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Heimatverein-Sagenwelt-Teil1

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Published by rudi.villing, 2022-08-30 05:40:53

Sagenwelt Teil 1

Heimatverein-Sagenwelt-Teil1

Heimatblatt 2022 Nr.1
Böttinger Heimatverein e.V.

Nur nicht verfälschen war Sagen, Erzählungen und
unser Motto.
Geschichten
Die Geschichten stammen aus
Überlieferungen(Aufzeichnungen, Die Geschichten erzählen von Vergangenem, und Einstigem.
Texten und Erzählungen). Lange Zeit wurden Märchen, Sagen, Legenden und Schwänke
Übernommen oft so, wie es im mündlich überliefert; erst seit dem 19. Jahrhundert begannen
Original ist. Auch inklusive Volkskundler und Sprachforscher sie aufzuschreiben. Heute
Rechtschreibfehler und die gibt es nur wenige Menschen, die die alten Geschichten noch
altertümliche Schreibweise, haben zu erzählen wissen.
wir ungeschönt im Interesse der In Sagen tauchen immer wieder dieselben Motive auf: Könige
Authentizität und Lesbarkeit und Prinzessinnen, Geister und Ritter, Feen und weise Frauen,
übernommen. der Teufel, der Seelen kaufen will, und gute Geister, die zu
Glück und Reichtum verhelfen. Es gibt wundersame
Errettungen aus Not und Bedrängnis genauso wie die
rätselhafte Vernichtung der Bösen. Auch kluge Einfaltspinsel
und dumme Schlauberger, die über das Glück stolpern wie
über ihre eigenen Füße, finden sich immer wieder. Einzigartig
und besonders wird eine solche Erzählung, wenn sie sich mit
der Landschaft und den Menschen verbindet. Berge und Täler,
Seen und Flüsse bekommen durch Geschichten ein Gesicht.
Und der Charakter von Städten und Dörfern, von großen und
kleinen Leuten wird lebendig durch die Erzählungen, die sich
„einst“ zugetragen haben.
Sagen und Legenden versuchen das Komplizierte verständlich
zu machen oder sollen dem Menschen eine Warnung sein,
nicht vom rechten Wege abzukommen.
Viele Sagen sind eng mit der Heimat und Herkunft verbunden.
So erzählt die Sage vom „Wirt am Berg“ von Liebe, Sehnsucht
und der Großherzigkeit Barbarossas und erklärt zugleich, wie
Württemberg zu seinem Namen gekommen ist. Durch die
lange mündliche Überlieferung finden sich die Geschichten oft
in unterschiedlichen Versionen. Wir haben eine Auswahl an
Sagen und Legenden aus unserem Umfeld zusammengestellt

1

INHALTSVERZEICHNIS Seite
Vorwort
Quellen 2
Die Schöne Lau 3
Rulaman 4
Die Steinernen Jungfrauen 5
Sibylle von der Teck 6
Die Sage vom Reußenstein 7
Die Sage vom Hirschgulden 8
Das Zauberross 9
Der Esel vom Hohenneuffen 1.
Die Erdleutlein 2.
Die Elchjagd in Ellwangen 3.
Herrgottstritt und Teufelsklinge 4.
Das Erzmännlein von Nattheim 5.
Die Urschel aus Pfullingen 6.
Die schwäbische Brezel-Saga 7.
Die Sage vom Wirt am Berg 8.
Das Herrgöttle von Bieber(b)ach 9.
Die Teufelsglocke 10.
Das Schwedenkreuz am Mainausteg 11.
Die sieben Schwaben 12.
Die Bergleute vom Suggental 13.
Das Ende des Doktor Faust 14.
Das Hornberger Schießen 15.
Das kalte Herz 16.
Das Käthchen von Heilbronn 17.
Die Weiber vom Weinsberg 18.
Die Gründung des Klosters Maulbronn 19.
Der Schuster und das Männlein 20.
Die Wettenburg 21.
Die Jungfrauen von der Schalksburg 22.
Der Riese vom Reußenstein 23.
Der Geiger von Gmünd 24.
Der Hirt von Mühlheim 25.
Steine in Gold verwandelt 26.
Die Sage vom 'geschossenen' Christus von Geisingen 27.
Der Schneider von Ulm 28.
Die feindlichen Brüder 29.
Der Riese von Villingen 30.
Die Schächerkatze 31.
Das Kistenmännle 32.
Die Duttfee. Duttenthal. 33.
Das Riesenweible 34.
35.
2 36.
37.
38.
39.

Quellennachweis:

1. Eduard Mörike
2. David Friedrich Weinland
3. Wilhelm Hauff
4. Bechstein, Ludwig (1853): Deutsches Sagenbuch
5. Bechstein, Gebr. Grimm
6. Heinrich Schreiber
7. Heinrich von Kleist
8. Projekt Gutenberg
9. Albstadt Tourismus
10. Zeno
11. Gottfried August Bürger/Hermann Essig
12. X. Bernhard.
13. Wolfs Zeitschr.
14. Domkaplan und Kammerer Grimm in Rottenburg
15. Lehrer Käsberger
16. Joseph Rau aus Kappel
17. Herrn Posthalter Baader aus Tuttlingen
18. Hofele
19. Katharina Uebelen
20. Joh. Dettinger aus Deilingen, Vikar

3

Die Schöne Lau

Zuunterst auf dem Grund des Blautopfs saß ehemals eine Wasserfrau mit langen
fließenden Haaren.
Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine
ausgenommen, dass sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte,
blühweiß und zarter als ein Blatt vom Mohn...
So beginnt die "Historie von der schönen Lau" von Eduard Mörike, in der die
Wassernixe am Blautopf das Lachen wieder lernte. Ihr Gemahl, ein alter Donaunix,
hatte sie in die Blautopfquelle verbannt, nachdem sie ihm aus lauter Traurigkeit nur
tote Kinder gebar. Erst wenn sie fünf Mal von Herzen lacht, sollte der Fluch von ihr
weichen.
Mit einem ganzen Hofstaat an Kammerzofen und Mägden ausgestattet, lebte sie
zurückgezogen in ihrem unterirdischen Palast. Es bedurfte einer echten Schwäbin,
der Nonnenhofwirtin Betha Seysolffin, eines geraubten Kusses, eines
Kindernachttopfs und auch jenes bekannten Zungenbrechers
»'s leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeura,
glei bei Blaubeura leit a Klötzle Blei«
um sie zu erlösen. Der Donaunix kam geschwommen, der Blautopf lief über und mit
ihm das neue Liebesglück. Zum Abschied verspricht die Nixe, mit dem Kindlein auf
dem Arm wiederzukommen.
[Dies ist eine gekürzte Version der Sage von Eduard Mörike]

4

Rulaman

Die Erzählung führt in eine längst vergangene Zeit der Schwäbischen Alb - in eine
Zeit der Höhlenmenschen und des Höhlenbären.
Rulaman ist ein Häuptlingssohn aus der Steinzeit. Mit seinem Stamm lebt er in einer
Höhle auf der Schwäbischen Alb in der Umgebung der Schillerhöhle (im Roman heißt
sie Tulkahöhle). Er und seine Leute sind dem täglichen Überlebenskampf dieser
harten Welt ausgesetzt.
Mit ihren schlichten Waffen und ihren einfachen Werkzeugen versuchen sie, dem
Hunger, den Krankheiten, den harten Wintern und den wilden Tieren zu trotzen. Sie
ernähren sich von dem, was ihre Muttergöttin, die Natur, ihnen schenkt und sind
zufrieden und in Einklang mit ihrer Welt. Doch eines Tages taucht plötzlich ein neues
Volk in ihren Jagdgebieten auf, die Kalats (Kelten)... die dem Stamm der Tulka
technisch mit ihren Metallwaffen überlegen waren.
Zuerst freundeten sich die beiden Stämme miteinander an, gingen zusammen auf die
Jagd und betrieben Tauschhandel. Auch Rulaman fand Freunde im Stamm der Kalats.
Am Sonnenwendefest jedoch folgt der Umbruch: die Kalats ermordeten alle Tulka bis
auf Rulaman, der jedoch schwer verletzt wurde und die alte Parre. Sie versteckten
sich in der Staffahöhle.
Rulamans Völkchen wohnte nach Weinlands Schilderung in der Tulkahöhle. Ein wenig
abseits der Straße Bad Urach–Münsingen ist sie bis heute erhalten.
Schillingsloch genannt oder auch Schillerhöhle.
Ein Roman von Christian David Friedrich Weinland

5

Die Steinernen Jungfrauen

Vor vielen Jahrhunderten stand einst über dem Ort Eselsburg, auf dem schroff
aufragenden Felsen, eine stattliche Burg. Die Herren der Burg waren die Ritter "Esel
von Eselsburg". Das Burgfräulein war sehr schön, aber hart und stolz. Kein Freier war
ihr gut genug.
Und so kam es wie es kommen musste: Das Burgfräulein wurde älter, und die Freier
blieben aus. Diese Schande ertrug sie nicht. Sie fing an, alle Männer zu hassen.
Dieser Hass war so abgrundtief, dass sie sogar den zwei jungen Mägden, die auf der
Burg dienten, verbot, jemals mit einem Mann zu sprechen. Die beiden jungen
Mädchen mussten jeden Abend ins Tal hinabsteigen, um Wasser für den anderen Tag
zu schöpfen. Lange Zeit hielten sich die beiden Mägde an das Verbot, denn sie
fürchteten sich vor der Strafe ihrer strengen Burgherrin. Ein langer, kalter und
einsamer Winter auf der Burg war endlich zu Ende gegangen. Die Mädchen freuten
sich über den ersten warmen Frühlingstag. Sie sehnten den Abend herbei, denn das
Wasserholen war ihre liebste Beschäftigung. Danach hatten sie Feierabend.
Schon auf halbem Wege hörten sie sanfte Musik. Wie gerne lauschten sie! Hastig
schöpften sie dann Wasser und eilten den steilen Weg zur Burg hoch. Die Burgherrin
erwartete sie ungeduldig. So ging das jeden Abend. Von Tag zu Tag lauschten sie
länger und bald hatten sie das strenge Gebot ihrer Herrin vergessen. Sie plauderten
mit dem jungen Fischer, sangen Lieder und schaukelten im Boot, bis die Sonne
untergegangen war. Die Burgherrin schöpfte Verdacht und machte sich selbst auf den
Weg, um nach den Mädchen zu schauen. Finster sah sie aus, und ihre Gedanken
waren böse. Der Hass wurde beim Anblick der verliebten jungen Mädchen so
übermächtig, dass sie wütend hervorstieß: Werdet zu Stein! Das ist Eure Strafe für
Euren Ungehorsam! Die Mädchen erstarrten auf ihrer Flucht und stehen seitdem als
Felsen am Fischweiher. Die Burgherrin wurde in der folgenden Nacht vom Blitz
erschlagen, als sie, noch stolzer als zuvor, voller Genugtuung vom Turm der Burg
hinab ins Tal schaute. Das Feuer vernichtete die ganze Eselsburg.

