@suptix_magazin
2WAS IST Suptix?Suptix ist ein von der EU gefördertes Projekt, das einen klaren Auftrag hat: soziale Ungerechtigkeiten sichtbar machen und offenlegen, wo Accessibility gelingt – und wo sie scheitert. Unser Zentrum liegt in Graz, wo der Großteil unserer Aktivitäten, Recherchen und Begegnungen stattfindet.Wir möchten, dass Suptix mehr ist als ein Magazin: Es soll ein Community-Projekt werden, das gemeinsam mit den Menschen wächst, die unseren Alltag, unsere Stadt und unsere Ideen prägen. Unser Magazin erscheint online und wird laufend erweitert – nicht nur von uns, sondern auch mit Unterstützung jener Community, die wir Schritt für Schritt aufbauen.Jeder Artikel wird zusätzlich als Instagram-Posting aufbereitet, damit unsere Themen dort ankommen, wo viele Diskussionen heute stattfinden: in den sozialen Medien. Wir hoffen, dass Sie mitverfolgen, wie Suptix sich entwickelt, wie es größer wird, mehr Menschen erreicht und – im besten Fall – auch etwas verändert.Das Projekt läuft bis Ende Juni. Bis dahin arbeiten wir mit voller Kraft daran, Barrieren sichtbar zu machen und Lösungen mitzugestalten. Egal, wo Sie diesen Text gerade lesen: Es bleibt spannend – versprochen.
3WAS IST Accessibillity?Accessibility auf Deutsch meist mit „Barrierefreiheit“ übersetzt beschreibt die Gestaltung von Produkten Dienstleistungen und Umgebungen so dass sie für möglichst viele Menschen zugänglich und nutzbar sind Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderungen sondern um ein universelles Designprinzip das letztlich allen zugutekommtIm digitalen Kontext bedeutet Accessibility beispielsweise dass Websites auch von Screenreadern gelesen werden können Videos Untertitel enthalten oder Inhalte klar strukturiert und verständlich aufbereitet sind Im analogen Raum umfasst sie unter anderem Rampen für Rollstuhlfahrer taktile Leitsysteme für sehbeeinträchtigte Menschen oder leicht verständliche Sprache in öffentlichen InformationenDoch Accessibility ist mehr als nur eine technische oder bauliche Maßnahme sie ist eine Haltung Sie stellt die Frage Wer wird mitgedacht und wer bleibt ausgeschlossenGerade in einer zunehmend digitalisierten Welt wird Barrierefreiheit immer wichtiger Wer etwa Online Banking nutzt ein Ticket bucht oder sich über Gesundheitsinformationen informiert sollte dies unabhängig von körperlichen oder kognitiven Voraussetzungen tun können Fehlt diese Zugänglichkeit entstehen unsichtbare Barrieren die Menschen systematisch ausschließenDabei zeigt sich Viele Lösungen die ursprünglich für Menschen mit Einschränkungen entwickelt wurden erleichtern auch anderen den Alltag Untertitel helfen nicht nur Hörgeschädigten sondern auch Menschen in lauter Umgebung Klare Navigation unterstützt alle Nutzerinnen und Nutzer unabhängig von Alter oder technischer ErfahrungIn Europa gewinnt das Thema zunehmend an Bedeutung Mit dem European Accessibility Act werden Unternehmen verpflichtet bestimmte Produkte und Dienstleistungen barrierefrei zu gestalten Das ist ein wichtiger Schritt doch echte Accessibility geht über gesetzliche Mindestanforderungen hinausDenn letztlich stellt sich eine einfache Frage Wollen wir eine Gesellschaft die nur für einen Teil funktioniert oder für alleAccessibility ist kein Zusatz Sie ist ein Grundprinzip guter Gestaltung Und ein Maßstab dafür wie inklusiv unsere Welt wirklich ist
4Eine Stadt lebt von Vielfalt. Doch damit sich wirklich alle Menschen gleichermaßen wohlfühlen können, braucht es mehr als Rampen, Niederflurbusse und taktile Leitsysteme. Barrierefreiheit beginnt oft dort, wo man sie nicht sieht – im Umgang mit psychischen Erkrankungen und den Herausforderungen des Alltags.Die Zahl der dokumentierten psychischen Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Manche Expert*innen sprechen bereits von einem „neuen Zeitalter“ der psychischen Gesundheit. Beratungsund Unterstützungsangebote wachsen langsam, aber stetig. Was jedoch nach wie vor selten im öffentlichen Fokus steht, sind jene alltäglichen Situationen, die Betroffenen das Leben unnötig schwer machen.Psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Schizophrenie oder Autismus können den ganz normalen Alltag massiv beeinflussen – und zwar für jede betroffene Person auf völlig unterschiedliche Weise. Häufig geht es um Menschenmengen, um Lärm, um unvorhersehbare Abläufe. Reizüberflutung durch grelles Licht, ständige Bewegung oder akustisches Durcheinander kann dazu führen, dass selbst kurze Wege oder kleine Besorgungen zu echten Hürden werden.In Graz betrifft das insbesondere die neuralgischen Punkte der Stadt: Hauptund Jakominiplatz während der Stoßzeiten, dauernde Baustellen in der Innenstadt, verwirrende Kreuzungen oder die überfüllten Passagen großer Einkaufszentren. Orte, die für viele nur lästig sind, werden für andere zu Stresspunkten – oder schlicht zu Zonen, die man lieber meidet. Ein bemerkenswertes positives Beispiel kommt ausgerechnet aus dem Lebensmittelhandel. Die Supermarktkette Billa bietet in ihrer Filiale in der