351 Die gläubig auf den künftgen Christ gesehn. Dort, wo noch leerer Raum für viel Gefährten Im Halbkreis ist, dort sitzen die gereiht, Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten. Wie hier der Fürstin Stuhl in Herrlichkeit Und unter ihr die ändern zu gewahren, Und wie sie bilden solchen Unterscheid; So dort der Stuhl des Täufers, der erfahren, Der immer Heilge, Wüst und Märtyrpein Und dann der Hölle Nacht in zweien Jahren. Franz, Benedikt und Augustin—sie reihn Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen, Mit andern unterhalb von Reihn zu Reihn. Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen, Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts sieht, Erfüllt gleich zahlreich diese Gartenauen. Und von der Stieg abwärts, die dies Gebiet In zwei geschieden, sitzen solche Seelen, Die eigenes Verdienst nicht herbeschied, Nein, fremdes—nur darf der Beding nicht fehlen— Denn hier sind alle, die dem Leib entflohn, Bevor sie noch vermochten, selbst zu wählen. Dies merkst du an den Angesichtern schon Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen, Wenn du wohl spähst und horchst auf ihren Ton. Noch seh ich schweigend dich mit Zweifeln ringen, Doch lösen werd ich dir das feste Band, Mit welchem dich die Grübelein umschlingen. Aus unsers ewgen Königs weitem Land Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten, Wie Hunger, Durst und Traurigkeit, verbannt. Nach ewigem Gesetz muß sich gestalten Was du hier siehst, und muß sich, wie der Ring Zum Finger paßt, so unter sich verhalten. Daher auch, wer dem Truge früh entging Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gründe Mehr oder minder Herrlichkeit empfing. Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde, In solcher Lieb und solcher Wonne ruht, Daß keiner ist, des Wille höher stünde, Verteilt den Seelen, seiner heitern Glut
352 Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben; Und gnüge hier, was kund die Wirkung tut. Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben Die Heilge Schrift ein deutlich Beispiel dar, Die sich bekämpft im Leib der Mutter haben. Und also krönt der Gnade Schein ihr Haar, Und also scheint das höchste Licht in ihnen Nach ihrem Werte mehr und minder klar. Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen, Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt, Nur wie auf sie des Schöpfers Huld geschienen. So gnügt es in der Jugendzeit der Welt Unschuldgen, um zum Heile zu gelangen, Daß Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt. Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen, Was männlich war, zuvor zur Seligkeit Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen. Doch, als gekommen war der Gnade Zeit, Blieb ohne die vollkommne Taufe Christi Die Unschuld in der ewgen Dunkelheit. Jetzt schau ins Antlitz, das dem Antlitz Christi Am meisten gleicht, und deine Kraft erhohn Wird seine Klarheit zu dem Anschaun Christi." Lust strahlt aus dem Gesicht, so klar und schön, Die er zu ihr durch jene Heilgen schickte, Erschaffen, zu durchfliegen jene Höhn, Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte, Mich also mit Bewunderung durchdrang, Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte. Die Liebe, die zuerst sich niederschwang, Verbreitete vor ihr jetzt das Gefieder, Indem sie—Sei begrüßt, Maria! sang. Und alsogleich antworteten die Lieder Der Selgen Geister diesem Himmelslied,— Und heitrer strahlten rings die Wonnen wider. "O Heilger, du, den Lieb herniederzieht, Der du für mich dem süßen Ort entronnen, Wo ewge Vorsicht dir den Sitz beschied; Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen Im Blick Marias mit dem seinen ruht Und scheint an ihr in Liebe sich zu sonnen?"
