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Published by ulle_bowski, 2021-10-18 07:08:21

Anfang Markenbude neu

Kapitel 1

Im Jahre 2017 wurde aus einer einfachen Idee ein Projekt geboren, welches zu einer Marke wurde. Genauer
gesagt handelte es sich um eine Briefmarke, welche ich für einen Mitbewohner eines Altenheimes kreierte,
um ihm eine Freude zu machen. Manfred Otulak war zeitlebens begeisterter Briefmarkensammler und hatte
seine Leidenschaft bis ins hohe Alter gepflegt.

Als Betreuer von hochbetagten Menschen versuchte ich wenn möglich autobiografisch mit den Menschen zu
arbeiten. Es kam also die Idee auf, für Herrn Otulak eine Briefmarke mit seinem Abbild zu basteln. Als ich































ihm die fertige Briefmarke präsentierte, strahlte er vor Begeisterung. Immer wieder schauten wir gemeinsam
seine Briefmarkenbücher durch. Zwischen den Tier-, Sport-, Land- und Kunstmarken fielen mir immer wieder
Marken von berühmten Persönlichkeiten auf. Ob aus Politik, Kultur, Sport, Geschichte. Jeder halbwegs
bekannte Mensch wurde auf einer Briefmarke verewigt.

Wieso gibt es von Recklinghäusern noch keine Marken? Immerhin kommt einer der besten Komiker und
Entertainer Deutschlands aus meiner Heimatstadt. Ebenso wie von Hape Kerkeling gibt es auch keine Marke
des stärksten Bademeisters und Hollywood-Schauspielers Ralf Möller. Von dem Schauspieler Wichart von
Roëll eben sowenig wie von Renate Künast, Catronic, Andy Nevison, Guido Röcken, meiner Mutter oder
dem unbekannten Friedhofsgärtner Ritchy.

Aufgrund meines jahrelangen Wirkens als Gelegenheitskünstler, Autor und Filmemacher sind mir sehr viele
Menschen begegnet, die eine Verewigung als Briefmarke verdient haben. Im Grunde genommen ist doch
jeder eine Marke!

Mit diesem Gedanken “Jeder ist eine Marke“ ging ich einige Tage schwanger, um dann damit zu beginnen,
Menschen in meinem Umfeld zu fotografieren und nebenbei zu erklären, dass ich an einem neuen Projekt
arbeite.
















1

1000 sollten es mindestens werden und das in allen Farben und Größen. Nicht 1000 Personen, aber 1000
Marken. Im Grunde genommen könnte ich alles zu einer Marke machen, was mir vor die Kamera läuft.
Hunde, Katzen, Kirchen, Kneipen, Bands, Bäume und Bier.


















Die Besorgung von Bilderrahmen war ein zweiter wichtiger Aspekt für dieses Projekt. Der Flohmarkt wurde
leergekauft und diverse Objekte kaufte ich neu oder bekam sie geschenkt. Die ersten Großdrucke konnte ich
mit Hilfe von Christian Muschalik realisieren, Dank seiner Werbeagentur verfügt er über Großdrucker und so
konnten Marken mit fast zwei Meter Länge gedruckt werden, ebenso wie Marken auf unterschiedlichen
Materialien und dank der Kreativität auch auf unterschiedliche Formen.




































Als Judith Hupel mir die Räumlichkeiten der Artemis-Werkstätten für eine Ausstellung meiner Marken anbot
und Ulrike Speckmann als Teilhabende der Artemis-Werkstätten zustimmte, machte ich am 17.03.2017 eine
Begehung der Räumlichkeiten und wusste, es wird eine große Herausforderung, als Gelegenheitskünstler
sämtliche Räume und Flure mit Marken zu bestücken. Aber es war genau der richtige Ort für dieses Projekt.

In den folgenden Wochen konnte ich bis zur Eröffnung an den nötigen Bildern und Objekten arbeiten und je
mehr Menschen ich zu einer Marke machte, umso größer würde dann auch das Interesse an dem Projekt.
Eine Win-Win-Story für alle.









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Die Vernissage legte ich auf den 16.09 2017 fest und verknüpfte sie zugleich mit meiner Geburtstagsfeier
zum Fünfzigsten. Ich machte mir sozusagen ein Geschenk, indem ich meine erste Ausstellung eröffnete.
Zugleich beschenkte ich jeden Gast, weil ich ihn zugleich auf eine Marke verewigte. Das musikalische
Rahmenprogramm war über zwei Tage verteilt. Zur Eröffnung spielte die Jazzformation Frauke und Björn,
was der Ausstellung die nötige Klasse gab. Am Abend heizten dann die Rockmarsianer von Sunset on Mars
ein und im Anschluss die DJ Brüder CECEbro. Am nächsten Tag spielte die Old Boys Band zum Reste-
trinken.















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Die Ausstellung ging bis zum 4. Oktober 2017 und wurde mit einer Versteigerung der Bilder beendet.






































Ich freute mich sehr darüber, dass unser Bürgermeister Christoph Tesche persönlich einige Worte an die
Gäste richtete und zugleich ein großformatiges Bild für sein Bürgermeisterbüro ersteigerte. Musikalisch
wurde die Vinissage von das PortAl Formidabel begleitet. Die Versteigerung haben mein guter Freund
Christian Kordas und meine Lebensgefährtin Frauke übernommen. Es war eine sehr unterhaltsame
Versteigerung und trotz allem blieb ich auf reichlich Bildern sitzen.

Ein Gast, der eher zufällig in den Artemis-Werkstätten gelandet war, bot mir wenige Tage später an, eine
Räumlichkeit auf der Breiten Straße in der Innenstadt Recklinghausens zu organisieren. Als
Immobilienmakler habe er da einige Objekte in der Vermittlung, die momentan leer stünden. Christian
Seegelken war von dem Projekt derart angetan, dass er mir im Herbst 2017 tatsächlich einen Leerstand für
unbestimmte Zeit zur Verfügung stellte. Plötzlich war ich Galerist meiner eigenen Bilder bzw. Marken.
Innerhalb weniger Stunden war der Raum behangen, beklebt und zugestellt mit den Resten aus der
Versteigerung, immer noch genug, um den kompletten Raum zu füllen.

















Projekte, die förmlich aus dem Nichts entstehen, entwickeln sich wie durch einen unsichtbaren Drang,
materialisiert zu werden. Begegnungen oder Objekte, die oft durch Zufall meine Wahrnehmung sensibilisiert
haben, wurden zu einem Ganzen.





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Zwanzig blaue Bilderrahmen mit bläulichem Foto meines Sohnes Eric. Hatte auch ich nun so etwas wie eine
blaue Periode, so wie Pablo Picasso 1901-1905? Meinen eigenen Stil gefunden? Nicht in der Malerei,
sondern in der Umsetzung von hier, jetzt und gleich. Eric war zu dem Zeitpunkt schon 22 Jahre alt, soll
heißen, zwei Jahre mehr als Bilderrahmen vorhanden. Also im ersten Moment keine Verbindung zum
tatsächlichen Alter. Doch der geschulte Blick würde sofort die zwei wichtigen Elemente, nämlich die samt-
roten Vorhänge, mitzählen und kommt nun auf die Zahl 22. Für den Leser hier sicherlich nicht von
Bedeutung, aber man muss ja auch die Avantgarde bedienen, die möglicherweise die Markenaktion als
Vorreiter sieht für eine ganz neue Kunstform. So wie den Reaktionismus, Futurismus, Konstruktivismus,
Surrealismus oder den Dadaismus.



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Ja es gibt und gab auch schon Briefmarkenkunst, aber sicherlich nicht in dieser Form.

In einer Stadtbekannten Künstlerkneipe ergab sich ein Gespräch mit einem studierten Kunsthistoriker, der
das Markenprojekt als einfache Photoshop-Leichtbaukastenweise zurückwies und mich mit den Worten in
die Schranken der Amateure zurückwies: „Das was Du da machst, kann jeder Fünftklässler.“ Sicherlich hatte
er mit seiner Aussage auf den ersten Blick recht, doch versuchte ich ihm zu erklären, dass es aber auf der
ganzen Welt keinen einzigen Fünftklässler gäbe, der solch ein Projekt in dieser Form umsetzen könne.
Zumal ich noch erwähnen möchte, dass er sich die Ausstellung nie angeschaut hatte. Möglicherweise war es
für ihn halt keine Kunst von historischer Bedeutung.

Ein „Nein“ ist immer gut für einen Künstler, für einen Gelegenheitskünstler wie mich hätte auch ein „Jein“
gereicht.

Dieses Gespräch hatte mir aber doch zu denken gegeben und ich stellte mich der Frage: „Was ist Kunst?“
Ab wann ist etwas, was ein Mensch erschaffen hat, Kunst? Oder Affen? Die malen auch, ist es dann Kunst?
„Jeder ist ein Künstler“, so wie Joseph Beuys es mal erklärt hatte, war mir aber auch jetzt zu plump. Sollte
ich mich vielleicht vor Verzweiflung fett essen und in die Ecke stellen? Mich schämen? War es vielleicht
wirklich nur Kindergarten-Kopfkirmes mit einem Hang zum Überheblichen, wenn die Menschen auf meine
Bitte in die Kamera grinsten, nachdem ich ihnen erzählt hatte, eine Marke von ihn zu machen.





















War es vielleicht gar kein Grinsen? Sondern ein höhnisches Verspotten? Hat es sich vielleicht schon
herumgesprochen, dass ein nie alternder Fünftklässler in die Fußstapfen von Kandinsky, Macke, Müller, Klee
oder Hans Arp treten wollte, nur um mit seinem Photoshop-Style die Kunstwelt auf den Kopf zu stellen? Die
Kunst ist tot, es lebe die Kunst!

Um nicht weiter in einer Dunstblase von trüben Gedanken zu schwimmen, erfand ich einfach für mich die
neue Kunstform und nannte sie Projektivismus. Unbeirrt ging ich so meinem Projekt nach und bildete mir ein,
etwas Neues erschaffen zu haben. Mit diesem bisschen Wahn, Witz und manischem Treiben entstanden
immer mehr Marken und jede bekam eine eigene Handschrift. Form, Farbe, Größe, Inhalt und Text
schmückten nun die Unikate. Kunst ist, was du daraus machst!

Vielleicht werden in 100 Jahren die Kunsthistoriker sagen: „Mann, es war doch so einfach, das hätte doch
jeder Fünftklässler besser hinbekommen. Und nun? Nun haben wir nur einen einzigen Künstler dieser so
wichtigen Kunstepoche. Der Projektivismus, ja den gab es nur in Recklinghausen. Nicht in den großen
Kunstmetropolen Wien, Paris, Rom, Berlin, Zürich oder Basel, Bern und Düsseldorf.

Ulle Bowski der Gelegenheitskünstler der fast die ganze Dorfschaft von Recklinghausen verewigte. Da liegt
er nun begraben. Friedhof Nord, im Schatten einer Eiche. Der Gründer und einzige ausführende Künstler
des Projektivismus. Auf dem Grabstein stand mit wenigen Worten gemeißelt:

„Hier ruht er sich nun aus.
Der Milli- Vanilli der post-post-Moderne.
Avantgardegelegenheitskünstler mit einem 5%-Hauch an Perfektionismus.
Möge er nun Wolken formen oder Feuer löschen.
Egal wo du ankommst, du wirst Deine Berufung finden.“


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Der Stein wurde gesponsert von Adobe.

Wir schreiben das Jahr 2151. Die kleinste Briefmarke der Welt, ein Objekt aus einer überdimensionalen
Lupe, eine Kunststoffhalterung in einer silbernen Pappschachtel, hatte bei einer Versteigerung im Xiling
Yinshe Auktion House 125 Millionen Bitcoints eingebracht.
So oder Ähnliches sollte der gealterte Tattergreis von Kunsthistoriker - vor dem Fernsehgerät sitzend –
vernehmen und verstehen, dass Kunst immer eine Geschichte hat, aber eben nicht nur rückwirkend,
sondern auch nach vorne in der Zeitleiste.

Natürlich war es nur selbsterdachter Spaß, der mir aber beim Gestalten der Marken den nötigen
gedanklichen Freiraum gab. Witzigerweise wurde ich kurze Zeit später im Jahr 2019 als Mitaussteller
gemeinsam mit anderen Recklinghäuser KünstlerInnen in die Kunsthalle Recklinghausen eingeladen. Und
dort, wo schon 1950 Beckmann, Dix und Nolde, Chagall, Matisse und Picassos Werke ausgestellt wurden,
stellte nun auch ich aus. Immerhin, ein bisschen Stolz kam schon auf, und besonders war es, die Mutter in
der Kunsthalle hängen zu sehen. Eine Vergrößerung eines Schnappschusses aus dem Freibad Mollbeck
oder dem Naturfreibad Suderwich. Geschossen von meinem Vater selbst. Kein Fotograf, sondern Gärtner.
So viel zur Kunst. Er sah die Blüte im Kern seiner Frau.
Ausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen Januar 2019




























Auch wenn ich mich schon immer ein wenig für Kunst interessiert hatte und besonders von den Geschichten
hinter den Künstlern fasziniert war, erschreckt hat es mich schon: Als Jugendlicher hatte ich ein Buch über
Surrealisten gelesen und musste zum Entsetzen feststellen, dass ein großer Teil Selbstmord begangen
hatte. Mit jedem Namen, der in diesem Buch genannt wurde, verpuffte der Satz “Sport ist Mord“. Auch
Deutsche (Künstler) waren unter den Opfern.

Ich beruhigte mich und wollte den Gedanken nicht aufkommen lassen, dass auch der Kunst so wahnhaft
verfallen würde, dass ich mich deswegen umbrächte. Nach einem schlechten Traum erwachte ich so gegen
drei in der Nacht und beruhigte mich mit der klaren Haltung: Ich bin Gelegenheitskünstler. Und
Gelegenheitskünstler können sich nicht mal so oder so gelegentlich umbringen. Ich kann mich weder halb
aufhängen, noch mich mit halber Kugelgeschwindigkeit erschießen. Und nur bis zur Hälfte ertrinken kann ich
auch nicht. Schon gar nicht, ja ganz unmöglich, kann ich mich nur bis zur Hälfte von einer Brücke stürzen.
Ich als Gelegenheitskünstler bin raus aus der Nummer Selbstmord und werde eines natürlichen Todes
sterben.

Nachdem ich mich also wieder beruhigt hatte, begann ich Texte über Gemälde zu lesen. Oder einfach nur
die Titel. Besonders die Französischen hatten es mir angetan. Die hatten so eine typische Sprache und
etwas Romantisches und Geheimnisvolles, welches dem Bild gleich eine ganz andere Bedeutung gab. Ich
kann kein Französisch, hatte ich nie gelernt. Mochte aber Musik von Jacques Brel, dem Belgier unter den
Franzosen.


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Das Schreiben von Texten und deren anschließende Übersetzung durch Google, um sie dann unter die
Bilder stilvoll in kleinen Rahmen nebst überhöhten Preisangaben zu setzen, war ein weiterer Teil der
Ausstellung. Leider habe ich manche Texte nicht abgespeichert und diese Unikate befinden sich jetzt
irgendwo in Privatbesitz. Also, falls ihr mal einen Bowski auf dem Dachboden, im Keller oder in der Garage
von Oma und Opa finden solltet... Vielleicht hat er ja bis dato einen gewissen Wert. Das eine oder andere
Kunstwerk wurde ja auch schon auf dem Sperrmüll oder auf dem Flohmarkt gefunden und machte so
manchen Glückspilz zu Millionär. Gesetzt den Fall natürlich, dass sich mein Projektivismus in den nächsten
Jahrzehnten als Avantgarde entpuppt und sämtliche Werke in irgendeinem Kunst-Register landen, wo die
Wertsteigerung dann ungeahnte Dimensionen annehmen würde. Dazu fällt mir ein spontan geschriebenes
Gedicht von jetzt ein.

Der Träumer

Benebelt von Wein und Gesang, liegt er da,
der da. Der da, der da war. Schleierhaft erkennt er sich fast wieder und spricht sich an.
Dass es so ja nicht ginge und er nicht weiter in Bars rumhinge.
Dass er sich mal am Riemen reißen und sich kümmern, um die Kunst.
Ja das ginge, ja das ginge.
Nicht auszumalen, wie viele Millionen den Bach hinunter gingen, durch dieses rumhängen,
in den längst vergessenen Tagen und nachts.
















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Die Ideen kamen meist auch beim Kauf von Bilderrahmen und anderen Objekten, wie Kisten, Schachteln
und Behältern aller Art.

Als bei Tedi mal eine ganze Rutsche an Bilderrahmen für 0,50 Euro verkauft wurde, kaufte ich gleich das
ganze Sortiment. Drei Bilder in einem Rahmen, da kam die Idee, nur Gesichtsteile von Menschen zu zeigen.
Nase, Mund, Ohr, das Ganze mit einem längerem Text aus einem Buch versehen, wo es um die Frage nach
Gott ging. Sehr aufwendig, aber trotzdem in wenigen Tagen fertig.















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Hinter dieser Installation verbarg sich die Fragen aller Fragen. Gibt es einen Gott und wenn ja, was ist sein
Plan?
Mein Plan war ziemlich einfach. Die Kunstinteressierten sollten sich verbiegen und bücken, um den ganzen
Text zu erfassen, und das nur um hinterher am Ende der Bilderreihe dieses zu lesen:







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Ja, Kunst muss nicht gleich tödlich sein, kann aber zu extremen Nackenschmerzen führen. 68
unterschiedliche Gesichtsteile von 68 verschiedenen Personen, die sich vielleicht sogar auf der Ausstellung
wieder gefunden haben, um dann in Schieflage die Ausstellung zu verlassen.

Eine besondere Idee war die Hall of Fame. Eine Schachtel, die aussah wie ein Haus, an das ich die Marken
der Musiker und Bands klebte, dass Ganze mit einem MP3 Player bestückte, wo dann Musik von Andy
Nevison oder den Fabulous Guitar Gangsters lief.














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Mann ohne Schuhe schaut in die Hall of Fame












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Frau Bein beim Betrachten der Markenausstellung und die Serie über Frau Bein selbst.
Frau mit Besen in fünf goldene Rahmen. Ohne Titel.


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Künstlern und Musikern wie Nevison und Bommel, oder Kulturmanagern wie Guido Röcken, die alle viel zu
früh von uns gegangen sind, wollte ich ebenso eine DenkMarke hängen, wie meinem Bruder Funny, der
auch viel zu früh verstorben ist. Traurigerweise sind im Laufe der Jahre weitere gute Freunde und
Weggefährten für immer gegangen. Lutz, der Hoffotograf, der immer ein Lächeln auf die Lippen hatte. Flöwe,
ein Künstler mit einer ganz besonderen Haltung zu seiner Krankheit, der bis zuletzt auf seinem extra spezial-
Fahrrad seine Runden drehte. Joachim Polnauer, der Dadaist unter den Künstlern, dem ich es auch zu
verdanken habe, meine Kunst einfach auszuleben, Matthias Fechner, der wie kein Zweiter den Blues singen




































konnte und letztendlich auch erleben musste.
Ich denke mal, da wirst du mir zustimmen. Es waren Urgesteine von Recklinghausen und aus der

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Kulturszene nicht wegzudenken. Ich bin stolz darauf, sie als Freunde und Weggefährten gekannt und mit
dem ein oder anderen auch künstlerisch etwas umgesetzt zu haben.

Denke ich zurück an das Roadmovie „Der Deal“, welches ich mit Robert Lauf produziert habe. Denke ich an
die Sendung Kult A, welche es seinerzeit nur auf DVD gab und später als Gelegenheits-TV auch so ziemlich
eine der erste Livestream- Sendungen in Deutschland war. Wurden da schon eine Menge Marken auf Band
oder Streame verewigt.


































































Man muss schon eine besondere Liebe zu seiner Stadt und ihren Menschen haben, um solche Projekte für
längere Zeit zu pflegen. Jeder Filmbeitrag hatte seine eigene Handschrift und zeigt die umfangreiche
Subkultur aus der Stadt, die eigentlich für die Ruhrfestspiele international bekannt ist.

Irgendwann hatte ich die Idee, Kult A auf die Kinoleinwand zu bringen, zu einer Zeit als sich fast jeder



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Musiker und Künstler auf Myspace- Seiten versuchte, sich einen Namen zu machen. Sicherlich stundenlang
mit Selbstmarketing auf irgendeine Plattform verbrachte. Noch vor Facebook und parallel zu YouTube. So
zwischen 2004 und 2012 waren wohl die prägendsten Zeiten dieser filmischen Experimente, die es als
Kurzbeiträge in der Sendung A 40 bis ins WDR Fernsehen schaffte. Das legendäre Interview mit dem
Musiker Andy Nevison auf meinem Balkon führte uns beide schließlich dort hin.



































Die letzte Sendung von Gelegenheits-TV besang übrigens die geniale Punk Band Die Molotov Cocktails mit
ihrem Stück „Kulturhauptstadt Recklinghausen“.

































Um die ganze Geschichte zu erzählen müsste ich jetzt aber tief in der Vergangenheitskiste kramen und
endloses Material zu Tage fördern. Mein Co-Moderator Björn Busch hätte da sicherlich einige Anekdoten zu
erzählen. Was mich zuletzt immer noch erfreute, war, dass ich es mit meinem „Kochen für Arbeitslose“ bis
zum 'Perfekten Dinner' bei VOX schaffte und so der Band 'Molotow Cocktails' auch einen kurzen Auftritt


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verschaffte. Genauso wie den Old Boys in Originalbesetzung.

Ulle Bowski und Björn Busch auf dem Balkon bei Gelegenheits- TV

Viele dieser Aufnahmen gibt es vereinzelt als DVD oder im Netz verstreut zu finden. Die paar Kopien, die
wirklich käuflich erworben wurden, konnte ich an zwei Händen abzählen. Sie standen beim Sold Out, im
Merlin oder später bei Peter in der Kneipe Komma. Es gab sie für acht Euro, also 2 ½ Bier, an der Theke zu
kaufen. Aber wie gesagt, wer da noch ein Original von zu Hause hat, kann sich auch da wieder glücklich
schätzen, vielleicht ein sehr seltenes Stück zu besitzen.

Aber nun zurück zu der 1000 Markenbude. 2018 bekam ich einen für eine Galerie und Musikbude besser
gelegenen Leerstand direkt auf der Münsterstraße zwischen der Buchhandlung Musial und dem E- Bike
Geschäft Big Wheel angeboten.
ALTE BUDE VERBRAUCHERZENTRALE. NEUER STANDORT IM SZENEVIERTEL. SOFORT
ZUGESCHLAGEN. BUDENBAUEN ALS KIND!

Schräg gegenüber des beliebten „Tante Emma Cafe“, wenige Meter vom Eckstein, Silvano und der
altbekannten Künstler- und Kulturkneipe Drübbelken. Eine Galerie mitten in der Krim und ziemlich groß, mit
Küche und WC und wirklich erstklassigem Ausstellungsraum.
Christian Seegelken konnte den Eigentümer Lars Richter überzeugen, den Leerstand für die Zeit zu nutzen,
solange keine Nachmieter Interesse an der Räumlichkeit zeigten.

Ich weiß nicht mehr genau, wie viel Zeit ich brauchte, um von der Breiten Straße zur Münsterstraße
umzuziehen, auf jeden Fall war es ein Genuss, die gesammelten Werke quer durch die Stadt zu tragen und
sie neu zu platzieren.
Dieser Ort hatte und hat es immer noch: eine ganz besondere spirituelle Energie. Die spürte ich, als ich den
ersten Moment ganz alleine in diesem Raum saß und versuchte zu realisieren, was in kurzer Zeit geschehen
war. Es war so viel passiert, so viel...

Noch heute hängt ein Gedicht links neben der Tür, das sicherlich mehr beschreiben kann, als das, was ich
fühlte und noch fühle. Ein Mensch an deiner Seite, der dich sein lässt, wie du bist, und den du sein lassen
kannst, sind sicherlich die wesentlichen Voraussetzungen, um sich in einer Partnerschaft zu entfalten. Um
sich zu entfalten, um von einer Puppe zum Schmetterling zu werden. Um nicht nur im Bauch des Gegenüber
zu flattern, sondern um mit seinem Flattern noch mehr Menschen um sich herum zu erreichen. Liebe, Liebe,
Liebe, darum sollte es sich auch in der Markenbude drehen. Liebe zur Musik, Liebe zur Kunst, Liebe zu
anderen Kulturen, Liebe zu Gesprächen, Liebe zu Kultur und Austausch über Werte, die über die übliche
Normalität hinauswachsen darf. Unpolitisch, laienreligiös, und bis zu einem gewissen Grad auch unzensiert.

Respekt!


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Um es in ein Wort zu fassen.


Respekt




































Unten links das Gedicht zum Jubiläum

Hin und wieder sehe ich Touristen vor dem Gedicht. Bleiben stehen, lesen und zücken dann ihr Handy, um
es zu fotografieren. Dann fühle ich mich ein wenig wie der Eiffelturm, der Big Ben und die Hollywood Hills
zusammen.

Ein Gedicht, für meine Partnerin gedacht und öffentlich an die Wand geschraubt. Ist vielleicht in anderen
Gefilden nicht so üblich.

