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Published by thomas.pleiner, 2021-05-29 14:11:59

THE SPHERE

THE SPHERE

THE
SPH
ERE

Kunstwerk
und Mahnmal

Fritz Koenig | Kugelkaryatide New York

F.K.

DVD 1 Video 2

Video 1 What does The Sphere mean to you?

Fritz Koenig und seine Welt Ein Film von R.Michael Stecher © 2017
Format 16:9 | Lauflänge ca. 17 Minuten
Ein Film von Dagmar Damek | Bayerischer Rundfunk © 1974 Die Transformation der Großen Kugelkaryatide zum globalen Mahnmal.
Format 4:3 | Lauflänge ca. 44 Minuten Musik: Ronny Matthes »Tröstende Worte« (Gemafreie Klaviermusik)
Kamera: Günter Weckwarth | Mirko Hesky | Thomas Schmidt
Ton: Helga Maurer
Musik: Fred Wasiela | Jon Lord »Gemini Suite« London Symphony Orchestra
Schnitt: Christa Wernicke | Raimund Barthelmes
Produktion: Manfred Schwarz





Fritz Koenig | Die Kugelkaryatide
New York

»THE SPHERE«
Vom Kunstwerk zum Mahnmal

F.K. Freundeskreis Fritz Koenig e.V.

F.K. Freundeskreis Fritz Koenig e.V. Buch 3
Fritz Koenig | Kugelkaryatide New York

Impressum

© 2021

Herausgeber: Freundeskreis Fritz Koenig e.V. im Eigenverlag
Martin Scharrer | Stefanje Weinmayr | Thomas Pleiner
Redaktion:
Gestaltung | Typografie: mtp-studio.de | Landshut
Audio-Transkriptionen Margarete M. Ertl
Hannelore Scharrer | Franziska Schäfer
Lektorat MDV Maristen Druck & Verlag GmbH | Furth bei Landshut

Druck & Bindung:

ISBN 978-3-9821346-2-8

Alle Rechte vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Copyright-Inhaber ist es nicht gestattet,
dieses Buch oder Teile daraus auf fototechnischem oder elektronischem Weg zu vervielfältigen.

www.freundeskreis-fritz-koenig.de

Inhaltsverzeichnis

Josef Deimer Zum Geleit 6
7
Freundeskreis Fritz Koenig e.V. | Kunstwerk und Mahnmal

Kunstwerk

Graphische Präambel Zeichnerische Umkreisungen 9

Eberhard Mestwerdt Die Kugel und der Ganslberg 17

Stefanje Weinmayr Der Guss – Interview mit Hans Mayr III 25

Dagmar Damek Fritz Koenig und seine Welt 43

Eberhard Mestwerdt Die Kugel verließ den Ganslberg nie 49

Kurt Martin Die Kugelkaryatide N.Y. 57

Kunstwerk und Mahnmal

Wolfgang Till Fritz Koenigs Kugel 75

Holger A. Klein Von Ganslberg nach Manhattan 87

Labriola/Häublein Das letzte Foto der unversehrten Kugelkaryatide N. Y. 119

Jan Seidler Ramirez Kunst, Kunstwerk und das Leben danach 125

Stefanje Weinmayr Entwurf für WTC Memorial Site Competition 183

Zach Janisch Bergung und Rückkehr 191

Teresa Scavetta Stecher What does The Sphere mean to you? 209

Begegnungen

Christoph Thoma Der Koenig – und ich – Alles auf Anfang 231

Helmut Maier Ganslberg mitten in New York 253

Susanne Köhler »Meine Kugel« 257

Fritz Koenig Kurzbiographie 269 5

Zum Geleit

Landshut, die historische Haupt- und Residenzstadt Altbayerns, zählt zu den
schönsten Städten unseres Lebensraumes. Zu allen Zeiten haben Künstler, Bau-
meister und Architekten, Städteplaner und Handwerker ihr Form und Gestalt ver-
liehen, die zu einer Urbanität führte, die Mitverantwortung und den Wunsch nach
Beteiligung auslöste.