6

Sibylle von der Teck

Tief unten im Sibyllenloch am Fuß der heutigen Burg Teck hauste Sibylle. Sie war
eine schöne und weise Frau, die den Menschen im Tal viel Gutes tat. Keiner, der in
Not war stieg vergeblich den steilen Weg zu ihrem unterirdischen Schloss hinauf.
Die drei Söhne der Sibylle waren aber von anderem Schlag. Sie waren üble Burschen,
die es nicht lange bei ihrer Mutter aushielten und sich ihre eigenen Burgen bauten.
Der eine auf dem Rauber, der andere auf dem Wielandstein und der dritte baute die
Diepoldsburg. Von diesen Burgen aus plagten sie die Bauern und plünderten die
Kaufleute und ihre Wagenzüge aus.
Aus Kummer über ihre missratenen Söhne beschloss Sibylle ihr unterirdisches
Schloss und das Land zu verlassen. Auf einem goldenen Wagen, der von zwei
riesigen Katzen gezogen wurde, fuhr sie eines Abends talabwärts durch die Lüfte und
wurde nie wieder gesehen.
Jedes Jahr, wenn die Ackerfrüchte zu reifen beginnen kann man den Weg verfolgen,
den sie genommen hat. Die Spur ihres Wagens ist deutlich zu sehen. Das Korn trägt
dort größere Ähren und Äpfel, Birnen und Kirschen sind saftiger und süßer. Die Spur
ihres Wagens nennt man heute noch die "Sibyllenspur."

7

Die Sage vom Reußenstein

Auf dem Heimenstein im Neidlinger Tal hauste einst ein Riese. Er hatte ungeheuer
viel Gold und hätte herrlich und in Freuden leben können, wenn es noch mehr Riesen
und Riesinnen außer ihm gegeben hätte.

Da fiel es ihm ein, er wollte sich ein Schloss bauen, wie es die Ritter haben auf der
Alb. Der Felsen gegenüber schien ihm gerade recht dazu.

Er selbst aber war ein schlechter Baumeister. Er grub mit den Nägeln haushohe
Felsen aus der Alb und stellte sie aufeinander, aber sie fielen immer wieder ein und
wollten kein geschicktes Schloss geben. Da legte er sich auf den Beurener Felsen und
rief von dort mit dröhnender Stimme ins Tal hinab: „Ihr Menschenzwerglein, wer von
euch arbeiten will, der soll zu mir heraufkommen und mir mein Schloss bauen
helfen!“ Da kamen Maurer und Zimmerleute, Steinhauer und Schlosser und nahmen
die Arbeit freudig auf. Denn der Riese hatte Gold in Fülle und er versprach reichlichen
Lohn.

Bald war das Schloss fertig und schaute stolz vom Reußenstein aus ins Land hinaus.
Da kam der Riese und beschaute das Werk. Alles war in schönster Ordnung und
gefiel ihm über die Maßen. Nur außen am obersten Fenster hoch oben im Turm fehlte
noch ein Nagel. Da sprach er: „Keiner soll seinen Lohn bekommen, ehe der letzte
Nagel eingeschlagen ist.“ Aber keiner wagte zu der schwindelnden Höhe
hinaufzusteigen und den Nagel einzuschlagen. Schließlich versprach der Riese dem,
der es wagte, noch besonders reichen Lohn.

Da war ein armer Schustergeselle aus Neidlingen, der liebte heimlich seines Meisters
Tochter; der Meister wollte sie ihm aber nicht geben, weil er ihm nicht reich genug
war. Darob brach ihm schier das Herz und das Leben war ihm verleidet. Da gedachte
er: „ Du sollst nur den Nagel einschlagen, vielleicht gelingt es dir; stürzt du aber ab,
- nun, so ist dein Herzeleid vorüber.“ So meldete er sich denn bei dem Riesen. Und
wie dieser den kecken Burschen auf den Turm steigen sah, da hatte er seine
herzliche Freude an ihm, packte den Gesellen fest beim Genick und hielt ihn mit
Riesenkraft frei in die Luft hinaus, dass diese die Hände frei und gut arbeiten hatte.
Und als die Arbeit fertig war, da lobte er den Burschen: „Zwerg, das hast du gut
gemacht“, und beschenkte

ihn reichlich, sodass er um seines Meisters Tochter werben konnte und sie zur Frau
bekam.

8

Die Sage vom Hirschgulden

Auf der Burg Zollern lebt ein grimmiger, stets mürrischer Graf, der kaum mehr sagt
als: weiß schon, dummes Zeug – es sei denn, er flucht, und das tut er oft.

Trotzdem liebt ihn seine Frau Hedwig, die durch ihr freundliches, mildtätiges Wesen
vieles wieder gut macht, was sich ihrem Gemahl Schlechtes nachsagen lässt. Als sie
ihm einen Sohn schenkt, beachtet er das Kind zunächst wenig, doch im Alter von drei
Jahren macht er mit dem kleinen Kuno einen ersten Austritt im Wald.

Der Graf hat den Jungen auf ein eigenes Pferd gesetzt, das er lediglich an den Zügeln
hält. Das Pferd geht durch, der Graf hört den Jungen laut weinen und findet
schließlich das Pferd ohne Reiter. Er glaubt schon, seinen Sohn nicht lebendig
wiederzusehen, da findet er ihn wohlbehalten in den Armen eines alten Weibes. Sie
hat ihn gerettet, als er, am Fuß noch im Bügel hängend, von dem durchgegangen
Pferd mitgeschleift wurde. Die Alte meint, ein Hirschgulden sei ein angemessener
Lohn für ihre gute Tat. Doch der Graf verweigert er diesen und will sie mit
höhnischen Worten und drei Kupferpfennigen abspeisen. Die Erwiderung der Alten
wird zur Prophezeiung: man werde schon noch sehen, was von seinem Erbe einen
Hirschgulden Wert sei. Die drei Kupfermünzen schnippt sie in des Grafen Geldsäckel
zurück, dem die Alte wegen dieses unerklärlichen Kunststücks fast wie eine Hexe
vorkommt.

Nach diesem Zwischenfall erlischt des Grafen Interesse an seinem Sohn völlig, er hält
ihn für einen Weichling. Hedwig, die ihrem Mann immer alle Grobheiten verziehen
hat, wird darüber vor Kummer krank und stirbt. Kuno wird von seiner Amme und
dem Schlosskaplan erzogen. Der Graf verheiratet sich wieder und seine neue Frau
bekommt Zwillinge, zwei Söhne. Die sind wild und grob wie ihr Vater und fallen vor
allem bei ihrem ersten Ausritt nicht vom Pferd. Kuno wird in seiner Familie endgültig
zum Außenseiter und daher freundet er sich mit der alten Frau Feldheimerin an, die
ihn damals gerettet hat. Sie erzählt ihm oft von seiner früh verstorbenen Mutter und
er lernt von ihr die wunderbarsten Dinge: Mittel für kranke Pferde, eine Lockspeise
für Fische und andere nützliche Zaubereien. Kuno achtet nicht auf das Gerede,
wonach die Frau Feldheimerin eine Hexe ist – der Schlosskaplan hat ihm versichert,
dass es Hexen nicht gibt.

Kunos Stiefmutter bringt ihren Gatten dazu, dass Kuno im Testament arg
benachteiligt wird. Als der Graf stirbt, erbt Kuno deshalb nicht die Burg Zollern (die
ihm als Erstgeborenen zugestanden hätte und wo auch seine leibliche Mutter
begraben liegt) sondern Burg Hirschberg. Einer der Stiefbrüder bekommt Burg
Zollern, der andere eine dritte Burg: Schalksburg.