Theodor-Körner-Straße täglich von 14 bis 15 Uhr eine „Stille Stunde“ an. Musik und Durchsagen werden ausgeschaltet, das Personal ist speziell geschult. Menschen mit Autismus oder anderen Formen sensorischer Sensibilität können hier weitgehend reizarm einkaufen. Ein kleiner Eingriff – mit großer Wirkung. Doch noch ist dieses Angebot in Graz ein Einzelfall.Graz hat in den letzten Jahren viel dafür getan, das Thema psychische Gesundheit stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Die Diskussion ist angekommen. Was nun fehlt, sind Räume, Angebote und Strukturen, die Betroffenen den Alltag tatsächlich erleichtern – sichtbar, spürbar und stadttauglich.Denn psychische Gesundheit braucht nicht nur Aufmerksamkeit. Sie braucht Platz. Und dieser Platz sollte auch in Graz entstehen. Graz hat in den letzten Jahren viel dafür getan, das Thema psychische Gesundheit stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Die Diskussion ist angekommen. Was nun fehlt, sind Räume, Angebote und Strukturen, die Betroffenen den Alltag tatsächlich erleichtern – sichtbar, spürbar und stadttauglich.Denn psychische Gesundheit braucht nicht nur Aufmerksamkeit. Sie braucht Platz. Und dieser Platz sollte auch in Graz entstehen.wRaum für psychische Gesundheit in Graz
Was ist Hostile Architecture?5schlich oder unethisch bewertet.Als Gegenbewegung gewinnt ein human-centered Design zunehmend an Bedeutung. Dieses setzt auf inklusiven Städtebau, der Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten für alle schafft und soziale Lösungen in den Vordergrund stellt, anstatt durch bauliche Abschreckung bestimmte Gruppen auszuschließen.Aufenthalt unangenehm zu machen. Hinter diesen Maßnahmen steht meist das Ziel, „Ordnung“ und „Sicherheit“ herzustellen, unerwünschte Nutzungen zu verdrängen und Privateigentum sowie das Image bestimmter Orte zu schützen. Das zentrale Problem dabei ist jedoch, dass die sozialen Ursachen – etwa Obdachlosigkeit oder fehlende Aufenthaltsräume für Jugendliche – nicht gelöst, sondern lediglich aus dem öffentlichen Blickfeld verbannt werden.Kritik an Hostile Architecture richtet sich vor allem gegen ihre soziale Wirkung: Sie trifft in erster Linie marginalisierte Gruppen, verlagert bestehende Probleme, statt sie nachhaltig anzugehen, und widerspricht der Idee des öffentlichen Raums als Ort, der allen Menschen offenstehen sollte. Daher wird sie häufig als unmenArchitektur wird so entworfen, dass sie unbequem, abschreckend oder unbenutzbar für bestimmte Gruppen ist – oft für obdachlose Menschen, Skater:innen oder Jugendliche. Hostile Architecture zeigt sich in vielen alltäglichen Gestaltungsdetails des öffentlichen Raums. Dazu zählen etwa Parkbänke mit Armlehnen oder Trennstegen, die verhindern, dass Menschen darauf liegen können, ebenso wie Metallspikes auf Fensterbänken oder vor Gebäuden, die Sitzen oder Schlafen unmöglich machen. An Haltestellen finden sich häufig schräge Sitzflächen, die lediglich ein kurzes Anlehnen erlauben, während Noppen oder Metallstifte auf Mauern und Kanten gezielt das Skaten verhindern. Teilweise wird auch Dauerbeschallung mit hohen Frequenzen eingesetzt, um insbesondere Jugendliche zu vertreiben oder ihnen den
6Auch im digitalen Raum zeigen sich diese Herausforderungen konkret. Wie internationale Studien zum „digital divide“ belegen, ist nicht nur der Zugang zu digitalen Technologien entscheidend, sondern vor allem deren Nutzbarkeit. Diese Problematik spiegelt sich auch im Alltag in Graz wider: Universitäre Plattformen, Behörden-Websites oder digitale Services sind nicht immer barrierefrei gestaltet, was insbesondere für Menschen mit Seh- oder kognitiven Einschränkungen zu erheblichen Hürden führt. Forschung zeigt, dass Menschen mit Behinderungen digitale Angebote seltener nutzen und häufiger auf Unterstützung angewiesensind (Seale, 2014; World Health Organization, 2023). Fehlende Accessibility verhindert somit,dass Digitalisierung ihr inklusives Potenzial entfalten kann (W3C, 2018; WebAIM, 2024).Echte Teilhabe ist mehr als ZugangAccessibility ist längst nicht mehr nur ein technisches Detail, sondern ein zentraler Indikator für gesellschaftliche Teilhabe, auch auf lokaler Ebene, etwa in Graz. Aktuelle Forschung zeigt, dass Barrieren sich weniger im fehlenden Zugang selbst manifestieren, sondern zunehmend in der Qualität der Nutzung und der Möglichkeit zur gleichwertigen Teilnahme. Besonders deutlich wird dies im Bildungsbereich. An Grazer Hochschulen wie der Karl-Franzens-Universität und der TU Graz existieren zwar Unterstützungsangebote für Studierende mit Behinderungen, doch strukturelle Hürden bleiben bestehen, etwa durch nicht barrierefreie Lehrmaterialien oder komplexe Verfahren zur Organisation von Nachteilsausgleichen. Gleichzeitig berichtenbetroffene Studierende häufiger von sozialer Isolation und Stigmatisierung, was auf eine Diskrepanz zwischen formaler Zugänglichkeit und tatsächlicher Inklusion hinweist (European Agency for Special Needs and Inclusive Education, 2022; OECD, 2021).
