zu Kompromissen und vereinigt sie auf solche Weise in der Partei selbst. Sie schließt sichvon breiten Schichten der Ausgebeuteten (z.B. von den Bauern) ab, vereinigt aber in derPartei die verschiedenartigsten Interessengruppen, die ihr das einheitliche Denken undHandeln verwehren. Statt also in dem wogenden Kampf der chaotisch ringenden Klassen –denn jede revolutionäre Lage äußert sich gerade im tief aufgewühlten chaotischen Zustandder ganzen Gesellschaft – die für den Sieg entscheidende Front, die Front des Proletariatsgegen die Bourgeoisie in notwendiger Klarheit aufrichten zu helfen und die unklarenGruppen der anderen Unterdrückten um das Proletariat zu scheren, verwandelt sich einesolche Partei selbst in ein unklares Gemenge von verschiedenen Interessengruppen. Siekommt nur durch innere Kompromisse überhaupt zum Handeln und wird entweder vonklareren oder elementarer handelnden Gruppen ins Schlepptau genommen, oder sie bleibtgezwungen, den Ereignissen fatalistisch zuzuschauen.Der Leninsche Organisationsgedanke bedeutet also einen doppelten Bruch mit demmechanischen Fatalismus: sowohl mit dem, der das Klassenbewußtsein des Proletariats alsmechanisches Produkt seiner Klassenlage auffaßt, wie mit dem, de in der Revolution selbstnur eine mechanische Auswirkung sich fatalistisch entladender ökonomischer Kräfte erblickt,die das Proletariat – bei hinreichender „Reife“ der objektiven Bedingungen der Revolution –sozusagen automatisch zum Siege führt. Müßte darauf gewartet werden, bis das Proletariateinheitlich und klar in den entscheidenden Kampf zieht, so würde es nie eine revolutionäreSituation geben. Einerseits wird es immer – und je entwickelter der Kapitalismus ist, destomehr – proletarische Schichten geben, die dem Befreiungskampf ihrer eigenen Klassetatenlos zuschauen, ja sogar ins feindliche Lager übergehen. Anderseits jedoch ist dasVerhalten des Proletariats selbst, seine Entschlossenheit und die Höhe seinesKlassenbewußtseins keineswegs etwas mit fatalistischer Notwendigkeit aus derökonomischen Lage Entspringendes.Selbstredend kann auch die größte und beste Partei der Welt keine Revolution „machen“.Aber die Art, wie das Proletariat auf eine Lage reagiert, hängt weitgehend von der Klarheitund Energie ab, die die Partei seinen Klassenzielen zu geben imstande ist. So erhält imZeitalter der Aktualität der Revolution das alte Problem, ob die Revolution „gemacht“ werdenkann oder nicht, eine vollkommen neue Bedeutung. Und mit diesem Bedeutungswandelwandelt sich auch die Beziehung von Partei und Klasse, die Bedeutung derOrganisationsfragen für Partei und Gesamtproletariat. Der alten Fragenstellung vom„Machen“ der Revolution liegt eine starre, undialektische Trennung von Notwendigkeit desGeschichtsablaufs und Aktivität der handelnden Partei zugrunde. Auf diesem Niveau, wo„Machen“ der Revolution ihr Herauszaubern aus dem Nichts bedeutet, ist es auch durchauszu verneinen. Die Aktivität der Partei im Zeitalter der Revolution bedeutet aber etwasGrundverschiedenes. Denn ist der Grundcharakter der Zeit revolutionär, so kann eine akutrevolutionäre Situation jeden Augenblick eintreten. Zeitpunkt und Umstände ihres Eintretenssind kaum jemals genau vorausbestimmbar. Um so mehr aber sowohl jene Tendenzen, diezu ihrem Eintreten hintreiben, wie die Grundlinien des richtigen Handelns bei ihremEintreten. Die Aktivität der Partei ist auf diese Geschichtserkenntnis begründet. Die Parteimuß die Revolution vorbereiten. Das heißt, sie muß einerseits durch ihr Handeln (durchihren Einfluß auf das Handeln des Proletariats und auch der anderen unterdrücktenSchichten) auf das Reifen dieser Tendenzen zur Revolution beschleunigend zu wirkenversuchen. Sie muß aber anderseits das Proletariat auf das in der akut revolutionären100
Situation notwendige Handeln ideologisch, taktisch, materiell und organisatorischvorbereiten.Damit rücken aber auch die inneren Organisationsfragen der Partei in eine neuePerspektive. Sowohl die alte – auch von Kautsky vertretene – Auffassung, daß dieOrganisation die Voraussetzung des revolutionären Handelns bildet, wie jene RosaLuxemburgs, daß sie ein Produkt der revolutionären Massenbewegung ist, erscheinen alseinseitig und undialektisch. Die die Revolution vorbereitende Funktion der Partei macht ausihr zu gleicher Zeit und in gleicher Intensität Produzent und Produkt, Voraussetzung undFrucht der revolutionären Massenbewegungen. Denn die bewußte Aktivität der Partei beruhtauf einer klaren Erkenntnis der objektiven Notwendigkeit der ökonomischen Entwicklung;ihre strenge organisatorische Abgeschlossenheit lebt in einer steten, fruchtbarenWechselwirkung mit den elementaren Kämpfen und Leiden der Massen. DieserWechselwirkung ist Rosa Luxemburg stellenweise ganz nahe gekommen. Sie verkennt aberdas bewußte und aktive Element an ihr. Darum ist sie außerstande gewesen, denspringenden Punkt der Leninschen Parteikonzeption: diese vorbereitende Funktion derPartei zu erkennen; darum mußte sie alle daraus folgenden organisatorischen Prinzipien inder gröbsten Weise mißverstehen.Die revolutionäre Situation selbst kann natürlich nicht ein Produkt der Tätigkeit der Parteisein. Es ist ihre Aufgabe, vorauszusehen, welche Richtung die Entwicklung der objektiven,ökonomischen Kräfte einnimmt, worin die den so entstehenden Lagen angemesseneVerhaltungsweise der Arbeiterschaft besteht. Sie hat, dieser Voraussicht entsprechend, dieMassen des Proletariats auf das Kommende und auf seine Interessen diesem gegenübergeistig, materiell und organisatorisch soweit wie möglich vorzubereiten. Die Ereignisse unddie Lagen, die in ihrer Folge entstehen, sind aber Produkte der sich blind undnaturgesetzlich auswirkenden ökonomischen Kräfte der kapitalistischen Produktion. Jedochauch hier nicht in mechanistisch-fatalistischer Weise. Denn wir haben an dem einen Beispielder ökonomischen Zersetzung des Agrarfeudalismus in Rußland bereits sehen können, daßder ökonomische Zersetzungsprozeß selbst zwar ein zwangsläufig entstehendes Produktder kapitalistischen Entwicklung ist, daß aber seine klassenmäßigen Auswirkungen, dieneuen Klassenschichtungen, die aus ihm entstehen, keineswegs eindeutig in diesem Prozeßselbst – wenn er isoliert betrachtet wird – begründet und darum bloß aus ihm erkennbar seinwerden. Das Schicksal der ganzen Gesellschaft, deren Teile diese Prozesse bilden, ist dasletzthin entscheidende Moment ihrer Richtung. In dieser Ganzheit spielen aber diespontan-elementar losbrechenden oder bewußt geleiteten Handlungen der Klassen eineentscheidende Rolle. Und je aufgewühlter eine Gesellschaft ist, je mehr ihre „normale“Struktur aufgehört hat, richtig zu funktionieren, je stärker ihr sozial-ökonomischesGleichgewicht gestört ist, das heißt, je revolutionärer eine Situation ist, desto entscheidenderwird ihre Rolle. Daraus folgt, daß die Gesamtentwicklung der Gesellschaft im Zeitalter desKapitalismus keineswegs in einer einfachen, geradlinigen Richtung erfolgt. Es ergeben sichvielmehr aus der Zusammenwirkung dieser Kräfte im gesellschaftlichen Ganzen Situationen,in denen eine bestimmte Tendenz sich verwirklichen kann –, wenn die Situation richtigerkannt und entsprechend ausgewertet wird. Aber die Entwicklung der ökonomischen Kräfte,die dem Anschein nach unwiderstehlich auf diese Situation hingetrieben hat, verfolgt, wenndiese versäumt wird, wenn ihre Konsequenzen nicht gezogen werden, keineswegs ebensounwiderstehlich die bisherige Linie, sondern schlägt sehr oft ins Entgegengesetzte um. (Manstelle sich die Lage Rußlands vor, wenn die Bolschewiki im November 1917 nicht die Macht101
ergriffen, nicht die Agrarrevolution zu Ende geführt hätten. Eine „preußische“ Lösung derAgrarfrage wäre unter einem konterrevolutionären, aber im Vergleich zum vorrevolutionärenZarismus modern-kapitalistischen Regime nicht vollständig ausgeschlossen gewesen.)Erst wenn die geschichtliche Umwelt, in der die Partei des Proletariats zu wirken hat,erkannt ist, kann ihre Organisation wirklich begriffen werden. Sie beruht auf denungeheuren, welthistorischen Aufgaben, die Untergangsepoche des Kapitalismus demProletariate stellt; auf der ungeheuren welthistorischen Verantwortung, die diese Aufgabender bewußten Führerschicht des Proletariats aufbürden. Indem die Partei aus der Erkenntnisder Totalität der Gesellschaft die Interessen des Gesamtproletariats (und dadurch vermitteltdie Interessen aller Unterdrückten, die Zukunft der Menschheit) vertritt, muß sie in sich alleGegensätze vereinigen, in denen sich diese vom Zentrum des gesellschaftlichen Ganzengestellten Aufgaben ausdrücken. Wir haben bereits hervorgehoben, daß die strengsteAuswahl der Parteimitglieder in bezug auf Klarheit des Klassenbewußtseins und unbedingteHingebung der Sache der Revolution gegenüber mit dem restlosen Aufgehen im Leben derleidenden und kämpfenden Massen vereinigt werden muß. Und alle Bestrebungen, die ersteSeite dieser Forderungen ohne ihren Gegenpol zu erfüllen, mußten mit einer sektenhaftenErstarrung selbst aus guten Revolutionären bestehender Gruppen enden. (Dies ist dieGrundlage des Kampfes, den Lenin gegen „links“ vom Otsowismus bis zur K.A.P. unddarüber hinaus geführt hat.) Denn die Strenge der Anforderungen den Parteimitgliederngegenüber ist nur ein Mittel, um der ganzen Klasse des Proletariats (und darüber hinausallen vom Kapitalismus ausgebeuteten Schichten) ihre wahren Interessen, all das, was ihrenunbewußten Handlungen, ihrem unklaren Denken und verworrenen Empfinden wirklichzugrunde liegt, klar vor Augen zu stellen, bewußt zu machen.Die Massen können aber nur handelnd lernen, nur im Kampfe ihrer Interessen bewußtwerden. In einem Kampfe, dessen ökonomisch-soziale Grundlagen sich in ewigem Wechselbefinden, in dem sich deshalb die Bedingungen und Mittel des Kampfes ununterbrochenverändern. Die führende Partei des Proletariats kann ihre Bestimmung nur dann erfüllen,wenn sie in diesem Kampfe den kämpfenden Massen stets um einen Schritt voran ist, umihnen den Weg weisen zu können. jedoch stets nur einen Schritt voran ist, um immer derFührer ihres Kampfes bleiben zu können. Ihre theoretische Klarheit ist also nur dannwertvoll, wenn diese nicht bei der allgemeinen, bei der bloß theoretischen Richtigkeit derTheorie stehenbleibt, sondern die Theorie stets in der konkreten Analyse der konkretenLage gipfeln läßt, wenn die theoretische Richtigkeit stets nur den Sinn der konkreten Lageausspricht. Die Partei muß also einerseits die theoretische Klarheit und Festigkeit haben, umallen Schwankungen der Massen zum Trotze, selbst eine vorübergehende Isolierungriskierend, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Sie muß aber anderseits zugleich so elastischund lernfähig sein, um aus jeder, wenn auch noch so verworrenen Äußerung der Massen dieden Massen selbst unbewußt gebliebenen revolutionären Möglichkeiten herauszulesen.Eine derartige Anpassung an das Leben der Gesamtheit ist ohne strengste Disziplin in derPartei unmöglich. Wenn die Partei nicht fähig ist, ihre Erkenntnis der Lage, derununterbrochnen wechselnden Lage augenblicklich anzupassen, so bleibt sie hinter denEreignissen zurück, wird aus dem Führer der Geführte, verliert den Kontakt mit den Massenund desorganisiert sich. Das hat zur Folge, daß die Organisation stets mit der größtenStraffheit und Strenge funktionieren muß, um diese Anpassung sogleich, wenn nötig, in Tatumzusetzen. Zugleich jedoch bedeutet es, daß diese Forderung der Schmiegsamkeit auch102
auf die Organisation selbst ununterbrochen angewendet werden muß. EineOrganisationsform, die in einer bestimmten Lage für bestimmte Zwecke nützlich gewesenist, kann bei veränderten Kampfbedingungen geradezu ein Hemmnis werden.Denn es liegt im Wesen der Geschichte, stets Neues zu produzieren. Dieses Neue kannnicht durch irgendeine unfehlbare Theorie im voraus errechnet werden: es muß im Kampfe,aus seinen ersten sich zeigenden Keimen erkannt und bewußt zur Erkenntnis gefördertwerden. Es ist keineswegs die Aufgabe der Partei, irgendwelche abstrakt ausgeklügelteVerhaltungsweise den Massen aufzudrängen. Sie hat im Gegenteil vom Kampf und von denKampfmethoden der Massen ununterbrochen zu lernen. Sie muß aber auch im Lernen aktiv,die folgenden revolutionären Aktionen vorbereitend, tätig sein. Sie muß das von den Massenspontan, aus richtigem Klasseninstinkt Erfundene mit der Totalität der revolutionären Kämpfeverknüpfen, bewußt machen; sie muß, nach Marx’ Worten, den Massen ihre eigenenAktionen erklären, um auf diese Weise nicht nur die Kontinuität der revolutionärenErfahrungen des Proletariats zu bewahren, sondern auch die Weiterentwicklung dieserErfahrungen bewußt und aktiv zu befördern. Die Organisation hat sich als Instrument in dieGanzheit solcher Erkenntnisse und der aus ihnen entspringenden Handlungen einzufügen.Tut sie es nicht, so wird sie die von ihr unerkannte und darum unbeherrschte Entwicklungder Dinge zersetzen. Darum ist jeder Dogmatismus in der Theorie und jede Erstarrung in derOrganisation verhängnisvoll für die Partei. Denn, wie Lenin sagt: „Jede neue Form desKampfes, die mit neuen Gefahren und Opfern verbunden ist, ‚desorganisiert‘ unvermeidlichdie zu dieser neuen Kampfform nicht vorbereiteten Organisationen.“ Es ist Aufgabe derPartei auch in bezug auf sich selbst – und hier erst recht – den notwendigen Weg frei undbewußt zurückzulegen, sich umzubilden, bevor die Gefahr der Desorganisation akut wirdund durch diese Umbildung umbildend und fördernd auf die Massen einzuwirken.Denn Taktik und Organisation bilden nur zwei Seiten eines untrennbaren Ganzen. Nur inbeiden zugleich sind wirkliche Resultate erzielbar. Man muß, sollen sie erzielt werden, inbeiden zugleich konsequent und elastisch, unerbittlich am Prinzip festhaltend und offenenBlickes für jede neue Wendung eines jeden Tages sein. Es kann weder taktisch nochorganisatorisch etwas geben, was an und für sich gut oder schlecht wäre. Erst dieBeziehung zum Ganzen, zum Schicksal der proletarischen Revolution macht einenGedanken, eine Maßnahme usw. richtig oder falsch. Darum hat zum Beispiel Lenin – nachder ersten russischen Revolution – mit der gleichen Unerbittlichkeit sowohl jene bekämpft,die die angeblich nutzlose und sektenhafte Illegalität aufgeben wollten, wie jene, die sichrestlos der Illegalität hingebend, die legalen Möglichkeiten von sich gewiesen haben; darumhat er für das Aufgehen im Parlamentarismus und für den prinzipiellen Antiparlamentarismusdie gleiche zornige Verachtung gehabt usw.Lenin ist nicht nur niemals ein politischer Utopist gewesen, sondern er hat auch nie in bezugauf das Menschenmaterial seiner Gegenwart irgendwelche Illusionen gehabt. „Wir wollen“,sagt er in der ersten Heldenzeit der siegreichen proletarischen Revolution, „den Sozialismusmit den Menschen errichten, die vom Kapitalismus erzogen, von ihm verdorben undverderbt, aber dafür von ihm auch zum Kampf gestählt worden sind.“ Die ungeheurenAnforderungen, die der Leninsche Organisationsgedanke an die Berufsrevolutionäre stellt,haben nichts Utopisches an sich. Freilich auch nichts an der Oberfläche des gewöhnlichenLebens, der gegebenen Tatsächlichkeit, der Empirie Klebendes. Die Leninsche Organisationist insofern selbst dialektisch – also nicht nur Produkt der dialektischen103
Geschichtsentwicklung, sondern zugleich ihr bewußter Förderer – als auch sie selbstzugleich Produkt und Produzent ihrer selbst ist. Die Menschen machen ihre Partei selbst, siemüssen einen hohen Grad von Klassenbewußtsein und Hingebung haben, damit sie an derOrganisation teilnehmen wollen und können; aber zu wirklichen Berufsrevolutionärenwerden sie erst in der Organisation und durch die Organisation. Der Jakobiner, der sich mitder revolutionären Klasse verbündet, gibt durch seine Entschlossenheit, seine Fähigkeit zumHandeln, sein Wissen und seinen Enthusiasmus den Taten der Klasse Form und Klarheit. Esist aber stets das gesellschaftliche Sein der Klasse, das aus ihm entsteigendeKlassenbewußtsein, das den Inhalt und die Richtung seiner Handlungen bestimmt. Es istkein stellvertretendes Handeln für die Klasse, sondern das Aufgipfeln des Handelns derKlasse selbst. Die Partei, die die proletarische Revolution zu führen berufen ist, tritt deshalbnicht fertig an ihren Führerberuf heran: auch sie ist nicht, sondern sie wird. Und der Prozeßder fruchtbaren Wechselwirkung zwischen Partei und Klasse wiederholt sich – freilichverändert – in der Beziehung der Partei zu ihren Mitgliedern. Denn, wie Marx in seinenFeuerbach-Aphorismen sagt: „Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte derUmstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände undgeänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändertwerden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß.“ Die Leninsche Konzeption derPartei ist der schroffste Bruch mit der mechanistischen und fatalistischen Vulgarisation desMarxismus. Sie ist die praktische Verwirklichung seines echten Wesens, seiner tiefstenTendenz: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aberdarauf an, sie zu verändern.“IV. Der Imperialismus: Weltkrieg und BürgerkriegSind wir aber in die Periode der entscheidenden revolutionären Kämpfe eingetreten? Ist derZeitpunkt schon da, wo das Proletariat seinen, die Welt verändernden Beruf, bei Strafe deseigenen Unterganges, zu erfüllen gezwungen ist? Denn unzweifelhaft kann keineideologische oder organisatorische Reife des Proletariats diese Entscheidung herbeiführen,wenn diese Reife, diese Entschlossenheit zum Kampfe nicht eine Folge der objektivenökonomisch-sozialen Lage der Welt ist, die zur Entscheidung drängt. Und ein Ereignis,einerlei ob Sieg oder Niederlage, vermag dieses Problem unmöglich zu entscheiden. Janicht einmal der Tatbestand, ob es sich überhaupt um Sieg oder Niederlage handelt, läßtsich bei einem vereinzelt betrachteten Ereignis feststellen: erst der Zusammenhang mit demGanzen der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung stempelt ein Einzelereignis zumSieg oder zur Niederlage im weltgeschichtlichen Maßstabe.Darum führt die Diskussion, die in der russischen Sozialdemokratie (die damals sowohlMenschewiki wie Bolschewiki umfaßt hat) noch während der ersten Revolution ausbrach,um ihren Gipfelpunkt nach der Niederlage der Revolution zu erreichen, die Diskussion überdie Frage, ob man im Verhältnis zur Revolution 1847 (vor der entscheidenden Revolution),oder 1848 (nach der Niederlage der Revolution) schreibt, notwendig über die russischenProbleme im engeren Sinne hinaus. Sie ist nur zu entscheiden, wenn die Frage nach demGrundcharakter unserer Epoche entschieden ist. Die engere, die eigentlich russische Frage,ob die Revolution von 1905 eine bürgerliche oder proletarische Revolution gewesen ist und104
ob das – proletarisch-revolutionäre – Verhalten der Arbeiter richtig oder „fehlerhaft“ war,kann auch erst in diesem Zusammenhange beantwortet werden. Allerdings: schon dasenergische Aufwerfen der Frage zeigt, in welcher Richtung man die Antwort zu suchen hat.Denn die Scheidung zwischen rechts und links in der Arbeiterbewegung fängt auchaußerhalb Rußlands immer mehr an, die Form einer Diskussion über den allgemeinenCharakter der Epoche anzunehmen. Einer Diskussion darüber, ob gewisse, immer klarerbeobachtete ökonomische Phänomene (Konzentration des Kapitals, steigende Bedeutungder Großbanken, Kolonisation usw.) nur quantitative Steigerungen der „normalen“Entwicklung des Kapitalismus sind, oder ob an ihnen das Herannahen einer neuen Epochedes Kapitalismus, des Imperialismus abzulesen ist? Ob die nach einer relativenFriedensperiode wieder immer häufiger werdenden Kriege (Burenkrieg,spanisch-amerikanischer, russisch-japanischer Krieg usw.) als „zufällig“ oder „episodisch“anzusehen sind, oder ob man in ihnen die ersten Anzeichen einer Periode von immergewaltigeren Kriegen zu erblicken hat? Und schließlich: wenn die Entwicklung desKapitalismus auf diese Weise in eine neue Phase eingetreten ist: reichen die altenKampfmethoden des Proletariats aus, um seine Klasseninteressen unter diesen geändertenBedingungen zur Geltung zu bringen? Sind deshalb jene neuen Formen des proletarischenKlassenkampfes, die vor und während der russischen Revolution aufgetaucht sind(Massenstreik, bewaffneter Aufstand), Ereignisse von bloß örtlicher, spezialer Bedeutung, javielleicht „Fehler“ und „Verirrungen“, oder muß man in ihnen die ersten, mit richtigemKlasseninstinkt unternommenen, spontanen Versuche der Massen erblicken, ihr Handeln andie Weltlage anzupassen?Die praktische Antwort Lenins auf den zusammenhängenden Komplex dieser Fragen istbekannt. Sie drückt sich am klarsten darin aus, daß er – kaum nach der Niederwerfung derrussischen Revolution, als die Wehklagen der Menschewiki über das fehlerhafte„Zuweit-Gehen“ der russischen Arbeiter noch lange nicht verhallt waren – am StuttgarterKongreß den Kampf für die Klarheit und Schärfe der Stellungnahme der II. Internationalegegen die unmittelbar drohende Gefahr eines imperialistischen Weltkrieges aufnahm unddiese Stellungnahme in der Richtung, was gegen diesen Krieg zu tun sei, zu beeinflussenversuchte.Der Lenin-Luxemburgsche Zusatzantrag ist in Stuttgart angenommen und später von denKopenhagener und Baseler Kongressen bestätigt worden. Das heißt, daß die Gefahr einesnahenden imperialistischen Weltkrieges und die Notwendigkeit für das Proletariat, gegen ihnrevolutionär anzukämpfen, von der Internationale offiziell zugegeben wurde. Hier ist alsoLenin anscheinend keineswegs allein gestanden. Auch in der ökonömischen Erkenntnis desImperialismus als neuer Phase des Kapitalismus nicht. Die ganze Linke, ja sogar Teile desZentrums und des rechten Flügels der II. Internationale haben die ökonomischen Tatsachen,die dem Imperialismus zugrunde liegen, als vorhanden anerkannt. Hilferding hat versucht,eine ökonomische Theorie dieser neuen Erscheinungen zu geben, und Rosa Luxemburggelang es sogar, den ökonomischen Gesamtkomplex des Imperialismus als notwendigeFolge des Reproduktionsprozesses im Kapitalismus darzustellen: den Imperialismus in dieGeschichtstheorie des historischen Materialismus organisch einzufügen und damit der„Zusammenbruchstheorie“ ein konkret-ökonomisches Fundament zu geben. Und dennoch:als im August 1914 – und noch lange nachher – Lenin mit seinem Standpunkt dem Weltkrieggegenüber ganz allein stand, so war diese Einsamkeit keineswegs zufällig. Sie läßt sichaber noch weniger psychologisch oder moralisch erklären: daß etwa viele andere, die den105