9

Kuno holt bald den alten Schlosskaplan und die noch ältere Frau Feldheimerin nach
Hirschberg, zu seiner Gesellschaft und damit sie dort auf angenehme Weise ihren
Lebensabend verbringen können. Stiefmutter und Stiefbrüder hoffen auf das baldige
Ableben von Kuno, damit sie an dessen Erbteil und vor allem an den wertvollen
Schmuck seiner Mutter kommen. Kuno unternimmt indessen mehrere Versuche,
normale verwandtschaftliche Beziehungen herzustellen, wird aber immer wieder
enttäuscht. Als ihm zu Ohren kommt, die Stiefbrüder hätten verabredet, im Falle
seines Ablebens Freudeschüsse aus ihren Kanonen abzufeuern, macht er die Probe
und lässt seinen Tod vermelden. Die prompt einsetzenden Böller zerreißen das letzte
Band zur Familie seines Vaters.
Bald darauf sterben seine alten Freunde, der Schlosskaplan und Frau Feldheimerin.
Ihm selbst ist nur ein kurzes Leben beschieden – er stirbt mit nur achtundzwanzig
Jahren. Zuvor jedoch hat er seine Angelegenheiten auf eine Weise geregelt, mit der
die gierige Verwandtschaft nicht gerechnet hat: sein Land, zu dem die Stadt Balingen
und die Burg gehört, hat er an Württemberg verkauft. Für nur einen Hirschgulden.
Das ist alles, was es zu erben gibt, denn der Schmuck seiner Mutter, wird nach
seinem Willen dafür verwendet, in Balingen ein Armenhaus zu bauen.
Von Wilhelm Hauff

10

Das Zauberross

Graf Friedrich von Zollern wollte vor vielen, vielen Jahren die Welt kennen lernen. Er
ritt also hinaus, um ferne Länder zu sehen. Leider verlor er durch unglückliche
Umstände alles, was er hatte.
In bitterer Armut fristete er ein trauriges Dasein. Eines Tages jedoch stand der Teufel
vor ihm und schenkte ihm ein Zauberross. Nur eine Bedingung gab es: abends beim
Abzäumen musste es immer gen Westen stehen. Das Zauberross brachte den Grafen
in Windeseile überall hin, er genoss die Zeit und lernte viel.
Doch eines Tage wollte er zurückkehren zu Weib und Kindern. Die
Wiedersehensfreude auf der Burg war groß, er gab das Pferd seinem Stallmeister.
Beim Abendessen dann die überraschende Nachricht: Das Pferd war verschwunden.
Doch der Graf fluchte nicht, er fügte sich klaglos in das Schicksal. Plötzlich standen
drei Prinzessinnen vor dem Tod und bedankten sich: Weil Du nicht böse wurdest nach
dem Verlust, konnte der böse Zauber von uns genommen werden, wir waren das
Zauberross. Von diesem Tag an wurde das Geschlecht der Hohenzollern immer
bedeutender, Kaiser und Könige sollten draus hervorgehen.

11

Der Esel vom Hohenneuffen

Der Hohenneuffen wurde vor langer Zeit wieder mal vom Feind belagert. Da sich die
Burgbewohner mit allen Mittel wehrten, blieb als letzte Möglichkeit nur das
Aushungern.
Nach wochenlanger Belagerung waren die Burgbewohner kurz vor dem Aufgeben. Es
war alles aufgegessen, sogar Katzen und Mäuse. Am Ende stand man vor den letzten
Habseligkeiten: Ein Eimer Korn und ein Esel waren noch übriggeblieben. Ein alter
Knecht kam schließlich auf eine Idee: "Gebt dem Esel das Korn zu fressen, Ihr werdet
schon sehen."
Plötzlich ging auf die Belagerungstruppen ein feiner Bratenduft herab. Sie selbst
hatten die ganze Umgebung ausgeplündert und litten ebenfalls Hunger. Und wie zum
Hohn rollte von der Burg ein Ball herunter und landete vor ihnen. "Unglaublich, ein
Eselsmagen randvoll gefüllt mit Korn, wenn die sogar ihre Esel noch füttern können,
dann verhungern wir vor ihnen. Lasst uns abziehen." Und seit dieser Zeit werden die
Bürger von Neuffen liebevoll als Esel bezeichnet. Sie sind sogar stolz darauf. Aber
kein Gast sollte sein Taschentuch einem Eselsohr gleich aus der Hose hängen lassen.
Sonst kann es passieren, dass er von einem Neuffener Esel eine Ohrfeige bekommt.

12

Die Erdleutlein

Tief zwischen Wald und Felsen des Lochenstein wohnten vor Zeiten die Erdleutlein.
Friedlich und den Menschen freundlich zugetan waren diese Zwerge.
Und so kamen sie des öfteren zu den Spinnerinnen im Dörfchen Tieringen, setzten
sich zu ihnen und unterhielten sich mit den Burschen und Mädchen. Sie halten, wo
sie konnten und wurden von allen geliebt. Und doch wusste niemand, wie sie genau
lebten.
Eines Nachts konnten es einige besonders Naseweise nicht mehr aushalten. Sie
wollten unbedingt wissen, wie und wo die Erdleutlein lebten, wollten sie belauschen
und ihre Namen erfahren. Danach besuchten die Zwerge nur noch einmal die
Menschen, merkten dies und wurden seither nie mehr gesehen.

13

Die Elchjagd in Ellwangen

Die Gründung des Klosters und der Stadt Ellwangen geht der Sage nach auf ein
Jagderlebnis zurück.
Tief und dunkel war der Virngrundwald, in dem Hariolf, ein Edler aus Burgund einen
riesigen Elch entdeckte, dessen Geweihenden über drei Meter stolz
auseinanderstanden.
Nach langer Jagd wurde der Elch schließlich erlegt und Hariolf schlief ermüdet ein. Im
Traum hörte er den Schall von Glocken. Er erwachte, stand auf, bekreuzigte sich und
schlief wieder ein. Als er die Glocken zum dritten Mal im Traum vernahm, fragte er
einen Mann aus seinem Gefolge: „Hast Du nichts gehört? Doch, ein Aushallen von
Glocken vernehme ich.“ Von diesem Zeitpunkt an entsagte Hariolf allen Freuden der
Welt und wurde ein Anhänger Christi. Zusammen mit seinem Bruder, einem Bischof,
errichtete er im Jahre 764 an der Stelle des Glockentraumens das Benediktinerkloster
Ellwangen (heute Basilika St. Vitus).
Aus dieser Sage des Elchfanges leitet sich die volkstümliche Namenserklärung für
Ellwangen ab: Elch-fangen = Ellwangen. Tatsächlich gibt es bis heute keine bessere,
gesicherte Ableitung.

14

Herrgottstritt und Teufelsklinge

Der Rosenstein und der Scheuelberg bei Heubach sollen der Sage nach einst
Schauplatz für ein überirdisches Kräftemesse gewesen sein.
Der Teufel suchte sich den Rosenstein aus, um Christus von hier aus alle Reichtümer
der Welt zu zeigen. Alles, aber auch alles wollte er ihm schenken, wenn dieser vor
ihm kniete und ihn, den Teufel, anbeten würde.
Aber der Herr sprach “Hebe Dich hinweg von mir Satan“ und warf ihn in eine tiefe
Schlucht beim Nägelsberg, die heute den Namen Teufelsklinge trägt. Angeblich
grummelt und rumort es an dieser Stelle auch heute noch sehr oft, wenn der Teufel
in seinem unterirdischen Gefängnis tobt und das Wasser schäumend und tosend zum
Überlaufen bringt.
Christus aber schritt durch das Heubacher Tal hinauf zum Scheuelberg. Seine
Fußabtritte am Rosenstein (rechter Fuß) und Scheuelberg (linker Fuß) wurde lange
Zeit in den Felsen gesehen. Das sich in den Tritten sammelnde Wasser hatte
angeblich Heilkraft für Augen- und Beinleiden. Heute sucht man diese Stellen
allerdings vergeblich.

15

Das Erzmännlein von Nattheim

In den Wäldern zwischen Heidenheim und Nattheim findet man heute noch Gruben,
in denen früher nach Bohnerz gegraben wurde.
Vor vielen hundert Jahren verschwanden einige Bergleute in einer der Gruben und es
ging das Gerücht um, dass ein kleines sonderbares Männchen daran schuld sei. Es
steige aus der Grube auf und tanzte wie verrückt im Kreis, dass einem davon ganz
schwindelig wird. Deshalb lag die Grube eine Zeitlang still, niemand traute sich mehr
hinein.
Aber eines Tages kam ein Fremder, kaufte die Grube und trieb die Leute unerbittlich
zur Arbeit an. Da er aber fast niemanden mehr fand, mussten die Gebliebenen umso
härten schuften. Einer davon, ein junger kräftiger Bursche aus Nattheim, arbeitete
ohne zu klagen still vor sich hin. Er brauchte das Geld, um seiner kranken Mutter zu
helfen. Tiefer und tiefer wurde gegraben, man hörte immer öfter ein fürchterliches
Grollen. Nur der junge Bursche traute sich noch hinein, bis alles über ihm
zusammenbrach. Er und der Besitzer wurden vom Wasser verschluckt. Von dieser
Stunde an war seine Mutter geheilt und an dem stillen Waldsee blühen seitdem
alljährlich um Johannis Seerosen.

16

Die Urschel aus Pfullingen

Man sagt, die Urschel hause heute noch als Geist in und um den im Jahr 1370
erstmals in einer Klosterurkunde genannten Ursenberg, der im Volksmund meist als
"Ursulaberg" oder "Urschelberg" bekannt ist, denn die Urschel wurde einst vor langer
Zeit durch einen bösen Fluch verwunschen und wartet somit bis zum heutigen Tag
auf ihre Erlösung.
Es heißt, die Urschel sei von schöner Gestalt mit langem, weißem Kleid und einer
prächtigen Radhaube auf dem Kopf, sie trage stets rote Strümpfe und weiße Schuhe
und an einem goldenen Gürtel hänge ein ebenfalls goldener Schlüsselbund. Lange ist
es her, dass man die Urschel droben am Urschelberg, beim Wasen, in der Sonne
sitzen sah, emsig strickend mit ihren goldenen Nadeln und hin und wieder über ihr
Strickzeug weg hinabschauend auf das geschäftige Pfullingen, das von dort oben wie
eine Spielzeugstadt erscheint.
Auf den Spuren der Urschel und anderen wunderlichen Gestalten gibt es auf dem
Pfullinger Sagenweg noch viel mehr zu erfahren.