7Diese Barrieren wirken sich unmittelbar auf die soziale und kulturelle Teilhabe in der Stadt aus. Graz versteht sich zwar als Kulturstadt, doch der Zugang zu Veranstaltungen ist nicht durchgehend barrierefrei , sei es aufgrund fehlender baulicher Maßnahmen, mangelnder Untertitel oder fehlender Gebärdensprachdolmetschung. Initiativen und Projekte zur inklusiven Kulturarbeit zeigen, dass Barrierefreiheit aktiv hergestellt werden muss und nicht selbstverständlich gegeben ist. Studien zur digitalen und gesellschaftlichen Inklusion unterstreichen, dass fehlende Zugänglichkeit nicht nur individuelle Nachteile erzeugt, sondern auch soziale Ungleichheiten verstärkt (European Commission, 2020).Auch im Arbeitsleben in Graz und der Steiermark zeigen sich vergleichbare Muster wie auf europäischer Ebene. Menschen mit Behinderungen haben geringere Beschäftigungschancen und sind häufiger von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen. Ursachen dafür liegen nicht nur in individuellen Faktoren, sondern vor allem in strukturellen Barrieren, fehlender Barrierefreiheit am Arbeitsplatz und bestehenden Vorurteilen (Eurostat, 2023; OECD, 2022). Viele Betroffene entscheiden sich bewusst dagegen, ihre Behinderung im Bewerbungsprozess offenzulegen, aus Angst vor Diskriminierung , ein Hinweis darauf, dass Inklusion oft noch nicht gelebte Praxis ist. Auf politischer Ebene wird das Thema auch in Österreich zunehmend adressiert, unter anderem durch die Umsetzung europäischer Vorgaben wie des European Accessibility Act (European Union, 2019). Dennoch zeigt sich gerade auf lokaler Ebene, dass gesetzliche Rahmenbedingungen allein nicht ausreichen. Entscheidend ist, wie Accessibility konkret im Alltag umgesetzt wird, in Bildungseinrichtungen, digitalen Systemen, im öffentlichen Raum und am Arbeitsmarkt.Insgesamt verdeutlicht sich auch am Beispiel Graz: Accessibility ist keine Randfrage, sondern eine grundlegende Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Die Herausforderung besteht nicht mehr nur darin, Zugang zu schaffen, sondern darin, eine Stadt und ihre Systeme so zu gestalten, dass sie echte, gleichwertige Teilnahme für alle Menschen ermöglichen.
8Graz und Barrierefreiheit: Was läuft gut , und wo noch Luft nach oben istGraz gilt oft als eine der lebenswertesten Städte Österreichs. Doch wie sieht es aus,wenn man die Stadt aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung betrachtet?Die Antwort ist differenziert: Vieles funktioniert bereits erstaunlich gut, gleichzeitig gibtes noch klare Baustellen.Öffentlicher Verkehr als VorzeigeprojektEin Bereich, in dem Graz besonders überzeugt, sind die öffentlichen Verkehrsmittel. Diemeisten Busse sind niederflurig und ermöglichen einen einfachen Einstieg mit Rollstuhl oder Kinderwagen. Auch ein Großteil der Straßenbahnen ist inzwischen barrierefrei, und der Ausbau schreitet weiter voran. Zusätzlich sorgen akustische Durchsagen und visuelle Anzeigen dafür, dass sowohl seh- als auch hörbeeinträchtigte Menschen gut informiert sind. Taktiles Leitsystem an Haltestellen erleichtern die Orientierung im Alltag. Menschen mit Behindertenpass profitieren außerdem von ermäßigten Tarifen, während Assistenzpersonen kostenlos mitfahren können. Hier zeigt sich: Mobilität wird in Graz aktiv inklusiv gedacht, ein entscheidender Faktor für gesellschaftliche Teilhabe.Fortschritte im StadtbildAuch im öffentlichen Raum sind Verbesserungen sichtbar. Menschen mit Behindertenausweis dürfen in Graz kostenlos parken, was den Alltag deutlicherleichtert. Viele öffentliche Gebäude wurden in den letzten Jahren zumindest teilweisebarrierefrei gestaltet.Besonders interessant ist das Projekt „Rampe Graz“. Dabei werden mobile Rampen fürGeschäfte bereitgestellt, die baulich schwer zugänglich sind. Diese pragmatischeLösung zeigt, dass Barrierefreiheit nicht immer aufwendige Umbauten erfordert,manchmal reicht auch ein kreativer Ansatz.Was läuft gut?
