The words you are searching are inside this book. To get more targeted content, please make full-text search by clicking here.
Discover the best professional documents and content resources in AnyFlip Document Base.
Search
Published by m.mainz, 2018-12-04 02:27:59

Oper Köln - Im weissen Rössl

Oper Köln - Im weissen Rössl

#47

IM
WEISSEN

RÖSSL

Ralph Benatzky



IM WEISSEN RÖSSL 1
CLAUDIA ROHRBACH, MARTIN KOCH

2 IM WEISSEN RÖSSL
MARTIN KOCH, JUTTA MARIA BÖHNERT

IM WEISSEN RÖSSL 3
EVA BUDDE

HOEUP CHOI

4 IM WEISSEN RÖSSL
MILJENKO TURK, TANZENSEMBLE, CHOR DER OPER KÖLN, STATISTERIE DER OPER KÖLN

IM WEISSEN RÖSSL 5
CLAUDIA ROHRBACH, MARTIN KOCH, TANZENSEMBLE

6 IM WEISSEN RÖSSL
MATTHIAS FRIEDRICH, CLAUDIA ROHRBACH

IM WEISSEN RÖSSL 7
NIKOLAAS VON SCHRADER, MARTIN KOCH

8 IM WEISSEN RÖSSL
CLAUDIA ROHRBACH, NIKOLAAS VON SCHRADER

IM WEISSEN RÖSSL 9
MARTIN KOCH, NIKOLAAS VON SCHRADER, MICHAEL SIEMON

10 IM WEISSEN RÖSSL
TANZENSEMBLE, MILJENKO TURK, CHOR DER OPER KÖLN

IM WEISSEN RÖSSL 11

IM WEISSEN
RÖSSL

Singspiel in drei Akten
(frei nach dem Lustspiel von Blumenthal und
Kadelburg) von Hans Müller und Eric Charell

Musik von Ralph Benatzky (1884 – 1957)

Texte der Gesänge von Robert Gilbert
Vier musikalische Einlagen von Bruno Granichstaedten,

Robert Gilbert und Robert Stolz
Bühnenpraktische Rekonstruktion der Originalfassung

von Matthias Grimminger und Henning Hagedorn
unter Mitarbeit von Winfried Fechner

IM WEISSEN RÖSSL 13

MUSIKALISCHE LEITUNG Uwe Theimer
INSZENIERUNG Eike Ecker
BÜHNE Darko Petrovic
KOSTÜME Ulrich Schulz

CHOREOGRAFIE Giorgio Madia
LICHT Nicol Hungsberg
CHOR Rustam Samedov

DRAMATURGIE Tanja Fasching

Uraufführung: 8. November 1930, Großes Schauspielhaus Berlin
Premiere: 9. Dezember 2018, Oper Köln im StaatenHaus

14 IM WEISSEN RÖSSL

HOLDRIOH!

I. AKT

Die stets gut gelaunte Briefträgerin Kathi bringt die Post fürs
»Weiße Rössl« und dessen Gäste.

Die Oberförsterin versucht mittels Flachmann ihrem Ärger über
die Touristen, die unbedacht das Wild aus den Wäldern treiben,
entgegenzuwirken.

Der dreisprachige Reiseführer zeigt seiner Gruppe in 32 Sekunden
die Schönheiten des Landes: das Hotel »Zum weißen Rössl«,
Wolfgangsee, Schafberg, Gaisberg, Ziegenberg und Kalbskogel –
und nach dem Frühstück geht’s weiter nach Ischl zur Sommer­
residenz Seiner Majestät Franz Josef.

Die Gäste wollen gleichzeitig frühstücken, bewundern, sich erholen
und zahlen – Zahlkellner Leopold bleibt gelassen, ermuntert die
Gäste zum Bleiben, doch – sapperment! – Trinkgeld gibt’s keines.

»Rössl«-Wirtin Josepha, seit ihrem Witwenstand gezwungener
Maßen tüchtige Geschäftsfrau, kümmert sich liebevoll um das
Wohlergehen der Gäste und des Personals. Allerdings hat sie schon
fünf Kellner gefeuert, als diese begannen, ihr schöne Kalbsaugen
zu machen, um an das schöne Hotel zu kommen.

Leopold droht das gleiche Schicksal, nachdem er einen äußerst
zweideutigen Menüplan zusammengestellt hat und seine Liebeser­
klärung von Josepha – Pepi – Peperl – Pepitschkerl – schon im Keim
erstickt wird.

Piccolo Gustl, immer bereit, von Leopold die ungeschriebenen
Gesetze der Gastronomie zu erlernen, greift das ein- oder andere
Mal beherzt ein, um eine Eskalation zwischen Wirtin und Zahl­
kellner zu verhindern.

IM WEISSEN RÖSSL 15

Der Dampfer kommt! Die Saison beginnt!

Josepha hofft besonders auf Herrn Rechtsanwalt Dr. Siedler, der
seit Jahren in der Rössl-Suite Nr. 4 absteigt. Die roten Rosen, die
Josepha täglich anonym erhält, sind allerdings nicht von ihm,
sondern von Leopold, der ab sofort allergisch auf den anonymen
Allergiker reagiert.

Dr. Siedler ist nicht mit dem Dampfer angekommen, dafür der
Berliner Trikotagen-Unternehmer Giesecke mit seiner Tochter
Ottilie. Ottilie, die am Wolfgangsee wellnessen will, hat’s nicht
leicht mit ihrem Vater: Der will lieber am Müggelsee Aale essen,
daher ist alles andere per se schlecht und sowieso zu teuer.

Ein Telegramm von Rechtsanwalt Dr. Siedler im Auftrag des
Unternehmens-Erzfeindes Sülzheimer bezüglich des Patentstreites
um die Trikotagen hebt Gieseckes Blutdruck, nicht aber seine
Stimmung. Leopold, erfreut über Gieseckes Wut auf Dr. Siedler,
vermietet ihm die Rössl-Suite Nr. 4.

Ungünstig, dass der Rechtsanwalt doch noch anreist.

Josepha freut sich über Dr. Siedlers Ankunft – der fliegt aber auf
Ottilie, was Leopold wiederum freut. Den Streit um die Rössl-
Suite nützt Leopold, um Ottilie das baubiologische Wellnessresort
schmackhaft zu machen und ihr den Dr. Siedler gleich hinterher­
zuschicken.