17

Die schwäbische Brezel-Saga

Frieder, der Uracher Bäcker und Hofbäcker von Graf Eberhard im Barte, war beim
Grafen in Ungnade gefallen, er hatte die Freundschaft und das Wohlwollen des Grafen
durch üble Nachreden verloren.

Er bestellte den Frieder sofort ins Schloss und sagte: du bist ein undankbarer Kerl.
Durch mich hast du alles erreicht, was du wolltest. Jetzt beleidigst du mich, den
Grafen! - Darauf steht die Todesstrafe! Du wirst gehenkt werden! Der Frieder wurde
zunächst in das dunkle Gefängnis des alten Uracher Schlosses gesteckt, das oben auf
dem Felsen steht, der die kleine Stadt überragt. Auch des Frieders Frau war sehr
verzweifelt, denn sie mochte ihren Frieder sehr. Sie eilte ins Schloss und bat den
Grafen um Gnade für ihren Mann.

Eberhard im Barte war nicht abgeneigt, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Er
wusste, dass wenn er den Frieder aufhängen ließe, er auch auf dessen köstliches
Gebäck verzichten müsste. Da er ein guter Herrscher war, ließ er den Frieder ins
untere Schloss bringen und sprach: Nur weil ich deine Backkunst schätze, will ich dir
noch eine Chance geben. Wenn du innerhalb von drei Tagen einen Kuchen oder ein
Brot erfindest, durch welches dreimal die Sonne scheint und das mir besser schmeckt
als alles was ich kenne, dann sollst du frei sein!

Der Frieder bedankte sich für die große Gunst und machte sich sofort an die Arbeit.
Doch es vergingen zwei wertvolle Tage, ohne dass dem Frieder etwas Großartiges
eingefallen wäre. Am dritten und letzten Tag knetete er einen leicht gesalzenen
Hefeteig, weil er wusste, dass der Graf nicht so sehr für Süßes war. Er formte eine
Schlinge und wusste nicht weiter. Während er sich den Schweiß von der Stirn
wischte, fiel sein Blick auf seine Frau, sie hatte die Arme über der Brust verschränkt
und sich fest vorgenommen, dafür zu sorgen, dass ihr Frieder seine Aufgabe löst.
Diese verschlungenen Arme seiner lieben Frau versuchte der Frieder nun in seine
Teigform einzubringen. Er schlang und werkelte, bis er's hatte: eine Wurst, in der
Mitte dicker, das war der Körper. Die seitlichen Enden dünner, das sollten die Arme
sein. Die dünnen Arme legte er verschränkt übereinander. Ganz so, wie er es bei
seiner Frau sah. Die Form war schön und kunstvoll, wie man es von ihm erwarten
konnte. Der Frieder war zufrieden, und durch die drei sich ergebenden Öffnungen
konnte, wenn sie wollte, auch die Sonne scheinen. Der Frieder machte ein großes
Holzfeuer im Ofen und versuchte, ihn auf die richtige Hitze zu bringen.

Den ganzen Tag schon hatte die Katze auf ihrem Plätzchen neben dem Ofen
geschlafen. Als ihr der Ofen jetzt aber zu heiß wurde, sprang sie mit einem Satz aus
ihrer Ecke hervor mitten auf das Backblech mit den geschlungenen Teigstücken.
Diese purzelten in einen Eimer mit heißer Lauge, die die Bäckersfrau vorher
angerührt und hier abgestellt hatte. Sie wollte damit Fisch und Suppe würzen. Die

18

Bäckersfrau schimpfte die Katze aus. Der Frieder schrie seine Frau an. Beide holten
jammernd die Schlingwerke aus der Lauge und hoben andere vom Boden auf. So gut
es ging, versuchten sie, alle Teile wieder in die richtige Form zu bringen. Die kann ich
grad wegwerfen! jammerte der Frieder. Back sie alle, wie sie sind! beschwor ihn
seine Frau. - Die Zeit drängt - Zur Verzierung streuten sie noch schnell einige Körner
grobes Salz darauf. Beide setzten sich vor den Ofen und warteten stumm und
ungeduldig auf das Ende der Backzeit. Als der Frieder mit der großen Holzschaufel
seine Gebäckstücke herausholte, staunten sie beide nicht schlecht. Die mit der Lauge
waren herrlich braun und um der Mitte hell aufgesprungen. Die Ärmchen waren
knusprig, die Mitte weich wie ein Wecken. Der Frieder eilte so schnell er konnte, mit
den ofenwarmen Gebäck zum Grafen. Der Graf saß gerade bei einem Glas
Württemberger Wein, als der Frieder ihm das Gebäck zum Versuchen reichte. Es war
ganz still im Raum. Der Graf aß schweigend. Seine Frau knabberte ebenfalls an dem
Backwerk. Der Frieder aber lag auf den Knien und hatte das Gefühl, dass sein Herz
und die Zeit stille stehe. Plötzlich sprang Eberhard im Barte auf und hielt das Gebäck
gegen das Fenster, durch welches soeben eine milde Abendsonne schien. Tatsächlich,
die drei Öffnungen im Gebäck ließen den Sonnenstrahl in drei Bündeln hin
durchfallen. Wie heißt dein Gebäck? fragte der Graf in die Stille. Ich weiß nicht,
stammelte der Frieder, ich dachte an die lieben Arme meiner Frau und dass sie mich
nicht mehr umarmen kann wenn ich tot bin! Da ich aber dich, lieber Graf, immer
verehren will, sollst du den Namen aussuchen! Der Graf besprach sich mit seiner
Frau, der Prinzessin Barbara. Tatsächlich, es sind Arme, sinnierte der Graf laut. Und
da die Prinzessin sehr gebildet war, fiel ihr das lateinische Wort für Armchen, nämlich
-bracchia- ein. Sie erwähnte auch das Wort -Brazula- die Bezeichnung für zwei
verschlungene Hände. So was kann ich ja gar nicht aussprechen, wagte der Frieder
einzuwerfen. Nenn das Gebäck Brazel sagte der Graf und fügte hinzu: Morgen
erwarte ich einen ganzen Korb voll Braze zum Vesper ins Schloss! Der Frieder war so
aufgeregt, dass er diese Worte noch gar nicht recht begriff. Er rannte nach Hause
und fiel seiner Frau weinend um den Hals. Du bist also gerettet! rief sie. Der Frieder
hatte es geschafft. Sein Leben war gerettet! Er machte seinen Freund und Gönner,
den Grafen, nie mehr schlecht und wurde wie alle in Urach und Württemberg ein
treuer Untertan.

19

Die Sage vom Wirt am Berg

Die Sage erzählt, woher der Name „Württemberg“ kommt und wie eine
bedingungslose Liebe über Standesgrenzen hinweg zur Gründung eines ganzen
Geschlechts von Königen führte Wundersam erzählt die Sage den Ursprung des
hohen königlichen Hauses Württemberg. Wie der alte Barbarossa nahe dem
Kyffhäuser seine Rothenburg hatte, deren Trümmer noch steht, so war auch im
Lande Schwaben ein Rothenberg, und in dessen Nähe hielt der Kaiser Hofhalt mit
seiner Prinzessin und seinen Wappnern. Da geschah es, daß die Prinzessin einen
Dienstmann liebgewann und er sie entführte, und harreten verborgen, bis der Kaiser
hinweggezogen war, dann baueten sie sich an am Berge, wie jener Grafensohn im
Lahngau, der mit einer nicht ebenbürtigen Maid eine Mißheirat eingegangen war, und
wirtschafteten am Bergesfuß, und der Kaiser konnte nimmer erfahren, wohin sein
Kind gekommen.
Da er nun nach Jahr und Tag wieder in selbe Gegend kam, kehrte er ein bei dem Wirt
am Berge, und der Tochter bebte das Herz, doch hielt sie sich unerkannt, bereitete
aber des Kaisers Lieblingsspeise, die er so lange entbehrt, und die niemand weiter
gerade so zu bereiten verstand wie sie.
Da ward es dem Rotbart weh ums Herz, und gedachte mit neuem Schmerz der
entschwundenen Tochter und meinte, sie müsse da sein, nur sie könne das Essen
also bereitet haben, und rief aus: Ach, wo ist denn meine liebe Tochter? – Da sind
ihm die Übeltäter aus Liebe flehend zu Füßen gefallen, daß er ihnen verzeihe, und
ging es gerade wie bei Karl dem Großen und Eginhard und Emma, von denen ganz
dieselbe Sage geht: der Kaiser war froh, daß er die Tochter am Leben fand, und
verzieh. Schenkte dann seinem Schwiegersohn den ganzen Rothenberg, erhob ihn zu
einem hohen Grafen, doch solle er den Namen Wirt am Berg fortführen.
Da erbaute der Wirt am Berg auf den Berggipfel hinauf eine stattliche Feste und ward
der Urheber des württembergischen Stammes.”
Quelle: Bechstein, Ludwig (1853): Deutsches Sagenbuch

20

Das Herrgöttle von Bieber(b)ach

Die Sage von einem guten Waldgeist, der den Liebenden hilft, und eine Legende vom
praktischen Sinn schwäbischer Andacht.
Im Burrenwald, der auf dem Weg von Biberach nach Riedlingen liegt, war es einst
nicht ganz geheuer. Dort trieb das Burrenmännle sein Wesen. Die Guten hatten
nichts zu befürchten, den Bösen jedoch leuchtete es oft heim und führte es des
Nachts in die Irre. Seinen besonderen Schutz aber genossen die unglücklich
Verliebten. Ihnen half das Burrenmännle, wo es nur konnte, dass sie doch
zusammenkommen konnten.
Auch einer Bauerntochter und dem Knecht des Hofs, die innige Liebe zueinander
gefasst hatten und sich sehnlichst ein Kind wünschten, verhalf er zur glücklichen
Hochzeit mit dem Segen des Brautvaters. Als dem jungen Paar ein Knabe geboren
wurde, ließen sie auf der Lichtung im Burrenwald, wo sie sich einst heimlich getroffen
hatten, eine Kapelle mit einem steinernen Kruzifix bauen, so wie sie es dem guten
Männlein versprechen mussten.
Bald pilgerten viele Menschen zum Kruzifix, denn wer dem Herrgott die Füße küsste
und seine Bitten vorbrachte, der wurde oftmals erhört. So kam auch ein armer
Schneider mitten im Winter herbei. Seine Frau hatte bis jetzt kein Kind geboren, doch
nichts war ihrer beider sehnlichster Wunsch. Ganz genau hatte der Schneider sich die
Worte zurecht gelegt, die er dem Heiland sagen wollte. Aber als er seine Lippen auf
den kalten Stein drückte, entfuhr es ihm: „Oh du liabs Herrgöttle von Biberach,
hoscht du kalte Fiaß!”