9Kultur und Freizeit: Mehr Teilhabe als erwartetIm Bereich Freizeit und Tourismus hat Graz ebenfalls einiges zu bieten. Der Schlossberg, eines der Wahrzeichen der Stadt, ist dank Lift und Bahn barrierefrei erreichbar. Viele Museen sind zugänglich gestaltet und bieten teilweise sogar spezielleAngebote wie Tastmodelle für blinde Besucherinnen und Besucher. Das zeigt: Barrierefreiheit wird hier nicht nur als Pflicht gesehen, sondern zunehmend als Chance, Kultur für alle zugänglich zu machen.Natur für alle: Der Schöckl als VorbildEin echtes Highlight ist der Schöckl, der Hausberg von Graz. Mit dem Projekt „Wege für Alle“ wurde ein barrierefreier Panorama-Rundweg geschaffen. Auch die Gondel ist entsprechend ausgestattet, sodass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Naturerleben können.Gerade im alpinen Raum ist das keine Selbstverständlichkeit , hier setzt Graz einstarkes Zeichen.Barrierefreiheit bedeutet mehr als nur RampenWas in Graz positiv auffällt: Der Begriff Barrierefreiheit wird zunehmend ganzheitlichgedacht. Neben baulichen Maßnahmen geht es auch um Kommunikation undInformation.Dazu gehören Angebote in Gebärdensprache, Inhalte in leichter Sprache und digitaleBarri erefreiheit, etwa bei städtischen Websites. Dieser breitere Zugang zeigt, dassInklusion nicht nur physisch, sondern auch sozial und digital verstanden wird.
10Graz gilt als lebenswerte Stadt, ist sie im Vergleich auch, als Kulturzentrum, als modernerBildungsstandort. Doch für viele Menschen zeigt sich im Alltag ein anderes Bild , eines, in dem Barrieren nicht nur aus Stufen, Bordsteinen oder fehlenden Rampen bestehen, sondern tief in Strukturen und Denkweisen verankert sind. Accessibility wird oft sichtbar gemacht über Architektur oder Technik. Doch das eigentliche Problem liegt häufig darunter.Besonders deutlich wird das im Bereich Mobilität, der für viele Betroffene das größte Alltagsproblem darstellt. Öffentlicher Verkehr ist in Graz nicht durchgehend barrierefrei organisiert. Einstiege in Straßenbahnen oder Busse sind nicht immer niveaugleich, Haltestellen verfügen häufig über keine oder unzureichende taktile Leitsysteme, und neue Mobilitätsformen wie Carsharing oder On-Demand-Dienste sind selten inklusiv gedacht. Hinzu kommt das sogenannte „letzte Meter“-Problem: Bordsteine, enge Gehwege oder schlecht gestaltete Übergänge machen selbst kurze Strecken zur Herausforderung. Eine aktuelle Mobilitätsanalyse zeigt deutlich, dass die Barrierefreiheit im Mikro-ÖV in Graz nach wie vor nicht ausreichendgewährleistet ist. Dahinter steckt ein grundlegendes Planungsproblem: Mobilität wird für den Durchschnitt konzipiert , nicht für jene, die am meisten darauf angewiesen sind. Accessibility bleibt damit oft ein nachträgliches Add-on statt eines integralen Bestandteils.Warum das größte Hindernis nicht aus Beton ist
11Doch selbst wenn diese physischen Barrieren überwunden werden, bleibt ein oft noch größeres Hindernis bestehen, Barrieren im Kopf. Sie durchziehen alle Lebensbereiche und wirken subtil, aber nachhaltig. Aussagen wie „Das geht für dich eh nicht“, übertriebene Fürsorglichkeit oder Mitleid statt Begegnung auf Augenhöhe prägen viele Alltagssituationen. Diese Formen von Ableismus sind selten offen diskriminierend, aber tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert. Sie beeinflussen, wie Räume gestaltet werden, welche Möglichkeiten Menschen zugetraut werden und wer überhaupt mitgedacht wird. Graz formuliert es in seiner eigenen Strategie klar: Selbst barrierefreie Gebäude helfen wenig, wenn Denkweisen Barrieren schaffen. Gerade hier zeigt sich der entscheidende Hebel.Während physische Barrieren sichtbar sind und zumindest theoretisch beseitigt werden können, wirken mentale Barrieren oft unbewusst weiter. Sie führen dazu, dass Accessibility nicht als Grundprinzip verstanden wird, sondern alsSonderlösung für „bestimmte Gruppen“. Dadurch entstehen Systeme, die im Kern exklusivbleiben, auch wenn sie nach außen inklusiv wirken. Die verschiedenen Ebenen greifen ineinander. Eine nicht barrierefreie Straßenbahn ist ein Problem. Eine Stadtplanung, die bestimmte Bedürfnisse nicht berücksichtigt, ist ein strukturelles Problem. Doch eine Gesellschaft, die menschen von vornherein weniger zutraut, schafft die Grundlage für all diese Barrieren. Accessibility wird damit zu mehr als einer frage von Infrastruktur, sie wird zu einer Frage von Haltung.Ein ähnliches Muster zeigt sich in der Architektur und Stadtplanung. Auf den ersten Blick sind viele Gebäude mittlerweile „barrierefrei“ , zumindest formal. Es gibt Rampen, Aufzüge, manchmal sogar barrierefreie Eingänge. Doch bei genauerem Hinsehen entstehen neue Hürden. Türen sind zu schmal, Wege zu kompliziert, Beschilderungen unklar oder Räumeakustisch schwer nutzbar. Neben diesen sichtbaren Barrieren existieren unsichtbare: komplexe Raumstrukturen, fehlende Orientierungshilfen oder mangelnde Nutzerfreundlichkeit. Die Stadt Graz selbst weist in ihrer Inklusionsstrategie darauf hin, dass Barrierefreiheit nicht bei derbaulichen Umsetzung endet. Viele Räume sind technisch zugänglich, aber praktisch nicht nutzbar. Der Unterschied zwischen „hineinkommen“ und „sich zurechtfinden“ wird hierentscheidend.
