Medaillen - Reliefs
en miniature
RealismusGalerie
©2022 Künstlersonderbund in Deutschland 1990 - Realismus der Gegenwart e.V.
2
RealismusGalerie
Wilmsstraße 2 10961 Berlin
05.02. - 11.03.2022
Künstlersonderbund in Deutschland 1990 -
Realismus der Gegenwart e.V.
in Zusammenarbeit mit der
Deutsche Gesellschaft für Medaillenkunst e. V.
3
4
Medaillen - Reliefs en Miniature 9
13
Nina Koch 18
Vorstand Künstlersonderbund in Deutschland 1990 -
Realismus der Gegenwart e.V.
Hand Große Kunst
Dr. Dietrich Klose
Ltg. Sammlungsdirektor a.D. / Staatliche Münzsammlung München
Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Medaillenkunst
Kunstvoll erhaben
Nina Koch
Ausstellende Künstler und Künstlerinnen 25 - 185
Fördermitgliedschaft Künstlersonderbund 187
Ausstellungen RealismusGalerie 188
Impressum 191
5
Maria Valentina Ammann 25
Eva Backofen 28
Marie-Luise Bauernschmidt 32
Jens Bergner 39
Karin Bohrmann-Roth 45
Karin Dammers 48
Marianne Dietz 52
Reinhard Eiber 58
Burghild Eichheim 63
Ubbo Enninga 66
Marco Flierl 68
Andreas Nikolaus Franz 72
Adelheid Fuss 74
Lucia Maria Hardegen 79
Sabine Hoppe 82
Günter Kaden 87
Agathe Kill 92
Nina Koch 96
Karoline Koeppel 103
6
Martin Konietschke 107
Bernhard Kucken 112
Eberhard Linke 119
Tom Ludwig 123
Charlotte Pannicke 127
Katrin Pannicke 130
Sebastian Paul 135
Christine Reinckens 141
Marica Rizzato Naressi 145
Martin Roedel 149
Ralf Scherfose 155
Dirk Schmitt 159
Franziska Schwarzbach 163
Boris Schwencke 168
Eberhard Szejstecki 172
Carsten Theumer 178
7
8
Medaillen - Reliefs en minature
ist eine Ausstellung des „Künstlersonderbund in Deutschland –
Realismus der Gegenwart e.V.“ in Zusammenarbeit mit der „Deutschen
Gesellschaft für Medaillenkunst e.V.“ (DGMK).
Beide Vereine verbindet in dem Metier des Reliefs figuratives und
gegenständliches.
Das einige Künstler und Künstlerinnen Mitglieder in beiden Vereinen
sind, verdeutlicht dies. Beide Vereine haben eine für Ihren Verein
geschaffene Medaille, sie sehen befinden sich auf der Einladung zu
dieser Ausstellung.
Die Medaille, die der Bildhauer Bernd Goebel zum 25-jährigen
Bestehen der DGMK gestaltet hat erinnert mich ein wenig auch an das
Logo des Künstlersonderbundes. Auf beiden Motiven kämpft eine
männliche Figur. Auf der Medaille der DGMK hält sie die großen Zahlen
2 und 5 zusammen. Ohne seine Aktivität würden die Zahlen
auseinanderbrechen. Bernd Göbel zeigt, worum es geht: ohne
Engagement gibt es kein sinnvolles Wirken, oder um es mit Erich
Kästner zu sagen: Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.“ Dazu
braucht es Energie. Auch die vor Kraft strotzende männliche Figur auf
dem Logo des Künstlersonderbundes kämpft. Er scheint sich aus lauter
Verstrickungen befreien zu müssen.
Umgeben ist er von dem Schriftzug: Est Modus in Rebus, - es ist ein
Maß in den Dingen und:
Sodalitas, Artificum, Naturam Effingentium.
9
Das von Johannes Grützke entworfenen Logo zeigt auch das
Verbindende beider Verein: im künstlerischen Tätigsein gilt es immer
auch das gestalterische Maß zu beachten, die Proportion, Aufteilung,
Akzentuierung usw..
Unser ehemaliger Vorsitzender Fritz Peter Hoppe bat mich 2000 eine
Medaille für den Künstlersonderbund zu entwerfen. Sie sollte dem Zweck
dienen Personen zu ehren, die sich um den Verein besonders verdient
gemacht haben. Meines Wissens nach ist sie bisher nur zweimal
vergeben worden. Anlässlich seine 75sten Geburtstages wurde die erste
Medaille an den Maler und Gründer des Künstlerbundes, Prof. Manfred
Bluth verliehen.
Eine weitere ging, meines Wissens nach, an Prof. Helmut Börsch-Supan,
in dieser Ausstellung auch bildhaft auf einer Medaille von Marianne Dietz
zu sehen. Der äußerst sparsame Gebrauch der Medaille für Ehrungen
lässt sich mit den hohen Gusskosten erklären. Fritz Peter Hoppe schrieb
damals in seiner Ankündigung:
„Der Künstlersonderbund in Deutschland will in der Zukunft
Persönlichkeiten für ihre Verdienste um die Kunst würdigen. Sichtbarer
Ausdruck ist eine Medaille, die auf der Vorderseite als Schutzpatron der
Künstler den Florentiner Maler Fra Angelico (1399 - 1455) zeigt (… ). Die
Zunft der Bildhauer ist in der plastischen Darstellung verwirklicht.“
Als Motiv für die Medaille habe ich den Mönch und Maler Fra Angelico
gewählt. Er gilt unter Künstlern als „Schutzheiliger der Maler“. In seiner
Person als Mönch finde ich auch die Zurückgezogenheit des Künstlers
während seiner Arbeit.
Fra Angelico zeichnet den Engel der Verkündigung. Der Engel steht hier
für die Beseeltheit in der Kunst und bezieht sich auf den Engel der
Verkündigung, eine der wohl bekanntesten Darstellungen von Fra
Angelicos.
10
Über das Motiv mag sich manch‘ einer wundern, passt es zum
„Realismus der Gegenwart“? Im übertragenen Sinne und auch
realistisch betrachtet wirkt keine Kunst ohne Beseeltheit. Gerade in der
Zeit der Corona-Pandemie und der selbstauferlegten oder verordneten
Selbstisolierung sind viele von uns sehr produktiv. Doch sie brauchen
Schutz und Unterstützung, um weiter arbeiten zu können.
Künstlergemeinschaften übrigens auch. Unsere Engel heute sind
wahrscheinlich diejenigen, die unsere Kunst kaufen und uns fördern.
Also lassen sie sich Flügel wachsen.
Doch im Ernst: es freut mich gerade aufgrund der Gemeinsamkeiten
beider Vereine, dass diese Ausstellung hier in der RealismusGalerie zu
sehen ist. Wenn sie dem Austausch unter Künstlern und Künstlerinnen,
Sammlern und Sammlerinnen, und allen kunstbegeisterten Besuchern
dient, oder einfach nur bereichert durch die Betrachtung, haben beide
Vereine erneut ihr Ziel erreicht: die Kunst zum Menschen zu bringen.
Es gibt eben nichts Gutes, außer: Man tut es.
Nina Koch
11
12
Hand Große Kunst
so heißt die große Retrospektive auf die deutsche Medaillenkunst der
Jahre 2007 bis 2020, das letzte Projekt meiner aktiven Dienstzeit als
Direktor der Staatlichen Münzsammlung München. Diese Ausstellung
wird nun auch im Bode-Museum in Berlin gezeigt, in Verbindung mit der
Ausstellung „Medaillen – Relief en miniature“ in der RealismusGalerie
wird Berlin damit jetzt zum „Mekka“ der Liebhaber der Medaillenkunst.
Die moderne Medaillenkunst ist mehr oder weniger Gegenwart, ist heute
im Hier und Jetzt. Die zunehmende Auflösung von immer mehr Regeln
und Konventionen lässt die Schöpfungen der modernen Medaillenkunst
immer vielfältiger und unvorhersehbarer werden. Schon längst muss
eine Medaille nicht mehr rund (bestenfalls oval) und flach sein – es gibt
kaum noch Grenzen für die Form, die Thematik, die künstlerische
Gestaltung, die Techniken und selbst für das Material.