21

Die Teufelsglocke

Wie ein frommer Bauer aus Rottenburg den Teufel austrickst und warum die Glocke
der „Todris“ scheppert.
In Rottenburg lebte einst ein frommer Bauer. Wenn er draußen beim Pflügen war,
und er hörte die Glocke der nahen Sülchenkirche zur Messe rufen, da ließ er die
Arbeit stehen und ging ins Gotteshaus, um zu beten. Als er zurück kam, sah er, dass
jemand für ihn zu Ende gepflügt hatte. Da dachte er, nur Gottes Engel könnte das
gewesen sein. Zum Dank ließ er an seinem Feld eine Kapelle bauen, die dem heiligen
Theodor geweiht wurde. Die „Todris” steht heute noch an der Straße von Rottenburg
nach Seeheim.
Als der Bauer noch ein Glöcklein stiften wollte, fehlte ihm das Geld dazu. Darüber war
er sehr traurig. Da erschien ihm eines Nachts der Teufel und bot an, eine Glocke aus
Rom zu holen. Der Bauer erkannte gleich, mit wem er es zu tun hatte, und fragte
nach dem Preis. Der Teufel forderte, die erste Seele, die in die Kapelle komme, sollte
ihm gehören. Der Bauer willigte ein, stellte aber die Bedingung, dass die Glocke
aufgehängt sein müsse, ehe die erste heilige Messe zu Ende sei.
Der Teufel sauste los, aber der fromme Bauer bat den Pfarrer, eilends in der Todris
die Messe zu feiern. Als der Teufel gerade über den Bodensee flog, entriss ihm Petrus
die geraubte Glocke und warf sie in den See, so dass sie der Teufel nicht mehr finden
konnte. Da stahl er kurzerhand die Glocke vom Ravensburger Mehlsackturm, aber er
kam zu spät. Die Messe war längst zu Ende. Voller Wut schleuderte er die Glocke
gegen den Kirchengiebel, dass sie einen Sprung bekam. Hört man sie heute läuten,
so kann man es deutlich vernehmen.

22

Das Schwedenkreuz am Mainausteg

Es gibt Sagen, die erzählen, wie in Dingen der Teufel steckt. Und es gibt Legenden,
die berichten von heiligen Gegenständen, deren göttliche Kraft diese lebendig macht.
So wie in der folgenden Geschichte vom Bodensee.
Als einst der Komtur Werner Schenk von Stauffenberg von einer gefahrvollen Fahrt
über das Meer wohlbehalten zurück kehrte, stiftete er zum Dank drei Kreuze aus Erz,
die am Steg zur Mainau hinüber aufgestellt wurden.
Als die Schweden während des Dreißigjährigen Krieges die Insel wieder freigaben und
abzogen, rissen sie die Kreuze aus ihrer Verankerung, um sie zu stehlen. Auf einem
von zwei Rössern gezogenen Karren ging es Stockach zu. Als es aber bei Litzelstetten
den Berg hinauf ging, waren die Rösser nicht mehr von der Stelle zu bewegen.
Auch zehn weitere Pferde, die vorgespannt wurden, richteten nichts aus. Verärgert
ließen die Schweden den Karren stehen und zogen ab. Anderntags fand ein
Litzelstetter Bauer das Gefährt mit den ihm wohlbekannten Kreuzen darauf. Er
spannte seine beiden Ackergäule davor und brachte den Karren ohne Mühe wieder
zum Mainausteg zurück. Dort wurde das Kruzifix und die beiden Kreuze mit den
Schächern zur Rechten und zur Linken wieder aufgestellt. Seitdem heißt die Gruppe
„das Schwedenkreuz”.

23

Die sieben Schwaben

Ein Schwank von den Sieben Schwaben darf in keiner Sammlung fehlen. Ähnlich wie
von den Schildbürgern gibt es von den wackeren Kerlen verschiedene lustige
Abenteuer, von denen einige hier kurz dargestellt sein sollen.
Es waren einmal sieben Männer, die hatten sich aus verschiedenen Gauen Schwabens
zusammengefunden, um heldenhaft das Ungeheuer vom Bodensee zu besiegen: Der
Allgäuer, der Seehas von Überlingen, der Nestelschwab aus der Freiburger Gegend
(oder vielleicht kam er auch ganz woanders her, das wusste er selbst nicht mehr),
der Spiegelschwab aus Memmingen, der Knöpfleschwab aus dem Ries, der
Blitzschwab aus Ulm und der Gelbfüßler aus Bopfingen.
In Augsburg wollten sie sich Waffen besorgen, aber anstatt dass jeder sein eigenes
Schwert getragen hätte, ließen sie sich einen einzigen gewaltigen Spieß machen, der
sieben Mannslängen maß. „Wie alle sieben für einen, so für alle sieben nur einen!”,
das war ihr Motto. So gerüstet zogen sie denn, einer hinter dem anderen an ihrem
Wiesbaum schleppend, auf einigen Umwegen zum Bodensee.
Da gab es natürlich manch Abenteuer zu bestehen. Unter anderem versperrte ihnen
ein Bär den Weg. Gott sei Dank aber war das Tier schon tot. So war's ein Leichtes,
ihm das Fell über die Ohren zu ziehen. Endlich kamen sie denn allesamt glücklich
zum Bodensee. Und dort im Wald trafen sie das Untier – einen Hasen. Der machte
Männchen, und als er der sieben schlotternden Männer ansichtig wurde, suchte er
das Weite. so hatten sie doch das Seeungeheuer in die Flucht geschlagen. Damit sie
aber triumphierend in Überlingen einziehen konnten, gaben sie der Einfachheit halber
das Bärenfell als Siegestrophäe aus. So wurde ihre Tat berühmt, denn die Überlinger
erbauten zum Dank eine Kapelle, darin der Spieß und die Bärenhaut ausgestellt
waren.
Das Kirchlein wurde von den Schweden zerstört, aber die Geschichte von den sieben
lustigen Schwaben ist bis heute erhalten geblieben.
Quelle: WikiSource: Texte nach Bechstein, Grimm und anderen

24

Die Bergleute vom Suggental

Über Hochmut und den folgenden Fall und die Errettung der Unschuldigen. Eine Sage
aus dem Badischen.
Unweit von Freiburg in einem kleinen Seitental der Elz, dem Suggental, blühte in
längst vergangener Zeit der Erzbergbau. Das brachte die Bewohner zu großem
Wohlstand, und das ganze Tal war so dicht mit Häusern bebaut, dass eine Katze von
der Elz herauf bis zum obersten Hof bequem von einem Dachfirst zum anderen
spazieren konnte.
Heute stehen nur wenige Häuser um die Kirche und ein paar Höfe weiter oben im Tal.
Wie es dazu kam? Den Suggentalern, allen voran der Gräfin im Schloss, war der
Reichtum zu Kopf gestiegen. Sie lebten in Saus und Braus und tanzten mit
ausgehöhlten Brotlaiben an den Füßen. Als im Schloss einmal wieder ein rauschendes
Fest im Gange war, ging der Pfarrer vorbei auf dem Weg zu einem Kranken, um ihn
mit der letzten Ölung zu versehen. Als ein paar Festgäste das Glöcklein des Mesners
hörten, wollten sie niederknien, aber die Gräfin sprach: „Was kehrt ihr euch nach der
Schelle? Jede meiner Kühe hat auch eine!”
Als der Kranke gesalbt und der Pfarrer wieder gegangen war, bat der alte Mann
seinen Sohn, aus dem Fenster nach dem Wetter zu sehen. Da braute sich eine große,
dunkle Wolke über dem Schwarzenberg zusammen. Da ließ sich der Vater von
seinem Sohn rasch auf den Luserberg tragen, gerade noch rechtzeitig, bevor ein
Regen wie die Sintflut über das Tal hereinbrach und alles mit sich fortriss. Von
diesem Unwetter übrig geblieben sind nur die Kirche, der alte Mann mit seinem Sohn
und ein kleines Kind. Das schwamm in einer Wiege auf den Fluten, und eine Katze,
die bei ihm war, hielt das Schifflein im Gleichgewicht, wenn es schwankte. Die Wiege
blieb in einem Baumdolden hängen, und so tragen noch heute die Nachfahren des
Findelkindes den Namen Dold.
Quelle:WikiSource: Der Untergang des Suggentals