12www.instagram.com/verein.interaktion/Der in Trofaiach ansässige Verein InterAktion setzt sich als engagierte NGO leidenschaftlich für ein interkulturelles Zusammenleben und die Wahrung der Menschenrechte ein. Im Zentrum derArbeit steht die Vision einer inklusiven Gesellschaft, in der Vielfalt als Stärke begriffen wird und alle Menschen die gleichen Chancen auf Teilhabe erhalten. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt in der Förderung der sozialen Inklusion sowie der ökologischen Nachhaltigkeit. Der Verein schafft durch verschiedene Projekte Räume für echte Begegnungen, um Vorurteile abzubauen und den interkulturellen Austausch direkt vor Ort zu stärken. Das Angebot reicht von kreativen Workshops bis hin zu Initiativen, die das Bewusstseinfür ein umweltfreundliches Leben schärfen. Getragen von Werten wie Akzeptanz und Solidarität versteht sich InterAktion als wichtiger Brückenbauer in der Region. Der Verein ermutigt Menschen dazu, ihre Umwelt aktiv mitzugestalten, Diskriminierung entgegenzuwirken und gemeinsam ein zukunftsfähiges Trofaiach zu bauen, in dem Inklusion und Nachhaltigkeit fest verankert sindVorstellung: Verein InterAktion
13www.beweg-uns-wuerfel.at/das-spielDas Projekt zeichnet sich vor allem durch seine Barrierefreiheit aus, da das Spiel gezielt so entwickelt wurde, dass es auch von Menschen im Rollstuhl sowie Personen mit anderen körperlichen oder kognitiven Einschränkungen vollumfänglich gespielt werden kann. Im Zentrum steht ein handlicher, robuster Würfel, der durch 3D-Drucktechnik gefertigt wird und über sechsdeutlich ertastbare Symbole verfügt. Die kontrastreichen Farben und die reliefartige Gestaltung sorgen dafür, dass die Bewegungsreize für alle Teilnehmenden, unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen, leicht verständlich und zugänglich sind. Das Konzept verbindet spielerische Aktivität mit der Förderung motorischer Fähigkeiten impädagogischen oder therapeutischen Alltag. Die Spielmechanik ist dabei flexibel gestaltet, sodass die Übungen je nach Lust, Fähigkeit und notwendiger Unterstützung ausgeführt werden. Im klassischen Imitationsspiel würfelt eine Person eine Übung vor, welche die Gruppe anschließend gemeinsam nachmacht. Hierbei steht nicht die sportliche Perfektion im Vordergrund, sondern die Freude an der Bewegung und das gemeinsame Erleben. Für zusätzliche Abwechslung sorgen verschiedene Spielvarianten wie der Partner-Modus zur Stärkung der Kommunikation oder Kombinationsübungen zur Förderung der Konzentration. Durch den Einsatz eines optionalen Intensitätswürfels lassen sich die Wiederholungen oder die Kraftanstrengung individuell steuern. Die Materialien sind so konzipiert, dass sie ohne große Vorbereitungszeit in den Tagesablauf von Schulen, Kindergärten oder Pflegeeinrichtungen integriert werden können.Projektvorstellung: Das inklusive BewegUNS-Würfel
14LebensGross: „Sport für alle“ Dieses Projekt ist ein Wegbereiter in der Steiermark, Kärnten und Wien. LebensGross unterstützt Breitensportvereine aktiv dabei, Menschen mit Behinderungen in ihre Strukturen aufzunehmen. Gemeinsam mit der Stadt Graz und dem Land Steiermark wurde ein Leitfaden für Vereine entwickelt. Besonders innovativ: Die Ausbildung zu Sportmanagement-Assistent:innen für Menschen mit Behinderung sowie das Projekt „Sportfinder“, eine barrierefreie Webplattform zur Vermittlung von Sportangeboten. Quelle: lebensgross.atSoziale Projekte Steiermark: Grazer Inklusionslauf Einmal im Jahr wird Graz zur Bühne für das Miteinander. Beim Inklusionslauf ist das Ziel nicht die Bestzeit, sondern das gemeinsame Erlebnis. Ob im Rollstuhl, auf dem Handbike, mit dem Scooter oder zu Fuß, auf der 1 km langen barrierefreien Strecke zählt die Bewegung. Bei der Siegerehrung werden alle Leistungengleichermaßen gewürdigt. Quelle: spstmk.atKatholische Kirche Steiermark: Vielfalt im Behindertensport Die Diözesansportgemeinschaft (DSG) setzt auf ein breites Spektrum. Von Schwimmmeisterschaften über spezielles Inklusionsturnen bis hin zum großen Inklusionsfest„Verona“ bietet die Kirche Raum für Begegnung und sportlichen Ehrgeiz in einem geschützten Rahmen. Quelle: dsg.atSport ohne Grenzen: Starke Partner für Inklusion