II. AKT

Leopold widersetzt sich Josephas Anweisung, das laktosefreie
Schokorössl auf Dr. Siedlers Zimmer zu bringen.

Und so wird Leopold gegangen.

Dem schönen Sigismund Sülzheimer, Verkaufsathlet für die Waren
seines Vaters, fliegen die Damenherzen reihenweise zu, als
Professor Dr. Hinzelmann mitsamt Tochter Klärchen über die

16 IM WEISSEN RÖSSL

Berge getourt kommt. Die Übernachtung der Hinzelmanns in der
Dependance des »Weißen Rössls« ist nur möglich, weil Sigismund
heimlich mit Josepha um den Preis feilscht.

Dr. Hinzelmann geht die Geologie der Berge bewundern, das
schüchterne Klärchen geht mit Sigismund schwimmen. Sigismund
ermuntert sie, mit ihm zu plaudern und erzählt ihr ein Kaffeehaus-
Erlebnis – was Klärchen so wütend macht, dass Sigismund ihr sein
größtes Geheimnis enthüllt …

Giesecke und Dr. Siedler sitzen im Sessellift fest. Der Rechtsanwalt
überzeugt den Unternehmer davon, Sigismund Sülzheimer mit
Ottilie zu verkuppeln und so den Rechtsstreit beizulegen.
Um Ottilie auf den Ehegedanken vorzubereiten, soll Dr. Siedler ihr
nicht mehr von der Seite weichen.

Leopold hat seine Entlassung ausgiebig mit Kollegen begossen.

Jössasna, der Kaiser kommt zum Schützenfest und will im »Weißen
Rössl« absteigen! – Die Freude ist zwar groß, aber wer soll sich um
Euer Gnaden kümmern?

Josepha versucht – Leopold – Poldi – Polderl – zum sofortigen
Dienst-Wiedereintritt zu bewegen. Der stellt allerdings energisch
eine Bedingung: Der Siedler kommt in die Dependance neben
Ottilie, der Kaiser bekommt die Rössl-Suite Nr. 4.

Die berauschte Ansprache Leopolds kann der Kaiser ebenso wenig
verstehen wie das Aufheben um seine Person. Ein falsch verstandener
Blumenstraußwurf des Dr. Siedler bringt Leopold so in Rage, dass
er sich zu einer Beleidigung Josephas hinreißen lässt. Die Rüge der
Gäste zieht eine Liebeserklärung Leopolds an Josepha nach sich.

IM WEISSEN RÖSSL 17

III. AKT

Josephas Herzausschüttung kann der Kaiser zwar nicht nachvoll­
ziehen, aber immerhin nachfühlen. Trotzdem kann man da nix
machen.

Leopold will aufs Bürgermeisteramt und sein Arbeitsbuch holen.
Josepha hingegen will eine Entschuldigung von ihm.

Dr. Hinzelmann schwärmt von der Waldeinsamkeit, Giesecke
versteht solche Verzückung nicht. Er kann nur an sein Geschäft
denken.

Dr. Siedler berichtet von Papa Sülzheimers telegrafischen Glück­
wünschen zur Verlobung seines Sohnes, mit herzlichen Grüßen an
die Braut. Giesecke hat das Verlobungsessen bereits bestellt. Der
vermeintliche Schwiegersohn Sigismund bandelt währenddessen
weiter mit Klärchen an …

Das Arbeitszeugnis, das Leopold Josepha diktiert, wird zur Liebes­
erklärung.

Das Arbeitszeugnis, das Josepha für Leopold schreibt, wird zum
Heiratsantrag.

Klärchen und Sigismund sind ebenso verlobt wie Dr. Siedler und
Ottilie – die Herzen werden also tatsächlich im »Weißen Rössl« am See
verloren!

18 IM WEISSEN RÖSSL

JUTTA MARIA BÖHNERT, MATTHIAS FRIEDRICH

IM WEISSEN RÖSSL 19

MAIKE RASCHKE, MILJENKO TURK

»SCHAUN’S AN DEN
SONNENSCHEIN,
DER LEUCHT’ INS
HERZ HINEIN,
SO WIE DIE LIEBE,
DIE SO WUNDER­
SÜSS UND FEIN!«

Leopold, I. Akt

IM WEISSEN RÖSSL 21

Iris Fink, Roland Knie

ES SOMMERFRISCHELT!

Die Sommerfrische ist – nein: war – zunächst einmal eine typisch
sommerlich leichte, luftige Worterfindung tirolerischen Ur­
sprungs.

Trotzdem hatte sie, ursprünglich, mit Fremdenverkehr (oder
Tourismus, wie man heute sagt) allenfalls am Rande zu tun. Die
Sommerfrische war in ihren Anfängen eine sozusagen einheimische,
also: innertirolische Angelegenheit. Dort, und zwar im Landesteil
südlich des Brenners, taucht dieser Ausdruck zum ersten Mal
gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf. Und zwar taucht er buchstäblich
auf, aus der sommerlichen Dunsthitze des Talkessels von Bozen.
Von dort nämlich flüchtete man – wenn man sich’s leisten konnte –
sommers gern auf das tausend Meter hohe Plateau des Ritten: Zum
Frischen Halten, wie man das nannte. Sprachlich war diese sommer­
liche Gebirgs-Frische, namentlich in Südtirol, zusätzlich inspiriert
durch das italienische refrigerio, das nicht nur Erfrischung, sondern
auch so etwas wie Erleichterung bedeutet. – In diesem Begriff von
Sommerfrische ist also im Grunde schon alles enthalten, was viel
später, im 19. und frühen 20. Jahrhundert, das Sommerfrischlertum
ausmachen sollte. (…)

Im späten 19. bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand die
Sommerfrische in Hochblüte – bis in die frühen Sechzigerjahre, in
denen dann der Automobilismus überhandnimmt und der private
Autobesitz, forciert durch Amerikanisierung, Automobil- und
Erdölindustrie, zur Ideologie gerinnt. Zusammen mit der massiven
Propagierung von Süden, Sonnenbräune und Meeresstrand lässt
das eine touristische Massenbewegung mit Kurzurlauben in Massen­
hotels an den Mittelmeerrändern entstehen, die die klassische
Langzeit-­Sommerfrische mit ihrem wesentlich nicht-automobilen,
stationären Charakter nach und nach bis zur Unkenntlichkeit ausdünnt.