WikiSource: Das Suggenthal nach Heinrich Schreiber

25

Das Ende des Doktor Faust

Der Teufelsbündner Dr. Faust, dessen Seele in Goethes literarischer Fassung in den
Himmel gelangt, fand der Volkssage nach sein geheimnisvolles und bitteres Ende in
einem kleinen badischen Städtchen.
Es war im Jahr 1548, da soll der berühmte Doktor Faust als Bibliothekar beim Grafen
von Staufen in Dienst gestanden sein. Er logierte im Gasthaus zum Löwen. Eines
Abends, es war schon dämmrig, ging ein Bauer mit seinem Buben vom Feld nach
Hause. Da zog eine unheimliche Gestalt wie ein riesiger schwarzer Vogel über sie
durch die Luft. Von Furcht ergriffen suchten sie am Johanniterkreuz betend Zuflucht.
In der Stadt angelangt kehrten sie noch beim Löwenwirt ein. Da saß am Kachelofen
ein schwarz gekleideter Herr mit Doktoren-Barett auf dem Kopf und neben ihm einer,
der, mit dem Schwert an seiner Seite, wie sein Knecht aussah. „He Bauer!”, rief der
Doktor, „hast du nicht eben einen großen schwarzen Vogel gesehen und bist mit
deinem Buben zu den Johannitern gelaufen?” Und der andere sagte: „Die können dir
auch nicht helfen, denn sie meisten von ihnen gehören mir!” Und er lachte schrill,
dass es einem durch Mark und Bein fuhr.
Gut zehn Tage logierte der Doktor mit seinem Schwager, wie er ihn nannte, im
Löwen. Eines Nachts gerieten die beiden auf ihrem Zimmer in Streit und machten
solch einen Lärm, dass das ganze Haus davon erwachte. Gerade als der Wirt
hinaufgehen und Frieden stiften wollte, war es still. Als aber am anderen Morgen
keiner der beiden zur Morgensuppe erschien und man nachsehen ging, fand man im
Zimmer nur den Doktor mit blaurotem Gesicht und verdrehtem Hals tot am Boden
liegen. Von dem anderen fehlte jede Spur. Nur ein pestilenzartiger Schwefelgestank
hing in der Luft. So hat der Teufel die Seele des Doktor Faust in die ewige
Verdammnis geholt, als der Pakt mit ihm abgelaufen war.

26

Das Hornberger Schießen

Die Sage erzählt, wie es gehen kann, dass man im freudigen Übereifer die
Hauptsache verpasst, dafür aber eine noch heute gängige Redewendung schafft.
Vor Zeiten kam einmal der Herzog im schönen Schwarzwald-Städtchen Hornberg zu
Besuch. Die Hornberger bereiteten ein großes Fest vor, und ein Empfangskomitee,
bestehend aus allen Bürgern des Ortes, stand bereit. Oben auf dem Schlossberg aber
positionierte man die zu diesem Anlass extra blankgeputzten Kanonen, um den
Ehrengast mit ordentlichem Salut zu begrüßen.
Es war ein warmer Tag, und der Herzog ließ auf sich warten. Den Blumenmädchen
begannen schon die Kränze im Haar welk zu werden, alle hatten Durst und
schwitzten in ihren Festtagsgewändern. Endlich kam das ersehnte Zeichen. Auf dem
Kinzigsteg waren die ersten Reiter gesichtet worden. Die Leute jubelten, und oben
auf dem Berg luden die Männer die Kanonen und böllerten, was das Zeug hielt.
Als alles Pulver verschossen war, wollten sie sich eben zum Festplatz begeben und
sich endlich am kühlen Bier gütlich tun, da kam ein Bote angerannt und schrie:
„Schießt weiter! Das war erst die Vorhut!” Da war jedoch nichts mehr zu Schießen
übrig. Und als der Herzog selbst durchs Stadttor zog, da war es ganz still, denn alle
hatten sich bereits in den Schatten und zu den Zapfhähnen begeben.
Noch heute sagt man, wenn ein Ereignis sang- und klanglos im Sande verläuft: „Das
geht aus wie's Hornberger Schießen!”

27

Das kalte Herz

Wilhelm Hauff hat das berühmt gewordene Märchen für einen seiner drei
„Almanache“ verfasst. Die Geschichte vom hilfreichen Glasmännlein und dem
teuflischen Holländer Michel, an den der arme Köhler Peter Munk aus dem
Schwarzwald sein Herz verkauft, war nicht nur für Kinder gedacht.

Der Kohlenmunk Peter hatte es satt, ein armer Köhler zu sein. Er wünschte sich
genau so viel Reichtum und Ansehen wie der dicke Flößer Ezechiel. Dann, so meinte
er, sei sein Glück vollkommen.

Es ging die Sage vom Glasmännlein, dem „Schatzhauser”, der schon so manchen
reich gemacht habe. Peter zog in den Wald und fand das Glasmännlein auch. Das
versprach ihm drei Wünsche zu erfüllen. Es sollten nur keine törichten sein. Aber
Peter hatte nichts anderes im Kopf, als sich Geld zu wünschen. Er bekam es, aber der
Schatzhauser verließ ihn voll Wut, denn das Wichtigste, den Verstand dazu, den
hatte Peter vergessen.

So geschah es, dass Peter Munk zwar bald ein reicher Mann war, aber all sein Geld
verspielte und schnell vor dem Ruin stand. Da suchte er den anderen auf, der schon
öfters seine Dienste angeboten hatte: den ungeheuren Flößer Holländer Michel. Mit
ihm vereinbarte er einen Handel. Peter sollte sein Leben lang Geld und Ansehen
haben, so viel er wollte, dafür aber müsse er dem Holländer Michel sein lebendig
schlagendes Herz geben. Peter willigte ein, denn sein warmes Herz hatte ihm schon
manch Ungemach bereitet. Er erhielt stattdessen ein steinernes Herz.

Von da ab fehlte es dem Peter Munk an nichts mehr. Er heiratete das lieblichste
Mädchen der ganzen Gegend. Allein: lieben konnte er sie nicht und freuen konnte er
sich auch nicht mehr. Er verstieß seine Mutter, die in großer Armut lebte, und am
Ende erschlug er gar seine Frau, weil sie einem armen alten Mann zu essen gegeben
hatte.

Da packte ihn doch so etwas wie Reue, soweit er sie mit seinem steinernen Herzen
empfinden konnte, und er machte sich wieder auf, das Glasmännlein zu suchen. Kein
anderer war der alte Mann gewesen, den seine Frau gespeist, und um ihrer
Gutherzigkeit Willen erklärte sich der Schatzhauser bereit, Peter zu helfen. Mit einer
List gelang es dem Reuemütigen, sein schlagendes Herz wieder zurückzubekommen.
Und seine warmen Gefühle machten auch seine Frau wieder lebendig. So lebte er
noch lange Zeit glücklich als bescheidener, aber beliebter und angesehener Köhler.

Quelle: WikiSource: Das kalte Herz nach Wilhelm Hauff (1. Teil)

WikiSource: Das kalte Herz nach Wilhelm Hauff (2. Teil)

28

Das Käthchen von Heilbronn

1810 wurde Heinrich von Kleists „großes historisches Ritterschauspiel“ in Wien
uraufgeführt. Seitdem ist das Käthchen von einer literarischen Figur zur sagenhaften
Gestalt und zur Repräsentantin von Heilbronn geworden. Ihre Geschichte erzählt von
schicksalhafter Liebe und einem Happy End.

Der Waffenschmied von Heilbronn hatte eine wunderhübsche und sittsame Tochter,
das Käthchen. Die träumte eines Nachts von einem wunderbaren Ritter, der um ihre
Hand anhielt, und beinahe hatten sie sich im Traum schon vermählt, als sie
erwachte.

In derselben Nacht wälzte sich der Graf Wetter vom Strahl in Fieberträumen auf
seinem Bett. Da erschien ihm ein Engel, der führte ihn in die Kammer eines schönen
Mädchens und sprach, dies sei die Tochter des Kaisers, seine Braut. Der Graf genas
und hatte das Gesicht bald vergessen.

Eines Tages kam er nach Heilbronn und ließ sich beim Waffenschmied den Harnisch
ausbessern. Doch wie erschrak das Käthchen, als sie in Wetter vom Strahl ihren
geträumten Bräutigam erblickte! Als dieser sich jedoch nicht um sie kümmerte und
wieder abreiste, wurde das schöne Mädchen ganz verzweifelt. Sie stürzte sich aus
dem Fenster, lag lange todkrank darnieder, und als sie doch wieder gesund geworden
war, verließ sie das Haus ihres Vaters und ging an den Hof des Grafen Wetter.

Dort hielt sie sich immer in seiner Nähe auf, tat die niedersten Dienste, nur um
immer bei ihm sein zu können. Dem Grafen wurde das Mädchen schon lästig und er
wollte sie wieder zu ihrem Vater schicken. Aber weder freundliche Worte noch
Drohungen konnten das Käthchen von seiner Seite vertreiben. Eines Abends fand er
sie schlafend unter einem Holderstrauch. Als sein Blick so auf sie fiel, begann sie im
Schlaf zu sprechen und erzählte ihr ganzes Geheimnis. Da stieg im Grafen die
Erinnerung an jenen Fiebertraum herauf, und als er die Schlafende näher
betrachtete, erkannte er jenes holde Antlitz seiner Braut, zu der der Engel ihn einst
geführt. Er beschloss, sie auch über die Standesgrenzen hinweg zu heiraten. Aber als
die beiden vor Käthchens Vater hintraten, da gestand er, dass das Mädchen nur seine
Ziehtochter sei. In Wirklichkeit sei sie die Tochter des Kaisers und der Prinzessin von
Schwaben. Nun stand dem Glück des jungen Paares nichts mehr im Wege.

Am Markt von Heilbronn steht noch heute das „Käthchenhaus”, in dem das treue
Mädchen mit ihrem Ziehvater einst gewohnt haben soll.