15Sportwerk Graz (SWG): Träume verwirklichen Das Sportwerk Graz ist ein Kraftpaket in Sachen Inklusion. Mit einem multidisziplinären Team aus Fachkräften aus der Pflege,Pädagogik und Therapie sowie spezialisierten Trainer:innen ermöglicht der Verein dieTeilnahme an über 60 nationalen und internationalen Veranstaltungen pro Jahr. Hier steht die individuelle Förderung im Vordergrund, damit jede Person ihre sportlichen Ziele erreichen kann.Quelle: info8958910.wixsite.com/sportwerk-verein Special Olympics Österreich: Die Kraft des Sports Als Herzstück des Sports für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung bietet Special Olympics nicht nur Training, sondern auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl. In der Steiermark ist der Verband besonders tief verwurzelt undfördert durch Unified-Teams das Zusammenspiel von Menschen mit und ohne Behinderung.Quelle: specialolympics.atGrazer Akademischer Turnverein (GAT): Inklusion im Breitensport Der GAT zeigt, wie sich ein klassischer Turnverein öffnen kann. Durch spezifische Übungseinheiten wird sichergestellt, dass die Freude an der Bewegung für alle zugänglich ist, unabhängig von körperlichen oder kognitiven Voraussetzungen. Quelle: gat.atVSC Graz: Leistung und Leidenschaft Beim VSC Graz wird Inklusion zum Sport auf hohem Niveau. Der Verein bietet spezialisierte Sparten wie Rollstuhlbasketball oder Blindentennis an. Er ist eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die trotz körperlicher Einschränkungen sportlich aktiv sein möchten. Quelle: vsc-graz.at
16der Inklusion an den Hochschulen daher sowohl aus der Perspektive des Betroffenen als auch aus der des institutionellen Prüfers.Die Fragen stellt das Team von Suptix. Jakob Putz arbeitet seit über 22 Jahren im Bereich der Barrierefreiheit an der Universität Graz. Der studierte Linguist verbindet in seiner täglichen Arbeit Technik und universitäre Praxis. Als Experte für digitale und infrastrukturelle Barrierefreiheit betreut er unter anderem die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben (wie des Web-Zugänglichkeitsgesetzes) und fungiert als Brückenbauer zwischen Studierenden, Lehrenden und der IT-Abteilung. Putz hat um die Jahrtausendwende selbst mit einer Beeinträchtigung an der Universität Graz studiert – er kennt das System und den Wandel „Rechtsstaat ist keine Meinung“,Über Wunsch und Wirklichkeit derBarrierefreiheit an der Universität
17Suptix: Herr Putz, die Universität Graz verfügt formal über ein breites Unterstützungsangebot für Studierende mit Behinderungen. Dennoch zeigen Studien und Berichte von Betroffenen immer wieder eine Diskrepanz zwischen dieser formalen, bürokratischen Zugänglichkeit und dertatsächlich gelebten Inklusion im Studienalltag. Wo scheitert das System im Alltag am härtesten an den eigenen Ansprüchen?Jakob Putz: Man muss das Ganze in einem historischen Zeitraffer sehen. Ich mache diese Arbeit nun seit 22 Jahren und habe um die Jahrtausendwende selbst mit Beeinträchtigungen studiert. Die Rechtsentwicklung, die wir in den letzten 25 Jahren erlebt haben, darf man keineswegs kleinreden. Wenn es rechtliche Referenzen wie das Web-Zugänglichkeitsgesetz(WZG) oder das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz gibt, hängt die Umsetzung imdigitalen oder baulichen Bereich nicht mehr vom Gutdünken einer einzelnen Universität ab. Die Institutionen sind schlicht belangbar, es drohen Strafzahlungen. Wo die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit tatsächlich spürbar wird, ist nicht die mangelnde Gesetzgebung, sondern die Anwendung. Die Bundesbehindertenanwältin hat es einmal auf den Punkt gebracht: Wir haben eine Tonne an Gesetzen, sie werden nur nicht angewendet. Viele Menschen sind einfach uninformiert und wissen gar nicht, welche Rechte sie eigentlich haben. Suptix: Um Unterstützung zu erh alten, müssen Studierende oft komplexe, langwierigebürokratische Prozesse durchlaufen. Macht das System hier nicht das„Nachteilsausgleich-Dilemma“ und die Bürokratie selbst zu einer neuen Barriere, dieStudierende zusätzlich belastet?Jakob Putz: Als Linguist muss ich da sofort beim Begriff einhaken: Den Begriff„Nachteilsausgleich“ gibt es im österreichischen Universitätsrecht überhaupt nicht. Er stammt aus Deutschland und wird in Österreich allenfalls im Schulbereich verwendet. ImUniversitätsgesetz (UG) bewegen wir uns stattdessen im Rahmen von Paragraphen wie dem § 59, wo es um abweichende Prüfungsmethoden geht. Das eigentliche Dilemma hinter dieser Bürokratie ist historisch gewachsen: Vor 25 Jahren war das Bild klar umrissen – der typische behinderte Studierende war blind, gehörlos oder saß im Rollstuhl. Dahinter lag immer eine eindeutige, amtlich anerkannte medizinische Diagnose. Heute haben wir es verstärkt mit dem Spektrum der Neurodiversität zu tun. Hier greift die alte Logik der klaren, unmittelbaren Einstufung oft nicht mehr. Da die Diagnosen und individuellen Bedarfslagen in diesen Gruppen extrem verschieden sind, unterscheidet sich auch der Prüfungsaufwand von Fall zu Fall fundamental. Das macht es für die Verwaltung komplex.
18atisierte Beschreibung von Grafiken mittels künstlicher Intelligenz gehalten. Da ging es am Ende gar nicht so sehr um die Technik, sondern darum, den Fachleuten, die das seit Jahren machen, die Angst zu nehmen. Es war fast eine Art digitale Psychotherapie. Wir müssen weg von der moralischen Ebene und hin zu einer sachlichen Fehlerkultur. Wenn mir ein Problem rückgemeldet wird, gehe ich dem nach. Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht automatisch, dass der User in jedem Fall im Recht ist. Ich erlebe es –altersund geschlechtsunabhängig – immer wieder, dass das größte Problem schlicht vor dem Computer sitzt. Da sprechen wir dann nicht von einer Barriere der Universität, sondern vonmangelnder Hilfsmittelerlernung oder falschem Gebrauch aufseiten der Anwender. Auch das gehört zur Realität.Suptix: Die Digitalisierung der Hochschulen schreitet rasant voran. Vergrößert die digitaleTransformation der Uni Graz am Ende den „Digital Divide“, anstatt ihn durch Barrierefreiheit zu überbrücken?woanders: Gefundene Barrieren müssen so präzise und verständlich aufbereitet werden, dass die Verantwortlichen sie auch korrigieren können. Barrierefreiheit, gerade im digitalen Raum, ist hochgradig komplex. Viele Lehrende haben schlicht Angst, etwas falsch zu machen.Suptix: Für Suptix haben wir analysiert, dass das größte Hindernis oft nicht aus Beton ist, sondern in den Köpfen sitzt – Stichwort Ableismus. Studierende berichten von sozialer Isolation, Vorurteilen oder übertriebener, fast herabsetzender Fürsorge durch Lehrpersonal oderMitstudierende. Wie bekämpft man an einer Universität diese tief sitzenden mentalen Barrieren?Jakob Putz: Mein Zugang ist auch hier pragmatisch: Barrierefreiheit ist ein permanenter Work in Progress. Es werden Dinge funktionieren, einige werden gleich funktionieren, und manche werden unter Umständen gar nie funktionieren – aber selbst dann wissen wir zumindest, warum. Man muss den Menschen die Berührungsängste nehmen. Ich habe vor kurzem einen Vortrag über die automSuptix: Nicht-barrierefreie Lehrmaterialien – wie PDFs ohne Alternativtexte oder unstrukturierte Scans – sind nach wie vor ein Dauerthema. Stoßen Sie bei der Verpflichtung von Lehrenden, ihre Materialien barrierefrei zu gestalten, auf Widerstand? Wo endet das Argument der „Freiheit der Lehre“ und wo beginnt schlichte Ignoranz?Jakob Putz: Ich pflege zu all diesen Themen einen rein juristischen und technischen Zugang, niemals einen emotionalen. Der Rechtsstaat ist keine Frage einer politischen Richtung oder einer persönlichen Meinung. Ich brauche keine Grundsatzdiskussionen über die „Freiheit der Lehre“. Wenn ich Barrierefreiheit überprüfe, dokumentiere ich das mittels Videos. Im Video sieht man glasklar, wo die Barriere liegt, und damit ist mein Job als Techniker erledigt. Wenn eine Projektperson oder ein Lehrender sich weigert, das umzusetzen, ist das schlussendlich nicht mein Problem. Die Universität weiß dann Bescheid, dass das Gesetz an dieser Stelle ignoriertwird, und trägt dafür das rechtliche Risiko. Die wahre Herkulesaufgabe liegt ohnehin
19Behinderung nach dem Abschluss signifikant häufiger von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Bereitet die Universität Graz die Studierenden ausreichend auf diesen diskriminierenden Arbeitsmarkt vor? Wo endet hier Ihre Verantwortung?Jakob Putz: Als Techniker sehe ich meine primäre Verantwortung darin, Barrieren innerhalb deruniversitären Infrastruktur sichtbar zu machen, verständlich aufzubereiten und technologischeLösungswege bereitzustellen. Die strukturelle Diskriminierung auf dem externen Arbeitsmarkt istein gesellschaftliches und ökonomisches Problem, das wir an der Schnittstelle der Universität technologisch nicht reparieren können. Was wir aber tun können, ist die Studierenden mit den bestmöglichen digitalen und praktischen Kompetenzen im Umgang mit ihren eigenen Hilfsmitteln auszustatten. Nur wer seine eigenen technologischen Assistenzsysteme perfekt beherrscht, hat im späteren Berufsleben eine echte Chance auf Augenhöhe.Suptix: Kommen wir zur psychischen Gesundheit im Leistungsdruck-System. Wie kann Inklusion für Menschen mit unsichtbaren oder psychischen Beeinträchtigungen gelingen, ohne dass diese im starren Korsett von ECTS-Punkten und Prüfungsfristen untergehen?Jakob Putz: Das Kernproblem liegt darin, dass im aktuellen System ein strukturelles,gruppiertes Denken fehlt. Mein expliziter Wunsch an die Gesetzgebung – sowohl auf nationaler Ebene als auch im Barrierefreiheitsgesetz der Europäischen Union – wäre es, sämtliche Beeinträchtigungsarten rigoros nach ihren tatsächlichen Bedarfslagen zu gruppieren. Wenn man das konsequent tut, kommen am Ende zwei oder drei gemeinsame Hauptanforderungenan die Barrierefreiheit heraus. Dann gäbe es endlich absolute Transparenz darüber, wer inwelchem Kontext welche