Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werdenmuß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten. Selbst wenn die Sinnlichkeit, wie heimheiligen Bruno, auf einen Stock, auf das Minimum reduziert ist, setzt sie die Tätigkeit derProduktion dieses Stockes voraus. Das Erste also bei aller geschichtlichen Auffassung ist,daß man diese Grundtatsache in ihrer ganzen Bedeutung und ihrer ganzen Ausdehnungbeobachtet und zu ihrem Rechte kommen läßt. Dies haben die Deutschen bekanntlich niegetan, daher nie eine irdische Basis für die Geschichte und folglich nie einen Historikergehabt. Die Franzosen und Engländer, wenn sie auch den Zusammenhang dieser Tatsachemit der sogenannten Geschichte nur höchst einseitig auffaßten, namentlich solange sie inder politischen Ideologie befangen waren, so haben sie doch immerhin die ersten Versuchegemacht, der Geschichtschreibung eine materialistische Basis zu geben, indem sie zuerstGeschichten der bürgerlichen Gesellschaft, des Handels und der Industrie schrieben.Das Zweite ist, daß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung unddas schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt - und dieseErzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat. Hieran zeigt sich sogleich, wesGeistes Kind die große historische Weisheit der Deutschen ist, die da, wo ihnen das positiveMaterial ausgeht und wo weder theologischer noch politischer noch literarischer Unsinnverhandelt wird, gar keine Geschichte, sondern die \"vorgeschichtliche Zeit\" sich ereignenlassen, ohne uns indes darüber aufzuklären, wie man aus diesem Unsinn der\"Vorgeschichte\" in die eigentliche Geschichte kommt - obwohl auf der andern Seite ihrehistorische Spekulation sich ganz besonders auf diese \"Vorgeschichte\" wirft, weil sie dasicher zu sein glaubt vor den Eingriffen des \"rohen Faktums\" und zugleich, weil sie hierihrem spekulierenden Triebe alle Zügel schießen lassen und Hypothesen zu Tausendenerzeugen und umstoßen kann.Das dritte Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die geschichtliche Entwicklungeintritt, ist das, daß die Menschen, die ihr eignes Leben täglich neu machen, anfangen,andre Menschen zu machen, sich fortzupflanzen das Verhältnis zwischen Mann und Weib,Eltern und Kindern, die Familie. Diese Familie, die im Anfange das einzige soziale Verhältnisist, wird späterhin, wo die vermehrten Bedürfnisse neue gesellschaftliche Verhältnisse, unddie vermehrte Menschenzahl neue Bedürfnisse erzeugen, zu einem untergeordneten(ausgenommen in Deutschland) und muß alsdann nach den existierenden empirischenDaten, nicht nach dem \"Begriff der Familie\", wie man in Deutschland zu tun pflegt, behandeltund entwickelt werden20. Übrigens sind diese drei Seiten der sozialen Tätigkeit nicht als drei20 Häuserbau. Bei den Wilden versteht es sich von selbst, daß jede Familie ihre eigne Höhle oderHütte hat, wie bei den Nomaden das separate Zelt jeder Familie. Diese getrennte Hauswirtschaft wirddurch die weitere Entwicklung des Privateigentums nur noch nötiger gemacht. Bei denAgrikulturvölkern ist die gemeinsame Hauswirtschaft ebenso unmöglich wie die gemeinsameBodenkultur. Ein großer Fortschritt war die Erbauung von Städten. In allen bisherigen Perioden warindes die Aufhebung der getrennten Wirtschaft, die von der Aufhebung des Privateigentums nicht zutrennen ist, schon deswegen unmöglich, weil die materiellen Bedingungen dazu nicht vorhandenwaren. Die Einrichtung einer gemeinsamen Hauswirtschaft setzt die Entwicklung der Maschinerie, derBenutzung der Naturkräfte und vieler andern Produktivkräfte voraus - z.B. der Wasserleitungen, derGasbeleuchtung, der Dampfheizung etc., Aufhebung [des Gegensatzes] von Stadt und Land. Ohnediese Bedingungen würde die gemeinsame Wirtschaft nicht selbst wieder eine neue Produktionskraftsein, aller materiellen Basis entbehren, auf einer bloß theoretischen Grundlage beruhen, d.h. einebloße Marotte sein und es nur zur Klosterwirtschaft bringen. - Was möglich war, zeigt sich in derZusammenrückung zu Städten und in der Erbauung gemeinsamer Häuser zu einzelnen bestimmtenZwecken (Gefängnisse, Kasernen pp.) Daß die Aufhebung der getrennten Wirtschaft von derAufhebung der Familie nicht zu trennen ist, versteht sich von selbst.50
verschiedene Stufen zu fassen, sondern eben nur als drei Seiten, oder um für die Deutschenklar zu schreiben, drei \"Momente\", die vom Anbeginn der Geschichte an und seit den erstenMenschen zugleich existiert haben und sich noch heute in der Geschichte geltend machen.Die Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie des fremden in derZeugung, erscheint nun schon sogleich als ein doppeltes Verhältnis - einerseits alsnatürliches, andrerseits als gesellschaftliches Verhältnis - gesellschaftlich in dem Sinne, alshierunter das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen,auf welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden wird. Hieraus geht hervor, daß einebestimmte Produktionsweise oder industrielle Stufe stets mit einer bestimmten Weise desZusammenwirkens oder gesellschaftlichen Stufe vereinigt ist, und diese Weise desZusammenwirkens ist selbst eine \"Produktivkraft\", daß die Menge der den Menschenzugänglichen Produktivkräfte den gesellschaftlichen Zustand bedingt und also die\"Geschichte der Menschheit\" stets im Zusammenhange mit der Geschichte der Industrie unddes Austausches studiert und bearbeitet werden muß. Es ist aber auch klar, wie es inDeutschland unmöglich ist, solche Geschichte zu schreiben, da den Deutschen dazu nichtnur die Auffassungsfähigkeit und das Material, sondern auch die \"sinnliche Gewißheit\"abgeht und man jenseits des Rheins über diese Dinge keine Erfahrungen machen kann, weildort keine Geschichte mehr vorgeht. Es zeigt sich also schon von vornherein einmaterialistischer Zusammenhang der Menschen untereinander, der durch die Bedürfnisseund die Weise der Produktion bedingt und so alt ist wie die Menschen selbst - einZusammenhang, der stets neue Formen annimmt und also eine \"Geschichte\" darbietet,auch ohne daß irgendein politischer oder religiöser Nonsens existiert, der die Menschennoch extra zusammenhalte.Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ursprünglichen,geschichtlichen Verhältnisse betrachtet haben, finden wir, daß der Mensch auch\"Bewußtsein\" hat21. Aber auch dies nicht von vornherein, als \"reines\" Bewußtsein. Der\"Geist\" hat von vornherein den Fluch an sich, mit der Materie \"behaftet\" zu sein, die hier inder Form von bewegten Luftschichten, Tönen, kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist soalt wie das Bewußtsein - die Sprache ist das praktische, auch für andre Menschenexistierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein, und dieSprache entsteht, wie das Bewußtsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrsmit andern Menschen22. Wo ein Verhältnis existiert, da existiert es für mich, das Tier \"verhält\"sich zu Nichts und überhaupt nicht. Für das Tier existiert sein Verhältnis zu andern nicht alsVerhältnis. Das Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt undbleibt es, solange überhaupt Menschen existieren. Das Bewußtsein ist natürlich zuerst bloßBewußtsein über die nächste sinnliche Umgebung und Bewußtsein des borniertenZusammenhanges mit andern Personen und Dingen außer dem sich bewußt werdendenIndividuum; es ist zu gleicher Zeit Bewußtsein der Natur, die den Menschen anfangs als einedurchaus fremde, allmächtige und unangreifbare Macht gegenübertritt, zu der sich dieMenschen rein tierisch verhalten, von der sie sich imponieren lassen wie das Vieh; und alsoein rein tierisches Bewußtsein der Natur (Naturreligion).22 [Im Manuskript gestrichen:] Mein Verhältnis zu meiner Umgehung ist mein Bewußtsein.21 Die Menschen haben Geschichte, weil sie ihr Leben produzieren müssen, und zwar müssen aufbestimmte Weise: dies ist durch ihre physische Organisation gegeben; ebenso wie ihr Bewußtsein.51
Man sieht hier sogleich: Diese Naturreligion oder dies bestimmte Verhalten zur Natur istbedingt durch die Gesellschaftsform und umgekehrt. Hier wie überall tritt die Identität vonNatur und Mensch auch so hervor, daß das bornierte Verhalten der Menschen zur Natur ihrborniertes Verhalten zueinander, und ihr borniertes Verhalten zueinander ihr borniertesVerhältnis zur Natur bedingt, eben weil die Natur noch kaum geschichtlich modifiziert ist, undandrerseits Bewußtsein der Notwendigkeit, mit den umgebenden Individuen in Verbindungzu treten, der Anfang des Bewußtseins darüber, daß er überhaupt in einer Gesellschaft lebt.Dieser Anfang ist so tierisch wie das gesellschaftliche Leben dieser Stufe selbst, er istbloßes Herdenbewußtsein, und der Mensch unterscheidet sich hier vom Hammel nurdadurch, daß sein Bewußtsein ihm die Stelle des Instinkts vertritt, oder daß sein Instinkt einbewußter ist. Dieses Hammel- oder Stammbewußtsein erhält seine weitere Entwicklung undAusbildung durch die gesteigerte Produktivität, die Vermehrung der Bedürfnisse und dieBeiden zum Grunde liegende Vermehrung der Bevölkerung. Damit entwickelt sich dieTeilung der Arbeit, die ursprünglich nichts war als die Teilung der Arbeit im Geschlechtsakt,dann Teilung der Arbeit, die sich vermöge der natürlichen Anlage (z.B. Körperkraft),Bedürfnisse, Zufälle etc. etc. von selbst oder \"naturwüchsig\" macht. Die Teilung der Arbeitwird erst wirklich Teilung von dem Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen undgeistigen Arbeit eintritt23. Von diesem Augenblicke an kann sich das Bewußtsein wirklicheinbilden, etwas Andres als das Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein, wirklich etwasvorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen - von diesem Augenblicke an ist dasBewußtsein imstande, sich von der Welt zu emanzipieren und zur Bildung der \"reinen\"Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. überzugehen. Aber selbst wenn diese Theorie,Theologie, Philosophie, Moral etc. in Widerspruch mit den bestehenden Verhältnissen treten,so kann dies nur dadurch geschehen, daß die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissemit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch getreten sind - was übrigens in einembestimmten nationalen Kreise von Verhältnissen auch dadurch geschehen kann, daß derWiderspruch nicht in diesem nationalen Umkreis, sondern zwischen diesem nationalenBewußtsein und der Praxis der anderen Nationen24, d.h. zwischen dem nationalen undallgemeinen Bewußtsein einer Nation sich einstellt.Übrigens ist es ganz einerlei, was das Bewußtsein alleene anfängt, wir erhalten aus diesemganzen Dreck nur das eine Resultat, daß diese drei Momente, die Produktionskraft, dergesellschaftliche Zustand und das Bewußtsein, in Widerspruch untereinander geratenkönnen und müssen, weil mit der Teilung der Arbeit die Möglichkeit, ja die Wirklichkeitgegeben ist, daß die geistige und materielle Tätigkeit - daß der Genuß und die Arbeit,Produktion und Konsumtion, verschiedenen Individuen zufallen, und die Möglichkeit, daß sienicht in Widerspruch geraten, nur darin liegt, daß die Teilung der Arbeit wieder aufgehobenwird. Es versteht sich übrigens von selbst, daß die \"Gespenster\", \"Bande\", \"höheresWesen\", \"Begriff\", \"Bedenklichkeit\" bloß der idealistische geistliche Ausdruck, die Vorstellungscheinbar des vereinzelten Individuums sind, die Vorstellung von sehr empirischen Fesselnund Schranken, innerhalb deren sich die Produktionsweise des Lebens und die damitzusammenhängende Verkehrsform bewegt.Mit der Teilung der Arbeit, in welcher alle diese Widersprüche gegeben sind und welcheihrerseits wieder auf der naturwüchsigen Teilung der Arbeit in der Familie und der Trennungder Gesellschaft in einzelne, einander entgegengesetzte Familien beruht, ist zu gleicher Zeit24 [Randbemerkung von Marx:] Religion. Die Deutschen mit der Ideologie als solcher.23 [Randbemerkung von Marx:] Erste Form der Ideologen, Pfaffen, fällt zusammen.52
auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilungder Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in der Familie, wo die Frauund die Kinder die Sklaven des Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste Form hat. Diefreilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, das übrigenshier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomen entspricht, nach der es dieVerfügung über fremde Arbeitskraft ist. Übrigens sind Teilung der Arbeit und Privateigentumidentische Ausdrücke - in dem Einen wird in Beziehung auf die Tätigkeit dasselbeausgesagt, was in dem Andern in bezug auf das Produkt der Tätigkeit ausgesagt wird.Ferner ist mit der Teilung der Arbeit zugleich der Widerspruch zwischen dem Interesse deseinzelnen Individuums oder der einzelnen Familie und dem gemeinschaftlichen Interessealler Individuen, die miteinander verkehren, gegeben; und zwar existiert diesgemeinschaftliche Interesse nicht bloß in der Vorstellung, als \"Allgemeines\", sondern zuerstin der Wirklichkeit als gegenseitige Abhängigkeit der Individuen, unter denen die Arbeitgeteilt ist. Und endlich bietet uns die Teilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar,daß, solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft befinden, solange alsodie Spaltung zwischen dem besondern und gemeinsamen Interesse existiert, solange dieTätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig geteilt ist, die eigne Tat des Menschenihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er siebeherrscht. Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmtenausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht herauskann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn ernicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, woJeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigenZweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir ebendadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zufischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lusthabe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden. Dieses Sichfestsetzen dersozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewaltüber uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsreBerechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigengeschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern undgemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staat eineselbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an, undzugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, aber stets auf der realen Basis der in jedemFamilien- und Stamm-Konglomerat vorhandenen Bänder, wie Fleisch und Blut, Sprache,Teilung der Arbeit im größeren Maßstabe und sonstigen Interessen - und besonders, wie wirspäter entwickeln werden, der durch die Teilung der Arbeit bereits bedingten Klassen, die injedem derartigen Menschenhaufen sich absondern und von denen eine alle andernbeherrscht. Hieraus folgt, daß alle Kämpfe innerhalb des Staats, der Kampf zwischenDemokratie, Aristokratie und Monarchie, der Kampf um das Wahlrecht etc. etc., nichts alsdie illusorischen Formen sind, in denen die wirklichen Kämpfe der verschiednen Klassenuntereinander geführt werden (wovon die deutschen Theoretiker nicht eine Silbe ahnen,trotzdem daß man ihnen in den \"Deutsch-Französischen Jahrbüchern\" und der \"HeiligenFamilie\" dazu Anleitung genug gegeben hatte), und ferner, daß jede nach der Herrschaftstrebende Klasse, wenn ihre Herrschaft auch, wie dies beim Proletariat der Fall ist, dieAufhebung der ganzen alten Gesellschaftsform und der Herrschaft überhaupt bedingt, sichzuerst die politische Macht erobern muß, um ihr Interesse wieder als das Allgemeine, wozu53
sie im ersten Augenblick gezwungen ist, darzustellen. Eben weil die Individuen nur ihrbesondres, für sie nicht mit ihrem gemeinschaftlichen Interesse zusammenfallendes suchen,überhaupt das Allgemeine illusorische Form der Gemeinschaftlichkeit, wird dies als einihnen \"fremdes\" und von ihnen \"unabhängiges\", als ein selbst wieder besonderes undeigentümliches \"Allgemein \"-Interesse geltend gemacht, oder sie selbst müssen sich indiesem Zwiespalt bewegen\" wie in der Demokratie. Andrerseits macht denn auch derpraktische Kampf dieser beständig wirklich den gemeinschaftlichen und illusorischengemeinschaftlichen Interessen entgegentretenden Sonderinteressen die praktischeDazwischenkunft und Zügelung durch das illusorische \"Allgemein\"-Interesse als Staat nötig.Die soziale Macht, d.h. die vervielfachte Produktionskraft, die durch das in der Teilung derArbeit bedingte Zusammenwirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint diesenIndividuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nichtals ihre eigne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, vonder sie nicht wissen woher und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die imGegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, jadies Wollen und Laufen erst dirigierende Reihenfolge von Phasen und Entwicklungsstufendurchläuft.Diese \"Entfremdung\", um den Philosophen verständlich zu bleiben, kann natürlich nur unterzwei praktischen Voraussetzungen aufgehoben werden. Damit sie eine \"unerträgliche\"Macht werde, d.h. eine Macht, gegen die man revolutioniert, dazu gehört, daß sie die Masseder Menschheit als durchaus \"Eigentumslos\" erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zueiner vorhandnen Welt des Reichtums und der Bildung, was beides eine große Steigerungder Produktivkraft, einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt - und andrerseits istdiese Entwicklung der Produktivkräfte (womit zugleich schon die in weltgeschichtlichem,statt der in lokalem Dasein der Menschen vorhandne empirische Existenz gegeben ist) auchdeswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangelverallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnenund die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, weil ferner nur mit dieser universellenEntwicklung der Produktivkräfte ein universeller Verkehr der Menschen gesetzt ist, dahereinerseits das Phänomen der \"Eigentumslosen\" Masse in Allen Völkern gleichzeitig erzeugt(allgemeine Konkurrenz), jedes derselben von den Umwälzungen der andern abhängigmacht, und endlich weltgeschichtliche, empirisch universelle Individuen an die Stelle derlokalen gesetzt hat. Ohne dies könnte1. der Kommunismus nur als eine Lokalität existieren,2. die Mächte des Verkehrs selbst hätten sich als universelle, drum unerträgliche Machtenicht entwickeln können, sie wären heimisch-abergläubige \"Umstände\" geblieben, und3. würde jede Erweiterung des Verkehrs den lokalen Kommunismus aufheben.Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker \"auf einmal\" undgleichzeitig möglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihmzusammenhängenden Weltverkehr voraussetzt. Wie hätte sonst z.B. das Eigentumüberhaupt eine Geschichte haben, verschiedene Gestalten annehmen, und etwa dasGrundeigentum je nach der verschiedenen vorliegende Voraussetzung in Frankreich aus derParzellierung zur Zentralisation in wenigen Händen, in England aus der Zentralisation in54
wenigen Händen zur Parzellierung drängen können, wie dies heute wirklich der Fall ist?Oder wie kommt es, daß der Handel, der doch weiter nichts ist als der Austausch derProdukte verschiedner Individuen und Länder, durch das Verhältnis von Nachfrage undZufuhr die ganze Welt beherrscht - ein Verhältnis, das, wie ein englischer Ökonom sagt,gleich dem antiken Schicksal über der Erde schwebt und mit unsichtbarer Hand Glück undUnglück an die Menschen verteilt, Reiche stiftet und Reiche zertrümmert, Völker entstehenund verschwinden macht -, während mit der Aufhebung der Basis, des Privateigentums, mitder kommunistischen Regelung der Produktion und der darin liegenden Vernichtung derFremdheit, mit der sich die Menschen zu ihrem eignen Produkt verhalten, die Macht desVerhältnisses von Nachfrage und Zufuhr sich in Nichts auflöst und die Menschen denAustausch, die Produktion, die Weise ihres gegenseitigen Verhaltens wieder in ihre Gewaltbekommen?Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal,wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus diewirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieserBewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung. Übrigens setzt dieMasse von bloßen Arbeitern - massenhafte, von Kapital oder von irgendeiner borniertenBefriedigung abgeschnittne Arbeiterkraft - und darum auch der nicht mehr temporäre Verlustdieser Arbeit selbst als einer gesicherten Lebensquelle durch die Konkurrenz den Weltmarktvoraus. Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus,seine Aktion, nur als \"weltgeschichtliche\" Existenz überhaupt vorhanden sein kann;weltgeschichtliche Existenz der Individuen; d.h. Existenz der Individuen, die unmittelbar mitder Weltgeschichte verknüpft ist.Die durch die auf allen bisherigen geschichtlichen Stufen vorhandenen Produktionskräftebedingte und sie wiederum bedingende Verkehrsform ist die bürgerliche Gesellschaft, die,wie schon aus dem Vorhergehenden hervorgeht, die einfache Familie und diezusammengesetzte Familie, das sogenannte Stammwesen zu ihrer Voraussetzung undGrundlage hat, und deren nähere Bestimmungen im Vorhergehenden enthalten sind. Eszeigt sich schon hier, daß diese bürgerliche Gesellschaft der wahre Herd und Schauplatzaller Geschichte ist, und wie widersinnig die bisherige, die wirklichen Verhältnissevernachlässigende Geschichtsauffassung mit ihrer Beschränkung auf hochtönende Hauptund Staatsaktionen ist.25Die bürgerliche Gesellschaft umfaßt den gesamten materiellen Verkehr der Individueninnerhalb einer bestimmten Entwicklungsstufe der Produktivkräfte. Sie umfaßt das gesamtekommerzielle und industrielle Leben einer Stufe und geht insofern über den Staat und dieNation hinaus, obwohl sie andrerseits wieder nach Außen hin als Nationalität sich geltendmachen, nach Innen als Staat sich gliedern muß. Das Wort bürgerliche Gesellschaft kam aufim achtzehnten Jahrhundert, als die Eigentumsverhältnisse bereits aus dem antiken undmittelalterlichen Gemeinwesen sich herausgearbeitet hatten. Die bürgerliche Gesellschaftals solche entwickelt sich erst mit der Bourgeoisie; die unmittelbar aus der Produktion unddem Verkehr sich entwickelnde gesellschaftliche Organisation, die zu allen Zeiten die Basis25 [Im Manuskript gestrichen:] Bisher haben wir hauptsächlich nur die eine Seite der menschlichenTätigkeit, die Bearbeitung der Natur durch die Menschen betrachtet. Die andre Seite, die Bearbeitungder Menschen durch die Menschen ...Ursprung des Staats und das Verhältnis des Staats zur bürgerlichen Gesellschaft.55
des Staats und der sonstigen idealistischen Superstruktur bildet, ist indes fortwährend mitdemselben Namen bezeichnet worden.[2.] Über die Produktion des BewußtseinsIn der bisherigen Geschichte ist es allerdings ebensosehr eine empirische Tatsache, daß dieeinzelnen Individuen mit der Ausdehnung der Tätigkeit zur Weltgeschichtlichen immer mehrunter einer ihnen fremden Macht geknechtet worden sind (welchen Druck sie sich denn auchals Schikane des sogenannten Weltgeistes etc. vorstellten), einer Macht, die immermassenhafter geworden ist und sich in letzter Instanz als Weltmarkt ausweist. Aber ebensoempirisch begründet ist es, daß durch den Umsturz des bestehenden gesellschaftlichenZustandes durch die kommunistische Revolution (wovon weiter unten) und die damitidentische Aufhebung des Privateigentums diese den deutschen Theoretikern so mysteriöseMacht aufgelöst wird und alsdann die Befreiung jedes einzelnen Individuums in demselbenMaße durchgesetzt wird, in dem die Geschichte sich vollständig in Weltgeschichteverwandelt. Daß der wirkliche geistige Reichtum des Individuums ganz von dem Reichtumseiner wirklichen Beziehungen abhängt, ist nach dem Obigen klar. Die einzelnen Individuenwerden erst hierdurch von den verschiedenen nationalen und lokalen Schranken befreit, mitder Produktion (auch mit der geistigen) der ganzen Welt in praktische Beziehung gesetztund in den Stand gesetzt, sich die Genußfähigkeit für diese allseitige Produktion der ganzenErde (Schöpfungen der Menschen) zu erwerben. Die allseitige Abhängigkeit, diesenaturwüchsige Form des weltgeschichtlichen Zusammenwirkens der Individuen, wird durchdiese kommunistische Revolution verwandelt in die Kontrolle und bewußte Beherrschungdieser Mächte, die, aus dem Aufeinander-Wirken der Menschen erzeugt, ihnen bisher alsdurchaus fremde Mächte imponiert und sie beherrscht haben. Diese Anschauung kann nunwieder spekulativ-idealistisch, d.h. phantastisch als \"Selbsterzeugung der Gattung\" (die\"Gesellschaft als Subjekt\") gefaßt und dadurch die aufeinanderfolgende Reihe von imZusammenhange stehenden Individuen als ein einziges Individuum vorgestellt werden, dasdas Mysterium vollzieht, sich selbst zu erzeugen. Es zeigt sich hier, daß die Individuenallerdings einander machen, physisch und geistig, aber nicht sich machen, weder im Unsinndes heiligen Bruno, noch im Sinne des \"Einzigen\", des \"gemachten\" Mannes.Diese Geschichtsauffassung beruht also darauf, den wirklichen Produktionsprozeß, undzwar von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickelnund die mit dieser Produktionsweise zusammenhängende und von ihr erzeugteVerkehrsform, also die bürgerliche Gesellschaft in ihren verschiedenen Stufen, alsGrundlage der ganzen Geschichte aufzufassen und sie sowohl in ihrer Aktion als Staatdarzustellen, wie die sämtlichen verschiedenen theoretischen Erzeugnisse und Formen desBewußtseins, Religion, Philosophie, Moral etc. etc., aus ihr zu erklären und ihrenEntstehungsprozeß aus ihnen zu verfolgen, wo dann natürlich auch die Sache in ihrerTotalität (und darum auch die Wechselwirkung dieser verschiednen Seiten aufeinander)dargestellt werden kann. Sie hat in jeder Periode nicht, wie die idealistischeGeschichtsanschauung, nach einer Kategorie zu suchen, sondern bleibt fortwährend aufdem wirklichen Geschichtsboden stehen, erklärt nicht die Praxis aus der Idee, erklärt dieIdeenformationen aus der materiellen Praxis und kommt demgemäß auch zu dem Resultat,daß alle Formen und Produkte des Bewußtseins nicht durch geistige Kritik, durch Auflösung56
ins \"Selbstbewußtsein\" oder Verwandlung in \"Spuk\", \"Gespenster\", \"Sparren\" etc., sondernnur durch den praktischen Umsturz der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denendiese idealistischen Flausen hervorgegangen sind, aufgelöst werden können - daß nicht dieKritik, sondern die Revolution die treibende Kraft der Geschichte auch der Religion,Philosophie und sonstigen Theorie ist. Sie zeigt, daß die Geschichte nicht damit endigt, sichins \"Selbstbewußtsein\" als \"Geist vom Geist\" aufzulösen, sondern daß in ihr auf jeder Stufeein materielles Resultat, eine Summe von Produktionskräften, ein historisch geschaffnesVerhältnis zur Natur und der Individuen zueinander sich vorfindet, die jeder Generation vonihrer Vorgängerin überliefert wird, eine Masse von Produktivkräften, Kapitalien undUmständen, die zwar einerseits von der neuen Generation modifiziert wird, ihr aber auchandrerseits ihre eignen Lebensbedingungen vorschreibt und ihr eine bestimmte Entwicklung,einen speziellen Charakter gibt - daß also die Umstände ebensosehr die Menschen, wie dieMenschen die Umstände machen. Diese Summe von Produktionskräften, Kapitalien undsozialen Verkehrsformen, die jedes Individuum und jede Generation als etwas Gegebenesvorfindet, ist der reale Grund dessen, was sich die Philosophen als \"Substanz\" und \"Wesendes Menschen\" vorgestellt, was sie apotheosiert und bekämpft haben, ein realer Grund, derdadurch nicht im Mindesten in seinen Wirkungen und Einflüssen auf die Entwicklung derMenschen gestört wird, daß diese Philosophen als \"Selbstbewußtsein\" und \"Einzige\"dagegen rebellieren. Diese vorgefundenen Lebensbedingungen der verschiedenenGenerationen entscheiden auch, ob die periodisch in der Geschichte wiederkehrenderevolutionäre Erschütterung stark genug sein wird oder nicht, die Basis alles Bestehendenumzuwerfen, und wenn diese materiellen Elemente einer totalen Umwälzung, nämlicheinerseits die vorhandnen Produktivkräfte, andrerseits die Bildung einer revolutionärenMasse, die nicht nur gegen einzelne Bedingungen der bisherigen Gesellschaft, sonderngegen die bisherige \"Lebensproduktion\" selbst, die \"Gesamttätigkeit'., worauf sie basierte,revolutioniert - nicht vorhanden sind, so ist es ganz gleichgültig für die praktischeEntwicklung, ob die Idee dieser Umwälzung schon hundertmal ausgesprochen ist - wie dieGeschichte des Kommunismus dies beweist.Die ganze bisherige Geschichtsauffassung hat diese wirkliche Basis der Geschichteentweder ganz und gar unberücksichtigt gelassen oder sie nur als eine Nebensachebetrachtet, die mit dem geschichtlichen Verlauf außer allem Zusammenhang steht. DieGeschichte muß daher immer nach einem außer ihr liegenden Maßstab geschriebenwerden; die wirkliche Lebensproduktion erscheint als Urgeschichtlich, während dasGeschichtliche als das vom gemeinen Leben Getrennte, Extra-Überweltliche erscheint. DasVerhältnis der Menschen zur Natur ist hiermit von der Geschichte ausgeschlossen, wodurchder Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt wird. Sie hat daher in der Geschichte nurpolitische Haupt- und Staatsaktionen und religiöse und überhaupt theoretische Kämpfesehen können und speziell bei jeder geschichtlichen Epoche die Illusion dieser Epocheteilen müssen. Z.B. bildet sich eine Epoche ein, durch rein \"politische\" oder \"religiöse\"Motive bestimmt zu werden, obgleich \"Religion\" und \"Politik\" nur Formen ihrer wirklichenMotive sind, so akzeptiert ihr Geschichtschreiber diese Meinung. Die \"Einbildung\", die\"Vorstellung\" dieser bestimmten Menschen über ihre wirkliche Praxis wird in die einzigbestimmende und aktive Macht verwandelt, welche die Praxis dieser Menschen beherrschtund bestimmt. Wenn die rohe Form, in der die Teilung der Arbeit bei den Indern undÄgyptern vorkommt, das Kastenwesen bei diesen Völkern in ihrem Staat und ihrer Religionhervorruft, so glaubt der Historiker, das Kastenwesen sei die Macht, welche diese rohegesellschaftliche Form erzeugt habe. Während die Franzosen und Engländer wenigstens an57
der politischen Illusion, die der Wirklichkeit noch am nächsten steht, halten, bewegen sichdie Deutschen im Gebiete des \"reinen Geistes\" und machen die religiöse Illusion zurtreibenden Kraft der Geschichte. Die Hegelsche Geschichtsphilosophie ist die letzte, aufihren \"reinsten Ausdruck\" gebrachte Konsequenz dieser gesamten DeutschenGeschichtschreibung, in der es sich nicht um wirkliche, nicht einmal um politischeInteressen, sondern um reine Gedanken handelt, die dann auch dem heiligen Bruno als eineReihe von \"Gedanken\" erscheinen muß, von denen einer den andren auffrißt und in dem\"Selbstbewußtsein\" schließlich untergeht, und noch konsequenter dem heiligen Max Stirner,der von der ganzen wirklichen Geschichte nichts weiß, dieser historische Verlauf als einebloße \"Ritter\"-, Räuber- und Gespenstergeschichte erscheinen mußte, vor deren Visionen ersich natürlich nur durch die \"Heillosigkeit\" zu retten weiß26. Diese Auffassung ist wirklichreligiös, sie unterstellt den religiösen Menschen als den Urmenschen, von dem alleGeschichte ausgeht, und setzt in ihrer Einbildung die religiöse Phantasien-Produktion an dieStelle der wirklichen Produktion der Lebensmittel und des Lebens selbst. Diese ganzeGeschichtsauffassung samt ihrer Auflösung und den daraus entstehenden Skrupeln undBedenken ist eine bloß nationale Angelegenheit der Deutschen und hat nur lokalesInteresse für Deutschland, wie zum Exempel die wichtige, neuerdings mehrfach behandelteFrage: wie man denn eigentlich \"aus dem Gottesreich in das Menschenreich komme\", als obdieses \"Gottesreich\" je anderswo existiert habe als in der Einbildung und die gelahrtenHerren nicht fortwährend, ohne es zu wissen, in dem \"Menschenreich\" lebten, zu welchemsie jetzt den Weg suchen, und als ob das wissenschaftliche Amüsement, denn mehr als dasist es nicht, das Kuriosum dieser theoretischen Wolkenbildung zu erklären, nicht geradeumgekehrt darin läge, daß man ihre Entstehung aus den wirklichen irdischen Verhältnissennachweist. Überhaupt handelt es sich bei diesen Deutschen stets darum, denvorgefundenen Unsinn in irgendeine andre Marotte aufzulösen, d.h. vorauszusetzen, daßdieser ganze Unsinn überhaupt einen aparten Sinn habe, der herauszufinden sei, währendes sich nur darum handelt, diese theoretischen Phrasen aus den bestehenden wirklichenVerhältnissen zu erklären. Die wirkliche, praktische Auflösung dieser Phrasen, dieBeseitigung dieser Vorstellungen aus dem Bewußtsein der Menschen wird, wie schongesagt, durch veränderte Umstände, nicht durch theoretische Deduktionen bewerkstelligt.Für die Masse der Menschen, d.h. das Proletariat, existieren diese theoretischenVorstellungen nicht, brauchen also für sie auch nicht aufgelöst zu werden, und wenn dieseMasse je einige theoretische Vorstellungen, z.B. Religion hatte, so sind diese jetzt schonlängst durch die Umstände aufgelöst.Das rein Nationale dieser Fragen und Lösungen zeigt sich auch noch darin, daß dieseTheoretiker alles Ernstes glauben, Hirngespinste wie \"der Gottmensch\", \"der Mensch\" etc.hätten den einzelnen Epochen der Geschichte präsidiert - der heilige Bruno geht sogarsoweit, zu behaupten, nur \"die Kritik und die Kritiker hätten die Geschichte gemacht\" - und,wenn sie sich selbst an geschichtliche Konstruktionen geben, über alles Frühere in dergrößten Eile hinwegspringen und vom \"Mongolentum\" sogleich auf die eigentliche\"inhaltsvolle Geschichte, nämlich die Geschichte der \"Hallischen\" und \"DeutschenJahrbücher\" und der Auflösung der Hegelschen Schule in eine allgemeine Zänkereiübergehen. Alle andern Nationen, alle wirklichen Ereignisse werden vergessen, dasTheatrum mundi <Welttheater> beschränkt sich auf die Leipziger Büchermesse und die26 [Randbemerkung von Marx:) Die sogenannte objektive Geschichtschreibung bestand eben darin,die geschichtlichen Verhältnisse getrennt von der Tätigkeit aufzufassen. Reaktionärer Charakter.58
gegenseitigen Streitigkeiten der \"Kritik\", des \"Menschen\" und des Einzigen\". Wenn sich dieTheorie vielleicht einmal daran gibt, wirklich historisch Themata zu behandeln, wie z.B. dasachtzehnte Jahrhundert, so geben sie nur die Geschichte der Vorstellungen, losgerissen vonden Tatsachen und praktischen Entwicklungen, die ihnen zum Grunde liegen, und auchdiese nur in der Absicht, um diese Zeit als eine unvollkommene Vorstufe, als den nochbornierten Vorläufer der wahren geschichtlichen Zeit, d.h. der Zeit des deutschenPhilosophenkampfes von 1840/44 darzustellen. Diesem Zwecke, eine frühere Geschichte zuschreiben, um den Ruhm einer ungeschichtlichen Person und ihrer Phantasien desto hellerleuchten zu lassen, entspricht es denn, daß man alle wirklich historischen Ereignisse, selbstdie wirklich historischen Eingriffe der Politik in die Geschichte, nicht erwähnt und dafür einenicht auf Studien, sondern Konstruktionen und literarischen Klatschgeschichten beruhendeErzählung gibt - wie dies vom heiligen Bruno in seiner nun vergessenen \"Geschichte desl8ten Jahrhunderts\" geschehen ist. Diese hochtrabenden und hochfahrendenGedankenkrämer, die unendlich weit über alle nationalen Vorurteile erhaben zu seinglauben, sind also in der Praxis noch viel nationaler als die Bierphilister, die vonDeutschlands Einheit träumen. Sie erkennen die Taten andrer Völker gar nicht für historischan, sie leben in Deutschland zu Deutschland und für Deutschland, sie verwandeln dasRheinlied in ein geistliches Lied und erobern Elsaß und Lothringen, indem sie statt desfranzösischen Staats die französische Philosophie bestehlen, statt französischer Provinzenfranzösische Gedanken germanisieren. Herr Venedey ist ein Kosmopolit gegen die HeiligenBruno und Max, die in der Weltherrschaft der Theorie die Weltherrschaft Deutschlandsproklamieren.Es zeigt sich aus diesen Auseinandersetzungen auch, wie sehr Feuerbach sich täuscht,wenn er27 sich vermöge der Qualifikation \"Gemeinmensch\" für einen Kommunisten erklärt, inein Prädikat \"des\" Menschen verwandelt, also das Wort Kommunist, das in der bestehendenWelt den Anhänger einer bestimmten revolutionären Partei bezeichnet, wieder in eine bloßeKategorie verwandeln zu können glaubt. Feuerbachs ganze Deduktion in Beziehung auf dasVerhältnis der Menschen zueinander geht nur dahin, zu beweisen, daß die Menscheneinander nötig haben und immer gehabt haben. Er will das Bewußtsein über diese Tatsacheetablieren, er will also, wie die übrigen Theoretiker, nur ein richtiges Bewußtsein über einbestehendes Faktum hervorbringen, während es dem wirklichen Kommunisten daraufankommt, dies Bestehende umzustürzen. Wir erkennen es übrigens vollständig an, daßFeuerbach, indem er das Bewußtsein gerade dieser Tatsache zu erzeugen strebt, so weitgeht, wie ein Theoretiker überhaupt gehen kann, ohne aufzuhören, Theoretiker undPhilosoph zu sein. Charakteristisch ist es aber, daß die Heiligen Bruno und Max dieVorstellung Feuerbachs vom Kommunisten sogleich an die Stelle des wirklichenKommunisten setzen, was teilweise schon deswegen geschieht, damit sie auch denKommunismus als \"Geist vom Geist\", als philosophische Kategorie, als ebenbürtigenGegner bekämpfen können - und von seiten des heiligen Bruno auch noch auspragmatischen Interessen. Als Beispiel von der Anerkennung und zugleich Verkennung desBestehenden, die Feuerbach noch immer mit unsern Gegnern teilt, erinnern wir an die Stelleder \"Philosophie der Zukunft\", wo er entwickelt, daß das Sein eines Dinges oder Menschenzugleich sein Wesen sei, daß die bestimmten Existenzverhältnisse, Lebensweise undTätigkeit eines tierischen oder menschlichen Individuums dasjenige sei, worin sein \"Wesen\"sich befriedigt fühle. Hier wird ausdrücklich jede Ausnahme als ein unglücklicher Zufall, als27\"Wigand's Vierteljahrsschrift\", 1845, Bd. 259
eine Abnormität, die nicht zu ändern ist, aufgefaßt. Wenn also Millionen von Proletariern sichin ihren Lebensverhältnissen keineswegs befriedigt fühlen, wenn ihr \"Sein\" ihrem [...] <ImManuskript befindet sich hier eine Lücke>[...] sich in Wirklichkeit und für den praktischen Materialisten, d.h. Kommunisten, darumhandelt, die bestehende Welt zu revolutionieren, die vorgefundnen Dinge praktischanzugreifen und zu verändern. Wenn bei Feuerbach sich zuweilen derartige Anschauungenfinden, so gehen sie doch nie über vereinzelte Ahnungen hinaus und haben auf seineallgemeine Anschauungsweise viel zuwenig Einfluß, als daß sie hier anders denn alsentwicklungsfähige Keime in Betracht kommen könnten. Feuerbachs \"Auffassung\" dersinnlichen Welt beschränkt sich einerseits auf die bloße Anschauung derselben undandrerseits auf die bloße Empfindung, er sagt \"den Menschen\" statt d[ie] \"wirklichenhistorischen Menschen\". \"Der Mensch\" ist realiter <in Wirklichkeit> \"der Deutsche\". Imersten Falle, in der Anschauung der sinnlichen Welt, stößt er notwendig auf Dinge, dieseinem Bewußtsein und seinem Gefühl widersprechen, die die von ihm vorausgesetzteHarmonie aller Teile der sinnlichen Welt und namentlich des Menschen mit der Naturstören28. Um diese zu beseitigen, muß er dann zu einer doppelten Anschauung seineZuflucht nehmen, zwischen einer profanen, die nur das \"auf platter Hand Liegende\", undeiner höheren, philosophischen, die das \"wahre Wesen\" der Dinge erschaut. Er sieht nicht,wie die ihn umgehende sinnliche Welt nicht ein unmittelbar von Ewigkeit her gegebenes,sich stets gleiches Ding ist, sondern das Produkt der Industrie und desGesellschaftszustandes, und zwar in dem Sinne, daß sie ein geschichtliches Produkt ist, dasResultat der Tätigkeit einer ganzen Reihe von Generationen, deren Jede auf den Schulternder vorhergehenden stand, ihre Industrie und ihren Verkehr weiter ausbildete, ihre sozialeOrdnung nach den veränderten Bedürfnissen modifizierte. Selbst die Gegenstände dereinfachsten \"sinnlichen Gewißheit\" sind ihm nur durch die gesellschaftliche Entwicklung, dieIndustrie und den kommerziellen Verkehr gegeben. Der Kirschbaum ist, wie fast alleObstbäume, bekanntlich erst vor wenig Jahrhunderten durch den Handel in unsre Zoneverpflanzt worden und wurde deshalb erst durch diese Aktion einer bestimmten Gesellschaftin einer bestimmten Zeit der \"sinnlichen Gewißheit\" Feuerbachs gegeben.Übrigens löst sich in dieser Auffassung der Dinge, wie sie wirklich sind und geschehen sind,wie sich weiter unten noch deutlicher zeigen wird, jedes tiefsinnige philosophische Problemganz einfach in ein empirisches Faktum auf. Z.B. die wichtige Frage über das Verhältnis desMenschen zur Natur (oder gar, wie Bruno sagt, die \"Gegensätze in Natur und Geschichte\",als ob das zwei voneinander getrennte \"Dinge\" seien, der Mensch nicht immer einegeschichtliche Natur und eine natürliche Geschichte vor sich habe), aus der alle die\"unergründlich hohen Werke\" über \"Substanz\" und \"Selbstbewußtsein\" hervorgegangensind, zerfällt von selbst in der Einsicht, daß die vielberühmte \"Einheit des Menschen mit derNatur\" in der Industrie von jeher bestanden und in jeder Epoche je nach der geringeren odergrößeren Entwicklung der Industrie anders bestanden hat, ebenso wie der \"Kampf\" desMenschen mit der Natur, bis zur Entwicklung seiner Produktivkräfte auf einerentsprechenden Basis. Die Industrie und der Handel, die Produktion und der Austausch derLebensbedürfnisse bedingen ihrerseits und werden wiederum in der Art ihres Betriebes28 N.B. Nicht daß Feuerbach das auf platter Hand Liegende, den sinnlichen Schein der durchgenauere Untersuchung des sinnlichen Tatbestandes konstatierten sinnlichen Wirklichkeitunterordnet, ist der Fehler, sondern daß er in letzter Instanz nicht mit der Sinnlichkeit fertig werdenkann, ohne sie mit den \"Augen\", d.h. durch die \"Brille\" des Philosophen zu betrachten.60
bedingt durch die Distribution, die Gliederung der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen- und so kommt es denn, daß Feuerbach in Manchester z.B. nur Fabriken und Maschinensieht, wo vor hundert Jahren nur Spinnräder und Webstühle zu sehen waren, oder in derCampagna di Roma nur Viehweiden und Sümpfe entdeckt, wo er zur Zeit des Augustusnichts als Weingärten und Villen römischer Kapitalisten gefunden hätte. Feuerbach sprichtnamentlich von der Anschauung der Naturwissenschaft, er erwähnt Geheimnisse, die nurdem Auge des Physikers und Chemikers offenbar werden; aber wo wäre ohne Industrie undHandel die Naturwissenschaft? Selbst diese \"reine\" Naturwissenschaft erhält ja ihren Zwecksowohl wie ihr Material erst durch Handel und Industrie, durch sinnliche Tätigkeit derMenschen. So sehr ist diese Tätigkeit, dieses fortwährende sinnliche Arbeiten und Schaffen,diese Produktion die Grundlage der ganzen sinnlichen Welt, wie sie jetzt existiert, daß, wennsie auch nur für ein Jahr unterbrochen würde, Feuerbach eine ungeheure Veränderung nichtnur in der natürlichen Welt vorfinden, sondern auch die ganze Menschenwelt und seineignes Anschauungsvermögen, ja seine Eigne Existenz sehr bald vermissen würde.Allerdings bleibt dabei die Priorität der äußeren Natur bestehen, und allerdings hat dies Alleskeine Anwendung auf die ursprünglichen, durch generatio aequivoca29 erzeugten Menschen;aber diese Unterscheidung hat nur insofern Sinn, als man den Menschen als von der Naturunterschieden betrachtet. Übrigens ist diese der menschlichen Geschichte vorhergehendeNatur ja nicht die Natur, in der Feuerbach lebt, nicht die Natur, die heutzutage,ausgenommen etwa auf einzelnen australischen Koralleninseln neueren Ursprungs,nirgends mehr existiert, also auch für Feuerbach nicht existiert.Feuerbach hat allerdings den großen Vorzug vor den \"reinen\" Materialisten, daß er einsieht,wie auch der Mensch \"sinnlicher Gegenstand\" ist; aber abgesehen davon, daß er ihn nur als\"sinnlichen Gegenstand\", nicht als \"sinnliche Tätigkeit\" faßt, da er sich auch hierbei in derTheorie hält, die Menschen nicht in ihrem gegebenen gesellschaftlichen Zusammenhange,nicht unter ihren vorliegenden Lebensbedingungen, die sie zu Dem gemacht haben, was siesind, auffaßt, so kommt er nie zu den wirklich existierenden, tätigen Menschen, sondernbleibt bei dem Abstraktum \"der Mensch\" stehen und bringt es nur dahin, den \"wirklichen,individuellen, leibhaftigen Menschen\" in der Empfindung anzuerkennen, d.h., er kennt keineandern \"menschlichen Verhältnisse\" \"des Menschen zum Menschen\", als Liebe undFreundschaft, und zwar idealisiert. Gibt keine Kritik der jetzigen Lebensverhältnisse. Erkommt also nie dazu, die sinnliche Welt als die gesamte lebendige sinnliche Tätigkeit dersie ausmachenden Individuen aufzufassen, und ist daher gezwungen, wenn er z.B. stattgesunder Menschen einen Haufen skrofulöser, überarbeiteter und schwindsüchtigerHungerleider sieht, da zu der \"höheren Anschauung\" und zur ideellen \"Ausgleichung in derGattung\" seine Zuflucht zu nehmen, also gerade da in den Idealismus zurückzufallen, woder kommunistische Materialist die Notwendigkeit und zugleich die Bedingung einerUmgestaltung sowohl der Industrie wie der gesellschaftlichen Gliederung sieht.Soweit Feuerbach Materialist ist, kommt die Geschichte bei ihm nicht vor, und soweit er dieGeschichte in Betracht zieht, ist er kein Materialist. Bei ihm fallen Materialismus undGeschichte ganz auseinander, was sich übrigens schon aus dem Gesagten erklärt.3030 [im Manuskript gestrichen:] Wenn wir nun dennoch auf die Geschichte hier näher eingehen, sogeschieht es deshalb, weil die Deutschen gewohnt sind, bei den Worten Geschichte und geschichtlichsich alles Mögliche, nur nicht das Wirkliche vorzustellen, wovon namentlich der\"kanzelberedsamkeitliche\" Sankt Bruno ein glänzendes Exempel ablegt.29 Urzeugung61
Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denenJede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien,Produktionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen dieüberkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit diealten Umstände modifiziert, was sich nun spekulativ so verdrehen läßt, daß die spätereGeschichte zum Zweck der früheren gemacht wird, z.B., daß der Entdeckung Amerikas derZweck zugrunde gelegt wird, der französischen Revolution zum Durchbruch zu verhelfen,wodurch dann die Geschichte ihre aparten Zwecke erhält und eine \"Person neben anderenPersonen\" (als da sind: \"Selbstbewußtsein, Kritik, Einziger\" etc.) wird, während das, wasman mit den Worten \"Bestimmung\", \"Zweck\", \"Keim\", \"Idee\" der früheren Geschichtebezeichnet, weiter nichts ist als eine Abstraktion von der späteren Geschichte, eineAbstraktion von dem aktiven Einfluß, den die frühere Geschichte auf die spätere ausübt.Je weiter sich im Laufe dieser Entwicklung nun die einzelnen Kreise, die aufeinandereinwirken, ausdehnen, je mehr die ursprüngliche Abgeschlossenheit der einzelnenNationalitäten durch die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch naturwüchsighervorgebrachte Teilung der Arbeit zwischen verschiednen Nationen vernichtet wird, destomehr wird die Geschichte zur Weltgeschichte, so daß z.B., wenn in England eine Maschineerfunden wird, die in Indien und China zahllose Arbeiter außer Brot setzt und die ganzeExistenzform dieser Reiche umwälzt, diese Erfindung zu einem weltgeschichtlichen Faktumwird; oder daß der Zucker und Kaffee ihre weltgeschichtliche Bedeutung im neunzehntenJahrhundert dadurch bewiesen, daß der durch das napoleonische Kontinentalsystemerzeugte Mangel an diesen Produkten die Deutschen zum Aufstande gegen Napoleonbrachte und so die reale Basis der glorreichen Befreiungskriege von 1813 wurde. Hierausfolgt, daß diese Umwandlung der Geschichte in Weltgeschichte nicht etwa eine bloßeabstrakte Tat des \"Selbstbewußtseins\", Weltgeistes oder sonst eines metaphysischenGespenstes ist, sondern eine ganz materielle, empirisch nachweisbare Tat, eine Tat, zu derjedes Individuum, wie es geht und steht, ißt, trinkt und sich kleidet, den Beweis liefert.Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken,d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleichihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zuihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, sodaß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigenProduktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts alsder ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefaßtenherrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zurherrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft. Die Individuen, welche dieherrschende Klasse ausmachen, haben unter Anderm auch Bewußtsein und denken daher;insofern sie also als Klasse herrschen und den ganzen Umfang einer Geschichtsepochebestimmen, versteht es sich von selbst, daß sie dies in ihrer ganzen Ausdehnung tun, alsounter Andern auch als Denkende, als Produzenten von Gedanken herrschen, die Produktionund Distribution der Gedanken ihrer Zeit regeln; daß also ihre Gedanken die herrschendenGedanken der Epoche sind. Zu einer Zeit z.B. und in einem Lande, wo königliche Macht,Aristokratie und Bourgeoisie sich um die Herrschaft streiten, wo also die Herrschaft geteiltist, zeigt sich als herrschender Gedanke die Doktrin von der Teilung der Gewalten, die nunals ein \"ewiges Gesetz ausgesprochen wird.62
Die Teilung der Arbeit, die wir schon oben als eine der Hauptmächte der bisherigenGeschichte vorfanden, äußert sich nun auch in der herrschenden Klasse als Teilung dergeistigen und materiellen Arbeit, so daß innerhalb dieser Klasse der eine Teil als die Denkerdieser Klasse auftritt (die aktiven konzeptiven Ideologen derselben, welche die Ausbildungder Illusion dieser Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweige machen),während die Andern sich zu diesen Gedanken und Illusionen mehr passiv und rezeptivverhalten, weil sie in der Wirklichkeit die aktiven Mitglieder dieser Klasse sind und wenigerZeit dazu haben, sich Illusionen und Gedanken über sich selbst zu machen. Innerhalb dieserKlasse kann diese Spaltung derselben sich sogar zu einer gewissen Entgegensetzung undFeindschaft beider Teile entwickeln, die aber bei jeder praktischen Kollision, wo die Klasseselbst gefährdet ist, von selbst wegfällt, wo denn auch der Schein verschwindet, als wenndie herrschenden Gedanken nicht die Gedanken der herrschenden Klasse wären und einevon der Macht dieser Klasse unterschiedene Macht hätten. Die Existenz revolutionärerGedanken in einer bestimmten Epoche setzt bereits die Existenz einer revolutionären Klassevoraus, über deren Voraussetzungen bereits oben das Nötige gesagt ist.Löst man nun bei der Auffassung des geschichtlichen Verlaufs die Gedanken derherrschenden Klasse von der herrschenden Klasse los, verselbständigt man sie, bleibt dabeistehen, daß in einer Epoche diese und jene Gedanken geherrscht haben, ohne sich um dieBedingungen der Produktion und um die Produzenten dieser Gedanken zu bekümmern, läßtman also die den Gedanken zugrunde liegenden Individuen und Weltzustände weg, so kannman z.B. sagen, daß während der Zeit, in der die Aristokratie herrschte, die Begriffe Ehre,Treue etc., während der Herrschaft der Bourgeoisie die Begriffe Freiheit, Gleichheit etc.herrschten31. Die herrschende Klasse selbst bildet sich dies im Durchschnitt ein. DieseGeschichtsauffassung, die allen Geschichtschreibern vorzugsweise seit dem achtzehntenJahrhundert gemeinsam ist, wird notwendig auf das Phänomen stoßen, daß immerabstraktere Gedanken herrschen, d.h. Gedanken, die immer mehr die Form derAllgemeinheit annehmen. Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihrherrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als dasgemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideellausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzigvernünftigen, allgemein gültigen darzustellen. Die revolutionierende Klasse tritt vonvornherein, schon weil sie einer Klasse gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern alsVertreterin der ganzen Gesellschaft auf, sie erscheint als die ganze Masse der Gesellschaftgegenüber der einzigen, herrschenden Klasse32. Sie kann dies, weil im Anfange ihrInteresse wirklich noch mehr mit dem gemeinschaftlichen Interesse aller übrigennichtherrschenden Klassen zusammenhängt, sich unter dem Druck der bisherigenVerhältnisse noch nicht als besonderes Interesse einer besonderen Klasse entwickelnkonnte. Ihr Sieg nutzt daher auch vielen Individuen der übrigen, nicht zur Herrschaftkommenden Klassen, aber nur insofern, als er diese Individuen jetzt in den Stand setzt, sich32 [Randbemerkung von Marx :] Die Allgemeinheit entspricht 1. der Klasse contra Stand, 2. derKonkurrenz, Weltverkehr, etc., 3. der großen Zahlreichheit der herrschenden Klasse, 4. der Illusionder gemeinschaftlichen Interessen (im Anfang diese Illusion wahr), 5. der Täuschung der Ideologenund der Teilung der Arbeit.31 [Im Manuskript gestrichen:] Diese \"herrschenden Begriffe\" werden eine um so allgemeinere undumfassendere Form haben, je mehr die herrschende Klasse genötigt ist, ihr Interesse als das allerMitglieder der Gesellschaft darzustellen. Die herrschende Klasse selbst hat im Durchschnitt dieVorstellung, daß diese ihre Begriffe herrschten und unterscheidet sie nur dadurch von herrschendenVorstellungen früherer Epochen, daß sie sie als ewige Wahrheiten darstellt.63
in die herrschende Klasse zu erheben. Als die französische Bourgeoisie die Herrschaft derAristokratie stürzte, machte sie es dadurch vielen Proletariern möglich, sich über dasProletariat zu erheben, aber nur, insofern sie Bourgeois wurden. Jede neue Klasse bringtdaher nur auf einer breiteren Basis als die der bisher herrschenden ihre Herrschaftzustande, wogegen sich dann später auch der Gegensatz der nichtherrschenden gegen dienun herrschende Klasse um so schärfer und tiefer entwickelt. Durch Beides ist bedingt, daßder gegen diese neue herrschende Klasse zu führende Kampf wiederum auf eineentschiedenere, radikalere Negation der bisherigen Gesellschaftszustände hinarbeitet, alsalle bisherigen die Herrschaft anstrebenden Klassen dies tun konnten.Dieser ganze Schein, als ob die Herrschaft einer bestimmten Klasse nur die Herrschaftgewisser Gedanken sei, hört natürlich von selbst auf, sobald die Herrschaft von Klassenüberhaupt aufhört, die Form der gesellschaftlichen Ordnung zu sein, sobald es also nichtmehr nötig ist, ein besonderes Interesse als allgemeines oder \"das Allgemeine\" alsherrschend darzustellen.Nachdem einmal die herrschenden Gedanken von den herrschenden Individuen und vorallem von den Verhältnissen, die aus einer gegebnen Stufe der Produktionsweisehervorgehn, getrennt sind und dadurch das Resultat zustande gekommen ist, daß in derGeschichte stets Gedanken herrschen, ist es sehr leicht, aus diesen verschiedenenGedanken sich \"den Gedanken\", die Idee etc. als das in der Geschichte Herrschende zuabstrahieren und damit alle diese einzelnen Gedanken und Begriffe als\"Selbstbestimmungen\" des sich in der Geschichte entwickelnden Begriffs zu fassen. Es istdann auch natürlich, daß alle Verhältnisse der Menschen aus dem Begriff des Menschen,dem vorgestellten Menschen, dem Wesen des Menschen, dem Menschen abgeleitet werdenkönnen. Dies hat die spekulative Philosophie getan. Hegel gesteht selbst am Ende der\"Geschichtsphilosophie\", daß er \"den Fortgang des Begriffs allein betrachtet\" und in derGeschichte die \"wahrhafte Theodizee\" dargestellt habe. Man kann nun wieder auf dieProduzenten \"des Begriffs\" zurückgehen, auf die Theoretiker, Ideologen und Philosophen,und kommt dann zu dem Resultate, daß die Philosophen, die Denkenden als solche, vonjeher in der Geschichte geherrscht haben - ein Resultat, was, wie wir sehen, auch schon vonHegel ausgesprochen wurde. Das ganze Kunststück also, in der Geschichte dieOberherrlichkeit des Geistes33 nachzuweisen, beschränkt sich auf folgende drei Efforts:Nr. 1. Man muß die Gedanken der aus empirischen Gründen, unter empirischenBedingungen und als materielle Individuen Herrschenden von diesen Herrschenden trennenund somit die Herrschaft von Gedanken oder Illusionen in der Geschichte anerkennen.Nr. 2. Man muß in diese Gedankenherrschaft eine Ordnung bringen, einen mystischenZusammenhang unter den aufeinanderfolgenden herrschenden Gedanken nachweisen, wasdadurch zustande gebracht wird, daß man sie als \"Selbstbestimmungen des Begriffs\" faßt(dies ist deshalb möglich, weil diese Gedanken vermittelst ihrer empirischen Grundlagewirklich miteinander zusammenhängen und weil sie als bloße Gedanken gefaßt zuSelbstunterscheidungen, vom Denken gemachten Unterschieden, werden).Nr. 3 . Um das mystische Aussehen dieses \"sich selbst bestimmenden Begriffs\" zubeseitigen, verwandelt man ihn in eine Person - \"das Selbstbewußtsein\" - oder, um recht33 Hierarchie bei Stirner64
materialistisch zu erscheinen, in eine Reihe von Personen, die \"den Begriff\" in derGeschichte repräsentieren, in \"die Denkenden\", die \"Philosophen\" die Ideologen, die nunwieder als die Fabrikanten der Geschichte, als \"der Rat der Wächter\", als die Herrschendengefaßt werden34. Hiermit hat man sämtliche materialistischen Elemente aus der Geschichtebeseitigt und kann nun seinem spekulativen Roß ruhig die Zügel schießen lassen.Während im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper35 sehr wohl zwischen Dem zuunterscheiden weiß, was Jemand zu sein vorgibt, und dem, was er wirklich ist, so ist unsreGeschichtsschreibung noch nicht zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jederEpoche aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich einbildet.Es muß diese Geschichtsmethode, die in Deutschland, und warum vorzüglich, herrschte,entwickelt werden aus dem Zusammenhang mit der Illusion der Ideologen überhaupt, z.B.den Illusionen der Juristen, Politiker (auch der praktischen Staatsmänner darunter), aus dendogmatischen Träumereien und Verdrehungen dieser Kerls, die sich ganz einfach erklärt ausihrer praktischen Lebensstellung, ihrem Geschäft und der Teilung der Arbeit.[B. Die wirkliche Basis der Ideologie][1.] Verkehr und ProduktivkraftDie größte Teilung der materiellen und geistigen Arbeit ist die Trennung von Stadt und Land.Der Gegensatz zwischen Stadt und Land fängt an mit dem Übergange aus der Barbarei indie Zivilisation, aus dem Stammwesen in den Staat, aus der Lokalität in die Nation, und ziehtsich durch die ganze Geschichte der Zivilisation bis auf den heutigen Tag (die Anti-Corn-LawLeague) hindurch. - Mit der Stadt ist zugleich die Notwendigkeit der Administration, derPolizei, der Steuern usw., kurz des Gemeindewesens und damit der Politik überhauptgegeben. Hier zeigte sich zuerst die Teilung der Bevölkerung in zwei große Klassen, diedirekt auf der Teilung der Arbeit und den Produktionsinstrumenten beruht. Die Stadt istbereits die Tatsache der Konzentration der Bevölkerung, der Produktionsinstrumente, desKapitals, der Genüsse, der Bedürfnisse, während das Land gerade die entgegengesetzteTatsache, die Isolierung und Vereinzelung, zur Anschauung bringt. Der Gegensatz zwischenStadt und Land kann nur innerhalb des Privateigentums existieren. Er ist der krassesteAusdruck der Subsumtion des Individuums unter die Teilung der Arbeit, unter einebestimmte, ihm aufgezwungene Tätigkeit, eine Subsumtion, die den Einen zum borniertenStadttier, den Andern zum bornierten Landtier macht und den Gegensatz der InteressenBeider täglich neu erzeugt. Die Arbeit ist hier wieder die Hauptsache, die Macht über denIndividuen, und solange diese existiert, solange muß das Privateigentum existieren. DieAufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist eine der ersten Bedingungen derGemeinschaft, eine Bedingung, die wieder von einer Masse materieller Voraussetzungenabhängt und die der bloße Wille nicht erfüllen kann, wie Jeder auf den ersten Blick sieht.(Diese Bedingungen müssen noch entwickelt werden.) Die Trennung von Stadt und Land35 Krämer34 [Randbemerkung von Marx:] Der Mensch = dem \"denkenden Menschengeist\"65
kann auch gefaßt werden als die Trennung von Kapital und Grundeigentum, als der Anfangeiner vom Grundeigentum unabhängigen Existenz und Entwicklung des Kapitals, einesEigentums, das bloß in der Arbeit und im Austausch seine Basis hat.In den Städten, welche im Mittelalter nicht aus der früheren Geschichte fertig überliefertwaren, sondern sich neu aus den freigewordnen Leibeignen bildeten, war die besondreArbeit eines Jeden sein einziges Eigentum außer dem kleinen, fast nur im nötigstenHandwerkszeug bestehenden Kapital, das er mitbrachte. Die Konkurrenz der fortwährend indie Stadt kommenden entlaufenen Leibeigenen, der fortwährende Krieg des Landes gegendie Städte und damit die Notwendigkeit einer organisierten städtischen Kriegsmacht, dasBand des gemeinsamen Eigentums an einer bestimmten Arbeit, die Notwendigkeitgemeinsamer Gebäude zum Verkauf ihrer Waren zu einer Zeit, wo die Handwerker zugleichcommerçants36, und die damit gegebene Ausschließung Unberufener von diesen Gebäuden,der Gegensatz der Interessen der einzelnen Handwerke unter sich, die Notwendigkeit einesSchutzes der mit Mühe erlernten Arbeit und die feudale Organisation des ganzen Landeswaren die Ursachen der Vereinigung der Arbeiter eines jeden Handwerks in Zünften. Wirhaben hier auf die vielfachen Modifikationen des Zunftwesens, die durch spätere historischeEntwicklungen hereinkommen, nicht weiter einzugehen. Die Flucht der Leibeignen in dieStädte fand während des ganzen Mittelalters ununterbrochen statt. Diese Leibeignen, aufdem Lande von ihren Herren verfolgt, kamen einzeln in die Städte, wo sie eine organisierteGemeinde vorfanden, gegen die sie machtlos waren und worin sie sich der Stellungunterwerfen mußten, die ihnen das Bedürfnis nach ihrer Arbeit und das Interesse ihrerorganisierten städtischen Konkurrenten anwies. Diese einzeln hereinkommenden Arbeiterkonnten es nie zu einer Macht bringen, da, wenn ihre Arbeit eine zunftmäßige war, dieerlernt werden mußte, die Zunftmeister sie sich unterwarfen und nach ihrem Interesseorganisierten, oder, wenn ihre Arbeit nicht erlernt werden mußte, daher keine zunftmäßige,sondern Taglöhnerarbeit war, nie zu einer Organisation kamen, sondern unorganisierterPöbel blieben. Die Notwendigkeit der Taglöhnerarbeit in den Städten schuf den Pöbel.Diese Städte waren wahre \"Vereine\", hervorgerufen durch das unmittelbare Bedürfnis, dieSorge um den Schutz des Eigentums, und um die Produktionsmittel und Verteidigungsmittelder einzelnen Mitglieder zu multiplizieren. Der Pöbel dieser Städte war dadurch, daß er auseinander fremden, vereinzelt hereingekommenen Individuen bestand, die einerorganisierten, kriegsmäßig gerüsteten, sie eifersüchtig überwachenden Macht unorganisiertgegenüberstanden, aller Macht beraubt. Die Gesellen und Lehrlinge waren in jedemHandwerk so organisiert, wie es dem Interesse der Meister am besten entsprach; daspatriarchalische Verhältnis, in dem sie zu ihren Meistern standen, gab diesen eine doppelteMacht, einerseits in ihrem direkten Einfluß auf das ganze Leben der Gesellen und dann, weiles für die Gesellen, die bei demselben Meister arbeiteten, ein wirkliches Band war, das siegegenüber den Gesellen der übrigen Meister zusammenhielt und sie von diesen trennte;und endlich waren die Gesellen schon durch das Interesse, das sie hatten, selbst Meister zuwerden, an die bestehende Ordnung geknüpft. Während daher der Pöbel es wenigstens zuEmeuten gegen die ganze städtische Ordnung brachte, die indes bei seiner Machtlosigkeitohne alle Wirkung blieben, kamen die Gesellen nur zu kleinen Widersetzlichkeiten innerhalbeinzelner Zünfte, wie sie zur Existenz des Zunftwesens selbst gehören. Die großen36 Kaufleute66
Aufstände des Mittelalters gingen alle vom Lande aus, blieben aber ebenfalls wegen derZersplitterung und der daraus folgenden Roheit der Bauern total erfolglos.Die Teilung der Arbeit war in den Städten zwischen den einzelnen Zünften noch [ganznaturwüchsig] und in den Zünften selbst zwischen den einzelnen Arbeitern gar nichtdurchgeführt. Jeder Arbeiter mußte in einem ganzen Kreise von Arbeiten bewandert sein,mußte Alles machen können, was mit seinen Werkzeugen zu machen war; der beschränkteVerkehr und die geringe Verbindung der einzelnen Städte unter sich, der Mangel anBevölkerung und die Beschränktheit der Bedürfnisse ließen keine weitere Teilung der Arbeitaufkommen, und daher mußte Jeder, der Meister werden wollte, seines ganzen Handwerksmächtig sein. Daher findet sich bei den mittelalterlichen Handwerkern noch ein Interesse anihrer speziellen Arbeit und an der Geschicklichkeit darin, das sich bis zu einem gewissenbornierten Kunstsinn steigern konnte. Daher ging aber auch jeder mittelalterlicheHandwerker ganz in seiner Arbeit auf, hatte ein gemütliches Knechtschaftsverhältnis zu ihrund war viel mehr als der moderne Arbeiter, dem seine Arbeit gleichgültig ist, unter siesubsumiert.Das Kapital in diesen Städten war ein naturwüchsiges Kapital, das in der Wohnung, denHandwerkszeugen und der naturwüchsigen, erblichen Kundschaft bestand und sich wegendes unentwickelten Verkehrs und der mangelnden Zirkulation als unrealisierbar vom Vaterauf den Sohn forterben mußte. Dies Kapital war nicht, wie das moderne, ein in Geldabzuschätzendes, bei. dem es gleichgültig ist, ob es in dieser oder jener Sache steckt,sondern ein unmittelbar mit der bestimmten Arbeit des Besitzers zusammenhängendes, vonihr gar nicht zu trennendes, und insofern ständisches Kapital.Die nächste Ausdehnung der Teilung der Arbeit war die Trennung von Produktion undVerkehr, die Bildung einer besondern Klasse von Kaufleuten, eine Trennung, die in denhistorisch überlieferten Städten (u. a. mit den Juden) mit überkommen war und in denneugebildeten sehr bald eintrat. Hiermit war die Möglichkeit einer über den nächstenUmkreis hinausgehenden Handelsverbindung gegeben, eine Möglichkeit, deren Ausführungvon den bestehenden Kommunikationsmitteln, dem durch die politischen Verhältnissebedingten Stande der öffentlichen Sicherheit auf dem Lande (im ganzen Mittelalter zogenbekanntlich die Kaufleute in bewaffneten Karawanen herum) und von den durch diejedesmalige Kulturstufe bedingten roheren oder entwickelteren Bedürfnissen des demVerkehr zugänglichen Gebietes abhing.Mit dem in einer besonderen Klasse konstituierten Verkehr, mit der Ausdehnung desHandels durch die Kaufleute über die nächste Umgebung der Stadt hinaus, tritt sogleich eineWechselwirkung zwischen der Produktion und dem Verkehr ein. Die Städte tretenmiteinander in Verbindung, es werden neue Werkzeuge aus einer Stadt in die andregebracht, und die Teilung zwischen Produktion und Verkehr ruft bald eine neue Teilung derProduktion zwischen den einzelnen Städten hervor, deren Jede bald einen vorherrschendenIndustriezweig exploitiert. Die anfängliche Beschränkung auf die Lokalität fängt an,allmählich aufgelöst zu werden.Die Bürger in jeder Stadt waren im Mittelalter gezwungen, sich gegen den Landadel zuvereinigen, um sich ihrer Haut zu wehren; die Ausdehnung des Handels, die Herstellung derKommunikationen führte die einzelnen Städte dazu, andere Städte kennenzulernen, die67
dieselben Interessen im Kampfe mit demselben Gegensatz durchgesetzt hatten. Aus denvielen lokalen Bürgerschaften der einzelnen Städte entstand erst sehr allmählich dieBürgerklasse. Die Lebensbedingungen der einzelnen Bürger wurden durch den Gegensatzgegen die bestehenden Verhältnisse und durch die davon bedingte Art der Arbeit zugleichzu Bedingungen, welche ihnen allen gemeinsam und von jedem einzelnen unabhängigwaren. Die Bürger hatten diese Bedingungen geschaffen, insofern sie sich von demfeudalen Verbande losgerissen hatten, und waren von ihnen geschaffen, insofern sie durchihren Gegensatz gegen die Feudalität, die sie vorfanden, bedingt waren. Mit dem Eintretender Verbindung zwischen den einzelnen Städten entwickelten sich diese gemeinsamenBedingungen zu Klassenbedingungen. Dieselben Bedingungen, derselbe Gegensatz,dieselben Interessen mußten im Ganzen und Großen auch überall gleiche Sittenhervorrufen. Die Bourgeoisie selbst entwickelt sich erst mit ihren Bedingungen allmählich,spaltet sich nach der Teilung der Arbeit wieder in verschiedene Fraktionen und absorbiertendlich alle vorgefundenen besitzenden Klassen in sich37(während sie die Majorität dervorgefundenen besitzlosen und einen Teil der bisher besitzenden Klassen zu einer neuenKlasse, dem Proletariat, entwickelt), in dem Maße, als alles vorgefundene Eigentum inindustrielles oder kommerzielles Kapital umgewandelt wird. Die einzelnen Individuen bildennur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andre Klasse zuführen haben; im übrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlichgegenüber. Auf der andern Seite verselbständigt sich die Klasse wieder gegen dieIndividuen, so daß diese ihre Lebensbedingungen prädestiniert vorfinden, von der Klasseihre Lebensstellung und damit ihre Persönliche Entwicklung angewiesen bekommen, untersie subsumiert werden. Dies ist dieselbe Erscheinung wie die Subsumtion der einzelnenIndividuen unter die Teilung der Arbeit und kann nur durch die Aufhebung desPrivateigentums und der Arbeit selbst beseitigt werden. Wie diese Subsumtion derIndividuen unter die Klasse sich zugleich zu einer Subsumtion unter allerlei Vorstellungenentwickelt, haben wir bereits mehrere Male angedeutet.Es hängt lediglich von der Ausdehnung des Verkehrs ab, ob die in einer Lokalitätgewonnenen Produktivkräfte, namentlich Erfindungen, für die spätere Entwicklungverlorengehen oder nicht. Solange noch kein über die unmittelbare Nachbarschafthinausgehender Verkehr existiert, muß jede Erfindung in jeder Lokalität besonders gemachtwerden, und bloße Zufälle, wie Irruptionen barbarischer Völker, selbst gewöhnliche Kriege,reichen hin, ein Land mit entwickelten Produktivkräften und Bedürfnissen dahin zu bringen,daß es wieder von vorne anfangen muß. In der anfänglichen Geschichte mußte jedeErfindung täglich neu und in jeder Lokalität unabhängig gemacht werden. Wie wenigausgebildete Produktivkräfte selbst bei einem verhältnismäßig sehr ausgedehnten Handelvor dem gänzlichen Untergange sicher sind, beweisen die Phönizier, deren Erfindungen zumgrößten Teil durch die Verdrängung dieser Nation aus dem Handel, die EroberungAlexanders und den daraus folgenden Verfall auf lange Zeit verlorengingen. Ebenso imMittelalter die Glasmalerei z.B. Erst wenn der Verkehr zum Weltverkehr geworden ist und diegroße Industrie zur Basis hat, alle Nationen in den Konkurrenzkampf hereingezogen sind, istdie Dauer der gewonnenen Produktivkräfte gesichert.Die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Städten hatte zur nächsten Folge dasEntstehen der Manufakturen, der dem Zunftwesen entwachsenen Produktionszweige. Das37 [Randbemerkung von Marx:] Sie absorbiert zunächst die dem Staat direkt angehörigenArbeitszweige, dann alle ± [mehr oder weniger] ideologischen Stände68
erste Aufblühen der Manufakturen - in Italien und später in Flandern - hatte den Verkehr mitauswärtigen Nationen zu seiner historischen Voraussetzung. In andern Ländern - Englandund Frankreich z.B. - beschränkten die Manufakturen sich anfangs auf den inländischenMarkt. Die Manufakturen haben außer den angegebenen Voraussetzungen noch eine schonfortgeschrittene Konzentration der Bevölkerung - namentlich auf dem Lande - und desKapitals, das sich teils in den Zünften trotz der Zunftgesetze, teils bei den Kaufleuten ineinzelnen Händen zu sammeln anfing, zur Voraussetzung.Diejenige Arbeit, die von vornherein eine Maschine, wenn auch noch in der rohsten Gestalt,voraussetzte, zeigte sich sehr bald als die entwicklungsfähigste. Die Weberei, bisher aufdem Lande von den Bauern nebenbei betrieben, um sich ihre nötige Kleidung zuverschaffen, war die erste Arbeit, welche durch die Ausdehnung des Verkehrs einen Anstoßund eine weitere Ausbildung erhielt. Die Weberei war die erste und blieb diehauptsächlichste Manufaktur. Die mit der steigenden Bevölkerung steigende Nachfrage nachKleidungsstoffen, die beginnende Akkumulation und Mobilisation des naturwüchsigenKapitals durch die beschleunigte Zirkulation, das hierdurch hervorgerufene und durch dieallmähliche Ausdehnung des Verkehrs überhaupt begünstigte Luxusbedürfnis gaben derWeberei quantitativ und qualitativ einen Anstoß, der sie aus der bisherigen Produktionsformherausriß. Neben den zum Selbstgebrauch webenden Bauern, die fortbestehen blieben undnoch fortbestehen, kam eine neue Klasse von Webern in den Städten auf, deren Gewebe fürden ganzen heimischen Markt und meist auch für auswärtige Märkte bestimmt waren.Die Weberei, eine in den meisten Fällen wenig Geschicklichkeit erfordernde und bald inunendlich viele Zweige zerfallende Arbeit, widerstrebte ihrer ganzen Beschaffenheit nachden Fesseln der Zunft. Die Weberei wurde daher auch meist in Dörfern und Marktfleckenohne zünftige Organisation betrieben, die allmählich zu Städten, und zwar bald zu denblühendsten Städten jedes Landes wurden.Mit der zunftfreien Manufaktur veränderten sich sogleich auch die Eigentumsverhältnisse.Der erste Fortschritt über das naturwüchsig-ständische Kapital hinaus war durch dasAufkommen der Kaufleute gegeben, deren Kapital von vornherein mobil, Kapital immodernen Sinne war, soweit davon unter den damaligen Verhältnissen die Rede sein kann.Der zweite Fortschritt kam mit der Manufaktur, die wieder eine Masse des naturwüchsigenKapitals mobilisierte und überhaupt die Masse des mobilen Kapitals gegenüber der desnaturwüchsigen vermehrte.Die Manufaktur wurde zugleich eine Zuflucht der Bauern gegen die sie ausschließendenoder schlecht bezahlenden Zünfte, wie früher die Zunftstädte den Bauern als Zuflucht gegen[den sie bedrückenden Landadel gedient] hatten.Mit dem Anfange der Manufakturen gleichzeitig war eine Periode des Vagabundentums,veranlaßt durch das Aufhören der feudalen Gefolgschaften, die Entlassung derzusammengelaufenen Armeen, die den Königen gegen die Vasallen gedient hatten, durchverbesserten Ackerbau und Verwandlung von großen Streifen Ackerlandes in Viehweiden.Schon hieraus geht hervor, wie dies Vagabundentum genau mit der Auflösung der Feudalitätzusammenhängt. Schon im dreizehnten Jahrhundert kommen einzelne Epochen dieser Artvor, allgemein und dauernd tritt dies Vagabundentum erst mit dem Ende des 15. und Anfangdes 16. Jahrhunderts hervor. Diese Vagabunden, die so zahlreich waren, daß u.a. Heinrich69
VIII. von England ihrer 72 000 hängen ließ, wurden nur mit den größten Schwierigkeiten unddurch die äußerste Not und erst nach langem Widerstreben dahin gebracht, daß siearbeiteten. Das rasche Aufblühen der Manufakturen, namentlich in England, absorbierte sieallmählich.Mit der Manufaktur traten die verschiedenen Nationen in ein Konkurrenzverhältnis, in denHandelskampf, der in Kriegen, Schutzzöllen und Prohibitionen durchgekämpft wurde,während früher die Nationen, soweit sie in Verbindung waren, einen harmlosen Austauschmiteinander verführt hatten. Der Handel hat von nun an politische Bedeutung.Mit der Manufaktur war zugleich ein verändertes Verhältnis des Arbeiters zum Arbeitgebergegeben. In den Zünften existierte das patriarchalische Verhältnis zwischen Gesellen undMeister fort; in der Manufaktur trat an seine Stelle das Geldverhältnis zwischen Arbeiter undKapitalist; ein Verhältnis, das auf dem Lande und in kleinen Städten patriarchalisch tingiertblieb, in den größeren, eigentlichen Manufakturstädten jedoch schon früh fast allepatriarchalische Färbung verlor.Die Manufaktur und überhaupt die Bewegung der Produktion erhielt einen enormenAufschwung durch die Ausdehnung des Verkehrs, welche mit der Entdeckung Amerikas unddes Seeweges nach Ostindien eintrat. Die neuen, von dort importierten Produkte,namentlich die Massen von Gold und Silber, die in Zirkulation kamen, die Stellung derKlassen gegeneinander total veränderten und dem feudalen Grundeigentum und denArbeitern einen harten Stoß gaben, die Abenteurerzüge, Kolonisation und vor Allem die jetztmöglich gewordene und täglich sich mehr und mehr herstellende Ausdehnung der Märktezum Weltmarkt riefen eine neue Phase der geschichtlichen Entwicklung hervor, auf welcheim Allgemeinen hier nicht weiter einzugehen ist. Durch die Kolonisation der neuentdecktenLänder erhielt der Handelskampf der Nationen gegeneinander neue Nahrung unddemgemäß größere Ausdehnung und Erbitterung.Die Ausdehnung des Handels und der Manufaktur beschleunigten die Akkumulation desmobilen Kapitals, während in den Zünften, die keinen Stimulus zur erweiterten Produktionerfuhren, das naturwüchsige Kapital stabil blieb oder gar abnahm. Handel und Manufakturschufen die große Bourgeoisie, in den Zünften konzentrierte sich die Kleinbürgerschaft, dienun nicht mehr wie früher in den Städten herrschte, sondern der Herrschaft der großenKaufleute und Manufacturiers sich beugen mußte38. Daher der Verfall der Zünfte, sobald siemit der Manufaktur in Berührung kam[en].Das Verhältnis der Nationen untereinander in ihrem Verkehr nahm während der Epoche, vonder wir gesprochen haben, zwei verschiedene Gestalten an. Im Anfange bedingte diegeringe zirkulierende Quantität des Goldes und Silbers das Verbot der Ausfuhr dieserMetalle; und die durch die Notwendigkeit der Beschäftigung für die wachsende städtischeBevölkerung nötig gewordene, meist vom Auslande importierte Industrie konnte derPrivilegien nicht entbehren, die natürlich nicht nur gegen inländische, sondern hauptsächlichgegen auswärtige Konkurrenz gegeben werden konnten. Das lokale Zunftprivilegium wurdein diesen ursprünglichen Prohibitionen auf die ganze Nation erweitert. Die Zölle entstandenaus den Abgaben, die die Feudalherren den ihr Gebiet durchziehenden Kaufleuten alsAbkauf der Plünderung auflegten, Abgaben, die später von den Städten ebenfalls auferlegt38 [Randbemerkung von Marx:] Kleinbürger - Mittelstand - Große Bourgeoisie.70
wurden und die beim Aufkommen der modernen Staaten das zunächstliegende Mittel fürden Fiskus waren, um Geld zu bekommen.Die Erscheinung des amerikanischen Goldes und Silbers auf den europäischen Märkten, dieallmähliche Entwicklung der Industrie, der rasche Aufschwung des Handels und dashierdurch hervorgerufene Aufblühen der nichtzünftigen Bourgeoisie und des Geldes gabdiesen Maßregeln eine andre Bedeutung. Der Staat, der des Geldes täglich wenigerentbehren konnte, behielt nun das Verbot der Gold- und Silberausfuhr aus fiskalischenRücksichten bei; die Bourgeois, für die diese neu auf den Markt geschleudertenGeldmassen der Hauptgegenstand des Akkaparements39 war, waren damit vollständigzufrieden; die bisherigen Privilegien wurden eine Einkommenquelle für die Regierung undfür Geld verkauft; in der Zollgesetzgebung kamen die Ausfuhrzölle auf, die, der Industrie nurein Hindernis in den Weg [legend], einen rein fiskalischen Zweck hatten.Die zweite Periode trat mit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ein und dauerte fast biszum Ende des achtzehnten. Der Handel und die Schiffahrt hatten sich rascher ausgedehntals die Manufaktur, die eine sekundäre Rolle spielte; die Kolonien fingen an, starkeKonsumenten zu werden, die einzelnen Nationen teilten sich durch lange Kämpfe in densich öffnenden Weltmarkt. Diese Periode beginnt mit den Navigationsgesetzen undKolonialmonopolen. Die Konkurrenz der Nationen untereinander wurde durch Tarife,Prohibitionen, Traktate möglichst ausgeschlossen; und in letzter Instanz wurde derKonkurrenzkampf durch Kriege (besonders Seekriege) geführt und entschieden. Die zur Seemächtigste Nation, die Engländer, behielten das Übergewicht im Handel und der Manufaktur.Schon hier die Konzentration auf Ein Land.Die Manufaktur war fortwährend durch Schutzzölle im heimischen Markte, im Kolonialmarktedurch Monopole und im auswärtigen möglichst viel durch Differentialzölle geschützt. DieBearbeitung des im Lande selbst erzeugten Materials wurde begünstigt (Wolle und Leinen inEngland, Seide in Frankreich), die Ausfuhr des im Inlande erzeugten Rohmaterials verboten(Wolle in England) und die [Bearbeitung] des importierten vernachlässigt oder unterdrückt(Baumwolle in England). Die im Seehandel und der Kolonialmacht vorherrschende Nationsicherte sich natürlich auch die größte quantitative und qualitative Ausdehnung derManufaktur. Die Manufaktur konnte überhaupt des Schutzes nicht entbehren, da sie durchdie geringste Veränderung, die in andern Ländern vorgeht, ihren Markt verlieren und ruiniertwerden kann; sie ist leicht in einem Lande unter einigermaßen günstigen Bedingungeneingeführt und ebendeshalb leicht zerstört. Sie ist zugleich durch die Art, wie sie, namentlichim 18. Jahrhundert auf dem Lande, betrieben wurde, mit den Lebensverhältnissen einergroßen Masse von Individuen so verwachsen, daß kein Land wagen darf, ihre Existenzdurch Zulassung der freien Konkurrenz aufs Spiel zu setzen. Sie hängt daher, insofern siees bis zum Export bringt, ganz von der Ausdehnung oder Beschränkung des Handels abund übt eine verhältnis[mäßig] sehr geringe Rückwirkung [auf ihn] aus. Daher ihresekundäre [Bedeutung] und daher der Einfluß [der Kauf]leute im achtzehnten Jahrhundert.Die Kaufleute und besonders die Reeder waren es, die vor allen Andern auf Staatsschutzund Monopolien drangen; die Manufacturiers verlangten und erhielten zwar auch Schutz,standen aber fortwährend hinter den Kaufleuten an politischer Bedeutung zurück. DieHandelsstädte, speziell die Seestädte, wurden einigermaßen zivilisiert und großbürgerlich,während in den Fabrikstädten die größte Kleinbürgerei bestehen blieb.Das achtzehnte39 wucherischen Ankaufs71
Jahrhundert war das des Handels. Pinto sagt dies ausdrücklich: \"Le commerce fait lamarotte du siècle\"40 und: \"Depuis quelque temps il n'est plus question que de commerce, denavigation et de marine.\"41 42Diese Periode ist auch bezeichnet durch das Aufhören der Gold- und Silberausfuhrverbote,das Entstehen des Geldhandels, der Banken, der Staatsschulden, des Papiergeldes, derAktien- und Fondsspekulation, der Agiotage in allen Artikeln und der Ausbildung desGeldwesens überhaupt. Das Kapital verlor wieder einen großen Teil der ihm nochanklebenden Naturwüchsigkeit.Die im siebzehnten Jahrhundert unaufhaltsam sich entwickelnde Konzentration des Handelsund der Manufaktur auf ein Land, England, schuf für dieses Land allmählich einen relativenWeltmarkt und damit eine Nachfrage für die Manufakturprodukte dieses Landes, die durchdie bisherigen industriellen Produktivkräfte nicht mehr befriedigt werden konnte. Diese denProduktionskräften über den Kopf wachsende Nachfrage war die treibende Kraft, welche diedritte Periode des Privateigentums seit dem Mittelalter hervorrief, indem sie die großeIndustrie - die Anwendung von Elementarkräften zu industriellen Zwecken, die Maschinerieund die ausgedehnteste Teilung der Arbeit - erzeugte. Die übrigen Bedingungen dieserneuen Phase - die Freiheit der Konkurrenz innerhalb der Nation, die Ausbildung dertheoretischen Mechanik (die durch Newton vollendete Mechanik war überhaupt im 18.Jahrhundert in Frankreich und England die populärste Wissenschaft) pp. - existierten inEngland bereits. (Die freie Konkurrenz in der Nation selbst mußte überall durch eineRevolution erobert werden - 1640 und 1688 in England, 1789 in Frankreich.) Die Konkurrenzzwang bald jedes Land, das seine historische Rolle behalten wollte, seine Manufakturendurch erneuerte Zollmaßregeln zu schützen (die alten Zölle halfen gegen die große Industrienicht mehr) und bald darauf die große Industrie unter Schutzzöllen einzuführen. Die großeIndustrie universalisierte trotz dieser Schutzmittel die Konkurrenz (sie ist die praktischeHandelsfreiheit, der Schutzzoll ist in ihr nur ein Palliativ, eine Gegenwehr in derHandelsfreiheit), stellte die Kommunikationsmittel und den modernen Weltmarkt her,unterwarf sich den Handel, verwandelte alles Kapital in industrielles Kapital und erzeugtedamit die rasche Zirkulation (die Ausbildung des Geldwesens) und Zentralisation derKapitalien. Sie zwang durch die universelle Konkurrenz alle Individuen zur äußerstenAnspannung ihrer Energie. Sie vernichtete möglichst die Ideologie, Religion, Moral etc., undwo sie dies nicht konnte, machte sie sie zur handgreiflichen Lüge. Sie erzeugte insoweit erstdie Weltgeschichte, als sie jede zivilisierte Nation und jedes Individuum darin in derBefriedigung seiner Bedürfnisse von der ganzen Welt abhängig machte und die bisherigenaturwüchsige Ausschließlichkeit einzelner Nationen vernichtete. Sie subsumierte dieNaturwissenschaft unter das Kapital und nahm der Teilung der Arbeit den letzten Schein der42 Die Bewegung des Kapitals, obwohl bedeutend beschleunigt, blieb doch noch stets verhältnismäßiglangsam. Die Zersplitterung des Weltmarktes in einzelne Teile, deren Jeder von einer besondernNation ausgebeutet wurde, die Ausschließung der Konkurrenz der Nationen unter sich, dieUnbehülflichkeit der Produktion selbst und das aus den ersten Stufen sich erst entwickelndeGeldwesen hielten die Zirkulation sehr auf. Die Folge davon war ein krämerhafter,schmutzig-kleinlicher Geist, der allen Kaufleuten und der ganzen Weise des Handelsbetriebs nochanhaftete. Im Vergleich mit den Manufacturiers und vollends den Handwerkern waren sie allerdingsGroßbürger, Bourgeois, im Vergleich zu den Kaufleuten und Industriellen der nächsten Periodebleiben sie Kleinbürger. Vgl. A. Smith.41\"Seit einiger Zeit ist nur noch von Handel, Seefahrt und Marine die Rede.\"40\"Der Handel ist das Steckenpferd des Jahrhunderts\"72
Naturwüchsigkeit. Sie vernichtete überhaupt die Naturwüchsigkeit, soweit dies innerhalb derArbeit möglich ist, und löste alle naturwüchsigen Verhältnisse in Geldverhältnisse auf. Sieschuf an der Stelle der naturwüchsigen Städte die modernen, großen Industriestädte, dieüber Nacht entstanden sind. Sie zerstörte, wo sie durchdrang, das Handwerk und überhauptalle früheren Stufen der Industrie. Sie vollendete den Sieg [der] Handelsstadt über das Land.[Ihre erste Voraussetzung] ist das automatische System. [Ihre Entwicklung er]zeugte eineMasse von Pro[duktivkr]äften, für die das Privat[eigentum] ebensosehr eine Fessel wurdewie die Zunft für die Manufaktur und der kleine, ländliche Betrieb für das sich ausbildendeHandwerk. Diese Produktivkräfte erhalten unter dem Privateigentum eine nur einseitigeEntwicklung, werden für die Mehrzahl zu Destruktivkräften, und eine Menge solcher Kräftekönnen im Privateigentum gar nicht zur Anwendung kommen. Sie erzeugte im Allgemeinenüberall dieselben Verhältnisse zwischen den Klassen der Gesellschaft und vernichtetedadurch die Besonderheit der einzelnen Nationalitäten. Und endlich, während dieBourgeoisie jeder Nation noch aparte nationale Interessen behält, schuf die große Industrieeine Klasse, die bei allen Nationen dasselbe Interesse hat und bei der die Nationalität schonvernichtet ist, eine Klasse, die wirklich die ganze alte Welt los ist und zugleich ihrgegenübersteht. Sie macht dem Arbeiter nicht bloß das Verhältnis zum Kapitalisten, sonderndie Arbeit selbst unerträglich.Es versteht sich, daß die große Industrie nicht in jeder Lokalität eines Landes zu derselbenHöhe der Ausbildung kommt. Dies hält indes die Klassenbewegung des Proletariats nichtauf, da die durch die große Industrie erzeugten Proletarier an die Spitze dieser Bewegungtreten und die ganze Masse mit sich fortreißen, und da die von der großen Industrieausgeschlossenen Arbeiter durch diese große Industrie in eine noch schlechtere Lebenslageversetzt werden als die Arbeiter der großen Industrie selbst. Ebenso wirken die Länder, indenen eine große Industrie entwickelt ist, auf die plus ou moins <mehr oder weniger>nichtindustriellen Länder, sofern diese durch den Weltverkehr in den universellenKonkurrenzkampf hereingerissen sind.43Diese verschiedenen Formen sind ebensoviel Formen der Organisation der Arbeit und damitdes Eigentums. In jeder Periode fand eine Vereinigung der existierenden Produktivkräftestatt, soweit sie durch die Bedürfnisse notwendig geworden war.43 Die Konkurrenz isoliert die Individuen, nicht nur die Bourgeois, sondern noch mehr die Proletariergegeneinander, trotzdem daß sie sie zusammenbringt. Daher dauert es lange Zeit, bis dieseIndividuen sich vereinigen können, abgesehn davon, daß zu dieser Vereinigung - wenn sie nicht bloßlokal sein soll - die nötigen Mittel, die großen Industriestädte und die wohlfeilen und schnellenKommunikationen durch die große Industrie erst hergestellt sein müssen, und daher ist jedeorganisierte Macht gegenüber diesen isolierten und in Verhältnissen, die die Isolierung täglichreproduzieren, lebenden Individuen erst nach langen Kämpfen zu besiegen. Das Gegenteil verlangen,hieße ebensoviel wie zu verlangen, daß die Konkurrenz in dieser bestimmten Geschichtsepoche nichtexistieren soll oder daß die Individuen Verhältnisse, über die sie als Isolierte keine Kontrolle haben,sich aus dem Kopf schlagen sollen.73
[2.] Verhältnis von Staat und Recht zum EigentumDie erste Form des Eigentums ist sowohl in der antiken Welt wie im Mittelalter dasStammeigentum, bedingt bei den Römern hauptsächlich durch den Krieg, bei denGermanen durch die Viehzucht. Bei den antiken Völkern erscheint, weil in einer Stadtmehrere Stämme zusammenwohnen, das Stammeigentum als Staatseigentum und dasRecht des Einzelnen daran als bloße Possessio44, die sich indes, wie das Stammeigentumüberhaupt, nur auf das Grundeigentum beschränkt. Das eigentliche Privateigentum fängt beiden Alten, wie bei den modernen Völkern, mit dem Mobiliareigentum an. - (Sklaverei undGemeinwesen) (dominium ex jure Quiritum45). Bei den aus dem Mittelalter hervorgehendenVölkern entwickelt sich das Stammeigentum so durch verschiedene Stufen - feudalesGrundeigentum, korporatives Mobiliareigentum, Manufakturkapital - bis zum modernen,durch die große Industrie und universelle Konkurrenz bedingten Kapital, dem reinenPrivateigentum, das allen Schein des Gemeinwesens abgestreift und alle Einwirkung desStaats auf die Entwicklung des Eigentums ausgeschlossen hat. Diesem modernenPrivateigentum entspricht der moderne Staat, der durch die Steuern allmählich von denPrivateigentümern an sich gekauft, durch das Staatsschuldenwesen ihnen vollständigverfallen und dessen Existenz in dem Steigen und Fallen der Staatspapiere auf der Börsegänzlich von dem kommerziellen Kredit abhängig geworden ist, den ihm diePrivateigentümer, die Bourgeois, geben. Die Bourgeoisie ist schon, weil sie eine Klasse,nicht mehr ein Stand ist, dazu gezwungen, sich national, nicht mehr lokal zu organisierenund ihrem Durchschnittsinteresse eine allgemeine Form zu geben. Durch die Emanzipationdes Privateigentums vom Gemeinwesen ist der Staat zu einer besonderen Existenz nebenund außer der bürgerlichen Gesellschaft geworden; er ist aber weiter Nichts als die Form derOrganisation, welche sich die Bourgeois sowohl nach Außen als nach innen hin zurgegenseitigen Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen notwendig geben. DieSelbständigkeit des Staats kommt heutzutage nur noch in solchen Ländern vor, wo dieStände sich nicht vollständig zu Klassen entwickelt haben, wo die in den fortgeschrittnerenLändern beseitigten Stände noch eine Rolle spielen und ein Gemisch existiert; in denendaher kein Teil der Bevölkerung es zur Herrschaft über die übrigen bringen kann. Dies istnamentlich in Deutschland der Fall. Das vollendetste Beispiel des modernen Staats istNordamerika. Die neueren französischen, englischen und amerikanischen Schriftstellersprechen sich Alle dahin aus, daß der Staat nur um des Privateigentums willen existiere, sodaß dies auch in das gewöhnliche Bewußtsein übergegangen ist.Da der Staat die Form ist, in welcher die Individuen einer herrschenden Klasse ihregemeinsamen Interessen geltend machen und die ganze bürgerliche Gesellschaft einerEpoche sich zusammenfaßt, so folgt, daß alle gemeinsamen Institutionen durch den Staatvermittelt werden, eine politische Form erhalten. Daher die Illusion, als ob das Gesetz aufdem Willen, und zwar auf dem von seiner realen Basis losgerissenen, dem freien Willenberuhe. Ebenso wird das Recht dann wieder auf das Gesetz reduziert.Das Privatrecht entwickelt sich zu gleicher Zeit mit dem Privateigentum aus der Auflösungdes naturwüchsigen Gemeinwesens. Bei den Römern blieb die Entwicklung desPrivateigentums und Privatrechts ohne weitere industrielle und kommerzielle Folgen, weil45 Eigentum eines altrömischen Vollbürgers44 Besitz74
ihre ganze Produktionsweise dieselbe blieb46. Bei den modernen Völkern, wo das feudaleGemeinwesen durch die Industrie und den Handel aufgelöst wurde, begann mit demEntstehen des Privateigentums und Privatrechts eine neue Phase, die einer weiterenEntwicklung fähig war. Gleich die erste Stadt, die im Mittelalter einen ausgedehntenSeehandel führte, Amalfi, bildete auch das Seerecht aus. Sobald, zuerst in Italien und späterin anderen Ländern, die Industrie und der Handel das Privateigentum weiterentwickelten,wurde gleich das ausgebildete römische Privatrecht wieder aufgenommen und zur Autoritäterhoben. Als später die Bourgeoisie so viel Macht erlangt hatte, daß die Fürsten sich ihrerInteressen annahmen, um vermittelst der Bourgeoisie den Feudaladel zu stürzen, begann inallen Ländern - in Frankreich im 16. Jahrhundert - die eigentliche Entwicklung des Rechts,die in allen Ländern, ausgenommen England, auf der Basis des römischen Kodex vor sichging. Auch in England mußten römische Rechtsgrundsätze zur weiteren Ausbildung desPrivatrechts (besonders beim Mobiliareigentum) hereingenommen werden. (Nicht zuvergessen, daß das Recht ebensowenig eine eigene Geschichte hat wie die Religion.)Im Privatrecht werden die bestehenden Eigentumsverhältnisse als Resultat des allgemeinenWillens ausgesprochen. Das jus utendi et abutendi47 selbst spricht einerseits die Tatsacheaus, daß das Privateigentum vom Gemeinwesen durchaus unabhängig geworden ist, undandererseits die Illusion, als ob das Privateigentum selbst auf dem bloßen Privatwillen, derwillkürlichen Disposition über die Sache beruhe. In der Praxis hat das abuti48 sehr bestimmteökonomische Grenzen für den Privateigentümer, wenn er nicht sein Eigentum und damitsein jus abutendi in andre Hände übergehn sehen will, da überhaupt die Sache, bloß inBeziehung auf seinen Willen betrachtet, gar keine Sache ist, sondern erst im Verkehr undunabhängig vom Recht zu einer Sache, zu wirklichem Eigentum wird (ein Verhältnis, was diePhilosophen eine Idee nennen)49.Diese juristische Illusion, die das Recht auf den bloßen Willen reduziert, führt in der weiterenEntwicklung der Eigentumsverhältnisse notwendig dahin, daß Jemand einen juristischenTitel auf eine Sache haben kann, ohne die Sache wirklich zu haben. Wird z.B. durch dieKonkurrenz die Rente eines Grundstückes beseitigt, so hat der Eigentümer desselben zwarseinen juristischen Titel daran, samt dem jus utendi et abutendi. Aber er kann nichts damitanfangen, er besitzt nichts als Grundeigentümer, falls er nicht sonst noch Kapital genugbesitzt, um seinen Boden zu bebauen. Aus derselben Illusion der Juristen erklärt es sich,daß es für sie und für jeden Kodex überhaupt zufällig ist, daß Individuen in Verhältnisseuntereinander treten, z.B. Verträge, und daß ihm diese Verhältnisse für solche gelten, dieman nach Belieben eingehen oder nicht eingehen [kann] und deren Inhalt ganz auf derindividuellen [Will]kür der Kontrahenten [ber]uht.Sooft sich durch die Entwick[lung] der Industrie und des Handels neue [Ve]rkehrsformengebildet haben, [z.] B. Assekuranz-etc.-Kompanien, war das Recht jedesmal genötigt, sieunter die Eigentumserwerbsarten aufzunehmen.Es ist nichts gewöhnlicher als die Vorstellung, in der Geschichte sei es bisher nur auf dasNehmen angekommen. Die Barbaren nehmen das römische Reich, und mit der Tatsache49 Verhältnis für die Philosophen = Idee. Sie kennen bloß das Verhältnis \"des Menschen\" zu sichselbst, und darum werden alle wirklichen Verhältnisse ihnen zu Ideen.48 verbrauchen, (auch: Mißbrauchen)47 das Recht, das Seinige zu gebrauchen und zu verbrauchen (auch: mißbrauchen)46 [Randbemerkung von Engels:] (Wucher!)75
dieses Nehmens erklärt man den Übergang aus der alten Welt in die Feudalität. Bei demNehmen durch Barbaren kommt es aber darauf an, ob die Nation, die eingenommen wird,industrielle Produktivkräfte entwickelt hat, wie dies bei den modernen Völkern der Fall ist,oder ob ihre Produktivkräfte hauptsächlich bloß auf ihrer Vereinigung und demGemeinwesen beruhen. Das Nehmen ist ferner bedingt durch den Gegenstand, dergenommen wird. Das in Papier bestehende Vermögen eines Bankiers kann gar nichtgenommen werden, ohne daß der Nehmende sich den Produktions- undVerkehrsbedingungen des genommenen Landes unterwirft. Ebenso das gesamte industrielleKapital eines modernen Industrielandes. Und endlich hat das Nehmen überall sehr bald einEnde, und wenn nichts mehr zu nehmen ist, muß man anfangen zu produzieren. Aus diesersehr bald eintretenden Notwendigkeit des Produzierens folgt, daß die von den sichniederlassenden Eroberern angenommene Form des Gemeinwesens der Entwicklungsstufeder vorgefundnen Produktivkräfte entsprechen, oder, wenn dies nicht von vornherein der Fallist, sich nach den Produktivkräften ändern muß. Hieraus erklärt sich auch das Faktum, dasman in der Zeit nach der Völkerwanderung überall bemerkt haben will, daß nämlich derKnecht der Herr war, und die Eroberer von den Eroberten Sprache, Bildung und Sitten sehrbald annahmen.Die Feudalität wurde keineswegs aus Deutschland fertig mitgebracht, sondern sie hatteihren Ursprung von seiten der Eroberer in der kriegerischen <65> Organisation desHeerwesens während der Eroberung selbst, und diese entwickelte sich nach derselbendurch die Einwirkung der in den eroberten Ländern vorgefundnen Produktivkräfte erst zureigentlichen Feudalität. Wie sehr diese Form durch die Produktivkräfte bedingt war, zeigendie gescheiterten Versuche, andre aus altrömischen Reminiszenzen entspringende Formendurchzusetzen.[3.] Naturwüchsige und zivilisierte Produktionsinstrumenteund Eigentumsformen[...] <Hier fehlen in der Handschrift vier Seiten> funden wird. Aus dem ersteren ergibt sichdie Voraussetzung einer ausgebildeten Teilung der Arbeit und eines ausgedehnten Handels,aus dem zweiten die Lokalität. Bei dem ersten müssen die Individuen zusammengebrachtsein, bei dem zweiten finden sie sich neben dem gegebenen Produktionsinstrument selbstals Produktionsinstrumente vor. Hier tritt also der Unterschied zwischen den naturwüchsigenund den durch die Zivilisation geschaffenen Produktionsinstrumenten hervor. Der Acker (dasWasser etc.) kann als naturwüchsiges Produktionsinstrument betrachtet werden. Im erstenFall, beim naturwüchsigen Produktionsinstrument, werden die Individuen unter die Natursubsumiert, im zweiten Falle unter ein Produkt der Arbeit. Im ersten Falle erscheint daherauch das Eigentum (Grundeigentum) als unmittelbare, naturwüchsige Herrschaft, im zweitenals Herrschaft der Arbeit, speziell der akkumulierten Arbeit, des Kapitals. Der erste Fall setztvoraus, daß die Individuen durch irgendein Band, sei es Familie, Stamm, der Boden selbstzusammengehören, der zweite Fall, daß sie unabhängig voneinander sind und nur durchden Austausch zusammengehalten werden. Im ersten Fall ist der Austausch hauptsächlichein Austausch zwischen den Menschen und der Natur, ein Austausch, in dem die Arbeit derEinen gegen die Produkte der Andern eingetauscht wird; im zweiten Falle ist ervorherrschend Austausch der Menschen unter sich. Im ersten Falle reicht der76
durchschnittliche Menschenverstand hin, körperliche und geistige Tätigkeit sind noch garnicht getrennt; im zweiten Falle muß bereits die Teilung zwischen geistiger und körperlicherArbeit praktisch vollzogen sein. Im ersten Falle kann die Herrschaft des Eigentümers überdie Nichteigentümer auf persönlichen Verhältnissen, auf einer Art von Gemeinwesenberuhen, im zweiten Falle muß sie in einem Dritten, dem Geld, eine dingliche Gestaltangenommen haben. Im ersten Falle existiert die kleine Industrie, aber subsumiert unter dieBenutzung des naturwüchsigen Produktionsinstruments, und daher ohne Verteilung derArbeit an verschiedene Individuen; im zweiten Falle besteht die Industrie nur in und durchdie Teilung der Arbeit.Wir gingen bisher von den Produktionsinstrumenten aus, und schon hier zeigte sich dieNotwendigkeit des Privateigentums für gewisse industrielle Stufen. In der industrieextractive50fällt das Privateigentum mit der Arbeit noch ganz zusammen; in der kleinenIndustrie und aller bisherigen Agrikultur ist das Eigentum notwendige Konsequenz dervorhandenen Produktionsinstrumente; in der großen Industrie ist der Widerspruch zwischendem Produktionsinstrument und Privateigentum erst ihr Produkt, zu dessen Erzeugung siebereits sehr entwickelt sein muß. Mit ihr ist also auch die Aufhebung des Privateigentumserst möglich.In der großen Industrie und Konkurrenz sind die sämtlichen Existenzbedingungen,Bedingtheiten, Einseitigkeiten der Individuen zusammengeschmolzen in die beideneinfachsten Formen: Privateigentum und Arbeit. Mit dem Gelde ist jede Verkehrsform undder Verkehr selbst für die Individuen als zufällig gesetzt. Also liegt schon im Gelde, daß allerbisherige Verkehr nur Verkehr der Individuen unter bestimmten Bedingungen, nicht derIndividuen als Individuen war. Diese Bedingungen sind auf zwei - akkumulierte Arbeit oderPrivateigentum, oder wirkliche Arbeit - reduziert. Hört diese oder eine von ihnen auf, sostockt der Verkehr. Die modernen Ökonomen selbst, z. B. Sismondi, Cherbuliez etc., stellendie association des individus51 der association des capitaux52 entgegen. Andererseits sinddie Individuen selbst vollständig unter die Teilung der Arbeit subsumiert und dadurch in dievollständigste Abhängigkeit voneinander gebracht. Das Privateigentum, soweit es, innerhalbder Arbeit, der Arbeit gegenübertritt, entwickelt sich aus der Notwendigkeit der Akkumulationund hat im Anfange immer noch mehr die Form des Gemeinwesens, nähert sich aber in derweiteren Entwicklung immer mehr der modernen Form des Privateigentums. Durch dieTeilung der Arbeit ist schon von vornherein die Teilung auch der Arbeitsbedingungen,Werkzeuge und Materialien gegeben und damit die Zersplitterung des akkumuliertenKapitals an verschiedne Eigentümer, und damit die Zersplitterung zwischen Kapital undArbeit, und die verschiedenen Formen des Eigentums selbst. Je mehr sich die Teilung derArbeit ausbildet und je mehr die Akkumulation wächst, desto schärfer bildet sich auch dieseZersplitterung aus. Die Arbeit selbst kann nur bestehen unter der Voraussetzung dieserZersplitterung.Es zeigen sich hier also zwei Fakta53. Erstens erscheinen die Produktivkräfte als ganzunabhängig und losgerissen von den Individuen, als eine eigne Welt neben den Individuen,was darin seinen Grund hat, daß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplittert und im53 [Randbemerkung von Engels:] Sismondi52 Vereinigung des Kapitals51 Vereinigung der Individuen50 auf die Gewinnung von Rohstoffen gerichteten Industrie77
Gegensatz gegeneinander existieren, während diese Kräfte andererseits nur im Verkehr undZusammenhang dieser Individuen wirkliche Kräfte sind. Also auf der einen Seite eineTotalität von Produktivkräften, die gleichsam eine sachliche Gestalt angenommen haben undfür die Individuen selbst nicht mehr die Kräfte der Individuen, sondern des Privateigentums[sind], und daher der Individuen nur, insofern sie Privateigentümer sind. In keiner früherenPeriode hatten die Produktivkräfte diese gleichgültige Gestalt für den Verkehr der Individuenals Individuen angenommen, weil ihr Verkehr selbst noch ein bornierter war. Auf der andernSeite steht diesen Produktivkräften die Majorität der Individuen gegenüber, von denen dieseKräfte losgerissen sind und die daher alles wirklichen Lebensinhalts beraubt, abstrakteIndividuen geworden sind, die aber dadurch erst in den Stand gesetzt werden, als Individuenmiteinander in Verbindung zu treten.Der einzige Zusammenhang, in dem sie noch mit den Produktivkräften und mit ihrer eignenExistenz stehen, die Arbeit, hat bei ihnen allen Schein der Selbstbetätigung verloren underhält ihr Leben nur, indem sie es verkümmert. Während in den früheren PeriodenSelbstbetätigung und Erzeugung des materiellen Lebens dadurch getrennt waren, daß siean verschiedene Personen fielen und die Erzeugung des materiellen Lebens wegen derBorniertheit der Individuen selbst noch als eine untergeordnete Art der Selbstbetätigung galt,fallen sie jetzt so auseinander, daß überhaupt das materielle Leben als Zweck, dieErzeugung dieses materiellen Lebens, die Arbeit (welche die jetzt einzig mögliche, aber wiewir sehn, negative Form der Selbstbetätigung ist), als Mittel erscheint.Es ist also jetzt so weit gekommen, daß die Individuen sich die vorhandene Totalität vonProduktivkräften aneignen müssen, nicht nur um zu ihrer Selbstbetätigung zu kommen,sondern schon überhaupt um ihre Existenz sicherzustellen. Diese Aneignung ist zuerstbedingt durch den anzueignenden Gegenstand - die zu einer Totalität entwickelten und nurinnerhalb eines universellen Verkehrs existierenden Produktivkräfte. Diese Aneignung mußalso schon von dieser Seite her einen den Produktivkräften und dem Verkehrentsprechenden universellen Charakter haben. Die Aneignung dieser Kräfte hat selbstweiter nichts als die Entwicklung der den materiellen Produktionsinstrumentenentsprechenden individuellen Fähigkeite.n Die Aneignung einer Totalität vonProduktionsinstrumenten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten inden Individuen selbst. Diese Aneignung ist ferner bedingt durch die aneignenden Individuen.Nur die von aller Selbstbetätigung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Gegenwartsind imstande, ihre vollständige, nicht mehr bornierte Selbstbetätigung, die in der Aneignungeiner Totalität von Produktivkräften und der damit gesetzten Entwicklung einer Totalität vonFähigkeiten besteht, durchzusetzen. Alle früheren revolutionären Aneignungen warenborniert; Individuen, deren Selbstbetätigung durch ein beschränktes Produktionsinstrumentund einen beschränkten Verkehr borniert war, eigneten sich dies beschränkteProduktionsinstrument an und brachten es daher nur zu einer neuen Beschränktheit. IhrProduktionsinstrument wurde ihr Eigentum, aber sie selbst blieben unter die Teilung derArbeit und unter ihr eignes Produktionsinstrument subsumiert. Bei allen bisherigenAneignungen blieb eine Masse von Individuen unter ein einziges Produktionsinstrumentsubsumiert; bei der Aneignung der Proletarier müssen eine Masse vonProduktionsinstrumenten unter jedes Individuum und das Eigentum unter Alle subsumiertwerden. Der moderne universelle Verkehr kann nicht anders unter die Individuen subsumiertwerden, als dadurch, daß er unter Alle subsumiert wird.78
Die Aneignung ist ferner bedingt durch die Art und Weise, wie sie vollzogen werden muß.Sie kann nur vollzogen werden durch eine Vereinigung, die durch den Charakter desProletariats selbst wieder nur eine universelle sein kann, und durch eine Revolution, in dereinerseits die Macht der bisherigen Produktions- und Verkehrsweise und gesellschaftlichenGliederung gestürzt wird und andererseits der universelle Charakter und die zurDurchführung der Aneignung nötige Energie des Proletariats sich entwickelt, ferner dasProletariat alles abstreift, was ihm noch aus seiner bisherigen Gesellschaftsstellunggeblieben ist.Erst auf dieser Stufe fällt die Selbstbetätigung mit dem materiellen Leben zusammen, wasder Entwicklung der Individuen zu totalen Individuen und der Abstreifung allerNaturwüchsigkeit entspricht; und dann entspricht sich die Verwandlung der Arbeit inSelbstbetätigung und die Verwandlung des bisherigen bedingten Verkehrs in den Verkehrder Individuen als solcher. Mit der Aneignung der totalen Produktivkräfte durch dievereinigten Individuen hört das Privateigentum auf. Während in der bisherigen Geschichteimmer eine besondere Bedingung als zufällig erschien, ist jetzt die Absonderung derIndividuen selbst, der besondre Privaterwerb eines Jeden selbst zufällig geworden.Die Individuen, die nicht mehr unter die Teilung der Arbeit subsumiert werden, haben diePhilosophen sich als Ideal unter dem Namen \"der Mensch\" vorgestellt, und den ganzen, vonuns entwickelten Prozeß als den Entwicklungsprozeß \"des Menschen\" gefaßt, so daß denbisherigen Individuen auf jeder geschichtlichen Stufe \"der Mensch\" untergeschoben und alsdie treibende Kraft der Geschichte dargestellt wurde. Der ganze Prozeß wurde so alsSelbstentfremdungsprozeß \"des Menschen\" gefaßt, und dies kommt wesentlich daher, daßdas Durchschnittsindividuum der späteren Stufe immer der früheren und das spätereBewußtsein den früheren Individuen untergeschoben [wurde]. Durch diese Umkehrung, dievon vornherein von den wirklichen Bedingungen abstrahiert, war es möglich, die ganzeGeschichte in einen Entwicklungsprozeß des Bewußtseins zu verwandeln,*Schließlich erhalten wir noch folgende Resultate aus der entwickeltenGeschichtsauffassung:1. In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfteund Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nurUnheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte(Maschinerie und Geld) - und was damit zusammenhängt, daß eine Klasse hervorgerufenwird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen,welche aus der Gesellschaft herausgedrängt, in den entschiedensten Gegensatz zu allenandern Klassen forciert wird; eine Klasse, die die Majorität aller Gesellschaftsmitgliederbildet und von der das Bewußtsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, daskommunistische Bewußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den andern Klassenvermöge der Anschauung der Stellung dieser Klasse bilden kann;2. daß die Bedingungen, innerhalb deren bestimmte Produktionskräfte angewandt werdenkönnen, die Bedingungen der Herrschaft einer bestimmten Klasse der Gesellschaft sind,deren soziale, aus ihrem Besitz hervorgehende Macht in der jedesmaligen Staatsform ihren79
praktisch-idealistischen Ausdruck hat, und deshalb jeder revolutionäre Kampf gegen eineKlasse, die bisher geherrscht hat, sich richtet54;3. daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und essich nur um eine andre Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit anandre Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherigeArt der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt55 und die Herrschaft aller Klassen mit denKlassen selbst aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt wird, die in der Gesellschaft fürkeine Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt wird, schon der Ausdruck der Auflösungaller Klassen, Nationalitäten etc. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist; und4. daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zurDurchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, dienur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also dieRevolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürztwerden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahinkommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuenBegründung der Gesellschaft befähigt zu werden.56[C.] Kommunismus. -Produktion der Verkehrsform selbstDer Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß erdie Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und allenaturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe derbisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht dervereinigten Individuen unterwirft. Seine Einrichtung ist daher wesentlich ökonomisch, die56 [Im Manuskript gestrichen:] Während über diese Notwendigkeit der Revolution sämtlicheKommunisten sowohl in Frankreich, wie in England und Deutschland seit geraumer Zeiteinverstanden sind, träumt der heilige Bruno ruhig weiter fort, und meint, der \"Reale Humanismus\",d.h. Kommunismus, werde nur deswegen \"an die Stelle des Spiritualismus\" (der keine Stelle hat)gesetzt, damit er Verehrung gewinne. Dann, träumt er fort, müsse wohl \"das Heil gekommen, die Erdezum Himmel und der Himmel zur Erde gemacht sein\". (Der Gottesgelahrte kann den Himmel nochimmer nicht verschmerzen.) \"Dann tönt in himmlischen Harmonien Freud und Wonne von Ewigkeit zuEwigkeit\" (p. 140). Der heilige Kirchenvater wird sich doch sehr wundern, wenn der jüngste Tag, andem sich dies alles erfüllet über ihn hereinbricht - ein Tag, dessen Morgenrot der Widerscheinbrennender Städte am Himmel ist, wenn unter diesen \"himmlischen Harmonien\" die Melodie derMarseillaise und Carmagnole mit obligatem Kanonendonner an sein Ohr hallt, und die Guilliotine dazuden Takt schlägt; wenn die verruchte \"Masse\" ça ira, ça ira brüllt und das \"Selbstbewußtsein\"vermittelst der Laterne aufhebt. Der heilige Bruno hat am allerwenigsten Ursache, sich von der \"Freudund Wonne von Ewigkeit zu Ewigkeit\", ein erbauliches Gemälde zu entwerfen. Wir enthalten uns desVergnügens, das Verhalten Sankt Brunos am jüngsten Tage a priori zu konstruieren. Es ist auchschwer zu entscheiden, ob die prolétaires en révolution als \"Substanz\", als \"Masse\", die die Kritikstürzen will, oder als \"Emanation\" des Geistes, der indessen noch die zur Verdauung BauerscherGedanken nötige Konsistenz abgeht, gefaßt werden müßten.55 [Im Manuskript gestrichen:] ... die moder[ne] Form der Tätigkeit unter der die Herrschaft der ...54 [Randbemerkung von Marx:] Daß die Leute interessiert sind, den jetzigen Produktionszustand zuerhalten.80
materielle Herstellung der Bedingungen dieser Vereinigung; sie macht die vorhandenenBedingungen zu Bedingungen der Vereinigung. Das Bestehende, was der Kommunismusschafft, ist eben die wirkliche Basis zur Unmöglichmachung alles von den Individuenunabhängig Bestehenden, sofern dies Bestehende den noch nichts als ein Produkt desbisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist. Die Kommunisten behandeln also praktisch diedurch die bisherige Produktion und Verkehr erzeugten Bedingungen als unorganische, ohneindes sich einzubilden, es sei der Plan oder die Bestimmung der bisherigen Generationengewesen, ihnen Material zu liefern, und ohne zu glauben, daß diese Bedingungen für die sieschaffenden Individuen unorganisch waren. Der Unterschied zwischen persönlichemIndividuum und zufälligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern einhistorisches Faktum. Diese Unterscheidung hat zu verschiedenen Zeiten einenverschiedenen Sinn, z.B. der Stand als etwas dem Individuum Zufälliges im 18. Jahrhundert,plus ou moins57 auch die Familie. Es ist eine Unterscheidung, die nicht wir für jede Zeit zumachen haben, sondern die jede Zeit unter den verschiedenen Elementen, die sie vorfindet,selbst macht, und zwar nicht nach dem Begriff, sondern durch materielle Lebenskollisionengezwungen. Was als zufällig der späteren Zeit im Gegensatz zur früheren erscheint, alsoauch unter den ihr von der früheren überkommenen Elementen, ist eine Verkehrsform, dieeiner bestimmten Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Das Verhältnis derProduktionskräfte zur Verkehrsform ist das Verhältnis der Verkehrsform zur Tätigkeit oderBetätigung der Individuen. (Die Grundform dieser Betätigung ist natürlich die materielle, vonder alle andre geistige, politische, religiöse etc. abhängt. Die verschiedene Gestaltung desmateriellen Lebens ist natürlich jedesmal abhängig von den schon entwickeltenBedürfnissen, und sowohl die Erzeugung wie die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist selbstein historischer Prozeß, der sich bei keinem Schafe oder Hunde findet (widerhaarigesHauptargument Stirners adversus hominem58), obwohl Schafe und Hunde in ihrer jetzigenGestalt allerdings, aber malgré eux59, Produkte eines historischen Prozesses sind.) DieBedingungen, unter denen die Individuen, solange der Widerspruch noch nicht eingetretenist, miteinander verkehren, sind zu ihrer Individualität gehörige Bedingungen, nichtsÄußerliches für sie, Bedingungen, unter denen diese bestimmten, unter bestimmtenVerhältnissen existierenden Individuen allein ihr materielles Leben und was damitzusammenhängt produzieren können, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbetätigung undwerden von dieser Selbstbetätigung produziert60. Die bestimmte Bedingung, unter der sieproduzieren, entspricht also, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, ihrerwirklichen Bedingtheit, ihrem einseitigen Dasein, dessen Einseitigkeit sich erst durch denEintritt des Widerspruchs zeigt und also für die Späteren existiert. Dann erscheint dieseBedingung als eine zufällige Fessel, und dann wird das Bewußtsein, daß sie eine Fessel sei,auch der früheren Zeit untergeschoben.Diese verschiedenen Bedingungen, die zuerst als Bedingungen der Selbstbetätigung, späterals Fesseln derselben erschienen, bilden in der ganzen geschichtlichen Entwicklung einezusammenhängende Reihe von Verkehrsformen, deren Zusammenhang darin besteht, daßan die Stelle der früheren, zur Fessel gewordenen Verkehrsform eine neue, denentwickelteren Produktivkräften und damit der fortgeschrittenen Art der Selbstbetätigung der60 [Randbemerkung von Marx :] Produktion der Verkehrsform selbst.59 gegen ihren Willen58 gegen den Menschen57 mehr oder weniger81
Individuen entsprechende gesetzt wird, die à son tour61 wieder zur Fessel und dann durcheine andre ersetzt wird. Da diese Bedingungen auf jeder Stufe der gleichzeitigenEntwicklung der Produktivkräfte entsprechen, so ist ihre Geschichte zugleich die Geschichteder sich entwickelnden und von jeder neuen Generation übernommenen Produktivkräfte unddamit die Geschichte der Entwicklung der Kräfte der Individuen selbst.Da diese Entwicklung naturwüchsig vor sich geht, d.h. nicht einem Gesamtplan freivereinigter Individuen subordiniert ist, so geht sie von verschiedenen Lokalitäten, Stämmen,Nationen, Arbeitszweigen etc. aus, deren Jede anfangs sich unabhängig von den anderenentwickelt und erst nach und nach mit den andern in Verbindung tritt. Sie geht ferner nursehr langsam vor sich; die verschiedenen Stufen und Interessen werden nie vollständigüberwunden, sondern nur dem siegenden Interesse untergeordnet und schleppen sich nochjahrhundertelang neben diesem fort. Hieraus folgt, daß selbst innerhalb einer Nation dieIndividuen auch abgesehen von ihren Vermögensverhältnissen ganz verschiedeneEntwicklungen haben, und daß ein früheres Interesse, dessen eigentümliche Verkehrsformschon durch die einem späteren angehörige verdrängt ist, noch lange im Besitz einertraditionellen Macht in der den Individuen gegenüber verselbständigten scheinbarenGesellschaft (Staat, Recht) bleibt, einer Macht, die in letzter Instanz nur durch eineRevolution zu brechen ist. Hieraus erklärt sich auch, warum in Beziehung auf einzelnePunkte, die eine allgemeinere Zusammenfassung erlauben, das Bewußtsein zuweilen weitervorgerückt scheinen kann als die gleichzeitigen empirischen Verhältnisse, so daß man inden Kämpfen einer späteren Epoche sich auf frühere Theoretiker als auf Autoritäten stützenkann.Dagegen geht die Entwicklung in Ländern, die, wie Nordamerika, in einer schon entwickeltenGeschichtsepoche von vorn anfangen, sehr rasch vor sich. Solche Länder haben keineandern naturwüchsigen Voraussetzungen außer den Individuen, die sich dort ansiedeln unddie hierzu durch die ihren Bedürfnissen nicht entsprechenden Verkehrsformen der altenLänder veranlaßt werden. Sie fangen also mit den fortgeschrittensten Individuen der altenLänder und daher mit der diesen Individuen entsprechenden entwickeltsten Verkehrsforman, noch ehe diese Verkehrsform in den alten Ländern sich durchsetzen kann62. Dies ist derFall mit allen Kolonien, sofern sie nicht bloße Militär- oder Handelsstationen sind. Karthago,die griechischen Kolonien und Island im 11. und 12. Jahrhundert liefern Beispiele dazu. Einähnliches Verhältnis findet statt bei der Eroberung, wenn dem eroberten Lande die aufeinem andern Boden entwickelte Verkehrsform fertig herübergebracht wird; während sie inihrer Heimat noch mit Interessen und Verhältnissen aus früheren Epochen behaftet war,kann und muß sie hier vollständig und ohne Hindernis durchgesetzt werden, schon um denEroberern dauernde Macht zu sichern. (England und Neapel nach der normännischenEroberung, wo sie die vollendetste Form der feudalen Organisation erhielten.)Alle Kollisionen der Geschichte haben also nach unsrer Auffassung ihren Ursprung in demWiderspruch zwischen den Produktivkräften und der Verkehrsform. Es ist übrigens nichtnötig, daß dieser Widerspruch, um zu Kollisionen in einem Lande zu führen, in diesem62 Persönliche Energie der Individuen einzelner Nationen - Deutsche und Amerikaner - Energie schondurch Rassenkreuzung - daher die Deutschen kretinmäßig - in Frankreich, England etc. fremdeVölker auf einen schon entwickelten, in Amerika auf einen ganz neuen Boden verpflanzt, inDeutschland die naturwüchsige Bevölkerung ruhig sitzengeblieben.61 ihrerseits82
Lande selbst auf die Spitze getrieben ist. Die durch einen erweiterten internationalenVerkehr hervorgerufene Konkurrenz mit industriell entwickelteren Ländern ist hinreichend,um auch in den Ländern mit weniger entwickelter Industrie einen ähnlichen Widerspruch zuerzeugen (z.B. das latente Proletariat in Deutschland, durch die Konkurrenz der englischenIndustrie zur Erscheinung gebracht).Dieser Widerspruch zwischen den Produktivkräften und der Verkehrsform, der, wie wirsahen, schon mehreremal in der bisherigen Geschichte vorkam, ohne jedoch die Grundlagederselben zu gefährden, mußte jedesmal in einer Revolution eklatieren, wobei er zugleichverschiedene Nebengestalten annahm, als Totalität von Kollisionen, als Kollisionenverschiedener Klassen, als Widerspruch des Bewußtseins, Gedankenkampf etc., politischerKampf etc. Von einem bornierten Gesichtspunkte aus kann man nun eine dieserNebengestalten herausnehmen und sie als die Basis dieser Revolutionen betrachten, wasum so leichter ist, als die Individuen, von denen die Revolutionen ausgingen, sich je nachihrem Bildungsgrad und der Stufe der historischen Entwicklung über ihre eigne Tätigkeitselbst Illusionen machten.Die Verwandlung der persönlichen Mächte (Verhältnisse) in sachliche durch die Teilung derArbeit kann nicht dadurch wieder aufgehoben werden, daß man sich die allgemeineVorstellung davon aus dem Kopfe schlägt, sondern nur dadurch, daß die Individuen diesesachlichen Mächte wieder unter sich subsumieren und die Teilung der Arbeit aufheben63.Dies ist ohne die Gemeinschaft nicht möglich. Erst in der Gemeinschaft [mit Andern hatjedes] Individuum die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden; erst in derGemeinschaft wird also die persönliche Freiheit möglich. In den bisherigen Surrogaten derGemeinschaft, im Staat usw. existierte die persönliche Freiheit nur für die in denVerhältnissen der herrschenden Klasse entwickelten Individuen und nur, insofern sieIndividuen dieser Klasse waren. Die scheinbare Gemeinschaft, zu der sich bisher dieIndividuen vereinigten, verselbständigte sich stets ihnen gegenüber und war zugleich, da sieeine Vereinigung einer Klasse gegenüber einer andern war, für die beherrschte Klasse nichtnur eine ganz illusorische Gemeinschaft, sondern auch eine neue Fessel. In der wirklichenGemeinschaft erlangen die Individuen in und durch ihre Assoziation zugleich ihre Freiheit.Es geht aus der ganzen bisherigen Entwicklung hervor, daß das gemeinschaftlicheVerhältnis, in das die Individuen einer Klasse traten und das durch ihre gemeinschaftlichenInteressen gegenüber einem Dritten bedingt war, stets eine Gemeinschaft war, der dieseIndividuen nur als Durchschnittsindividuen angehörten, nur soweit sie in denExistenzbedingungen ihrer Klasse lebten, ein Verhältnis, an dem sie nicht als Individuen,sondern als Klassenmitglieder teilhatten. Bei der Gemeinschaft der revolutionärenProletarier dagegen, die ihre und aller Gesellschaftsmitglieder Existenzbedingungen unterihre Kontrolle nehmen, ist es gerade umgekehrt; an ihr nehmen die Individuen als IndividuenAnteil. Es ist eben die Vereinigung der Individuen (innerhalb der Voraussetzung der jetztentwickelten Produktivkräfte natürlich), die die Bedingungen der freien Entwicklung undBewegung der Individuen unter ihre Kontrolle gibt, Bedingungen, die bisher dem Zufallüberlassen waren und sich gegen die einzelnen Individuen eben durch ihre Trennung alsIndividuen, durch ihre notwendige Vereinigung, die mit der Teilung der Arbeit gegeben, unddurch ihre Trennung zu einem ihnen fremden Bande geworden war, verselbständigt hatten.Die bisherige Vereinigung war nur eine (keineswegs willkürliche, wie sie z. B. im \"Contrat63 [Randbemerkung von Engels:] (Feuerbach: Sein und Wesen)83
social\" dargestellt wird, sondern notwendige) Vereinigung (vergleiche z. B. die Bildung desnordamerikanischen Staats und die südamerikanischen Republiken) über dieseBedingungen, innerhalb deren dann die Individuen den Genuß der Zufälligkeit hatten.Dieses Recht, innerhalb gewisser Bedingungen ungestört der Zufälligkeit sich erfreuen zudürfen, nannte man bisher persönliche Freiheit. - Diese Existenzbedingungen sind natürlichnur die jedesmaligen Produktionskräfte und Verkehrsformen.Wenn man diese Entwicklung der Individuen in den gemeinsamen Existenzbedingungen dergeschichtlich aufeinanderfolgenden Stände und Klassen und den ihnen damit aufgedrängtenallgemeinen Vorstellungen philosophisch betrachtet, so kann man sich allerdings leichteinbilden, in diesen Individuen habe sich die Gattung oder der Mensch, oder sie haben denMenschen entwickelt; eine Einbildung, womit der Geschichte einige starke Ohrfeigengegeben werden64. Man kann dann diese verschiedenen Stände und Klassen alsSpezifikationen des allgemeinen Ausdrucks, als Unterarten der Gattung, alsEntwicklungsphasen des Menschen fassen.Diese Subsumtion der Individuen unter bestimmte Klassen kann nicht eher aufgehobenwerden, als bis sich eine Klasse gebildet hat, die gegen die herrschende Klasse keinbesonderes Klasseninteresse mehr durchzusetzen hat.Die Individuen gingen immer von sich aus, natürlich aber von sich innerhalb ihrer gegebenenhistorischen Bedingungen und Verhältnisse, nicht vom \"reinen\" Individuum im Sinne derIdeologen. Aber im Lauf der historischen Entwicklung und gerade durch die innerhalb derTeilung der Arbeit unvermeidliche Verselbständigung der gesellschaftlichen Verhältnisse trittein Unterschied heraus zwischen dem Leben jedes Individuums, soweit es persönlich ist undinsofern es unter irgendeinen Zweig der Arbeit und die dazugehörigen Bedingungensubsumiert ist. (Dies ist nicht so zu verstehen, als ob z.B. der Rentier, der Kapitalist pp.aufhörten, Personen zu sein; sondern ihre Persönlichkeit ist durch ganz bestimmteKlassenverhältnisse bedingt und bestimmt, und der Unterschied tritt erst im Gegensatz zueiner andern Klasse und für sie selbst erst dann hervor, wenn sie Bankerott machen.) ImStand (mehr noch im Stamm) ist dies noch verdeckt, z.B. ein Adliger bleibt stets ein Adliger,ein Roturier65 stets ein Roturier, abgesehn von seinen sonstigen Verhältnissen, eine vonseiner Individualität unzertrennliche Qualität. Der Unterschied des persönlichen Individuumsgegen das Klassenindividuum, die Zufälligkeit der Lebensbedingungen für das In[dividuum]tritt erst mit dem Auftreten der Klasse [ein], die selbst ein Produkt der Bourgeoisie ist. DieKonkurrenz und der Kampf [der] Individuen untereinander erz[eugt und en]twickelt erst dieseZufälligkeit als solche. In der Vorstellung sind daher die Individuen unter derBourgeoisieherrschaft freier als früher, weil ihnen ihre Lebensbedingungen zufällig sind; inder Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert. DerUnterschied vom Stand tritt namentlich heraus im Gegensatz der Bourgeoisie gegen dasProletariat. Als der Stand der städtischen Bürger, die Korporationen pp. gegenüber demLandadel aufkamen, erschien ihre Existenzbedingung, das Mobileigentum und dieHandwerksarbeit, die schon vor ihrer Trennung vom Feudalverbande latent existiert hatten,65 Nichtadliger, Bürgerlicher64 Der bei Sankt Max häufig vorkommende Satz, daß Jeder Alles, was er ist, durch den Staat ist, ist imGrunde derselbe wie der, daß der Bourgeois nur ein Exemplar der Bourgeoisgattung sei; ein Satz, dervoraussetzt, daß die Klasse der Bourgeois schon vor den sie konstituierenden Individuen existierthabe. [Zu diesem Satz Randbemerkung von Marx:] Präexistenz der Klasse bei den Philosophen84
als etwas Positives, das gegen das feudale Grundeigentum geltend gemacht wurde, undnahm daher auch zunächst wieder die feudale Form in ihrer Weise an. Allerdingsbehandelten die entlaufenden Leibeignen ihre bisherige Leibeigenschaft als etwas ihrerPersönlichkeit Zufälliges. Hierin aber taten sie nur dasselbe, was jede sich von einer Fesselbefreiende Klasse tut, und dann befreiten sie sich nicht als Klasse, sondern vereinzelt. Sietraten ferner nicht aus dem Bereich des Ständewesens heraus, sondern bildeten nur einenneuen Stand und behielten ihre bisherige Arbeitsweise auch in der neuen Stellung bei undbildeten sie weiter aus, indem sie sie von ihren bisherigen, ihrer schon erreichtenEntwicklung nicht [mehr] entsprechenden Fesseln befreiten66.Bei den Proletariern dagegen ist ihre eigne Lebensbedingung, die Arbeit, und damitsämtliche Existenzbedingungen der heutigen Gesellschaft, für sie zu etwas Zufälligemgeworden, worüber die einzelnen Proletarier keine Kontrolle haben und worüber ihnen keinegesellschaftliche Organisation eine Kontrolle geben kann, und der Widerspruch zwischender Persönlichkeit des einzelnen Proletariers und seiner ihm aufgedrängtenLebensbedingung, der Arbeit, tritt für ihn selbst hervor, namentlich da er schon von Jugendauf geopfert wird und da ihm die Chance fehlt, innerhalb seiner Klasse zu den Bedingungenzu kommen, die ihn in die andre stellen.Während also die entlaufenden Leibeignen nur ihre bereits vorhandenenExistenzbedingungen frei entwickeln und zur Geltung bringen wollten und daher in letzterInstanz nur bis zur freien Arbeit kamen, müssen die Proletarier, um persönlich zur Geltungzu kommen, ihre eigne bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigenGesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch im direkten Gegensatzzu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruckgaben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.66 N.B. Nicht zu vergessen, daß schon die Notwendigkeit der Leibeignen, zu existieren, und dieUnmöglichkeit der großen Wirtschaft, die die Verteilung der Parzellen an die Leibeignen mit sichführte, sehr bald die Verpflichtungen der Leibeignen gegen den Feudalherrn auf einen Durchschnittvon Naturallieferungen und Fronleistungen reduzierte, der dem Leibeignen die Akkumulation vonMobiliareigentum möglich machte und damit sein Entfliehen von dem Besitztum seines Herrnerleichterte und ihm Aussicht auf sein Fortkommen als Stadtbürger gab, auch Abstufungen unter denLeibeignen erzeugte, so daß die weglaufenden Leibeignen schon halbe Bürger sind. Wobei esebenfalls einleuchtet, daß die eines Handwerks kundigen leibeignen Bauern am meisten Chancehatten, sich Mobiliareigentum zu erwerben.85
Georg LukácsLenin - Studie über den Zusammenhang seiner GedankenLenins Ruhm als politische Führer der Oktoberrevolution ist weitverbreitet. Aber was war dasgeistige Wesen seiner Entwicklung des Marxismus, die die Bolschewistische Partei zumSieg führte.Seit der Revolution ist dieses Werk eine der wenigen Studien, die eine tiefgehende Analysedes „Leninismus“ als Theorie liefert. Direkt nach Lenins Tod Anfang 1924 geschrieben, ist eseine brillante und kompakte darstellung des theoretischen Gesamtsystems, das man ausLenins Schriften herausholen kann. Alle zentralen Themen Lenins werden in ihrem innerenwissenschaftlichen Zusammenhang dargestellt, dessen erste Voraussetzung die „Aktualitätder Revolution“ (wie Lukács sie nannte) ist – die Möglichkeit und Notwendigkeit, diesozialistische Revolution durchzuführen in einer Welt die vom Imperialismus und Kriegzerrissen wird.Lukács’ einzigartige Studie ist unentbehrlich, wenn man die wirkliche aktuelle Bedeutungdes revolutionären Erbe Lenins verstehen will.VorwortDie hier folgenden, wenigen Bemerkungen erheben keinen Augenblick den Anspruch, dieTheorie und die Praxis Lenins irgendwie erschöpfend zu behandeln. Sie versuchen bloß – ingroben Umrissen – auf den Zusammenhang zwischen seiner Theorie und seiner Praxishinzuweisen, aus dem Gefühl heraus, daß gerade dieser Zusammenhang, sogar imBewußtsein vieler Kommunisten, nicht in hinreichender Deutlichkeit vorhanden ist. Einewirkliche Behandlung all dieser Probleme würde nicht nur einen ganz anderen Umfang alsdiese wenigen Seiten erfordern, sondern es liegt für eine solche Darstellung von LeninsLebenswerk, besonders für jene, denen die russische Literatur nur in Übersetzungenzugänglich ist, keineswegs ein hinreichend komplettes Material vor. Die Geschichte Leninserfordert als Rahmen zumindest die Geschichte der vergangenen 30 bis 40 Jahre. Hoffenwir, daß ihre würdige Darstellung nicht allzulange auf sich warten läßt. Der Verfasser dieserandeutenden Bemerkungen fühlt selbst am drückendsten, wie schwer es ist, Einzelproblemezu behandeln, bevor das Ganze, dem sie angehören, geklärt; zu popularisieren, bevor das,war popularisiert werden soll, wissenschaftlich einwandfrei niedergelegt ist. Darum ist hiereine Vollständigkeit der Probleme, die Lenins Leben erfüllt haben, eine geschichtlich genaueAufeinanderfolge ihres Auftauchens gar nicht versucht worden. Die Auswahl und dieAufeinander- und Auseinanderfolge ist bloß vom Gesichtspunkte bestimmt, denZusammenhang dieser Probleme so deutlich wie irgend möglich hervortreten zu lassen. Esversteht sich von selbst, daß die Auswahl der Zitate ebenfalls von diesem Gesichtspunktund nicht von dem einer chronologischen Genauigkeit bestimmt ist.Wien, Februar 192486
I. Die Aktualität der RevolutionDer historische Materialismus ist die Theorie der proletarischen Revolution. Er ist es, weilsein Wesen die gedankliche Zusammenfassung jenes gesellschaftlichen Seins ist, das dasProletariat produziert, das das ganze Sein des Proletariats bestimmt; er ist es, weil in ihmdas um Befreiung ringende Proletariat sein klares Selbstbewußtsein findet. Die Größe einesproletarischen Denkers, eines Vertreters des historischen Materialismus mißt sich deshalban der Tiefe und Weite, die sein Blick in diesen Problemen erfaßt. Daran: mit welcherIntensität er imstande ist, hinter den Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft jeneTendenzen zur proletarischen Revolution richtig zu erblicken, die in ihnen und durch sie sichzum wirksamen Sein und zu hellem Bewußtsein heraufarbeiten.An diesem Maßstab gemessen ist Lenin der größte Denker, den die revolutionäreArbeiterbewegung seit Marx hervorgebracht hat. Wohl sagen die Opportunisten, die dieTatsache seiner Bedeutung nicht mehr aus der Welt schwatzen oder schweigen können:Lenin wäre ein großer russischer Politiker gewesen. Zum Führer des Weltproletariats fehleihm die Einsicht in den Unterschied zwischen Rußland und den Ländern des entwickelterenKapitalismus; er habe – dies seine Grenze im geschichtlichen Maßstabe – die Fragen undLösungen der russischen Wirklichkeit unkritisch ins Allgemeine ausgedehnt und auf dieganze Welt angewendet.Sie vergessen – was heute freilich mit Recht vergessen ist – daß derselbe Vorwurf seinerzeitauch gegen Marx erhoben wurde. Man sagte: Marx hätte seine Beobachtungen über dasenglische Wirtschaftsleben, über die englische Fabrik unkritisch als allgemeine Gesetze dergesellschaftlichen Entwicklung überhaupt ausgesprochen; die Beobachtungen mochten ansich ganz richtig sein, zu allgemeinen Gesetzen verzerrt mußten sie aber ebendeshalbfalsch werden. Heute ist es bereits überflüssig, diesen Irrtum ausführlich zu widerlegen.Auseinanderzusetzen, daß Marx keineswegs einzelne, zeitlich und örtlich beschränkteErfahrungen „verallgemeinert“ hat. Er hat vielmehr – nach der Arbeitsweise der echtenhistorischen und politischen Genies – im Mikrokosmos der englischen Fabrik, in ihrengesellschaftlichen Voraussetzungen, Bedingungen und Folgen, in den geschichtlichenTendenzen, die zu ihrem Entstehen führen, und in jenen, die ihre Existenz problematischmachen, eben den Makrokosmos des Gesamtkapitalismus theoretisch wie historischerblickt.Denn dies unterscheidet das Genie vom bloßen Routinier in Wissenschaft oder Politik.Dieser kann bloß die unmittelbar gegebenen, voneinander abgetrennten Momente desgesellschaftlichen Geschehens verstehen und unterscheiden. Und wenn er sich zuallgemeinen Schlüssen erheben will, so macht er in der Tat nichts anderes: als gewisseSeiten einer zeitlich und örtlich beschränkten Erscheinung – in wirklich abstrakter Weise –als „allgemeine Gesetze“ aufzufassen und als solche anzuwenden. Dagegen sieht dasGenie, dem das wahre Wesen, die wirkliche, die lebendig wirksame Haupttendenz einerEpoche klar geworden ist, hinter sämtlichen Geschehnissen seiner Zeit eben diese Tendenzwirken und behandelt auch dann die entscheidenden Grundfragen der ganzen Epoche,wenn es sogar selbst meint, nur über Tagesfragen zu sprechen.87
Heute wissen wir, daß hierin die Größe von Marx lag. Er hat aus der Struktur der englischenFabrik alle entscheidenden Tendenzen des modernen Kapitalismus herausgelesen undgedeutet. Er hat stets das Ganze der kapitalistischen Entwicklung vor Augen gehabt: darumvermochte er in einer jeden ihrer Erscheinungen zugleich ihre Gesamtheit, in ihrem Aufbauzugleich ihre Bewegung zu erblicken.Heute wissen es aber erst wenige, daß Lenin für unsere Epoche dasselbe geleistet hat, wasMarx für die Gesamtentwicklung des Kapitalismus. Er hat in den Entwicklungsproblemendes modernen Rußland – von den Entstehungsfragen des Kapitalismus in einemhalbfeudalen Absolutismus bis zu den Problemen der Verwirklichung des Sozialismus ineinem zurückgebliebenen Bauernland – stets die Probleme der ganzen Epoche gesehen:den Eintritt in die letzte Phase des Kapitalismus und die Möglichkeiten, den hierunvermeidlich gewordenen Entscheidungskampf zwischen Bourgeoisie und Proletariatzugunsten des Proletariats, zur Rettung der Menschheit zu wenden.Lenin hat niemals – ebensowenig wie Marx – örtlich oder zeitlich beschränkte,lokal-russische Erfahrungen verallgemeinert. Er hat aber, mit dem Blick des Genies, bereitsam Ort und im Zeitpunkt seiner ersten Wirksamkeit das Grundproblem unserer Zeit: dieherannahende Revolution erkannt. Und er hat dann alle Erscheinungen, sowohl dierussischen wie die internationalen, aus dieser Perspektive, aus der Perspektive derAktualität der Revolution verstanden und verständlich gemacht.Die Aktualität der Revolution: dies ist der Grundgedanke Lenins und zugleich der Punkt, derihn entscheidend mit Marx verbindet. Denn der historische Materialismus, als begrifflicherAusdruck des proletarischen Befreiungskampfes, konnte auch theoretisch nur in einemgeschichtlichen Augenblick erfaßt und formuliert werden, als seine praktische Aktualitätbereits auf die Tagesordnung der Geschichte gestellt war. In einem Augenblick, wo im Elenddes Proletariats nach Marx’ Worten nicht mehr bloß das Elend selbst, sondern jenerevolutionäre Seite, „welche die alte Gesellschaft über den Haufen werfen wird“, sichtbargeworden ist. Freilich war auch damals der unerschrockene Blick des Genies notwendig, umdie Aktualität der proletarischen Revolution erblicken zu können. Denn für dieDurchschnittsmenschen wird die proletarische Revolution erst sichtbar, wenn dieArbeitermassen bereits kämpfend auf den Barrikaden stehen. Und falls dieseDurchschnittsmenschen auch noch eine vulgär-marxistische Bildung genossen haben –sogar dann nicht. Denn in den Augen des Vulgärmarxisten sind die Grundlagen derbürgerlichen Gesellschaft so unerschütterlich fest, daß er selbst in den Momenten ihrersichtbarsten Erschütterung nur die Wiederkehr ihres „normalen“ Zustandes herbeiwünscht,in ihren Krisen vorübergehende Episoden erblickt und einen Kampf selbst in solchen Zeitenals das unvernünftige Sich-Auflehnen Leichtfertiger gegen den dennoch unbesiegbarenKapitalismus betrachtet. Die Barrikadenkämpfer erscheinen ihm also als Verirrte; dieniedergeworfene Revolution als „Fehler“; und die Aufbauer des Sozialismus in einerRevolution, die – in den Augen des Opportunisten unmöglich anders als vorübergehend –siegreich war, sogar als Verbrecher.Der historische Materialismus hat also – bereits als Theorie – die weltgeschichtlicheAktualität der proletarischen Revolution zur Voraussetzung. In diesem Sinne, als objektiveGrundlage der ganzen Epoche und zugleich als Gesichtspunkt ihres Verstehens, bildet sieden Kernpunkt der Marxschen Lehre. Jedoch trotz dieser Beschränkung, die in der scharfen88
Ablehnung aller unbegründeten Illusionen, in dem strengen Verurteilen aller putschistischenVersuche zum Ausdruck kam, klammert sich die opportunistische Auslegung alsbald an diesogenannten Irrtümer von Marx’ Voraussichten im einzelnen, um auf diesem Umwege ausdem Gesamtaufbau des Marxismus die Revolution überhaupt und gründlich auszumerzen.Und die „orthodoxen“ Verteidiger von Marx kommen hier seinen „Kritikern“ auf halbem Wegentgegen. Kautsky erklärt Bernstein gegenüber, daß man die Entscheidung über die Diktaturdes Proletariats ruhig der Zukunft (einer sehr fernen Zukunft) überlassen könne.Lenin hat auf diesem Punkte die Reinheit der Marxschen Lehre wieder hergestellt. Er hat siejedoch zugleich gerade hier deutlicher und konkreter gefaßt. Nicht als ob er irgendwie Marxzu verbessern versucht hätte. Er hat bloß das Weiterschreiten des geschichtlichenProzesses seit dem Tode von Marx in die Lehre hineingearbeitet. Und dies bedeutet, daß dieAktualität der proletarischen Revolution nunmehr nicht nur als weltgeschichtlicher Horizontüber die sich befreiende Arbeiterklasse gespannt ist, sondern, daß die Revolution bereits zurTagesfrage der Arbeiterbewegung geworden ist. Den Vorwurf des Blanquismus usw., dendiese Grundeinstellung Lenin gekostet hat, konnte er ruhig ertragen. Nicht nur wegen derguten Gesellschaft, da er diesen Vorwurf mit Marx (mit „gewissen Seiten“ von Marx) teilenmußte, sondern weil er nicht unverdient in diese gute Gesellschaft geraten ist. Auf der einenSeite hat weder Marx noch Lenin die Aktualität der proletarischen Revolution und ihrerEndziele sich je so vorgestellt, als ob man sie nunmehr im beliebigen Augenblick beliebigverwirklichen könnte. Anderseits aber war für beide durch die Aktualität der Revolution dersichere Maßstab der Entscheidung in jeder Tagesfrage gewonnen. Die Aktualität derRevolution bestimmt den Grundton einer ganzen Epoche. Erst diese Beziehung dereinzelnen Handlungen auf dieses Zentrum, das nur aus der genauen Analyse desgesellschaftlich-geschichtlichen Ganzen gefunden werden kann, macht die einzelnenHandlungen revolutionär oder konterrevolutionär. Die Aktualität der Revolution bedeutetmithin: jede einzelne Tagesfrage im konkreten Zusammenhange desgesellschaftlich-geschichtlichen Ganzen zu behandeln; sie als Momente der Befreiung desProletariats anzusehen. Die Weiterbildung, die der Marxismus auf diese Weise durch Leninerfahren hat, besteht bloß – bloß! – in der innigeren, sichtbareren und folgenschwererenVerknüpfung der einzelnen Handlungen mit dem Gesamtschicksal, mit dem revolutionärenSchicksal der ganzen Arbeiterklasse. Sie bedeutet bloß, daß jede Tagesfrage – schon alsTagesfrage – zugleich ein Grundproblem der Revolution geworden ist.Die Entwicklung des Kapitalismus hat die proletarische Revolution zur Tagesfrage gemacht.Das Herannahen dieser Revolution hat Lenin nicht als Einziger gesehen. Er unterscheidetsich jedoch nicht nur an Mut, Hingebung und Opferfähigkeit von jenen, die im Augenblick,wo die von ihnen selbst theoretisch als aktuell verkündete proletarische Revolutionpraktisch-aktuell geworden ist, feige ausgekniffen sind, sondern zugleich an theoretischerKlarheit von den besten, ahnungsvollsten und hingebendsten Revolutionären unter seinenZeitgenossen. Denn selbst diese haben die Aktualität der proletarischen Revolution nur inder Weise erkannt, wie sie im Zeitalter von Marx für diesen erkennbar gewesen ist: alsGrundproblem der ganzen Epoche. Sie waren aber unfähig, diese ihre – ausweltgeschichtlicher, aber nur aus weltgeschichtlicher Perspektive – richtige Erkenntnis zursicheren Richtschnur sämtlicher Tagesfragen, der politischen wie der ökonomischen, dertheoretischen wie der taktischen, der agitatorischen wie der organisatorischen Fragen zumachen. Diesen Schritt zur Konkretisierung des nunmehr ganz praktisch gewordenenMarxismus hat Lenin als Einziger vollzogen. Darum ist er – im weltgeschichtlichen Sinne –89
der einzige Marx ebenbürtige Theoretiker, den der proletarische Befreiungskampf bis jetzthervorgebracht hat.II. Das Proletariat als führende KlasseDie Unhaltbarkeit der russischen Zustände hat sich lange vor der wirklichen Entwicklung desKapitalismus, lange vor dem Vorhandensein eines industriellen Proletariats gezeigt. DieAuflösung des Agrarfeudalismus und die Zersetzung des bureaukratischen Absolutismuswaren schon viel früher nicht nur unbestreitbare Tatsachen der russischen Wirklichkeitgeworden sie produzierten auch – in der Unruhe der Bauernschaft und in derRevolutionierung der sogenannten deklassierten Intelligenz – Gesellschaftsschichten, diesich, wenn auch noch so unklar, verworren und bloß elementarisch, doch von Zeit zu Zeitgegen den Zarismus erhoben haben. Es ist klar, daß die Entwicklung des Kapitalismus, magauch sowohl ihre Tatsache selbst wie ihre Bedeutung sogar den Scharfblickenden verborgengeblieben sein, diese objektive Zerrüttung und ihre revolutionär-ideologischen Folgen starksteigern mußte. In der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts mußte es immer offenkundigerwerden, daß Rußland, 1848 noch der sichere Hort der europäischen Reaktion, sichallmählich einer Revolution entgegen entwickelt. Die Frage war bloß: welchen Charakterwird diese Revolution haben? Und im engsten Zusammenhang damit: welche Klasse solltedie führende Rolle in ihr spielen?Es ist ohne weiteres verständlich, daß die ersten Generationen der Revolutionäre sich dieseFragen noch höchst unklar gestellt haben. Vor allem sahen sie in den sich gegen denZarismus erhebenden Gruppen etwas Einheitliches: das Volk. Die Gliederung inIntellektuelle und Handarbeiter konnte zwar auch auf dieser Stufe nicht verborgen bleiben,hatte aber kein entscheidendes Gewicht, da das „Volk“ klassenmäßig noch eine sehr wenigdeutliche Physiognomie haben konnte und von den Intellektuellen sich nur noch die wirklichehrlichen Revolutionäre der Bewegung angeschlossen hatten; Revolutionäre, für die esunerschütterlich feststand, im „Volke“ aufzugehen und nur seinen Interessen zu dienen.Immerhin konnte die Entwicklung Europas auch in diesem Zustand der revolutionärenBewegung den Gang der Ereignisse und dementsprechend auf die Geschichtsperspektivesein, von der aus die Revolutionäre die Ereignisse gewertet haben. Hier mußte nunzwangsläufig die Frage auftauchen: ist die europäische Entwicklung, die Entwicklung desKapitalismus, ein unentrinnbares Schicksal auch für Rußland? Muß auch Rußland durch dieHölle des Kapitalismus hindurchgehen, um im Sozialismus seine Rettung zu finden? Odervermag es, infolge der Eigenart seiner Verhältnisse, infolge der noch bestehendenDorfkommune diese Entwicklungsstufe zu überspringen und vom ursprünglichenKommunismus direkt den Weg zum entwickelten Kommunismus zu finden?Die Antwort auf diese Frage war damals keineswegs so selbstverständlich, wie sie unsheute scheint. Hat doch selbst Engels noch im Jahre 1882 sie so beantwortet: wenn einerussische Revolution zugleich eine europäische proletarische Revolution hervorruft, „dannkann das heutige russische Gemeineigentum zum Ausgangspunkt einer kommunistischenEntwicklung dienen“.90
Es ist hier nicht der Ort, eine Geschichte der theoretischen Kämpfe um diese Frage auch nurzu skizzieren. Wir mußten bloß bei diesem Problem unseren Ausgangspunkt wählen, weilmit ihm für Rußland die Frage nach der führenden Klasse der kommenden Revolutionaufgeworfen war. Denn es ist klar, daß die Anerkennung des Dorfkommunismus alsAusgangspunkt und ökonomische Grundlage der Revolution notwendig die Bauern zurführenden Klasse der gesellschaftlichen Umwälzung macht. Und dieser von Europaverschiedenen ökonomischen und sozialen Basis der Revolution entsprechend, müßte dieRevolution auch eine andere theoretische Grundlegung suchen, als den historischenMaterialismus, der ja nichts weiter ist als der begriffliche Ausdruck für den notwendigenÜbergang aus dem Kapitalismus in den Sozialismus, den die Gesellschaft unter Führung derArbeiterklasse vollzieht. Der Streit um die Tatsache: ob Rußland im Begriffe ist, sichkapitalistisch zu entwickeln, ob der Kapitalismus in Rußland entwicklungsfähig ist; weiter diewissenschaftlich-methodische Kontroverse: ob der historische Materialismus eine allgemeingültige Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung ist; und endlich die Diskussion um dieFrage: welche Gesellschaftsklasse der wirkliche Motor der russischen Revolution zu werdenberufen ist – drehen sich alle um dieselbe Frage. Sie sind alle ideologischeAusdrucksformen der Entwicklung des russischen Proletariats: Momente der Entfaltungseiner ideologischen (und dementsprechend taktischen, organisatorischen usw.)Selbständigkeit den anderen Gesellschaftsklassen gegenüber.Dies ist ein langwieriger und schmerzlicher Prozeß, den jede Arbeiterbewegung überstehenmuß. Spezial-russisch sind dabei bloß die einzelnen Probleme, an denen die Eigenart derKlassenlage und die Selbständigkeit der Klasseninteressen des Proletariats zur Geltungkommen. (In Deutschland befand sich die Arbeiterklasse in der PeriodeLassalle-Bebel-Schweitzer auf dieser Stufe, und die deutsche Einheit war eine der hierbeiausschlaggebenden Fragen.) Jedoch gerade diese speziellen, lokalen Probleme müssen alssolche eine richtige Lösung finden, wenn die Selbständigkeit des klassenmäßigen Handelnsfür das Proletariat errungen werden soll. Die beste theoretische Schulung, wenn sie imAllgemeinen steckenbleibt, nützt hier gar nichts; sie muß in der Lösung gerade dieserSpezialprobleme zum Ausdruck gelangen, um praktisch wirksam zu werden. (So vermochtezum Beispiel der glühende Internationalist Wilhelm Liebknecht, der unmittelbare Schüler vonMarx, in solchen Einzelfragen keineswegs öfter und sicherer die richtige Entscheidung zufinden als die rein theoretisch viel verworreneren Lassalleaner.) Spezial-russisch in dieserSachlage ist aber noch, daß dieser theoretische Kampf um die Selbständigkeit desProletariats, um die Erkenntnis seiner führenden Rolle in der kommenden Revolutionnirgends ein derart klare und eindeutige Lösung gefunden hat, wie gerade in Rußland. Sokonnten jene Schwankungen und Rückfälle, nicht in den Erfolgen des Klassenkampfes, wosie unvermeidlich sind, sondern in der theoretischen Klarheit und in dertaktisch-organisatorischen Sicherheit der Arbeiterbewegung, die wir in allen entwickeltenLändern ausnahmslos beobachten können, dem russischen Proletariat größtenteils erspartbleiben. Es konnte sich – wenigstens in seiner bewußtesten Schicht – theoretisch undorganisatorisch so geradlinig und klar entfalten, wie seine objektive Klassenlage von denökonomischen Kräften des russischen Kapitalismus entfaltet worden ist.Lenin ist nicht der erste gewesen, der diesen Kampf aufgenommen hat. Er ist aber derEinzige gewesen, der sämtliche Fragen radikal zu Ende gedacht, der Einzige, der seinetheoretische Einsicht radikal in Praxis umgesetzt hat.91
Lenin war nur einer der theoretischen Wortführer im Streite gegen den „urwüchsigen“russischen Sozialismus, gegen die Narodniki. Verständlicherweise. Denn sein theoretischerKampf hatte den Zweck, die selbständige, die führende Rolle des Proletariats in demkommenden Schicksal Rußlands nachzuweisen. Da aber Weg und Mittel dieser Diskussionnur darin bestehen konnten, nachzuweisen, daß der von Marx entworfene, typischeEntwicklungsgang des Kapitalismus (die ursprüngliche Akkumulation) auch für Rußland gilt;daß in Rußland ein lebensfähiger Kapitalismus entstehen kann und muß, mußte dieseDebatte die Wortführer des proletarischen Klassenkampfes mit den Ideologen desentstehenden russischen Kapitalismus – vorübergehend – in ein Lager bringen. Dietheoretische Herauslösung des Proletariats aus dem Brei des „Volkes“ brachte ebenkeineswegs von selbst die Erkenntnis und die Anerkennung seiner Selbständigkeit, seinerführenden Rolle mit sich. Im Gegenteil. Die einfache, undialektisch-mechanischeKonsequenz des Nachweises, daß die Entwicklungstendenzen des russischenWirtschaftslebens in der Richtung auf den Kapitalismus gehen, scheint die restloseAnerkennung dieser Realität, die Förderung ihres Herannahens zu sein. Und zwar nicht bloßfür die progressive Bourgeoisie, deren vorübergehend – „marxistische“ Ideologieverständlich wird, wenn man bedenkt, daß der Marxismus die einzige ökonomische Theorieist, die die Genesis des Kapitalismus mit Notwendigkeit aus der Auflösung dervorkapitalistischen Welt aufzeigt. Dieses Zusammengehen muß vielmehr auch für alle„proletarischen“ Marxisten als notwendig erscheinen, die den Marxismus in mechanischerund nicht in dialektischer Weise auffassen. Die es nicht verstehen – was Marx von Hegelgelernt und von jeder Mythologie und jedem Idealismus befreit in seine Theorie eingearbeitethat –, daß die Anerkennung einer Tatsache oder Tendenz als wirklich vorhanden noch langenicht soviel bedeutet, daß sie als die für unser Handeln maßgebende Wirklichkeit anerkanntwerden muß. Daß es zwar die heilige Pflicht eines jeden echten Marxisten ist, denTatsachen unerschrocken und illusionslos ins Auge zu blicken; daß es aber für den echtenMarxisten stets etwas gibt, das wirklicher und darum wichtiger ist als die einzelnenTatsachen oder Tendenzen: die Wirklichkeit des Gesamtprozesses, das Ganze dergesellschaftlichen Entwicklung. Darum schreibt Lenin: „Es ist die Sache der Bourgeoisie,Trusts zu entfalten, Kinder und Frauen in die Fabriken zu jagen, sie dort zu ruinieren und zuschinden und sie zur äußersten Not zu verurteilen. Wir ‚fordern‘ eine solche Entwicklungnicht, wir ‚unterstützen‘ sie nicht, sondern wir kämpfen dagegen. Aber wie kämpfen wir? Wirwissen, daß Trusts und Fabriksarbeit der Frauen ein Fortschritt ist. Wir wollen nichtrückwärts schreiten zum Handwerk, zum Kapitalismus ohne Monopolstellung, zurHeimarbeit der Frauen zurück. Vorwärts durch die Trusts und anderes und über sie hinauszum Sozialismus!“Damit ist der Gesichtspunkt für die Leninsche Lösung dieses ganzen Fragenkomplexesgegeben. Und daraus folgt, daß die Anerkennung der Notwendigkeit einer kapitalistischenEntwicklung in Rußland, die Anerkennung des geschichtlichen Fortschritts, der hierin liegt,keineswegs soviel bedeutet, als ob das Proletariat diese Entwicklung nun auch unterstützensollte. Es muß sie begrüßen, denn erst diese Entwicklung schafft den Boden für dieEntstehung des Proletariats als entscheidender Machtfaktor. Es muß sie aber begrüßen, alsBedingung, als Voraussetzung seines eigentlichen, unerbittlichen Kampfes gegen denwirklichen Träger dieser Entwicklung: gegen die Bourgeoisie.Erst diese dialektische Auffassung der Notwendigkeit geschichtlicherEntwicklungstendenzen schafft den theoretischen Spielraum für das selbständige Auftreten92
des Proletariats im Klassenkampf. Denn wird die Notwendigkeit der kapitalistischenEntwicklung Rußlands einfach bejaht, wie dies die ideologischen Vorkämpfer der russischenBourgeoisie und die späteren Menschewiki getan haben, so ergibt sich daraus dieFolgerung, daß Rußland vor allem seine kapitalistische Entwicklung vollenden muß. Trägerdieser Entwicklung ist die Bourgeoisie. Erst nachdem diese Entwicklung sehr weitfortgeschritten ist, erst nachdem die Bourgeoisie ökonomisch und politisch die Überreste desFeudalismus weggeschafft und an ihre Stelle ein modernes, kapitalistisches,demokratisches usw. Land gestellt hat, kann der selbständige Klassenkampf des Proletariatsbeginnen. Ein vorzeitiges Hervortreten mit den selbständigen Klassenzielen des Proletariatsist nicht nur unnütz, weil das Proletariat als eigener Machtfaktor in diesem Kampf zwischenBourgeoisie und Zarismus kaum in Betracht kommt, sondern ist auch für das Proletariatverhängnisvoll. Denn es erschreckt die Bourgeoisie, schwächt ihre Stoßkraft dem Zarismusgegenüber, treibt sie geradezu in die Arme des Zarismus. Das Proletariat kommt also –vorerst – nur als Hilfstruppe der progressiven Bourgeoisie im Kampfe für ein modernesRußland in Betracht.Es ist klar – wenn dies in den damaligen Diskussionen auch nicht durchgehends deutlichgemacht wurde – daß dieser ganzen Kontroverse die Frage nach der Aktualität derRevolution zugrunde lag. Daß die Wege für jene Teilnehmer des Streites, die nicht mehroder weniger bewußte Ideologen der Bourgeoisie waren, sich danach schieden, ob dieRevolution als ein aktuelles Problem, als eine Tagesfrage der Arbeiterbewegung angesehenwurde, oder ob sie als fernes „Endziel“ auf die Entscheidungen des Augenblickes keinenbestimmten Einfluß auszuüben geeignet schien. Es ist freilich mehr als fraglich, ob dermenschewistische Standpunkt, selbst wenn die Richtigkeit seiner Geschichtsperspektiveanerkannt werden könnte, für das Proletariat annehmbar wäre. Ob eine derart treueGefolgschaft der Bourgeoisie gegenüber nicht das Klassenbewußtsein des Proletariats sostark verdunkeln müßte, daß eine Loslösung von ihr, ein selbständiges Handeln desProletariats sogar in einem geschichtlichen Augenblick, den auch eine menschewistischeTheorie für geeignet hielte, ideologisch unmöglich machen oder wenigstens sehrerschweren müßte. (Man denke an die englische Arbeiterbewegung.) Freilich ist dieseAnnahme praktisch müßig. Denn die Dialektik der Geschichte, die die Opportunisten ausdem Marxismus zu entfernen versuchen, muß in ihnen selbst – gegen ihren Willen –dennoch wirksam bleiben; sie treibt sie in das Lager der Bourgeoisie, und der Zeitpunkt fürdas selbständige Auftreten des Proletariats verschiebt sich bei ihnen in die nebelhafte Ferneeiner nie wirklich werdenden Zukunft.Die Geschichte hat Lenin und den wenigen Verkündern der Aktualität der Revolution rechtgegeben. Das Bündnis mit der progressiven Bourgeoisie, das sich bereits im Zeitalter derKämpfe um die deutsche Einheit als Illusion erwiesen hatte, wäre nur tragfähig gewesen,wenn es für das Proletariat klassenmäßig möglich gewesen wäre, der Bourgeoisie bis insBündnis mit dem Zarismus zu folgen. Denn aus der Aktualität der proletarischen Revolutionfolgt, daß die Bourgeoisie aufgehört hat, eine revolutionäre Klasse zu sein. Wohl bedeutetder ökonomische Prozeß, dessen Träger und Nutznießer sie geblieben ist, demAbsolutismus und dem Feudalismus gegenüber einen Fortschritt. Aber dieser progressiveCharakter der Bourgeoisie ist wiederum dialektisch geworden. Das heißt, die notwendigeVerknüpfung der ökonomischen Existenzbedinungen der Bourgeoisie mit jenen Forderungender politischen Demokratie, des Rechtsstaates usw., die in der großen französischenRevolution auf den Trümmern des Feudalabsolutismus, wenn auch nur teilweise, verwirklicht93
wurden, hat sich gelockert. Die immer stärker herannahende proletarische Revolution machteinerseits ein Bündnis zwischen Bourgeoisie und Feudalabsolutismus, auf Grund derSicherung der ökonomischen Existenz- und Wachstumsbedingungen der Bourgeoisie, beipolitischer Vorherrschaft der alten Mächte möglich. Anderseits hinterläßt die auf diese Weiseideologisch verkommende Bourgeoisie die Realisierung ihrer alten revolutionärenForderungen der proletarischen Revolution. Mag auch dieses Bündnis zwischen derBourgeoisie und den alten Mächten noch so problematisch sein, da es ja ein Kompromißaus gemeinsamer Furcht vor einem größeren Übel und nicht ein Klassenbündnis auf derGrundlage einer positiven Interessengemeinschaft ist, so bleibt es doch eine wichtige undneue Tatsache. Eine Tatsache, gegen die der schematische und mechanische „Nachweis“der „notwendigen Verknüpfung“ von kapitalistischer Entwicklung und Demokratie sichunbedingt als Illusion erweisen muß. „Überhaupt ist“ – sagt Lenin – „die politischeDemokratie nur eine der möglichen (wenn auch theoretisch für den ‚reinen‘ Kapitalismusnormalen) Formen des Überbaues über den Kapitalismus. Wie die Tatsachen beweisen,entwickelt sich sowohl der Kapitalismus als auch der Imperialismus bei jeder politischenForm und unterwirft sich alle Formen“. In Rußland speziell beruht dieses schnelleUmschwenken der Bourgeoisie von einer – scheinbar radikalen Opposition zu einerUnterstützung des Zarismus wesentlich darauf, daß der nicht „organisch“ gewachsene, aufRußland aufgepfropfte Kapitalismus schon in seinen Anfängen einen stark monopolistischenCharakter zeigt. (Überwiegen der Großbetriebe, Rolle des Finanzkapitals usw.) Daraus folgt,daß die Bourgeoisie eine zahlmäßig kleinere und sozial schwächere Schicht ist als inanderen Ländern, wo eine „organischere“ kapitalistische Entwicklung stattgefunden hat, daßaber zugleich in den Großbetrieben schneller die materielle Grundlage zu der Entwicklungeines revolutionären Proletariats niedergelegt wird, als es die – schematisch zahlenmäßige– Auslegung des Entwicklungstempos des russischen Kapitalismus vermutet hätte.Wenn aber das Bündnis mit der progressiven Bourgeoisie sich als Illusion erweist, wenn dassich zur Selbständigkeit emporarbeitende Proletariat mit dem chaotischen Begriff des„Volkes“ bereits endgültig gebrochen hat, wird es nicht gerade durch diese schwer erkämpfteSelbständigkeit in eine hoffnungslose Isolation gebracht und deshalb in einen vonvornherein aussichtslosen Kampf geführt? Dieser oft gemachte und sehr naheliegendeEinwand gegen die Geschichtsperspektive Lenins wäre stichhaltig, wenn die Ablehnung derAgrartheorie der Narodniki, die Erkenntnis von der notwendigen Auflösung deragrar-kommunistischen Überreste nicht ebenfalls eine dialektische Erkenntnis wäre. DieDialektik dieses Auflösungsprozesses – denn die dialektische Erkenntnis ist stets nur diebegriffliche Fassung eines real-dialektischen Tatbestandes – liegt darin, daß dieZwangsläufigkeit der Auflösung dieser Formen nur als Auflösungsprozeß, also nur negativeine eindeutig bestimmte Richtung hat. Welche Wendung jedoch dieser Prozeß in positivemSinne nehmen wird, ist aus ihm selbst keineswegs bestimmbar. Dies hängt von derEntwicklung der gesellschaftlichen Umwelt, von dem Schicksal des geschichtlichen Ganzenab. Konkreter ausgedrückt: der ökonomisch unvermeidliche Auflösungsprozeß der altenAgrarformen – und zwar sowohl der junkerlichen wie der bäuerlichen – kann zwei Wegeeinschlagen. „Beide Formen der Lösung erleichtern“, nach den Worten Lenins, „jede auf ihreWeise, den Übergang zu einer höheren Stufe der Technik, und beide liegen auf der Bahndes Fortschritts der Agrikultur“. Der eine ist das Wegfegen aller mittelalterlichen (undälteren) Überreste aus dem Leben der Bauern. Der andere – Lenin nennt ihn denpreußischen Weg – „ist dahin charakterisiert, daß die mittelalterlichenLandbesitzvermächtnisse nicht mit einemmal liquidiert, sondern allmählich dem Kapitalismus94
angepaßt werden“. Beide Wege sind möglich. Und beide sind im Vergleich zumBestehenden – ökonomisch – fortschrittlich. Sind aber beide Tendenzen gleich möglich und– im gewissen Sinne – gleich fortschrittlich: was wird dann darüber entscheiden, welche vonbeiden wirklich zu werden bestimmt ist? Lenins Antwort ist auf diese Frage, wie auf jedeandere, klar und eindeutig: der Klassenkampf.Damit zeichnen sich aber die Umrisse jenes Milieus, in dem das Proletariat selbständig, alsführende Klasse aufzutreten berufen ist, deutlicher und konkreter ab. Denn dieentscheidende Kraft in diesem Klassenkampfe, der für Rußland die Richtung desÜberganges aus dem Mittelalter in die Neuzeit weist, kann nur das Proletariat sein. DieBauern sind nicht nur wegen ihrer fürchterlichen kulturellen Rückständigkeit, sondern vorallem wegen ihrer objektiven Klassenlage nur zu einer elementaren Auflehnung gegen ihreimmer unhaltbarer werdende Lage fähig. Sie sind – von ihrer objektiven Klassenlage aus –dazu bestimmt, eine schwankende Schicht zu bleiben, eine Klasse, deren Schicksal letztenEndes der Klassenkampf in der Stadt, das Schicksal der Stadt, der Großindustrie, desStaatsapparates usw. entscheidet.Erst dieser Zusammenhang legt die Entscheidung in die Hände des Proletariats. Sein Kampfgegen die Bourgeoisie wäre vielleicht – im gegebenen geschichtlichen Augenblick – wenigaussichtsreich, wenn es dieser gelingen würde, den Feudalismus der AgrarverfassungRußlands in ihrem Sinne zu liquidieren. Daß der Zarismus ihr dies erschwert, ist einHauptgrund ihres – vorübergehend – revolutionären oder wenigstens oppositionellenVerhaltens. Solange aber diese Frage ungelöst bleibt, ist ein elementares Losbrechen dergeknechteten und ausgesaugten ländlichen Millionen jederzeit möglich. Ein elementaresLosbrechen, dem nur das Proletariat eine Richtung geben kann, durch welche Richtung erstdiese Massenbewegung zu einem für die Bauernmassen wirklich vorteilhaften Ziel geführtwird. Ein elementares Losbrechen, das erst das Milieu schafft, in dem das Proletariat mitallen Chancen des Sieges den Kampf gegen Zarismus und Bourgeoisie aufnehmen kann.So hat der ökonomisch-soziale Aufbau Rußlands die objektiven Grundlagen für das Bündnisvon Proletariat und Bauernschaft geschaffen. Ihre Klassenziele sind verschieden. Darummußte ihre chaotische Zusammenschweißung unter dem unklaren volkstümlerischen Begriff„Volk“ auseinanderfallen. Aber sie können diese verschiedenen Klassenziele nur imgemeinsamen Kampfe verwirklichen. So kehrt in der Leninschen Konzeption vom Charakterder russischen Revolution der alte Gedanke der Narodniki dialektisch verwandelt wieder.Der unklare und abstrakte Begriff des „Volkes“ mußte beseitigt werden, jedoch nur, um ausdem konkreten Verständnis der Bedingungen einer proletarischen Revolution denrevolutionär differenzierten Begriff des Volkes, das revolutionäre Bündnis aller Unterdrücktenentstehen zu lassen. Aus diesem Grunde betrachtet sich die Partei Lenins mit Recht alsErben der wirklich revolutionären Traditionen der Narodniki. Da aber das Bewußtsein undmit ihm die Fähigkeit zur Führung in diesem Kampfe – objektiv klassenmäßig – nur imKlassenbewußtsein des Proletariats vorhanden ist, kann und muß es in der nahendenRevolution die führende Klasse der gesellschaftlichen Umwälzung werden.95
III. Die führende Partei des ProletariatsDie geschichtliche Aufgabe des Proletariats ist also: sich aus jeder ideologischenGemeinschaft mit den anderen Klassen herauszulösen, auf der Grundlage der Eigenartseiner Klassenlage und der daraus entspringenden Selbständigkeit seinerKlasseninteressen sein klares Klassenbewußtsein zu finden. Erst auf diese Weise wird esfähig, alle Unterdrückten und Ausgebeuteten der bürgerlichen Gesellschaft in dengemeinsamen Kampf gegen ihre wirtschaftlichen und politischen Herrscher zu führen. Dieobjektive Grundlage dieser führenden Rolle des Proletariats ist seine Stellung imProduktionsprozeß des Kapitalismus. Es wäre jedoch eine mechanische Anwendung desMarxismus und darum ein völlig unhistorischer Illusionismus, sich nun vorzustellen, als obdas richtige, zur Führung befähigende Klassenbewußtsein im Proletariate allmählich,reibungs- und rückfallslos, von selbst entstehen; als ob das Proletariat ideologisch in seinenklassenmäßig-revolutionären Beruf hineinwachsen könnte. Die Unmöglichkeit desökonomischen Hineinwachsens des Kapitalismus in den Sozialismus haben dieBernstein-Debatten klar erwiesen. Das ideologische Gegenstück dieser Lehre ist abertrotzdem im Denken vieler ehrlicher Revolutionäre Europas unwiderlegt wirksam geblieben,ja ist nicht einmal als Problem und Gefahr erkannt worden. Nicht als ob die Besten vonihnen die Existenz und die Bedeutung dieses Problems ganz verkannt; als ob sie nichtgesehen hätten, daß der endgültige Sieg des Proletariats über einen langen Weg durch vieleNiederlagen hindurchführt, daß dabei nicht nur materielle, sondern auch ideologischeRückfälle hinter eine bereits erreichte Stufe unvermeidlich sind. Sie wußten – um dieFormulierung Rosa Luxemburgs anzuführen daß die proletarische Revolution, die ihrengesellschaftlichen Voraussetzungen nach gar nicht mehr „zu früh“ kommen kann, in bezugauf die Festhaltung der Gewalt (also ideologisch) notwendig „zu früh“ stattfinden muß. Wennjedoch auch bei dieser Geschichtsperspektive über den Weg des Proletariats zu seinerBefreiung die Anschauung vertreten wird, daß eine spontan-revolutionäre Selbsterziehungder proletarischen Massen (durch Massenaktionen und ihre Erfahrungen), unterstützt voneiner theoretisch richtigen Agitation, Propaganda usw. der Partei, ausreicht, um die hiernötige Entwicklung zu garantieren, so ist man doch in irgendeiner Weise bei demideologischen Hineinwachsen des Proletariats in seinen revolutionären Berufstehengeblieben.Lenin war der erste – und lange Zeit der einzige – bedeutende Führer und Theoretiker, derdieses Problem von der theoretisch zentralen und darum von der praktisch entscheidendenSeite in Angriff nahm: von der Seite der Organisation. Der Streit um den § I desOrganisationsstatuts auf dem Brüssel-Londoner Kongreß 1903 ist heute schon allgemeinbekannt. Er drehte sich um die Frage, ob derjenige Mitglied der Partei sein könne, der sieunterstützt und unter ihrer Kontrolle arbeitet (wie die Menschewiki es wollten), oder ob dieTeilnahme an den illegalen Organisationen, das Aufgehen mit der ganzen Existenz in derParteiarbeit, die völlige Unterordnung unter die – als sehr streng konzipierte – Parteidisziplinhierzu unerläßlich sei. Die anderen organisatorischen Fragen, z.B. Zentralisation, sind nurdie notwendigen sachlichen Folgen dieser Stellungnahme.96
Auch dieser Streit kann nur aus dem Widerstreit der beiden Grundanschauungen überMöglichkeit, wahrscheinlichen Ablauf, Charakter usw. der Revolution verstanden werden;obwohl alle diese Zusammenhänge damals Lenin allein durchschaut hatte.Der bolschewistische Organisationsplan hebt eine Gruppe von zielklaren, zu jedem Opferbereiten Revolutionären aus der mehr oder weniger chaotischen Masse der Gesamtklasseheraus. Ist damit nicht die Gefahr heraufbeschworen, daß diese „Berufsrevolutionäre“ sichvom wirklichen Leben der Klasse ablösen und in dieser Trennung zur Verschwörergruppe,zur Sekte ausarten? Ist dieser Organisationsplan nicht nur die praktische Folge jenes„Blanquismus“, den die „scharfsinnigen“ Revisionisten sogar bei Marx entdecken zu könnenmeinten? Es kann hier nicht untersucht werden, wie weit dieser Vorwurf selbst Blanquigegenüber fehlgeht. Den Kern der Leninschen Organisation trifft er schon darum nicht, weildie Gruppe der Berufsrevolutionäre nach Lenin keinen Augenblick die Aufgabe hat, dieRevolution „zu machen“ oder durch ihre selbständige, mutige Aktion die untätige Massemitzuziehen, vor ein revolutionäres fait accompli zu stellen. Der OrganisationsgedankeLenins setzt die Tatsache der Revolution, die Aktualität der Revolution voraus. Hätten dieMenschewiki in ihrer historischen Voraussicht recht behalten, wären wir einer – relativ –ruhigen Zeit der Prosperität und der langsamen Ausbreitung der Demokratieentgegengegangen, wo höchstens in den rückständigen Ländern die feudalen Überrestevom „Volk“, von den „progressiven“ Klassen hinweggeschwemmt werden, so hätten dieGruppen der Berufsrevolutionäre notwendig in Sektenhaftigkeit erstarren oder zu bloßenPropagandazirkeln werden müssen. Die Partei als straff zentralisierte Organisation derbewußtesten Elemente des Proletariats – und nur dieser – ist als Instrument desKlassenkampfes in einer revolutionären Zeit gedacht. „Man kann nicht“ – sagt Lenin„mechanisch das Politische vom Organisatorischen trennen, und wer die bolschewistischeParteiorganisation unabhängig von der Frage, ob wir in der Zeit der proletarischenRevolutionen leben, bejaht oder verneint, hat von ihrem Wesen sicher gar nichtsverstanden.“Es könnte aber – von ganz entgegengesetzter Seite – der Einwand auftauchen: gerade dieAktualität der Revolution macht eine derartige Organisation überflüssig. Es mag in der Zeitdes Stillstandes der revolutionären Bewegung nützlich gewesen sein, dieBerufsrevolutionäre organisatorisch zusammenzufassen. Jedoch in den Jahren derRevolution selbst, wenn die Massen aufs tiefste aufgewühlt sind, wenn sie in Wochen, ja inTagen mehr revolutionäre Erfahrungen sammeln, reifer werden, als sonst in Jahrzehnten,wenn sogar jene Teile der Klasse, die sich sonst nicht einmal durch ihre unmittelbarstenTagesvorteile in die Bewegung einbeziehen lassen, revolutionär auftreten, ist eine solcheOrganisation unnütz und sinnlos. Sie verschwendet brauchbare Energien; sie hemmt, wennsie zu Einfluß gelangt, die spontane, revolutionäre Produktivität der Massen.Es ist klar: dieser Einwand führt wieder zum Problem des ideologischen Hineinwachsenszurück. Das Kommunistische Manifest bezeichnet sehr klar die Beziehung derrevolutionären Partei des Proletariats zur Gesamtklasse. „Die Kommunisten unterscheidensich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in denverschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalitätunabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen,anderseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf97
zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegungvertreten. Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibendeTeil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse desProletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate derproletarischen Bewegung voraus.“ Sie sind – mit anderen Worten – das zur sichtbarenGestalt gewordene Klassenbewußtsein des Proletariats. Und die Frage ihrer Organisationentscheidet sich nach der Voraussicht, wie das Proletariat dieses, sein eigenesKlassenbewußtsein wirklich erringt und sich völlig zu eigen macht. Daß dies nicht von selbst,nicht durch das mechanische Sichauswirken der ökonomischen Kräfte der kapitalistischenProduktion, noch durch das schlicht organische Wachstum der Massenspontaneitätgeschieht, nimmt jeder an, der die revolutionäre Funktion der Partei nicht unbedingt leugnet.Der Unterschied zwischen der Leninschen Parteikonzeption und den andern beruht vorallem darauf, daß er einerseits die ökonomische Differenzierung innerhalb des Proletariats(die Entstehung der Arbeiteraristokratie usw.) tiefer und folgenschwerer erfaßt als dieanderen, und daß er anderseits die revolutionäre Zusammenarbeit des Proletariats mit denanderen Klassen in der geschilderten neuen Geschichtsperspektive erblickt. Daraus folgteine gesteigerte Bedeutung des Proletariats in der Vorbereitung und Führung der Revolutionund daraus wiederum die führende Funktion der Partei der Arbeiterklasse gegenüber.Das Entstehen und die wachsende Bedeutung der Arbeiteraristokratie heißt von diesemStandpunkt so viel, daß die stets vorhandene – relative – Divergenz der unmittelbarenTagesinteressen gewisser Arbeiterschichten von den wirklichen Interessen der ganzenKlasse immer wächst und sich in diesem Wachstum versteinert. Die kapitalistischeEntwicklung, die anfangs die örtlich, zünftlerisch usw. getrennte Arbeiterklasse gewaltsamnivelliert und vereinigt hat, schafft jetzt eine neue Differenzierung. Und diese Differenzierunghat nicht nur zur Folge, daß das Proletariat nunmehr nicht in ganz einheitlicher Feindschaftder Bourgeoisie gegenübersteht. Es entsteht daneben noch die Gefahr, daß dieseSchichten, denen ihr Aufstieg zu einer kleinbürgerlichen Lebenshaltung, ihr Besetzen derStellungen in der Partei- und Gewerkschaftsbureaukratie, stellenweise der Munizipalpostenusw. – trotz oder gerade wegen – ihrer verbürgerlichten Ideologie, ihres Mangels an Reifedes proletarischen Klassenbewußtseins eine Überlegenheit an formaler Bildung,Verwaltungsroutine usw. vor den übrigen proletarischen Schichten geben, die ganze Klassein rückständiger Weise ideologisch zu beeinflussen imstande sein werden. Das heißt, daßsie durch ihren Einfluß in den Organisationen des Proletariats das Klassenbewußtsein allerArbeiter zu verdunkeln helfen, es in der Richtung auf ein stillschweigendes Bündnis mit derBourgeoisie beeinflussen.Gegen diese Gefahr können bloße theoretische Klarheit, entsprechende Agitation undPropaganda der revolutionär klaren Gruppen nicht aufkommen. Denn dieseInteressengegensätze äußern sich sehr lange nicht in einer für alle Arbeiter sichtbarenForm, so sehr, daß sogar ihre ideologischen Vertreter zuweilen keine Ahnung davon haben,daß sie bereits von dem Wege der Gesamtklasse abgewichen sind. Darum können solcheDifferenzen sehr leicht als „theoretische Meinungsverschiedenheiten“, als bloß „taktischeDifferenzen“ usw. vor den Arbeitern verschleiert werden. Und der revolutionäre Instinkt derArbeiter, der sich zuweilen in großen spontanen Massenaktionen entladet, bleibtaußerstande, die unbewußt-handelnd erreichte Höhe des Klassenbewußtseins alsdauerndes Gut für die ganze Klasse festzuhalten.98
Schon aus diesem Grunde ist die organisatorische Selbständigkeit der völlig bewußtenElemente der Klasse unerläßlich. Es zeigt sich aber in diesem Gedankengang, daß dieLeninsche Organisationsform untrennbar mit der Voraussicht der nahenden Revolutionverknüpft ist. Denn erst in diesem Zusammenhange erscheint jede Abweichung vomrichtigen Weg der Klasse als schicksalhaft und verhängnisvoll; erst in diesemZusammenhang kann die Entscheidung in einer scheinbar kleinen Tagesfrage vonungeheurer Tragweite für die ganze Klasse werden; erst in diesem Zusammenhange wird eszur Lebensfrage für das Proletariat, daß es das seiner Klassenlage wirklich entsprechendeDenken und Handeln klar, in sichtbarer Gestalt vor Augen habe.Die Aktualität der Revolution bedeutet aber zugleich, daß die Gärung der Gesellschaft, dasAuseinanderfallen ihres alten Gefüges sich keineswegs auf das Proletariat beschränkt,sondern sämtliche Klassen der Gesellschaft erfaßt. Ist doch nach Lenin das wirklicheKennzeichen einer revolutionären Situation, daß „die ‚Unterschichten‘, nicht in der altenWeise leben wollen, und die ‚Oberschichten‘ nicht in der alten Weise leben können“; „dieRevolution ist ohne gesamtnationale (die Ausgebeuteten wie die Ausbeuter berührende)Krisis nicht möglich“. Je tiefer die Krise geht, desto größer die Aussichten der Revolution.Jedoch je tiefer sie geht, je mehr Schichten der Gesellschaft sie erfaßt, destoverschiedenere, elementare Bewegungen kreuzen sich in ihr, desto verworrener undwechselnder werden die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Klassen, von deren Kampfder Ausgang des Ganzen – letzten Endes – abhängt: von Bourgeoisie und Proletariat. Willdas Proletariat in diesem Kampfe siegen, so muß es jede Strömung, die zur Zersetzung derbürgerlichen Gesellschafft beiträgt, fördern und unterstützen, jede elementare, wenn auchnoch so unklare Bewegung von einer irgendwie unterdrückten Schicht in die revolutionäreGesamtbewegung einzuordnen trachten. Und das Nahen eines revolutionärenZeitabschnittes zeigt sich auch darin, daß alle Unzufriedenen der alten GesellschaftAnschluß an das Proletariat oder wenigstens Verbindung mit ihm suchen. Hier aber kanngerade eine große Gefahr stecken. Denn ist die Partei des Proletariats nicht in einer Weiseorganisiert, daß die klassenmäßig richtige Richtung ihrer Politik garantiert ist, so könnendiese in einer revolutionären Situation sich stetig mehrenden Verbündeten statt Hilfe nurVerwirrung bringen. Denn die anderen unterdrückten Schichten der Gesellschaft (Bauern,Kleinbürger, Intellektuelle) streben selbstverständlicherweise nicht dieselben Ziele an wiedas Proletariat. Das Proletariat – wenn es weiß, was es will, was es klassenmäßig zu wollenhat – kann sich selbst und diesen Schichten die Rettung aus ihrer sozialen Not bringen. Istjedoch die Partei, der kämpfende Träger seines Klassenbewußtseins, unsicher in bezug aufdie Wege, die die Klasse zu gehen hat, ist sogar ihr proletarischer Charakter nichtorganisatorisch garantiert, so strömen diese Schichten in die Partei des Proletariats hinein,lenken sie vom Wege ab, und ihr Bündnis, das bei klassenklarer Organisation derproletarischen Partei die Revolution gefördert hätte, kann zu ihrer größten Gefährdungwerden.Der Leninsche Organisationsgedanke hat demzufolge als notwendige Pole: strengsteAuswahl in bezug auf proletarisches Klassenbewußtsein für die Parteimitglieder; vollsteSolidarität und Unterstützung für sämtliche Unterdrückten und Ausgebeuteten derkapitalistischen Gesellschaft. Er vereinigt also in dialektischer Weise zielklareAbgeschlossenheit und Universalität, Führung der Revolution im streng proletarischen Sinneund allgemeinen nationalen (und internationalen) Charakter der Revolution. Diemenschewistische Organisation schwächt diese beiden Pole ab, vermischt sie, erniedrigt sie99