Fremdenregion Edi Matić
Roman
Belgrad, 22. April
Stefan Džomba schob den Notizblock in seine obere Sakkotasche und zog ihn
sofort wieder heraus. Es war der erste Arbeitstag nach den Osterfeiertagen, die
Straßen waren voll von verkaterten Autofahrern, die zu spät zur Arbeit kamen,
und die Polizeisperrung rund um den Park führte zu noch größeren Stauungen.
Er leckte an der Bleistispitze und schrieb etwas auf, sowie man es aus Filmen
kennt, zum Bespiel von Inspektor Colombo. In der Fernsehserie trug Peter Falk
eine ähnliche Frisur und sein Auto und sein schäbiger Regenmantel schienen
Vorbilder für Stefans Image zu sein. Seine Scheidung und die schlecht bezahlte Ar-
beit hinderten ihn daran, einen besseren Stil zu entwickeln. Und so tröstete er sich
mit den Anti-Helden aus Filmen, die am Ende doch siegten. Diese Siege waren zwar
bescheiden, aber sie reichten, um sein einsames Leben zu be ügeln und sein gele-
gentlich aufflammendes Gefühl der Nutzlosigkeit zu unterdrücken.
Seine Ex hatte ihm gestern eine ihrer Szenen gemacht. Die Nachbarn
hatten ihre Festtagstafeln verlassen und durch die Spione an den Türen gespäht.
Einer hatte sogar die Treppe statt des Aufzuges benutzt, während sie fünfzehn Mi-
nuten lang herumbrüllte und Stefans vernachlässigtes Aussehen, seine Unfähigkeit
und natürlich den nicht bezahlten Unterhalt beklagte. Als würde sie nur von sein-
en lächerlichen 50 Euro leben und als würde sie keinen einzigen Gedanken darauf
verwenden, wie er mit einem Gehalt von 300 Euro in dieser Mietwohnung über-
leben konnte. Als würde ihr neuester Freund ihr keinen Friseurbesuch und keine
kosmetischen Behandlungen ermöglichen. Die inzwischen tatsächlich notwendig
waren. Er hatte sie nur stumm durch die Tür betrachtet, die Falten in ihrem Gesicht
gezählt und sich gefragt, warum zum Teufel er sich noch immer nach ihr sehnen
würde. Nach all dem. Nach ihrem wiederholten geheimnisvollen Verschwinden,
ihrem Wiederauauchen, ihren merkwürdigen Aus ügen mit mysteriösen Freunden,
nach ihrem Zurückkommen mit neuen Kleidern, die ihr gemeinsames Budget deut-
lich überschritten, oder nach jenem Urlaub, den sie angeblich mit ihrer Freundin
verbracht hatte. Als ihr Monolog im Treppenhaus endlich verebbt war, hatte er ihr
das Geld gegeben, die Tür zugeknallt, sich in den Sessel am Fenster geworfen und
sein Glas mit Wodka aufgefüllt.
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Aus den stehenden Autos hörte man Fluchen und ab und zu ertönten Huplaute.
Der Verkehrspolizist blickte unruhig um sich und zuckte hil os mit den Schul-
tern, da er auf Anweisung der zuständigen Stellen wartete, während er mit einer
Hand das gelbe Band mit der Aufschri STOP POLIZEI hielt, das zwischen zwei
Verkehrsschilder gespannt war und leicht im Wind atterte. Stefan winkte ihm mit
seinem schwarzen Notizblock zu und nickte. Die dichte Autokolonne begann end-
lich sich durch die Nebojšina-Straße zu schieben, während die Fahrer neugierige
Blicke in den Karađorđe-Park warfen, an dessen Eingang es von uniformierten
Polizisten wimmelte. Die Polizisten in Zivil, die in Grüppchen zusammenstanden,
kommentierten und diskutierten und machten sich Notizen. Eine Gruppe in Weiß
schleppte einen Körper in einem schwarzen Sack, die Beine voraus, aus dem Park
auf die Straße.
Das Opfer konnte leicht und schnell identi ziert werden: Nemanja Ostojić, ein
Angestellter der Nationalbibliothek Serbiens, die nur hundert Meter vom Ort des
Verbrechens entfernt lag. Der Nachtwächter der Bibliothek, der seine Schicht beendet
hatte und durch den Park nach Hause gehen wollte, hatte ihn gefunden. Ostojić war
kein gewöhnlicher Angestellter der Bibliothek, er war Direktor des Verlagsprogramms,
eine ein ussreiche Persönlichkeit im Kulturleben, „Herr Professor“, so hatte ihn
der Nachtwächter genannt. Nichts an dieser Leiche war an diesem nebeligen und
feuchten, für diese Jahreszeit zu kalten Belgrader Morgen ungewöhnlich, außer der
Tatsache, dass es sich um eine Leiche handelte. Bekleidet mit einem ordentlichen
Anzug, der nur an den Knien von Gras und Schlamm verdreckt war, als hätte ihn
die Kugel, die ihn zwischen Nase und Mund getroffen hatte, in die Knie gezwungen
und als hätte er in dieser Lage ausgeharrt, bis er schließlich seitlich in einen Busch
kippte. Eine leere Plastiktüte raschelte an einem Zweig über seinem blutüberströmten
Kopf und erinnerte an eine weiße Fahne. Hatte diese Tüte etwas mit der Leiche zu
tun, etwa als Zeichen, dass sich der Getötete ergeben oder einen Waffenstillstand
angeboten hatte? Oder handelte es sich doch eher um Großstadtmüll, der auf viel-
en Belgrader Straßen herumlag. Wie auch immer, Stefan notierte es und fertigte
sogar eine kleine Skizze davon an, als würde er den offiziellen Fotos nicht trauen.
Seine Zeichnung ähnelte eher einem Cartoon und verlieh dem ganzen Vorgang eine
komische Note, aber das fand er in Ordnung: Die Zeichnung bedeutete einen
kleinen Lichtstrahl in dieser düsteren Umgebung, in der es nach Tod roch.
- Wir sind hier fertig - die Stimme seines Kollegen, dessen Sakko und Hose sich
bedeutend von seinem unterschieden, überraschte ihn. Es schien, als bestünde die
einzige Sorge des Kollegen darin, wie er den Schlamm von den teuren Schuhen
entfernen und wann er zum Kaffee im Club Maska sein konnte.
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Stefan nickte und zeichnete wieder etwas in sein Notizbuch, dabei murmelte
er vor sich hin, etwas über die fehlenden Details, über die Spuren und Unge-
reimtheiten. Bisher war nichts klar außer der umgehend festgestellten Identität des
Opfers. Seine Geldbörse war genauso wie sein Handy noch nicht gefunden worden.
Der Mann hatte einfach gar nichts, als man ihn fand, was an zwei Optionen den-
ken ließ: entweder war ein nächtlicher Herumstreicher mutig genug gewesen, die
Leiche auszuplündern, oder der Mörder hatte genug Zeit gehabt und fühlte sich
sicher genug, um alles hinter sich aufzuräumen, was wahrscheinlicher erschien.
Stefan wollte das Puzzle zusammensetzen. Sein Bedürfnis nach Adrenalin, das in
der Vergangenheit durch Unklarheiten und fehlende Details angeregt wurde, war
allerdings verschwunden. Vermutlich lag das am Älterwerden. Heute wäre es ihm
am liebsten, wenn der Mörder direkt neben dem Ermordeten sitzen würde, mit
einem unterschriebenen Geständnis und einer genauen Beschreibung der Ereignisse
in der Hand. Dann würde er nur die Papiere an sich nehmen müssen, sich in seinen
Sessel setzen, sich irgendeinen billigen Schnaps einschenken und den Bericht über
den Fall durchblättern.
Das Klüngeln mit den Kollegen interessierte ihn nicht, vor allem mit
denen aus der heutigen Schicht, die sich mit ihm seit dem frühesten Morgen im
Park herumgedrückt hatten, wobei sie ständig in ihre Handys gesprochen und sich
gegenseitig bedeutsame Blicke zugeworfen hatten. Er dachte gar nicht daran, ins
Maska zu gehen, wo sie alle gerade Kaffee tranken und sich über die Arbeitszeiten,
den Regen, den Nebel, ihre Gehälter, den Straßenverkehr beklagten. Jetzt war er
allein, von den paar uniformierten Kollegen abgesehen, er konnte nun noch einmal
in Ruhe über all das, was er gesehen und gehört hatte, nachdenken. Er drehte einen
Fetzen des Briefumschlags in seinen Händen, den man auf dem Körper des Toten
gefunden hatte und der ihm in diesem Moment überhaupt nichts sagte. Er erwartete
nicht allzu viel vom Labor, diesem mächtigen Ort, an dem mit Hilfe von Mikrosko-
pen und Computern aus einem Körnchen weitreichende Schlüsse gezogen wurden,
zumindest in den Fernsehsendungen für Naivlinge. Es war ein gewöhnliches Stück-
chen Papier, und es stellte sich die Frage, von wo es hätte ange ogen kommen kön-
nen zwischen dem Eintritt des Todes und dem Eintreffen der Polizei? Das Stückchen
war vollständig trocken, obwohl der Rasen und die Büsche um den Toten herum
feucht gewesen waren. Er stellte sich vor, wie der Mörder etwas aus einem Umschlag
zog, während Nemanja Ostojić in die Knie ging und darauin zur Seite kippte, wie
er eine abgerissene Ecke des Umschlags fallen ließ, während er ganz ruhig über
dem leblosen Körper stand. So benimmt sich kein gewöhnlicher Gewalttäter oder
rach- und eifersüchtiger Ehemann, und auch kein aggressiver Nachbar, der unter
posttraumatischem Belastungssyndrom leidet.
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Das heißt, es bleibt nur noch ein kaltblütiger Mörder. Bestellt und bezahlt? Oder
jemand, der geduldig auf die Möglichkeit einer langen geplanten Rache gewartet
hatte? Ein verschmähter Geschäspartner, dem Nemanja Ostojić nichts mehr
bedeutete?
Aber welche Art von Partnerschaen hatte dieser Büchermensch schon
schließen können, um dann durch eine Kugel zu sterben, die ihm den halben Kopf
weggeblasen hatte? Stefan erinnerte sich an seinen Nachbarn aus der dritten Etage,
einem Schristeller und Lektor eines mittelmäßigen Verlagshauses. Ein unsympath-
ischer Typ, aber vollständig bedeutungslos. Einen solchen Menschen konnte man im
schlimmsten Fall verprügeln oder man konnte die Fenster seines Golf II einschla-
gen. Das waren die maximale Strafen für Schreiberlinge, die sich Stefan ausmalen
konnte. Hm, und was ist mit Salman Rushdie und der Fatwa gegen ihn? - überlegte
er. - Der wartet schon seit fünfzehn Jahren darauf, dass ihn jemand wegen seiner
Texte umbringt. Wenn jemand, der sich mit Büchern beschäigt, so wie dieser arme
Typ im Karađorđe-Park, umgebracht wird, dann ist es vielleicht naheliegend, sich an
Rushdie zu erinnern und die Gründe doch in seinem Schreiben zu suchen.
(...)
Bukarest/Budapest, 3. März
Das eintönige Rattern entfernte sich rhythmisch und jenseits des Bewusstseins,
der Waggon winselte, und die metallene Konstruktion der Sitze knurrte bei jeder
Unebenheit der Schienen. Temeswar lag unvorstellbar weit vor und Bukarest weit
hinter ihm. Bogdan Ionescu hasste jeden Teil dieser Strecke in gleichem Maße.
Die Versprechungen der Regierung und der Rumänischen Eisenbahn, die Strecke
instand zu setzen und neue Züge anzuschaffen, wurden nur kurz vor den Wahlen
angegangen, indem die alten Lokomotiven einen neuen Anstrich erhielten, die
Fenster geputzt und auf den Bahnhöfen Blumen gep anzt wurden. Die Scheibe in
diesem Abteil ließ die ersten Sonnenstrahlen einwandfrei einfallen, woraus er
schließen konnte, dass die Wahlen kurz vor der Tür standen. Alle vier Jahre glänzten
die Fenster der Waggons. Er gestikulierte in Richtung der leeren Sitzplätze, als würde
er einem nicht vorhandenen Mitreisenden seine Meinung über die politischen
Kandidaten mitteilen wollen, danach schloss er wieder einmal die Augen und lenkte
seine Gedanken auf den Plan. In Temeswar sollte er gegen zwölf Uhr ankommen,
das ließ ihm genug Zeit, um Mittag zu essen und das Kasino im Bahnhof zu be-
suchen - bis er weiter nach Budapest fahren und das Rattern, Winseln und Knurren
sich fortsetzen würde. Er hatte gestern den direkten Schnellzug versäumt, da Raluca
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wieder einmal angefangen hatte zu jammern. Sie motzte immer herum, wenn sie
alleine zu Hause bleiben sollte. Wegen ganz unbedeutender Probleme, an die sie sich
ausgerechnet vor seinen Reisen erinnern musste. Als würden eine Fahrradreparatur,
ein Besuch beim Arzt und ein tropfender Wasserhahn Vorboten des bevorstehenden
Weltunterganges sein. Als würde er diese Probleme leichter lösen können als sie.
Ihm graute vor Klempnern. Sie betrogen ihn jedes Mal, und sie gingen ihm mit ihren
dummen Bemerkungen auf die Nerven, mit denen sie betonten, dass alle Rohre und
Installationen ausgewechselt werden müssten, sie p egten in der Tür zum Badezimmer
zu stehen wie Chirurgen vor einem Operationssaal, sie schüttelten unzufrieden die
Köpfe, verzogen ihre Gesichter und blickten ihn anklagend an. Als hätte er diese
beschissenen Rohre persönlich verlegt. Der beschissene Ceaușescu hat sie verlegt
und seine beschissenen Klempner. Vermutlich genau dieselben Typen, die jetzt in
weißen Kitteln in der Tür seines Badezimmers stehen, ihre Köpfe schütteln und
einen auf unschuldig machen, als wüssten sie nichts über jene Zeiten.
Seit Jahren versprach er Raluca, dass sie die Wohnung wechseln und dieses
unmenschliche Betonmonster verlassen würden. Ganz bestimmt. Sobald er etwas
mehr Geld aureiben würde. Sie würden in das kleine Viertel hinter dem Verteidi-
gungsministerium ziehen, dorthin, wo jetzt neue Villen in grellen Farben protzen,
und daneben jene anderen, nicht renovierten Häuser, die vollständig von Kletter-
p anzen bewachsen sind, wie im Märchen, als würden diese Ranken sie vor dem
Lauf der Zeit bewahren. Dort würde er ihr eine Wohnung kaufen. Hoffentlich
würde sie dann auören zu jammern und zu motzen. Eigentlich war ihr ständiges
Klagen sein größtes Problem. Sie zählte all seine Verfehlungen auf, an die er sich
nicht einmal mehr erinnerte und die nicht von Bedeutung wären, hätte er sich an
sie erinnert, aber für sie waren sie der Beweis seiner Unfähigkeit, seiner fehlen-
den Reife und seiner Unachtsamkeit. Und so ging es immer weiter. Ähnlich dem
Rattern der eisernen Räder auf den Schienen. Er sollte ihr endlich diese Wohnung
kaufen. Das Geld würde kein Problem sein, dieses Mal würde nichts schiefgehen. Es
würde ausreichen für jene schöne Zweizimmerwohnung, die am Ende der Louis-
Pasteur-Straße angeboten wurde und von deren Fenster man vielleicht die Dâmbo-
vița sehen konnte. Den Fluss, an dem er aufgewachsen war, in dem er Schwimmen
gelernt hatte.
Ralucas gestriger Anfall hatte beinahe seine Pläne über den Haufen geworfen.
Zum Glück gab es noch immer diese alte Verbindung nach Temesvar, die etwas
langsamer war, doch er würde nicht zu spät in Budapest ankommen, und dort
würde Roko auf ihn warten. Sie würden dann weiterfahren mit Rokos Auto, ihr
Plan war bestens durchdacht.
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Bogdan Ionescu vertiee sich wieder in seine Gedanken. Mit jedem Meter kam
er jener Welt näher, von der er als junger Mann nur hatte träumen können. Er
fragte sich, ob sein Gehirn immer noch wie das eines durchschnittlichen Rumänen
funktionierte oder ob er etwas europäischer geworden war. Weltmännischer. Er
liebte es, sich als Mann von Welt zu sehen, und hoe, dass er dachte wie jemand,
der im freien Europa groß geworden war. Er schrieb dieses Gefühl weniger dem
rumänischen postrevolutionären Weg zu und auch nicht dem Beitritt zu EU,
sondern er sah es eher als Ergebnis seines persönlichen Engagements und Stre-
bens. Er hatte schon sein ganzes Leben als freier Mensch verbracht. Oder kam ihm
das jetzt nur so vor? Er glaubte, dass er immer schon auf gleicher Wellenlänge mit
den Menschen aus München, Antwerpen oder Barcelona gewesen war. Allerdings
hatte er bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr nicht die geringste Ahnung, wo diese
Städte lagen und wie sie aussahen. Hätte er regelmäßig die Schule besucht, dann hätte
er wohl im Erdkundeunterricht ihre Koordinaten gelernt, denn nicht einmal die
kommunistischen Schulen hatten Ein uss auf die geogra sche Lage der Städte.
Manchmal bedauerte er, dass er nicht länger zur Schule gegangen war. Doch er
war nicht so dumm gewesen, sich den skrupellosen Lügen der damaligen Lehrer
auszusetzen, und bereits in der siebten Klasse verstand er, dass diese Roten Khmer
vom Balkan mehr Ideologie als Wissen vermittelten.
(...)
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
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Große und kleine Diebe
Zum Roman Fremdenregion von Edi Matić
Eine Rezension
von Davor Šišović, Novi List
Wenn wir „Krimi“ sagen, dann denken wir
gewöhnlich an ein Verbrechen, das üblicherweise
am Anfang des Romans begangen wird, und
weiter an einen Ermittler, der dieses Verbrechen
aulärt; je komplexer die diesbezügliche Hand-
lung desto besser.
Wir denken auch an einen Täter, der geschickt
seiner Verfolgung ausweicht, und bei der Lösung
des Falles klärt sich alles auf, wobei häu g einer
der Protagonisten zusätzlich ums Leben kommt.
Dieser Roman von Edi Matić ist auch ein Krimi,
aber nicht ein solcher Krimi.
Drei Diebe, zwei Ermittler und ein Toter sind die Orientierungspunkte in dieser
vielschichtigen und kaleidoskopisch-komplexen Geschichte, in der ein gefährliches
und aufregendes Ereignis dem anderen folgt. Dabei kommt es einem bisweilen so
vor, als ständen sie nicht immer zwingend in einer logischen Abfolge, doch am Ende
ießen sie alle zu einer einzigartigen, zusammenhängenden Handlung zusammen.
Unter anderem auch aufgrund der sehr geschickt angewendeten literarischen Technik,
die unter dem Namen „Tschechows Gewehr“ bekannt ist wenn im ersten Akt ein
Gewehr an der Wand hängt, muss es spätestens im dritten Akt zur Anwendung
kommen, so formulierte es der russische Schristeller.
Edi Matić hat an mehreren Stellen geschickt derartige „Gewehre“ in seinen Roman
eingebaut.
Sympathische Diebe
Die Leser werden die drei Hauptprotagonisten ausgesprochen sympathisch nden.
Es sind drei Diebe, ein Kroate, ein Deutscher und ein Rumäne. Ihre Karrieren sind
nicht besonders glänzend, einige Unternehmungen, durch die sie sich Reichtum
versprochen hatten, sind sang- und klanglos gescheitert, aber sie träumen weiter als
eingeschworene Gemeinscha. Sie verbringen viel Zeit auf Reisen,
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entweder um „strategische Pläne“ zu schmieden oder um den Ort des geplanten
Raubes auszukundschaen, und während dieser Reisen lernen wir die drei sehr gut
kennen, und zwar nicht nur sie selbst, sondern auch die wichtigen Frauen in ihrem
Leben. Der kroatische Dieb stammt von der Adriaküste, aus der Stadt Split, der
deutsche Dieb aus der ehemaligen DDR und der rumänische Dieb aus Bukarest. Alle
drei verbindet, dass sie herangewachsen sind in mehr oder weniger strengen sozial-
istischen Systemen, darüber hinaus haben sie ähnliche private und professionelle
Erfahrungen gemacht.
Diese kleinen, erfolglosen Diebe, die beinahe Robin-Hood-artige Lebensprinzipien
verfolgen, wirken anständig und gutmütig, und durch ihre tollpatschigen Abenteuer
entwickeln sie sich schnell zu Lieblingen der Leser. Wir zittern und ebern gemeinsam
mit ihnen, wir sorgen uns um sie, vor allem dann, als sie in etwas geraten, was sich als
zu groß erweist.
Die gut organisierten Mächte
Mit kleinen Dieben beschäigt sich die Polizei, sie werden von hart gesottenen
Inspektoren verfolgt, ihre Vergehen werden in den Medien breitgetreten, über
vergleichbare Fälle werden unterhaltsame Filme gedreht. Mit den großen Dieben
verhält es sich anders. Jene wirklich bedeutenden Diebe sind keine wendigen
Draufgänger, sie sind diskrete Teile großer und gut organisierter Systeme. Die Medien
wagen nicht, über sie zu schreiben, und selbst die mutigsten Ermittler scheuen sich
davor, sie zu verfolgen. Vielleicht haben sie sogar Angst vor ihnen. Niemand kann sich
vorstellen, um welche Summen es bei ihren Geschäen geht. Und wie lang die Listen
ihrer Opfer sind. Sie sind nicht verbandelt mit den staatlichen, militärischen und
ma ösen Strukturen, nein, die Staaten, Armeen und diverse Ma agruppen arbeit-
en für sie. Eine derartige Organisation der großen, der wirklichen großen Diebe, die
mächtiger sind als alle internationalen Institutionen, wird sich unserem Trio und
den Polizisten, die das Trio verfolgen, plötzlich in den Weg stellen und sie an ihren
Geschäen und ihren Überlistungsspielchen hindern. Wer wird aus dieser gefähr-
lichen Verwicklung mit heiler Haut hervorgehen? Wer wird sich resigniert ergeben?
Und wer wird pro tieren?
In den letzten Kapiteln des Romans wechseln die möglichen Ausgänge mit rasanter
Geschwindigkeit. Wir bangen bei jedem der Wendepunkte, Spannung und Beklem-
mung wachsen ins Unerträgliche.
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Ein meisterha geschriebener Roman
Klassischer Krimi, Krimi noir, Psychologischer riller, politischer riller, unter-
haltsamer Roadroman, mehrere Liebesromane, kulturologischer und gastronomischer
Reisebericht durch zehn europäische Länder - all das ist dieser dynamische und
schnelle, meisterha komponierte Roman, den man buchstäblich in einem Atemzug
liest, selbst dann, wenn die Protagonisten über ihr Liebesleben sinnieren oder sich ge-
genseitig Ratschläge geben, wie man die „Frau fürs Leben“ erobern und halten könne.