spezifische Unterstützung benötigt. Solange diese Standardisierung und die klare Zielgruppenfokussierung in den gesetzlichen Kriterien fehlen, bleibt die Anpassung von Studienbedingungen und Fristen immer ein fehleranfälliger Einzelfall-Prozess, bei dem die Beteiligten aus Angst vor Fehlern gelähmt werden.Suptix: Daten zeigen, dass Akademikerinnen mit Jakob Putz: Die Digitalisierung bietet durch neue Werkzeuge enorme Chancen, bringt aber auf der regulatorischen Ebene große Herausforderungen mit sich. Wir arbeiten bei den digitalen Kriterien der Barrierefreiheit mit einem Katalog von 51 Einzelkriterien. Das Problem ist, dass diese Kriterienformulierungen in sich selbst einen nicht unerheblichen Teil an Widersprüchen enthalten. Ein technisches Beispiel: Für Menschen im Rollstuhl oder mit spastischen Beeinträchtigungen sollte man Benutzeroberflächen so gestalten, dass Tippen vermieden wird, weil es für sie extrem anstrengend ist. Für blinde Menschen hingegen ist das Tippen in Suchfeldern ein massiver Vorteil, weil das zeitraubende Durchsuchen von langen, unübersichtlichen Auswahllisten für sie deutlich mehr Arbeit bedeutet. Was macht man also? Man stößt unweigerlich an die Grenzen des technisch Machbaren. Wenn man jede Barrierefelddimension absolut gleichwertig und separat behandeln wollte, bräuchten wir über 50 völlig unterschiedliche, parallel laufende digitale Dimensionen. Das ist technisch schlicht nicht wartbar. Man muss im digitalen Betrieb Kompromisse eingehen – nicht um jemanden bewusst zu diskriminieren, sondern weil es rein technisch nicht anders lösbar ist.
20im System der Universität. Wie frei und wie laut können Sie Missstände anprangern, wenn Ihre Budgets vom Rektorat abhängen?Jakob Putz: Ich muss überhaupt nicht „laut“ sein oder Missstände emotional anprangern, um etwas zu bewegen. Wenn man die Sache von der persönlichen Meinung wegzieht, kann man vollkommen komfortabel und unabhängig an der Geschichte arbeiten. Ich verstehe mich als sachlicher Prüfer. Wenn das interne Beschwerdemanagement funktioniert – und wir haben ander Uni Graz erfreulicherweise einen sehr dichten, regelmäßigen Austausch mit der Uni-IT und der Presseabteilung –, dann werden Fehler im Rahmen von Jour fixes schlicht besprochen und korrigiert. Ich werde hier im Haus nicht als ideologisches Feindbild wahrgenommen, sondern alsTechniker. In den seltenen Fällen, in denen ein Projektpartner gemauert hat, ging die Sacheeben eine Ebene höher ans Rektorat. Von dort kam dann die klare Weisung von oben herab: „Das ist Gesetz, das wird jetzt umgesetzt, fertig.“ Der Rechtsstaat braucht kein lautes Jammern, er braucht konsequente Anwendung.von vornherein als Standard für alle einzufordern, statt imNachhinein Sonderlösungen draufzusatteln?Jakob Putz: Beim echten Universal Design bewegen wir uns technisch und konzeptionell in völlig anderen Sphären, als es die Praxis derzeit erlaubt. Ich habe es für meine eigene Arbeit sogelöst, dass ich begonnen habe, die bestehenden Kriterien zielgruppenspezifisch aufzubereiten. Ein Linguist nähert sich einer Website anders als ein Informatiker: Den Linguisten interessiert, ob alle Grafiken einen Alternativtext haben; den Techniker interessiert nur, ob das alt-Attribut imCode korrekt vorhanden ist. Es ist inhaltlich exakt dasselbe, aber der Zugang ist ein völliganderer. Diese Zielgruppenfokussierung fehlt den offiziellen Kriterien komplett. Solange wirBarrierefreiheit nicht in der Sprache der jeweiligen Anwender erklären, wird sie in den Köpfen der Planer immer eine mühsame „Sonderlösung“ bleiben, statt von Beginn an mitgedacht zu werden.Suptix: Zum Schluss: Unser Projekt Suptix wird durch EU-Mittel gefördert, um sozialeUngerechtigkeiten radikal offenzulegen. Sie arbeiten direkt Suptix: Viele historische Gebäude der Uni Graz wurden baulich nachgerüstet. Doch Barrierefreiheit endet nicht beim Einlass: Komplexe Raumstrukturen oder fehlende Leitsysteme machen das selbstständige Bewegen oft unmöglich. Ist die bauliche Inklusion an einer Traditionsuni oft nur Alibi-Politik für das Auge?Jakob Putz: Nein, das würde ich so nicht unterschreiben. Auch im Baulichen gilt: Es gibt klare gesetzliche Normen und Richtlinien, und diese gilt es ohne Wenn und Aber einzuhalten. Die schiere Größe und die historische Struktur einer alten Universität machen die Orientierung für jeden Studienanfänger unfassbar schwierig – das ist im ersten Moment gar keine spezifische Frage einer Behinderung. Aber die Barriere, die sich durch eine Behinderung im Raum ergibt, legt letztlich nur schonungslos offen, wie unübersichtlich die Struktur eigentlich auch fürnicht-behinderte Menschen gestaltet ist. Ein gut durchdachtes, barrierefreies Leitsystem hilft am Ende absolut jedem im Gebäude.Suptix: Warum schaffen wir es im universitären Denken dennoch nicht, dieses universelle Design (Universal Design)