Imperialismus früher ebenfalls „richtig“ beurteilt haben, jetzt aus „Feigheit“ schwankendgeworden wären usw. Nein. Die Stellungnahmen der einzelnen sozialistischen Strömungenim August 1914 waren die geradlinigen, sachlichen Folgen ihres bisherigen theoretischen,taktischen usw. Verhaltens.Die Leninsche Auffassung des Imperialismus ist in – scheinbar paradoxer Weise einerseitseine bedeutende theoretische Leistung, anderseits und zugleich enthält sie, als reinökonomische Theorie betrachtet, wenig wirklich Neues. Sie ist in mancher Hinsicht aufHilferding aufgebaut und verträgt, rein ökonomisch angesehen, an Tiefe und Großartigkeitkeineswegs den Vergleich mit Rosa Luxemburgs wundervoller Weiterführung der MarxschenReproduktionstheorie. Lenins Überlegenheit besteht darin – und dies ist eine theoretischeGroßtat ohnegleichen daß es ihm gelungen ist, die ökonomische Theorie des Imperialismusrestlos mit allen politischen Fragen der Gegenwart konkret zu verknüpfen; die Ökonomik derneuen Phase zu einer Richtschnur für sämtliche konkreten Handlungen in der soentscheidenden Umwelt zu machen. Darum lehnt er zum Beispiel während des Kriegesgewisse – extrem linke – Anschauungen polnischer Kommunisten als „imperialistischenÖkonomismus“ ab; darum gipfelt seine Abwehr gegen die Kautskysche Auffassung vom„Ultraimperialismus“, einer Theorie der Hoffnung auf einen friedlichen Welttrust des Kapitals,zu dem der Weltkrieg ein „zufälliger“ und nicht einmal „richtiger“ Weg ist, darin, daß Kautskydie Ökonomie des Imperialismus von seiner Politik trennt. Freilich ist die Theorie desImperialismus von Rosa Luxemburg (und von Pannekoek und anderen Linken) keineswegsökonomistisch im engeren, im eigentlichen Sinne. Sie alle – Rosa Luxemburg vor allem –heben gerade jene Momente der Ökonomik des Imperialismus hervor, wo sie notwendig insPolitische umschlägt (Kolonisation, Rüstungsindustrie usw.). Jedoch diese Verknüpfung wirdnicht konkret. Das heißt, Rosa Luxemburg zeigt in unübertrefflicher Weise, daß infolge desAkkumulationsprozesses der Übergang in den Imperialismus, die Epoche des Kampfes umdie kolonialen Absatz- und Rohstoffgebiete, um die Möglichkeiten des Kapitalexportes usw.unvermeidlich geworden ist; daß diese Epoche – die letzte Phase des Kapitalismus – eineEpoche der Weltkriege sein muß. Sie begründet aber damit bloß die Theorie der ganzenEpoche, die Theorie dieses modernen Imperialismus überhaupt. Einen Übergang aus dieserTheorie zu den konkreten Forderungen des Tages vermochte auch sie nicht zu finden; dieJuniusbroschüre ist in ihren konkreten Teilen keineswegs eine notwendige Folge derAkkumulation des Kapitals. Die theoretische Richtigkeit der Beurteilung der ganzen Epochekonkretisiert sich bei ihr nicht zu einer klaren Erkenntnis jener konkreten bewegendenKräfte, die abzuschätzen und revolutionär auszunützen die praktische Aufgabe dermarxistischen Theorie ist.Aber Lenins Überlegenheit an diesem Punkte läßt sich durchaus nicht mit dem Schlagworteiner „politischen Genialität“ eines „praktischen Scharfblickes“ usw. erledigen. Sie istvielmehr eine rein theoretische Überlegenheit in der Beurteilung des Gesamtprozesses.Denn es gibt keine einzige praktische Entscheidung in seinem ganzen Leben, die nicht diegerade sachliche und logische Folge seiner theoretischen Einstellung gewesen wäre. Unddaß die Grundmaxime dieser Einstellung die Forderung der konkreten Analyse derkonkreten Lage ist, verschiebt nur in den Augen der nicht dialektisch Denkenden die Frageins „Realpolitisch“-Praktische. Für den Marxisten ist die konkrete Analyse der konkretenLage kein Gegensatz zur „reinen“ Theorie, sondern im Gegenteil: der Gipfelpunkt der echtenTheorie, der Punkt, wo die Theorie wirklich erfüllt ist, wo sie – deshalb – in Praxis umschlägt.106
Diese theoretische Überlegenheit beruht darauf, daß Lenin von allen Nachfolgern Marx’derjenige war, dessen Blick am wenigsten von den fetischistischen Kategorien seinerkapitalistischen Umwelt verstellt wurde. Denn die entscheidende Überlegenheit derMarxschen Ökonomie über alle ihre Vorgänger und Nachfolger besteht darin, daß es ihrselbst in den verwickeltsten Fragen, wo, scheinbar, mit den reinsten ökonomischen (also amreinsten fetischistischen) Kategorien gearbeitet werden muß, methodisch gelungen ist, demProblem eine solche Fassung zu geben, daß hinter den „rein-ökonomischen“ Kategorienjene Klassen, deren gesellschaftliches Sein diese ökonomischen Kategorien ausdrücken, inihren Entwicklunsprozessen sichtbar geworden sind. (Man denke an den Unterschied deskonstanten und variablen Kapitals im Gegensatz zur klassischen Unterscheidung zwischenfixem und zirkulierendem Kapital. Durch diese Unterscheidungen kommt erst dieKlassenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft zum Vorschein. Die Marx’sche Fassung desMehrwertproblems hat bereits die Klassenschichtung zwischen Bourgeoisie und Proletariataufgedeckt. Die Zunahme des konstanten Kapitals zeigt dieses Verhältnis im dynamischenZusammenhang des Entwicklungsprozesses der Gesamtgesellschaft und enthüllt zugleichden Kampf der verschiedenen Gruppen des Kapitals um die Aufteilung des Mehrwerts.)Lenins Theorie des Imperialismus ist weniger eine Theorie seines ökonomisch notwendigenEntstehens und seiner ökonomischen Schranken – wie die Rosa Luxemburgs –, sondern dieTheorie der konkreten Klassenkräfte, die durch den Imperialismus entfesselt in ihm wirksamsind; die Theorie der konkreten Weltlage, die durch den Imperialismus entstanden ist. Wenner das Wesen des Monopolkapitalismus untersucht, so interessiert ihn in erster Reihe diesekonkrete Weltlage und die Klassenschichtungen, die hierdurch hervorgebracht wurden: wiedie Erde durch die großen Kolonialmächte de facto aufgeteilt wurde; wie durch dieKonzentrationsbewegung des Kapitals die innere Klassenschichtung von Bourgeoisie undProletariat sich ändert (rein parasitäre Rentnerschichten, Arbeiteraristokratie usw.). Undhauptsächlich: wie die innere Bewegung des Monopolkapitalismus, wegen desungleichmäßigen Tempos in den einzelnen Ländern, die zeitweilig erfolgten friedlichenAufteilungen der „Interessengebiete“ und andere Kompromisse wieder hinfällig macht undauf Konflikte hintreibt, die nur mit Gewalt, mit Krieg zu lösen sind.Indem das Wesen des Imperialismus als Monopolkapitalismus und sein Krieg alsnotwendige Entwicklung und Äußerung dieser Tendenz zu noch höherer Konzentration, zumabsoluten Monopol bestimmt wird, wird die Schichtung der Gesellschaft in ihrer Beziehungzu diesem Kriege klar. Es zeigt sich, daß es ein naiver Illusionismus ist, sich – à la Kautsky –vorzustellen, daß Teile des Bürgertums, die am Imperialismus direkt „nicht interessiert“, jasogar von ihm „übervorteilt“ sind, gegen ihn mobllisierbar sein könnten. Die monopolistischeEntwicklung reißt die ganze Bourgeoisie mit sich, ja findet nicht nur in dem – schon an sichstets schwankenden – Kleinbürgertum, sondern sogar in Teilen des Proletariats eine (freilichvorübergehende) Stütze. Dennoch stimmt es nicht, wenn Kleingläubige meinen: dasrevolutionäre Proletariat käme durch seine unerbittliche Ablehnung des Imperialismus ineine isolierte Stellung in der Gesellschaft. Die Entwicklung, der kapitalistischen Gesellschaftist stets widerspruchsvoll, sich in Gegensätzen bewegend. Der Monopolkapitalismus schafftzum erstenmal in der Geschichte eine Weltwirtschaft im eigentlichen Sinne; sein Krieg, derimperialistische Krieg ist deshalb der erste Weltkrieg in des Wortes strengster Bedeutung.Das bedeutet vor allem, daß zum erstenmal in der Geschichte, die vom Kapitalismusunterdrückten und ausgebeuteten Nationen nicht mehr bloß im isolierten Kampfe gegen ihreUnterdrücker stehen, sondern daß sie mit ihrer ganzen Existenz in den Strudel des107
Weltkriegs hineingerissen werden. Die entwickelte kapitalistische Kolonisationspolitik beutetdie Kolonialvölker nicht in einer einfach räuberischen Weise aus, wie dies im Anfang derkapitalistischen Entwicklung geschah, sondern wälzt zugleich ihre gesellschaftliche Strukturum, kapitalisiert sie. Dies geschieht selbstredend um der gesteigerten Ausbeutung willen(Kapitalexport usw.) hat aber zur Folge – freilich in einer für den Imperialismus ungewolltenWeise –, daß in den Kolonialländern die Anfänge einer eigenen bürgerlichen Entwicklungniedergelegt werden, als deren zwangsläufige ideologische Folge ein Kampf um dienationale Selbständigkeit eintritt. Dies wird noch dadurch gesteigert, daß der imperialistischeKrieg alle verfügbaren Menschenreserven der imperialistischen Länder mobilisiert, dieKolonialvölker teils aktiv in den Kampf zerrt, teils für die schnellere Entwicklung ihrerIndustrie sorgt; diesen Prozeß also ökonomisch wie ideologisch beschleunigt.Die Lage der Kolonialvölker ist aber nur ein extremer Fall der Beziehung desMonopolkapitalismus zu seinen Ausgebeuteten. Der geschichtliche Übergang aus einerEpoche in die andere vollzieht sich niemals mechanisch; nicht so, daß etwa eineProduktionsweise nur dann auftreten und geschichtlich wirksam werden könnte, wenn dievorangehende, von ihr überwundene Produktionsweise ihre eigene, die Gesellschaftumgestaltende Mission bereits überall erfüllt hat. Die einander überwindendenProduktionsweisen und die ihnen entsprechenden Gesellschaftsformen undKlassenschichtungen treten vielmehr einander kreuzend und gegeneinander arbeitend in derGeschichte auf. So können Entwicklungen, die, abstrakt angesehen, einander gleichscheinen (zum Beispiel Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus), infolge des völliggewandelten geschichtlichen Milieus, in dem sie sich abspielen, eine ganz andereBeziehung zum gesellschaftlich geschichtlichen Ganzen erhalten und dementsprechend –auch für sich allein betrachtet – eine ganz neue Funktion und Bedeutung besitzen.Der aufstrebende Kapitalismus trat als nationbildender Faktor auf. Aus dem mittelalterlichenGemenge von kleinen feudalen Herrschaftsformen modelte er den kapitalistischentwickelteren Teil Europas – nach schweren revolutionären Kämpfen – in große Nationenum. Die Kämpfe um die Einheit Deutschlands und Italiens sind die letzten dieser – objektivangesehen – revolutionären Kämpfe gewesen. Wenn aber in diesen Staaten derKapitalismus sich zum imperialistischen Monopolkapitalismus weiterentwickelt hat, wenn ersogar in einzelnen rückständigeren Ländern (Rußland, Japan) solche Formen anzunehmenbegann, so bedeutet dies nicht, daß seine nationbildende Bedeutung für die ganze übrigeWelt aufgehört hätte. Im Gegenteil. Die fortschreitende kapitalistische Entwicklung schufnationale Bewegungen in allen bisher „geschichtslosen“ Völkern Europas. Nur daß ihr„nationaler Befreiungskampf“ sich nunmehr nicht bloß als Kampf gegen den innerenFeudalismus oder Feudalabsolutismus abspielt, also unbedingt fortschrittlich ist, sondernsich in den Rahmen des imperialistischen Wettstreites der Weltmächte einfügen muß. Ihregeschichtliche Bedeutung, ihre Bewertung hängt deshalb davon ab, welche konkreteFunktion ihnen in diesem konkreten Ganzen zukommt.Die Bedeutung dieser Frage hat Marx bereits ganz klar erkannt. Zu seiner Zeit war siefreilich vorwiegend ein englisches Problem: das Problem der Beziehung Englands zu Irland.Und Marx betont mit der größten Schärfe, „daß, abgesehen von aller internationalenGerechtigkeit, es eine Vorbedingung der Emanzipation der englischen Arbeiterklasse ist, diegegenwärtige Zwangsvereinigung – das heißt, die Sklaverei Irlands – in ein gleiches undfreies Bündnis umzugestalten, wenn es möglich ist in vollständige Trennung, wenn es sein108
muß“. Er hat nämlich klar gesehen, daß die Ausbeutung Irlands einerseits einenentscheidenden Machtposten des englischen Kapitalismus, der bereits damals, aber damalsals einziger Kapitalismus schon einen monopolistischen Charakter hatte, bedeutet, und daßanderseits die unklare Stellungnahme der englischen Arbeiterklasse in dieser Frage eineEntzweiung der Unterdrückten zustande bringt, einen Kampf von Ausgebeuteten gegenandere Ausgebeutete, statt ihres einheitlichen Kampfes gegen ihre gemeinsamenAusbeuter; daß also nur der Kampf um die nationale Befreiung Irlands eine wirklichwirksame Front in dem Kampf des englischen Proletariats gegen die englische Bourgeoisieabgeben kann.Diese Auffassung von Marx ist nicht nur in der zeitgenössischen englischenArbeiterbewegung unwirksam geblieben, sie ist auch nicht in der Theorie und Praxis der II.Internationale lebendig geworden. Auch hier blieb es Lenin vorbehalten, die Theorie zueinem neuen Leben zu erwecken; aber zu einem lebendigeren, konkreteren Leben, als siees selbst bei Marx gehabt hat. Denn sie ist aus einer bloß welthistorischen Aktualität zurTagesfrage geworden und tritt dementsprechend bei Lenin nicht mehr theoretisch, sondernrein praktisch auf. Denn es muß jedem in diesem Zusammenhange klarwerden, daß dasganze ungeheure Problem, das sich vor uns hier auftut – die Auflehnung allerUnterdrückten, nicht bloß der Arbeiter, in wirklichem Weltmaßstabe – dasselbe Problem ist,was Lenin von Anfang an als Kern der russischen Agrarfrage gegen Narodniki, legaleMarxisten, Ökonomisten usw. ununterbrochen verkündet hat. Es handelt sich in allen diesenFällen um das, was Rosa Luxemburg den „äußeren“ Markt des Kapitalismus genannt hat,worunter der nichtkapitalistische Markt zu verstehen ist, einerlei, ob er innerhalb oderaußerhalb der politischen Landesgrenzen liegt. Der sich ausbreitende Kapitalismus kanneinerseits ohne ihn nicht bestehen, andererseits besteht seine soziale Funktion diesemMarkte gegenüber in der Zersetzung seiner ursprünglichen gesellschaftlichen Struktur, inseiner Kapitalisierung, in seiner Verwandlung zu einem – kapitalistisch – „inneren“ Markte,wodurch er aber Selbständigkeitstendenzen usw. erhält. Das Verhältnis ist also auch hier eindialektisches. Nur daß Rosa Luxemburg von dieser richtigen und großartigenGeschichtsperspektive nicht den Weg zur konkreten Lösung der konkreten Fragen desWeltkrieges gefunden hat. Sie blieb bei ihr eine Geschichtsperspektive, eine richtige undgroßartige Charakteristik der ganzen Epoche. Aber bloß der Epoche als Ganzem. Und esblieb Lenin vorbehalten, den Schritt aus der Theorie in die Praxis zu tun. Dieser Schritt istjedoch – dies darf niemals vergessen werden – zugleich ein theoretischer Fortschritt. Denner ist ein Schritt aus dem Abstrakten ins Konkrete.Dieser Übergang aus der abstrakt richtigen Beurteilung der aktuellen geschichtlichenWirklichkeit, aus dem Nachweis des allgemein revolutionären Wesens der ganzenimperialistischen Epoche ins Konkrete spitzt sich auf die Frage nach dem besonderenCharakter dieser Revolution zu. Es ist eine der größten theoretischen Leistungen von Marxgewesen, bürgerliche und proletarische Revolution genau voneinander zu unterscheiden.Diese Unterscheidung war teils dem unreifen Illusionismus seiner Zeitgenossen gegenübervon höchster praktisch-taktischer Bedeutung, teils bot sie die einzige methodischeHandhabe, um die wirklich neuen, wirklich proletarisch-revolutionären Elemente in dendamaligen revolutionären Bewegungen klar zu erkennen. Im Vulgärmarxismus jedoch istdiese Unterscheidung zu einer mechanischen Trennung erstarrt. Diese Trennung hat beiden Opportunisten die praktische Folge, daß die empirisch richtige Beobachtung, daß so gutwie jede Revolution der Neuzeit als bürgerliche Revolution beginnt, mag sie auch noch so109
sehr von proletarischen Aktionen, Forderungen usw. durchsetzt sein, schematischverallgemeinert wird. Die Revolution ist in solchen Fällen nach den Opportunisten eine bloßbürgerliche. Die Aufgabe des Proletariats ist: diese Revolution zu unterstützen. Aus dieserTrennung der bürgerlichen und proletarischen Revolution folgt, daß das Proletariat auf seineeigenen revolutionären Klassenziele zu verzichten hat.Jedoch auch die linksradikale Auffassung, die den mechanischen Trugschluß dieser Theorieklar durchschaut und des proletarisch-revolutionären Charakters unserer Epoche bewußt ist,verfällt auf der anderen Seite einer ebenso gefährlichen Mechanistik der Auffassung. Ausder Erkenntnis, daß die welthistorisch revolutionäre Rolle der Bourgeoisie imimperialistischen Zeitalter ausgespielt ist, folgert sie – ebenfalls auf Grund einermechanistischen Trennung von bürgerlicher und proletarischer Revolution –, daß wirnunmehr in das Zeitalter der reinen proletarischen Revolution eingetreten sind. DieseEinstellung hat zur gefährlichen praktischen Folge, daß alle jene Zerfalls- undGärungsbewegungen, die im imperialistischen Zeitalter notwendig entstehen (Agrarfrage,Kolonialfrage, Nationalitätenfrage) und die im Zusammenhang mit der proletarischenRevolution objektiv revolutionär sind, übersehen, ja sogar verachtet und abgestoßenwerden; daß diese Theoretiker der reinen proletarischen Revolution freiwillig auf diewirklichsten und wichtigsten Verbündeten des Proletariats verzichten; daß sie jenesrevolutionäre Milieu, das die proletarische Revolution konkret aussichtsreich macht,vernachlässigen und so im luftleeren Raum eine „reine“, proletarische Revolution erwartenund sie vorzubereiten meinen. „Wer eine ‚reine‘ soziale Revolution erwartet“ sagt Lenin –,„der wird sie niemals erleben, und ist nur in Worten ein Revolutionär, der die wirklicheRevolution nicht versteht.“Denn die wirkliche Revolution ist das dialektische Umschlagen der bürgerlichen Revolutionin die proletarische. Die unbestreitbare geschichtliche Tatsache, daß jene Klasse, die Führeroder Nutznießer der vergangenen großen bürgerlichen Revolutionen gewesen ist, nunmehrobjektiv konterrevolutionär wurde, bedeutet keineswegs, daß damit auch jene objektivenProbleme, um die sich diese Revolutionen gedreht haben, sozial erledigt, daß jeneSchichten der Gesellschaft, die an ihrer revolutionären Lösung vital interessiert waren,befriedigt wären. Im Gegenteil. Die konterrevolutionäre Wendung der Bourgeoisie bedeutetnicht bloß ihre Feindlichkeit dem Proletariate gegenüber, sondern zugleich ihre Abwendungvon ihren eigenen revolutionären Traditionen. Sie tritt das Erbe ihrer revolutionärenVergangenheit an das Proletariat ab. Das Proletariat ist nunmehr die einzige Klasse, dieimstande ist, die bürgerliche Revolution konsequent zu Ende zu führen. Das heißt, einerseitskönnen nur im Rahmen einer proletarischen Revolution die noch aktuell gebliebenenForderungen der bürgerlichen Revolution durchgesetzt werden, und anderseits führt daskonsequente Durchsetzen dieser Forderungen der bürgerlichen Revolution notwendig zueiner proletarischen Revolution. Die proletarische Revolution bedeutet also heute zugleichdie Verwirklichung und die Aufhebung der bürgerlichen Revolution.Die richtige Erkenntnis dieser Sachlage eröffnet eine ungeheure Perspektive für dieChancen und Möglichkeiten der proletarischen Revolution. Sie erhebt aber zugleichungeheure Anforderungen an das revolutionäre Proletariat und seine führende Partei. Dennum diesen dialektischen Übergang zu finden, muß das Proletariat nicht bloß eine richtigeErkenntnis des richtigen Zusammenhanges haben, sondern in sich jene kleinbürgerlichenNeigungen, Denkgewohnheiten usw. praktisch überwinden, die ihm die Einsicht in diese110
Zusammenhänge versperrt haben. (Zum Beispiel nationale Befangenheit.) Es ergibt sichdamit für das Proletariat die Notwendigkeit, sich durch Selbstüberwindung zum Führer allerUnterdrückten zu erheben. Vor allem ist der Kampf um die nationale Selbständigkeit derunterdrückten Völker ein großartiges Werk der revolutionären Selbsterziehung, sowohl fürdas Proletariat des unterdrückenden Volkes, das durch diese Durchsetzung dervollständigen nationalen Selbständigkeit seinen eigenen Nationalismus überwindet, wie fürdas Proletariat des unterdrückten Volkes, das durch die entsprechende Parole desFöderalismus, der internationalen proletarischen Solidarität wiederum über seinenNationalismus hinausgeht. Denn „das Proletariat ringt,“ wie Lenin sagt, „um den Sozialismusund gegen seine eigenen Schwächen.“ Der Kampf um die Revolution, das Benützen derobjektiven Chancen der Weltlage und das innere Ringen um die eigene Reife desrevolutionären Klassenbewußtseins sind untrennbare Momente eines und desselbendialektischen Prozesses.Der imperialistische Krieg schafft also für das Proletariat, wenn es revolutionär gegen dieBourgeoisie kämpft, überall Verbündete. Er zwingt aber das Proletariat, wenn es seine Lageund seine Aufgaben nicht erkennt, in Gefolgschaft der Bourgeoisie zu einer fürchterlichenSelbstzerfleischung. Der imperialistische Krieg schafft eine Weltlage, wo das Proletariatwirklich zum Führer aller Unterdrückten und Ausgebeuteten, wo sein Befreiungskampf dasSignal und der Wegweiser für die Befreiung aller Versklavten des Kapitalismus werden kann.Er schafft aber gleich eine Weltlage, wo Millionen und Millionen Proletarier einander mit derraffiniertesten Grausamkeit ermorden müssen, um die monopolistische Stellung ihrerAusbeuter zu befestigen und zu verbreitern. Welches Schicksal von beiden dem Proletariatezuteil wird, hängt von seiner Einsicht in seine geschichtliche Lage, von seinemKlassenbewußtsein ab. Denn „die Menschen machen ihre Geschichte selbst“. Aberallerdings „nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen,gegebenen und überlieferten Umständen“. Es handelt sich hier also nicht um die Wahl, obdas Proletariat kämpfen oder nicht kämpfen will, sondern nur um die Wahl: um wessenInteressen es kämpfen soll, um die eigenen oder um die der Bourgeoisie. Die Frage, die diegeschichtliche Situation dem Proletariate stellt, ist nicht die Wahl zwischen Krieg undFrieden, sondern die Wahl zwischen imperialistischem Krieg und Krieg gegen diesen Krieg:Bürgerkrieg.Die Notwendigkeit des Bürgerkrieges, als Abwehr des Proletariats dem imperialistischenKriege gegenüber, entspringt, wie alle Kampfesweisen des Proletariats, aus denKampfbedingungen, die die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, der bürgerlichenGesellschaft dem Proletariate aufzwingt. Die Aktivität der Partei, die Bedeutung der richtigentheoretischen Voraussicht erstreckt sich nur so weit, dem Proletariate jene Widerstandsoder Stoßkraft zu geben, die es kraft der Klassenschichtung in der gegebenen Lage objektivbesitzt, die es aber aus theoretischer und organisatorischer Unreife nicht auf die Höhe dergegeben objektiven Möglichkeit erhebt. So ist noch vor dem imperialistischen Kriege derMassenstreik als spontane Reaktion des Proletariats auf die imperialistische Phase desKapitalismus entstanden, und dieser Zusammenhang, den die Rechte und das Zentrum derII. Internationale mit allen Mitteln zu verschleiern versucht haben, ist für den radikalen Flügelallmählich zum theoretischen Gemeingut geworden.Aber auch hier war Lenin der einzige, der bereits sehr früh, bereits 1905, erkannt hat, daßder Massenstreik als Waffe des entscheidenden Kampfes nicht ausreicht. Wenn er, nach111