Quelle: WikiSource: Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn

29

Die Weiber vom Weinsberg

Eine Sage, die erzählt, wie wahre Klugheit und Treue der Frauen sich als die besseren
Waffen erweisen.
Es war im Jahr 1140, als der Stauferkönig Konrad im Krieg mit dem Bayerischen
Herzog Welf lag. Da zog Konrads Heer vor die Burg Weinsberg und belagerte sie.
Denn die Weinsberger Bürger waren dem Bayern treu ergeben. Schon nagte der
Hunger in den Bäuchen der Belagerten, aber noch immer waren sie nicht bereit,
aufzugeben.
Konrad drohte, am nächsten Morgen die Feste einzunehmen und allesamt zu töten.
In der Nacht vor dem Sturm schlich sich eine junge Weinsbergerin ins feindliche
Lager, um Konrad um Schonung zu bitten. Weil die junge Frau so hübsch anzusehen
war, ließ sich der König gnädig stimmen und gewährte allen Weibern, vor der
Eroberung die Burg zu verlassen und dabei mitnehmen zu dürfen, was sie tragen
konnten.
Am nächsten Morgen staunte Konrad nicht schlecht: Durchs Burgtor den Berg herab
kam ein langer Zug von Frauen, und eine jede trug ihren Mann auf dem Rücken. Da
musste der König über die List der Frauen lächeln, und als sein Neffe Friedrich
Einspruch erheben wollte, sagte er: „Lasst sie in Frieden ziehen. Am Wort des Königs
soll man nicht drehen und deuteln!”
Wohl ist die Burg später doch einmal zerstört worden, aber ihre Ruine heißt immer
noch „die Weibertreu”.
Auch Justinus Kerner, der Autor der Württemberg-Hymne „Der reiche Fürst“,
verarbeitet die Weiber von Weinsberg in seinem Gedicht „Weinsberger Weiberlist“.
Quelle: WikiSource: Gottfried August Bürger/Hermann Essig – Die Weiber von
Weinsberg

30

Die Gründung des Klosters Maulbronn

Als der fromme Ritter Walter von Lomersheim seinen Tod nahen fühlte, wollte er für
sein Seelenheil noch ein Kloster stiften. Doch weder er noch die Mönche wussten,
welches ein guter Ort dafür sei. Ein Esel sollte ihnen den Weg weisen, denn war es
nicht ein Tier, das geduldig alles Lasten trug, und hatte nicht selbst Jesus auf einem
Esel Einzug gehalten in Jerusalem?
Also luden sie dem Maultier all ihre Habe auf und schickten es voraus. Da wo das Tier
Rast machte, sollte das Kloster entstehen. Der Esel trabte munter kreuz und quer
durch Feld und Wald. An einer Quelle endlich hielt er an, um zu trinken. „Dies ist der
Ort, den Gott uns zugedacht hat!” freuten sich die Mönche. Und so erhielt das Kloster
den Namen „Maulbronn”.
Im Wald jedoch hausten Räuber, die die Gegend unsicher machten. Die tauchten
eines Tages auch bei den Mönchen auf, als schon etliche Mauern standen. Sie
drohten, alles zu zerstören, wenn der Bau nicht sofort eingestellt würde. Da trat ein
Mönch vor und sagte: „Spart euch die Mühe, denn wir versprechen euch mit einem
heiligen Eid, das Kloster nicht zu vollenden.” Die Räuber glaubten dem Mönch und
zogen ab. Die Brüder aber bauten munter weiter, bis alles vollendet war.
Voll Zorn aber standen eines Tage wieder die Räuber vor dem Tor. Der Abt führte sie
in die Kirche und deutete auf eine kleine Lücke in der Mauer der Chorschranke und
auf den Stein, der davor am Boden lag und sagte: „Ihr seht, wir haben unser Wort
gehalten. Das Kloster ist noch nicht vollendet.”
Der Eselsbrunnen im Klostergarten sprudelt heute noch und das Bildnis einer mit
Stricken gefesselten Schwurhand erinnert an den Eid der Mönche, das Kloster
unvollendet zu lassen bis zum Jüngsten Tag.
Quelle: Projekt Gutenberg: Die Sage nach Justinus Kerner – Das Bilderbuch meiner
Knabenzeit

31

Der Schuster und das Männlein

Wie ein armer Crailsheimer Schuster einst zu großem Reichtum kam
und ihn doch mit dem Leben bezahlen musste.
Es war in den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg, als Crailsheim stark verwüstet
war und nur wenige Einwohner zählte. Unter ihnen lebte auch ein Schuster mit seiner
Frau an der Brücke bei der Armenhäuserkapelle.
Eines Abends bemerkte der Mann plötzlich ein kleines Männlein mit schneeweißem
Haar und einem Dreispitz auf dem Kopf. Es hatte ein freundliches Gesicht und blieb
immer länger in der Stube. Lange sagte der Mann nichts zu seiner Frau. Denn die
konnte das Männlein nicht sehen. Dann aber berichtete er doch dem Pfarrer von der
seltsamen Erscheinung. Der riet, die Gestalt beim nächsten Mal anzusprechen, aber
nicht mit „du” oder „er”, sondern mit „man„. Verlange der Geist einen Dienst, so solle
man ihn anweisen, die Arbeit selbst zu tun.
In der Nacht vor Heilig Abend kam das Männlein wieder. Da fragte der Schuster:
„Was begehrt man?” Das Männlein führte den Schuster in einen tiefen Gang und
sagte an dessen Ende, auf eine Hacke: „Man kann scharren”. Da sagte der Schuster:
„Man kann selber scharren.” Und so grub das Männlein im Boden und förderte einen
großen verschlossenen Kessel zu Tage. „Man kann heben”, sagte es, und der
Schuster sagte: „Man kann selber heben.”
Da bot das Geistlein dem Schuster die Hand. Der wickelte zuerst sein Schnupftuch
um die Finger. Kaum hatten die beiden Hände einander berührt, verbrannte das Tuch
augenblicklich. Der Schuster fiel in Ohnmacht, das Geistlein verschwand, denn nun
war es erlöst.
Es hatte dem Schuster einen seltsamen Reichtum hinterlassen. Zwar war der Kessel
voll Gold, doch fand sich darin auch ein Zettel vom Männlein geschrieben, auf dem
stand, alles müsse geheim bleiben, sonst sei seine Seele verloren. So lebten die
Schustersleute weiterhin bescheiden und spendeten den Armen. Den Schuster hat
man nie mehr lachen sehen, und nach sieben Jahren trug man ihn zu Grabe.
Die Geschichte ist auch unter dem Namen „Der Schuster und das Gespenst” bekannt.
Quelle: Zeno: Der Schuster und das Gespenst

32

Die Wettenburg

Wie Geiz, Hartherzigkeit und Hochmut bestraft werden und wie sich dies in einen
Felsen bei Wertheim eingeprägt hat.
Eine halbe Stunde oberhalb von Wertheim liegt ein Felsen, der von drei Seiten vom
Main umflossen wird. Dort oben stand einst eine Burg. Von ihr ist nichts mehr zu
sehen, doch werden manch unheimliche Ereignisse von dort oben berichtet.
Die Sage erzählt, dass die letzte Gräfin auf dem Schloss eine geizige und hartherzige
Frau gewesen sei. Sie beutete ihre Bauern aus, doch besonders hasste sie die Bettler
und armen Leute, die um eine kleine Gabe an ihr Burgtor klopften. Um endlich
Frieden vor ihnen zu haben, beschloss sie, den Main auch um die vierte Seite des
Felsens zu leiten, um den Weg für das „Gesindel” zu versperren.

33

Die Jungfrauen von der Schalksburg

Die Geschichte von zwei Jungfrauen, die als gebannte Geister um die Schalksburg
zogen und denen nur die Hilfe zweier Burschen Erlösung bringen kann.

Eine verarmte Frau raffte, gemeinsam mit ihrer Tochter, am Schalksbergwald
trockenes Holz für den Ofen zusammen. Das kleine Mädchen wanderte auf der Suche
durch den Wald, immer weiter weg von der Mutter, bis hinauf zur Schalksburg. Als
die Tochter länger wegblieb, machte sich die Mutter sorgen und begann zu suchen.
Da kam das Mädchen den Berg hinab mit einer weißen Rose in der Hand.

Sie erzählte der Mutter eine Jungfrau sei ihr erschienen und habe ihr die Rose
geschenkt. Die Mutter weinte, denn sie wusste, dass die Rose den Tod der Tochter
bedeutete. Und so kam es: Die Blätter der Rose wurden welk und das Kind krank. Als
das letzte Rosenblatt fiel, war das Mädchen tot. Die Mutter legte die Rose mit ins
Grab und es erwuchs ein wunderschöner Rosenstrauch. Dieser Teil der Geschichte ist
jedoch nicht in allen Quellen zu finden. Einig sind sich alle Quellen aber im zweiten
Teil der Geschichte.

Eine Wiege für ein unschuldiges Kind

Die Jungfrau, die dem Kind erschienen war, geisterte mit einer Gefährtin weiter rund
um die Schalksburg. Eines Tages begegneten zwei Jungen durch Zufall den zwei
schönen Jungfrauen. Sie glaubten, dass es sich um lebendige Frauen handelte und
sprachen sie an. Die beiden Frauen sagten: „Wir sind nicht mehr lebend, wie ihr
vielleicht glaubt, sondern gebannte Geister. Zur Strafe für all unsere Sünden müssen
wir in den Gewölben der Burg auf ewig die Schätze bewachen. Wir bitten euch, uns
zu erlösen. Ihr müsst am Fuße der Burg einen Ahorn fällen und daraus eine
Kinderwiege bauen. Legt ein unschuldiges Kind hinein, dann werden wir frei.“

Die Burschen schickten sich an, den Jungfrauen zu helfen und führten aus, was ihnen
aufgetragen war. Am Abend nachdem sie das Kind in die Wiege gelegt hatten, stand
plötzlich ein heller Schein über der Schalksburg. Man sah ein feuriges Licht in den
Himmel aufsteigen. Manche meinten darin die Gestalten zweier Frauen erkannt zu
haben.