Ich bin sicherlich kein Gedichts-Experte noch ein guter Dichter. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob es
überhaupt ein Gedicht nach Regel XY war, was ich da schrieb.
Es ist ein Ausdruck der Gefühle. Und Gefühle sind die treibende Kraft der Kunst. Die Gefühle erzeugen erst
den Ton. Erzeugen den Rhythmus, erzeugen die Schwingung, die dich treiben lassen. Treiben lassen, in die
Unendlichkeit der Seele. Die alles beinhaltet was den Menschen seit Anbeginn der Zeit antreibt oder lähmt;
Angst, Stärke, Schwäche, Liebe, Ehrfurcht, Glaube, Humor, Hass, Wut, Verzweiflung, Hoffnung und
Millionen von Grautönen der Gefühls- und Gedankenwelt. Millionen, wenn nicht gar einige mehr.

Lausche der Stimme von Billie Holiday, höre die Geschichten von Tom Waits und lausche deinen
Herzenswünschen, dann wirst du wissen, was ich versuche zu sagen.

Du kannst dir aber auch die Zeit nehmen und bei einem Glas Bier eine Weinbergschnecke beim Heimweg
beobachten.

Letztendlich ist es dem Schicksal egal, was du machst, solange du immer wieder in den Spiegel schauen
kannst, bevor du schlafen gehst.

Und Schicksal ist nur ein anderes Wort für „Respekt“



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Kapitel 2.


1000 Markenbude





































Gemütliches Beisammensein zum achtzigsten Geburtstag von Jürgen Barta, der Vater von
Frauke. Rechts sieht man das Gedicht und im Vordergrund Elfi Barta.
Die Entwicklung der Markenbude im Herzen der Krim startete im Mai 2018.






























„Ich finde, dass es ein gutes Zeichen ist, dass der Besitzer sich auf dieses Experiment
einlässt.“ Zitat: Christoph Tesche, in der Eröffnungsrede.






22

Als Christian Seegelken mir die Räumlichkeiten auf der Münsterstraße zeigte, hatte ich
sogar die Möglichkeit zwischen unterschiedliche Geschäftsräume zu wählen. Die
Leerstandsituation war zu dieser Zeit groß. Mittlerweile hat sich die Situation beruhigt und
die Krim hat eine gute Infrastruktur für Jung und Alt. Ich entschied mich
schnellentschlossen für das ehemalige Brillengeschäft. Schöne große Schaufenster und
einen wunderbaren Ausstellungsraum mit Einbuchtungen an den Wänden. Perfekt um hier
die Marken zu präsentieren.





















Es dauerte nicht lange, als mir die Idee kam, neben den Marken auch weitere Künstler
ausstellen zu lassen. Ich wollte etwas zurück geben und den kulturellen Gewinn teilen und
Abwechslung in der Markenbude bringen. So kam es dass weitere Künstler passend zum
Vestiwall, welches unter anderem von Sebastian Balint organisiert wurde, ihre Werke
zeigen konnten. Samira Klaho, Henrike Ott, Willi Z. Rocken'n Ralle, um nur Einige zu
nennen.
Markenbude von Außen, noch ohne Banner









































23

Buntes Durcheinander, Bilder und Möbel von Henrike Ott.


In einer ruhigen Minute dachte ich darüber nach ein Schild über den Eingang anzubringen.
So damit jeder sehen kann, dass hier Kultur statt findet. Gedacht getan. Mit Hilfe von
Christian Muschalik konnte ich in Kürze ein Banner über den Eingang anbringen, welcher
leider nach einer gewissen Zeit von einem Unbekannte zerrissen wurde. Alberne
Zerstörungswut oder Neid, Wut oder Hass auf Kultur? Bis heute weiß ich es nicht. Es
wurde schnelle ein neues Banner angebracht und mit Hilfe von Dr. Ronald Wimmer wurde
es mit Stahlseil montiert. Doch leider wurde auch dieses Banner wieder mutwillig zerstört.
Also denkbar ein Wiederholungstäter. Ich konnte mir kein Reim daraus machen, wer es
Letzt endlich gewesen sein könnte, weil natürliche Feinde hatte ich meines Wissens nicht.
Aber vielleicht ja doch, dann aber unwissend.



Erstes Banner über den Eingang Münsterstraße.





























24

Dr. Roland Wimmer beim Montieren des zweiten Banners
























Verschraubt und sicher. Dieses wurde übrigens von Daniel Hageleit, dem Wirt
vom Drübbelken gesponsert. Der Zusammenhalt ist in der Krim groß.





Bohème de Bowski. Ja vielleicht war es mein tiefgründiger Wunsch ein Raum zu schaffen
dem der Boheme des 18 Jahrhunderts gleichen würde. Ein ungezwungenes und
ungebundenes Künstlerdasein mitten in der Ausgehmeile von Recklinghausen. Wo sich
Künstler und Interessiert begegnen und sich austauschen könnten. Aber nicht einfach in
den Tag hineinleben und sich selbst beweihräuchern, sondern kreativ bleiben und etwas
besonderes schaffen. Vielfältigkeit und Innovationen von alt und modern
zusammenbringen. Das war mein Ziel und ich bin auf dem guten Wege dorthin zu
gelangen. Ein Raum der für alle Generationen und Schichten zugänglich ist. Da wo sich
Punk und Rektor respektvoll begegnen. Wo junge Künstler den Alten und alte Künstler den
Jungen Idee geben können.
Ein wichtiger Teil dieses Projektes war Livemusik. Querbeet durch die Bank was die
musikalische Vielfalt hergab. Rock, Blues, Singer- and Songwriter, Elektrobeat,
Covermucke, Chöre, Bigbands und Bläser. Alles dabei. Italienisch, englisch, afrikanisch,
spanisch und am besten aus allen Herren Länder. Ich wünschte mir die ganze Bandbreite
musikalischer Welten.





25

Captain Twang mit Willi Z. Vor der Markenbude. Vestiwall 2018

Die Palette der Musiker und Bands die bis dato in der Markenbude gespielt haben ist so
lang, wie unterschiedlich. Angefangen von den Old Boys, Sunset on Mars, SoulBreed,
Captain Twang, Tiktaalik, Turbo Paletti, Rollsportgruppe, Bache, Ben Sebastian, Woga,
REbop der Musikschule Recklinghausen, Die Hornz, Voice after eight, Jazzsessions, das
Blues Experiment, um nur einige zu nennen. Die ganze Liste könnt ihr auf der GEMA-
Abrechnung lesen, die mitten in der Pandemie 2020 ins Haus flog. Da wurde kein Halt
gemacht und trotz finanziellen Probleme der Hobbykünstler, die Teils nur ihre eigenen
Songs spielten, zu Kasse gebeten. Konzerte die schon gut zwei Jahre her waren. Zum
Glück konnte diese vierstellige Summe durch Hilfe gezahlt werden.
Vielleicht hätte ich den Rat ernst nehmen sollen und Veranstaltungen bei der GEMA
anmelden. Ich dachte ich bin nur ein Hobby- Veranstalter und es kommt für mich nicht in
Frage. Nun wurde ich eines besseren belehrt und habe daraus gelehrt.
Neben der Musik gab es auch
Lesungen und Kleinkunst. Eine besonderes Highlight war sicherlich die Bonsai und Tattoo-























Ausstellung des japanischen Künstlers Jusuke Hamamoto.
An diesem Tag gab es Sushi von dem JOJA Restaurant, welches von Wladimir unter dem Jerke
Museum liegt. Auch hier gab es wieder eine Kooperation zwischen Gastro und Markenbude.



26

Ulle Bowski, Jusuke Hamamoto, Christian Kordas, Bürgermeister Christoph Tesche und
Dr. Ronald Wimmer








































Betreiber des JOJA, Wladimir Paster












27

Michael der Organisator der Ausstellung



Es gab Künstler wie Stefan von Erckert die eine Ausstellung ihre ganz eigene Note
aufdrückten. Genauso wie die Ausstellung von Renate von Charlottenburg, die mit viel
Liebe und Aufwand die Markenbude in eine Hochglanz- Galerie verwandelt haben.





































Stefan von Erckert hier bei der Hängung seiner Minusmänner




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29

Ausstellung „Renate von Charlottenburg“, Livemusik von The Schroeders feat Bassopane














Ludwig Föllen und Christian Kordas vor dem Denkart. Die erste Kooperation zweier
Galerien. Oktober 2021 zur aktuellen Ausstellung. „Schätze suchen










































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