22 IM WEISSEN RÖSSL

Aber während der ungefähr hundert Jahre Sommerfrische war die
sommerliche Sesshaftigkeit, war nicht selten auch das Beharren auf
ein und derselben Sommerfrischen-Destination über Generationen
hinweg beinahe die Norm – und jedenfalls der Wunsch. Das
erzeugte ebenso beharrliche saisonale Parallelstrukturen auf dem
Lande, auch solche kultureller Art. Zu dieser im Allgemeinen
wirklich nachhaltigen, jedenfalls aber langlebigen und alsbald zur
Tradition gewordenen Ferialstruktur gehörte auch, und zwar ganz
wesentlich, eine seelische Komponente – wie schon ehedem im
refrigerio angelegt:

DAS PLANVOLLE, JA AKRIBISCH
ORGANISIERTE AUSBRECHEN AUS DEM

ALLTAG, DAS VERGESSEN ALLES ALL­
TÄGLICHEN BEI GLEICHZEITIGEM

FESTHALTEN AN SÄMTLICHEN
GEWOHNHEITEN UND UTENSILIEN,

sofern man die halt irgendwie, und sei’s in Schrankkoffern, aus der
Stadt »aufs Land« hinaus schaffen konnte. Dazu gehörte anderer­
seits die Offenheit, das Herumflanieren, das Sich-Ergehen auf
ziellosen Wegen (»Promenaden«), das angelegentliche, nicht sehr
tiefgründige Staunen über die Schönheiten der Natur. Dazu passte
die Illusion von der Idylle des gottgegebenen Bauernlebens und die
fixe Idee von der Gesundheit und ihren Ritualen, etwa das von der
physiologischen Notwendigkeit zur lustvollen Beschäftigung
umgedeutete Atemholen (Frische-Luft-Schnappen, prendere il fresco),
dessentwegen man sich stundenlang in den Wald (und zwar nicht
trotz, sondern wegen des Ozons!) begab und die spitzzackigsten
Berge erklomm.

IM WEISSEN RÖSSL 23

DIESE KLASSISCHE SOMMERFRISCHE
IST ALSO – WENN MAN’S UMGEKEHRT,
MIT BÄUERLICHEN AUGEN BETRACHTET

– VÖLLIG ZWECKENTFREMDETES,
SINNENTLEERTES LANDLEBEN.

Sie ist geradezu definiert durch eine Art sinnloser Sinnlichkeit bei
gleichzeitiger Emanzipation aller Sinne von allen Alltäglichkeiten
des städtischen Lebens, inklusive städtischer Enge, Licht- und
Hygienemangel, Gestank, und was den rasch wachsenden Siedlungen
und überhaupt der Arbeitswelt des Industriezeitalters sonst noch
zu eigen war.

Zudem war die Sommerfrische in ihren Anfängen noch kaum kom­
merzialisiert, waren die konsumistischen Dienstleistungsprodukte
wie Fitness, Wellness oder Erlebniswelten und wie die Reklame­
slogans alle heißen, noch lange nicht auf dem Markt, und so konnte
der zweckfreie Müßiggang, konnte das Tucholsky’sche »Seele-
baumeln-lassen« sein schlichtes Wohltun entfalten.

Wir sagten: kaum kommerzialisiert. Und meinen: im Vergleich zur
heutigen Tourismusindustrie.

Die spezifischen Konflikte der Sommerfrische waren nämlich auch
in diesen Frühstadien schon klar erkennbar: Erstens, natürlich, der
psychische Antagonismus zwischen Reisenden und Bereisten, wie
man dieses Paradox gegenseitiger Besichtigung und dabei herzlicher
Missachtung nachmals nannte, und das war auch der konsumistische
Konflikt zwischen Reich und Arm, städtischen Wohlständlern und
bäuerlichen Armutschkerln, der sehr bald, am deutlichsten aber
dann im Elend der Nachkriegszeit nach 1928, ausgesprochen giftige
Blüten trieb.

Und nicht zuletzt war die Sommerfrische auch ein Phänomen der
Klassengesellschaft: Sie war ja praktisch nicht nur auf das entsprechend

24 IM WEISSEN RÖSSL

wohlhabende Bürgertum der Städte beschränkt, sondern auch auf
Bürger mit Urlaubsmöglichkeit oder -anspruch, das heißt: die
Minderheit von Freiberuflern, Beamten oder eben vermögenden
Privatiers; und auch da wiederum vornehmlich auf die Ehefrauen
und Kinder der (selbstverständlich!) männlichen Ernährer: Die
kamen meist nur zwischendurch auf Besuch. Auch daraus ergab
sich ein ganz eigenartiges soziales Bild der Sommerfrische, das
seinerseits nicht wenig zur nachträglichen Verklärung jener weit­
gehend exklusiven Wochen des Landlebens beigetragen hat.
Und, nicht zu vergessen, zu einem ideologischen Phänomen, das
man Sommerfrischen-Konservativismus nennen könnte … (…)

DAS ZIMMERVERMIETEN ALS MASSEN­
PHÄNOMEN UND IN DER FOLGE DIE

ZURICHTUNG GANZER LANDSCHAFTEN
ZU ERHOLUNGS- UND FREIZEITZONEN

– bei gleichzeitiger rasanter Dezimierung der Agrarwirtschaft und
Auslöschung autochthoner Kleinkulturen – beginnt erst mit den
Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, da damals zum ersten Mal
alle Unselbständigen wenigstens zwei Wochen im Jahr gesetzlichen
Urlaubsanspruch haben (unterstützt durch ein zusätzliches
Monatsgehalt) und der gute alte Fremdenverkehr mit seiner noch
älteren Sommerfrische beginnt, zum Freizeitindustriezweig des
Tourismus zu mutieren, einschließlich eines zuvor nie gekannten
Ausmaßes an Reklame, der farbenfrohen Verheißung von Bilder­
buch- und Traumwelten – was, wie schon erwähnt, mit einer weit­
reichenden Zerstörung realer Lebensräume einhergeht.

Ein schlichtes Geschäft war das Auftauchen von städtischen Sommer­
frischlern auf der Suche nach zeitweiligen, möglichst idyllischen
Residenzen aber natürlich von Anfang an, und das Szenarium war
auch von Anfang an nicht frei von Komik: Der junge Hugo von

IM WEISSEN RÖSSL 25

Hofmannsthal beschreibt anno 1896 in seiner Skizze »Das Dorf im
Gebirge« – hinter welchem Titel sich, kaum verschlüsselt, das
touristisch damals noch beinah unschuldige Altaussee verbirgt –
mit welchem Eifer die ab nun so genannten Einheimischen daran
gingen, den sogenannten Fremden und ihren Erbauungs- und Quartier­
bedürfnissen möglichst viel in barer Münze abzuverdienen, und
wie ungelenk, aber begeistert diese »Fremden« ihrerseits versuch­
ten, der ebenfalls erst neuerdings so genannten herrlichen Gegend
(eine ideelle Zwillingsschwester der auf allerlei Kuppen und
Höhen und Zinken sowie eigens errichteten Türmen und Warten
gedeihenden schönen Aussicht) möglichst viel an Gemütserhebung
und Seelenfreude abzugewinnen – per pedes – per bicycle, aber zum
Beispiel auch durch geradezu manisches Tennisspielen, oft über
querfeldein gespannte Netze, wie auch von Hofmannsthal für das
frisch sommerkolonisierte Gebirgsdorf am tintendunklen See
beschrieben. Die durch die rasanten Zeitläufe plötzlich zu Zimmer-
vermietern gewordenen Bauersleute räumten flugs ihre eigenen
Wohnräume und logierten wie ehedem die Knechte in Kammern
und Stadeln. Bei Hofmannsthal steht da der lapidare Satz. »Im Juni
sind die Leute aus der Stadt gekommen und wohnen in allen großen
Stuben.« (…)

Vor allem aber wurde dieses unwiderstehliche Bedürfnis nach
Aufbruch aus der insgesamt unwirtlichen, individuell aber doch
meist komfortablen Urbanität in die unkomfortable, aber scheinbar
unberührte Lieblichkeit alles Ländlichen tief in der Seele genährt
von jenem modernen Paradoxon der Welt-Entfremdung, das bis
zum heutigen Tag fremde Menschen hordenweise auf der Suche
nach Eindrücken und sogenannten Sehenswürdigkeiten durch
ihnen unbekannte Gegenden ziehen lässt, um sich in ihnen zu
fotografieren. (…)

Mitte des 20. Jahrhunderts hat dann der deutsche Schriftsteller
Hans Magnus Enzensberger das, was er das Touristische Paradoxon
nannte, damit pointiert, dass der Massentourist die Idylle suche
und sie augenblicklich zerstöre, indem er sie finde.

»WAS KANN DER
SIGISMUND DAFÜR,
DASS ER SO SCHÖN IST,

WAS KANN DER
SIGISMUND DAFÜR,
DASS MAN IHN LIEBT?
DIE LEUTE TUN, ALS OB
DIE SCHÖNHEIT EIN
VERGEH’N IST, MAN SOLL
DOCH FROH SEIN, DASS ES
SO WAS SCHÖNES GIBT!«

Sigismund, II. Akt

IM WEISSEN RÖSSL 27

Hierher gehört selbstverständlich auch die ganz einfach empirische
Feststellung,

DASS EINEM TOURISTEN NICHTS
DERART ZUWIDER IST WIE ANDERE

TOURISTEN.

Auf diesem Nährboden, sollte man meinen, müsste die kabarettistische
Auseinandersetzung mit schöner Aussicht ohne Einsicht, mit
Schein und Sein und Lüge und Kitsch prächtig gedeihen – tut sie
aber nicht, wenn man vom satirischen Glücksfall des »Weißen
Rössl« einmal absieht, so es über die demonstrativ genießerische
Sommerfrische als Geschäftszweig knapp und treffend heißt:
»Die Landschaft trägt Zinsen.«

Damit sie das tue, bedarf es frei verfügbaren Urlaubs in ausreichender
Menge und dazu eine entsprechende Menge frei verfügbaren
Geldes, auf dass sich der Mensch arbeitsfreie Zeit in hübscher
Umgebung auch wirklich leisten könne. (…)

Praktisch angewandte Sommerfrische bedeutet ja primär kurzfristige
Ortsveränderung, gefolgt von temporärer Sesshaftigkeit. Jedenfalls
für Städter.

Und Sommerfrischler aus dem ländlichen Milieu gab’s ja keine:
Wann je wäre ein Bauer ohne Not auf einen Berggipfel gestiegen
oder gar in einen Badesee gehüpft?

In den Zeiten davor war – für wohlhabende Leute – die Sommer­
wohnung irgendwo am Stadtrand oder in der nächsten Umgebung
die ultimative Sommerfrische, eben das nächstgelegene Luftschnappen.
Als rüstige Pioniere des Darüber-hinaus-Gehens, als der sommer-
frischen Reisefreude, mag man die Wandersleute der Biedermeier­
zeit ansehen, die – meist höhere Beamte mit Urlaubsmöglichkeit
– per »Fußreise« durch die Lande zogen, über Stock und Stein und

28 IM WEISSEN RÖSSL

hinauf in auf die Bergeshöh’n. Manche von ihnen taten das, um
Naturwissenschaft zu treiben, zu botanisieren, das agrarische
Leben zu studieren – vor allem aber, um das urwüchsige, kropfige
»Knollenvolk der Bauern« zu bestaunen und sich von ihm bestaunen
zu lassen. (…)

Die Bahn war zunächst, in ihren privatkapitalistischen Anfängen,
noch luxuriöse Sensation und nur von ganz wenigen als das Massen­
verkehrsmittel der nahen Zukunft erkannt, als extrem effizientes
Vehikel allen Sommerfrischlertums.

Als dann, knapp ein Vierteljahrhundert nach der Semmering-Über­
schienung im Verlauf der Südbahn, 1877 die Bahnstrecke durchs
Salzkammergut eröffnet wurde – als erste der neuen Erschließungs­
linien, die alsbald die Sommerfrischen links und rechts erblühen
ließen – da geschah das zwar zunächst wegen der Salinen an Traun
und Ischl, aber doch auch mit spekulativem Blick auf die vorerst
noch exklusiven Sommerfrischen-Orte, zu denen sich vor allem die
Seeufergemeinden und natürlich das kaiserliche Ischl selber inzwi­
schen ausgewachsen hatten und die moderne Spezies der Sommer­
urlauber magisch anzogen. (…)

Ischl und auch Bad Aussee konnten es in puncto Eisenbahn-Ver­
netzung zwar nicht mit dem mondänen, sich selbst als »Weltkurort«
bezeichnenden Bad Gastein aufnehmen, aber immerhin verkehrten
noch im letzten Friedensjahr, ehe Franz Joseph in Ischl das fatale
Ultimatum unterschrieb, auf der heute eher beschaulichen Salz­
kammergutbahn in jeder Richtung fünf Schnellzüge mit allem
Avec, und schon im Sommer 1888 war eine luxuriöse Schlafwagen­
verbindung (!) von Wien über Ischl nach Bad Aussee eingerichtet
worden – mit dem Effekt, dass die p. t. Sommergäste nun zwar
ausgeschlafen in ihren sommerlichen Residenzen kamen, ihnen
aber jetzt erst recht fad war … nein, fad gewesen wäre, hätte es
eben zu Ischl kein Kurtheater gegeben. Denn:

IM WEISSEN RÖSSL 29

FAD WAR SOMMERGÄSTEN, GANZ OHNE
ANSCHAUUNG IHRER NOBLESSE,
GRUNDSÄTZLICH SCHON IMMER

– und: Je nobler, desto fader, denn gerade die allerfeinsten Leut’
sind ja dazu verurteilt, immer nur die paar ebenso feinen zu treffen
und auf diese Art allerweil dieselben Gesichter zu sehen und
dieselben Geschichten zu hören.
Dass derart große Mengen an Langeweile dringend der Kurzweil
bedurften, und zwar von professionell künstlerischer Qualität, das
hatte sich bald bis in die städtischen Unterhaltungszentren herum­
gesprochen, wo die Schauspieler und Musiker, Sänger, Komödianten
und Kabarettisten mit ihren kargen Saisonverträgen nach einer
Verdienstmöglichkeit in der vertragslosen und noch dazu heißen
Jahreszeit lechzten. Und da begannen sie eben, ihrem Publikum
aufs Land nachzufahren … (…)

DIE SOMMERFRISCHE WAR JA IN
WIRKLICHKEIT, ALSO GEWISSERMASSEN

VON NATUR AUS, ZWAR DURCHAUS
SOMMERLICH UND FRISCH, ABER EBEN
DESWEGEN WEDER ROMANTISCH NOCH
IDYLLISCH NOCH AUCH NUR NATURNAH.

Erst das selbstbetrügerische Schäferspiel der Stadtmenschen ließ
die oft genug prekären Bauernexistenzen im Hintergrund sichtbar
werden – dort, wo auch die Umkleidegarderoben sind: Die Land­
leute warfen sich ihrerseits in Kostüm und Maske, um die dümmlichen
Erwartungen ahnungsloser Stadtfräcke (»Der Kunde hat immer
recht!«) oder auch arroganter Sommervillenfinanciers zu erfüllen.

30 IM WEISSEN RÖSSL

Das Geschäft mit der eigenen Illusion lockte. Man begann fieber­
haft, das generelle Als-Ob, den allumfassenden Kitsch zuerst zur
bezwingenden Szenerie und dann zu Geld zu machen.

(…) Die Sommerfrische verschaffte dem geneigten Publikum ja
nicht zuletzt die Genugtuung, dass alle Annehmlichkeiten des
Daseins in allen ihren Erscheinungsformen käuflich waren wie man
selber, aber inklusive jeder dazu passenden Gegend, je nach Ge­
schmack lieblich oder eindrucksvoll, bei Bedarf auch majestätisch,
samt im Preis inbegriffenen dienstbaren Geistern (im »Weißen
Rössl« prostituieren diese sich geradezu). (…)

Der Reality Soap Sommerfrische fehlte es freilich noch ein wenig an
seriöser Dekoration. Nicht zuletzt deshalb, weil ländliche Idyllen
in aller Regel für durchschnittlich unbegabte Stadtleute nicht so
ohne weiteres benützbar sind.

Also beeilte man sich, die Einkommensquelle Sommerfrische, um sie
bühnenwirklichkeitsreif zu machen, auch den hochgespannten
Erwartungen entsprechend herzurichten: Das, was von alters her
die Umgebung ausmachte (und was nicht allzu offensichtlich für
land- oder forstwirtschaftliche Nutzung vonnöten war), musste
domestiziert, einladend gemacht werden;

GANZE LANDSTRICHE, GANZE PASSAGEN
WAREN MIT GELÄNDERN UND
PROMENADEN, WEGERLN UND

BANKERLN GEMÜTLICH EINZURICHTEN,

Berge wollten mit markierten Pfaden, Seebäder mit Nichtschwimmer­
bereichen versehen sein. Schöne Aussichten waren tunlichst mit
Konsumationszwang zu kombinieren, zumindest aber zu kenn­
zeichnen. Das alles geschah für die dazumal noch ausdrücklich
sogenannten Fremden – und ausführendes Organ waren die Ver­-
s­chönerungsvereine.

IM WEISSEN RÖSSL 31

Das Wort Tourismus (…) bezeichnete anno Sommerfrische noch eine
kleine, eher belächelte Fremdensekte, nämlich die tatsächlichen
Berggeher, die, die eben wirklich Touren unternahmen – oder
wenigstens den andern gegenüber so taten … Die Zahl der Witz­
figuren aus dieser meist urig kostümierten Natursuchergilde ist
Legion (»Die größte Tortur ist / der Tourist / der auf einer Tour ist
/ und in einer Tour isst.«)

Das wichtigste bei der Sommerfrische als Wille und Selbstdarstellung
ist die möglichst weitgehende Ausblendung der Realität und aller
dazugehörigen individuellen Empfindungen. Es geht um frei­
schwebendes, schwärmerisches Schwarmgefühl, um die herden­
weise Zerstreuung, nicht um eine Bündelung der Sinne. (…)

Der Sommerfrischler flieht ja, um auch noch in die Seelentiefen der
Sommerfrische wenigstens ein bisschen hineinzutauchen, nicht nur
vor der Hitze und Unwirtlichkeit der (großen) Stadt, sondern auch
vor sich selbst, seinen Ängsten und Fesselungen, vor gesellschaftli­
chen Konventionen und Alltäglichkeiten. Er lässt sie nicht bloß
zurück – er flieht sie. Er flieht in eine Utopie, ein hübsch dekoriertes
Nirgendwo an der frischen Luft voller Aussichten auf schöne Aus-
sicht, voll von sportivem Gehabe und Flirt, Mehlspeis und Tanz.
Egal wo, aber bevorzugt doch an Ufern, Stränden und Berges­
füßen: Denn Sommerfrische heißt ja auch lustvolles Grenzgehen in
leichtherziger Billigphilosophie, heißt dann und wann auch
charmantes Risiko samt jener Prise Selbstherrlichkeit, die man sich
anderswo nie und nimmer leisten könnte. Als Nichtsommerfrischler
wäre man sich peinlich!

Deshalb leistet man sie sich ja, die Sommerfrische: Man ist nicht
direkt ein anderer, aber ein bisschen anders ist man schon, jeden­
falls als die andern. Und: Man spielt, was zu spielen einem das
übrige Jahr über bestenfalls im Geheimen erlaubt ist. (…)

»Es sommerfrischelt!« gekürzt entnommen aus: Iris Fink, Roland Knie: »Überlandpartie! Kabarett
auf Sommerfrische«, Wien, Köln, Weimar 2018. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung
der Autoren Dr. Iris Fink und Roland Knie. 

32 IM WEISSEN RÖSSL
ALEXANDER FEDIN, MATTHIAS FRIEDRICH

IM WEISSEN RÖSSL 33
JUTTA MARIA BÖHNERT, MICHAEL SIEMON

34 IM WEISSEN RÖSSL

KITSCH!

(…) Wer sich, wie augenzwinkernd auch immer, zu den Schönheiten
des Kitsches bekennt, hat einen Weg gefunden, das zu genießen,
was die radikale Moderne und die politische Aufklärung ihm
verweigern wollten. (…) Nachdem der anspruchsvolle Geschmack
jahrzehntelang in Geiselhaft der Avantgarde gewesen war und sich
permanent verunsichern, provozieren und hinterfragen lassen
musste, entdeckt er nun die unverblümte Lust am Kitsch, ohne
ästhetische Doppelbödigkeit und ideologischen Vorbehalt. In der
Nobilitierung des Kitsches, in der Adorierung des Gartenzwerges,
in der Anbetung der Glühlampen-Madonna gelangt, um mit Her­
mann Broch zu sprechen, dem Kitsch-Menschen der Triumph über
den Asketen der Kunst. Das radikal Böse hat gesiegt – und siehe:
alles ist gut.

Konrad Paul Liessmann

In jedem Menschen steckt Kitsch, weil Kitsch der einfachste Weg
zur Versöhnung mit den Lebensumständen zu sein scheint.
Und warum soll man nicht den einfachsten Weg einschlagen?

Burghart Schmidt

Gefühle? Ja aber gerade über dieselben will diese Zivilisation doch
obsiegen. Ein Dogma, eine Ideologie, ein Ideal, eine Nation, ein
Plan, überhaupt alles, was sich zu Papier bringen, in Statistiken
darstellen, in Beichtspiegeln auflisten lässt, das nimmt der Abend­
länder ernst, blutig ernst. Aber ein Gefühl? Igitt …

Bertram Karl Steiner

IM WEISSEN RÖSSL 35

Wer wirklich glaubt, dass die Leute wirklich an das Operettenglück
glauben, versteht nichts von Kitsch. Und wer glaubt, dass die Leute
an die Operettentragik nicht glauben – versteht nichts von Kunst.
Auf dem einfachsten Zusammensein von Glück und Tragik beruht
die Überlegenheit des Kitsches über die Kunst und der Operette
über die sonstigen Kunstformen.

Nur wer den Kitsch liebt, versteht das Leben. Wie die Operette
sich das Leben vorstellt, so ist es. Das Leben ist Fortsetzung der
Operette mit anderen Mitteln, die die gleichen sind, nur ärger. –
Nicht der Kitsch übertrifft das Leben; das Leben übertrifft den
Kitsch.

Warum ist die Operette viel realistischer als Reality-TV? Dem
Reality-TV fehlt das Operettenschmalz. Operettenschmalz ist im
wirklichen Leben immer vorhanden, sei’s in homöopathischer
Dosierung. Es kann aber auch beliebig reichlich vorhanden sein,
es ist nicht gesundheitsschädlich. Operettenschmalz ist die einzige
Fettart, die kein Cholesterin enthält.

Günther Nenning

36 IM WEISSEN RÖSSL

Die Operette wird, glaube ich, als Kunstgattung
noch lange sich behaupten, denn sie befriedigt
einen Wunsch, der tief im Menschenherzen einge­
wurzelt ist, nämlich den Wunsch, das Leben als
leichtes Spiel genommen zu sehen, dessen Ver­
wicklungen nur da sind, um sich in Musik und
Wohlgefallen aufzulösen. Immer siegen in der
Operette die Liebe, der Witz, die Schönheit – wer
wollte solchen Sieg nicht gern als Zuschauer ge­
rührt und belustigt mitfeiern? Welche neuen
Formen die Operette annehmen wird? Jene, die
ihr der Geist der Zeit diktieren wird. Aber das
hat sie ja mit jeder Art von Kunst, man kann sogar
sagen: mit dem Leben überhaupt, gemein.

Fritzi Massary

IM WEISSEN RÖSSL 37

Die Operette als Gattung ist gültig und wird immer
gültig bleiben. Jedes Kunstgenre erfährt nicht nur
im Laufe der Zeiten Modifikationen, sondern es
erlebt auch Blütezeiten und Zeiten des Niederganges.

Ich habe an dem Genre Operette weiß Gott mehr
herumexperimentiert wie manch andere, denn ich
perhorresziere nichts so in der Kunst wie das
bourgeoise Gewohnheitsmäßige. (…) Drei Akte,
zwölf Bilder, englisches Melodram, Volksstück,
Lustspiel mit Musik, Singspiel, Bluette, Spieloper
und wie die Varianten alle heißen mögen. (…)

In uns allen ist eine große, ewige Sehnsucht, die
Sehnsucht nach der Melodie. Und da sich die
Oper der Erfüllung dieser Sehnsucht immer ent­
schiedener entgegenstellt, so wird die Operette
diese musikalische Sehnsucht erfüllen müssen.
Da scheint mir, wenn er notwendig ist, der neue
Weg zu liegen.

Ralph Benatzky

»DIE GANZE
WELT IST
HIMMELBLAU,
WENN ICH
IN DEINE AUGEN
SCHAU!«

XXXX

Dr. Siedler & Ottilie, I. Akt

IM WEISSEN RÖSSL 39

Dirk Böttger

DIE OPERETTE – CHARMANTE
TOCHTER DER OPER

Die Verurteilung der Operette bündelt eine ganze Reihe von
ästhetischen und moralischen Vorurteilen: sie biete lediglich billiges
Amüsement, oberflächlichen Klamauk, triviale Handlungen,
frivole Situationen, blutleere Typen, Sentimentalität statt Leiden­
schaft, Seitensprung statt Treuegelöbnis, Ehebruch statt Liebes­
bekenntnis, Kitsch statt Kunst – und seichte Musik. In all dem liegt
ein Körnchen Wahrheit, aber pauschal genommen sind sie nach­
weislich falsch. Denn der Seitensprung, so sehr er auch gewollt
wird, scheitert meistens, Liebe und Treue werden überreich ge­
schworen und weit mehr gehalten als gebrochen, Leidenschaft gibt
es ohne Ende und wenigstens in den besten Werken der Gattung
haben die Typen auch Charakter. Sicher:

DIE OPERETTE IST MUSIKALISCHES
THEATER VON LEBENSFROHER, LEBENS­

BEJAHENDER, LACHENDER, FRÖH­
LICHER, LUSTVOLLER, BESCHWINGTER,

FRIVOLER, SINNLICHER UND
GENIESSENDER ART,

sie ist walzerselig und champagnertrunken – »Freunde, das Leben
ist lebenswert!« beginnt das berühmte Tenorlied aus Lehárs
»Giuditta«, und das kann wie ein Motto für die ganze Gattung
gelten. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, die andere zeigt

40 IM WEISSEN RÖSSL

SCHWERMUT UND MELANCHOLIE,
BITTERE SÜSSE UND UNERFÜLLTE
SEHNSUCHT, BANGES TRÄUMEN UND

SCHMERZLICHES ERWACHEN,
ENTSAGUNG UND TRENNUNG,

Dekadenz und Morbidität, Verzicht und Verlust, Untergangsstim­
mung und Todesmüdigkeit. Oft hat die scheinbare heile Welt Risse
und Brüche, nicht jedes (wieder)gewonnene Glück garantiert
Dauerhaftigkeit über das Finale hinaus, und die Ahnung um die
Vergänglichkeit gerade des Schönen im Leben nistet im Bewusst­
sein der Beteiligten. »Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu
ändern ist« heißt es in der »Fledermaus« ebenso voller Resignation
wie voller trotzigem Überlebenswillen.

Die Operette ist also eine durchaus reale Angelegenheit, was schon
die Wahl ihrer Stoffe und Schauplätze zeigt. Im Gegensatz zur Oper
greift sie nur in ihren Anfängen auf die Mythologie zurück wie bei
Offenbachs »Orpheus« und »Helena« oder bei Suppés »Galathee«;
Geschichte ist kaum mehr als bloße Staffage ohne dramaturgische
Notwendigkeit wie im »Zigeunerbaron« von Strauß, beim »Bettelstu­
denten« von Millöcker oder bei Falls »Madame Pompadour«. Der Ort
als globaler Schauplatz hat insofern größeres Gewicht, als er das
gesellschaftliche Ambiente der Bühnenhandlung abgibt, oft verbun­
den mit einer »Glücklichen Reise«. So genießt man das Pariser Leben
wie das Wiener Blut, verbringt eine Nacht in Venedig oder eine
Saison in Salzburg, vergnügt sich auf dem Opernball oder auf dem
Ball im Savoy, feiert eine ungarische Hochzeit oder ein Feuerwerk,
reist an den Wolfgangsee oder in den Schwarzwald, nach Ungarn,
Polen oder Hawaii, besucht Orpheus in der Unterwelt, Lisa im Land
des Lächelns und Frau Luna auf dem Mond und schließt Bekannt­
schaft mit Damen und Herren von Stand: mit der Gräfin Mariza, der
Csárdásfürstin und der Zirkusprinzessin sowie mit dem Grafen von
Luxemburg, dem Zigeunerbaron und dem Zarewitsch. (…)

»ES MUSS WAS WUNDERBARES SEIN,
VON DIR GELIEBT ZU WERDEN,

DENN MEINE LIEBE DIE IST DEIN,
SO LANG’ ICH LEB’ AUF ERDEN.
ICH KANN NICHTS SCHÖNERES
MIR DENKEN,

ALS DIR MEIN HERZ ZU SCHENKEN,
WENN DU MIR DEINS DAFÜR GIBST

UND MIR SAGST,
DASS AUCH DU MICH LIEBST!«

XXXX

Leopold, I. Akt

»IM SALZKAMMERGUT,
DA KA MER GUT LUSTIG SEIN,
JA HIER SAN MER IMMER SO,

HOLDRIOH!
ABER A WEIN MUSS DABEI SEIN,

DANN ERST IST DIE GEGEND
DOPPELT SCHÖN.
I HAB A’N RAUSCH,

DU HAST A’N RAUSCH,
UND SO WERD’N WIR UNS

VERSTEH’N!«

Josepha, II. Akt

IM WEISSEN RÖSSL 43

AUS DEN TAGEBÜCHERN VON
RALPH BENATZKY

27. JULI 1930
Ich mache doch, obzwar ich zuerst große Hemmungen dagegen hatte,
die neue Charell-Produktion das Weiße Rössl mit Hans Müller.
Da Charell alles um sich verheerend okkupiert, erklärt sich die lange
Pause der Eintragungen in diesem Buch von selbst.

9. AUGUST 1930
Immer ist es so: An der lapidaren Kürze der Eintragungen und an
den Pausen zwischen ihnen kann man herrlich die Zeiten konstatieren,
in denen ich in tiefer Arbeit stecke. Zur Zeit ist es das »Weiße
Rössl«, zu dem mir so viel einfällt wie schon lange nicht. Und nur,
wenn ich das Buch da in der Lade liegen sehe, ergreift mich Reue
und beißen mich Gewissensflöhe, und dann kritzel ich rasch was
herein und tue damit so als ob. Und wieder fliegt die Lade zu und
das Tagebuch schlummert bis zum nächsten Gewissensflohbiß!

17. SEPTEMBER 1930
Die erste Probe bei Charell mit »Weißes Rössl«, ich müßte mit
»Cocktail« anfangen, es will sich mir so gar nicht. Ich habe noch
immer die ersten Takte nicht gefunden, und das ist meine ewige
Krankheit: Bevor ich mich hinsetzte! Seit drei Monaten laufe ich
nun schwanger mit diesem Stück, ohne den Mut zum Anfang zu
finden! Und die Zeit drängt. Es ist böse, diese Angst, es deprimiert
und ist schlimmer wie hundert Geburtswehen! Wie ich den ersten
Takt aber habe, geht es, dann ist die Scheu wie weggeblasen und es
»flitzt«: Aber bis dahin! Vielleicht kann ich’s morgen!

30. SEPTEMBER 1930
Die Situation in Deutschland ist schwierig durch den Sieg der National­
sozialisten, ein Sieg, der mir viel weniger sonderbar und überra­
schend schein, als man allgemein hört. Ist doch nach meinem Dafür­
halten der Nationalsozialist in seiner blonden, goj-schen Präpotenz,
Großschnauzigkeit, arroganter Halbbildung, die auf Schlagworte

44 IM WEISSEN RÖSSL

fliegt und von ihrer Bedeutung durchdrungen ist, so vielprozentig
der Typus der Piefkischen Mehrheit, daß mir das Tendieren dorthin
eher eine naturgemäße Entwicklung der wahren, zum Durchbruch
kommenden Nationaleigenschaften, ein sich allmähliges Annähern
der deutschen Idealform erscheinen will, als wie die große Überra­
schung. Diese Nazis nun gravitieren nach rechts, ohne sich eigent­
lich klar zu sein, wie weit nach rechts, ob bis zur Wiedereinsetzung
der Hohenzollern oder nur zur Schaffung eines Diktators aus ihren
Reihen. Wahrscheinlich werden sie, zur Regierung gelangt, 75 %
ihrer Forschheit abstreifen und Kompromisse schließen, wie es die
Sozialdemokraten taten und auch die Kommunisten in Russland
tun. Nur die Übergänge, bis sie ans Ruder kommen, werden kosten.
Und da scheint mir die Gefahr zu liegen. Weswegen ich vorsichts­
halber noch für 3000 Dollar Mark verkaufte. Es wird mit dem
Steuergeld so irrsinnig leichtsinnig und dumm gewirtschaftet, es
wird soviel unterschlagen, vergeudet, bestochen, daß es wirklich auf
mein Tröpflein, das ich mit soviel Mühe, Aufopferung, Selbstver­
leugnung, Demütigung verdiene, nicht mehr ankommt.

24. OKTOBER 1930
Papa ist heute verschieden. Um 7 h kam die Depesche. Ich war gerade
so berauscht und glücklich über mein neues Lied von »Duschenka«.

9. NOVEMBER 1930
Wieder eine Premiere vorbei, die vom »Weißen Rössl« im Großen
Schauspielhaus. Ich habe so das Gefühl, es war meine letzte
dort. Zu berichten wird über die Kritiken sein, die sich nach den
Montagsblättern nicht sehr günstig anlassen. – So Wurst! – Meine
künstlerische Position wird eine schlechte Presse nicht erschüttern,
eine gute nicht fördern, und ich bleibe der, von der Presse nicht im
entferntesten seiner wahren Begabung nach anerkannte,
Ralph Benatzky, so oder so. Also nur: Mittel zum Zweck. Mittel =
Komponieren, Zweck = ein auskömmliches Bürgerleben.
Wir sprechen jetzt öfter, Kirschili und ich, davon, uns ein Bauern­
häuschen zu kaufen und in der Czechei von den Resten des Bankgut­
habens bescheiden aber frei zu leben. Ob wir’s aushielten?
Ich denke mir, ich würde endlich meine Romane schreiben, vielleicht
auch meine »Geschichte des Cabarets«.

IM WEISSEN RÖSSL 45
MARTIN KOCH, MATTHIAS FRIEDRICH

46 IM WEISSEN RÖSSL

IM WEISSEN RÖSSL 47

48 IM WEISSEN RÖSSL

Stefan Frey

»BEI UNS, DA IST’S RICHTIG,
IN DER STADT IST’S VERKEHRT.«

»Im weißen Rößl« als ironische Utopie vom
richtigen Leben im verkehrten

GLÜCK VOR DER TÜR UND HOLZ VOR DER HÜTT'N

Im weißen Rößl am Wolfgangsee
Da steht das Glück vor der Tür
Und ruft dir zu: »Guten Morgen!
Tritt ein – und vergiss deine Sorgen.«

Diese Operette hält, was sie verspricht: die leibhaftige Begegnung
mit dem Glück. Wer hier eintritt, ist aller Sorgen ledig.

Das war schon bei der Uraufführung so. Am 8. November 1930
hatte sich Berlins größtes Theater in ein Hotel verwandelt. Das
Große Schauspielhaus begrüßte sein Publikum mit einer »entzückend
alpenländischen Hausfassade«. Die Zeitungen schwärmten von
»kostümierten Logenschließerinnen« im Dirndl. Nur der Vorwärts
spottete: »Man jodelt schon vor der Garderobe«. Denn »schon die
Theaterdiener und die Platzanweiserinnen spielten in ihrer Trachten
Gebirge. Eine Vollillusion des Salzkammerguts. Die Bühne dehnte
sich mit alpinen Wandbildern und plastischen Dorfstraßen in den
Zuschauerraum hinein. Das überfüllte Haus schwelgte im »Farben­
taumel« – und konnte der Kuhmagd Zenzi nur zustimmen:

So schön wie in Wolfgang ist’s nirgends auf der Erd’.
Bei uns, da ist’s richtig, in der Stadt ist’s verkehrt.

Und daran ließ die Inszenierung im Großen Schauspielhaus keinen
Zweifel. »Im weißen Rößl« war schon damals mehr als eine Operette
oder ein Singspiel, wie es offiziell hieß – nämlich die ironische
Utopie vom richtigen Leben im verkehrten.


Click to View FlipBook Version