dem niedergeworfenen Moskauer Aufstand Plechanow gegenüber, der die Ansicht vertrat,daß „man nicht hätte zu den Waffen greifen sollen“ den mißglückten Aufstand als eineentscheidende Etappe bewertet und seine konkreten Erfahrungen zu fixieren versucht hat,so hat er damit bereits die notwendige Taktik des Proletariats im Weltkrieg theoretischbegründet. Denn die imperialistische Phase des Kapitalismus und insbesondere ihrAufgipfeln im Weltkriege zeigt, daß der Kapitalismus in den Zustand der Entscheidung übersein Bestehen oder Untergehen eingetreten ist. Und mit dem richtigen Klasseninstinkt eineran die Herrschaft gewohnten Klasse, die sich dessen bewußt ist, daß mit der Ausbreitungihres Herrschaftsbereiches, mit der Entfaltung ihres Herrschaftsapparates zugleich die realesoziale Basis ihrer Herrschaft verengert wird, macht sie die energischsten Versuche, sowohldiese Basis zu erweitern (Mittelschichten in ihre Gefolgschaft zu bringen, dieArbeiteraristokratie zu korrumpieren usw.), wie ihre entscheidenden Feinde entscheidend zuschlagen, bevor diese sich zu einem wirklichen Widerstand aufgerafft hätten. Darum ist esüberall die Bourgeoisie, die die „friedlichen“ wenn auch noch so problematischesFunktionieren die ganze Theorie des Revisionismus begründet war, liquidiert und„energischere“ Kampfmittel bevorzugt. (Man denke an Amerika.) Es gelingt ihr immerstärker, den Staatsapparat kraftvoll in die Hand zu nehmen, sich so stark mit ihm zuidentifizieren, daß selbst die anscheinend bloß wirtschaftlichen Forderungen derArbeiterklasse immer stärker an diese Wand stoßen; daß die Arbeiter den Kampf mit derStaatsmacht (also, wenn auch unbewußt, den Kampf um die Staatsmacht) aufzunehmengezwungen sind, wenn sie nur die Verschlechterung ihrer Wirtschaftslage, das Verlieren vonbisher errungenen Machtpositionen verhüten wollen. So wird dem Proletariate von dieserEntwicklung die Taktik des Massenstreiks aufgezwungen, wobei der Opportunismus ausAngst vor der Revolution stets darauf bedacht ist, lieber bereits Errungenes aufzugeben, alsdie revolutionären Konsequenzen der Lage zu ziehen. Der Massenstreik ist aber seinemobjektiven Wesen nach – ein revolutionäres Mittel. Jeder Massenstreik schafft einerevolutionäre Lage, in der die Bourgeoisie mit der Hilfe ihres Staatsapparats nachMöglichkeit die für sie notwendigen Folgerungen zieht. Diesen Mitteln gegenüber ist aberdas Proletariat machtlos. Auch die Waffe des Massenstreiks muß ihnen gegenüberversagen, wenn es den Waffen der Bourgeoisie gegenüber nicht ebenfalls zu den Waffengreift. Das bedeutet das Bestreben, sich selbst zu bewaffnen, die Armee der Bourgeoisie,die ja in ihrer Masse aus Arbeitern und Bauern besteht, zu desorganisieren, die Waffen derBourgeoisie gegen diese selbst zu kehren. (Die Revolution von 1905 zeigt viele Beispieleeines sehr richtigen Klasseninstinktes, aber nur eines Instinktes in dieser Hinsicht.)Der imperialistische Krieg bedeutet nun die äußerste Zuspitzung dieser Lage. DieBourgeoisie stellt das Proletariat vor die Wahl: für ihre monopolistischen Interessen seineKlassengenossen in den anderen Ländern zu töten, für diese Interessen zu sterben, oderdie Herrschaft der Bourgeoisie mit Waffengewalt zu stürzen. Alle anderen Kampfmittelgegen diese äußerste Vergewaltigung werden machtlos, denn sie müssen ohne Ausnahmeam Militärapparat der imperialistischen Staaten zerschellen. Wenn also das Proletariatdieser äußersten Vergewaltigung entgehen will, muß es den Kampf gegen diesenMilitärapparat selbst aufnehmen: ihn von innen zersetzen und die Waffen, die dieimperialistische Bourgeoisie dem ganzen Volke zu geben gezwungen war, gegen dieBourgeoisie wenden, zum Untergang des Imperialismus benutzen.Also auch hier liegt nichts, was – theoretisch – ganz unerhört wäre. Im Gegenteil. Der Kernder Lage steckt in dem Klassenverhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Der Krieg112
ist, nach der Definition von Clausewitz, nur die Fortsetzung der Politik; er ist es aber in jederBeziehung. Das heißt, nicht nur für die äußere Politik eines Staates bedeutet der Krieg bloßdas äußerste und aktivste Zu-Ende-Führen jener Linie, die das Land bis dahin, im „Frieden“verfolgt hat, sondern auch für die innere Klassenschichtung eines Landes (und der ganzenWelt) steigert der Krieg bloß aufs Höchste und spitzt bis ins Letzte jene Tendenzen zu, dieinnerhalb der Gesellschaft bereits im „Frieden“ wirksam gewesen sind. Der Krieg schafft alsokeineswegs eine absolut neue Lage, weder für ein Land noch für eine Klasse innerhalb einerNation. Das Neue an ihm liegt bloß darin, daß die unerhörte quantitative Steigerung allerProbleme ins Qualitative umschlägt und dadurch – aber nur dadurch – eine neue Situationhervorbringt.Der Krieg ist also sozial-ökonomisch angesehen nur eine Etappe der imperialistischenEntwicklung des Kapitalismus. Er ist deshalb notwendigerweise ebenfalls nur eine Etappe imKlassenkampfe des Proletariats gegen die Bourgeoisie. Die Bedeutung der LeninschenTheorie des Imperialismus liegt nun darin, daß Lenin – was außer ihm keinem gelang –diesen Zusammenhang des Weltkrieges mit der Gesamtentwicklung theoretisch folgerichtighergestellt und an den konkreten Problemen des Krieges klar erwiesen hat. Da aber derhistorische Materialismus die Theorie des proletarischen Klassenkampfes ist, wäre dieHerstellung dieses Zusammenhanges unvollständig geblieben, wenn die Theorie desImperialismus nicht zugleich eine Theorie der Strömungen der Arbeiterbewegung imimperialistischen Zeitalter gewesen wäre. Es galt also nicht nur, klar zu sehen, wie dasProletariat in der durch den Krieg geschaffenen neuen Weltlage seinen Klasseninteressengemäß zu handeln hat, sondern zugleich nachzuweisen, worauf die anderen „proletarischen“Stellungnahmen zum Imperialismus und zu seinem Krieg theoretisch fundiert sind, welcheUmschichtungen im Proletariate diesen Theorien eine Gefolgschaft verleihen und siedadurch zu politischen Strömungen erheben.Vor allem galt es nachzuweisen, daß diese Strömungen überhaupt als Strömungenvorhanden sind. Nachzuweisen, daß die Stellungnahme der Sozialdemokratie zum Kriegenicht die Folge einer – momentanen – Abirrung, Feigheit usw. gewesen ist, sondern einenotwendige Folge der bisherigen Entwicklung. Daß also diese Stellungnahme aus derGeschichte der Arbeiterbewegung zu verstehen, daß sie im Zusammenhange mit denbisherigen Meinungsverschiedenheiten selbst bei dem revolutionären Flügel derArbeiterbewegung schwer durchgedrungen. Selbst die Gruppe der Internationale, dieGruppe Rosa Luxemburgs und Franz Mehrings war nicht imstande, diesen methodischenGesichtspunkt konsequent zu Ende zu denken und anzuwenden. Es ist aber klar, daß jedeVerurteilung des Opportunismus und seiner Stellungnahme dem Krieg gegenüber, die denOpportunismus nicht als eine geschichtlich zu erkennende Strömung in derArbeiterbewegung auffaßt und ihre Gegenwart als organisch gewachsenen Frucht aus ihrerVergangenheit ableitet, sich weder auf eine wirklich prinzipielle Höhe der marxistischenDiskussion zu erheben, noch die konkret-praktischen, die im Moment des Handelnsnotwendigen, taktisch-organisatorischen Folgerungen aus dieser Verurteilung zu ziehenvermag.Für Lenin, und wiederum für Lenin allein, war es vom Ausbruch des Weltkrieges an klar, daßdas Verhalten von Scheidemann-Plechanow-Vandervelde usw. dem Weltkrieg gegenübernichts anderes ist als die folgerichtige Anwendung der Prinzipien des Revisionismus auf diegegenwärtige Lage.113
Worin besteht aber – kurz gefaßt – das Wesen des Revisionismus? Erstens darin, daß er die„Einseitigkeit“ des historischen Materialismus: sämtliche Phänomene desgeschichtlich-gesellschaftlichen Geschehens ausschließlich vom Klassenstandpunkt desProletariats zu betrachten, zu überwinden versucht. Er wählt als Standpunkt die Interessender „ganzen Gesellschafft“ Da es aber solche Gesamtinteressen – konkret betrachtet – garnicht gibt, da das, was als solches erscheinen könnte, nichts weiter ist als eine momentaneResultante des kämpfenden Aufeinanderwirkens der verschiedenen Klassenkräfte, faßt derRevisionist das sich stets wandelnde Resultat des Geschichtsprozesses als den immergleichen methodischen Ausgangspunkt auf. Er stellt damit die Dinge auch theoretisch aufden Kopf. Praktisch ist sein Wesen schon wegen dieses theoretischen Ausgangspunktesstets und notwendig ein Kompromiß. Der Revisionismus ist immer eklektisch; das heißt, erversucht – schon theoretisch – die Klassengegensätze aneinander abzustumpfen,auszugleichen und ihre auf den Kopf gestellte, nur in seinem Kopf vorhandene – Einheit zumMaßstab der Beurteilung der Geschehnisse zu machen.Aus diesem Grunde verwirft der Revisionist – zweitens – die Dialektik. Denn die Dialektik istnichts anderes als der begriffliche Ausdruck dafür, daß die Entwicklung der Gesellschaft sichin der Wirklichkeit in Gegensätzen bewegt, daß diese Gegensätze (die Gegensätze derKlassen, das antagonistische Wesen ihres ökonomischen Seins usw.) die Grundlage undder Kern alles Geschehens sind und eine „Einheit“ der Gesellschaft, solange sie aufKlassenschichtung beruht, immer nur ein abstrakter Begriff, ein – stets vorübergehendes –Resultat des Aufeinanderwirkens dieser Gegensätze sein kann. Da aber die Dialektik alsMethode nur die theoretische Formulierung jenes gesellschaftlichen Tatbestandes ist, daßdie Gesellschaft sich in Gegensätzen, im Umschlagen aus einem Gegensatz in denanderen, also revolutionär fortentwickelt, bedeutet das theoretische Verwerfen der Dialektiknotwendig ein prinzipielles Brechen mit jedem revolutionären Verhalten.Indem die Revisionisten auf diese Weise – drittens – sich weigern, das Vorhandensein derDialektik mit ihrer Bewegung in Gegensätzen, die eben darum stets Neues hervorbringt, alsin der Wirklichkeit vorhanden, anzuerkennen, verschwindet aus ihrem Denken dasGeschichtliche, das Konkrete, das Neue. Die Wirklichkeit, die sie erleben, istschematisch-mechanisch wirkenden, „ewigen, ehernen Gesetzen“ unterworfen, dieununterbrochen – dem Wesen nach – dasselbe produzieren, denen der Mensch, ebenso wieden Naturgesetzen fatalistisch unterworfen ist. Es genügt also, diese Gesetze ein für allemalzu kennen, um zu wissen, wie sich das Schicksal des Proletariats entwickeln wird. DieAnnahme, daß es neue, von diesen Gesetzen nicht erfaßte Lagen geben könnte, odersolche, wo die Entscheidung vom Entschluß des Proletariats abhängt, ist für denRevisionisten unwissenschaftlich. (Die Überschätzung der großen Individualität, der Ethikusw. sind nur die notwendigen Gegenpole dieser Auffassung.)Diese Gesetze sind aber – viertens – die Gesetze der kapitalistischen Entwicklung, und dasBetonen ihrer überhistorisch-zeitlosen Geltung bedeutet, daß für den Revisionisten diekapitalistische Gesellschaft ebenso die Wirklichkeit, die sich im wesentlichen nicht verändernkann, ist wie für die Bourgeoisie. Der Revisionist betrachtet die bürgerliche Gesellschaftnicht mehr als etwas geschichtlich Entstandenes und darum geschichtlich zum UntergangVerurteiltes, auch die Wissenschaft nicht als Mittel, die Epoche dieses Unterganges zuerkennen und auf seine Beschleunigung hinzuarbeiten, sondern – bestenfalls – als Mittel,114
um die Stellung des Proletariats innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu verbessern.Jedes Denken, das praktisch über den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft hinausweist,ist für den Revisionismus illusionistisch, ein Utopismus.Der Revisionismus ist deshalb – fünftens – „realpolitisch“ eingestellt. Er opfert stets diewirklichen Interessen der Gesamtklasse, deren konsequente Vertretung er eben Utopismusnennt, um die Tagesinteressen einzelner Gruppen vertreten zu können. Und es ist – selbstaus diesen wenigen Bemerkungen – klar, daß der Revisionismus nur darum zu einerwirklichen Strömung in der Arbeiterbewegung werden konnte, weil die neue Entwicklung desKapitalismus es gewissen Arbeiterschichten möglich macht – vorübergehend – ökonomischeVorteile aus dieser Lage Zu gewinnen. Und weil die Organisationsform der Arbeiterparteiendiesen Schichten und ihren intellektuellen Vertretern einen größeren Einfluß zusichert alsden – wenn auch unklar und bloß instinktiv – revolutionären breiten Massen des Proletariats.Das Gemeinsame aller opportunistischen Strömungen, daß sie die Ereignisse niemals vomKlassenstandpunkt des Proletariats betrachten und deshalb in eine unhistorische undundialektische, eklektische „Realpolitik“ verfallen, verbindet ihre verschiedenenAuffassungen des Krieges miteinander und zeigt sie zugleich ausnahmslos als notwendigeFolgen des bisherigen Opportunismus, Die bedingungslose Gefolgschaft, die der rechteFlügel den imperialistischen Mächten des „eigenen“ Landes leistet, erwächst organisch ausder Anschauung, die – wenn auch anfangs mit noch soviel Vorbehalten – die Bourgeoisie alsdie führende Klasse der geschichtlichen Entwicklung ansieht und dem Proletariat dieUnterstützung ihrer „progressiven Rolle“ zuweist. Und wenn Kautsky die Internationale alsfür den Krieg untaugliches, als bloßes Friedensinstrument bezeichnet, was sagt er anderesals der russische Menschewik Tscherewanin, der nach der ersten russischen Revolution inLamentationen ausbricht: „Doch im revolutionären Feuer, wo die revolutionären Ziele ihrerVerwirklichung so nahe erscheinen, läßt sich nur schwer ein Weg bahnen für einevernünftige menschewistische Taktik“ usw.Der Opportunismus differenziert sich nach den Schichten der Bourgeoisie, bei denen erAnlehnung sucht, in deren Gefolgschaft er das Proletariat zu bringen versucht. Dies kann,wie beim rechten Flügel, die Schwerindustrie und das Bankkapital sein. In diesem Fall wirdder Imperialismus bedingungslos als notwendig anerkannt. Das Proletariat soll die Erfüllungseiner Interessen im imperialistischen Krieg, in der Größe, im Sieg der „eigenen“ Nationfinden. Oder es kann an jene Schichten der Bourgeoisie der Anschluß gesucht werden, diedie Entwicklung zwar mitzumachen gezwungen sind, jedoch fühlen, daß sie in den zweitenPlan gedrängt werden; die deshalb dem Imperialismus zwar praktisch Gefolgschaft leisten(und leisten müssen), jedoch gegen diesen Zwang murren und eine andere Wendung derDinge „wünschen“; die aus diesem Grunde den baldigen Frieden, den Freihandel, dieWiederkehr „normaler“ Zustände usw. herbeisehnen. Dabei aber selbstredend niemals alsaktive Gegner des Imperialismus aufzutreten imstande sind. Im Gegenteil, bloß einen –vergeblichen – Kampf um ihren Anteil an der imperialistischen Beute führen. (Teile derFertigindustrie, das Kleinbürgertum usw.) Aus dieser Perspektive erscheint derImperialismus als „zufällig“; es wird versucht auf eine pazifistische Lösung, auf einAbstumpfen der Gegensätze hinzuarbeiten. Und das Proletariat – aus dem das Zentrumeine Gefolgschaft dieser Schichten machen will – soll auch nicht aktiv gegen den Kriegkämpfen. (Aber nicht kämpfen heißt: praktisch an dem Krieg teilnehmen.) Es soll bloß dieNotwendigkeit eines „gerechten“ Friedens verkünden usw.115
Die Internationale ist der organische Ausdruck für die Interessengemeinschaft des gesamtenWeltproletariats. In dem Augenblick, wo es als theoretisch möglich anerkannt wird, daßArbeiter gegen Arbeiter im Dienste der Bourgeoisie kämpfen, hat die Internationale praktischaufgehört zu existieren. Und in dem Augenblick, wo es eingesehen werden muß, daß dieserblutige Kampf von Arbeiter gegen Arbeiter in Gefolgschaft der rivalisierendenimperialistischen Mächte eine notwendige Folge des bisherigen Verhaltens derentscheidenden Elemente der Internationale ist, kann von ihrer Wiedererrichtung, von ihremZurückführen auf den richtigen Weg, von ihrer Wiederherstellung keine Rede mehr sein. DieErkenntnis des Opportunismus als Strömung bedeutet, daß der Opportunismus derKlassenfeind des Proletariats im eigenen Lager ist. Die Entfernung der Opportunisten ausder Arbeiterbewegung ist also die erste, unerläßliche Vorbedingung der erfolgreichenAufnahme des Kampfes gegen die Bourgeoisie. Zur Vorbereitung der proletarischen vondiesem, sie ins Verderben führenden Einfluß geistig wie organisatorisch befreit werden. Undda dieser Kampf eben der Kampf der Gesamtklasse gegen die Weltbourgeoisie ist, soerwächst aus dem Kampf gegen den Opportunismus als Strömung die notwendige Folge:die Schaffung einer neuen proletarisch-revolutionären Internationale.Das Versinken der alten Internationale im Sumpf des Opportunismus ist die Folge einerEpoche, deren revolutionärer Charakter nicht auf der Oberfläche sichtbar gewesen ist. IhrZusammenbrechen, die Notwendigkeit einer neuen Internationale ist ein Zeichen dessen,daß der Eintritt in die Epoche der Bürgerkriege nunmehr unvermeidlich wurde. Dies bedeutetkeineswegs, daß sofort und jeden Tag auf den Barrikaden gekämpft werden soll. Esbedeutet aber, daß diese Notwendigkeit sofort, jeden Tag eintreten kann; daß dieGeschichte den Bürgerkrieg auf die Tagesordnung gestellt hat. Und eine Partei desProletariats und gar eine Internationale kann nur dann lebensfähig sein, wenn sie dieseNotwendigkeit klar erkennt und das Proletariat auf sie und ihre Folgen geistig und materiell,theoretisch und organisatorisch vorzubereiten entschlossen ist.Diese Vorbereitung muß bei der Erkenntnis des Charakters der Epoche ihrenAusgangspunkt nehmen. Erst indem die Arbeiterklasse den Weltkrieg als die notwendigeFolge der imperialistischen Entwicklung des Kapitalismus erkennt; indem es ihr klar wird,daß der Bürgerkrieg ihre einzig mögliche Abwehr gegen ihr Zugrundegehen im Dienste desImperialismus ist, kann die materielle und organisatorische Vorbereitung dieser Abwehrbeginnen. Und erst indem diese Abwehr wirksam wird, wird die dumpfe Gärung allerUnterdrückten zum Verbündeten des sich befreienden Proletariats. Das Proletariat muß alsovorerst sein eigenes richtiges Klassenbewußtsein in unverhüllt sichtbarer Gestalt vor Augenhaben, um mit seiner Hilfe zum Führer des wahren Befreiungskampfes, der wirklichenWeltrevolution zu werden. Die Internationale, die aus diesem Kampfe, für diesen Kampfentsteht, ist demnach die theoretisch-klare, kampffähig-feste Vereinigung der wirklichrevolutionären Elemente der Arbeiterklasse; zugleich jedoch das Organ und der Mittelpunktfür den Befreiungskampf aller Unterdrückten der ganzen Welt. Sie ist die bolschewistischePartei. Lenins Parteikonzeption im Weltmaßstabe. So wie der Weltkrieg selbst imMakrokosmos einer gigantischen Weltzerstörung jene Mächte des untergehendenKapitalismus und jene Möglichkeiten des Kampfes gegen ihn gezeigt hat, die Lenin imMikrokosmos des entstehenden russischen Kapitalismus, in den Möglichkeiten derrussischen Revolution bereits ganz klar erblickt hat.116