The Sphere in New York, die dieser Tage im Rückblick auf die Vergangenheit gleich
zwei Jahrestage begeht, war nur am Rande von diesen Wünschen berührt. Dennoch
hat sie als Kugelkaryatide aus der Vision des Landshuter Bildhauers Fritz Koenig im
dezenten Abseits auf dem Ganslberg das Licht der Welt erblickt und 1971 ihre Ge-
burtsstätte auf dem Weg zum »World Trade Center« in Manhattan verlassen.

Fritz Koenig hat schon in den 1960er Jahren gerne Leute um sich versammelt, die
bei der Verwirklichung seiner Ideen nützlich und hilfreich sein konnten. Ich zählte
wohl zu dieser Gruppe von Menschen. Meine politischen Mandate kamen nicht un-
gelegen und so entstand ein gutes Jahrzehnt später ein Gesprächskreis, der nicht nur
Beratungsrunde für die Vorstellungen des »Landshuters auf dem Ganslberg« war,
sondern sich mit allen Problemen und Fragen um »Stadtgestalt und Denkmalpflege«
in kleinem und erlesenem Kreis befasste. Die künstlerischen Spitzenleistungen in der
Stadt mit dem höchsten Backsteinturm der Welt gehörten natürlich dazu.

Zöge man heute eine Bilanz, würde deutlich, dass die Arbeit dieses Gremiums in
besonderer Weise zur Gründung der »Stiftung Fritz und Maria Koenig« im Jahr
1993 führte.

Josef Deimer, Ehrenbürger der Stadt Landshut
6 Oberbürgermeister 1970 – 2004

Kunstwerk und Mahnmal 7

Über 30 Jahre lang stand die Große Kugelkaryatide New York, das größte Werk des
bedeutenden deutschen Bildhauers Fritz Koenig, im Zentrum der Plaza des World
Trade Centers.
Es war ein weiter Weg vom niederbayerischen Ganslberg, wo sie entstanden war,
bis ins Herz Manhattans. Der Bildhauer verband in ihr die Vorstellungen von Tragen
und Lasten, von Behelmung und organischer Kraft. Dem Architekten der Twin
Towers Minoru Yamasaki hatte Koenig damals gesagt: »Wenn Du umfällst, will ich
nicht erschlagen werden.«
The Sphere war sein größtes, kostbarstes »Kind«, wie er selbst sagte. Er verstand
sie auch als Botschafterin eines neuen Deutschlands.
Das Inferno des 11. September 2001 überlebte sie schwer verletzt, aber nicht zerstört.
2017 kehrte die Skulptur auf das Gelände der World Trade Center Memorial Site
zurück und überblickt nun vom Liberty Park aus mit ihrem Zyklopenauge die weite
Fläche, auf der einst die höchsten Türme der Welt standen.
Ihr Modell steht heute markant im Foyer des World Trade Center Memorials zum
Gedenken an die Opfer. Und bis zum Tode Fritz Koenigs 2017 stand ein solches
auch im Innenhof des Ganslbergs – eine plastische Brücke von großer Eindringlich-
keit und Symbolkraft zwischen Kulturen und Kontinenten.
Zum 50. Geburtstag der Kugelkaryatide und zugleich zum 20. Jahrestag der An-
schläge von 9/11 vereint dieses Buch mit den DVDs in einzigartiger Weise Essays,
Bilder, Film- und Zeitzeugendokumente und lässt so an der Geschichte dieses em-
blematischen Kunstwerkes teilhaben.