Wohl noch mehr als bei anderen Bereichen der Gegenwartskunst kann
man im Bereich der Medaille alles finden: von gegenständlich bis völlig
abstrakt, von klassischen zu gänzlich aufgelösten Formen, von
bekannten Ausprägungen der Erinnerungskultur bis hin zu vollkommen
neuen Ideen oder zu reinem Formenspiel. Individuelle Vorlieben und
Themen der Künstler(innen), Besonderheiten, Techniken und Themen
zeichnen sich ab.
Mit der Frage „Was ist überhaupt eine Medaille?“ hat sich wohl jede(r),
die (der) sich mit der modernen Medaillenkunst beschäftigt, schon
einmal herumgeschlagen. Diese Frage nimmt im Begleitbuch zur „Hand
Großen Kunst“ großen Raum ein, ich habe dort gerade auch die Stimmen
13
verschiedener Künstlerinnen und Künstler hierzu versammelt.
Eine wachsende Zahl von Künstler(inne)n hat sich einen über die
‚klassische‘ Definition von ‚Medaille‘ hinausgehenden, gewissermaßen
erweiterten, Medaillenbegriff zu eigen gemacht.
Für mich ist gerade auch diese Frage nach den Grenzbereichen
spannend – wo hören „Medaille“ und „Plakette“ auf und fangen
Kleinplastik und Kleinrelief oder noch etwas ganz anderes an? Die
Übergänge sind nicht nur umstritten, sie sind, egal wo man eine Grenze
zu ziehen versucht, auch unscharf und fließend. Und mit der Zeit
verändert sich sicher auch der Blick – so ging es mir selbst.
So treffen für die Abgrenzung der Medaillen von anderen Kunstformen
schon längst nicht mehr die Kriterien der Beidseitigkeit, der runden Form
oder gar der Verwendung von Schrift neben dem Bild mehr zu, auch
nicht die Festlegung auf ein Metall als Material, und auch die Forderung,
eine Medaille müsse ein seriell reproduzierbares Kunstwerk sein, ist
mittlerweile umstritten.
Schon im Titel dieser Ausstellung: „Medaillen – Relief en miniature“
drückt sich ja bereits eine gewisse Ambivalenz des Medaillenbegriffs
aus: Was ist Medaille, was ist Relief? Und so können Sie auch hier ganz
verschiedene Arten von ‚Medaillen‘ sehen, in einem fließenden Übergang
zum kleinen Relief.
Wie sieht es nun allgemein für die Medaillenkunst in Deutschland aus?
Die eigene persönliche Begeisterung kann leider nicht darüber
hinwegtäuschen, dass es damit nicht zum Besten bestellt ist.
14
Beginnen wir damit, dass Künstlerinnen und Künstler auf direkte
Aufträge oder zumindest Käufer angewiesen sind. Die Zahl der Aufträge
ist rückläufig – es ist nicht mehr üblich, dass Privatpersonen, Firmen
oder öffentliche Einrichtungen als dauerhafte, schöne und
repräsentative Erinnerung zu besonderen Anlässen und Jubiläen eine
Medaille in Auftrag geben. Und die Zahl der potentiellen Käufer für
Stücke, die Künstlerinnen und Künstler ohne Auftrag geschaffen haben,
ist klein. Es gibt nur sehr wenige ernsthafte Sammler und Sammlerinnen
für zeitgenössische Medaillen – man kann sie fast an einer Hand
abzählen, und ihre Zahl hat in letzter Zeit noch weiter abgenommen! –,
so dass von dieser Kunst niemand leben kann.
Und wenn Medaillen herausgegeben bzw. in Auftrag gegeben werden,
dann sind fast nie Künstlerinnen und Künstler beteiligt, die Produkte
gehören zum allergrößten Teil zu den (garantiert kunstfreien) sog.
Kommerzmedaillen. Bei dieser Art von Medaillen geht es vor allem um
Gewinn: Man spart die Kosten für einen künstlerischen Entwurf, man
prägt in möglichst flachem Relief, weil das einfacher (und damit billiger)
geht, man fordert Auge und Verstand des (dank Medien- und
Werbungskonsum garantiert kunstsinn- und geschmacksfreien)
Durchschnittskäufers um Himmels Willen möglichst nicht heraus. Das
Ergebnis ist dann äußerst platt – im wortwörtlichen wie im übertragenen
Sinn.
Ein wohl in nächster Zeit noch an Brisanz zunehmendes Problem ist der
fehlende Nachwuchs junger Medailleurinnen und Medailleure, aber wo
soll der Nachwuchs herkommen? Es kommen im Bereich der Medaille
nur wenige junge Künstlerinnen und Künstler nach, und ein Teil von
ihnen hat nur sehr sporadisch, etwa im Rahmen der Ausbildung oder
15
16
wegen eines Projekts oder Wettbewerbs, Medaillen geschaffen.
Es ist außerordentlich zu bedauern, dass mittlerweile an fast keiner der
vielen Kunstakademien bzw. Kunsthochschulen in Deutschland die
Medaillenkunst noch dauerhaft oder auch nur sporadisch auf dem
Lehrplan steht– auch nicht im Hinblick darauf, dass sie sich auch im
Vergleich mit anderen Kunstbereichen dank der kleinen Größe der
Objekte durch geringen Materialaufwand bei gleichzeitiger
Notwendigkeit von Konzentration in Verbindung mit Präzision
auszeichnet.
Die Medaillenkunst in Deutschland hat also dringend Nachwuchs nötig!
Doch möchte ich hier jetzt auch nicht ein zu schwarzes Bild malen: Es
gibt trotz allem auch Lichtblicke, die hoffnungsvoll stimmen. Eine sehr
positive Rolle haben hier ohne Zweifel die Ausstellungen und Editionen
im Berliner Münzkabinett gespielt, durch die auch junge Künstlerinnen
und Künstler zur Medaille angeregt worden sind. An der Hochschule
Wismar hat Anna Martha Napp im Sommersemester 2020 die
Studierenden auf die Beteiligung am Medaillenwettbewerb „Drei
Grazien“ hingeführt – mit sehr beeindruckenden Ergebnissen. Und an
der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau
werden die Schülerinnen und Schüler auch im Gipsnegativ unterrichtet
und gestalten dabei oft vielversprechende Kleinreliefs und Medaillen aus
Ton.
Hoffen wir also auf weitere Impulse für die Medaillenkunst, wie sie auch
von einer Ausstellung wie dieser ausgehen.
Dr. Dietrich Klose
17
Kunstvoll erhaben
Für BildhauerInnen ist das Relief eine Sonderform des plastischen
Gestaltens. Es gibt Bildhauer, die sie in ihrer Arbeit nicht anwenden, da
sie nur der gesamte Körper im Raum, das Vollplastische interessiert.
Doch das Relief hat einen besonderen Reiz und Vorteil. Es kann mehrere
Bildelemente enthalten und Geschichten erzählen. Es verdichtet von der
eingeritzten Zeichnung bis zur nahezu vollplastischen Darstellung eine
räumliche Illusion auf einer begrenzten Fläche. Die Spannbreite der
Gestaltungsmöglichkeiten vom Flach- bis zum Basrelief ist groß, ebenso
verhält es sich bei der Medaille. Beide Gebiete unterscheiden sich jedoch
in der künstlerischen Arbeitsweisen insofern, als das die Medaille als
Gegenstand selbst in der Hand liegt und sich je nach Drehung und
Wendung neue Perspektiven und Lichtverhältnisse auftun. Dies will auch
bei der Gestaltung berücksichtigt sein. Das Relief hingegen hängt an der
Wand und kommt am besten zur Geltung kommt, wenn es Licht von der
Seite erhält.
Auch in der Wahl der Technik und ihrer handwerklichen Umsetzung,
sowie die Auswahl des Materials und die Ausnutzung der Fläche
unterscheiden sie sich. Ihre Gestaltung erfordert großes handwerkliches
und ästhetisches Können.
BildhauerInnen modellieren meistens ihre Medaillen. Oft wird das
Modellierte in Gips abgeformt, das Negativ nochmals bearbeitet und
wieder mit Ton ausgedrückt (M. Ammann „Mutterkuh“ und „Euter“,
Reinhard Eber „Kauernde“) oder in Gips ausgegossen. Dieser Vorgang
kann sich mehrfach wiederholen. Manchmal Medaillen sind nur minimal
18
erhaben, sie wirken fast wie gezeichnet. (Marco Flierl „Der Bau der
späten Erkenntnis“).
Naturgemäß sind in Originalgröße modellierte Medaillen meist nicht
derart detailreich und fein, wie es bei einer automatisierte Verkleinerung
eines größeren Modells möglich ist, die z.B. bei der Münzherstellung
verwendet wird. Dennoch gibt es auch hier große Könner, die sehr
präzise plastisch arbeiten.
Zuweilen geht das Motiv bis über den Rand hinaus (z.B. Beethoven
Medaille von Adelheid Fuss). Oder das Motiv wird eingefasst, manchmal
mit einem profilierten Rahmen (Carsten Theumer „The Oculist“). Oft
dient der Rand der Medaille auch der Beschriftung. Lucia Maria Hardegen
setzt sie in ihrer Medaille Camille Claudel so ein, dass sie mehrzeilig das
aus der Mitte nach links geschobene Porträt in Reihen bogenförmig
einrahmt, also nicht nur den Rand erobert. Es gibt aber auch viele
Beispiele, bei denen der Rand unregelmäßig ist, und die Kreisform
verlassen wird, aber immer ist er bei mehr als eine Begrenzungslinie,
wird zum einem wichtigen Teil der Gestaltung. So kann er einen
Ausschnitt definieren oder wirken wie eine Bruchstück (Franziska
Schwarzbach, „Immanuel Kant“; Boris Schwencke, „Briefleserin“). Auch
das Motiv selbst kann den Rand bilden, wie bei Marianne Dietz, „L.v.
Beethoven“ und „Daphne“ von Eberhard Linke. Hier rücken wir auch
schon nah an das Sujet „kleines Relief“. Auch die kleinen Reliefs von
Karin Bohrmann, „Jollen und Melissa rollschuhfahrend“ und Sabine
Hoppe “Moses auf dem Berg Sinai“ überragen die Begrenzung der
Fläche und lassen Details über den Rand treten.
19
In der zweiten von Eberhard Linke in dieser Ausstellung gezeigten
Medaille „Über Mauern“ verschmilzt der Hintergrund mit der Figur, wird
selbst zum Motiv. In vielen Medaillen ist der Hintergrund nicht die glatte
Fläche, auf der sich ein Motiv abhebt ( wie z.B. bei Gunter Kaden „Käthe
Kollwitz“) , sondern wird in die Struktur und Formsprache mit
einbezogen (Eva Backofen „Guckkopf goldbraun“, Porträt „Käthe
Kollwitz“).
Es entstehen auf Hintergründe kleine Bilder Landschaften,
Architekturen, Figuren u.v.m. (siehe Carsten Theumer „J.Boroswski“
rev.) oder sie dienen dem Schriftbild. Das Eindrücken von Buchstaben
oder Einritzen von Schrift in das Tonmodell wird häufig angewendet.
Siehe beispielsweise Medaillen von Agathe Kill, „Form nur ist …“. Die
Kombination von erhabener und vertiefter Schrift in der Medaille „Lise
Meitner“ rev. von Marie-Luise Bauernschmidt schafft ein gegenseitig sich
verstärkendes Gegenüber. In ihrer Medaille „Corvus Corax“ gestaltete
sie die Schrift eben zur Oberfläche, indem sie die Zwischenräume
entfernte.
Eine MedailleurIn wird das Werk vielleicht von einem großen Maßstab
verkleinern lassen ( Bernhard Kucken „ LSBTIQ – Erinnerungsort
Düsseldorf“), ihr Ausgangsmodell ist dennoch ein modelliertes Relief. Es
gibt KünstlerInnen, die fräsen Strukturen, Schriften, Zeichnungen direkt
in ein Material (hier beispielsweise aus Glas zu sehen von Karin
Dammers , „Ohne Titel 1“ und „ Ohne Titel 2 „ ). Auch die sogenannte
„Anti Medaille“ von Marica Rizzato Naressi sei hier erwähnt. Sie
konzentriert sich in ihrer Technik auf das Abtragen und Wegnehmens
von Material. Rückgreifend auf ihre Erfahrung im Tiefdruck und der
20
Radierung gelangt sie zu einer Technik, bei der durch ein
Abdruckverfahren auf Papier die „Antimedaille“ entsteht, sie ist zugleich
Matrix, Monotypie und Radierung.
Farbige Fassung in der Medaille sind selten. Sie dient der Akzentuierung
( Jens Bergner „Huhn und Ei“, der gesamten farbigen Fassung, z.B. einer
keramischen Lasur (Reinhard Eiber „Kauernde“), oder wird zu einem
kleinen Gemälde (Eberhard Szejstecki, „Der Reiter sucht sein Pferd“).
Meine Begeisterung für die von BildhauerInnen gestaltete Medaille
währt nun bereits über Jahrzehnte. In meiner Sammlung befinden sich
auch Werke einiger deutscher BildhauerInnen. Unter ihnen auch
Wilfried Fitzenreiter, mit dem ich befreundet war. Es muss um die letzte
Jahrtausendwende gewesen sein, als ich ihn in seinem Berliner Atelier
besuchte. Stundenlang hätte ich ihm zuschauen können, wie er die
Feinheiten mit sicherer Hand plastisch in den Gips schneidet. Auch im
hohen Alter und nur noch mit einem Auge sehend zauberte er Figuren
auf kleinsten Flächen. Ihm zu Ehren sei auch an dieser Stelle erinnert
mit der Abbildung einer Medaille, die gut in diese Ausstellung passt.
21
„Zur Ausstellung Plastik, Medaillen, Grafiken, Fitzenreiter 1997“ steht
auf der Rückseite. Auf der Vorderseite, so deute ich es, vertreibt
Hermes, der für den Verstand „Logis“ steht, den griechischen Gott der
Künste Apollon mit einem kräftigen Fußtritt. Wie stimmig. Lässt sich
schon, und vor allem mit der bildhauerischen Kunst kaum Geld
verdienen, so erst recht nicht mit der Medaille. Kaum zu glauben, da
gerade dort sich Werke von monumentaler Schönheit befinden.
Die Figuren auf der Medaille von Wilfried Fitzenreiter wirken auf den
ersten Blick tänzelnd, leicht, spielerisch. Spielt Fitzenreiter damit
möglicherweise auf den Stellenwert der Künste in der Gesellschaft an?
Bezogen auf die Verdienstaussichten bei der Herstellung von Medaillen
sind Vernunft und Ratio wirtschaftlich gesehen irrelevant. Aber Geld ist
ja bekanntlich nicht alles. Die Liebe zur Kunst der Medaillen ließ ihn
jedoch nicht los, bis zum Schluss versendete er jährlich seinen
Neujahrsgruß in Medaillenform.
Auch Zeichner und Maler interessieren sich für die plastische Darstellung
als Bildform. Hierzu gehört das Trompe-l’œil, eine illusionistische
Malerei, die sich in der Scheinarchitektur und in der Wand- und
Deckenmalerei finden lässt, aber auch hier im kleinen Format zu sehen
ist (Christine Reinckens „Malpäckchen“). Diese und auch andere hier zu
sehende Werke, wie z.B. Entwürfe für Medaillen (Ralf Scherfose „Figures
and Faces“ , Burghild Eichheim „Straßenbild“, Karoline Koeppel
(„Impfling“) könnten MedailleuerInnen und BildhauerInnen zur
Anregung dienen.
Medaillen sind unmittelbare Zeitzeugnisse. Auch in ihrem Kontinuum.
Wer heute z.B. eine Beethovenmedaille kreiert muss sich etwas einfallen
22
lassen, angesichts der Vielzahl schon vorhandener Medaillen. Er, wie
auch G.F. Händel, und J.S.Bach werden hier gezeigt. Die Medaille dient
weiterhin hauptsächlich der Würdigung großer Persönlichkeiten, sicher
auch deshalb, weil sie zum Zweck der Ehrung verliehen werden. In der
Auswahl der Porträtierten zeigt sich auch die Veränderung des
Wertesystems einer Gesellschaft. So sehen wir in dieser Ausstellung ein
Porträtdarstellung der Widerstandskämpferin Sophie Scholl und die
bewunderten Bildhauerinnen Camille Claudel und Käthe Kollwitz. Viele
Schriftstellern und Schriftstellerinnen werden auf Medaillen porträtiert,
hier zu sehen sind B. Brecht, Borowski, G. Büchner, I. Eichinger, F.
Kafka, E. Mühsam und A. Dante, sowie der Philosoph Immanuel Kant.
Mit der Medaille von Lise Meitner befindet sich hier eine zeitgenössische
Medaillendarstellungen der bedeutsamen Kernpysikerin. Mit einer
Medaille des Kunsthistoriker und Museumsleiter Prof. Helmut Börsch-
Supan wird eine zeitgenössische Persönlichkeit in dieser Ausstellung
gewürdigt, die sich auch um den Realismus in der Kunst verdient
machte, das freut uns besonders.
Mit veränderten Bildthemen werden die Werte einer Gesellschaft
sichtbar und kommen auch im Medium der Medaille zum Ausdruck. Auch
politische Themen wie z.B. die Bedrohung der Umwelt durch die
Zerstörung des Klimas sehen Sie auch hier. Fabelwesen, Tiere, der
menschliche Körper und religiöse Themen ergänzen das Spektrum.
Sie alle zeigen überzeugend: Die Geschichte der Medaille ist noch nicht
Ende.
Nina Koch
23
24
Maria Valentina Ammann
geboren in Gräfelfing
2020 Ausbildung zur Holzbildhauerin in Oberammergau
Euter - 2020 - Terrakotta gekalkt - 9 x 9 x 1 cm
Mutterkuh - 2020 - Terrakotta gekalkt - 12 x 13 x 1 cm
25
26
27 27
28
Eva Backofen
geb. 31.10.1949 Meißen
Deutsche Zeichnerin, Bildhauerin und Medailleurin.
Guckkopf goldbraun - 2021 - Bronze - 13,6 x 11,7cm
Porträt Käthe Kollwitz grün - 2021 - Bronze - 8,0 x 9,5cm
29
30
31 31
32
Marie-Luise Bauernschmidt
geb. 1953 Struth-Helmershof (Thüringen)
Von 1973 bis 1978 Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Bildende
Künste Dresden;
1980-82 Meisterschülerin der Akademie der Künste bei Prof. Wieland Förster.
Liegender Akt - 1987 - Pittkreide - 19,5 x 26 cm
Lise Meitner - 2014 - Bronze - Ø 8,5 cm
Corvus Corax - 2019 - Bronze - Ø 8,1 cm
33
34
35 35
36
37 37
38
Jens Bergner
geb. 1964 Halle
Bildhauer und Medailleur.
1984-85 Steinmetzlehre und Praktikum in der Bronzegießerei der
Denkmalpflege in Magdeburg, Studium an der Hochschule für Kunst und
Design Burg Giebichenstein Halle, Fachklasse Plastik bei Bernd Göbel,
seit 1990 zusätzlich in der Fachklasse Keramik bei Martin Wetzel,
seit 1992 freischaffend in Halle.
Huhn und Ei (1. Fassung) - 2020 - Porzellan (teilweise vergoldet)
Huhn und Ei (2. Fassung) - 2020 - Bronze - 25 x 17 cm
39
40
41 41
42
43 43
44
Karin Bohrmann-Roth
1955 geboren in Kassel
1974 - 1979 Studium der Freien Kunst an der Kunstakademie Kassel:
Bildhauerei, Zeichnung
seit 1979 freischaffend tätig im gemeinsamen Atelier mit Georg Roth
Jollen und Melissa rollschuhfahrend - Bronze - 25 x 17 cm
Paar - Bronze - 26 x 17 cm
45
46
47 47
48
Karin Dammers
in Moers geboren
1975-1981 Fachhochschule Niederrhein Krefeld Abschluss: Diplom-Design
lebt und arbeite in Berlin und Moers
Gräser - 2017 - Papier - 30 x 20 cm
Ohne Titel 1 - 2021 - Glas - Ø 6,0 / Tiefe 7,0 cm
Ohne Titel 2 - 2021 - Glas - Ø 6,0 / Tiefe 7,0 cm
49
50