V. Der Staat als WaffeDas revolutionäre Wesen einer Epoche äußert sich am sichtbarsten darin, daß der Kampfder Klassen und Parteien nicht mehr den Charakter eines Kampfes innerhalb einerbestimmten Staatsordnung besitzt, sondern ihre Grenzen zu sprengen beginnt, über ihreGrenzen hinausweist. Einerseits erscheint er als Kampf um die Staatsmacht, anderseits undzugleich wird der Staat selbst – offenkundig – zum Teilnehmer des Kampfes gemacht. Eswird nicht nur gegen den Staat gekämpft, sondern der Staat selbst enthüllt seinen Charakterals Waffe des Klassenkampfes, als eines der wichtigsten Instrumente für dieAufrechterhaltung der Klassenherrschaft.Dieser Charakter des Staates ist von Marx und Engels stets erkannt und in allen seinenBeziehungen zur geschichtlichen Entwicklung, zur proletarischen Revolution untersuchtworden. Marx und Engels haben in ganz unmißverstehbarer Weise die theoretischenGrundlagen einer Staatstheorie im Rahmen des historischen Materialismus niedergelegt.Der Opportunismus hat sich aber gerade hier – konsequenterweise – am weitesten vonMarx und Engels entfernt. Denn auf jedem anderen Punkt war es möglich, entweder die„Revision“ von einzelnen ökonomischen Theorien so darzustellen, als ob ihre Grundlage mitdem Wesen der Methode von Marx doch übereinstimmen würde (Richtung Bernstein), oderden „orthodox“ festgehaltenen ökonomischen Lehren eine mechanistisch-fatalistische, eineundialektisch-unrevolutionäre Wendung zu geben (Richtung Kautsky). Aber das bloßeAufwerfen jener Probleme, die Marx und Engels als Grundfragen ihrer Staatstheoriebetrachtet haben, bedeutet schon das Anerkennen der Aktualität der proletarischenRevolution. Der Opportunismus aller in der II. Internationale herrschenden Tendenzenoffenbart sich am deutlichsten darin, daß keine sich ernsthaft mit dem Problem des Staatesbefaßt hat; hier – am entscheidenden Punkte – ist zwischen Kautsky und Bernstein keinUnterschied. Sie haben alle, ausnahmslos, den Staat der bürgerlichen Gesellschaft einfachhingenommen. Und wenn sie ihn kritisiert haben, so sollten dadurch bloß einzelne, für dasProletariat schädliche Erscheinungsformen, Äußerungsweisen des Staates bekämpftwerden. Der Staat wurde ausschließlich vom Standpunkt partikularer Tagesinteressenbetrachtet, niemals aber wurde sein Wesen vom Standpunkt der Gesamtklasse desProletariats untersucht und bewertet. Und die revolutionäre Unreife und Unklarheit deslinken Flügels der II. Internationale zeigt sich ebenfalls darin, daß auch er außerstande war,das Problem des Staates klarzustellen. Er kam zuweilen bis zum Problem der Revolution,bis zum Problem des Kampfes gegen den Staat, ohne aber imstande zu sein, die Frage –selbst rein theoretisch – konkret zu stellen, geschweige denn ihre konkreten Folgen in deraktuellen geschichtlichen Wirklichkeit praktisch aufzuweisen.Auch hier ist Lenin der einzige gewesen, der die theoretische Höhe der MarxschenAuffassung, die Reinheit der proletarisch-revolutionären Stellungnahme zum Problem desStaates wieder erreicht hat. Und wenn seine Leistung nur hierin bestünde, so wäre sieschon eine theoretische Leistung von hohem Range. Aber diese Wiederherstellung derMarxschen Staatstheorie ist bei Lenin weder eine philologische Wiederherstellung derursprünglichen Lehre noch eine philosophische Systematisation ihrer echten Prinzipien,sondern – wie überall – ihre Weiterführung ins Konkrete, ihre Konkretisierung insAktuell-Praktische. Lenin hat die Staatsfrage als Tagesfrage des kämpfenden Proletariatserkannt und dargestellt. Er hat schon damit – um vorerst bei der Bedeutung dieser bloßen117
Fragestellung zu bleiben – den Weg zur entscheidenden Konkretisierung der Fragebeschritten. Denn die objektive Möglichkeit für die opportunistische Verschleierung dersonnenklaren Staatstheorie des historischen Materialismus lag darin, daß diese Theorie vorLenin nur als allgemeine Theorie, als geschichtliche, ökonomische, philosophische usw.Erklärung des Wesens des Staates aufgefaßt wurde. Wohl haben Marx und Engels an denkonkreten revolutionären Erscheinungen ihrer Zeit den realen Fortschritt des proletarischenStaatsgedankens abgelesen (Kommune); wohl haben sie scharf auf jene Fehlerhingewiesen, die die falschen Staatstheorien für die Führung des proletarischenKlassenkampfes bedeuten (Kritik des Gothaer Programmes). Jedoch selbst ihreunmittelbarsten Schüler, die besten Führer dieser Zeit haben den Zusammenhang desStaatsproblems mit ihrer Tagesarbeit nicht erfaßt. Dazu war eben damals das theoretischeGenie von Marx und Engels nötig, um das bloß im weltgeschichtlichen Sinne Aktuelle indiesem Zusammenhang mit den kleinen Kämpfen des Alltags zu sehen. Und das Proletariatwar selbstredend noch weniger imstande, dieses Kernproblem mit den ihm unmittelbarerscheinenden Problemen seiner Tageskämpfe organisch zu verknüpfen. Das Problemerhielt immer mehr den Akzent einer „Endzielfrage“, deren Entscheidung der Zukunftvorbehalten bleiben darf.Erst durch Lenin ist die „Zukunft“ auch theoretisch zur Gegenwart geworden. Aber erst wenndie Staatsfrage als Tagesproblem erkannt wird, wird es dem Proletariate möglich, denkapitalistischen Staat in konkreter Weise nicht mehr als seine unabänderliche natürlicheUmwelt, als die für sein gegenwärtiges Dasein einzig mögliche Ordnung der Gesellschaft zubetrachten. Erst diese Stellungnahme zum bürgerlichen Staat gibt dem Proletariat dietheoretische Unbefangenheit dem Staat gegenüber, macht sein Verhalten ihm gegenüber zueiner rein taktischen Frage. Es ist zum Beispiel ohne weiters einleuchtend, daß sowohlhinter der Taktik einer Legalität um jeden Preis wie hinter der einer Romantik der Illegalitätderselbe Mangel an theoretischer Unbefangenheit dem bürgerlichen Staate gegenüberverborgen ist. Der bürgerliche Staat wird nicht als Instrument des Klassenkampfes derBourgeoisie betrachtet, mit dem als mit einem realen Machtfaktor, aber nur als mit einemrealen Machtfaktor zu rechnen ist; dessen Respektieren zu einer Frage der bloßenZweckmäßigkeit herabsinkt.Aber die Leninsche Analyse des Staates als Waffe des Klassenkampfes konkretisiert dieFrage noch viel weiter. Es werden nämlich nicht nur die unmittelbar praktischen (taktischen,ideologischen usw.) Konsequenzen der richtigen geschichtlichen Erkenntnis desbürgerlichen Staates herausgearbeitet, sondern die Umrisse des proletarischen Staateserscheinen zugleich konkret und mit den anderen Kampfmitteln des Proletariats organischverbunden. Die traditionelle Arbeitsteilung der Arbeiterbewegung (Partei, Gewerkschaft,Genossenschaft) erweist sich heute als unzureichend für den revolutionären Kampf desProletariats. Es erscheint als notwendig, daß Organe entstehen, die imstande sind, dasganze Proletariat und darüber hinaus alle Ausgebeuteten der kapitalistischen Gesellschaft(Bauern, Soldaten) in ihren großen Massen zu erfassen und in den Kampf zu führen. DieseOrgane, die Sowjets, sind jedoch ihrem Wesen nach – bereits innerhalb der bürgerlichenGesellschaft – Organe des sich zur Klasse organisierenden Proletariats. Damit ist aber dieRevolution auf die Tagesordnung gestellt. Denn wie Marx sagt: „Die Organisation derrevolutionären Elemente als Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktionskräfte voraus,die sich überhaupt im Schoß der alten Gesellschaft entfalten konnten.“118
Diese Organisation der Gesamtklasse muß – ob sie es will oder nicht – den Kampf gegenden Staatsapparat der Bourgeoisie aufnehmen. Hier gibt es keine Wahl: entwederdesorganisieren die proletarischen Räte den bürgerlichen Staatsapparat, oder es gelingtdiesem, die Räte zu einem Scheindasein zu korrumpieren und sie damit absterben zulassen. Es entsteht eine Lage, in der entweder die Bourgeoisie ein konterrevolutionäresUnterdrücken der revolutionären Massenbewegung zustande bringt und die „normalen“Zustände, die „Ordnung“ wiederherstellt, oder aber aus den Räten, denKampforganisationen des Proletariats seine Herrrschaftsorganisation, sein Staatsapparat,der ja ebenfalls eine Klassenkampforganisation ist, entsteht. Die Arbeiterräte zeigen selbstin ihren allerersten, unentwickeltsten Formen schon 1905 diesen Charakter: sie sind eineGegenregierung. Während sich andere Organe des Klassenkampfes auch an eine Zeit derunbestrittenen Herrschaft der Bourgeoisie taktisch anpassen, das heißt, unter diesenUmständen revolutionär arbeiten können, gehört es zum Wesen des Arbeiterrates, zu derStaatsmacht der Bourgeoisie im Verhältnis einer mit ihr konkurrierenden Doppelregierung zustehen. Wenn also etwa Martow die Räte als Kampforgane anerkennt, jedoch ihre Eignung,Staatsapparat zu werden, leugnet, so hat er gerade die Revolution, die realeMachtergreifung des Proletariats aus der Theorie entfernt. Wenn dagegen einzelneextrem-linke Theoretiker aus dem Arbeiterrat eine permanente Klassenorganisation desProletariats machen und durch sie Partei und Gewerkschaft ersetzen wollen, so zeigen sie,daß sie den Unterschied von revolutionären und nichtrevolutionären Situationen nichtbegreifen und daß sie mit der eigentlichen Funktion der Arbeiterräte nicht im klaren sind.Nicht wissen, daß zwar die bloße Erkenntnis der konkreten Möglichkeit von Arbeiterrätenüber die bürgerliche Gesellschaft hinausweist, eine Perspektive der proletarischenRevolution ist (daß der Arbeiterrat deshalb im Proletariate ununterbrochen propagiert, dasProletariat auf diese Aufgabe ununterbrochen vorbereitet werden muß), daß aber ihrwirkliches Dasein – wenn es keine Farce sein soll – bereits den ernsten Kampf um dieStaatsmacht, den Bürgerkrieg bedeutet.Der Arbeiterrat als Staatsapparat: das ist der Staat als Waffe im Klassenkampf desProletariats. Die undialektische und darum unhistorische und unrevolutionäre Auffassungdes Opportunismus hat aus der Tatsache, daß das Proletariat die Klassenherrschaft derBourgeoisie bekämpft, daß es eine klassenlose Gesellschaft herbeizuführen bestrebt ist, dieFolgerung gezogen, daß das Proletariat, als Bekämpfer der Klassenherrschaft derBourgeoisie, Bekämpfer einer jeden Klassenherrschaft sein müsse; daß deshalb seineeigenen Herrschaftsformen unter keinen Umständen Organe der Klassenherrschaft, derKlassenunterdrückung sein dürfen. Diese Grundanschauung ist abstrakt angesehen eineUtopie, denn eine derartige Herrschaft des Proletariats kann niemals real eintreten. Sieerweist sich aber, sobald sie konkreter gefaßt und auf die Gegenwart angewendet wird, alsideologische Kapitulation vor der Bourgeoisie. Die entwickeltste Herrschaftsform derBourgeoisie, die Demokratie erscheint für diese Auffassung zumindest als eine Vorformeiner proletarischen Demokratie, zumeist jedoch als diese Demokratie selbst, in der bloß –durch friedliche Agitation – dafür gesorgt werden muß, daß die Mehrheit der Bevölkerung fürdie „Ideale“ der Sozialdemokratie gewonnen werde. Der Übergang aus der bürgerlichenDemokratie in die proletarische Demokratie ist also nicht notwendig revolutionär.Revolutionär ist bloß der Übergang aus rückständigen Staatsformen in die Demokratie; unterUmständen ist eine revolutionäre Verteidigung der Demokratie gegen die soziale Reaktionnotwendig. (Wie unrichtig und konterrevolutionär diese mechanische Trennung derproletarischen Revolution von der bürgerlichen ist, zeigt sich praktisch darin, daß die119
Sozialdemokratie nirgends einer faschistischen Reaktion ernsthaften Widerstand geleistetund die Demokratie revolutionär verteidigt hat.)Infolge dieser Anschauung wird aber nicht bloß die Revolution aus der geschichtlichenEntwicklung entfernt und diese durch allerhand plump oder fein konstruierte Übergänge alsein „Hineinwachsen“ in den Sozialismus dargestellt, sondern es muß auch der bürgerlicheKlassencharakter der Demokratie für das Proletariat verdunkelt werden. Das Moment derTäuschung liegt in dem undialektisch gefaßten Begriff der Mehrheit. Da nämlich dieHerrschaft der Arbeiterklasse ihrem Wesen nach die Interessen der überwiegendenMehrheit der Bevölkerung vertritt, entsteht in vielen Arbeitern sehr leicht die Illusion, als obeine reine, formale Demokratie, in der die Stimme eines jeden Staatsbürgers in gleicherWeise zur Geltung kommt, das geeignetste Instrument wäre, die Interessen der Gesamtheitauszudrücken und zu vertreten. Hierbei wird aber bloß – bloß! – die Kleinigkeit außer achtgelassen, daß die Menschen eben nicht abstrakte Individuen, abstrakte Staatsbürger,isolierte Atome eines Staatsganzen sind, sondern ohne Ausnahme konkrete Menschen, dieeinen bestimmten Platz in der gesellschaftlichen Produktion einnehmen, derengesellschaftliches Sein (und dadurch vermittelt ihr Denken usw.) von dieser Stellung ausbestimmt ist. Die reine Demokratie der bürgerlichen Gesellschaft schaltet nun dieseVermittlung aus: sie verbindet unmittelbar das bloße, das abstrakte Individuum mit dem – indiesem Zusammenhang ebenso abstrakt erscheinenden – Staatsganzen. Schon durchdiesen formalen Grundcharakter der reinen Demokratie wird die bürgerliche Gesellschaftpolitisch pulverisiert. Was nicht einen bloßen Vorteil für die Bourgeoisie bedeutet, sonderngeradezu die entscheidende Voraussetzung ihrer Klassenherrschaft ist.Denn so sehr eine jede Klassenherrschaft letzten Endes auf Gewalt aufgebaut ist, so gibt esdoch keine Klassenherrschaft, die sich auf die Dauer durch bloße Gewalt zu haltenvermöchte. „Man kann“, hat schon Talleyrand gesagt, „mit den Bajonetten alles möglicheanfangen, nur kann man sich nicht auf sie setzen.“ Jede Minderheitsherrschaft ist also sozialin einer Weise organisiert, die die herrschende Klasse konzentriert und zumeinheitlich-geschlossenen Auftreten tauglich macht und zugleich die unterdrückten Klassendesorganisiert und zersplittert. Bei der Minderheitsherrschaft der modernen Bourgeoisiemuß nun stets vor Augen gehalten werden, daß die große Mehrheit der Bevölkerung zukeiner der im Klassenkampf ausschlaggebenden Klassen, weder zum Proletariat noch zurBourgeoisie gehört; daß mithin die reine Demokratie die soziale, klassenmäßige Funktionhat, der Bourgeoisie die Führung dieser Zwischenschichten zu sichern. (Dazu gehörtselbstredend auch die ideologische Desorganisation des Proletariats. je älter die Demokratiein einem Lande ist, je reiner sie sich entwickelt hat, desto größer ist diese ideologischeDesorganisation; wie man dies in England und Amerika am deutlichsten sehen kann.)Freilich würde eine solche politische Demokratie allein für diesen Zweck keineswegsausreichen. Sie ist aber auch nur der politische Gipfelpunkt eines gesellschaftlichenSystems, dessen andere Glieder: die ideologische Trennung von Wirtschaft und Politik, dieSchaffung eines bureaukratischen Staatsapparats, der große Teile des Kleinbürgertums andem Bestand des Staates materiell und moralisch interessiert macht, das bürgerlicheParteiwesen, Presse, Schule, Religion usw. sind. Sie alle verfolgen – in einer mehr oderminder bewußten Arbeitsteilung – den Zweck: das Entstehen einer selbständigen, dieeigenen Klasseninteressen aussprechenden Ideologie in den unterdrückten Klassen derBevölkerung zu verhindern; die einzelnen „Staatsbürger“ usw. mit dem abstrakten – über120
den Klassen thronenden – Staate in Verbindung zu setzen; diese Klassen als Klassen zudesorganisieren, in von der Bourgeoisie leicht lenkbare Atome zu pulverisieren.Die Erkenntnis, daß die Räte (die Räte der Arbeiter und der Bauern und der Soldaten) dieStaatsmacht des Proletariats sind, bedeutet den Versuch des Proletariats als der führendenKlasse der Revolution, diesem Desorganisationsprozeß entgegen zu arbeiten. Es mußvorerst sich selbst als Klasse konstituieren. Es will aber daneben die aktiven, sich gegen dieHerrschaft der Bourgeoisie instinktiv auflehnenden Elemente der Zwischenschichtenebenfalls zur Aktivität organisieren. Zugleich aber soll für die anderen Teile dieser Klassender Einfluß der Bourgeoisie materiell wie ideologisch gebrochen werden. KlügereOpportunisten, wie zum Beispiel Otto Bauer, haben auch erkannt, daß der soziale Sinn derDiktatur des Proletariats, der Diktatur der Räte zum großen Teil darin liegt: der Bourgeoisiedie Möglichkeit einer ideologischen Führung dieser Klassen, speziell der Bauern, radikal zuentreißen und diese Führung für die Übergangszeit dem Proletariate zu sichern. DieUnterdrückung der Bourgeoisie, das Zerschlagen ihres Staatsapparates, das Vernichtenihrer Presse usw. ist eine Lebensnotwendigkeit für die proletarische Revolution, weil dieBourgeoisie nach ihren ersten Niederlagen im Kampfe um die Staatsmacht keineswegs aufdas Wiedererlangen ihrer ökonomisch wie politisch führenden Rolle verzichtet und sogar indem so unter veränderten Bedingungen weitergeführten Klassenkampfe noch lange Zeit diemächtigere Klasse bleibt.Das Proletariat setzt also mit Hilfe des Rätesystems als Staat denselben Kampf fort, den esfrüher um die Staatsmacht, gegen die kapitalistische Staatsmacht geführt hat. Es muß dieBourgeoisie ökonomisch vernichten, politisch isolieren, ideologisch zersetzen undunterwerfen. Es muß aber gleichzeitig allen anderen Schichten der Gesellschaft, die dasProletariat aus dem Geführtsein von der Bourgeoisie herausreißt, ein Führer zur Freiheitwerden. Das heißt, es genügt nicht, daß das Proletariat objektiv ihr die Interessen deranderen ausgebeuteten Schichten kämpfe. Seine Staatsform muß auch dazu dienen, um dieDumpfheit und Zersplitterung dieser Schichten erzieherisch zu überwinden, sie zur Aktivität,zur selbständigen Teilnahme am Staatsleben zu erziehen. Es ist eine der vornehmstenFunktionen des Rätesystems, jene Momente des gesellschaftlichen Lebens, die derKapitalismus zerreißt, zu verbinden. Dort, wo dieses Zerreißen bloß im Bewußtsein derunterdrückten Klassen liegt, muß ihnen die Verbundenheit dieser Momente bewußt gemachtwerden. Das Rätesystem bildet zum Beispiel stets eine untrennbare Einheit von Wirtschaftund Politik; es verknüpft auf diese Weise das unmittelbare Dasein der Menschen, ihreunmittelbaren Tagesinteressen usw. mit den entscheidenden Fragen der Gesamtheit. Esstellt aber auch in der objektiven Wirklichkeit die Einheit dort her, wo die Klasseninteressender Bourgeoisie eine „Arbeitsteilung“ zustande gebracht haben. So vor allem die Einheitzwischen „Machtapparat“ (Armee, Polizei, Verwaltung, Gericht usw.) und „Volk“. Diebewaffneten Bauern und Arbeiter als Staatsmacht sind zugleich Produkte des Kampfes derRäte und Voraussetzung ihrer Existenz. Das Rätesystem versucht eben überall die Aktivitätder Menschen mit den allgemeinen Fragen des Staates, der Wirtschaft, der Kultur usw. zuverknüpfen, indem es dagegen ankämpft, daß die Verwaltung all dieser Fragen das Privilegeiner geschlossenen, vom Gesamtleben der Gesellschaft isolierten – bureaukratischen –Schicht werde. Indem das Rätesystem, der proletarische Staat auf diese Weise den realenZusammenhang aller Momente des gesellschaftlichen Lebens für die Gesellschaft bewußtmacht (und in einem späteren Stadium: auch heute objektiv Getrenntes – zum Beispiel Stadtund Land, geistige und physische Arbeit usw. – objektiv vereinigt), ist es ein entscheidender121
Faktor in der Organisation des Proletariats zur Klasse. Das, was im Proletariate in derkapitalistischen Gesellschaft nur als Möglichkeit vorhanden war, erwächst erst hier zurwirklichen Existenz; die eigentliche produktive Energie des Proletariats kann erst nach demErgreifen der Staatsmacht erwachen. Was aber für das Proletariat gilt, gilt auch für dieanderen unterdrückten Schichten der bürgerlichen Gesellschaft. Auch sie können sich erst indiesem Zusammenhang zum Leben entwickeln, nur daß sie auch in dieser StaatsordnungGeführte bleiben. Freilich bestand ihr Geführtsein im Kapitalismus darin, daß sie ihrereigenen ökonomisch-sozialen Zersetzung, Ausbeutung und Unterdrückung nicht bewußt zuwerden vermochten. Dagegen können sie jetzt – unter Führung des Proletariats nicht nurihren eigenen Interessen gemäß leben, sondern auch zur Entfaltung ihrer bis dahinverborgenen oder verkrüppelten Energien gelangen. Ihr Geführtsein äußert sich bloß darin,daß der Rahmen und die Richtung dieser Entwicklung vom Proletariat, als der führendenKlasse der Revolution, bestimmt wird.Das Geführtsein der nicht proletarischen Zwischenschichten unterscheidet sich also improletarischen Staate materiell sehr wesentlich von ihrem Geführtsein in der bürgerlichenGesellschaft. Daneben besteht aber noch ein nicht unwesentlicher formaler Unterschied: derproletarische Staat ist der erste Klassenstaat in der Geschichte, der sich ganz offen undungeheuchelt als Klassenstaat, als Unterdrückungsapparat, als Instrument desKlassenkampfes bekennt. Diese rückhaltlose Offenheit, dieser Mangel an Heuchelei machterst die wirkliche Verständigung zwischen Proletariat und anderen Schichten derGesellschaft möglich. Es ist aber noch darüber hinaus ein ungeheuer wichtiges Mittel derSelbsterziehung für das Proletariat. Denn so unendlich wichtig es gewesen ist, imProletariate das Bewußtsein zu erwecken, daß die Phase der entscheidendenrevolutionären Kämpfe da ist, daß der Kampf um die Staatsmacht, um die Führung derGesellschaft bereits entbrannt ist, so gefährlich wäre es, diese Wahrheit undialektischerstarren zu lassen. Es wäre also sehr gefährlich, wenn das Proletariat, indem es sich ausder Ideologie des Klassenkampfpazifismus befreit, indem es die geschichtliche Bedeutung,die Unerläßlichkeit der Gewalt begreift, sich nun einbilden würde: sämtliche Probleme derHerrschaft des Proletariats ließen sich unter allen Umständen mit Gewalt erledigen. Abernoch gefährlicher wäre es, wenn etwa die Vorstellung im Proletariate aufkäme, daß mit derEroberung der Staatsmacht der Klassenkampf zu Ende geführt oder wenigstens zu einemStillstand gekommen sei. Das Proletariat muß begreifen, daß die Eroberung derStaatsmacht nur eine Phase in diesem Kampfe ist. Der Kampf nach der Eroberung derStaatsmacht wird nur noch heftiger, und man kann keineswegs behaupten, daß dieKräfteverhältnisse sich sogleich und entscheidend zugunsten des Proletariats verschobenhätten. Lenin wiederholt unermüdlich, daß die Bourgeoisie auch im Anfang der Räterepublik,auch nach ihrer ökonomischen Expropriation, auch während ihrer politischen Unterdrückungnoch immer die mächtigere Klasse bleibt. Aber die Kräfteverhältnisse haben sich insofernverschoben, als das Proletariat eine neue, mächtige Waffe für seinen Klassenkampf eroberthat: den Staat. Freilich: der Wert dieser Waffe, ihre Fähigkeit, die Bourgeoisie zu zersetzen,zu isolieren, zu vernichten, die anderen Schichten der Gesellschaft zur Mitarbeit am Staateder Arbeiter und Bauern zu gewinnen und zu erziehen, das Proletariat selbst wirklich zurführenden Klasse zu organisieren, ist mit der bloßen Eroberung keineswegs automatischgegeben, noch entwickelt sich der Staat als Kampfmittel zwangsläufig aus dem bloßenFaktum der Eroberung der Staatsmacht. Der Wert des Staates als Waffe für das Proletariathängt davon ab, was das Proletariat aus ihm zu machen imstande sein wird.122