Freundeskreis Fritz Koenig, e. V. im Juni 2021

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Graphische Präambel – Zeichnerische Umkreisungen 9

ENTSTEHUNG
Skizzen
Modelle

Zeichnungen

10 Kugelkaryatide N.Y., 1967 | Lithographie

Hz 939 | Kugelkaryatide N. Y., 1967 | Kohle/Wasserfarbe | 44 x 63 cm | monographisch und datiert, unten rechts - F.K. 67

11

Hz 943 | Kugelkaryatide N. Y., 1967 | Kohle/Wasserfarbe | 37 x 39 cm | monographisch und datiert, unten rechts - F.K. 67

12

Hz 960 | Kugelkaryatide N. Y., 1967 | Kohle | 73 x 51 cm | monographisch und datiert, unten rechts - F.K. 67 13

14 Hz 961 | Kugelkaryatide N. Y., 1967 | Kohle/Wasserfarbe | 73 x 51 cm | monographisch und datiert, unten rechts - F.K. 67

Hz 956 | Kugelkaryatide N. Y., 1967 | Kohle/Wasserfarbe | 73 x 102 cm | monographisch und datiert, unten rechts - F.K. 67

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Eberhard Mestwerdt – Die Kugel und der Ganslberg 17

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Die Kugel und der Ganslberg

Eberhard Mestwerdt

Als Fritz Koenig Ende der Sechziger den Auftrag für die Plaza-Brunnen-Skulptur
des WTC in N.Y. erhielt, war rasch klar, dass für ein Werk dieser Ausmaße eine
eigene Werkstatt-Halle errichtet werden musste. Die Forderung der Port Autho-
rity, den Auftrag in New York selbst abzuwickeln, hatte Fritz Koenig abgelehnt.
Mit einem solchen Bauwerk hätte man den beschaulichen Landschaftsrahmen
des sanft gebogen ansteigenden Seitentales der Pfettrach kurzerhand aus den
Fugen zwingen können, aber Fritz Koenig griff auch diesmal als umsichtiger
Landschaftsgestalter auf den gleichen Kunstgriff wie beim Bau seines Wohn-
hauses zurück.

Von der geschützten nicht einsehbaren Hofseite her zweigeschossig stattlich,
zeigt sich das Haus zur offenen Landschaft hin als bescheiden geduckter ein-
geschossiger Flachbau. Es will Teil sein der geografischen Gegebenheiten der
Umgebung, ohne der Landschaft gegenüber architektonisch aufzutrumpfen.

Das stattliche Volumen der Atelierhalle wurde ebenfalls tief in den Berghang
hinein geschoben, sodass seine ortsunüblichen großrahmigen Umrisse vor dem
dahinter aufsteigenden Hang kaum ins Gewicht fallen. Mit seinen Proportionen
und Materialien eines großen Stadels, Holzständerwerk, dem mächtigen Holztor
und einer roten Tonziegel-Eindeckung, flankiert von einer Zeile Säulenpappeln
und der im Bogen um seine Rückseite geführten Auffahrt zum Anwesen, schuf
Fritz Koenig ein bemerkenswertes Beispiel für eine sensible Bebauung im ländli-
chen Raum. Auf die Fertigstellung erfolgten umfangreiche Pflanzungen von Bäu-
men und Sträuchern, wie bereits zuvor im Zuge des Wohnhaus-Baus.

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Nach dem Abtransport der Kugel wurde die »Halle«, wie sie kurz genannt wur- 21
de, über viele Jahre als Werkstatt und Atelier für den Aufbau zahlreicher großer
Aufträge im öffentlichen Raum genutzt. Die kleine Bronze der Sphere, nach
deren Gipsmodell die Großplastik im Maßstab entstanden war, war viele Jahre
als bescheidener Verweis zum Ort ihres Entstehens auf einem Mauervorsprung
des Hallen-Vorplatzes zu sehen. Heute erinnern nur noch drei mittlerweile ver-
blichene große Schwarzweißaufnahmen an der umlaufenden Holz-Balustrade an
diese oft turbulente, aufregende Schaffenszeit an der New Yorker Figur.

Wenn Fritz Koenig etwas an seinen eigenen Werken immer wieder neu beschäf-
tigte, und erfreute, dann war es ihre Wirkung mit wechselnden Aufstellungs-
Orten. Was machte die Umgebung mit der Figur, was machte die Figur mit der
Umgebung und was machte dieser Wechsel mit dem Betrachter. F.K.: »Einer der
etwas macht, will es herzeigen…ich will herzeigen«.

