336 TANG THƯƠNG Ở HUẾ nordvietnamesische Streitkräfte mindestens 300 Personen hingerichtet worden, deren Massengräber von Verwandten noch immer durchsucht werden. Am Sonntag hat nun ein aus politischen Parteien, Gewerkschaften und Studenten zusammengesetztes Komitee ein von mehreren tausend Personen besuchte Totengedenkfeier abgehalten, die zu einer für Hué erstaunlichen, spontanen Kundgebung gegen den Vietcong wurde. Von allen Seiten der Stadt strömten am Morgen Einzelgänger und Gruppen aus Parteien, Quartieren und Jugendvereinigungen zum Platz vor der Zitadelle am Song Huong, dem Fluss der Wohlgerüche. Trauerkrảnze wurden mitgetragen, Fahnen Südvietnams, Parteifl aggen und Transparente mit Inschriften wie “Verurteilt die Vietcongs, diese Mörder des Volkes”. Auf Plakaten der Studenten konnte man lesen: “Die Studenten von Hué klagen jene an, die wild getötet haben”. Dutzende der dreirädrigen Lambretta- Rikschas fuhren geschmückt mit gelbroten süd-vietnamesischen Fänchen in einer Prozession zur Zitadelle, und auf dem Flusse paradierten befl aggte Boote. Um neun Uhr begann die dreistündige Feier mit dem Hissen der südvietnamesischen Fahne auf der Zitadelle, wo noch vor kurzem die Vietcong Flagge geweht hatte. Der Informationsminister, der Kommandant des vietnamesischen Ersten Armeekorps und der Provinzchef waren anwesend. An einem Sarg hielt die Nationalpolizei Ehrenwache. Verwandte der Verstorbenen standen in der ersten Reihen der Versammlung. Alle waren in Weiss gekleidet, der Trauerfarbe Vietnams, und hatten um das Haar ein breites weisses Band geschlungen. Vor einem Tempelartigen Bau vollzogen Mandarine traditionelle vietnamesische Totenriten, die in der ehemaligen Kaiserstadt besonders gepfl egt werden. Gebete, Klagelieder und monotone Musik folgten einander, hie und
THẢM SÁT MẬU THÂN 337 da unterbrochen von hellen, hastigen Glockenschlägen. Erschütternd war es zu sehen, wie sich die weiblichen Verwandten der Verstorbenen dann vor dem Tempel niederwarfen, in lautes Klagen ausbrachen und völlig von Sinnen zu geraten schienen. Niemand in der Versammlung konnte davon unberührt bleiben, da einem das ganze Leid des Vietnamkrieges gleichsam in einem Brennpunkt vor Augen geführt wurde. Nach einigen Ansprachen beschloss ein Demonstrationszug durch die Stadt diese Kundgebung. Vieles deutet darauf hin, dass diese Kundgebung Anzeichen eines Wandels in der Haltung eines grossen Teils der Bevölkerung von Hué ist. Es brauchte etlichen Mut, sich an einer solchen Demonstration zu beteiligen, da man nur zu gut die Gefahr von Racheakten des Vietcong kennengelernt hatte. Hué, Hauptstadt des alten Annam, betrachtet sich als eigentliches Zentrum Vietnams, und man fühlte sich bis zur Tet-Offensive irgendwie erhaben über diesen Krieg: einerseits wollte man von Saigon möglichst unabhängig sein; mehrfach fanden Erhebungen gegen die Zentralregierung statt. Anderseits war die Ansicht verbreitet, dass der Vietcong Hué in Ruhe lassen werde. Ja man hegte für sie etliche Sympathien. Der überraschende Vietcongangriff über die Tet-Feiertage hat diese splendid isolation zerstört: insbesondere die zahlreichen Hinrichtungen durch den Vietcong haben dem Ansehen der Aufstandsbewegung hier schwer geschadet... Die Tatsache, dass bei dieser Kundgebung so zahlreiche Bewohner offen für die Republik Vietnam demonstriert haben - wie uns scheint ohne Druck der Regierung - und damit das Risiko späterer Repressalien durch den Vietcong eingegangen sind, ist erstaunlich. Die Aufstände Hués gegen Diem im Jahr 1963 und gegen Ky im Jahr 1966 waren vorwiegend der Ausdruck verbreiteter Unzufriedenheit mit der Art des Saigoner Regimes und weniger eine grundsätzliche Opposi-