Die Aktualität der Revolution drückt sich in der Aktualität des Staatsproblems für dasProletariat aus. Damit ist aber zugleich das Problem des Sozialismus selbst aus der Ferneeines bloßen Endzieles in die Nähe einer unmittelbaren Tagesfrage vor das Proletariatgestellt. Diese greifbare Nähe der Verwirklichung des Sozialismus ist aber wiederum eindialektisches Verhältnis, und es könnte für das Proletariat verhängnisvoll werden, wenn es –in mechanistisch-utopistischer Weise – diese Nähe des Sozialismus als sein Realisiertseindurch die bloße Machtergreifung (Expropriation der Kapitalisten, Sozialisierung usw.)auffassen würde. Marx hat den Übergang vom Kapitalismus in den Sozialismus in derscharfsinnigsten Weise analysiert und auf die vielfachen bürgerlichen Strukturformenhingewiesen, die nur im Laufe einer langwierigen Entwicklung langsam ausgemerzt werdenkönnen. Lenin zieht auch hier die Trennungslinie vom Utopismus so scharf wie möglich.„Kein Kommunist hat“, sagt er, „glaube ich, ferner bestritten, daß der Ausdruck„sozialistische Räterepublik“ die Entschlossenheit der Rätemacht bedeutet, den Übergangzum Sozialismus zu verwirklichen und nicht etwa eine Anerkennung der gegebenenWirtschaftsverhältnisse als sozialistisch.“ Die Aktualität der Revolution bedeutet alsoallerdings den Sozialismus als Tagesfrage für die Arbeiterbewegung. Jedoch nur in demSinne, daß nun Tag für Tag um das Herbeischaffen seiner Voraussetzungen gekämpftwerden muß; daß einige der konkreten Maßregeln des Tages bereits konkrete Schritte zuseiner Verwirklichung bedeuten.Der Opportunismus enthüllt nun gerade an diesem Punkte, in seiner Kritik der Beziehungvon Sowjet und Sozialismus, daß er endgültig ins Lager der Bourgeoisie übergegangen, daßer ein Klassenfeind des Proletariats geworden ist. Denn einerseits betrachtet er alleScheinkonzessionen, die eine momentan erschrockene oder desorganisierte Bourgeoisiedem Proletariate – auf Widerruf – gibt, als wirkliche Schritte zum Sozialismus. (Man denkean die längst liquidierten „Sozialisierungskommissionen“ von 1918-1919 in Deutschland undÖsterreich.) Anderseits verhöhnt er die Räterepublik, weil sie den Sozialismus nicht sofortwirklich ins Leben ruft, weil sie unter proletarischen Formen, unter proletarischer Führungnur eine bürgerliche Revolution macht. („Rußland als Bauernrepublik“, „Wiedereinführungdes Kapitalismus“ usw.) In beiden Fällen zeigt es sich, daß für den Opportunismus allerSchattierungen der eigentliche Feind, der wirklich bekämpft werden soll: eben dieproletarische Revolution selbst ist. Auch dies ist nichts anderes als seine konsequenteWeiterentwicklung von der Stellungnahme zum imperialistischen Kriege an. Es ist aberebenfalls nur die konsequente Weiterführung seiner Kritik des Opportunismus vor undwährend des Krieges, wenn Lenin in der Räterepublik die Opportunisten auch praktisch alsFeinde der Arbeiterklasse behandelt hat. Zu der Bourgeoisie, deren geistiger und materiellerApparat zerstört, deren Gefüge durch die Diktatur desorganisiert werden soll, damit ihrEinfluß die – ihrer objektiven Klassenlage gemäß – schwankenden Schichten nicht ergreife,gehört auch der Opportunismus. Gerade die Aktualität des Sozialismus macht diesen Kampfviel schärfer, als er etwa zur Zeit der Bernstein-Debatten gewesen ist. Der Staat als Waffedes Proletariats zum Kampfe für den Sozialismus, zur Unterdrückung der Bourgeoisie istzugleich seine Waffe zur Vertilgung der opportunistischen Gefahr für den Klassenkampf desProletariats, der in der Diktatur in unverminderter Heftigkeit weitergeführt werden muß.123
VI. Revolutionäre RealpolitikDas Proletariat ergreift die Staatsmacht und richtet seine revolutionäre Diktatur auf: dasbedeutet, daß die Verwirklichung des Sozialismus zur Tagesfrage geworden ist. EinProblem, auf das das Proletariat ideologisch am allerwenigsten vorbereitet war. Denn die„Realpolitik“ der Sozialdemokratie, die alle Tagesfragen immer bloß als Tagesfragen, ohneZusammenhang mit dem Weg der Gesamtentwicklung, ohne Beziehung zu den letztenProblemen des Klassenkampfes, also ohne jemals real und konkret über den Horizont derbürgerlichen Gesellschaft hinauszuweisen, behandelt hat, gab gerade dadurch demSozialismus in den Augen der Arbeiter wieder den Charakter einer Utopie. Die Trennung desEndzieles von der Bewegung verfälscht nicht nur die richtige Perspektive zu den Fragen desAlltags, der Bewegung, sondern verwandelt zugleich das Endziel in eine Utopie. DieserRückfall in den Utopismus äußert sich in sehr verschiedenen Formen. Vor allem darin, daßder Sozialismus in den Augen der Utopisten nicht als ein Werden, sondern als ein Seinerscheint. Das heißt, man untersucht die Probleme des Sozialismus – soweit sie überhauptaufgeworfen werden – nur daraufhin, welche ökonomischen, kulturellen usw. Fragen undwelche für sie günstigsten technischen usw. Lösungen möglich sind, wenn der Sozialismusbereits ins Stadium der praktischen Verwirklichung eingetreten ist. Es wird aber weder dieFrage, wie eine solche Situation sozial möglich, wie sie erreicht wird, aufgeworfen, noch die,wie eine solche Situation sozial-konkret beschaffen ist, welche Klassenverhältnisse, welcheWirtschaftsformen das Proletariat in dem geschichtlichen Augenblick vorfindet, in dem es andie Aufgabe der Verwirklichung des Sozialismus herantritt. (So wie seinerzeit Fourier dieEinrichtung der Phalanstères genau analysiert hat, ohne den konkreten Weg, wie sie zuverwirklichen sind, aufzeigen zu können.) Der opportunistische Eklektizismus, dieEntfernung der Dialektik aus der Methode des sozialistischen Denkens, hebt also denSozialismus selbst aus dem geschichtlichen Prozeß des Klassenkampfes heraus. Die vomGift dieses Denkens angesteckten müssen deshalb sowohl die Voraussetzungen derVerwirklichung des Sozialismus wie die Probleme seiner Verwirklichung in einer verstelltenPerspektive sehen. Diese Falschheit der Grundeinstellung geht so tief, daß sie nicht nur vomDenken der Opportunisten, für die ja der Sozialismus immer ein fernes Endziel bleibt, Besitzergreift, sondern auch die ehrlichen Revolutionäre zu verkehrten Vorstellungen verleitet.Diese – ein großer Teil der Linken der II. Internationale – haben wohl den revolutionärenProzeß selbst, den Kampf um die Macht als Prozeß, im Zusammenhang mit den praktischenFragen des Alltags erblickt, sie waren aber außerstande, die Lage des Proletariats nach derMachtergreifung und die konkreten Probleme, die aus dieser Lage folgen, ebenfalls indiesen Zusammenhang einzufügen. Sie sind hier ebenfalls zu Utopisten geworden.Der großartige Realismus, mit dem Lenin während der Diktatur alle Probleme desSozialismus behandelt hat, der selbst seinen bürgerlichen und kleinbürgerlichen GegnernAchtung abringen mußte, ist also nichts weiter als die konsequente Anwendung desMarxismus, der geschichtlich-dialektischen Betrachtungsweise auf die nunmehr aktuellgewordenen Probleme des Sozialismus. Man wird in Lenins Schriften und Reden – wieübrigens auch in den Werken von Marx – sehr wenig über den Sozialismus als Zustandfinden. Um so mehr dagegen über die Schritte, die zu seiner Verwirklichung führen können.Denn wir können uns den Sozialismus als Zustand unmöglich in seinen Details konkretvorstellen. So wichtig die theoretisch zutreffende Erkenntnis seiner Grundstruktur ist, so liegtdie Wichtigkeit dieser Erkenntnis vor allem darin, daß durch sie ein Maßstab für die124
Richtigkeit der Schritte gegeben ist, die wir ihm entgegen tun. Die konkrete Erkenntnis desSozialismus ist – ebenso wie dieser selbst – ein Produkt des Kampfes, der um ihn geführtwird; sie läßt sich nur im Kampf um den Sozialismus, nur durch diesen Kampf erwerben.Und jeder Versuch, zu einer Erkenntnis über den Sozialismus nicht auf dem Weg dieserseiner dialektischen Wechselwirkung mit den Alltagsproblemen des Klassenkampfes zugelangen, macht aus dieser Erkenntnis eine Metaphysik, eine Utopie, etwas bloßAnschauendes, nicht Praktisches.Lenins Realismus, seine „Realpolitik“ ist also die endgültige Liquidierung eines jedenUtopismus, die konkret inhaltliche Erfüllung des Programmes von Marx: eine praktischgewordene Theorie, eine Theorie der Praxis zu geben. Lenin hat mit dem Problem desSozialismus dasselbe getan, was er mit dem Staatsproblem getan hat: er hat es derbisherigen metaphysischen Isolierung, der Verbürgerlichung entrissen und es in denGesamtzusammenhang der Probleme des Klassenkampfes eingefügt. Er hat die genialenAndeutungen, die Marx in der Kritik des Gothaer Programmes und anderswo gegeben hat,an dem konkreten Leben des Geschichtsprozesses erprobt, sie an der geschichtlichenWirklichkeit konkreter und erfüllter gemacht, als es im Zeitalter von Marx, selbst für einGenie wie Marx, möglich gewesen ist.Die Probleme des Sozialismus sind demnach die Probleme der ökonomischen Struktur undder Klassenverhältnisse im Zeitpunkt, wo das Proletariat die Staatsmacht ergreift. Sieentspringen unmittelbar aus der Lage, in der das Proletariat seine Diktatur errichtet. Siekönnen deshalb nur aus diesen Problemen heraus verstanden und zur Lösung geführtwerden; sie enthalten aber – aus demselben Grunde – dieser Lage und allenvorangehenden Lagen gegenüber dennoch etwas prinzipiell Neues. Mögen alle ihreElemente aus der Vergangenheit herausgewachsen sein, ihre Verknüpfung mit derErhaltung und Befestigung der Herrschaft des Proletariats ergibt Probleme, die weder inMarx noch in anderen früher entstandenen Theorien enthalten sein konnten, die nur ausdieser wesentlich neuen Lage zu erfassen und zu lösen sind.Die „Realpolitik“ Lenins erweist sich hiermit – wenn man auf ihren Zusammenhang und ihreGrundlegung zurückgeht – als der bisher erreichte Höhepunkt der materialistischenDialektik. Auf der einen Seite eine streng-marxistische, schlichte und nüchterne, aber insAllerkonkreteste gehende Analyse der gegebenen Lage, der Wirtschaftsstruktur und derKlassenverhältnisse. Auf der anderen Seite eine durch keinerlei theoretischeVoreingenommenheit, durch keinen utopistischen Wunsch verstellte Klarsicht allen neuenTendenzen gegenüber, die sich aus dieser Lage ergeben. Diese scheinbar einfache undtatsächlich aus dem Wesen der materialistischen Dialektik – die ja eine Theorie derGeschichte ist – stammende Forderung ist aber keineswegs leicht zu erfüllen. DieDenkgewohnheiten des Kapitalismus haben allen Menschen, vor allem den wissenschaftlichOrientierten, die Neigung anerzogen, das Neue stets völlig aus dem Alten, das Heutigerestlos aus dem Gestrigen erklären zu wollen. (Der Utopismus der Revolutionäre ist einVersuch, sich am eigenen Zopf aus dem Graben zu ziehen, sich mit einem Sprung in einevöllig neue Welt zu versetzen, statt das dialektische Entstehen des Neuen aus dem Alten mitHilfe der Dialektik zu begreifen.) „Deshalb werden“, sagt Lenin, „viele und sehr viele durchden Staatskapitalismus verwirrt. Um nicht verwirrt zu werden, muß man stets an dasGrundlegende denken, daß der Staatskapitalismus in der Form, wie wir ihn gegenwärtighaben, in keiner Theorie, in keiner Literatur analysiert worden ist, aus dem einfachen125
Grunde, weil alle Begriffe, die mit diesem Worte verknüpft sind, sich auf die bürgerlicheMacht in der kapitalistischen Gesellschaft beziehen. Und wir haben einen Staat, der daskapitalistische Geleise verlassen hat und noch nicht auf das neue Geleise geraten ist.“Was findet aber das zur Herrschaft gelangte russische Proletariat als konkrete, reale Umweltder Verwirklichung des Sozialismus vor? Erstens einen – relativ – entwickeltenMonopolkapitalismus, zusammenbrechend infolge des Weltkrieges, in einemzurückgebliebenen Bauernland, dessen Bauernschaft sich nur im Zusammenhang mit derproletarischen Revolution aus den Fesseln der feudalen Überreste befreien konnte.Zweitens außerhalb Rußlands eine feindlich gesinnte kapitalistische Umwelt, die sich mitallen ihr zu Gebote stehenden Mitteln auf den neu entstandenen Arbeiter- und Bauernstaatzu werfen gewillt ist, die auch stark genug wäre, diesen militärisch oder ökonomisch zuerdrücken, wenn sie nicht durch das immer wachsende Sichauswirken der Gegensätze desimperialistischen Kapitalismus in sich zerklüftet wäre, so daß dem Proletariate stetsGelegenheiten geboten sind, diese Rivalitäten usw. zu seinem Nutzen auszuwerten. (Freilichsind damit nur die beiden Hauptproblemkomplexe bezeichnet; auf wenigen Seiten könnenaber nicht einmal diese beiden erschöpfend behandelt werden.)Die materielle Grundlage des Sozialismus als den Kapitalismus ablösende höhereWirtschaftsform kann nur die Umorganisierung, die Höherentwicklung der Industrie sein, ihreAnpassung an die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen, ihre Umgestaltung im Sinne einesimmer sinnvoller werdenden Lebens (Aufhören des Gegensatzes von Stadt und Land, vongeistiger und physischer Arbeit usw.). Der Zustand dieser materiellen Grundlage desSozialismus bedingt mithin die Möglichkeiten und Wege seiner konkreten Verwirklichung.Und hier hat Lenin – bereits im Jahre 1917, vor dem Ergreifen der Staatsmacht – dieökonomische Lage und die aus ihr entspringenden Aufgaben für das Proletariat klarbestimmt. „Die Dialektik der Geschichte ist eben diejenige, daß der Krieg, indem er dieUmwandlung des monopolistischen Kapitalismus in den staatsmonopolistischen ungeheuerbeschleunigt hat, gerade dadurch die Menschheit dem Sozialismus ungeheuer nähergebracht hat. Der imperialistische Krieg ist der Vorabend der sozialistischen Revolution. Unddas nicht nur deshalb, weil der Krieg mit seinem Entsetzen den proletarischen Aufstandgebiert – kein Aufstand kann den Sozialismus schaffen, wenn er ökonomisch nicht gereift ist–, sondern deshalb, weil der staatsmonopolistische Kapitalismus eine vollkommenematerielle Vorbereitung des Sozialismus ist, die Eingangspforte zu ihm, weil er in derhistorischen Leiter jene Stufe bedeutet, zwischen welcher und der folgenden Stufe, die manSozialismus nennt, es keine zwischenliegenden Stufen gibt.“ Folglich ist „der Sozialismusnichts anderes als ein staatskapitalistisches Monopol, eingestellt zum Nutzen des ganzenVolkes und insofern kein kapitalistisches Monopol mehr“. Und anfangs 1918: „ ... derStaatskapitalismus würde bei der gegenwärtigen Lage der Dinge in unserer Räterepublikeinen Schritt vorwärts bedeuten. Würde bei uns, beispielsweise, nach einem halben Jahre,der Staatskapitalismus festen Fuß fassen, so würde das einen gewaltigen Erfolg und diesicherste Gewähr dafür bedeuten, daß bei uns der Sozialismus nach einem Jahre sichendgültig etablieren und unbesiegbar sein würde.“Diese Stellen mußten besonders ausführlich wiedergegeben werden, um der weitverbreiteten bürgerlichen und sozialdemokratischen Legende, als ob Lenin nach demScheitern des „doktrinär-marxistischen“ Versuches, den Kommunismus „auf einmal“einzuführen, aus „realpolitischer Klugheit“ ein Kompromiß geschlossen hätte, von der126
ursprünglichen Linie seiner Politik abgewichen wäre. Gerade das Gegenteil ist diegeschichtliche Wahrheit. Der sogenannte Kriegskommunismus, den Lenin eine „durchBürgerkrieg und Zerstörung bedingte provisorische Maßnahme“ nennt, die „keine denwirtschaftlichen Aufgaben des Proletariats entsprechende Politik war und keine sein konnte“,war die Abweichung von der Linie, auf der sich – nach seiner theoretischen Voraussicht –die Entwicklung zum Sozialismus abspielt. Freilich eine durch den inneren und äußerenBürgerkrieg bedingte, also unvermeidliche, aber doch bloß provisorische Maßnahme. Eswäre aber, nach Lenin, für das revolutionäre Proletariat verhängnisvoll gewesen, diesenCharakter des Kriegskommunismus zu verkennen, ihn gar – wie viele ehrlicheRevolutionäre, die aber nicht auf der theoretischen Höhe Lenins gestanden sind – als einenwirklichen Schritt in der Richtung auf den Sozialismus zu bewerten.Es kommt also nicht darauf an, wie stark die äußeren Formen des Wirtschaftslebens einensozialistischen Charakter an sich tragen, sondern ausschließlich darauf, wie weit es demProletariate gelingt, jenen Wirtschaftsapparat, den es mit der Machtergreifung in seinenBesitz gebracht hat, der zugleich die Grundlage seines gesellschaftlichen Seins ist, dieGroßindustrie, tatsächlich zu beherrschen und dieses Beherrschen tatsächlich in den Dienstseiner Klassenziele zu stellen. So sehr aber die Umwelt dieser Klassenziele unddementsprechend die Mittel ihrer Verwirklichung verändert worden sind, so mußte doch ihreallgemeine Grundlage dieselbe bleiben: mit Hilfe der Führung der – stets schwankenden –Mittelschichten (besonders der Bauern) auf der entscheidenden Front, auf der Front gegendie Bourgeoisie, den Klassenkampf weiter zu führen. Und hier darf niemals vergessenwerden, daß trotz des ersten Sieges das Proletariat noch immer die schwächere Klassegeblieben ist und es noch lange Zeit – bis zu einem Siege der Revolution im Weltmaßstabe– bleiben wird. Sein Kampf hat sich also ökonomisch nach zwei Prinzipien zu richten:einerseits die Zerrüttung der Großindustrie durch Krieg und Bürgerkrieg, so rasch und sovollständig wie irgend möglich aufzuhalten, denn ohne diese Basis muß das Proletariat alsKlasse zugrunde gehen. Anderseits alle Probleme der Produktion und Distribution so zuregeln, daß die Bauernschaft, die durch die revolutionäre Lösung der Agrarfrage zumVerbündeten des Proletariats geworden ist, durch die möglichste Erfüllung ihrer materiellenInteressen in diesem Bündnis erhalten bleibe. Die Mittel zur Verwirklichung dieser Zieleändern sich nach den Umständen. Das allmähliche Durchsetzen dieser Ziele ist dieser Zieleist aber der einzige Weg, die Herrschaft des Proletariats, die erste Voraussetzung desSozialismus, aufrechtzuerhalten.Der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat geht also auch an der innerenWirtschaftsfront in unverminderter Heftigkeit weiter. Der Kleinbetrieb, den abzuschaffen, zu„sozialisieren“ in diesem Stadium ein reiner Utopismus ist, „erzeugt den Kapitalismus unddie Bourgeoisie unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenmaßstab“. Eskommt darauf an, ob in diesem Wettkampf die sich neu formende, neu akkumulierendeBourgeoisie oder die vom Proletariat beherrschte staatliche Großindustrie siegreich seinwird. Diesen Wettkampf muß das Proletariat riskieren, wenn es nicht riskieren will, durchAbschnürung der Kleinbetriebe, des Handels usw. (deren wirkliche Durchführung sowiesoillusorisch ist) auf die Dauer das Bündnis mit den Bauern zu lockern. Daneben tritt noch dieBourgeoisie in der Form des ausländischen Kapitals, der Konzessionen usw. in denWettkampf ein. Hier entsteht nun die paradoxe Lage, daß diese Bewegung – einerlei, wasihre Absichten sind – objektiv-ökonomisch zum Verbündeten des Proletariats gemachtwerden kann, indem durch sie die wirtschaftliche Macht der Großindustrie gestärkt wird. Es127
entsteht „ein Bündnis gegen die Elemente des Kleinbetriebes“. Wobei freilich anderseits dienatürliche Tendenz des Konzessionskapitals, den proletarischen Staat allmählich in einekapitalistische Kolonie zu „verwandeln, energisch bekämpft werden muß.(Konzessionsbedingungen, Außenhandelsmonopol usw.)Es kann unmöglich die Aufgabe dieser spärlichen Anmerkungen sein, die WirtschaftspolitikLenins auch nur in ihren gröbsten Umrissen zu skizzieren. Das hier Angedeutete sollte nurals Beispiel dienen, um die Prinzipien der Politik Lenins, ihre theoretische Grundlageeinigermaßen deutlich hervortreten zu lassen. Und dieses Prinzip ist: die Herrschaft desProletariats in einem Universum von offenen und heimlichen Feinden, von schwankendenVerbündeten um jeden Preis aufrechtzuerhalten. So wie das Grundprinzip seiner Politik vorder Machtergreifung gewesen ist: in dem Gewirr der sich kreuzenden sozialen Tendenzendes untergehenden Kapitalismus jene Momente aufzufinden, deren Ausnützung durch dasProletariat dieses zur führenden, zur herrschenden Klasse der Gesellschaft emporzuhebenimstande war. An diesem Prinzip hat Lenin sein ganzes Leben lang unerschütterlich undkonzessionslos festgehalten. Er hat aber dieses Prinzip – ebenso unerbittlichkonzessionslos – als ein dialektisches Prinzip festgehalten. In dem Sinne, „daß derGrundsatz der marxistischen Dialektik darin besteht, daß alle Grenzen in der Natur und inder Geschichte bedingt und beweglich sind, daß es keine einzige Erscheinung gibt, die untergewissen Bedingungen nicht in ihr Gegenteil umschlagen könnte“. Darum erfordert „dieDialektik eine allseitige Untersuchung der betreffenden gesellschaftlichen Erscheinung inihrer Entwicklung sowie ein Zurückführen der äußerlichen und scheinbaren Momente auf diegrundsätzlichen, bewegenden Kräfte, die Entfaltung der Produktivkräfte und denKlassenkampf“ Die Größe Lenins als Dialektiker besteht darin, daß er die Grundprinzipiender Dialektik, die Entfaltung der Produktivkräfte und den Klassenkampf stets ihrem innerstenWesen nach, konkret, ohne abstrakte Voreingenommenheit, aber auch ohne fetischistischesVerwirrtsein durch Oberflächenerscheinungen klar gesehen hat. Daß er sämtlicheErscheinungen, mit denen er zu tun hatte, stets auf diese ihre letzte Grundlage: auf daskonkrete Handeln konkreter (das heißt klassenmäßig bedingter) Menschen auf Grund ihrerrealen Klasseninteressen zurückgeführt hat. Erst von diesem Prinzip aus gesehen zerfälltdie Legende vom „klugen Realpolitiker“ Lenin, dem „Meister der Kompromisse“ um denwahren Lenin, den konsequenten Ausbauer der Marxschen Dialektik, vor uns zu enthüllen.Vor allem muß schon bei der Begriffsbestimmung des Kompromisses jeder Sinn, als ob essich um einen Kniff, um eine Geschicklichkeit, um ein raffiniertes Übervorteilen handelnwurde, abgewiesen werden. „Personen“ sagt Lenin, „die unter Politik kleine Tricks verstehen,die manchmal an Betrug grenzen, müssen bei uns die entschiedenste Ablehnung erfahren.Klassen können nicht betrogen werden.“ Kompromiß bedeutet also für Lenin soviel: daßreale Entwicklungstendenzen von Klassen (eventuell, wie zum Beispiel bei unterdrücktenVölkern, von Nationen), die unter bestimmten Umständen, auf eine gewisse Zeitdauer, inbestimmten Fragen mit den Lebensinteressen des Proletariats parallel gehen, zu diesemZwecke – zum Vorteile beider ausgewertet werden.Freilich können Kompromisse auch eine Form des Klassenkampfes mit dementscheidenden Feind der Arbeiterklasse, mit der Bourgeoisie, sein. (Man denke nur an dieBeziehung Sowjetrußlands zu den imperialistischen Staaten.) Und die Theoretiker desOpportunismus klammern sich auch an diese Spezialform der Kompromisse, teils um Leninauch hier als „undogmatischen Realpolitiker“ zu loben oder herabzusetzen, teils um damit128