Über Jahrzehnte war der Ganslberg Fritz Koenigs ideales Her-Zeige-Experimen-
tier-Feld für die Auslotung der Beziehung von Landschaftsraum und Skulptur. Es
gab Exemplare, die für immer ihre unumstößliche Bleibe gefunden hatten und
die, auch 40 Jahre nach ihrer Platzierung noch, der Aufgabe heimatlicher Ver-
ortung von Form und Schönheit unverrückbar gerecht wurden.

Die Sphere, nach den Anschlägen von 9/11 zwangsläufig wieder in den Fokus
ihres Schöpfers gerückt, gehörte seitdem zu den »Wander-Plastiken« auf dem
Ganslberg.

Auf unterschiedlichen Sockelformen, aus unterschiedlichen Materialien, tauchte
sie an den verschiedensten Schau-Punkten des Grundstücks auf, blieb dort eine
Zeit lang Platzhalter, bis ihr eine neue Aufgabe vom Künstler zugewiesen wurde.
Als mit dem Tod der letzten beiden alten Zuchtstuten das lange und erfolgreiche

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Kapitel Vollblutaraberzucht auf dem Ganslberg geschlossen wurde, bekam die
Sphere ihren letzten symbolischen Standort. Auf einem im Heckengestrüpp über
Jahre eingewachsenen und durch Zufall wieder gefundenen Mühlstein stand sie
bis zum Tode Fritz Koenigs im Zentrum des Atrium-Hofes an einer Art Nabel-
Position, stellvertretend für die lebendige und beeindruckende Lebens-Kunst-Ge-
schichte dieses einzigartigen Ortes.

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Stefanje Weinmayr – Der Guss – Interview mit Hans Mayr III 25

26 Anzeige der Gießerei Mayr im Katalog zur Ausstellung in der Staatsgalerie Moderner Kunst München, 1974

Der Guss 27

Stefanje Weinmayr – Interview mit Hans Mayr III
Gollierplatz 8, München – Geburtsort der Großen Kugelkaryatide N.Y.

Hans Mayr treffe ich in seinem 93. Lebensjahr im Stammsitz der Familie, einem
stattlichen Bürgerhaus am Münchner Gollierplatz, in dem er sein ganzes Leben
verbracht hat. Im Rückgebäude des Anwesens befindet sich die Gießerei, die
1902 von seinem Großvater, Hans Mayr I gegründet worden war.

Für unzählige bedeutende Bildhauer war und ist diese Gießerei bis heute ein
wichtiger Partner in der Umsetzung ihrer Werke. Hans Mayr III führte den Betrieb
von 1964 bis 2003 und war Maria und Fritz Koenig über viele Jahrzehnte auch
ein enger persönlicher Freund. Nahezu alle Güsse von Werken Fritz Koenigs ent-
standen in seiner Werkstatt.

Stefanje Weinmayr (CW) : Wie haben Sie den Koenig eigentlich kennengelernt?

Hans Mayr (HM): Eine Tante von mir war eng mit Traudl Koenig, seiner ersten
Frau, befreundet. Gleich um 1950, als er noch studierte, hat die uns zusammen-
gebracht. (…) Ja, das weiß ich noch gut: wir sind zu ihm in die Wohnung rein ge-
gangen, die Traudl war da und der Koenig Fritze und einen Raben hat er gehabt.

CW: Das hat er mir mal erzählt. Einen zahmen Raben, nicht wahr?