338 TANG THƯƠNG Ở HUẾ tion gegen den südvietnamesischen Staat oder gar eine Parteinahme für den Vietcong. Das Komitee, das die Kundgebung organisiert hat und in dem vor allem Vertreter der zwei wichtigsten Parteien Hué eine Rolle spielten, der Dai Viet und der Vietnam Quoc Dan Dang, kündigte an einer Presskonferenz an, dass es weiterhin die staatliche Administration in Fragen der zivilen Selbstverteidigung und der Hilfe an die Kriegsgeschädigten unterstützen werde. Korpskommandant Lam kündigte die Verteilung von Waffen an die Zivilbevölkerung für den Selbstschutz an. Provinzchef Oberst Than wies allerdings privat auf die Schwierigkeit einer solchen Massnahme hin, da eine strikte Kontrolle notwendig sei. Relativ leicht scheint eine solche Kontrolle bei den Katholiken zu sein, die unter der Leitung ihrer Priester enge soziale Gemeinschaften bilden. Die grosse Brücke über den Song Huong, welche die beiden Stadtteile verbindet, wurde in der Mitte vom Vietcong gesprengt; sie ist dort notdürftig durch einen Schiffssteg ersetzt. Die Zitadelle mit ihren kostbaren Kunstschätzen ist weitgehend zerstört. Rund achtzig Prozent der Häuser Hués sind leicht bis schwer beschädigt. Erst in etwa zwei Monaten wird die Verteilung der Regierungshilfe an die Obdachlosen abgeschlossen sein, da einerseits die Verwaltung für diese Riesenaufgabe unvorbereitet war und anderseits die Unterbindung jeglicher Korruption unzählige Papiere nötig macht. Jede Flüchtlingsfamilie hat grundsätzlich Anrecht auf Zement, Wellbleche und 5000 Piaster (rund 200 Franken) als Wiederaufbauhilfe. Trotz allem beginnt sich Hué aber das Leben zu normalisieren. Viele Flüchtlinge kehren aus den Lagern in ihre zerstörten Häuser zurück. Gegen Ende dieses Monats nehmen Schulen und Universitảten - den Unterricht wieder auf. Die Elektrizitäts- und Wasserversorgung funktioniert
THẢM SÁT MẬU THÂN 339 wieder, Nachdem rund 20.000 der 140.000 Einwohner die Stadt in den letzten Wochen verlassen haben, bleibt der Bevölkerungsstand nun ungefähr konstant, zum Teil aufgrund einer neu eingeführten Ausreiseerlaubnis. Jede Nacht erfolgen zwar aus den umliegenden Wäldern weiterhin Feuerüberfälle gegen die Stadt mit Minen- und Raketenwerfern, die Militäreinrichtungen anvisieren, meistens jedoch ziville Gebäude treffen. Tagsüber wird das Leben aber mehr und mehr normal... Die grosse Not in Hué hat eindrückliche Beispiele von Hilfe hervorgebracht. Der ehemalige Provinzchef, der sich in den ersten Tagen der Tet-Offensive verborgen gehalten und auch sonst mit geringem Einsatz gewirkt hatt, ist durch Oberst Than ersetzt worden, einen bescheidenen, integren, hart arbeitenden Mann. Im Klubhaus des Cercle Sportif wohnen dicht gedrängt hundert Jugendliche aus Saigon und Dalat - Studenten, Mittelschüler, Pfadfi nder -, die trotz den Gefahren nach Hue gekommen sind, um für die Flüchtlinge zu arbeiten. Über hundert Studenten der Universität Hué haben ein Aktionskomitee für die Unterstützung der Kriegsopfer gebildet und rücken täglich mit Hilfsgütern, Pickel und Schaufel zum Arbeiten aus. Nachdem fast alle Spitalärzte von Hué die Stadt verlassen hatten, leisteten einige vietnamesische Medizinstudenten mit zwei amerikanischen Ärzten Großartiges im Zivilspital Hués. Abends sitzen diese Studenten zusammen. Häufi g wird gesungen: Schlager, Liebeslieder, ernste Gesänge, in vietnamesischer, französischer und englischer Sprache... Neue Zürcher Zeitung, 12. April 1968
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