für ihre eigenen Kompromisse einen Deckmantel zu finden. Auf das Hinfällige des erstenArguments haben wir bereits hingewiesen, bei der Beurteilung des zweiten muß – wie beijeder Frage der Dialektik – jene Totalität, die die konkrete Umwelt des Kompromisses bildet,berücksichtigt werden. Und hier tritt alsbald zutage, daß der Kompromiß Lenins und das derOpportunisten von direkt entgegengesetzten Voraussetzungen ausgehen. Diesozialdemokratische Taktik ist – ob eingestanden oder unbewußt – darauf begründet, daßdie eigentliche Revolution noch fern ist; die objektiven Vorbedingungen der sozialenRevolution sind noch nicht da, das Proletariat ist ideologisch noch nicht reif zur Revolution,die Partei und die Gewerkschaften sind noch zu schwach usw.: darum muß das ProletariatKompromisse mit der Bourgeoisie schließen. Je mehr die subjektiven wie objektivenVorbedingungen der sozialen Revolution vorhanden sein werden, desto „reiner“ wird dasProletariat seine Klassenziele verwirklichen können. So daß der Kompromiß in der Praxis ofteinen großen Radikalismus, ein vollständiges „Reinhalten“ der Prinzipien in bezug auf die„Endziele“ zur Kehrseite hat. (In diesem Zusammenhang können selbstredend nur jenesozialdemokratischen Theorien überhaupt berücksichtigt werden, die in irgendeiner Weisenoch an der Theorie des Klassenkampfes festhalten zu müssen meinen. Denn für dieanderen Anschauungen ist ja der Kompromiß gar kein Kompromiß mehr, sondern einnatürliches Zusammenarbeiten der verschiedenen Berufsschichten zum Wohle derGesamtheit.)Für Lenin hingegen folgt der Kompromiß direkt und logisch aus der Aktualität der Revolution.Wenn der Grundcharakter der ganzen Epoche die Aktualität der Revolution ist;, wenn dieseRevolution – sowohl in jedem einzelnen Lande wie im Weltmaßstabe – jeden Augenblickausbrechen kann, ohne daß dieser Augenblick je genau vorausbestimmbar sein könnte;wenn der revolutionäre Charakter der ganzen Epoche sich in der ständig steigendenZersetzung der bürgerlichen Gesellschaft offenbart, was zur notwendigen Folge hat, daß dieverschiedenartigsten Tendenzen sich ununterbrochen abwechseln und kreuzen: so bedeutetall dies, daß das Proletariat seine Revolution nicht unter selbstgewählten, „günstigsten“Bedingungen beginnen und vollführen kann, daß dementsprechend jede Tendenz, die, wennauch noch so vorübergehend, die Revolution fördern oder wenigstens die Feinde derRevolution schwächen kann, unter allen Umständen von ihm ausgenützt werden muß. Wirhaben früher einige Aussprüche Lenins angeführt, aus denen ersichtlich ist, wie wenigIllusionen er – noch vor der Machtergreifung – in bezug auf das Tempo der Verwirklichungdes Sozialismus gehabt hat. Folgende Sätze aus einem seiner letzten Aufsätze, nach derPeriode der „Kompromisse“ geschrieben, zeigen aber ebenso deutlich, daß dieseVoraussicht für ihn niemals ein Verschieben des revolutionären Handelns bedeutet hat.„Napoleon schrieb: ‚On s’engage et puis on voit.‘ In freier Übersetzung heißt das. „Man mußzunächst einen ernsten Kampf aufnehmen, dann wird schon das weitere ersichtlich“. Sohaben wir auch zunächst einen ernsten Kampf im Oktober 1917 aufgenommen, und dannwurden schon einige solcher Einzelheiten ersichtlich (vom Gesichtspunkt der Weltgeschichtesind es zweifellos Einzelheiten), wie der Brester Frieden oder die „neue ökonomischePolitik““ usw. Die Leninsche Theorie und Taktik der Kompromisse ist also nur diesachlich-logische Folge aus der marxistischen, der dialektischen Geschichtserkenntnis, daßdie Menschen zwar ihre Geschichte selbst machen, sie aber nicht unter selbstgewähltenUmständen machen können. Sie ist eine Folge der Erkenntnis, daß die Geschichte stetsNeues produziert; daß deshalb diese geschichtlichen Augenblicke, momentaneKreuzungspunkte von Tendenzen, nie in derselben Gestalt wiederkehren; daß Tendenzenheute für die Revolution ausgewertet werden können, die morgen eine Lebensgefahr für129
diese bedeuten würden und umgekehrt. So will Lenin am 1. September 1917 denMenschewiki und S.R. auf Grund der alten bolschewistischen Parole „Alle Macht den Räten“ein gemeinsames Vorgehen, ein Kompromiß anbieten. Jedoch bereits am 17. Septemberschreibt er: „Am Ende ist das Anerbieten eines Kompromisses schon verspätet. Vielleichtsind die wenigen Tage, im Laufe deren die friedliche Entwicklung noch möglich war,ebenfalls vorüber. ja, nach allem ist es evident, daß sie schon vorbei sind.“ Die Anwendungdieser Theorie auf Brest-Litowsk, auf die Konzessionen usw. ergibt sich von selbst.Wie sehr die ganze Leninsche Theorie der Kompromisse auf seine Grundanschauung vonder Aktualität der Revolution begründet ist, zeigt sich vielleicht noch schärfer in seinentheoretischen Kämpfen gegen den linken Flügel seiner eigenen Partei (nach der erstenRevolution und nach dem Brester Frieden im russischen, in den Jahren 1920 und 1921 imeuropäischen Maßstab). In allen diesen Debatten war die prinzipielle Ablehnung eines jedenKompromisses die Parole des Links-Radikalismus. Und die Polemik Lenins geht wesentlichdarauf hinaus, daß in dem Ablehnen eines jeden Kompromisses ein Ausweichen vor denentscheidenden Kämpfen enthalten ist, daß dieser Anschauung ein Defaitismus derRevolution gegenüber zugrunde liegt. Denn die echte revolutionäre Lage – und dies ist nachLenin der Grundzug unserer Epoche – äußert sich darin, daß es kein Feld desKlassenkampfes geben kann, wo nicht revolutionäre (oder konterrevolutionäre)Möglichkeiten vorhanden wären. Der echte Revolutionär also, derjenige, der es weiß, daßwir in einer revolutionären Epoche leben und praktisch die Konsequenzen dieser Erkenntniszieht, muß stets das Ganze der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit von diesemStandpunkt betrachten und im Interesse der Revolution alles, das Größte und Kleinste, dasGewohnte und Überraschende je nach ihrer Wichtigkeit für die Revolution – aber nur danach– intensiv berücksichtigen. Wenn Lenin den Links-Radikalismus zuweilen einenLinks-Opportunismus genannt hat, so hat er damit sehr richtig und tief auf die gemeinsameGeschichtsperspektive dieser beiden sonst so entgegengesetzten Strömungen, deren eineein jeder Kompromiß verpönt, deren andere im Kompromiß das Prinzip der „Realpolitik“ imGegensatz zum „starren Festhalten an dogmatischen Prinzipien“ erblickt, hingewiesen: aufeinen Pessimismus in bezug auf Nähe und Aktualität der proletarischen Revolution. Ausdieser Art, wie er beide Tendenzen von dem gleichen Prinzip aus ablehnt, zeigt es sich, daßder Kompromiß bei Lenin und bei den Opportunisten nur dasselbe Wort ist, das aber beijedem auf eine grundverschiedene Wirklichkeit bezogen wird und deshalb bei jedem einengrundverschiedenen Begriff deckt.Eine richtige Erkenntnis darüber, was Lenin unter Kompromiß verstanden, wie er die Taktikder Kompromisse theoretisch fundiert hat, ist nicht nur von grundlegender Bedeutung für daszutreffende Verständnis seiner Methode, sondern auch praktisch von sehr weittragenderWichtigkeit. Der Kompromiß ist bei Lenin nur in der dialektischen Wechselwirkung mit demFesthalten an den Prinzipien und der Methode des Marxismus möglich; im Kompromiß zeigtsich stets der nächste reale Schritt der Verwirklichung der Theorie des Marxismus. Wie alsodiese Theorie und Taktik sich von der mechanischen Starrheit eines Festhaltens an „reinen“Prinzipien scharf abheben, so müssen sie auch von jeder prinzipienlos schematisierenden„Realpolitik“ streng ferngehalten werden. Das heißt, es reicht für Lenin nicht aus, daß diekonkrete Lage, in der gehandelt wird, die konkreten Kräfteverhältnisse, die den Kompromißbestimmen, die Tendenz der notwendigen Weiterentwicklung der proletarischen Bewegung,die ihre Richtung bedingt, in ihrer Tatsächlichkeit richtig erkannt und bewertet werden,sondern er betrachtet es als eine ungeheure praktische Gefahr für die Arbeiterbewegung,130
wenn solche richtigen Erkenntnisse der Tatsächlichkeit nicht in einen Rahmen der allgemeinrichtigen Erkenntnis des ganzen Geschichtsprozesses eingefügt werden. So hat er daspraktische Verhalten der deutschen Kommunisten zu der nach dem Niederwerfen desKapp-Putsches geplanten „Arbeiterregierung“, die sogenannte loyale Opposition als richtiganerkannt, hat aber zugleich aufs schärfste gerügt, daß diese richtige Taktik mit einertheoretisch falschen – von demokratischen Illusionen erfüllten Geschichtsperspektivebegründet wurde.Die dialektisch richtige Vereinigung des Allgemeinen und des Besonderen, die Erkenntnisdes Allgemeinen (der allgemeinen Grundtendenz der Geschichte) im Besonderen (in derkonkreten Lage), das daraus entspringende Konkretwerden der Theorie ist also derGrundgedanke dieser Theorie der Kompromisse. Diejenigen, die in Lenin bloß einen klugenoder eventuell sogar genialen „Realpolitiker“ erblicken, verkennen das Wesen seinerMethode durchaus. Aber diejenigen, die in seinen Entscheidungen überall anwendbare„Rezepte“, „Vorschriften“ für ein richtiges praktisches Handeln zu finden vermeinen,verkennen ihn erst recht. Lenin hat nie „allgemeine Regeln“ aufgestellt, die auf eine Reihevon Fällen „angewendet“ werden könnten. Seine „Wahrheiten“ entwachsen der konkretenAnalyse der konkreten Lage mit Hilfe der dialektischen Geschichtsbetrachtung. Aus einermechanischen „Verallgemeinerung“ seiner Winke oder Entscheidungen kann nur eineKarikatur, ein Vulgär-Leninismus entstehen; so zum Beispiel bei jenen ungarischenKommunisten, die bei völlig verschiedener Lage, bei der Beantwortung derClemenceau-Note im Sommer 1919, den Brester Frieden schematisch nachzuahmenversucht haben. Denn, wie Marx bei Lasalle scharf tadelt: „ ... die dialektische Methode wirdfalsch angewandt. Hegel hat nie die Subsumption einer Masse von „Fällen“ under a generalprinciple (unter ein allgemeines Prinzip) Dialektik genannt.“Die Berücksichtigung aller vorhandenen Tendenzen in der jeweiligen konkreten Lagebedeutet aber keineswegs, daß diese Tendenzen nun mit gleichem Gewicht in dieWaagschale der Entscheidung fallen. Im Gegenteil. Jede Lage hat ein zentrales Problem,von dessen Entscheidung sowohl die der gleichzeitigen anderen Fragen wie dieWeiterentwicklung aller gesellschaftlichen Tendenzen in der Zukunft abhängt. „Man muß esverstehen“, sagt Lenin, „in jedem Augenblick jenes besondere Glied der Kette zu ergreifen,an das man sich mit allen Kräften klammern muß, um die ganze Kette festzuhalten und denfesten Übergang zum nächsten Gliede der Kette vorzubereiten, wobei die Reihenfolge derGlieder, ihre Form, ihre Verkettung, ihr Unterschied voneinander in der historischen Ketteder Ereignisse nicht so einfach und sinnlos sind wie bei einer gewöhnlichen, von einemSchmiede angefertigten Kette.“ Welches Moment des gesellschaftlichen Lebens imgegebenen Augenblick zu einer solchen Bedeutung erwächst, kann sich nur aus dermarxistischen Dialektik, aus der konkreten Analyse der konkreten Lage ergeben. DerLeitfaden, mit dem es gefunden werden kann, ist aber die revolutionäre Betrachtung derGesellschaft, als eines sich im Prozeß befindenden Ganzen. Denn nur diese Beziehung zumGanzen erhebt das jeweilige entscheidende Kettenglied zu dieser Bedeutung: es mußergriffen werden, weil nur auf diese Weise das Ganze ergriffen wird. So hebt Lenin, ebenfallsin einem seiner letzten Aufsätze, wo er von den Genossenschaften spricht und daraufhinweist, daß „vieles davon, was in den Träumen der alten Genossenschaftler phantastischoder selbst übelriechend romantisch war, die nackteste Wirklichkeit geworden“ ist, diesesProblem besonders scharf und konkret hervor. Er sagt: „Eigentlich bleibt uns ‚nur‘ das eineübrig: unsere Bevölkerung so „zivilisiert“ zu machen, daß sie alle Vorteile der persönlichen131
Beteiligung an der Kooperation begreift und zu dieser Beteiligung schreitet. ‚Nur‘ so viel.Keiner anderen Spitzfindigkeiten bedürfen wir jetzt, um zum Sozialismus überzugehen. Aberum dieses ‚Nur‘ zu vollbringen, dazu ist ein ganzer Umschwung, eine ganze Strecke derkulturellen Entwicklung der ganzen Volksmasse notwendig.“ Es ist hier leider nicht möglich,den ganzen Aufsatz ausführlich zu analysieren. Eine solche Analyse – und zwar die einesbeliebigen taktischen Winkes von Lenin – würde zeigen, wie in jedem solchen „Kettengliede“stets das Ganze enthalten ist. Daß das Kriterium der richtigen marxistischen Politik darinliegt, stets jene Momente aus dem Prozesse herauszuheben und die größte Energie auf siezu konzentrieren, welche Momente – im gegebenen Augenblick, in der gegebenen Phase –diese Beziehung zum Ganzen, zum Ganzen der Gegenwart und zum zentralenEntwicklungsproblem der Zukunft, also auch zur Zukunft in ihrer praktisch-ergreifbarenGanzheit in sich bergen. Dieses energische Anfassen des nächsten, des entscheidendenKettengliedes bedeutet also keineswegs, daß nun dieses Moment aus dem Ganzenherausgerissen würde und die anderen Momente seinetwegen vernachlässigt werdensollten. Im Gegenteil. Es bedeutet, daß alle anderen Momente, in Beziehung auf dieseszentrale Problem gebracht, in dieser Beziehung richtig verstanden und gelöst werden. DerZusammenhang aller Probleme miteinander wird durch diese Auffassung nicht gelockert,sondern im Gegenteil intensiver und konkreter gemacht.Diese Momente werden vom Geschichtsprozeß, von der objektiven Entwicklung derProduktionskräfte hervorgebracht. Es hängt aber vom Proletariate ab, ob und wie weit es siezu erkennen, zu ergreifen und dadurch ihre Weiterentwicklung zu beeinflussen imstandesein wird. Der grundlegende, bereits öfter angeführte Satz des Marxismus, daß dieMenschen ihre Geschichte selbst machen, erhält im Zeitalter der Revolution, nach derErgreifung der Staatsmacht eine sich stets steigernde Bedeutung; wenn auch selbstredendseine dialektische Ergänzung durch die Bedeutung der nicht selbstgewählten Umstände zuseinem Wahrbleiben unerläßlich ist. Das bedeutet praktisch, daß die Rolle der Partei in derRevolution – der große Gedanke des jungen Lenin – im Zeitalter des Überganges zumSozialismus noch größer und entscheidender wird, als sie es in der vorbereitenden Epochegewesen ist. Denn je größer der aktive, den Gang der Geschichte bestimmende Einfluß desProletariats wird, je schicksalhafter – im guten wie im schlechten Sinne – dieEntscheidungen des Proletariats für sich und für die ganze Menschheit werden, destowichtiger bleibt es, den einzigen Kompaß auf diesem wilden, sturmbewegten Meer, dasKlassenbewußtsein des Proletariats in reiner Gestalt zu bewahren; diesen Geist, den einzigmöglichen Führer im Kampfe, zu immer wachsender Klarheit heranzubilden. DieseBedeutung der aktiv-geschichtlichen Rolle der Partei des Proletariats ist ein Grundzug derTheorie und deshalb der Politik Lenins, den er nicht müde wird, immer wiederhervorzuheben und seine Bedeutung für die praktischen Entscheidungen zu betonen. Sosagt er am XI. Parteitag der R.K.P., als er die Gegner der staatskapitalistischen Entwicklungbekämpft hat: „Der Staatskapitalismus ist jener Kapitalismus, den zu beschränken, dessenGrenzen festzustellen wir imstande sein werden; dieser Staatskapitalismus ist mit demStaate verbunden, und der Staat, das sind Arbeiter, der vorgeschrittenste Teil der Arbeiter,die Avant-Garde, das sind wir... Und das hängt schon von uns ab, wie dieserStaatskapitalismus sein wird.“Darum ist jeder Wendepunkt in der Entwicklung zum Sozialismus stets und inentscheidender Weise zugleich ein inneres Problem der Partei. Eine Umgruppierung derKräfte, eine Anpassung der Parteiorganisationen an die neue Aufgabe: die Entwicklung der132
Gesellschaft in dem Sinne zu beeinflussen, den die sorgsame und genaue Analyse desGanzen vom Klassenstandpunkt des Proletariats ergibt. Darum steht in der Rangordnungder entscheidenden Mächte im Staate – der wir sind – die Partei auf der allerhöchsten Stufe.Darum ist aber diese Partei selbst da die Revolution nur im Weltmaßstabe siegen kann, dadas Proletariat nur als Weltproletariat sich wirklich zur Klasse konstituiert – als Sektion demhöchsten Organ der proletarischen Revolution, der kommunistischen Internationaleeingeordnet und untergeordnet. Die mechanistische Starrheit des Denkens, die alleOpportunisten und Bürgerlichen kennzeichnet, wird in solchen Verknüpfungen stetsunlösbare Widersprüche sehen. Sie wird nicht verstehen, wieso die Bolschewiki, nachdemsie „zum Kapitalismus zurückgekehrt“ sind, dennoch an der alten Parteistruktur, an der alten„undemokratischen“ Diktatur der Partei festhalten. Sie wird nicht verstehen, wieso diekommunistische Internationale keinen Augenblick auf die Weltrevolution verzichtet, ja sie mitallen ihr zu Gebote stehenden Mitteln vorzubereiten und zu organisieren trachtet, währendder Staat des russischen Proletariats gleichzeitig seinen Frieden mit den imperialistischenMächten; die möglichste Beteiligung des imperialistischen Kapitalismus am wirtschaftlichenAufbau Rußlands zu fördern versucht. Sie wird nicht verstehen, wieso die Partei an ihreminneren strengen Charakter unerbittlich festhält und ihre ideologische und organisatorischeFestigung mit den energischesten Mitteln betreibt, während die Wirtschaftspolitik derRäterepublik ängstlich darüber wacht, daß jenes Bündnis mit den Bauern, dem sie ihrBestehen verdankt, nicht gelockert werde, während die Räterepublik in den Augen derOpportunisten immer mehr zu einem Bauernstaat wird, immer mehr ihren proletarischenCharakter verliert usw. usw. Die mechanische Starrheit des undialektischen Denkensvermag es nicht zu fassen, daß diese Widersprüche objektive, seiende Widersprüche desgegenwärtigen Zeitalters sind; daß die Politik der R.K.P. die Politik Lenins nur insofernwiderspruchsvoll ist, als sie die dialektisch richtigen Antworten auf die objektivenWidersprüche ihres eigenen gesellschaftlichen Seins sucht und findet.So führt uns die Analyse der Politik Lenins stets zu den Grundfragen der dialektischenMethode zurück. Sein ganzes Lebenswerk ist die konsequente Anwendung der MarxschenDialektik auf die ununterbrochen wechselnden, stets Neues hervorbringendenErscheinungen eines ungeheuren Übergangszeitalters. Da aber die Dialektik keine fertigeTheorie ist, die mechanisch auf die Erscheinungen des Lebens angewendet werden könnte,sondern nur in dieser Anwendung, durch diese Anwendung als Theorie existiert, ist diedialektische Methode aus der Praxis Lenins erweiterter, erfüllter und theoretisch entwickelterhervorgegangen, als er sie aus der Erbschaft von Marx und Engels übernommen hat.Es ist deshalb vollkommen berechtigt, vom Leninismus als einer neuen Phase in derEntwicklung der materialistischen Dialektik zu sprechen. Lenin hat nicht nur die Reinheit derMarxschen Lehre nach einer jahrzehntelangen Verflachung und Entstellung, die derVulgärmarxismus zustande gebracht hat, wie konkreter und reifer gemacht. Wenn es abernun zur Aufgabe der Kommunisten wird, auf dem Pfade des Leninismus weiter zu gehen, sokann dieses Weitergehen nur dann fruchtbar werden, wenn sie sich zu Lenin so zu verhaltenversuchen, wie sich Lenin selbst zu Marx verhalten hat, Art und Inhalt dieses Verhaltens sindvon der Entwicklung der Gesellschaft, von den Problemen und Aufgaben, die derGeschichtsprozeß dem Marxismus stellt, sein Gelingen von der Höhe des proletarischenKlassenbewußtseins in der führenden Partei des Proletariats bestimmt. Der Leninismusbedeutet, daß die Theorie des historischen Materialismus den Tageskämpfen desProletariats noch näher gerückt ist, noch praktischer geworden ist, als sie es zu Marx’ Zeiten133
sein konnte. Die Tradition des Leninismus kann also nur darin bestehen, diese lebendigeund lebenspendende, diese wachsende und das Wachstum fördernde Funktion deshistorischen Materialismus unverfälscht und unerstarrt zu bewahren. Darum muß – wirwiederholen – Lenin von den Kommunisten so studiert werden, wie Marx von Lenin studiertwurde. Studiert, um die dialektische Methode handhaben zu lernen. Um zu erlernen: wiedurch die konkrete Analyse der konkreten Lage im Allgemeinen das Besondere und imBesonderen das Allgemeine; im neuen Moment einer Situation das, was es mit dembisherigen Prozeß verbindet und in der Gesetzlichkeit des Geschichtsprozesses das immerwieder entstehende Neue; im Ganzen der Teil und im Teil das Ganze; in der Notwendigkeitder Entwicklung das Moment des aktiven Handelns und in der Tat die Verknüpfung mit derNotwendigkeit des Geschichtsprozesses gefunden werden kann. Der Leninismus bedeuteteine bisher unerreichte Stufe des konkreten, nicht schematischen, nicht mechanischen, reinauf Praxis gerichteten Denkens. Dies zu erhalten ist die Aufgabe der Leninisten. Aber indem Geschichtsprozeß kann sich nur das sich lebendig Entwickelnde erhalten. Und einsolches Erhalten der Tradition des Leninismus bedeutet heute die vornehmste Aufgabeeines jeden, der die dialektische Methode als Waffe im Klassenkampf des Proletariats ernstnimmt.Josef StalinZu den Fragen des LeninismusI. Die Definition des LeninismusIn der Schrift Über die Grundlagen des Leninismus ist die bekannte Definition desLeninismus gegeben, die offenbar Bürgerrecht erworben hat. Sie lautet:„Der Leninismus ist der Marxismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischenRevolution. Genauer: der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischenRevolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats imbesonderen.“Ist diese Definition richtig?Ich glaube, daß sie richtig ist. Sie ist erstens richtig, weil sie richtig auf die historischenWurzeln des Leninismus hinweist, indem sie ihn als den Marxismus der Epoche desImperialismus kennzeichnet, im Gegensatz zu gewissen Kritikern Lenins, die irrtümlichglauben, daß der Leninismus nach dem imperialistischen Kriege entstanden sei. Sie istzweitens richtig, weil sie den internationalen Charakter des Leninismus richtig hervorhebt, imGegensatz zur Sozialdemokratie, die der Ansicht ist, der Leninismus sei nur unter dennationalen russischen Verhältnissen anwendbar. Sie ist drittens richtig, weil sie den134