HM: Ja – und das war irgendwie interessant. Von da an sind wir eigentlich zu-
sammengekommen mit dem Gießen. Das Erste, das war der Wettbewerb von
London, da hat der Henry Moore mitgemacht.1 Von da an haben wir eigentlich
alles gegossen für den Fritz, von den großen Aufträgen wie zum Beispiel die

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Domportale des Würzburger Doms bis zu den kleinsten Stücken. Ich weiß noch, 29
bei dem Auftrag für Würzburg, da war ich am Ganslberg eingeladen. Da sind die
ganzen Herren, die was zum Sagen haben, am Tisch gesessen und die Maria hat
gekocht. Sie hat den Schweinebraten im irdenen Reindl gebracht und hat ihn
aufgeschnitten. ›So‹, hat sie gesagt ›und des Scherzl muss ich dem Herrn Mayr
geben‹. Und der Herr Maier aus Würzburg hat seinen Teller sofort hingehalten.
›Nein‹, hat sie gesagt, ›Nein, nein, nein, Sie nicht, den Gießer Mayr meine ich,
weil seine Frau kocht so gut. Da muss ich mich anstrengen!‹ Der hat mich dann
später nicht mehr mögen, weil ich den Schweinebraten zuerst bekommen habe
und noch dazu das Scherzl.

CW: Erinnern Sie sich noch, wie das mit der New Yorker Kugel los ging?

HM: Ja, das weiß ich noch. Der Fritz ist gekommen mit dem Modell und hat ge-
sagt, ›Schau, die Kugel, die brauch ich. Die musst Du mir machen.‹ ›Wie groß‹,
habe ich gefragt. Er: ›Ja, eins zu zwanzig‹. Oha, hab‘ ich gedacht. Dann habe ich
mit dem Rechnen angefangen: die Quadratmeter, das Gewicht, die vielen, vielen
Unbekannten sozusagen. Eine Stahlkonstruktion hat innen rein müssen und dies
und das. Und dann die Montage! Ich hab‘ gedacht: ›Ja wie bring‘ ich die zur Tür
hinaus?‹ Ich musste sie ja transportieren!

CW: Fritz Koenig hat am Ganslberg erst die große Werkhalle gebaut, um über-
haupt genug Platz für den Bau auch nur des Gipsmodells zu haben – aber das
wissen Sie ja auch viel besser als ich. Sie waren ja dabei!

HM: Ja, er hat die Halle gebaut und ich hab‘ den Kran eingebaut, der heute noch
in der Halle ist. Wenn's so weiter geht mit mir, brauch ich bald selber einen, der
mich hochhebt!
Die Stahlkonstruktion haben wir schon für das Gipsmodell gebraucht. Ich hab‘

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dann durchgehend mindestens zwei Mann immer am Ganslberg gehabt, die dort 31
gearbeitet haben. Ich selbst war bestimmt auch ein, zwei Mal jede Woche dort.

CW: War die New Yorker Kugel die größte Plastik, die hier in der Gießerei bei
Ihnen gegossen wurde?

HM: Ja, vom Volumen her war es die größte Skulptur – aber wir haben sie ja in
Teilen gegossen. In einem Stück haben wir für den Fritz schon größere Arbeiten
gemacht. Viele!

CW: In wieviel Teilen wurde die Kugel denn gegossen? Auf einem Foto aus die-
ser Zeit erkennt man, dass ein Gipselement die Nummer ›23‹ trägt.

HM: Die Kugel… wie viele Teile... das weiß ich nicht ... wo haben wir sie denn?
(betrachtet die Fotos, überlegt) Nein, es ist so: Wenn man eine Orange auseinan-
der schneidet, ist sie erst zweiteilig; dann das separate Oberteil, dann kommen
die Einsätze, das sind drei, sechs, neun, zwölf Teile. Zwei Mal zwölf sind vier-
undzwanzig. Der Deckel oben sind zusätzlich zwei Teile, also sechsundzwanzig.
Dann kommt der Sockel, das sind ja noch einmal zwanzig Teile.

CW: Ja, man erkennt es hier bei den Fotos auch an den innen liegenden Monta-
genähten. Haben Sie die Oberflächen der einzelnen Elemente bereits hier in der
Gießerei bearbeitet? Oder ist das alles beim Koenig auf dem Ganslberg gemacht
worden?

HM: Nur zum Teil. Wir haben die Basis in der Werkstatt vormontiert, um auszu-
probieren, ob es funktioniert. Dann wieder demontiert und zum Koenig runter-
gefahren und aufgebaut. Wir haben auch sehr viel am Gipsmodell gearbeitet.
Da waren der Kinzl und der Schorsche, die waren ein Vierteljahr hinten am

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Ganslberg – wenn es reicht! Wir haben die dort unten auch zusammenbauen 35
müssen. Ich hab‘ die Kugel ja eigentlich nebenbei machen müssen. Ich hab‘ ja
auch noch andere Kundschaft gehabt. In der Zeit ist der Professor Wimmer ge-
kommen, für das große Pferd in Pfarrkirchen.2 Das hätt‘ ich machen sollen. Da
hab‘ ich gesagt, Herr Professor ich kann nicht. Ich kann es nicht machen. Gehen
Sie zum Roman, also in die Schleißheimer Straße. Ich hab‘ ja zum Teil drei, vier
Gießereien mit Arbeit beliefert, die für mich gearbeitet haben, weil ich es selber
nicht zusammen gebracht habe bei der vielen Arbeit. So ein Riesen-Auftrag ist
wunderbar, aber er blockiert dir die ganze Bude.

Es ist auch eine große Verantwortung. Du musst vom Anfang bis zum Ende pic-
cobello sauber arbeiten, mit schustern geht da gar nix. Wenn fünfzig Teile zu-
sammenpassen müssen dann zum Schluss, das muss ja passen, sonst holt dich ja
der Teufel. Wenn Du da Ausschuss gießt, dann schaust sauber aus, dann kannst
wieder von vorn anfangen. Und das mit so viel Zeug!
Es waren ja so viele Teile für den Koenig. Ich hab‘ überlegt, wo stellen wir denn
das Zeug jetzt hin. Dann hab‘ ich beim Nachbarn den Hof gemietet und die Hof-
mauer eingerissen, damit die Sachen untergebracht werden können! (…)
Wenn man darüber nachdenkt, wir haben ganz schön was rausgebracht aus der
kleinen Quetschn hier!

CW: Erinnern Sie sich, wie es war, als die Kugel auf dem Ganslberg endlich fertig war?

HM: Freilich, da ist sie dagestanden. Herrlich!
Aber nur kurz, dann haben wir sie ja wieder auseinander bauen müssen, damit
sie auf die Schwerlaster geladen werden kann. Wir haben sie nach Bremen ge-
fahren (sieht sich die Fotos an).
Das war schon eine wilde Gaudi. Das sind super Fotos… Die zwei, der Jung-
bauer Georg und der Kinzl Klaus, das waren auch meine Leute. Der Kinzl war ein

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Berliner. Der Noack hat in Berlin eine große Gießerei gehabt und ist mal gekom- 39
men und der Kinzl war dabei. Ich hab gesagt, einen solchen bräuchte ich auch,
ich bräuchte ein paar solche. Und der Kinzl ist dann wirklich von Berlin weg und
nach München gekommen (betrachtet die Fotos).
Also das ist wirklich ein wunderbares Foto, hier das Gipsmodell. Da sieht man
die ganze Stahlkonstruktion. Ja, und da arbeitet ja der Chef! (zeigt auf Fritz
Koenig). Da sieht man die fertige Stahlkonstruktion und es ist schon ein Teil vom
Gips drauf. Sehen Sie, da haben wir lauter Endpunkte.
Wir haben ein Schnurgerüst gehabt; unten hatten wir die kleine Kugel, also im
Maßstab 1:10 und dann haben wir von dem Gerüst aus immer gemessen. Im-
mer auch mit der Schublehre. Wir haben sozusagen eine kleine und eine große
Schublehre gehabt, sonst hätte man das nicht runtermessen können.
Das Ganze ist auf einem Sockel gestanden, den hat man drehen können, hin und
her (betrachtet das Foto genauer). Da im Hintergrund sind ja die Reliefs für Bonn3,
das haben wir da auch gerade gemacht.

CW: Sind Sie eigentlich einmal in New York gewesen und haben sich Ihre Kugel
dort angeschaut?

