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Porträts in Darmstadt von Wolfram Eder

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Published by mail, 2020-05-12 09:22:34

Gesichter einer Stadt

Porträts in Darmstadt von Wolfram Eder

von Wolfram Eder
GESICHTER EINER STADT
Porträts in Darmstadt
akzent




Wolfram Eder
GESICHTER EINER STADT


© 1997 akzent Verlag Lothar Rößling
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Fotografie: Wolfram Eder, Aschaffenburg
Konzept, Gestaltung und Produktion: Lothar Rößling, Darmstadt Druck und Verarbeitung: Frotscher Druck, Darmstadt
Ein Projekt von akzent design, Wacker-Fabrik e1 Ober-Ramstädter Straße 96, 64367 Mühltal Telefon (06151) 91550, Fax (06151) 915555
ISBN 3-9806032-0-2


Wolfram Eder
GESICHTER EINER STADT
Porträts in Darmstadt
akzent






JEDER MENSCH EIN UNIVERSUM
Bert Hensel Die Darmstädter Porträts des Wolfram Eder: In Zeiten, da die Welt zusammenwächst
Wer oder was sind Darmstädter? In sehr einfacher Zusammenschau
verkürzt sich das bis dato auf zwei Männer – und, numerisch wechselhaft, 136 000 Menschen wechselseitigen Geschlechts. Zunächst: Die beiden Männer. Oder anders: DER Darmstäder, wenn es denn männlich sein muß.
Der ist erst einmal der Lange Ludwig (Darmstädter Volksmund: »Langer Lui«). Ein zum Standbild und Wahrzeichen in Darmstadts Herzensmitte
gefrorener Mensch warmherzigster Art. Der Großherzog liebte Musik, Theater, Kunst, Architektur; entließ seine Darmstädter im Dezember 1820 per Verfassung in die Freiheit (»Ich will ein gebildetes Volk«).
Deshalb setzten sie ihm ein Denkmal.
Der andere, unsterbliche Darmstädter heißt »Datterich«. Ein zum lokal- historischen Nationalhelden erblühter Mensch aus Papier; ein genialischer Schnorrer in Weinlokalen. Sein biedermeierlicher Schöpfer, der Dichter Ernst Elias Niebergall, schaffte, daß sein dialektsprechendes Geschöpf zur ewigen Ursuppe Darmstädter Weltsicht hochbrodelte.
Deshalb wurde er zum Denkmal.
Der »Datterich«, so sagen Darmstädter, sei nach der Bibel das meistzitierte Buch der Welt. Das mag außerhalb von Darmstadts Stadtgrenzen umstritten sein. Unbestritten ist: »Datterichs« Äußerungen, aus Niebergalls trocken- humorigem Hirn, sind allemal interessanter als der Text der Hessischen Gemeindeordnung. Die hätte es ohne den Vorgeborenen »Langen Lui« viel- leicht nie gegeben. Daß der reale Ludewig X (1753 – 1830) die nicht gesetzestreuen Worte seines fiktiven Nachgeborenen »Datterich« amüsanter gefunden hätte, darf getrost behauptet werden.


Also: »Lui« und »Datterich« sind DIE beiden Darmstädter. Die anderen heißen »Heiner«. Warum, mag ewig ein Rätsel bleiben. Daran ändern auch halbgare Deutungen besserwisserischer Zugereister nichts. Die wollen oft nur ihr hundertfünfzigprozentiges Heiner-Prädikat haben, wie Einwanderer von Amerika ihre »green card«.
Da die Frage nach des Heiners und der Heinerinnen Herkunft ungeklärt bleibt, stellt sich die Frage: Wer sind Heinerinnen und Heiner heute, und wie sehen sie aus? Hier kann der Fotograf Wolfram Eder Hilfe geben. Ohne Darmstadt- Tümelei eines krampfhaft um Aufnahme Begehrenden. Weil Eder, wiewohl hier Student gewesen, kein gebürtiger Darmstädter ist, hat der Wahl- Aschaffenburger nicht den neurotischen Drang zu unwiderlegbarer Gültigkeit.
Insgesamt 50 Persönlichkeiten spürte das Sensibel-Auge in jahrelangem Verliebt-Blick zu Menschen auf. Menschen, die in Darmstadt leben.
Bei 136 000 Einwohnern scheint Eders Unterfangen eine Don-Quixoterie. Geteilt durch 50, hätte der Mann 2720 Auswahlmöglichkeiten für jeweils
50 Porträts gehabt. Wolfram Eder beschied sich auf das einzig vernünftige Prinzip: das des Jägers und Sammlers. Immer getreu seinem Motto, wenn er durch die Kamera in eines Menschen Seele sieht: »Da ist keine Trennung zwischen Leben und Foto.« Weshalb Kopfsammler Eder der denkbar humanste Kopfjäger ist: Er zielt immer auf die Existenz dahinter – aber nie nur mit der Foto-Flinte davor. Was sich dazwischen abspielte, mag sich dann im Kopf des Betrachters neu entwickeln. In der Dunkelkammer, beim Erst-Entwickeln, kriegt Eder stets selbstkritische Momente: »Im Labor erkenn’ ich deren Würde und Einzigartigkeit. Aber manchmal merk’ ich auch, daß ich mit


manchen vielleicht etwas grob umgegangen bin.« Was wiederum in Wolframs Maxime gipfelt: »Das Wichtigste sieht man nicht – und das Wichtigste kann man deshalb nicht fotografieren.« Das ist ziemlich weit weg von dem Glücksgefühl, keine Trennung mehr zwischen Leben und Foto in Händen zu halten. Für Meister Eder aber kein Grund, unglücklich zu sein.
Er geht dann einfach nochmal hin, zu den Leuten. Auf der Jagd nach dem gemeinsamen Glück.
Indirekt auf die Pirsch gesetzt hatte ihn sein Darmstädter Freund
Michael Schneider. Für dessen Institut für Neue Technische Form auf der Mathildenhöhe schuf Eder 408 Porträts von Darmstädter Menschen.
Von denen haben 15, manche schon tot, Eingang in dieses Buch gefunden. Die anderen suchte er aufs Neue und nicht nach althergebrachten Auswahl- kriterien. Weshalb es in diesem Buch, zu dem der Eder-Fan Lothar Rößling den Anstoß gab und dessen Entstehung dieser mit seinen Kollegen vom Designbüro »akzent« möglich machte, zugeht wie in einer wohlsortierten Kneipe: Wo der Professor neben dem Straßenkehrer hockt und der Punk mit dem Stadtteilpfarrer quatscht.
Versuche, solche Humanbiotope abzulichten, sind hochgefährlich. Sie drohen, sofort in Sozialkitsch umzukippen. Noch gefährlicher ist es, durch nebeneinander gestellte Einzelporträts ein Wunschgehege sozialer Grenz- überwindung zu beschwören. Nicht bei Eder. Arbeit, so sagt der Volksmund, adele. Folgerichtig holt Eder den Adel aus dem herben Gesicht eines Schlachthofmetzgers. Einem, der durch professionelles Töten zur Ernährung von Menschen beiträgt. Eder holt aber auch die Arbeit aus dem milden Antlitz


einer Prinzessin. Einer, die es adelte, daß sie Menschen in Notzeiten vorm Getötetwerden rettete; nach dem Zweiten Weltkrieg Schwachen und Behinderten zu einem Leben im Neuzeitalter tödlichen Konkurrenzkampfs verhalf.
Wer oder was also sind Darmstädter? Es gibt tausendfach mehr, als in diesem Buch versammelt sind. Doch hier sind auch jene drin, deren Eltern aus Marokko kamen. Deren Tochter in Darmstadt geboren wurde und schon in Schulzeiten die Begrüßungsformel lernte: »Ei, guuhde, heehr!« Was keines- falls vom Studium des Koran daheim, beispielsweise im Watzeviertel, ablenkt.
Das etwas abgegriffene Schlagwort vom »global village«, der Welt als Dorf – kurz vor Jahrtausendwende und voll im Computerverbund Internet – erhält hier seine lokale Antwort. Das Dorf als Welt.
Ein Blick in die Gesichter, neue und altvertraute Gesichter Darmstadts, genügt. Vorausgesetzt, jemand wie Wolfram Eder hat sie fotografiert.
Nicht, um sie preiszugeben; sondern sie zu erhöhen. Zur liebenswürdigen Interpretation des Betrachters.


GABRIELE WOHMANN
»Im Bereich der Kurzgeschichte gibt es im gesamten deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die diese Autorin übertreffen oder ihr auch nur gleichkommen.« MARCEL REICH-RANICKI




FRANCO AMADEI, Gastronom
»Ich komme aus Carrara. Das ist da, wo die Marmorberge sind. Wo dieser Michelangelo immer geklopft hat.«




BERNHARD WEISS, Maler
»Beim Boule sind, genau wie in der Kunst, Begabung, Kreativität und Ausdauer erforderlich. Und beides soll Spaß machen!«




ERNA UND HEINRICH SCHULZ
»Kurz vor Kriegsende wurde das Haus, das vorher hier stand, von Bomben zerstört.
Mein Mann und mein Schwiegervater waren
von Beruf Maurer, und die haben dann in vier Jahren dieses Haus gebaut – jedes Jahr ein Stockwerk drauf. 1950 konnten wir dann unseren Wein- und Spirituosenladen eröffnen.«




BRUNO ERDMANN
»Ich liebe eine Malerei, die nichts weiter sein will als Malerei – keine außerbildlichen Inhalte, keine Geschichten – nur Farben, diese mysteriösen Substanzen, die von ihrer Erdhaftigkeit erlöst werden müssen und die sich verwandeln müssen, zu etwas Spirituellem, Essentiellem: zur Malerei.«




NINA GERHARD
»Das Halbneun-Theater war der Platz,
wo ich musikalisch neue Dinge ausprobiert und mich wirklich wohlgefühlt habe beim Singen. Mein großes Ziel ist, in London zu leben und dort meine Musik zu machen.«




ADAM RADZIEJEWSKI
»Der Mensch gehört zum Menschen.
Es ist viel Kälte zwischen uns, weil wir uns angemessene Zurückhaltung vorschreiben und nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir es in Wahrheit sind.« ALBERT SCHWEITZER




FRANK »KOSSI« KOSLOWSKI, Musiker
»Aus Darmstadt kommen im Moment hochkarätige Musiker jeder Stilrichtung. Ich gehe sogar so weit und behaupte: Darmstadt ist die musikalische Landeshauptstadt Hessens.«




VERA RÖHM, Künstlerin
»Meine Werkgruppen repräsentieren ein Thema und verkörpern eine besondere Absicht, vermutlich ein künstlerisches Credo.«




PIT LUDWIG, Fotograf
»Es wird ein Dekret erlassen, daß, wer sich Schwielen an die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird, daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist, daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird.
Und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion.«
PIT LUDWIGS LEBENSMAXIME AUS BÜCHNERS »LEONCE UND LENA«




WILFRIED »BULLY« SCHÄFER
»Bei mir gibt’s keine kleinen Portionen – das kann ich nicht. Hier im Kopernikus wird halt jeder Heiner satt.«




LILO FINK
»Der nächste Ort war anderthalb Stunden entfernt. Darmstadt. Ich fotografierte eine Dame, eine Art deutsche Diane von Fürstenberg.
Sie ist eine Top-Textilfabrikantin – ihre Firma heißt Tink oder Fink. Das Haus war schön.
Sie war ganz wie eine Geschäftsfrau gekleidet. Sie trug ein Samtkostüm, aus dem überall Taschentücher hervorkamen.
Sie war sehr nett, und die Bilder wurden gut.
ANDY WARHOL, »DAS TAGEBUCH«




RÜDIGER GIESELMANN, Pfarrer
»Die Vermittlung von Literatur und Theologie, das ist mein Thema. William Shakespeare und das Darmstädter Genie Georg Büchner stehen den biblischen Texten viel näher als die vorhandene Kirche, welche die ihr anvertrauten Texte mißbraucht.«




TILMANN »TILI« WENGER
»Die Krone sollte von Anfang an so ’ne Art Kulturzentrum sein – mit Kino, Live-Musik, Disco und Spielen aller Art.
Wir dachten, wir machen das vielleicht fünf Jahre. Inzwischen kommen schon die Kinder der ersten Generation her und das Ganze läuft seit 22 Jahren.«




CHRISTFRIED PRÄGER, Bildhauer
»Dieser Heiner steht vor dem letzten historischen Altstadthaus. Hier versammelten sich früher die sogenannten ›Eckesteher‹.
Und wenn zum Beispiel Merck einen Zug zu entladen hatte, wurde in der Krone – dort gab’s ein Telefon – angerufen, und zehn Heiner hatten wieder für einen Tag Arbeit.«




CHARLOTTE SYLVESTER
»Sie hatte ein ganz großes Herz. Leuten, die mal kein Geld hatten,
hat sie alles aus eigener Tasche bezahlt. Die hat jedem geholfen – da kannst Du nix sagen.« FRANCO, PIZZERIA ALTER FRITZ




GEORG LEHRIAN
»Ich war bei der Druckerei Reinheimer das Mädchen für alles. Hab’ die Papierlieferungen angenommen, den Hof gekehrt, die Maschinen saubergemacht. Nicht nur meiner Firma, auch den Kollegen habe ich gerne gedient.«




WILHELM PHILIPP
»Kein Maler mit Geist und Fähigkeit ist nur Registrator optischer Reize. Ich möchte einen persönlichen Ausdruck finden, mit dem ich das Ursprüngliche, so wie es mir im Objekt erscheint, darstellen kann.
Farben und Formen sind für mich wichtig – das Sehen ist Erleben. Aber ich male einen Apfel nicht deswegen, weil er rund und gelb ist, sondern weil ich darin ein Stück Schöpfung sehe.«




EVA FRANKE-WEISSGÄRBER, Hutmacherin
»Sagen Sie mir doch bitte,
was haben Sie für ein Sternzeichen?«




FRED HILL, Musiker
»I met my wife here in Darmstadt in 1964,
when I first arrived in Germany. When my army time was over, I decided to live here with my lovely family Magdalena, Monika and Caroline.«


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