organischen Zusammenhang des Leninismus mit der Marxschen Lehre richtig hervorhebt,indem sie ihn als den Marxismus der Epoche des Imperialismus kennzeichnet, imGegensatz zu gewissen Kritikern des Leninismus, die diesen nicht für eineWeiterentwicklung des Marxismus halten, sondern nur für eine Wiederherstellung desMarxismus und dessen Anwendung auf die russische Wirklichkeit.Dies alles bedarf wohl keiner besonderen Kommentare.Dennoch gibt es, wie es sich herausstellt, in unserer Partei Leute, die es für nötig halten,den Leninismus etwas anders zu definieren. So meint z.B. Sinowjew:„Der Leninismus ist der Marxismus in der Epoche der imperialistischen Kriege und derWeltrevolution, die unmittelbar in einem Lande begonnen hat, in dem die Bauernschaftüberwiegt.“Was können die von Sinowjew hervorgehobenen Worte bedeuten? Was bedeutet es, wennman in die Definition des Leninismus die Rückständigkeit Rußlands, dessen bäuerlichenCharakter, aufnimmt?Das bedeutet, daß man den Leninismus aus einer internationalen proletarischen Lehre in einProdukt spezifisch russischer Verhältnisse verwandelt.Das bedeutet, daß man Bauer und Kautsky, die die Tauglichkeit des Leninismus für andere,kapitalistisch entwickeltere Länder leugnen, in die Hand arbeitet.Es erübrigt sich zu sagen, daß die Bauernfrage für Rußland größte Bedeutung hat, daßunser Land ein Bauernland ist. Aber welche Bedeutung kann diese Tatsache für dieCharakteristik der Grundlagen des Leninismus haben? Erfolgte etwa die Ausarbeitung desLeninismus nur auf dem Boden Rußlands und nur für Rußland und nicht auf dem Boden desImperialismus und für die imperialistischen Länder überhaupt? Haben etwa Werke Leninswie Der Imperialismus, Staat und Revolution, Die proletarische Revolution und der RenegatKautsky, Die Kinderkrankheit des „Radikalismus“ usw. nur für Rußland Bedeutung und nichtfür alle imperialistischen Länder überhaupt? Ist etwa der Leninismus nicht dieZusammenfassung der Erfahrungen der revolutionären Bewegung ALLER Länder? Sindetwa die Grundlagen der Theorie und Taktik des Leninismus nicht für die proletarischenParteien aller Länder geeignet und obligatorisch? Hatte Lenin etwa nicht recht, als er sagte,„daß sich der Bolschewismus als Vorbild der Taktik FÜR alle eignet“?67 Hatte Lenin etwanicht recht, als er von der „internationalen Bedeutung der Sowjetmacht und der Grundlagender bolschewistischen Theorie und Taktik“68 sprach? Sind etwa z.B. die folgenden WorteLenins nicht richtig:„In Rußland muß sich die Diktatur des Proletariats infolge der sehr großen Rückständigkeitund des kleinbürgerlichen Charakters unseres Landes unvermeidlich durch gewisseBesonderheiten im Vergleich mit den fortgeschrittenen Ländern unterscheiden. Aber dieHauptkräfte - und die Hauptformen der gesellschaftlichen Produktion - sind in Rußland die68 Lenin, Ausgew. Werke, Band 10, S. 55.67 Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXIII, S. 499.135
gleichen wie in jedem beliebigen kapitalistischen Lande, so daß diese Besonderheitenkeineswegs das Allerwichtigste betreffen können.“69Aber, wenn das alles richtig ist, folgt nicht daraus, daß die von Sinowjew gegebeneDefinition des Leninismus nicht als richtig anzusehen ist? Wie ist diese national-beschränkteDefinition des Leninismus mit dem Internationalismus zu vereinbaren?II. Das Wichtigste im LeninismusIn der Schrift Über die Grundlagen des Leninismus heißt es:„Manche glauben, daß das Grundlegende im Leninismus die Bauernfrage sei, daß die Frageder Bauernschaft, ihrer Rolle, ihrer Bedeutung den Ausgangspunkt des Leninismus bilde.Das ist vollkommen unrichtig. Die Hauptfrage im Leninismus, sein Ausgangspunkt ist nichtdie Bauernfrage, sondern die Frage der Diktatur des Proletariats, der Bedingungen ihrerEroberung, der Bedingungen ihrer Festigung. Die Bauernfrage als die Frage nach demVerbündeten des Proletariats in seinem Kampfe um die Macht ist eine abgeleitete Frage.“Ist dieser Leitsatz richtig?Ich glaube, ja. Dieser Leitsatz ergibt sich völlig aus der Definition des Leninismus. In der Tat,wenn der Leninismus die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution ist und dieDiktatur des Proletariats den Hauptinhalt der proletarischen Revolution bildet, so ist es klar,daß das Wichtigste im Leninismus in der Frage der Diktatur des Proletariats besteht, in derAusarbeitung, in der Begründung und der Konkretisierung dieser Frage.Dennoch ist Sinowjew mit diesem Leitsatz offenbar nicht einverstanden. In seinem Artikel:Lenin zum Gedächtnis, sagt er:„Die Frage der Bauernschaft ist, wie ich schon sagte, die Hauptfrage des Bolschewismus,des Leninismus.“Dieser Satz Sinowjews ergibt sich, wie man sieht, gänzlich aus der von ihm aufgestelltenunrichtigen Definition des Leninismus. Deshalb ist er ebenso falsch, wie seine Definition desLeninismus falsch ist.Ist die These, daß die Diktatur des Proletariats der „Wesensinhalt der proletarischenRevolution“ ist70, richtig? Gewiß ist sie richtig. Ist die These, daß der Leninismus die Theorieund Taktik der proletarischen Revolution ist, richtig? Ich glaube, ja. Was folgt aber daraus?70 Lenin, Sämtl. Werke, Bd.XXIII, S.42769 Lenin, Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats, Sämtl. Werke, Bd.XXIV,S.508 russ.136
Daraus folgt, daß die Hauptfrage des Leninismus, sein Ausgangspunkt, sein Fundament dieFrage der Diktatur des Proletariats ist.Ist es etwa nicht richtig, daß die Frage des Imperialismus, die Frage des sprunghaftenCharakters der Entwicklung des Imperialismus, die Frage des Sieges des Sozialismus ineinem Lande, die Frage des Staates des Proletariats, die Frage der Sowjetform diesesStaates, die Frage der Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats, die Fragenach den Wegen des Aufbaus des Sozialismus – daß alle diese Fragen gerade von Leninausgearbeitet wurden? Ist es etwa nicht richtig, daß gerade diese Fragen die Grundlage,das Fundament der Idee der Diktatur des Proletariats bilden? Ist es etwa nicht richtig, daßohne die Ausarbeitung dieser Hauptfragen die Ausarbeitung der Bauernfrage vomStandpunkt der Diktatur des Proletariats undenkbar wäre?Gewiß war Lenin ein Kenner der Bauernfrage. Gewiß hat die Bauernfrage als die Fragenach dem Verbündeten des Proletariats größte Bedeutung für das Proletariat und ist einBestandteil der Hauptfrage, der Frage der Diktatur des Proletariats. Aber ist denn nicht klar:stünde vor dem Leninismus nicht die Hauptfrage, die Frage der Diktatur des Proletariats,dann gäbe es auch nicht die abgeleitete Frage nach dem Verbündeten des Proletariats, dieFrage der Bauernschaft? Ist es etwa nicht klar: stünde vor dem Leninismus nicht diepraktische Frage der Eroberung der Macht durch das Proletariat, dann gäbe es auch keineFrage des Bündnisses mit der Bauernschaft?Lenin wäre nicht der gewaltige proletarische Ideologe, der er zweifellos ist, er wäre eineinfacher „Bauernphilosoph“, als den ihn nicht selten ausländische literarische Spießerdarstellen, wenn er die Bauernfrage nicht auf der Basis der Theorie und Taktik der Diktaturdes Proletariats ausgearbeitet hätte, sondern abseits von dieser Basis, außerhalb dieserBasis.Eins von beiden:entweder ist die Bauernfrage das Wichtigste im Leninismus, und dann ist der Leninismusungeeignet, nicht obligatorisch für die kapitalistisch entwickelten Länder, für die Länder, dienicht Bauernländer sind;oder das Wichtigste im Leninismus ist die Diktatur des Proletariats, und dann ist derLeninismus die internationale Lehre der Proletarier aller Länder, geeignet und obligatorischfür alle Länder ohne Ausnahme, darunter auch für die kapitalistisch entwickelten Länder.Hier gilt es, die Wahl zu treffen.137
III. Die Frage der „permanenten“ RevolutionIn der Schrift Über die Grundlagen des Leninismus wird die „Theorie der permanentenRevolution“ als „Theorie“ der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bewertet. Dortheißt es:„Lenin kämpfte also gegen die Anhänger der ‚permanenten‘ Revolution nicht wegen derFrage der Permanenz, denn Lenin selbst stand auf dem Standpunkt der ununterbrochenenRevolution, sondern weil sie die Rolle der Bauernschaft unterschätzten, die eine gewaltigeReserve des Proletariats bildet.“Diese Charakteristik der russischen „Permanenzler“ galt bis in die letzte Zeit hinein alsallgemein anerkannt. Dennoch kann sie, obwohl im allgemeinen richtig, nicht alserschöpfend betrachtet werden. Die Diskussion von 1924 einerseits und eine sorgfältigeAnalyse der Werke Lenins andererseits zeigten, daß der Fehler der russischen„Permanenzler“ nicht nur in der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bestand,sondern auch in der Unterschätzung der Kräfte und der Fähigkeiten des Proletariats, dieBauernschaft zu führen, im Unglauben an die Idee der Hegemonie des Proletariats.Deshalb habe ich in meiner Broschüre Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischenKommunisten (Dezember 1924) diese Charakteristik erweitert und sie durch eine andere,vollständigere ersetzt. Darüber wird in dieser Broschüre gesagt:„Bisher wurde gewöhnlich eine Seite der Theorie der ‚permanenten Revolution‘ betont – derUnglaube an die revolutionären Möglichkeiten der Bauernbewegung. Jetzt muß, derGerechtigkeit halber, diese Seite durch eine andere Seite ergänzt werden – durch denUnglauben an die Kräfte und Fähigkeiten des Proletariats Rußlands.“Das bedeutet natürlich nicht, daß der Leninismus gegen die Idee der permanentenRevolution, ohne Gänsefüßchen, wie sie von Marx in den vierziger Jahren des vorigenJahrhunderts verkündet wurde, war oder ist. Im Gegenteil. Lenin war der einzige Marxist, derdie Idee der permanenten Revolution richtig verstanden und entwickelt hat. Leninunterscheidet sich in dieser Frage von den „Permanenzlern“ darin, daß die „Permanenzler“die Marxsche Idee der permanenten Revolution entstellten, indem sie sie in eine lebloseBücherweisheit verwandelten, während Lenin sie in ihrer reinen Gestalt nahm und zu einerder Grundlagen seiner Theorie der Revolution machte. Man muß bedenken, daß die Ideedes Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistischeRevolution, wie wie von Lenin bereits im Jahre 1905 entwickelt wurde, eine der Formen derVerkörperung der Marxschen Theorie der permanenten Revolution ist. Darüber schriebLenin bereits im Jahre 1905:138
„Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unsererKraft, der Kraft des klassenbewußten und organisierten Proletariats, den Übergang zursozialistischen Revolution beginnen. Wir sind für die ununterbrochene revolution. Wirwerden nicht auf halben Wege stehenbleiben ...Ohne in Abenteurertum zu verfallen, ohne unserem wissenschaftlichen Gewissen untreu zuwerden, ohne nach billiger Popularität zu haschen, können wir sagen und sagen wir nur daseine: wir werden mit allen Kräften der gesamten Bauernschaft helfen, die demokratischeRevolution zu vollbringen, damit es uns, der Partei des Proletariats, um so leichter möglichsei, möglichst rasch zu einer neuen und höheren Aufgabe, zur sozialistischen Revolution,überzugehen.“71Und sechzehn Jahre später, nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat, schreibtLenin über dieses Thema:„Die Kautsky, Hilferding, Martow, Tschernow, Hillquit, Longuet, MacDonald, Turati undsonstigen Helden des ‚zweieinhalbten‘ Marxismus vermochten nicht, ... dasWechselverhältnis zwischen der bürgerlich-demokratischen und derproletarisch-sozialistischen Revolution zu verstehen. Die erste wächst in die zweite hinüber.Die zweite löst im Vorbeigehen die Frage der ersten. Die zweite verankert das Werk derersten. Der Kampf, und nur der Kampf entscheidet, wie weit es der zweiten gelingt, über dieerste hinauszuwachsen.“72Ich verweise besonders auf das erste Zitat, das dem Artikel Lenins „Die Stellung derSozialdemokratie zur Bauernbewegung“ entnommen ist, der am 1. (14.) September 1905veröffentlicht wurde. Ich betone das zur Kenntnisnahme für diejenigen, die noch immerbehaupten, Lenin sei erst nach dem Ausbruch des imperialistischen Krieges, ungefähr imJahre 1916, zur Idee des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in diesozialistische Revolution, zur Idee der permanenten Revolution gelangt. Dieses Zitat läßtkeinen Zweifel darüber, daß diese Leute in einem tiefen Irrtum befangen sind.IV. Die proletarische Revolution und die Diktatur desProletariatsWorin bestehen die charakteristischen Züge der proletarischen Revolution zum Unterschiedvon der bürgerlichen Revolution?Den Unterschied zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Revolution könnte manin fünf Hauptpunkten zusammenfassen:72 Lenin, Ausgew. Werke, Bd.6, S.514.71 Lenin, Ausgew. Werke, Bd.3, S.138.139
Die bürgerliche Revolution beginnt gewöhnlich, wenn mehr oder weniger fertige Formen derkapitalistischen Ordnung vorhanden sind, die schon vor der offenen Revolution im Schoßeder feudalen Gesellschaft herangewachsen und ausgereift sind, während bei Beginn derproletarischen Revolution fertige Formen des sozialistischen Systems fehlen oder fastfehlen.Die Hauptaufgabe der bürgerlichen Revolution besteht darin, die Macht zu ergreifen und siemit der vorhandenen bürgerlichen Ökonomik in Einklang zu bringen, während dieHauptaufgabe der proletarischen Revolution darin besteht, nach der Machtergreifung eineneue, die sozialistische Ökonomik aufzubauen.Die bürgerliche Revolution wird gewöhnlich mit der Machtergreifung abgeschlossen,während die Machtergreifung in der proletarischen Revolution bloß deren Anfang bildet,wobei die Macht als Hebel für den Umbau der alten Ökonomik und die Organisierung derneuen benutzt wird.Die bügerliche Revolution beschränkt sich darauf, die Herrschaft einer Ausbeutergruppedurch die einer anderen Ausbeutergruppe zu ersetzen, und bedarf deshalb nicht derZertrümmerung der alten Staatsmaschine, während die proletarische Revolution alle undjede Ausbeutergruppen von der Macht verdrängt und den Führer aller Werktätigen undAusgebeuteten, die Klasse der Proletarier, an die Macht bringt, weshalb sie nicht ohne dieZertrümmerung der alten Staatsmaschine und deren Ersetzung durch eine neueauskommen kann.Die bürgerliche Revolution kann die Millionenmassen der Werktätigen und Ausgebeutetennicht für eine einigermaßen lange Periode mit der Bourgeoisie zusammenschließen, undzwar deshalb nicht, weil sie Werktätige und Ausgebeutete sind, während die proletarischeRevolution sie gerade als Werktätige und Ausgebeutete mit dem Proletariat zu einemdauernden Bund vereinigen kann und muß, wenn sie ihre Hauptaufgabe, die Festigung derMacht des Proletariats und die Errichtung der neuen, der sozialistischen Ökonomik, erfüllenwill.Nachstehend einige grundlegende Thesen Lenins darüber:„Einer der Hauptunterschiede“, sagt Lenin, „zwischen der bürgerlichen und dersozialistischen Revolution besteht darin, daß für die bürgerliche Revolution, die aus demFeudalismus hervorwächst, im Schoße der alten Ordnung die neuenWirtschaftsorganisationen allmählich entstehen, die nach und nach alle Seiten der feudalenGesellschaft ändern. Die bürgerliche Revolution stand nur vor EINER Aufgabe: alle Fesselnder früheren Gesellschaft hinwegzufegen, beiseitezuwerfen, zu zerstören. Jede bürgerlicheRevolution, die diese Aufgabe erfüllt, erfüllt alles, was von ihr verlangt wird: sie stärkt dasWachstum des Kapitalismus. In einer ganz anderen Lage befindet sich die sozialistischeRevolution. Je rückständiger das Land ist, das, infolge der Zickzackbewegung derGeschichte, die Revolution beginnen mußte, desto schwieriger ist für dieses Land derÜbergang von den alten kapitalistischen Verhältnissen zu sozialistischen. Hier kommen zuden Aufgaben der Zerstörung neue, unerhört schwierige organisatorische Aufgaben hinzu.“73„Wenn die Schöpferkraft des Volkes“, fährt Lenin fort, „in der russischen Revolution, eineKraft, die die große Erfahrung des Jahres 1905 durchgemacht hat, nicht schon im Februar1917 Sowjets geschaffen hätte, so hätten sie auf keinen Fall vermocht, im Oktober dieMacht zu ergreifen, denn der Erfolg hing lediglich davon ab, ob bereits fertige73 Lenin, Ausgew. Werke, Bd.7, S.288.140
Organisationsformen der Bewegung vorhanden waren, die Millionen umfaßte. Diese fertigeForm waren die Sowjets, und deshalb erwarteten uns auf politischem Gebiet jeneglänzenden Erfolge, jener ununterbrochene Triumphzug, den wir erlebten, denn die neueForm der politischen Macht war da, und wir brauchten nur mit einigen Dekreten dieSowjetmacht aus dem Embryonalzustand, in dem sie sich in den ersten Monaten derRevolution befand, zur gesetzlich anerkannten Form zu machen, die im Russischen Staat –in der Russischen Sowjetrepublik feste Gestalt erhalten hat.“74„Es blieben“, sagt Lenin, „noch zwei ungeheuer schwierige Aufgaben, deren Lösung aufkeinen Fall ein Triumphzug sein konnte, wie ihn unsere Revolution in den ersten Monatenerlebte.“75„Erstens waren das die Aufgaben der inneren Organisation, vor denen jede sozialistischeRevolution steht. Der Unterschied zwischen der sozialistischen und der bürgerlichenRevolution besteht gerade darin, daß die bürgerliche Revolution die fertigen Formen derkapitalistischen Verhältnisse vorfindet, während die Sowjetmacht, die proletarische Macht,diese fertigen Verhältnisse nicht vorfindet, abgesehen von den entwickeltsten Formen desKapitalismus, die im Grunde genommen nur unbedeutende Spitzen der Industrien erfaßt unddie Landwirtschaft erst ganz wenig berührt haben. Die Organisierung derRechnungsführung, die Kontrolle über die Großbetriebe, die Umwandlung des ganzenstaatlichen Wirtschaftsmechanismus in eine einzige große Maschine, in einenWirtschaftsorganismus, der so arbeitet, daß sich hunderte Millionen Menschen von einemeinzigen Plan leiten lassen – das ist die gigantische organisatorische Aufgabe, die unszugefallen ist. Unter den jetzigen Arbeitsbedingungen ist eine Bewältigung dieser Aufgabeim Sturmlaufen, in der Art, wie wir die Aufgaben des Bürgerkrieges zu lösen vermochten, inkeiner Weise möglich.“76„Die zweite ungeheure Schwierigkeit ... ist die internationale Frage. Wenn wir mit denBanden Kerenskis so leicht fertig wurden, wenn wir so leicht eine Staatsmacht bei unsschufen, wenn wir ohne die geringste Mühe das Dekret über die Sozialisierung des Bodens,über die Arbeiterkontrolle bekamen, wenn wir das alles so leicht erzielten, so war das nurmöglich, weil eine günstige Gestaltung der Verhältnisse uns für einen kurzen Augenblick vordem internationalen Imperialismus schützte. Der internationale Imperialismus mit der ganzenMacht seines Kapitals, mit seiner hochorganisierten militärischen Technik, die eine wirklicheMacht, eine wirkliche Festung des internationalen Kapitals darstellt, konnte sich auf keinenFall, unter keinen Umständen mit der Sowjetrepublik vertragen, sowohl infolge seinerobjektiven Lage als auch infolge der ökonomischen Interessen der Kapitalistenklasse, die inihm verkörpert war, er konnte es nicht wegen der Handelsverbindungen, der internationalenFinanzbeziehungen. Hier ist ein Konflikt unvermeidlich. Hier haben wir die größteSchwierigkeit der russischen Revolution, ihr größtes historisches Problem: dieNotwendigkeit, die internationalen Aufgaben zu lösen, die Notwendigkeit, die internationaleRevolution auszulösen.“77Das ist der innere Charakter und der grundlegende Sinn der proletarischen Revolution.77 Ebenda, S.29176 Ebenda, S.289/29075 Ebenda, S.28974 Ebenda, S.288/289141
Kann man eine so radikale Umgestaltung der alten, der bürgerlichen Verhältnisse ohne einegewaltsame Revolution, ohne die Diktatur des Proletariats bewerkstelligen?Es ist klar, daß man das nicht glauben kann. Zu glauben, daß man eine solche Revolutionfriedlich, im Rahmen der bürgerlichen Demokratie, die der Herrschaft der Bourgeoisieangepaßt ist, durchführen kann, bedeutet, entweder den Verstand verloren und die normalenmenschlichen Begriffe eingebüßt zu haben oder sich in grober Weise und offen von derproletarischen Revolution loszusagen.Diese Feststellung muß mit um so größerem Nachdruck und um so größererEntschiedenheit betont werden, als wir es mit einer proletarischen Revolution zu tun haben,die vorläufig in einem Lande gesiegt hat, das von feindlichen kapitalistischen Ländernumgeben ist und dessen Bourgeoisie vom internationalen Kapital unvermeidlich unterstütztwerden wird.Deshalb sagt Lenin, daß „die Befreiung der unterdrückten Klasse nicht nur ohne gewaltsameRevolution unmöglich ist, sondern auch ohne Vernichtung des von der herrschenden Klassegeschaffenen Apparats der Staatsgewalt“.78„‚Möge sich zuerst, bei Aufrechterhaltung des Privateigentums, d.h. bei Aufrechterhaltungder Macht und des Jochs des Kapitals, die Mehrheit der Bevölkerung für die Partei desProletariats aussprechen – dann erst kann und darf sie die Macht übernehmen‘, sagen diekleinbürgerlichen Demokraten, die faktischen Lakaien der Bourgeoisie, die sich ‚Sozialisten‘nennen.“79„Möge zuerst das revolutionäre Proletariat die Bourgeoisie stürzen, das Joch des Kapitalsabschütteln, den bürgerlichen Staatsapparat zerschlagen – dann wird das siegreicheProletariat rasch die Sympathien und die Unterstützung der Mehrheit der werktätigennichtproletarischen Massen für sich gewinnen können, indem es sie auf Kosten derAusbeuter zufriedenstellt‘ – sagen wir.“80„Um die Mehrheit der Bevölkerung für sich zu gewinnen“, führt Lenin weiter aus, „muß dasProletariat erstens die Bourgeoisie stürzen, und die Staatsmacht erobern; es muß zweitensdie Sowjetmacht einführen, indem es den alten Staatsapparat in Trümmer schlägt, wodurches sofort die Herrschaft, die Autorität, den Einfluß der Bourgeoisie und der kleinbürgerlichenPaktierer unter den nichtproletarischen werktätigen Massen untergräbt. Es muß drittens denEinfluß der Bourgeoisie und der kleinbürgerlichen Paktierer unter der Mehrheit dernichtproletarischen werktätigen Massen durch revolutionäre Befriedigung ihrerökonomischen Bedürfnisse auf Kosten der Ausbeuter endgültig vernichten.“81Das sind die charakteristischen Merkmale der proletarischen Revolution.81 Ebenda, S.48680 Ebenda79 Lenin, Ausgew. Werke, Bd.6, S.49378 Lenin, Staat und Revolution, S.4142
