfsmedikation für Schmerzspitzen, Schmerzdurch-
bruch; nur Präparate mit raschem WE! (z.B. Morphin-Tropfen, Fentanyl-Lutsch-
tablette). Ggf. Injektion durch geeignetes Personal. Zwischendosierung sollte in
der Regel ca. 1/6 der Tagesbasisdosis betragen. Zwischendosierung bis zu 3 x
täglich möglich (in Ausnahmefällen bis zu 5-6 x täglich).
Bei regelmäßigem Bedarf der Zwischendosierung Anpassung der Basisdosierung:
Neuer Tagesbasisbedarf
= alter Tagesbasisbedarf + applizierte Zwischendosierungen (des Tages)
Achtung: patenterale Dosis (s.c., i.v., transcutan-Pflaster) NICHT äquivalent zu
enteraler Dosis (oral, rektal): Parenterale Dosis = 1/3 enterale Dosis
Bsp.: 10 mg Morphin i.v.= 30 mg Morpin oral
Suffiziente Opiattherapie = immer Basis- und verfügbare Zwischendosierung.
Optimierung durch Kombination mit geeignetem Nicht-Opiat u. Adjuvanzien.
Bei Wechsel von Morphin auf Dipidolor errechnete Äquivalenzdosis zuerst
nochmal halbieren (50%) und nur schrittweise später auf 100% steigern.
Bei Schmerzdurchbruch mit stärksten Schmerzen, die sich nicht mit der
Zwischendosis beherrschen lassen: Opiat i.v. titrieren bis Analgesie, aber keine
Sedierung oder Atemdepression (solange Schmerzen vorhanden: keine klinisch
relevante Atemdepression; „Schmerzen antagonisieren die Atemdepression“). In
diesem Fall für adäquate Überwachung sorgen u. Neuberechnung des Basisbedarfs.
Achtung: Partielle Opiatantagonisten (z.B. Pentazocin, Buprenorphin) zur
Kombination mit anderen Opiaten nicht sinnvoll (Wirkungsaufhebung; Cave:
Buprenorphin-Schmerzpflaster!). Problematisch ist bei Antagonisten auch der
„Ceiling-Effekt“(keine zusätzl. analget. Wirkung trotz Dosissteigerung).
Präparate (Beispiele)
Langsamer Wirkungseintritt (z.B. Retardpräparate): MST, MST contin.long,
Morphingranulate, Buprnorphin, DHC ret., Tramaldol ret., Fentanylpflaster s.u.
Rascher Wirkungseintritt: Morphin (Tropfen, Zäpfchen, Tabletten, i.v., s.c.),
Tramadol (Tropfen, Zäpfchen, Tabletten, i.v., s.c.), Fentanyl (Lutschtablette)
Fentanylpflaster (transdermale Resorption)
· Nicht zur Akutherapie geeignet!! WE: 4-12 h, WM >24 h. Nach Pflaster
entfernung noch 24 h Wirkungsüberhang! Cave: Therapieumstellung!
· Neues Pflaster immer auf neue Stelle kleben, um gleichmäßige Resorption
zu gewährleisten. Wechsel (spätestens) alle drei Tage.
· Zwischendosierung mit Morphin ansetzen (Äquivalenzdosen beachten)
Äquivalenzdosen s.n.S.!
14.8 · Akutfälle im Notarztdienst 419 14
Akute Schmerzsyndrome III
Äquivalenzdosen (in mg):
Morphin oral 30 60 120
Morphin s.c./i.v. 10 20 40
Piritramid i.v. 15 30 60
Fentanyl i.v. 0,3 0,6 1,2
Die Tagesdosis eines 25mg/h-Fentanylpflasters entspricht 0,6 mg Fentanyl i.v.,
die des 50mg/h-Fentanylpflasters 1,2 mg i.v. usw.
Spezielle akute Schmerzereignisse
Akute Zahnschmerzen
Ursachen:
· Karies, Zahnbehandlungen (z. B. Kronen- oder Brückenpräparation,
Wurzelkanalbehandlung, Operationen, Zahnextraktion)
· Dentitio difficilis (erschwerter Zahndurchbruch)
· Alveolitis, akute Pulpitis, akute apikale Parodontitis
· andere Zahn-/Mund-/Kiefer-Notfälle und -Erkrankungen (s. a. Kapitel 9)
· fortgeleitete / projizierte Schmerzen (z.B. Gesichtsnerven, Knochenschmerz)
Maßnahmen/Schmerztherapie:
· Überweisung an Zahnarzt; überbrückend z.B.:
· 200 mg Ibuprofen (Aktren) p.o.
· 500 mg Paracetamol p.o. oder 1000 mg Paracetamol (Suppositorium) rektal
Dosierung für Kinder: s. S. 543
· bei starken (traumatol.) Schmerzen ggf. ein Opiat wie Piritramid (s.S. 547)
Cave: Insbes. Abzesse (wie auch o.g. Notfälle) als Schmerzursache müssen wegen
dringlichen Therapiebedarfs von weniger eiligen Indikationen abgegrenzt werden.
Ursachen: Ein Abszess hat in 90 % der Fälle odontogene (von Zähnen ausgehen-
de) Ursachen wie apikale Parodontitiden, Infektionen nach Zahnentfernung, eine
Dentitio difficilis, marginale Parodontitiden, infizierte Wurzelreste oder infizierte
Zysten, in 10% nicht-odontogene Ursachen wie eine Lymphadenitis (v. a.
Lymphknotenabszess), Bruchspaltinfektionen bei Kieferfrakturen, Wundinfek-
tionen nach Verletzungen, Tumorinfektionen, Fremdkörperinfektionen, Infektio-
nen nach Injektionen (Spritzenabszess) oder entzündliche Haut- und Schleimhaut-
erkrankungen (z. B. Furunkel, Herpes labialis, Zoster, Aphten).
Abszesse äußern sich meist durch einen pulssynchroner Klopfschmerz, ggf.
Lockerung und Klopfempfindlichkeit verursachender Zähne (bei odontogenem
Abszess), evtl. Rötung, Schwellung, Gefühl der Zahnelongation und Kieferklemme
(aufgrund Mitbeteiligung der Kaumuskulatur). Alveolarfortsatznahe Abszesse (v.
a. submuköser Abszess) können ambulant in Lokalanästhesie behandelt werden.
Bei Schluck-, Sprech-, Atemstörungen, reduziertem Allgemeinzustand,
erhöhter Temperatur, Tachykardie und / oder regionärer Lymphadenitis
besteht wegen V.a. Logenabszess oder Sepsis die dringende Indikation zur
stationären Behandlung in einer mund-kiefer-gesichtschirurgischen
Fachabteilung.
Sonstige Notfälle 420 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Akute Schmerzsyndrome IV
Akute Dysmenorrhö (schmerzhafte Regelblutung)
Kardinalsymptome: intensive krampfartige Schmerzen kurz vor und während der Menstrua-
tion; evtl. Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Kollapsneigung. (Differentialdiagnostisch
aber immer an akutes Abdomen und Frühschwangerschaft(-skomplikationen) denken!)
Maßnahmen/Schmerztherapie:
· periphere Analgetika p.o., z.B. Ibuprofen (Aktren®) 200-400 mg p.o.)
· evtl. Spamolytika, z.B. Butylscopolamin (Buscopan® 20mg i.v.; p.o. unwirksam!)
Cave: Zur Abklärung organischer Ursachen (z.B. Endometriose, Myome, Zervixstenose)
und ggf. Therapieoptimierung baldige Vorstellung in gynäkologischer Praxis empfehlen!
Akuter Gichtanfall
Kardinalsymptome: Monarthritis zu 80% Großzehengrundgelenk (Podagra) mit klassischen
Entzündungszeichen. Mäßiges Fieber. Anamnese (Gicht evtl. bekannt).
Maßnahmen/Schmerztherapie:
· Kühle, feuchte (Alkohol-) Umschläge; Ruhigstellung; viel trinken!
· Indometacin (z.B. Amuno®, Indo-Phlogont®), initial 100 mg; dann 50 mg alle
6 h max. 200 mg/d (Kontraindikation: Gastroduodenale Läsionen)
· evtl. Glukokortikoide, z.B. Prednison (initial 60-80 mg p.o.)
· bei schwerem Anfall zusätzlich Colchicin (z.B. Colchicum-Dispert®), 1mg alle
2 h p.o., max. 8 mg/d; Dosisreduktion über 3 d
(Cave: letale Dosis für Erw.: 20 mg!, Kontraindikation: Niereninsuffizienz)
Cave: Patienten zur Nachkontrolle (Nierenwerte) und Differentialdiagnostik innerhalb von
24 - 48 h und zur konsequenten Dauertherapie unter Anleitung des Hausarztes mahnen.
Akute Migräneattacke
Kardinalsymptome: Kopfschmerz, pulsierend, 30% einseitig, Übelkeit, Erbrechen, Licht-
scheu, Geräuschempfindlichkeit. Evtl. Aura, vegetat. Dysregulation u. neurolog. Symptome
(z.B. Skotome, Schwindel, Sensibilitätsstörungen).
Maßnahmen/Schmerztherapie:
· Reizabschirmung (abgedunkelter, geräuscharmer Raum)
· Antiemetika, z.B. Domperidon (Motilium® 10-20 mg p.o.) oder Metoclopramid
(Paspertin® 10-20 mg p.o. oder i.v. - s. S. 524)
· Periphere Analgetika, z.B. Acetylsalicylsäure 1000 mg p.o. / i.v. oder Ibuprofen
400-800 mg p.o. oder Metamizol 20-40 Tropfen (entspr. 0,5-1 g) p.o.
· Bei schweren oder therapieresistentem Anfall zusätzlich Secalealkaloide
(frühzeitige Gabe zu Beginn wichtig; oft Erbrechen; Dauerkopfschmerz bei
häufiger Anwendung; wg. schlechter Resorption p.o. nicht sinnvoll), z.B. Ergo-
tamin [Celetil® 2 mg rektal] o. Dihydroergotamin [Dihydergot® 1-2 mg s.c.]
oder Triptane (5-HT1B/1D-Agonisten; keine Kombination mit Secalealkaloiden;
vorteilhaft bei Erbrechen; schneller WE; unbed. Kontraind. beachten (bedrohl.
NW durch Vasokonstriktion, z.B. kardiale Ischämie); wegen kurzer WD ggf. Wdh.
bei Rückkehr der Beschwerden), z.B. Sumatriptan [Imigran® 25-100 mg p.o. /
6 mg s.c. (Fertigspr.) / 25 mg rektal], Naratriptan [Naramig® 2,5 mg p.o.],
Zolmitriptan [AscoTop® 2,5 mg p.o.], Rizatriptan [Maxalt® 10 mg p.o.].
Cave: Bei Hinweisen auf neurolog. Notfall (DD intrakranielle Blutung, Meningitis, Hirnödem,
Apoplex) o. andere bedrohliche Ursachen (z.B. Hypertonie - RR-Messung!) ggf. Notfalltherapie
und Klinikeinweisung. Immer neurolog. Diagnostik (s. S. 103) u. Basischeck (s. S. 24).
14.8 · Akutfälle im Notarztdienst 421 14
Notfallantibiose I
Bei infektiologischen Not- und Akutfällen können sich die Tätigkeitsbereiche von
ärztlichem Bereitschaftsdienst und Notarztdienst überschneiden. Daher im
folgenden einige Hinweise zum Einsatz von Antibiotika außerhalb der Klinik:
Allgemeine Regeln für den Antibiotikaeinsatz (nach Daschner)
- ein Antibiotikum ist kein Antipyretikum
- vor Antibiotikatherapie: Versuch einer Erregerisolierung (z.B. Abstrich)
- bei unklarem Fieber: immer Blutkultur
- möglichst Antiseptika statt Lokalantibiotika
- vorher Allergie erfragen (Penicillin: Allergien um 5%, Anaphylaxien < 0,1%)
- Wechselwirkungen und Kontraindikationen beachten
- wirksame Betalaktamantibiotika sind anderen Antibiotika vorzuziehen
Ursachen für erfolglose Antibiotikatherapie über mehrere Tage
- falscher Wirkstoff (Resistenz? – Beachte: Empfindlichkeit im Antibiogramm
muß nicht Wirksamkeit in vivo bedeuten!)
- Wirkstoff erreicht den Infektionsort nicht (Abszess? Osteomyelitis?
Endokarditis? Diffusionsbarriere? Inaktivierung?)
- nicht vermuteter Erreger (Viren? Pilze? Superinfektion? Erregerwechsel?)
- fehlende Compliance (häufig!)
- Immunschwäche (Kortikoidtherapie? AIDS? Zytostatikatherapie?
Diabetes? Maligne Erkrankung?): bakterizide Antibiotika einsetzen!
- andere Fieberursachen (Drug-Fever?)
- Streuquelle (Venenkatheter? Blasenkatheter? Fremdkörper?)
Gefahren und Komplikationen der Antibiotikatherapie
- Resistenzentwicklung (Selektion)
- Überempfindlichkeitsreaktion, Allergie, Anaphylaxie
- Schädigung der normalen Bakterienflora
- Antibiotika-assoziierte Enterokolitis (Verdrängung der normalen Darmflora
und Überwucherung mit fakultativ-pathogenen Keimen. Lebensbedrohlich
im Falle der Selektion von Clostridium difficile als pseudomembranöse
Enterokolitis; bes. nach Therapie mit Ampicillin, Clindamycin und Cephalo-
sporinen. Therapie bei Verdacht: auslösendes Antibiotikum absetzen,
Vancomycin oder Metronidazol p.o., Wasser- und Elektrolytsubstitution)
- Jarisch-Herxheimer-Reaktion (schwere Allgemeinreaktion unter Antibiose
durch Freisetzung von Endotoxinen abgetöteter Erreger; Therapie:
Bettruhe, Antipyretikum, kein Therapieabbruch!)
- Antabus-Syndrom: Alkoholintoleranz (z.B. Cephalosporine, Metronidazol).
Antbiotika-Vorhaltung
Meist kann das erforderliche Antibiotikum jederzeit rezeptiert und rechtzeitig
über Notdienstapotheken beschafft werden. Zur ungezielten Notfalltherapie
bestimmter lebensbedrohlicher Infektionen (s.n.S.) empfielt sich die Vor-
haltung eines intravenös anwendbaren Breitspektrumcephalosporins (3.
Generation), z.B. Cefotaxim (z.B. Claforan®) oder Ceftriaxon (Rocephin®). Zur
Schließung von Wirkungslücken (Pseudomonas, Enterokokken, Anaerobier)
empfiehlt sich ggf. eine Kombination, z.B. mit einem Aminoglykosid.
Sonstige Notfälle 422 Kapitel 14 · Sonstige Notfälle
Notfallantibiose II
Antibiotika-Auswahl zur ambulanten Verordnung (p.o.)
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit; Kontraindikationen berücksichtigen!
Prinzipiell: Bei nächster Gelegenheit Therapiekontrolle durch Hausarzt!
Streptokokkeninfektionen, z.B. Angina, Hauteiterungen (bei Erysipel ggf. i.v.!):
Penicillin V (z.B. Isocillin®) 3 x 1,0-1,5 Mio. I.E. - bei Penicillin-Allergie: Makrolid (s.u.)
„supradiaphragmale“ Infektionen (leicht bis mittelschwer):
z.B. HNO (Tonsillitis, Sinusitis, Otitis media), Atemwegsinfekte (Cave: akute Bronchitis
meist viral!), ambulant erworbene Pneumonie (nur unter Heimbedingungen)
Oralcephalosporin (2. Generation) [z.B. Loracarbef (Lorafem® 2 x 200(-400) mg) oder
Cefuroxim (Elobact® 2 x 125-500 mg)] oder säurefestes Makrolid [v.a. bei Kindern, z.B.
Clarithromycin (Klacid® 2 x 250-500 mg) oder Roxithromycin (Rulid® 2 x 150 mg oder
1 x 300 mg); Standardmakrolid Erythromycin: säurelabil, kürzere HWZ, variable nah-
rungsabh. Resorption] o. Augmentan® (Amoxicillin u. Clavulansäure; 3 x 625-1250 mg)
„subdiaphragmale“ Infektionen (leicht bis mittelschwer):
Co-Trimoxazol, z.B. Bactrim® (2 x 2 Tabletten zu 160mg TMP/800mg SMZ),
v.a. bei Zystitis, Harnwegsinfekt (Urinkontrolle nach 3d!)
Gyrasehemmer, z.B. Ciprofloxacin (Ciprobay® 2 x 250-750 mg) oder Ofloxacin (Tarivid®
2 x 100-200 mg), v.a. bei „enterogener“ Infektion, Nierenbeckenentzündung,
gastrointestinale Infektion mit schwerer Diarrhö (Cave: Exsikkose, ggf. Klinikeinweisung)
Metronidazol (z.B. Clont® 2-3 x 400 mg), v.a. bei Vaginitis (DD Candida albicans) und
Anaerobierinfektion, Enterokolitis (vgl. vorhergehende S.)
leichte Genitalinfekte (nicht Zystitis! - s.o.):
Tetrazyklin [z.B. Doxycyclin (Vibramycin® 2 x 100 mg)] - Mittel der Wahl bei Rickettsien,
Chlamydien und Mykoplasmen; wegen Gefahr der Photodermatose auf Sonnenkarenz
hinweisen! Nicht bei V.a. Syphilis oder Gonorrhö!)
Infektiologische Problemfälle
Unmittelbar fachärztliche Abklärung und Therapiefestlegung bei:
Adnexitis, Borreliose (Erythema chronicum migrans), Cholangitis, Epididymitis,
Konjunktivitis, Mastitis, Mastoiditis, Otitis externa, Otitis media bei Säuglingen
und Kleinkindern. (Aufzählung nicht abschließend!)
Infektiologische Notfälle
In den folgenden Fällen ist die sofortige Klinikeinweisung indiziert!
Meningitis (Meningokokken, Pneumokokken, H. influenzae): Der Verdacht muss
bei unklarem Fieber mit Bewusstseinsstörungen u. ggf. Meningismus entste-
hen. Bei vitaler Indikation (Schockzeichen, Petechien, Dyspnoe) u. Transport-
zeit > 30 min: Ceftriaxon o. Cefotaxim (50 mg/kgKG über 10 min i.v.); in diesem
Fall kann auf vorherige Lumbalpunktion verzichtet werden; die wichtigsten
Meningitiserreger werden erfasst.
Epiglottitis (H. influenzae Typ B - impfbedingt heute selten): Leitsymptom:
inspirator. Stridor mit hohem Fieber bei Vorschulkindern (näheres s. S. 318 ff.).
Kein Abstrich! Wenn vorhanden: Antibiose wie bei Meningitis (s.o.)
V.a. Gasbrand, nekrotisierende Fasziitis (A-Streptokokken), Sepsis,
Organinfektion, Pneumonie, Osteomyelitis, Neugeboreneninfektionen (insbes.
Omphalitis); akute Monarthritis (nach Gelenkpunktion); Fieber unklarer Genese
über Wochen (DD Endokarditis), septische Temperaturen.
Kapitelübersicht 423 15
Psychiatrie / Psychologie
15.1 Psychiatrie .................................................................. 424
Psychiatrische Notfälle .................................... 424
Selbsttötung .................................................... 426
15.2 Psychologie [Singer / Bengel] .................................... 428
Stress ............................................................... 428
Stressprävention ............................................. 429
Psychische Erste Hilfe ..................................... 430
Professionelle Hilfe .......................................... 432
Einsatznachbetreuung .................................... 433
15.3 Verhalten bei SID [Helmerichs] .................................. 434
Psychiatrie/Psychologie 424 Kapitel 15 · Psychiatrie/Psychologie
Psychiatrische Notfälle
Der psychisch / psychiatrisch auffällige Patient:
„Normal“: Psychische Ausnahmesituation (situationsbedingt - z. B. Eltern,
deren Kind verunglückt ist)
„Krank“: Psychiatrische Notfallbilder (z. B. Selbsttötung)
Die Psychiatrie bietet ein weites Feld, im folgenden stellen wir lediglich eine Aus-
wahl für den Rettungsdienst relevanter Symptome dar:
Akute Angst
Akute Angstzustände können als Realangst (tatsächliche Bedrohung), aber auch
im Rahmen verschiedener psychischer / psychiatrischer Erkrankungen auftre-
ten. Typische körperliche Symptome (psychovegetative Angstkorrelate):
Blutdruckanstieg, Tachykardie, Schweißausbrüche, schnelle und tiefe Atmung,
Schwindel, Blässe (Gefäßreaktion), Mundtrockenheit, Muskelanspannung.
Akuter Erregungszustand
Ursachen: akute psych. Belastungssituationen, Psychosen, Manien u. v. a. m.
Symptomatik: Unruhe, psychomotorische Erregung. Antriebssteigerung, Aggres-
sivität, Euphorie, Panik, Verwirrtheit, Wut. Puls tachykard, evtl. arrhythmisch,
Blutdruckanstieg, Schwitzen.
Maßnahmen: Verständigung suchen vor sedierenden Maßnahmen.
Hinweise: Patienten fühlen sich subjektiv oft nicht krank ➯ Uneinsichtigkeit. Trotz
schwierigem Umgang geduldig bleiben ! Gefahr gewalttätiger Handlungen gegen
sich (Suizid) oder gegen die Umwelt; ggf. Polizei einschalten (vgl. S. 92 ff.).
Verwirrtheit
Bewusstseinsstörung, die sich als eine Kombination von Denkstörung,
Erinnerungsverfälschung und Desorientiertheit (zeitlich, örtlich, situativ und /
oder zur Person) beschreiben läßt und z. B. im Rahmen organischer Psychosen
(durch körperliche Erkrankungen bedingt) auftritt, z. B. Alzheimer-Erkrankung.
Delir
Zustand im Rahmen von Alkoholismus und Drogenentzug, sowie bei akuten or-
ganischen Psychosen. Symptomatik: Bewusstseins- und Orientierungsstörungen,
(optische) Halluzinationen, vegetative Störungen (Schwitzen, Tachykardie, Hy-
pertonie), Zittern, motorische Unruhe.
Stupor
Der Patient lässt weder seelische noch körperliche Aktivität erkennen - bei meist
klarem Bewusstsein.
15.1 · Psychiatrie 1 54 2 5
Psychiatrische Notfälle !
• Generell Sicherung der Vitalfunktionen vor psychischer Hilfe!
• Zu Fremd- / Eigengefährdung und Zwangseinweisung s. S. 92 ff.
Notfalltherapie
• Basisscheck, Basismaßnahmen; Anwesenheit, Beruhigen, Zuspruch
• Zum psychischen Umgang mit Patienten s. S. 430 f.
• Bei Horrortrip (Drogenkonsum, vgl. Kapitel 12): ggf. Talk-down
• Ggf. Polizeinachforderung bei bestehender Fremd- oder Eigengefährdung!!
• Untersuchung, Standardtherapie
• Eigen- und Fremdgefährdung beachten! Ggf. stationäre Einweisung.
• Medikamente:
bei Erregungs- und Angstzuständen
- ggf. Diazepam (5 - 10 mg i.v.)
- ggf. Haloperidol (5 - 10 mg i.v.)
bei Entzugsdelir
- ggf. Clonidin (0,075 - 0,15 verdünnt über 10 min i.v.)
Praxistipps
• Ausschluss ursächlicher oder begleitender schwerwiegender körperlicher
Erkrankungen (z. B. Hypoglykämie) oder Vergiftungen!
• Den Patienten einer Fachbehandlung zuführen! (Besonders bei Eigen- oder
Fremdgefährdung, z. B. Suizidgefahr oder Realitätsverkennung.)
• Auch bei Notfallbildern, die keiner akuten medizin. Intervention im RD
bedürfen, aber aufgrund ihres Charakters zu einer Eigen- / Fremdgefährdung
führen können (z. B. Halluzinationen, Wahn), Einweisung und
Fachbehandlung veranlassen.
Psychiatrie/Psychologie 426 Kapitel 15 · Psychiatrie/Psychologie
! Selbsttötung I
Definition
Äußern, Androhen oder absichtliches Durchführen von Maßnahmen, die dazu
dienen sollen, die eigene Gesundheit zu schädigen, das eigene Leben zu verkür-
zen oder zu beenden (Suizid).
Symptomatik
• Evtl. bekannte Auslöser (z. B. Enttäuschung) / Abschiedsbrief.
• Aussprechen, Androhen oder Antäuschen von Suizidmaßnahmen.
• Durchführen von Suizidmaßnahmen.
• Psychische Verfassung (Kombinationen / Schwankungen möglich):
a) Depressive Verstimmung, Angst, Trauer, Wut.
b) Aktivität, Nervosität, Aggression.
c) Entspannung, abnorme Gelassenheit.
Notfalltherapie
• Basismaßnahmen; Versorgen von Verletzungen, Intoxikationen usw.
• Eigenschutz! Ggf. Polizei anfordern!
• Psychische Betreuung des Patienten s. S. 430 f.
• Immer Krankenhauseinweisung zur weiteren Abklärung anstreben.
• Allgemeine Regeln für den suizidalen Notfall:
1. Vorbehaltloses Akzeptieren und Ernstnehmen des Patienten. Zuhören.
2. Keine (fadenscheinigen) Ablenkungsmanöver versuchen.
3. Keine vorschnellen therapeutischen Ratschläge („Es ist alles ganz
einfach ...“). - Zuhören.
4. Die persönliche Notlage des Patienten weder verharmlosen noch
relativieren.
5. Ggf. Kontaktpersonen des Patienten einbinden.
6. Hilfsangebot (z. B. psychiatrische Einweisung) machen.
7. Den Patienten nicht belügen. Keine unhaltbaren Versprechen.
8. Heftige Affektäußerungen (Weinen, Aggression) sollten unerwidert
angenommen werden, auch wenn sie (scheinbar) gegen den Helfer
gerichtet sind.
9. Der Patient darf sich nicht bedroht oder peinlich beobachtet fühlen (von
Schaulustigen abschirmen).
10.Suizidale Patienten nicht alleine lassen !
• Sofern nötig und möglich: Betreuung der Angehörigen.
15.1 · Psychiatrie 1 54 2 7
Selbsttötung II !
Notfalltherapie (Fortsetzung)
• Untersuchung, Standardtherapie
• Gesprächsführung, psychische Betreuung
• Feststellen von Fremd- / Eigengefährdung
• Ggf. Zwangseinweisung veranlassen (Ordnungsbehörde, Polizei) - S. 92 ff.
• Medikamente:
ggf. Benzodiazepine, z. B. Diazepam (5 - 10 mg i.v.)
ggf. Neuroleptika, z. B. Haloperidol (5 - 10 mg i.v.)
Praxistipps
• Die Gesprächsführung mit akut suizidalen Patienten (z. B. Patient, der zu
springen droht) sollte von einem erfahrenen, geschulten Arzt oder Krisen-
manager übernommen werden. Ggf. Fachdienste (z. B. Polizeipsychologen)
nachfordern. In der Regel sind Kriseninterventionsteams nicht zuständig.
• Oft wird die Suizidabsicht vorher angekündigt !
• Menschen zeigen, je näher sie dem Suizid stehen, Gelassenheit und
Entspannung (die Entscheidung ist getroffen). Vorbestehende Depressionen
scheinen verschwunden. Über Suizidgedanken täuschen sie hinweg. Der
Entschluß, sich das Leben zu nehmen, erscheint ihnen wie eine Erlösung.
• Obwohl es im Rettungsdienst weder sinnvoll noch möglich ist, eine
Psychotherapie einzuleiten, hilft eine angemessene psychische Betreuung,
Unannehmlichkeiten für Rettungsdienstpersonal und Patienten zu vermeiden,
und erspart unter Umständen ein medikamentöses Eingreifen.
• Der Rechtssituation muss bei einem suizidalen Notfall große Aufmerksamkeit
geschenkt werden (Selbsttötung ist ein Unglücksfall im Sinne des
§ 323 c StGB, Dokumentation eingeschränkter Freiverantwortlichkeit /
Geschäftsfähigkeit, Nichtigkeit einer vormaligen Willenserklärung bei
Bewußtlosigkeit, Eigen- / Fremdgefährdung, Zwangseinweisung, Sedierung
bedarf ggf. der Einwilligung des Patienten).
• Kriterien zum Einschätzen der Suizidgefahr: akute Angst, Depression,
Schuldgefühle; Erleben von Aussichtslosigkeit, bittere Äußerungen über das
Leben; sozialer Rückzug, Einsamkeit; Verlusterlebnisse; ständige
Beschäftigung mit Todesgedanken; frühere Suizidversuche; frühere
Suizidhandlungen in der näheren Umgebung (Familie) des Patienten.
• Kinder sind - wenn auch selten - ab etwa dem sechsten Lebensjahr zu
gezielten Suizidhandlungen fähig.
Psychiatrie/Psychologie 428 Kapitel 15 · Psychiatrie/Psychologie
Stress
Aus dem speziellen Arbeitsauftrag und den damit verbundenen Arbeitsbedingun-
gen kommt es im Rettungsdienst immer wieder zu „Belastungssituationen“.
Belastungssituationen können Gedanken, Gefühle, Körperreaktionen sowie be-
stimmte Verhaltensweisen auslösen. Diese akuten physischen und psychischen
Reaktionen auf Belastungssituationen werden als „Stressreaktionen“ be-
zeichnet. Typische Stressreaktionen in und nach Einsätzen sind z. B.: Gefühle
wie Angst, Hilflosigkeit, Mitgefühl und Wut; Gedanken wie immer wiederkehrende
Erinnerungen, kreisende Gedanken und Bilder erlebter Einsätze; körperliche Re-
aktionen wie feuchte Hände, Zittern, Muskelanspannung oder Herzrasen;
Verhaltensweisen wie risikofreudiges Fahren, unkonzentriertes Arbeiten oder
Nervosität.
Welche Situationen als belastend erlebt werden und wie man darauf reagiert, ist
sehr individuell und von „vermittelnden Prozessen“ beeinflusst. Dabei spielt es
zum einen eine Rolle, ob man die Situation für sich selbst oder den betroffenen
Patienten als bedrohlich einschätzt. Die Einschätzung und Bewertung der Situa-
tion ist somit einer der vermittelnden Faktoren zwischen den an uns gestellten
Anforderungen und der Art und Weise, wie darauf reagiert wird. Zum anderen
spielt die Einschätzung und Bewertung der eigenen Reaktionsmöglichkeiten
in der Belastungssituation eine wichtige Rolle. Beide Arten der Bewertung wer-
den zusätzlich durch die persönlichen Voraussetzungen beeinflusst. Dazu zäh-
len z. B. körperliche Fitness, berufliche Erfahrung und Persönlichkeitseigenschaften.
Aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen wird jeder Mensch die belastende
Situation und seine Möglichkeiten, sie zu bewältigen, anders bewerten. Von Be-
deutung sind dabei unter anderem der gesundheitliche Zustand unseres Körpers
und das jeweilige Netz sozialer Beziehungen.
Stressbewältigung wird immer dann notwendig, wenn Reaktions- und
Regulationsmöglichkeiten einer Person in der Auseinandersetzung mit
Belastungssituationen und Konflikten beansprucht oder überfordert werden.
Stressbewältigung im besonderen zielt darauf ab, akute Stressreaktionen zu re-
gulieren, Probleme zu lösen und langfristig günstige Voraussetzungen im Um-
gang mit Belastungssituationen zu schaffen (Singer u. Bengel, 1997).
15.2 · Psychologie 1 54 2 9
Stressprävention
Der Erfolg der Stressbewältigung läßt sich an der Erhaltung des körperlichen
und seelischen Wohlbefindens bzw. der Gesundheit messen. Ein emotionales
Gleichgewicht, auch nach extremer Belastung, befähigt uns, dauerhafte und be-
friedigende Beziehungen zu anderen Menschen aufrecht zu halten. Die Fähig-
keit zur selbständigen Regulierung von Körperreaktionen und Gefühlen führt zu
einer Optimierung der Aufgabenbewältigung, selbst unter schwierigen Ein-
satzbedingungen (Ungerer 1990). Darüber hinaus ist die Fähigkeit, Anspannung
und Gefühle regulieren zu können, auch eine Voraussetzung zur adäquaten psy-
chologischen Erstversorgung von Patienten.
Ziel eines Stressbewältigungstrainings ist es, die alltägliche Arbeitsbelastung
der Mitarbeiter zu reduzieren, ihre persönliche Widerstandskraft aufzubauen und
sie somit auf außergewöhnliche Ereignisse vorzubereiten. Das Training teilt sich
auf in die Vermittlung psychologischer Grundkenntnisse sowie das Erlernen
und Üben alltagstauglicher Stressbewältigungstechniken (vgl. Brengelmann
1988; Mitchell u. Everly 1994; Ungerer 1990; Singer u. Bengel, 1997).
Als eine grundlegende Technik wird die Selbstbeobachtung eigener
Stressreaktionen (Gedanken, Gefühle, Körperreaktionen und Verhalten) in und
nach belastenden Einsätzen erlernt und geübt. Entspannungsverfahren, z. B.
Progressive Muskelentspannung, stellen eine weitere Grundlagentechnik dar. Den
Schwerpunkt bildet die Vermittlung von Möglichkeiten der Selbstregulation
in Belastungssituationen, z. B. der positiven Selbstinstruktion. Diese Techniken
befähigen die Mitarbeiter im rettungsdienstlichen Alltag, z. B. am Einsatzort, An-
spannung und Erregung zu reduzieren, dadurch handlungsfähig zu bleiben und
die fachlichen Aufgaben auch unter extremen Einsatzbedingungen bewältigen zu
können. Das Training schließt mit der Vermittlung von Informationen zu Mög-
lichkeiten der Verbesserung persönlicher Voraussetzungen im Umgang mit
Belastungssituationen ab. In diesem Teil des Trainings lernen die Teilnehmer,
durch systematisches Arbeiten an Problemen Belastungssituationen im Vorfeld
zu verändern, sowie in Gruppenarbeit praktische Möglichkeiten zu erarbeiten, die
eigene Widerstandskraft aufzubauen und zu erhalten. Alle Techniken eignen sich
ebenso für den Umgang mit beruflichen wie mit privaten Belastungen (vgl. Kaluza
1996; Wagner-Link 1995).
Psychiatrie/Psychologie 430 Kapitel 15 · Psychiatrie/Psychologie
Psychische Erste Hilfe I
Die Wiederherstellung bzw. Erhaltung der Vitalfunktionen hat in der akuten notfall-
medizinischen Versorgung Priorität. Allerdings wird die psychische Situation
von Unfallopfern und anderen Patienten in der Praxis oft zu wenig berücksich-
tigt. Besonders Patienten nach einem schweren Verkehrsunfall oder mit lebens-
bedrohlichen Erkrankungen entwickeln Gefühle der Angst und Hilflosigkeit. Die-
se Gefühle werden oft durch die Eindrücke der Situation und Schmerzen ver-
stärkt. Wechselbeziehungen zwischen Psyche und Körper können dann einer Sta-
bilisierung des Patientenzustandes entgegenwirken.
Durch einfache Maßnahmen der Psychischen Ersten Hilfe ist es möglich, Pati-
enten sowohl psychisch als auch medizinisch zu stabilisieren. Folgende Maßnah-
men sind dazu geeignet, den Bedürfnissen von Patienten gerecht zu werden:
1. Kontakt zum Patienten herstellen:
Stellen Sie möglichst schnell Blickkontakt zum Patienten her. Begeben Sie sich
zu ihm auf eine Höhe, knien Sie ggf. neben dem Patienten. Durch Begrüßung
und Vorstellung Ihres Namens und Ihrer Funktion demonstrieren Sie dem Pati-
enten, daß Sie für seine Beschwerden nun der richtige Ansprechpartner sind. Es
ist dabei zu empfehlen, den Namen des Patienten zu erfragen, um ihn ganz per-
sönlich ansprechen zu können. Dies fördert die Vertrauensbasis zwischen Arzt
und Patient. Verwenden Sie - wenn vom Patienten nicht ausdrücklich anders
gewünscht - ab dem 16. Lebensjahr die Anrede „Sie“. Es ist ferner wichtig, daß
der Patient bis zur Übergabe im Krankenhaus eine Kontaktperson hat und mög-
lichst nicht mehr alleine gelassen wird.
2. Vorsichtiger Körperkontakt:
Leichter Körperkontakt wird von Patienten als beruhigend erlebt. Dies kann
durch Handhalten (gleichzeitige Pulskontrolle möglich), Hand auf die Schulter
legen oder das Abwischen der Stirn von Schweiß und Blut erreicht werden. Be-
rührungen an Kopf und Rumpf werden in der Regel als unangenehm empfunden
und sollten vermieden werden. Behutsam einfühlendes Vorgehen ist ebenfalls
dann angezeigt, wenn die Situation oder eine Maßnahme beim Patienten Scham
auslösen könnte (z. B. Anlegen eines EKG).
15.2 · Psychologie 1 54 3 1
Psychische Erste Hilfe II
3. Kompetenz vermitteln:
Kompetentes Auftreten am Einsatzort hat einen beruhigenden Effekt auf Patien-
ten. Es zeichnet sich dadurch aus, daß dem Patienten eine differenzierte Beur-
teilung der Verletzung bzw. Erkrankung gegeben wird und er darüber aufgeklärt
wird, welche medizinischen Maßnahmen durchgeführt werden und welche Effek-
te dadurch zu erwarten sind. Zügiges, koordiniertes Arbeiten, klare Abspra-
chen zwischen den Einsatzkräften, ein korrektes Äußeres (Kleidung, Frisur), ein
sauberes Fahrzeug sowie ein umsichtiges, verantwortungsbewußtes Verhalten
im Straßenverkehr tragen ebenso zu einem vertrauenswürdigen und professio-
nellen Erscheinungsbild bei.
4. Dem Patienten zuhören und mit ihm sprechen:
Bemühen Sie sich, mit dem Patienten in einem ruhigen Tonfall ein Gespräch
aufrecht zu halten. Dies wird in der Regel vom Patienten als beruhigend und
entlastend empfunden; zusätzlich wird die „Ansprechbarkeit“ kontinuierlich über-
prüft. Dabei ist es auch wichtig, sich zu bemühen, dem Patienten aufmerksam
zuzuhören und ihn - z. B. mit Fragen wie „Woher kommen Sie?“ - zum Sprechen
anzuregen.
5. Abschirmen von Schaulustigen:
Gaffer und unbeteiligte Akteure am Einsatzort behindern die Hilfsaktionen
und verunsichern den Patienten. Weisen Sie Zuschauer und Neugierige freund-
lich und bestimmt zurück oder beschäftigen Sie diese mit Hilfsaufgaben, z. B.
dem Aufstellen von Warndreiecken.
6. Negative Verhaltensweisen:
Spekulative Aussagen, das Bagatellisieren von Verletzungen und Schmerzen,
Vorwürfe gegenüber Patienten und das Stellen furchterzeugender Diagnosen
sind im Umgang mit Patienten unter allen Umständen zu vermeiden!
In speziellen Trainings zur Psychischen Ersten Hilfe und zur Gesprächsführung
im Rettungsdienst ist es möglich, diese und weitere Verhaltensweisen im psy-
chologischen Umgang mit Patienten und deren Umfeld so einzuüben, dass sie
zum festen Bestandteil des routinemäßigen Verhaltens des Rettungsdienst-
personals werden (vgl. Lasogga u. Gasch, 1997; Strittmatter u. Groote, 1997).
Psychiatrie/Psychologie 432 Kapitel 15 · Psychiatrie/Psychologie
Professionelle Hilfe
In Situationen, in denen die Betreuung von Menschen notwendig ist, die im
Rahmen eines Notfallgeschehens akut psychisch traumatisiert, jedoch medi-
zinisch nicht behandlungspflichtig sind, ist es zur Unterstützung des
Rettungsdienstpersonals sinnvoll, Kriseninterventions- bzw. Notfallseelsorge-
teams zu alarmieren.
Eine akute psychische Traumatisierung kann durch ein belastenden Ereignis
entstehen, welches außerhalb der üblichen individuellen menschlichen Erfahrung
liegt, z. B.:
• Verlust eines Angehörigen (z. B. ein Kind durch SID)
• Suizid oder Suizidversuch eines Angehörigen
• Konfrontation mit traumatischen Eindrücken (z. B. Lokführer nach Unfall)
• Erleben eines gewalttätigen Angriffs (z. B. Vergewaltigung)
• Entgegennahme einer Todesnachricht
• Überforderung mit der Pflege eines sterbenden Menschen
Infolge solcher Situationen können die Selbsthilfekräfte der Betroffenen momen-
tan erschöpft oder überfordert sein. Dies äußert sich in intensiven Gefühlen, Kör-
perreaktionen und Verhaltensweisen, z. B. Hilflosigkeit, Verzweiflung, Zittern,
Weinen. Die vorübergehende Betreuung dieser akut psychisch trauma-tisierten
Personen fällt in den Aufgabenbereich von Kriseninterventionsteams. Ziel ist
es, den Betroffenen Beistand zu leisten und / oder ihnen geeignete Hilfsangebote
zu vermitteln (vgl. Müller-Cyran, 1997).
Zum Aufgabenbereich der Krisenintervention gehört nicht die Versorgung von
Patienten mit psychiatrischen Krankheitsbildern, bei denen eine Suchtproblematik
im Vordergrund steht oder die akut suizidgefährdet sind (s. S. 426 f.). Ebenso
sind Kriseninterventionsteams nicht für die Betreuung von Einsatzkräften zu-
ständig.
Für den Fall, daß kein Kriseninterventionsteam verfügbar ist, sollte das Rettungs-
dienstpersonal selbst versuchen, Hilfsangebote zu vermitteln, z. B. Beratungs-
stellen, Frauenhaus, Seelsorger. Dazu sollte in jedem Rettungsmittel eine Liste
mit entsprechenden Anlaufstellen der Umgebung mitgeführt werden.
15.2 · Psychologie 1 54 3 3
Einsatznachbetreuung
Durch außergewöhnlich extreme Einsatzereignisse besteht für Einsatzkräfte die
Gefahr einer psychischen Traumatisierung. Das behandlungsbedürftige Krank-
heitsbild wird als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, engl. PTSD) be-
zeichnet und ist durch Symptome des Wiedererlebens der traumatischen Erfah-
rung, durch das Vermeiden von trauma-assoziierten Reizen und Erinnerungen,
sowie durch anhaltende Symptome erhöhter physiologischer Erregung und Kör-
perreaktionen gekennzeichnet. Die Erkrankungshäufigkeit für RD-Personal wird
auf 3 - 7 % geschätzt (vgl. Bengel u. Landji, 1997).
Mögliche kritische Einsatzereignisse sind:
• Gewalt gegen Einsatzkräfte und Patienten
• Unfälle, bei den Einsatzkräfte schwer verletzt oder getötet werden
• Kindernotfälle (SID)
• Großschadensereignisse mit vielen Verletzten und Toten
• zerstückelte Körperteile, verbrannte Menschen
• Einsätze mit großem Medieninteresse
Strukturierte Einsatznachbesprechung (im folgenden mit SEN abgekürzt; ent-
spricht dem Konzept „Streßverarbeitung nach belastenden Einsätzen“ = SBE):
Die SEN bietet eine wirkungsvolle Möglichkeit zur Unterstützung des RD-Perso-
nals nach kritischen Einsatzereignissen (vgl. Mitchell u. Everly 1996; Appel-
Schumacher, 1997; Hermanutz u. Fiedler, 1997). Sie hat zum Ziel, akute Bela-
stungen zu reduzieren, sowie das Risiko psychischer Folgeschäden zu verrin-
gern. Es ist sinnvoll, 24 - 72 Stunden nach dem kritischen Ereignis mit den
beteiligten Einsatzkräften eine solche SEN durchzuführen.
Die SEN ist keine Therapie und muss von einem erfahrenen und qualifizierten
Team durchgeführt werden. Der Teamleiter ist ein Diplom-Psychologe oder Seel-
sorger mit therapeutischer Zusatzqualifikation. Voraussetzungen der weiteren
Teammitglieder sind Einsatzerfahrung im RD und eine Ausbildung in der Durch-
führung von SEN (z. B. SBE gemäß Bundesvereinigung für Stressbearbeitung
nach belastenden Ereignissen e. V. oder CISD = Critical Incident Stress Debriefing).
Es ist nicht sinnvoll, wenn die Teammitglieder in dem kritischen Ereignis selbst
als Einsatzkräfte tätig waren oder wenn sie Teilnehmer der SEN persönlich ken-
nen. Die SEN wird in einem ungestörten Raum durchgeführt. Die Teilnahme dar-
an ist freiwillig. Vorgesetzte sollten nicht an der SEN teilnehmen. Alle Teilnehmer
werden zu Beginn über die gegenseitige Verpflichtung zum Stillschweigen auf-
geklärt. Zum Schutz der Teilnehmer besteht absolutes Dokumentationsverbot.
Psychiatrie/Psychologie 434 Kapitel 15 · Psychiatrie/Psychologie
Verhalten bei SID I
Umgang mit Eltern und Geschwistern
während und nach Einsätzen mit Plötzlichem Säuglingstod
SID = Sudden Infant Death
Zu grundlegenden Maßnahmen der Psychischen Ersten Hilfe s. S. 430 f.
1. Eltern nie ausgrenzen
Ist eine Reanimation indiziert, müssen die Eltern die Möglichkeit erhalten, sich
aktiv zu beteiligen (z. B. Infusion halten), oder inaktiv im Raum zu bleiben oder
indirekt (z. B. durch eine angelehnte Tür) die Maßnahmen zu verfolgen. Den Ab-
bruch der Reanimation sollten Sie möglichst ankündigen („Wir versuchen alles,
aber es sieht nicht so aus, als ob wir Ihrem Kind helfen können“). Bei sicheren
Todeszeichen ist auf eine Reanimation, v. a. auf einen Kliniktransport des Kindes,
im Interesse der Eltern zu verzichten. Fragen Sie die Eltern, ob sie bei der Todes-
feststellung (äußere Untersuchung des entkleideten Kindes) dabeisein möchten.
Erklären Sie ihnen dabei die Todeszeichen, v. a. (wenn sichtbar) die Totenflecken.
2. Eindeutige Worte bei der Todesmitteilung wählen
Teilen Sie den Eltern, auch wenn sie bei der Todesfeststellung dabei sind, den Tod
ihres Kindes in klaren und eindeutigen Worten mit („Ihr Baby ist tot“ oder „Ihr
Sohn / Ihre Tochter lebt nicht mehr“, aber nicht: „Ihr Kind hat auf die Reanimati-
on nicht angeschlagen“).
3. Erste Informationen zum plötzlichen Säuglingstod geben
Geben Sie den Eltern mit einigen kurzen Sätzen Basisinformationen (vgl. S. 342)
zum SID. Achten Sie darauf, ihnen zu sagen, daß dieser Tod weder für Eltern noch
für Experten vorhersehbar ist. Besonders günstig ist es, wenn Sie in der Akut-
situation schriftliches Material, z. B. Erstinfoblatt der GEPS (Kontaktadresse s. S.
436) überreichen können (ggf. anfordern und auf dem NEF/NAW vorhalten).
4. Über die entlastende Seite einer Obduktion sprechen
Versuchen Sie, den Eltern deutlich zu machen, daß eine Obduktion - trotz starker
gefühlsmäßiger Belastung - für sie langfristig gesehen sehr hilfreich sein kann.
Sie kann sie von Schuldvorwürfen entlasten und wesentliche Fragen zum Tod
ihres Kindes (Todesursache, genetische Disposition) beantworten.
15.3 · Verhalten bei SID 1 54 3 5
Verhalten bei SID II
5. Todesart „ungeklärt“ und Polizeieinsatz erklären
Wird als Diagnose SID angenommen, ist in der Todesbescheinigung als Todesart
„nicht aufgeklärt“ und als Todesursache „vermutlich SID“ anzugeben. Erläutern
Sie den Eltern diese Angaben. Betonen Sie, daß damit weder ihnen noch ihren
behandelnden Ärzten gegenüber Misstrauen ausgedrückt wird. Erklären Sie, dass
in den meisten Bundesländern bei jedem Tod aus nichtgeklärter Ursache die Po-
lizei benachrichtigt werden muss. Bereiten Sie die Eltern auf das Eintreffen der
Polizei vor. Versuchen Sie, nicht nur bis zu deren Eintreffen, sondern auch wäh-
rend der polizeilichen Ermittlungen bei der Familie zu bleiben. (Weitere Informa-
tionen zum formalen Ablauf bei SID: Rechtsmedizinische Institute / Gesundheits-
ämter / GEPS s. S. 436).
6. Abschiednehmen anbieten
Die meisten Eltern haben in der Akutsituation das starke Bedürfnis, ihr Kind zu
sehen oder es wieder in den Arm zu nehmen. Gleichzeitig fürchten sich viele vor
dem Anblick ihres toten Kindes, leiden aber später sehr darunter, keinen Ab-
schied genommen zu haben. Deshalb sollten Sie sie zum Abschiednehmen er-
mutigen. Denken Sie daran, daß die Eltern auch die hinterbliebenen Geschwister
(jedes Alter) einbeziehen. Achten Sie darauf, daß die Spuren der Reanimation
beseitigt worden sind. Überreichen Sie, wenn möglich, den Eltern ihr Kind (in den
Arm legen). Fragen Sie sie, ob sie mit ihrem Kind allein im Raum sein möchten.
Lassen Sie der Familie Zeit.
7. Auf beruhigende Medikamente verzichten
Verzichten Sie möglichst auf die Gabe beruhigender Medikamente. In Zweifels-
fällen lassen Sie die Betroffenen selbst entscheiden. Achten Sie aber darauf, dass
sie sich bei ihrer Entscheidung nicht von anderen Anwesenden (Partner, Familien-
angehörige) beeinflussen lassen.
8. Auf Geschwister achten
Beachten Sie die Geschwister des gestorbenen Babys, grenzen Sie sie nicht aus.
Versichern Sie den Eltern, daß ältere Kinder nicht SID-gefährdet sind. Beim Tod
eines Zwillingskindes sollte das überlebende Kind auf jeden Fall sorgfältig kli-
nisch untersucht werden. Eine stationäre Aufnahme ist dabei nicht generell, son-
dern nur bei Vorliegen klinischer Symptome (v. a. Infektzeichen) angezeigt.
Psychiatrie/Psychologie 436 Kapitel 15 · Psychiatrie/Psychologie
Verhalten bei SID III
9. Kontaktkette bilden
Bieten Sie den Eltern an, Freunde oder auch Nachbarn anzurufen. Sprechen Sie
die Kontaktvermittlung zu einem Geistlichen an. Weisen Sie auf die bundesweit
organisierte Elternselbsthilfe hin und geben Sie eine Kontaktadresse weiter (s.
u.).
10. Unpassende und passende Worte
Vermeiden Sie alle Sätze, die den Tod bzw. den Verlust relativieren / bagatellisie-
ren („Vielleicht war es doch für irgendetwas gut“, „Es war doch noch ganz klein,
besser jetzt als später“) oder die Gefühle der Trauer beurteilen („ich weiß, wie es
Ihnen jetzt geht“). Auf gängige Formulierungen wie „Sie sind noch jung, Sie kön-
nen doch noch weiter Kinder bekommen“ oder „Gott sei Dank haben Sie ja noch
weitere Kinder, die Sie jetzt brauchen“ sollten Sie unbedingt verzichten. Ihre eige-
ne Betroffenheit angesichts eines Kindstodes müssen Sie nicht verbergen, son-
dern können Sie ansprechen („Ich weiß gar nicht, was ich jetzt sagen soll“). Oft
entsteht gerade dadurch eine gefühlsmäßige „Brücke“ zu den Trauernden.
(Notfall-) Medizinische Informationen zu SID s. S. 342.
Kontaktadresse:
Elternselbsthilfeorganisation GEPS
(Gemeinsame Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod Deutschland e.V.)
Fallingbosteler Str. 20
30625 Hannover
Tel. u. Fax: 05 11 / 8 38 62 02
(dort ggf. regionalen Ansprechpartner erfragen)
Ein heikler, aber wichtiger Punkt
Eventuell (wenn es der zeitliche und situative Kontext zulässt!), sollte ein Arzt, u.U.
auch schon der Notarzt, der Mutter - wenn Sie gestillt hat - raten, umgehend
Kontakt zum Frauenarzt / zur Frauenärztin aufzunehmen, damit das Abstillen ggf.
medikamentös herbeigeführt werden kann.
Kapitelübersicht 437 16
Hygiene / Infektionsschutz
16.1 Hygiene und Desinfektion ........................................... 438
16.2 Ablauf eines Infektionstransportes .............................. 440
16.3 Infektionsschutzgesetz (IfSG) ..................................... 442
Meldepflichtige Infektionserkrankungen,
alphabetisch geordnet ............................... 443 ff.
Fußnoten zur Tabelle ...................................... 450
16.4 Nadelstichverletzung / HIV-Kontakt ............................ 451
16.5 MRSA ......................................................................... 452
Rechtsgrundlagen/Weitere Informationsquellen
Zu Hygiene und Desinfektion im Rettungsdienst gibt es einige (rechts-) verbind-
liche Ausführungen und normsetzende Institutionen, auf die sich Aussagen und
Verweise in diesem Kapitel beziehen:
• RKI (Robert-Koch-Institut): Seit 1994 Nachfolger des Bundesgesundheits-
amtes im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit;
Aufgabenfestlegung in § 4 IfSG. Internet: www.rki.de
• DGHM (Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie): Gibt eine
Liste geprüfter und für wirksam befundener Desinfektionsmittel und -verfahren
heraus, die als verbindlich für prophylaktische und routinemäßige Des-
infektionsmaßnahmen anzusehen ist. Einer behördlich angeordneten Ent-
seuchung ist eine entsprechende Liste des RKI zugrunde zu legen (§ 18 IfSG).
• BGV (Vorschriften der Berufsgenossenschaften - GUV / BGW), insbes.:
- BGV C 8 Gesundheitsdienst (früher VBG 103)
- BGV A 4 Arbeitsmedizinische Vorsorge (früher VBG 100), v.a. G 42
- BGV B 8 Verhütung und Bekämpfung des Milzbrandes (früher: VBG 84)
- BGV C 27 Müllbeseitigung (früher: VBG 126)
- BGR 125 Einsammeln, Befördern und Lagern von Abfällen in Einrichtungen
des Gesundheitsdienstes
- BGR 189, 191, 192, 195, 197 (verschiede Schutzmaßnahmen)
- BGR 206 Desinfektionsarbeiten im Gesundheitsdienst
- Informationsschriften (z.B. BGI 584, 586, 589, 597-4; ZH 1/31, 1/132, 1/187)
Hygiene / Infektionsschutz 438 Kapitel 16 · Hygiene/Infektionsschutz
Hygiene und Desinfektion - Grundregeln
Hygiene vor, im und nach dem Dienst
Grundsätzlich ist der wachenspezifisch erstellte Hygieneplan zu beachten.
1. Persönliche Hygiene
• Körper (insbes. Haare, Hände, Fingernägel): Waschen; regelmäßige
hygienische Händedesinfektion (vor und nach Patientenkontakt).
• Kleidung: tägl. Wäschewechsel; Gürtel, Schuhe (glatte Oberfläche!), Jacke
und persönliche Ausrüstung regelmäßig reinigen und desinfizieren.
• Kleidungswechsel mit lokaler Körperdesinfektion / -reinigung nach
sichtbarer Kontamination.
• Jeglichen Schmuck (z. B. Ohrringe, Armbanduhr) im Dienst ablegen !
• Schutzmöglichkeiten einsetzen (Handschuhe, Mundschutz, Kittel usw.).
Handschuhe sind unbedingt zu tragen, wenn Kontakt mit Körperflüssigkeiten
des Patienten nicht auszuschließen ist. Es sind sterile Handschuhe zu
tragen, wenn der Patient als besonders infektionsgefährdet anzusehen ist
(z. B. Geburt: Mutter und Kind; Einlegen eines zentralen Venenkatheters usw.);
ggf. erhält der Patient zu seinem Schutz einen Mundschutz.
Mund- und Augenschutz sind zu tragen, wenn mit Verspritzungsgefahr von
Körperflüssigkeiten besteht (z. B. spontane Abszesseröffnung).
• Eigene Verletzungen keimfrei bedecken und verbinden; ggf. ärztliche
Behandlung.
Hinweis: Die Einsatzkleidung (speziell die Schuhe) muß den UVV-Richtlinien
(BGV C 8, früher VBG 103) entsprechen. Vgl. a. BGR 189, 191, 192, 195, 197.
2. Fahrzeug
• Tägliche Desinfektion kontaminierter Flächen (Patientenkontakt).
• Ein- bis zweimal wöchentlich Routinedesinfektion (gesamtes Fahrzeug).
• Desinfektion nach jedem Transport eines Patienten mit Verdacht oder
Feststellung einer übertragbaren Erkrankung.
• Sofortiges Entfernen sichtbarer Verschmutzungen nach Desinfektion.
• Regelmäßige Desinfektion von Geräten, sowie nach Gebrauch.
• Wechsel von Laken, Decken- und Kopfkissenbezug nach jedem
Patienten !
• Sachgerechte Müllentsorgung; Entsorgungsboxen für spitze Abfälle
(Achtung Sondermüll !).
• Regelmäßige Reinigung der Außenflächen („Autowäsche“); Nebeneffekt:
gutes Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit.
3. Wache
• Regelmäßiges Reinigen von Möbeln, Boden und Gebrauchsgegenständen
(z. B. Telefon, Türklinken, Spinde).
• Abtrennung von Schmutzräumen (Toiletten, Dusche, Waschhalle). Separate
Desinfektionsräume, Extraumkleide, -dusche, Wäscheabwurf. Schleuse.