Die Episoden mit Action-Elementen und die Dialoge sind häu g humorvoll ge-
halten, besonders dann, wenn sie die interkulturellen Beziehungen offenbaren. Doch
unsere kleinen Diebe halten gelegentlich auch bittere Monologe über die sozialen
Ungerechtigkeiten und die Missstände, die im Zuge der Umgestaltung der gesellscha-
lichen Systeme ihrer Heimatländer entstanden sind. Dabei werden die Situationen der
drei Herkunsländer sehr differenziert behandelt, womit dieser großartige Roman
auch zu einem Wenderoman wird.
Der Roman Fremdenregion ist ein wahrer pageturner: Wenn Sie ihn zur Hand
genommen haben, suchen Sie sich ein stilles Plätzchen, und stellen Sie sicher, dass Sie
einige Stunden von niemandem gestört werden. Stellen Sie ihr Handy ab, machen Sie
es sich bequem und lesen Sie los. Die Leiche taucht schon auf Seite 2 auf.
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
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Edi Matić
wurde 1962 in Split / Kroatien geboren.
Er ist Schristeller, Gra kdesigner,
Video-Künstler und Kulturmanager.
Mit seiner Agentur für Design gestaltete
er zahlreiche Musik-und
Videoproduktionen.
Er ist Initiator und Koproduzent des
Musicals “Sarajevo Circle”, das in vielen
Ländern Europas und in den USA
aufgeführt wurde. Er war maßgeblich
an der Organisation der Präsentation
kroatischer Literatur auf den
Buchmessen in Leipzig, in Frankfurt
Und in Wien beteiligt. Außerdem ist er Gründer des Kulturvereins KURS in Split,
mit dem er in den letzten Jahren über 70 Autoren aus aller Welt in einem
Residenzprogramm beherbergte und auf die literarische Bühne Kroatiens holte.
Er war Gast auf zahlreichen literarischen Festivals in Kroatien, Serbien, Mazedonien,
Österreich und Deutschland und writer in residenz in Graz und in Prishtina/Kosovo.
Als künstlerischer Fotograf stellte er in Wien, Graz, Leipzig und Split aus.
Seine Kurzgeschichten und Gedichte wurden in zahlreichen Literaturzeitschrien
in Kroatien, Serbien, Deutschland, Montenegro, Bulgarien, in der Türkei,
in Bosnien und Herzegowina, Österreich und Mazedonien veröffentlicht.
Seine Erzählung „Zeetza“, veröffentlicht in englischer Sprache in der
Literaturzeitschri „Asymptote“, wurde im September dieses Jahres vom
Literaturfestival in Dublin als „great ction in translation“ bewertet.
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Er hat folgende Bücher publiziert:
„Ovdje fali ženska ruka“ (Hier fehlt die Hand einer Frau. Naklada Ljevak, 2008).
Das unveröffentlichte Manuskript dieses Romans stand auf der short list des
größten kroatischen Wettbewerbs für unveröffentlichte Manuskripte (VBZ nat-
ječaj); der Roman war für den „Kiklop“-Preis der Buchmesse in Pula nominiert
und gelangte auch auf die short list des Literaturpreises von T-Portal.
„Grimalda“ (Naklada Ljevak, 2012). Der Roman Grimalda wurde 2012 mit dem
Preis der Steiermärkischen Bank in Graz ausgezeichnet und ins Deutsche und
Mazedonische übersetzt. Neben der Veröffentlichungen in Österreich (Leykam
Verlag) u. Mazedonien (Goten Publishing) ist der Roman in kroatischer Sprache
auch in Serbien (KR Rašić) veröffentlicht worden.
In diesem Jahr neu: „Regija stranaca“ (Die Fremdenregion. Hena com, 2016)
Auf Deutsch ist von ihm der Titel “Grimalda” erschienen:
Edi Matić: „Grimalda“. Leykam, Graz. 2012. (Aus dem Kroatischen von Blažena
Radas). Die Rechte für eine Taschenbuchausgabe liegen beim Autor.
Kontakt:
Dr. Alida Bremer
Eifelstr. 19 48151 Münster
[email protected]
Tel. 0251 71 73 63
www.alida-bremer.de
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