Welches sind im Zusammenhang damit die Grundzüge der Diktatur des Proletariats, wennanerkannt wird, daß die Diktatur des Proletariats den Hauptinhalt der proletarischenRevolution bildet?Nachstehend die allgemeinste Definition der Diktatur des Proletariats, wie sie von Leningegeben wurde:„Die Diktatur des Proletariats ist nicht die Beendigung des Klassenkampfes, sondern seineFortführung in neuen Formen. Die Diktatur des Proletariats ist der Klassenkampf desProletariats, das gesiegt und die politische Macht erobert hat, gegen die Bourgeoisie, diezwar besiegt, aber nicht vernichtet, nicht verschwunden ist, nicht aufgehört hat, Widerstandzu leisten, gegen die Bourgeoisie, die ihren Widerstand verstärkt hat.“82Lenin wendet sich gegen die Verwechslung der Diktatur des Proletariats mit der „vomgesamten Volk ausgehenden“, „aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden“, „klassenlosen“Macht und sagt:„Die Klasse, die die politische Herrschaft erobert hat, tut das in dem Bewußtsein, daß sie sieallein übernimmt. Das ist im Begriff der Diktatur des Proletariats enthalten. Dieser Begriff hatnur dann einen Sinn, wenn die Klasse weiß, daß sie allein die politische Macht in die Handnimmt und weder sich selbst noch die anderen durch ein Gerede über die ‚vom gesamtenVolk ausgehende, aus allgemeinen Wahlen hervorgehende, vom ganzen Volk geheiligte‘Macht betrügt.“83Das bedeutet jedoch nicht, daß die Macht einer Klasse, der Klasse der Proletarier, die dieMacht mit anderen Klassen nicht teilt und nicht teilen kann, zur Verwirklichung ihrer Zielenicht der Hilfe, des Bündnisses mit den werktätigen und ausgebeuteten Massen andererKlassen bedarf. Im Gegenteil. Diese Macht, die Macht einer Klasse, kann nur durch einebesondere Form des Bündnisses zwischen der Klasse der Proletarier und den werktätigenMassen der kleinbürgerlichen Klassen, vor allem den werktätigen Massen der Bauernschaft,errichtet und bis zu Ende verwirklicht werden.Was ist das für eine besondere Form des Bündnisses, worin besteht sie? Widersprichtdieses Bündnis mit den werktätigen Massen anderer, nichtproletarischer Klassen nichtüberhaupt der Idee der Diktatur einer Klasse?Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, daß die führende Kraft diesesBündnisses das Proletariat ist. Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, daßder Führer des Staates, der Führer im System der Diktatur des Proletariats eine Partei ist,die Partei des Proletariats, die Partei der Kommunisten, die die Führung mit anderenParteien nicht teilt und nicht teilen kann.Wie man sieht, ist der Widerspruch hier nur ein vermeintlicher, ein scheinbarer.83 Lenin, Sämtl. Werke, Bd.XXVI, S.35482 Lenin, Vorwort zu: Wie das Volk mit den Losungen der Freiheit und Gleichheit betrogen wird, Sämtl.Werke, Bd.XXIV, S.311 russ.143
„Die Diktatur des Proletariats“, sagt Lenin, „ist eine besondere Form des Klassenbündnisseszwischen dem Proletariat, der Avantgarde der Werktätigen, und den zahlreichennichtproletarischen Schichten der Werktätigen (Kleinbürgertum, Kleineigentümer,Bauernschaft, Intelligenz usw.), oder deren Mehrheit, eines Bündnisses gegen das Kapital,eines Bündnisses zum Zwecke des völligen Sturzes des Kapitals, der völligenUnterdrückung des Widerstandes der Bourgeoisie und ihrer Restaurationsversuche, einesBündnisses zum Zwecke der endgültigen Errichtung und Festigung des Sozialismus. Das istein Bündnis besonderer Art, das sich in einer besonderen Situation herausbildet, nämlich inder Situation eines wütenden Bürgerkrieges; das ist ein Bündnis der festen Anhänger desSozialismus mit dessen schwankenden Verbündeten, manchmal mit ‚Neutralen‘ (dann wirddas Bündnis aus einem Kampfabkommen ein Neutralitätsabkommen), ein Bündnis zwischenökonomisch, politisch, sozial, geistig ungleichartigen Klassen.“84In einem seiner Instruktionsreferate sagt Kamenev, gegen diese Auffassung von der Diktaturdes Proletariats polemisierend:„Die Diktatur ist kein Bündnis einer Klasse mit einer anderen.“Ich glaube, daß Kamenev hier vor allem eine Stelle aus meiner Schrift “DieOktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten” im Auge hat, wo es heißt:„Die Diktatur des Proletariats ist keine einfache Regierungsspitze, die von der sorgsamenHand eines ‚erfahrenen Strategen‘ ‚geschickt‘ ‚ausgewählt‘ wurde und sich auf diese oderjene Schichten der Bevölkerung ‚vernünftig stützt‘. Die Diktatur des Proletariats ist einKlassenbündnis des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft zum Sturzedes Kapitals, zum endgültigen Sieg des Sozialismus, unter der Bedingung, daß die führendeKraft in diesem Bündnis das Proletariat ist.“Ich stehe vollständig zu dieser Formulierung der Diktatur des Proletariats, denn ich glaube,daß sie mit der eben angeführten Formulierung Lenins völlig übereinstimmt.Ich behaupte, daß die Erklärung Kamenevs, daß „die Diktatur des Proletariats kein Bündniseiner Klasse mit einer anderen” sei, in dieser vorbehaltlosen Form gegeben, mit derLeninschen Theorie der Diktatur des Proletariats nichts gemein hat.Ich behaupte, daß so nur Leute sprechen können, die den Sinn der Idee desZusammenschlusses, der Idee des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, derIdee der Hegemonie des Proletariats in diesem Bündnis nicht begriffen haben.So können nur Leute sprechen, die die folgende Leninsche These nicht verstanden haben:„Nur eine Verständigung mit der Bauernschaft kann die sozialistische Revolution in Rußlandretten, solange die Revolution in den anderen Ländern nicht eingetreten ist.“8585 Lenin, Sämtl. Werke, Bd.XXVI, S.29484 Lenin, Vorwort zu: Wie das Volk mit den Losungen der Freiheit und Gleichheit betrogen wird, Sämtl.Werke, Bd.XXIV, S.311 russ.144
So können nur Leute sprechen, die den folgenden Leitsatz Lenins nicht begriffen haben:„Das höchste Prinzip der Diktatur ist die Wahrung des Bündnisses des Proletariats mit derBauernschaft, damit das Proletariat die leitende Rolle und die Staatsmacht behauptenkönne.“86Lenin hebt eines der wichtigsten Ziele der Diktatur, die Unterdrückung der Ausbeuter, hervorund sagt:„Der wissenschaftliche Begriff der Diktatur bedeutet nichts anderes als die durch nichtseingeschränkte, durch keinerlei Gesetze, absolut durch keinerlei Regel gehemmte, sichunmittelbar auf die Gewalt stützende Macht“ ... „Die Diktatur bedeutet – nehmt das ein fürallemal zur Kenntnis, ihr Herren Kadetten – die uneingeschränkte, sich auf die Gewalt undnicht auf das Gesetz stützende Macht. Während des Bürgerkrieges kann jede Macht, dieden Sieg errungen hat, nur eine Diktatur sein.“87Aber die Diktatur des Proletariats erschöpft sich natürlich nicht in der Gewalt, obwohl eskeine Diktatur ohne Gewalt gibt.„Die Diktatur“, sagt Lenin, „bedeutet nicht nur Gewalt, obwohl sie ohne Gewalt unmöglich ist,sie bedeutet auch eine Organisation der Arbeit, und zwar eine höhere, als es dievorhergehende war.“88„Die Diktatur des Proletariats ... ist nicht bloß Gewalt gegenüber den Ausbeutern, und sogarnicht einmal hauptsächlich Gewalt. Die ökonomische Grundlage dieser revolutionärenGewalt, die Bürgschaft ihrer Lebensfähigkeit und ihres Erfolges besteht darin, daß dasProletariat einen höheren Typus der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit im Vergleichzum Kapitalismus repräsentiert und verwirklicht. Das ist das Wesentliche. Darin liegt dieQuelle der Kraft und die Bürgschaft für den unausbleiblichen vollen Sieg desKommunismus.“89„Ihr [der Diktatur] Hauptwesen besteht in der Organisation und Disziplinder fortgeschrittensten Abteilung der Werktätigen, ihrer Avantgarde, ihres einzigen Führers,des Proletariats. Sein Ziel ist, den Sozialismus zu schaffen, die Teilung der Gesellschaft inKlassen aufzuheben, alle Mitglieder der Gesellschaft zu Werktätigen zu machen, jeglicherAusbeutung des Menschen durch den Menschen den Boden zu entziehen. Dieses Ziel kannnicht auf einmal verwirklicht werden, es erfordert eine ziemlich lange Übergangsperiode vomKapitalismus zum Sozialismus, einmal deshalb, weil die Neuorganisation der Produktioneine schwierige Sache ist, dann auch deshalb, weil man für radikale Änderungen auf allenGebieten des Lebens Zeit braucht, und schließlich deshalb, weil die gewaltige Macht derGewöhnung an kleinbürgerliches und bürgerliches Wirtschaften nur in langem, beharrlichemKampfe überwunden werden kann. Deshalb spricht auch Marx von einer ganzen Periode derDiktatur des Proletariats als der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zumSozialismus.“9090 Lenin, „Gruß an die ungarischen Arbeiter“, Sämtl. Werke, Bd.XXIV, S.314 russ.89 Lenin, Ausgew. Werke, Bd.9, S.46788 Rede Lenins, „Wie das Volk mit den Losungen der Freiheit und Gleichheit betrogen wird“, Sämtl.Werke, Bd.XXIV, S.305 russ.87 Lenin, Sämtl. Werke, Bd.XXV, S.549 u. 52286 Ebenda, S.568145
Das sind die charakteristischen Züge der Diktatur des Proletariats.Daraus ergeben sich drei grundlegende Seiten der Diktatur des Proletariats:1. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Unterdrückung der Ausbeuter, zurVerteidigung des Landes, zur Festigung der Verbindungen mit den Proletariern deranderen Länder, zur Entfaltung und zum Sieg der Revolution in allen Ländern.2. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur endgültigen Loslösung derwerktätigen und ausgebeuteten Massen von der Bourgeoisie, zur Festigung desBündnisses des Proletariats mit diesen Massen, zur Einbeziehung dieser Massen inden sozialistischen Aufbau, zur staatlichen Leitung dieser Massen durch dasProletariat.3. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Organisierung des Sozialismus, zurAufhebung der Klassen, zum Übergang in eine Gesellschaft ohne Klassen, in eineGesellschaft ohne Staat.Die proletarische Diktatur ist die Vereinigung aller dieser drei Seiten. Keine dieser Seitenkann als das einzige charakteristische Merkmal der Diktatur des Proletariats hingestelltwerden, und umgekehrt, das Fehlen auch nur eines dieser drei Merkmale genügt, damit dieDiktatur des Proletariats angesichts der kapitalistischen Umwelt aufhört, eine Diktatur zusein. Deshalb darf keine dieser drei Seiten ausgeschaltet werden, wenn man nicht Gefahrlaufen will, den Begriff der Diktatur des Proletariats zu entstellen. Nur alle diese drei Seitenzusammengenommen geben uns einen vollständigen und abgeschlossenen Begriff von derDiktatur des Proletariats.Die Diktatur des Proletariats hat ihre Perioden, ihre besonderen Formen, ihreverschiedenartigen Arbeitsmethoden. In der Periode des Bürgerkrieges ist das Merkmal derGewalt in der Diktatur besonders augenfällig. Aber daraus folgt keineswegs, daß in derPeriode des Bürgerkrieges keine Aufbauarbeit geleistet wird. Ohne Aufbauarbeit ist esunmöglich, den Bürgerkrieg zu führen. In der Periode des Aufbaus des Sozialismus istumgekehrt die friedliche, organisatorische, kulturelle Arbeit der Diktatur, die revolutionäreGesetzlichkeit usw. besonders augenfällig. Aber daraus folgt wiederum keineswegs, daß dasMerkmal der Gewalt in der Diktatur während der Periode des Aufbaus wegfällt oderwegfallen kann. Die Organe der Unterdrückung, die Armee und andere Organisationen sindjetzt, in der Zeit des Aufbaus, nicht minder notwendig als in der Zeit des Bürgerkrieges.Ohne das Vorhandensein dieser Organe ist keine einigermaßen gesicherte Aufbauarbeit derDiktatur möglich. Man darf nicht vergessen, daß die Revolution vorläufig nur in EINEMLande gesiegt hat. Man darf nicht vergessen, daß, solange es eine kapitalistische Umweltgibt, auch die Gefahr der Intervention mit allen sich aus dieser Gefahr ergebenden Folgenbestehen wird.146
V. Partei und Arbeiterklasse im System der Diktatur desProletariatsOben sprach ich von der Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihrer historischenUnvermeidlichkeit, vom Standpunkt ihres Klasseninhalts, vom Standpunkt ihres staatlichenCharakters, schließlich vom Standpunkt ihrer destruktiven und konstruktiven Aufgaben, dieim Verlaufe einer ganzen historischen Periode zu erfüllen sind, die als die Periode desÜbergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet wird.Jetzt müssen wir über die Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihres Aufbaus, vomStandpunkt ihres „Mechanismus“, vom Standpunkt der Rolle und Bedeutung jener„Transmissionen“, „Hebel“ und „lenkenden Kraft“ sprechen, die in ihrer Gesamtheit das„System der Diktatur des Proletariats“ ergeben, und mit deren Hilfe die alltägliche Arbeit derDiktatur des Proletariats geleistet wird.Was sind das für „Transmissionen“ oder „Hebel“ im System der Diktatur des Proletariats?Was ist das für eine „lenkende Kraft“? Wozu braucht man sie?Die Hebel oder Transmissionen – das sind jene Massenorganisationen des Proletariats,ohne deren Hilfe die Verwirklichung der Diktatur unmöglich ist.Die lenkende Kraft – das ist die fortgeschrittenste Abteilung des Proletariats, seineAvantgarde, die die grundlegende führende Kraft der Diktatur des Proletariats ist.Diese Transmissionen, diese Hebel und diese lenkende Kraft hat das Proletariat nötig, weiles sich ohne sie in seinem Kampfe um den Sieg in der Lage einer unbewaffneten Armeeangesichts des organisierten und bewaffneten Kapitals erweisen würde. DieseOrganisationen hat das Proletariat nötig, weil es ohne sie in seinem Kampfe für den Sturzder Bourgeoisie, in seinem Kampfe für die Befestigung seiner Macht, in seinem Kampfe fürden Aufbau des Sozialismus unweigerlich eine Niederlage erleiden würde. Diesystematische Hilfe dieser Organisationen und die lenkende Kraft der Avantgarde sindnotwendig, weil ohne diese Bedingungen eine einigermaßen dauernde und feste Diktaturdes Proletariats unmöglich wäre.Was sind das für Organisationen?Es sind dies erstens die Gewerkschaften der Arbeiter mit ihren Verzweigungen in derHauptstadt und in der Provinz in Gestalt einer ganzen Reihe von Produktions-, kulturellen,erzieherischen und anderen Organisationen. Sie vereinigen die Arbeiter aller Berufe. Es sinddies keine Parteiorganisationen. Die Gewerkschaften kann man als die allumfassendeOrganisation der bei uns herrschenden Arbeiterklasse bezeichnen. Sie sind die Schule desKommunismus. Sie stellen aus ihrer Mitte die besten Leute für die leitende Arbeit in allenVerwaltungszweigen. Sie verwirklichen die Verbindung zwischen den fortgeschrittenen undden zurückgebliebenen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse. Sie verbinden dieArbeitermassen mit der Avantgarde der Arbeiterklasse.147
Es sind dies zweitens die Sowjets mit ihren zahlreichen Verzweigungen in der Hauptstadtund in der Provinz in Gestalt administrativer, wirtschaftlicher, militärischer, kultureller undanderer staatlicher Organisationen, zuzüglich einer ungeheuren Anzahl spontanentstandener Massenvereinigungen der Werktätigen, die diese Organisationen umgebenund sie mit der Bevölkerung verbinden. Die Sowjets sind die Massenorganisationen allerWerktätigen in Stadt und Land. Es sind dies keine Parteiorganisationen. Die Sowjets sindder unmittelbare Ausdruck der Diktatur des Proletariats. Durch die Sowjets werden dieverschiedenartigsten Maßnahmen zur Festigung der Diktatur und zum Aufbau desSozialismus durchgeführt. Durch die Sowjets verwirklicht das Proletariat seine staatlicheLeitung der Bauernschaft. Die Sowjets verbinden die Millionenmassen der Werktätigen mitder Avantgarde des Proletariats.Es sind dies drittens die Genossenschaften aller Art mit allen ihren Verzweigungen. Dies isteine Massenorganisation der Werktätigen, keine Parteiorganisation, eine Organisation, diedie Werktätigen vor allem als Konsumenten, und im Laufe der Zeit auch als Produzenten(landwirtschaftliche Genossenschaft) vereinigt. Sie gewinnt besondere Bedeutung nach derFestigung der Diktatur des Proletariats, in der Periode des breit entfalteten Aufbaus. Sieerleichtert die Verbindung der Avantgarde des Proletariats mit den Massen der Bauernschaftund schafft die Möglichkeit, diese Massen in den Strom des sozialistischen Aufbaushineinzuziehen.Es ist dies viertens der Jugendverband. Dies ist eine Massenorganisation der Arbeiter- undBauernjugend, keine Parteiorganisation, sie lehnt sich aber an die Partei an. Ihre Aufgabe istes, der Partei bei der Erziehung der jungen Generation im Geiste des Sozialismus zu helfen.Sie stellt die jungen Reserven für alle übrigen Massenorganisationen des Proletariats inallen Verwaltungszweigen. Der Jugendverband erlangt besondere Bedeutung nach derFestigung der Diktatur des Proletariats, in der Periode der umfassenden Kultur- undErziehungsarbeit des Proletariats.Es ist dies schließlich die Partei des Proletariats, seine Avantgarde. Ihre Kraft besteht darin,daß sie die Besten des Proletariats aus allen seinen Massenorganisationen in sichaufnimmt. Ihre Bestimmung ist es, die Arbeit aller Massenorganisationen des Proletariatsohne Ausnahme zusammenzufassen und deren Tätigkeit auf ein Ziel, auf das Ziel derBefreiung des Proletariats, zu richten. Diese zusammenzufassen und auf ein einheitlichesZiel zu lenken, ist aber absolut notwendig, da sonst die Einheit des Kampfes des Proletariatsunmöglich ist, da sonst die Führung der proletarischen Massen in ihrem Kampfe um dieMacht, in ihrem Kampfe um den Aufbau des Sozialismus unmöglich ist. Aber die Arbeit derMassenorganisationen des Proletariats zusammenzufassen und zu lenken vermag nur dieAvantgarde des Proletariats, seine Partei. Nur die Partei des Proletariats, nur die Partei derKommunisten vermag diese Rolle des Hauptführers im System der Diktatur des Proletariatszu erfüllen.Warum?„Erstens, weil die Partei ein Sammelbecken der besten Elemente der Arbeiterklasse ist, diemit den parteilosen Organisationen des Proletariats unmittelbar verbunden sind und diesesehr oft leiten; zweitens, weil die Partei, als Sammelbecken der Besten der Arbeiterklasse,die beste Schule zur Heranbildung von Führern der Arbeiterklasse ist, die fähig sind, die148
Organisation ihrer Klasse in allen ihren Formen zu leiten; drittens, weil die Partei als diebeste Schule von Führern der Arbeiterklasse, dank ihrer Erfahrung und Autorität, die einzigeOrganisation ist, die fähig ist, die Leitung des Kampfes des Proletariats zu zentralisieren undauf diese Weise alle wie immer gearteten parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse inHilfsorgane und Transmissionsriemen zu verwandeln, die sie mit der Klasse verbinden.“91Die Partei ist die grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats.Die Partei ist die höchste Form des klassenmäßigen Zusammenschlusses des Proletariats.Also: die Gewerkschaften als Massenorganisationen des Proletariats, die die Partei mit derKlasse, vor allem auf dem Gebiete der Produktion verbindet; die Sowjets alsMassenorganisationen der Werktätigen, die die Partei mit diesen, vor allem auf staatlichemGebiete verbindet; die Genossenschaften als Massenorganisationen, hauptsächlich derBauernschaft, die die Partei mit den Bauernmassen, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiete,auf dem Gebiete der Erziehung der Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau, verbindet;der Jugendverband als Massenorganisation der Arbeiter- und Bauernjugend, eineOrganisation, die berufen ist, der Avantgarde des Proletariats die sozialistische Erziehungder neuen Generation und die Heranbildung der jungen Reserven zu erleichtern; undschließlich die Partei als grundlegende führende Kraft im System der Diktatur desProletariats, die berufen ist, alle diese Massenorganisationen zu leiten – das ist imallgemeinen das Bild des „Mechanismus“ der Diktatur, das Bild des „Systems der Diktaturdes Proletariats“.Ohne die Partei als die grundlegende führende Kraft ist eine einigermaßen dauernde undfeste Diktatur des Proletariats unmöglich.Wir haben also, um mit Lenin zu sprechen, „im großen und ganzen einen formalnichtkommunistischen, elastischen und verhältnismäßig umfassenden, überaus mächtigenproletarischen Apparat, durch den die Partei mit der Klasse und der Masse eng verbundenist und durch den unter Führung der Partei die Diktatur der Klasse verwirklicht wird“.92Das bedeutet natürlich nicht, daß die Partei die Gewerkschaften, die Sowjets und dieanderen Massenorganisationen ersetzen kann oder soll. Die Partei verwirklicht die Diktaturdes Proletariats. Aber sie verwirklicht sie nicht unmittelbar, sondern mit Hilfe derGewerkschaften, durch die Sowjets und deren Verzweigungen. Ohne diese„Transmissionen“ würde eine einigermaßen feste Diktatur unmöglich sein.„Die Diktatur läßt sich nicht verwirklichen“, sagt Lenin, „ohne einige ‚Transmissionen‘ von derAvantgarde zur Masse der fortgeschrittenen Klasse und von dieser zur Masse derWerktätigen.“ „... Die Partei saugt sozusagen die Avantgarde des Proletariats in sich auf,und diese Avantgarde verwirklicht die Diktatur des Proletariats. Und ohne ein solchesFundament wie die Gewerkschaften zu besitzen, kann die Diktatur nicht verwirklicht, könnendie staatlichen Funktionen nicht ausgeübt werden. Ausgeübt werden müssen sie mit Hilfe92 Lenin, Ausgew. Werke, Bd.10, S.8291 Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus149