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Published by gabriel-berger, 2021-10-19 01:52:36

2008: Die Angst der Täter vor ihren Opfern

Gross

(2008)
Die Angst der Täter vor ihren Opfern

Anmerkungen zu Jan T. Gross’ Buch „Angst“

An Jan T. Gross scheiden sich in Polen die Geister. Niemanden
lässt er kalt. Für die meisten ist er ein Störenfried, ein selbstge-
rechter Moralist, der brutal und rücksichtslos in alte, längst ver-
heilte Wunden sticht. Für viele ist er ein antipolnischer Provoka-
teur, Lügner und pathologischer Nestbeschmutzer. Für wenige ein
Befreier von der unerträglichen Last des Schweigens über Unta-
ten, die, obwohl Jahrzehnte zurückliegend, das Gewissen und
Selbstverständnis der ganzen Nation belasten.
Bereits sein 2000veröffentlichtes Buch „Die Nachbarn“, über den
kollektiven Mord der Bewohner des Dorfes Jedwabne an Hunder-
ten jüdischen Nachbarn während der deutschen Besatzung im
Jahre 1941, löste in der polnischen Gesellschaft Schockwellen
aus. Die polnische Nation, die sich im historischen Rückblick bis-
lang ausschließlich in Kategorien von Opfern und Helden zu se-
hen gewohnt war, wurde mit der unannehmbaren Tatsache kon-
frontiert, auch Täter hervorgebracht zu haben, die mitleidlos, mit
fanatischer Begeisterung und Erregung Menschen gejagt, gequält
und ermordet haben, nur weil sie Juden waren. Hinzu kommt, dass
die Täter weder verhaltens- noch milieugestört, gute Familienväter

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und bislang unbescholtene Bürger, mithin gewöhnliche Bewohner
eines Dorfes gewesen sind. Sie haben gemordet, nicht auf Befehl
der Deutschen, vielmehr weil die deutschen Besatzer es ihnen er-
laubt haben. „Kollaboration“ mit den deutschen Besatzern, ein im
polnischen Selbstverständnis höchstes, doch vermeintlich selte-
nes Verbrechen, schien plötzlich, zumindest bezogen auf die Ein-
wohner des Dorfes Jedwabne und die Ermordung der Juden ganz
selbstverständlich gewesen zu sein. Eine unglaubliche Schmach
für die polnische Nation, die sich aber, Gott sei Dank, nur in einem
polnischen Dorf zugetragen hat. Damit konnten, nach der lang
währenden Diskussion über Jedwabne, viele Polen ihr nationales
Gewissen beruhigen und zur Tagesordnung übergehen. Doch
weit gefehlt, denn der notorische Provokateur Jan. T. Gross legte
nach. Im Jahre 2008 Erschien sein nächstes Werk „Angst“, Unter-
titel „Der Antisemitismus in Polen unmittelbar nach dem Krieg. Die
Geschichte des moralischen Verfalls.“ Darin weist Gross nach,
dass der kollektive Mord in Jedwabne nur die Spitze des Eisbergs
der Mittäterschaft von Polen an der nationalsozialistischen „End-
lösung“ gewesen ist.
Anhand unzähliger mündlicher und schriftlicher Erinnerungen, von
Intellektuellen, polnischen Diplomaten der Vorkriegsregierung,
einfachen Bürgern und Zuschauern von Massakern rekonstruiert
er das Horrorszenario von Gleichgültigkeit, allgemeiner Zustim-
mung bis hin zu unzähligen Fällen von Mittäterschaft bei der von

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den Nazis organisierten Ermordung von drei Millionen polnischer
Juden, sowie die Unfähigkeit der meisten Polen, über das fast voll-
ständige Verschwinden ihrer jüdischen Nachbarn nach dem Krieg
zu trauern. Man könnte meinen, dass sich der Titel des Buches
auf die Angst der Juden vor ihren deutschen und polnischen Mör-
dern bezieht, ein Motiv, das sich durch das Ganze Buch hindurch
zieht. Gross bezieht sich hier aber eher auf die polnische Nach-
kriegssituation und die Angst der Täter vor denjenigen Opfern, die
überlebten und deshalb Zeugen ihrer Untaten sein konnten, sowie
vor der Handvoll jüdischer Rückkehrer, die ihr inzwischen von pol-
nischen Nachbarn in Beschlag genommenes Eigentum zurückfor-
dern könnten. Das ist auf polnischen Dörfern und in Kleinstädten
das Hauptmotiv für die Nachkriegsmorde an Juden gewesen, de-
nen nach Gross bis zu 2500 Menschen zum Opfer fielen. Andere
Quellen geben weit höhere Zahlen an.
Gross thematisiert mithin in seinem Buch zwei in Polen mit einem
strengen Tabu belegte Verbrechensszenarien. Zum einen geht es
hier um die in der polnischen Historiographie bislang bestrittene
Mittäterschaft der polnischen Bevölkerung an der von den Nazis
organisierten „Endlösung der Judenfrage“, zum anderen um die
weitgehend verschwiegenen Morde der polnischen Nachkriegsbe-
völkerung an Juden, die den Holocaust überlebt haben und um die
die von den kommunistischen Behörden hingenommene und ge-
förderte Massenflucht von Juden aus Polen als Folge der Morde.

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Gross ist ein Moralist, der der polnischen Gesellschaft einen Spie-
gel vorhält und einige der nationalen Mythen, welche in Polen seit
der staatlicher Wiedergeburt im Jahre 1918 und nach 1945 ge-
pflegt werden, gnadenlos zerreißt.
Dass Gross sein Buch mit einer überwältigenden Menge an Erin-
nerungen von Zeugen der polnischen Massaker an Juden in der
Zeit deutscher Okkupation beginnt, hat, besonders für polnische
Leser, eine schockierende Wirkung. Hautnah wird die Treibjagd
polnischer Polizisten und Bauern auf Juden beschrieben, die sich
der nationalsozialistischen „Endlösung“ durch Flucht entziehen
wollen. Sie wurden meist nicht den deutschen Behörden überge-
ben, vielmehr vor Ort sofort massakriert. Man bekommt den Ein-
druck, dass die daran beteiligten Polen in Uniform wie in Zivil die
ihnen von Okkupanten übertragene Aufgabe mit Begeisterung er-
füllt haben, dass sie schon immer darauf gewartet haben, mit ih-
ren jüdischen Nachbarn, oftmals ehemaligen Spielgefährten oder
Schulkameraden, endgültig abzurechnen. „Franek, wohin führst
du mich?“ sprach der Jude Magik den Bauern Konopko mit seinem
Vornamen an, bevor der ihm auf dem jüdischen Friedhof im ost-
polnischen Dorf Szczuczyna mit einem Holzknüppel den Schädel
zerschmetterte. (309) Für Morde an einigen Hundert Juden, die
sich in der Region Swietokrzyż versteckt hatten, mussten sich
nach dem Krieg über 250 Personen vor Gericht in Kielce verant-

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worten. (36) Aus den Prozessakten ist zu schlussfolgern, dass ei-
nes der Grundmotive der Mörder die Bereicherung am Vermögen
der Opfer gewesen ist. Das kann verallgemeinernd für die meisten
der in die Tausende gehenden Morde an Juden gesagt werden.
Deren genaue Zahl wird nie ermittelt werden können. Gross gibt
zu bedenken, dass von den drei Millionen polnischer Juden, die
Opfer der nationalsozialistischen „Endlösung“ geworden sind,
etwa die Hälfte in Konzentrationslagern ermordet wurde. Die an-
dere Hälfte ist vor Ort sofort massakriert worden, entweder durch
deutsche „Einsatzkommandos“ oder durch die polnische Bevölke-
rung.

„Die Morde wurden durch Erschießung, mit Äxten oder Holz-
knüppeln verübt. Täter waren polnische Angehörige der dunkel-
blauen Polizei, Mitglieder der lokalen Partisanenabteilungen
unterschiedlicher Formationen (NSZ, AK, BCh und anderer),
sowie Bauern, die über Waffen verfügten.“(36)
In seiner Autobiografie kommentiert der Schriftsteller Tadeusz
Konwicki seine Teilnahme am Partisanenkampf der Heimatar-
mee (AK) in der Region Vilnius mit den offenen Worten: „Meine
Einheit hat wirklich Juden gejagt.“ (36)
Dabei sei es, zitiert Gross historische Dokumente, „zu Akten
physischer und psychischer Gewalt an gefassten Menschen
gekommen: Vergewaltigung der Frauen, Schlagen und Treten,
Schubsen und Stossen, verbales Beleidigen und Erniedrigen“

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Kein Volk Europas, schreibt Gross, sei so unmittelbar und offen
mit der nazistischen „Endlösung“ konfrontiert gewesen, wie das
polnische. Nirgendwo seien die Menschen so sehr der Probe der
Mitmenschlichkeit und der Versuchung der Mittäterschaft ausge-
setzt gewesen, wie in Polen. Während in Deutschland und West-
europa von einer gewissen Diskretion der Massentötung gespro-
chen werden konnte, geschah sie in Polen beinahe vor jeder
Haustür, mit Millionen Zeugen jeden Alters, was besonders auf die
polnischen Kinder extrem demoralisierend und abstumpfend ge-
wirkt habe. Man hat sich als Pole an den Anblick der Morde ge-
wöhnt und wiegte sich in der vagen Sicherheit, nicht selbst poten-
tielles Opfer dieser Treibjagd zu sein. Das stärkte bei den einen
die Motivation, auf eigene Faust zu Morden und zu rauben, bei
den anderen die Angst, nach Beendigung der „Endlösung der Ju-
denfrage“ als nächstes Volk mit der Ausrottung an der Reihe zu
sein.
Natürlich gab es in Polen auch Tausende Menschen, die aus un-
terschiedlichen Motiven Juden geholfen haben, wovon die in Je-
rusalem für die „gerechten der Völker“ gepflanzten Bäume zeu-
gen. Ein Ruhmesblatt der polnischen Geschichte hat besonders
die katholische Untergrundorganisation „Żegota“ geschrieben, de-
ren Hauptaufgabe die Rettung von Juden gewesen ist. Im Be-
wusstsein des humanistisch gesinnten Teils der Nachkriegspolen

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verbindet sich mit diesem Namen die Haltung der gesamten pol-
nischen Nation während der deutschen Besatzung. Die dunklen
Seiten werden schlicht ausgeblendet. Doch gerade die von
„Żegota“ vertretene Haltung bezeugt in dramatischer Weise den
tiefen Konflikt zwischen dem polnischen und dem jüdischen Be-
völkerungsteil in der Vorkriegsgesellschaft. Die Schriftstellerin Zo-
fia Kossak-Szczucka, aktive Teilnehmerin der Aktionen zur Ret-
tung der Juden durch die Untergrundbewegung „Zegota“, richtete
sich 1942 mit dem folgenden, von Gross leider nur zum Teil zitier-
ten, Aufruf an das polnische Volk:

„Erheben wir, Katholiken und Polen, unsere Stimme. Unsere
Gefühle gegenüber Juden bleiben unverändert. Wir betrachten
sie nach wie vor als die politischen, wirtschaftlichen und ideel-
len Feinde Polens! Darüber hinaus wissen wir, dass sie uns
mehr als die Deutschen hassen, dass sie uns für ihr Unglück
verantwortlich machen. Doch die Kenntnis dieser Gefühle be-
freit uns nicht von der Pflicht, die Verbrechen (an den Juden) zu
verurteilen.

Verhalten wir uns nicht wie Pilatus. Wir haben keine Möglich-
keiten, uns aktiv den von Deutschen begangenen Morden ent-
gegenzustellen, doch unser Protest kommt aus der Tiefe unse-
rer Herzen, die von Mitleid, Empörung und Grauen erregt wer-
den. Wer sich unserem Protest nicht anschließt ist kein Katho-
lik.“

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Hier sehen wir das tiefe, von Gross thematisierte Dilemma des polni-
schen Volkes während der deutschen Besatzung. Unter den dreißig Pro-
zent nichtpolnischer Bevölkerung auf dem Territorium Polens, waren
etwa zehn Prozent Juden, die von den meisten Polen als Fremde, als
Besatzer betrachtet wurden, obwohl sie bereits seit etwa 500 Jahren in
Polen lebten. Zusätzlich galten in dem mittelalterlichen christlichen Ver-
ständnis vieler Polen Juden als Gottesmörder und nicht selten als Vam-
pire, die Christenblut in ihre Pessach-Mazzen mischen. Außerdem
wurde ihnen, trotz der zum Teil schreienden Armut der Städtel, der
Reichtum geneidet. Zudem wurden sie kollektiv verdächtigt, im Rahmen
einer jüdisch-bolschewistischen Verschwörung Polen an die Sowjet-
union verkaufen zu wollen. Gründe, Juden zu hassen, hatten die Polen
mithin genug. Jedoch als Christen waren sie zur Nächstenliebe ver-
pflichtet. So hat also Zofia Kossak-Szczucka trotz ihrer tiefen antisemiti-
schen Überzeugung Juden geholfen, wie Tausende andere Polen und
überzeugte Katholiken.

Doch hier beginnt das Drama der polnischen Nachkriegsgesellschaft.
Denn die heldenhaften „Gerechten der Völker“, die Juden versteckt und
so dem Zugriff durch die Häscher entzogen haben, mussten sich nach
dem Krieg vielfach dafür vor ihren polnischen Nachbarn verantworten.
Gross bezeugt zahlreiche Fälle, in denen polnische Judenretter nach
dem Krieg der Ausgrenzung und Beschimpfung durch Nachbarn in dem
Masse ausgesetzt waren, dass sie sich genötigt sahen, den Wohnort zu
wechseln. Er relativiert auch im starken Masse die vermeidlich edlen In-
tentionen der Bauern, die Juden versteckt haben. Sie taten es meistens
für Geld. Dagegen wäre zunächst nichts einzuwenden, denn schließlich

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hatten die Bauern auch Kosten und auf das Verstecken von Juden stand
die Todesstrafe der deutschen Besatzer. Doch oft wurden die Juden
schließlich von ihren „Rettern“ getötet. Und nicht selten haben sich die
„Judenretter“ an Treibjagden auf geflohene Juden beteiligt. Zudem gal-
ten Bauern, die Juden versteckten, in Augen der Nachbarn als reich und
wurden deshalb ihrerseits oftmals aus Habgier getötet und ausgeraubt.

Der unerträgliche Zustand der Demoralisierung der ganzen Gesellschaft
angesichts der monströsen nazistischen „Endlösung“, den Gross in sei-
nem Buch entlarvt, wäre zwar nicht entschuldbar, aber mit großem
Wohlwollen psychologisch erklärbar. Dem folgte aber nach dem Krieg
der Zustand allgemeiner Mitleidlosigkeit für die wenigen Überlebenden
der Massaker und noch mehr, der frei ausgelebte Unwille der Bevölke-
rung von ostpolnischen Dörfern und Kleinstädten über die Rückkehr ei-
ner Handvoll Juden. Es begann ein neuer Akt des unwürdigen Szenarios
des Kampfes ethnischer Polen gegen die vermeidlich fremden jüdischen
Nachbarn, der schließlich mit dem endgültigen Sieg der Polen endete:
mit der Ermordung von vermutlich einigen Tausend und der Vertreibung
fast aller Juden. Von den ca. 3,2 Millionen Juden in Vorkriegspolen und
250.000 im Nachkriegspolen sind schließlich Ende der siebziger Jahre
etwa 4000 geblieben.

Der in Polen von Historikern oft thematisierte Pogrom von Kielce im
Jahre 1946, mit seinen „nur“ 42 Todesopfern löste eine Massenflucht
von Juden aus Polen aus. Er wurde von dem Gerücht ausgelöst, ein
christlicher Junge sei von Juden entführt worden, um bei dem bevorste-
henden Pessachfest sein Blut für Mazzen zu verwenden. Der absurde,

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mittelalterliche Vorwurf löste einen Wutausbruch der ganzen polnischen
Bevölkerung der Stadt gegen eine Handvoll Juden aus. An den Pogrom-
aktionen, die zu grausamen Morden in der Stadt, aber auch an zufälligen
Bahnpassagieren mit „jüdischem Aussehen“ führten, beteiligten sich be-
sonders viele uniformierte Polizisten, Eisenbahner und Arbeiter aus um-
liegenden Betrieben. Gross weist nach, dass es nach dem Krieg zu
Pogromen an mehreren Orten Ostpolens, darunter in Krakau und Cze-
stochowa, kam, die alle den gleichen mittelalterlichen Anlass hatten.
Darüber hinaus kam es in ganz Ostpolen zu Übergriffen auf heimkeh-
renden Juden durch ihre ehemaligen Nachbarn, deren Motiv es meis-
tens war, dass die einstmals von Juden bewohnten Häuser inzwischen
von Polen belegt waren. „Schmul, du lebst noch?!“ In einer Frage wie
diese äußerte sich die mit Erschrecken verbundene Verwunderung der
Polen angesichts des Erscheinens eines jüdischen Nachbarn nach dem
fast vollständigen Massenmord.

Gross analysiert die Haltung verschiedener sozialer wie politischer
Gruppierungen in Polen zu den antijüdischen Ausschreitungen während
und nach dem Krieg. Dabei kann er nur einer Handvoll von Intellektuel-
len und Vertretern der Londoner Exilregierung ein positives Zeugnis aus-
stellen. Es fällt der Name des Emissärs der polnischen Regierung Jan
Karski. Sie hatten in der Nazizeit das Grauen der Judenvernichtung ar-
tikuliert und nach dem Krieg ihr Entsetzen über die Welle des Antisemi-
tismus geäußert. Ein vernichtendes Urteil fällt Gross über die Haltung
der katholischen Kirche in Polen nach dem Pogrom von Kielce. Der Kle-
rus habe sich fast in seiner Gesamtheit mit öffentlichen Erklärungen und

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Schreiben an westliche Regierungen der in der Bevölkerung herrschen-
den antisemitischen Haltung angeschlossen und die Juden für schuldig
für die „gerechte Wut des Volkes“ erklärt. Hauptgrund dafür sie sei die
kollektive Kooperation der Juden mit den kommunistischen Machtha-
bern gewesen, ein bis heute in Polen vorherrschendes Klischee. Zum
anderen sei die Verwendung des Blutes von christlichen Kindern für Ma-
zzen durch die Juden keineswegs auszuschließen. Außerdem wurde die
Organisierung des Pogroms von Kielce den Machthabern, mithin den
Juden selbst, angelastet. Das ist im Übrigen die bis heute in Polen vor-
herrschende Interpretation der Vorgänge im Juli 1946 in Kielce. Der ein-
zige katholische Würdenträger, der sich von der Diffamierung der Juden
strikt distanzierte, war Bischof Teodor Kubina aus Częstochowa. Seine
öffentliche Stellungnahme gegen „das Verbrechen von Kielce“ wurde je-
doch von der Konferenz des polnischen Episkopats strikt zurückgewie-
sen.

Doch auch den Arbeitern stellt Gross ein denkbar schlechtestes Zeugnis
aus. Die kommunistischen Behörden organisierten in Industriebetrieben
Meetings, in denen die Belegschaften ihre Ablehnung des Pogroms von
Kielce artikulieren sollten. In den meisten Betrieben lehnten die Mitar-
beiter solche Erklärungen ab und nahmen sie erst nach massiver be-
hördlicher Drohung an. In Lodz kam es zu Massenstreiks von Arbeitern,
die sich öffentlich mit den vor Gericht stehenden Mördern von Kielce so-
lidarisierten.

Gross unterstreicht die besonders zahlreiche Teilnahme von Polizisten
und Soldaten an antijüdischen Übergriffen der Nachkriegszeit. Das ist

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besonders bei Polizisten verwunderlich, die doch eine staatstragende
Aufgabe zu erfüllen hatten. Gross erklärt diesen Tatbestand damit, dass
für die Polizei Bauernjungen rekrutiert wurden, die sich aber wenige
Jahre zuvor unter der deutschen Besatzung an der Judenverfolgung be-
teiligt hätten und unter den neuen Machthabern ganz selbstverständlich
das Morden fortsetzten.

Schließlich versucht Gross die Frage zu klären, wie sich der neue kom-
munistischen Machtapparat, dem das Volk unterstellte „verjudet“ zu
sein, zu den Pogromen stellten. Und da kommt er zu dem erstaunlichen
Schluss, dass es eine ungeschriebene und unausgesprochene Kompli-
zenschaft der Machthaber mit den Judenmördern gab. Denn erstens,
war die juristische Verfolgung der Täter der Kriegs- wie Nachkriegszeit
sehr halbherzig. Trotz eindeutig belastender Fakten wurden nur wenige
verurteilt. Zum anderen war die kommunistische Führung, die als sow-
jetische Fremdherrschaft interpretiert wurde und keine Legitimation im
Volk hatte, nicht an Konflikten mit dem Volk interessiert. Die durch die
Pogrome ausgelöste Massenflucht der Juden aus Polen sei den Macht-
habern sehr entgegengekommen, weil sie einen in der polnischen Ge-
sellschaft schwelenden und schwer zu beherrschenden Konflikt ent-
schärft habe. Deshalb sei die Staatsmacht, so schreibt Gross, mit dem
polnischen Volk einen Deal eingegangen: Wir vergessen eure Untaten
in der Kriegs- und Nachkriegszeit und ihr steht unserer Herrschaft nicht
im Wege. Das hieße aber im Klartext: Nicht die Juden haben die Nach-
kriegsherrschaft in Polen stabilisiert, sondern die Judenmörder.

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Man kann den Aufschrei in Polen gegen das Buch von Gross gut verste-
hen.
Ein Mangel des Buches ist allerdings, dass Gross mit der Beschreibung
der antijüdischen Exzesse der polnischen Bevölkerung in der Nazizeit
beginnt. Für das Verständnis der Haltung der Polen während der deut-
schen Besatzung ist aber die Kenntnis der extrem antisemitischen Ver-
hältnisse in Vorkriegspolen unerlässlich.

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