HM: Nein, nie! Ich hab gesagt, bevor ich nach New York fahr‘, fahr‘ ich lieber in
den Bayerischen Wald.
Ich hab‘ sie zum letzten Mal in Bremen gesehen, bevor sie in die Kiste reinge-
kommen ist. Wir sind den Schwerlastern hinterher gefahren nach Bremen zum
Montieren auf der Werft. Wir haben sie auf der Werft wieder zusammensetzen
müssen, dazu haben wir ja einen großen Kran gebraucht. Eine ganze Woche
waren wir dort in Bremen, bis dann alles wieder beisammen war. Wir haben sie
dort auch erst endgültig zusammenschweißen können.
So ein Trumm kannst du ja nicht transportieren! (lacht).
Das haben sie dann in New York auch gemerkt, weil sie über die Brücken nicht

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rübergekommen sind. Da haben sie die Brücken abbauen müssen, damit sie
überhaupt durchkommen.
Das war ein ganz schöner Zirkus…..sie sind zwei Mal rüber geflogen alleine
wegen der Kiste. Die Kiste haben sie ja vorher machen müssen und wie wir die
Kugel dort auf der Basis haben, da war die Kiste einen halben Meter zu niedrig
in der Höhe. Dann haben sie noch mal eine neue gebaut…..

CW: Wie war das für Sie, als 2001 bei den furchtbaren Anschlägen auch die
Kugel fast zerstört worden ist?

HM: Ja, das war schon ein Schlag. Auf der anderen Seite hab‘ ich ja damals auch
im Film gesagt, wenn man bedenkt, dass vielleicht dreitausend Leute drauf ge-
gangen sind… Mei, die Kugel … Schad‘ freilich, aber angesichts des Ganzen ...

Fritz Koenig und Hans Mayr begegnen sich zum letzten Mal beim Begräbnis von
Maria Koenig, die am 4. Oktober 2010 stirbt. Bis zum heutigen Tag lebt Hans
Mayr am Gollierplatz, umgeben von vielen Erinnerungen an die jahrzehntelange
gemeinsame Arbeit.

ANMERKUNGEN 41

1 1952 wird vom Institute of Contemporary Art ICA London ein Wettbewerb für ein »Denkmal des unbekannten poli-
tischen Gefangenen« ausgeschrieben, der als der wohl bedeutendste Wettbewerb der Nachkriegszeit gilt. Über 3000
Künstler*innen aus aller Welt waren beteiligt, darunter Bildhauer*innen und Architekt*innen wie Max Bill, Alexander
Calder, Naum Gabo, Barbara Hepworth und Bernhard Heiliger. Im Kontext dieses Wettbewerbs für ein nie realisiertes
Monument trat erstmalig die abstrakte Kunst als Sinnbild von Freiheit und Demokratie prominent in Erscheinung.
Fritz Koenig gehörte damals zu den deutschen Preisträgern. Vgl. Dorothea Schöne (Hrsg.): Der unbekannte politische
Gefangene. Ein internationaler Skulpturenwettbewerb zu Zeiten des Kalten Krieges, Ausst.-Kat. Kunsthaus Dahlem,
Berlin 2020.

2 Hans Mayr spricht von einer lebensgroßen Bronzestatue eines Rottaler Pferdes, das der Bildhauer Hans Wimmer schuf.
3 Relief für das Abgeordnetenhaus in Bonn, 1970, (Sk 448)

Fritz Koenig und Minoru Yamasaki

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Fritz Koenig und seine Welt 43

Dagmar Damek – 1974
Dialog aus Filmdokumentation »Fritz Koenig und seine Welt«, Bayerischer Rundfunk

Dagmar Damek (DD): Sie haben die Brunnenplastik für das World Trade Cen-
ter in New York entworfen und ausgeführt.

Fritz Koenig (FK): So ein Auftrag, der trifft einen vielleicht einmal im Leben.
Man kann ja gar nicht damit rechnen. Es ist sicher die größte Bronze, die nach
dem Krieg in einem Stück in Europa gegossen worden ist – und es ist ein sehr,
sehr schwieriger Guss.

DD: Wußten Sie, dass Sie dafür eigens ein Atelier bauen mußten?

FK: Ja, das wußte ich. Dieses Bauwerk hat mich fast genau so interessiert wie
die Kugel selber (lacht). Ich hab' mich sehr bemüht, es so in die Landschaft zu
setzen, dass es die Arbeit ermöglicht, mich aber später nicht durch seine großen
Ausmaße ständig an Großplastiken mahnt. Der Bau steht jetzt drunten – wenn
man so vorbeikommt, kann man ihn für ein großes landwirtschaftliches Ge-
bäude halten.

DD: Lautete der Auftrag, eine Kugel zu schaffen?

FK: Einen großen Brunnen für die Plaza. Sonst nichts.

DD: Hatten Sie Alternativvorschläge?

FK: Nein, hatte ich keine. Ich hab´ natürlich eine Menge durchgekaut und durchge-
walkt in der Werkstatt, aber als ich die Kugel hatte, hatte ich keine Alternative mehr.

Filmdokumentation »Fritz Koenig und seine Welt« | Bayerischer Rundfunk, 1974

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DD: Warum sind Sie so sicher: Ausgerechnet eine Kugel mitten in den Wolken- 45
kratzern?

FK: Da befinde ich mich in einer David-Goliath-Situation. So war das… Aller-
dings möchte ich nicht behaupten, dass ich irgendwelche Chancen habe gegen
diesen Goliath. Wenn, dann sind es Überlebenschancen (lacht).

DD: Also hat Angst diese Lösung mit provoziert?

FK: Ja, Ja, Ja! Eine sehr große Angst hat mitbestimmt, glaube ich. ...Wie kann
ich mich jetzt da nur behaupten, dass ich da nicht einfach geschluckt werde!
Meine Mittel als Bildhauer sind doch sehr beschränkt, wenn man in so eine
Arena tritt.

Die Gebäude sind 410 Meter hoch. Es sind jetzt, glaub ich, die höchsten. Da
ist die Kugel. Sie steht auf einer im Durchmesser 25 Meter großen schwarzen
Porphyrscheibe. Unter der Bronze quetscht es einen Wasserschwall hervor, der
über die Scheibe fließt und dann runterstürzt in einen Ringkanal. In der Sekun-
de sind es 600 Liter Wasser. Das ist wie ein Zyklopenauge. Die Skulptur dreht
sich ja mechanisch, in einer Viertelstunde einmal um sich selbst, so dass man,
fixiert in den verschiedenen Büros immer wenn man rausschaut, wieder etwas
Anderes sieht.

(FK zeigt das Modell und dreht es). Ich hab jetzt keine Drehscheibe da, die ist
sehr schwer. (FK hält inne) Schaun’s des is … hat auch was von einem Helm,
von so einem Footballspieler-Helm. Oder von einer Schutzmaske von einem As-
tronauten, das ist alles vielleicht drin, ich weiß ned…(FK hält inne).

DD: Hat sich das nachher erst ergeben, diese Interpretationsmöglichkeit?

46 Filmdokumentation »Fritz Koenig und seine Welt« | Bayerischer Rundfunk, 1974

FK: Nein nein, das war nachher und doch zugleich. Wissen Sie, wenn man von
Ganslberg aus hier, von diesem kleinen Kaff da, sich da drüben jetzt behaupten
soll… Und es ist furchtbar schwer, das lebendig zu halten in diesem Riesen-
raum… dann muß ich sagen: Ich hab‘ mich vielleicht angezogen für den Auftritt
in der Arena in New York….

Dieser Dialogausschnitt ist eine Transkription* aus der Filmdokumentation »Fritz
Koenig und seine Welt« von Dagmar Damek für den Bayerischen Rundfunk aus
dem Jahre 1974. Die vollständige Filmdokumentation ist dieser Publikation als
DVD beigefügt.

* Einzelne sprachliche Elemente wurden dem schriftlichen Duktus angeglichen. 47

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