353 So wandt ich mich zu ihm mit heiterm Mut Und sah ihn in Marias Glanz entbrennen, Gleichwie den Morgenstern in Sonnenglut. Und er: "Was Seel und Engel haben können Von Zuversicht und Schönheit, er bekam Es ganz von Gott, wie wirs ihm alle gönnen, Weil er zu ihr einst mit der Palme kam, Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken, Nach seinem heilgen Willen übernahm. Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken, Und von dem frommen und gerechten Reich Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken. Die zwei dort, an der höchsten Wonne reich, Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten, Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich. Der Vater sitzt zu, ihrer linken Seiten, Des kühner Gaum der Menschheit fort und fort Zu kosten gibt so herbe Bitterkeiten. Sieh rechts der heilgen Kirche Vater dort, Dem dieser Blume Schlüssel übergeben Auf Erden hat der Heiland, unser Hort. Und jener, welcher noch im Erdenleben Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt, Die Wundenmal erwarben, sitzt daneben. Neben dem andern sitzt, in Ruh beglückt, Des Volkes Führer, das der Herr mit Manna Trotz Undanks, Tück und Wankelmuts erquickt Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna Und blickt die Tochter so zufrieden an, Daß sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna. Und gegenüber sitzt dem ersten Ahn Lucia, die die Herrin dir gesendet, Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn. Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet, Drum tun wir, wie der gute Schneider tut, Der, soviel Zeug er hat, ins Kleid verwendet. Die Augen richten wir aufs höchste Gut Und dringen so, indem wir nach ihm sehen, So tief als möglich in die reine Glut. Gewiß, und nicht vielleicht, muß rückwärts gehen, Wer vorwärts hier die kühnen Flügel schwingt,
354 Denn Gnad erlangt man hier allein durch Flehen; Gnade von jener, die dir Hilfe bringt, Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe Zu ihr empor mit meinem Worte dringt." Und also betet er mit brünstgem Triebe: Dreiunddreißigster Gesang "O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns, Demütger, höher, als was je gewesen, Ziel, ausersehn vom Herrn des ewgen Throns, Geadelt hast du so des Menschen Wesen, Daß, ders erschaffen hat, das höchste Gut, Um sein Geschöpf zu sein, dich auserlesen. In deinem Leib entglomm der Liebe Glut, An der die Blume hier äu ewgen Wonnen Entsprossen ist, in ewgem Frieden ruht. Die Lieb entflammst du, gleich der Mittagssonnen, In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit, Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen. Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit, Daß Gnade Suchen und zu dir nicht flehen, Wie Flug dem Unbeflügelten gedeiht. Du pflegst dem Armen huldreich beizustehen, Der zu dir fleht, ja öfters pflegt von dir Die Gabe frei dem Flehn vorauszugehen. In dir ist Huld, Erbarmen ist in dir, In dir der Gaben Fülle—ja, verbunden. Was Gutes das Geschöpf hat, ist in dir. Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein, Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden, Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleihn, Daß er die Augen höher heben könne, Und seinen Blick fürs höchste Heil zu weihn. Und ich, der ich mehr für sein Schauen brenne, Als für mein eignes je, wie dir bewußt, Ich fleh, und das, was ich gefleht, vergönne! Nimm ihm der Erde Nacht von Aug und Brust Und flehe du für ihn, daß sich entfalten Vor seinen Augen mag die höchste Lust.
355 Noch bitt ich, Königin, dich, die du walten Kannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn, Gesund des Herzens Neigung zu erhalten. Laß ihn der irdschen Regung widerstehn; Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte Mit mir zugleich, die Hände faltend, flehn!" Die Augen, die Gott liebt und wert halt, kehrte Sie fest dem Redner zu und zeigte drin, Ihr sei das fromme Flehn von hohem Werte. Dann blickten sie zum ewgen Lichte hin; Und einen Blick so klar dorthin zu senden Wie sie, vermag nicht des Geschöpfes Sinn. Dem Ziel, zu dem sich alle Wünsche wenden, Mich nähernd, fühlt in meinem Innern ich So, wie ich mußte, jede Sehnsucht enden. Und lächelnd winkte Bernhard mir, daß sich Mein Auge nun empor zum Höchsten richte; Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich. Denn stets wards klarer mir vorm Angesichte, Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan Mein Blick zum hohen, in sich wahren Lichte. Und tiefer, größer war mein Schaun fortan, Daß solchen Blick die Sprache nicht bekunden, Nicht die Erinnerung ihn fassen kann. Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden, Tief eingeprägt, das Herz noch lang erfüllt, Wenn das, was er geträumt, ihm schon entschwunden; So bin ich, dem beinah sein Traumgebild Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt. So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Toren Die Sonn erwärmend steigt; so war beim Wind In leichtem Staub Sibyllas Spruch verloren.— O höchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt, So weit zurückläßt, leih itzt meiner Seele Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt. Mach itzt, daß Kraft die Zunge mir beseele, Damit ein Funke deiner Glorie nur Der Nachwelt bleib in dem, was ich erzähle. Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr, Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,
356 Dann sieht man klarer deiner Siege Spur. Mich hätte, glaub ich, ganz der Blitz geblendet, Den ich von dem lebendgen Strahl empfand, Hätt ich von ihm die Augen abgewendet. Und ich erinnre mich: mein Mut erstand Durch ihn, die Blitze kühner zu ertragen, Bis sich mein Blick der ewgen Kraft verband. O überreiche Gnad! Ich dürft es wagen, Fest zu durchschaun des ewgen Lichtes Schein Und ins Unendliche den Blick zu tragen. Er drang bis zu den tiefsten Tiefen ein; Die Dinge, die im Weltall sich entfalten, Sah ich durch Lieb im innigsten Verein. Wesen und Zufall, ihre Weis, ihr Walten, Dies alles war in eines Lichtes Glanz, In eines unvermischten Lichts, enthalten. Die Form, die allgemeine, dieses Bands, Ich sah sie, glaub ich; denn den Schatten gleichen Die Bilder nur, und Wonne füllt mich ganz. Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen, Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt Der Argo nach Neptunus fernsten Reichen. Scharf, unbeweglich schaut in solcher Art Die Seele nach dem göttlichen Gesichte, Drob sie stets mehr im Schaun entzündet ward. Und also wird man dort bei jenem Lichte, Daß es nicht sein kann, daß man, abgewandt Von ihm, je anderwärts die Augen richte, Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand, Ganz in sich faßt und ärmlich und voll Schwächen All andres zeigt, was man vollkommen fand. Kurz werd ich nun von dem Geschauten sprechen, Und sprechend stell ich mich als Kindlein dar, Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen. Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar, Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte; Denn jener bleibt so, wie er immer war, Nur weil im Schaun sich meine Sehkraft mehrte, Schiens, daß verwandelt jener eine Schein, Sich mir, der selbst verwandelt war, verklärte. Zum tiefen, klaren Lichtstoff drang ich ein,
357 Da schienen mir drei Kreise, dort zu sehen, Dreifarbig und an Umfang gleich zu sein. Wie Iris in der Iris glänzt, so zween Im Widerschein—der dritte, Glut und Licht, Schien gleich von hier aus und von dort zu wehen. Wie kurz, wie rauh mein Wort für solch Gesicht! Und dem, was zu erschaun mir ward beschieden, Genügen wenig schwache Worte nicht. O ewges Licht, allein in dir in Frieden, Allein dich kennend und von dir erkannt, Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden, Als ich zur Kreisform, die in dir entstand, Wie widerscheinend Licht, die Augen wandte, Und sie verfolgend mit den Blicken stand, Da schiens, gemalt in seiner Mitt erkannte, Mit eigner Farb, ich unser Ebenbild, Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte. Wie eifrig strebend, aber nie gestillt, Der Geometer forscht, den Kreis zu messen, Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt; So ich beim neuen Schaun—ich wollt ermessen, Wie sich das Bild zum Kreis verhielt, und wie Die Züge mit dem Licht zufammenflössen. Doch dies erflog der eigne Fittich nie, Ward nicht mein Geist von einem Blitz durchdrungen, Der, was die Seel ersehnt hatt, ihr verlieh. Hier war die Macht der Phantasie bezwungen, Doch Wunsch und Will, in Kraft aus ewger Ferne, Ward, wie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen, Durch Liebe, die beweget Sonn und Sterne.