Quellen:Wetzel, Manfred (1988): Vom Mummelsee zur Weibertreu, S. 172.

Früh, Sigrid (1998): Märchen, Sagen und Schwänke von der Schwäbischen
Alb,S.183.

Projekt Gutenberg: Die Jungfrauen von der Schalksburg Uni Freiburg: Die
Schalksburgsage

Albstadt Tourismus: Aussichtspunkt Ruine Schalksburg

34

Der Riese vom Reußenstein

Die Geschichte über die Burg für einen Riesen, in die ein mutiger Geselle mit seiner
großen Liebe einzog.
Gegenüber der Burg Reußenstein lebte in der Höhle „Heimenstein“ einsam der Riese
„Heim“. Der Riese besaß sehr viel Gold und wollte sich, wie die anderen Ritter auf der
Alb, ein Burg bauen. Er schaute heraus aus seiner Höhle und suchte nach einem
geeigneten Platz. Da erblickte er vor seiner Höhle den Berg Reußenstein und dachte
„dort soll mein neues Heim stehen mit Blick über die Berge der Alb“.
So begann er mit den eigenen Händen in die Felsen der Alb zu graben. Doch so sehr
er sich auch bemühte, er konnte kein Haus bauen, dass ihm gefiel. So stellte er sich
auf den Beurener Felsen und schrie ins Tal hinunter nach Hilfe. Alle Handwerker, die
es hörten, sollten ihm zu Hilfe kommen. Er pries ihnen eine gute Entlohnung an. Alle
Maurer und Zimmerer, Schlosser und Schreiner, Dachdecker und Maler, machten sich
auf dem Weg, um dem Riesen eine Burg zu bauen.
Wenn die Liebe Mut verleiht
Als die neue Behausung fertig war, fiel dem Riesen auf, dass am obersten Fenster
noch ein Nagel fehlte. „Warum habt ihr den Nagel vergessen?“, fragte er die Arbeiter
erzürnt. Die Handwerker gestanden, dass sich keiner getraut hatte so hoch oben den
Nagel einzuschlagen. Der Riese verweigerte den Lohn, wenn der Nagel nicht
eingeschlagen würde. Nach vielen erfolglosen Versuchen, wagte sich ein armer
Geselle vor, der die Tochter seines Meisters liebte. Er erhoffte sich mit der Tat reich
zu werden und die Meisterstochter heiraten zu dürfen oder unglücklich zu sterben.
Der Riese war beeindruckt, ob des Mutes des jungen Gesellen, packte ihn und hob
ihn mit seiner mächtigen Hand zum Fenster hoch. „Schlag den Nagel ruhig ein, ich
lasse dich nicht fallen“, beruhigte er ihn. Dann setzte er den Jungen unversehrt auf
die Erde und schenkte ihm nicht nur den versprochenen Lohn, sondern auch die Burg
Reußenstein, in der er fortan mit der Meisterstocher lebte.
Projekt Gutenberg: Der Originaltext von Wilhelm Hauff
Uni Heidelberg: Vom „Riesen Heim“ auf Fels gebaut. Zur Instandsetzung der Ruine
Reußenstein (PDF)Die Burgruine Reußenstein

35

Der Geiger von Gmünd

Eine mündliche Überlieferung aus Gmünd
Ein armer Geiger klagte einmal vor einem Marienbild in der Muttergotteskapelle, die
zwischen Gmünd und Gotteszell hart am Wege liegt, seine Not. Dann spielte er auf
seiner Geige so rührend, dass das heilige Bild sich bewegte und ihm einen von seinen
beiden goldenen Pantoffeln zuwarf. Als der Geiger nun aber den Pantoffel verkaufen
wollte, wurde er verhaftet und als Kirchenräuber zum Tode verurteilt. Er bat alsdann
um die Gnade, dass er vor seinem Tod noch einmal vor dem Marienbild spielen dürfe,
was ihm auch gestattet wurde. Viel Volk hatte sich dazu versammelt. Und als er nun
sein letztes Stück ausgespielt hatte, da bewegte das Gnadenbild sich abermals und
warf ihm auch den anderen Pantoffel hin, woraus das Volk unter großem Jubel die
Unschuld des armen Geigers erkannte und ihm gern die goldenen Pantoffeln ließ.
Noch vor einigen Jahren hing in der Muttergotteskapelle ein altes Bild, welches diese
Geschichte darstellte, wie nämlich der zum Tode verurteilte.

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Der Hirt von Mühlheim

Eine mündliche Überlieferung aus Fridingen

Do ist emol z’Mühlheim en armer Hirt g’sei, der hot amme Suntigemorga seine
Schoof uffem Welscheberg triban und hot se doba g’hüetet. S’ist grad a b’sunders
Fest an sellem Suntig g’halta woaran in der Wallfahrtskirch , und wie er nu da hoba
d’ Glocka hot läuta höra, do hots dem arma Ma ^s Hearz schier abdruckt, daß er it
au hot hikönnen und beatan und singan und eisern Herrgot loban und danka mit
deana andere Christe z^säme. Er ist halt arm g’sei und hot für d’Gmoind hüeta
müße. Er hot zwar a Weib g’hett und dia hot sust schaun mengsmol für en g’hörtet
am Suntig, mo er gearn in d’Kirch hot gau wölla; aber sia ist an fellem Tag grad
krank g’sei und ist dahom im Bett g’leaga. Do hot er si endli b’sunna und hot denkt:
»’s ka nu emol it anderst sei; i muoß hüeta, daß mei Weib und Kind ebbes z’eßa
hont, und eiser Herrgot wird mir schau dia Sünd vergean und Mareia, eisere liebe
Frau, wird für mi beata!«

So hot der Ma still in seim Hearze denkt, und do ist em uf oanrnol eig’fallan: »aber
worum kan i denn it au do unterm freia Himmel zu eiserm Herrgot und der hoilige
Jungfrau beata?«

Und mit dem Gedanka hot er noh emol nach seine Schoof guckt und hot se näher
z’säme triba, hot si dernah hig’setzt uffen Stoan , der grad do g’leagan ist, hot sein
Huet radaun und hot nu beata wölla.

Aber do hot er mit Schreacka g’merkt, daß em sei »Nüster« fenhlt. »Hüt gaht mir au
älles hinterfür!« hot er g’sait, und hätt nans möga, wo koan Loch ist, und lugt in der
Verleageheit so vor si hin uf Ein Plätzle. Uf dem Plätzle aber ist just a Busch g’standa
und der hot schöne grüne Blättle g’hett, und dia Blättle hont so g’strahlet und
glitzeret, daß der Ma sie it g’nuag hot anseha könne.

»Ei, hot er nach ere Weil denkt, dia Blättle hot eiser Herrgot wachse laun und dia
g’fallet mir airst; dia sind jo eaba so zierli und rund, wie d’schönste Perla von eme
Nüster.« Und uf oanmol hot er ang’fanga z’beatan und hot ällemol a grüns Blättle
rabrocha, wenn er an dees Ehre sei dem Vater! usw.« kumman ist; und hot oans ans
ander higlait, daß a Ring draus woaran ist wie a reats Nüster. Z’letzia hot er emol
gucka wöllan ob er mit dem airste Rosekranz schau featig sei und hot hia Blätte
abzählt, und do sinds eaba fufz’g g’sei. Aber wie er dees letzt Blatt ang’regt hot, do
find uf oanmol älle fufz’g Blättle lauter reate Goldstuck g’sei, oans schainer wies
ander, daß der Ma seim Auge fast nit traut hot und ganz verstummet ist und z’airste
nit gewagt hot, dees viel Geald z’nemman und in Sack z’schiaba. Seitdem hot er koan
Naut mai z’leida g’hett und hot au amme Fei’rtig nimme hüeta derfa.

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Steine in Gold verwandelt

Eine mündliche Überlieferung aus Fridingen
Eine Frau aus Fridingen an der Donau ging einst auf den Berg, woselbst vor dem
Schwedenkrieg »Altfridingen« gestanden haben soll. Indem sie dort den Boden
aufhackte, kamen so hübsche Steine zum Vorschein, dass sie es nicht unterlassen
konnte, einige davon einzustecken und ihren Kindern mitzunehmen. Am anderen
Morgen aber fand sie, dass alle in schweres Gold verwandelt waren. Daraufhin eilte
sie auf den Berg, um auch die übrigen Steine zu holen. Allein die waren alle fort, und
bloß eine Menge kleiner »Krotten« sprangen auf dem Platz herum.

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Die Sage vom 'geschossenen' Christus
von Geisingen"

Mitten im Dreißigjährigen Kriege war es. Sengend und brennend zogen die Schweden
durch die Baar, der weiten Hochebene zwischen Hegau und Schwarzwald. Manch
einem armen Bäuerlein setzten sie den roten Hahn auf das Strohdach, und
schwelende Trümmer und dunkle Rauchfahnen kennzeichneten ihren Weg.

Heute stand ein finsterer Himmel über dem Land. Regengewölk hatte das
stadtgekrönte Haupt des Fürstenbergs drüben bei Neudingen verhangen und
Nebelfetzen flatterten auch um den Wartenberg. Zu seinen Füßen lag das Städtchen
Geisingen, hingeduckt, als fürchte es sich vor dem Drohenden, das wie düsteren
Regenschleier über der Baar hing. Da sprengte auch schon ein Trupp schwedischer
Reiter die Straße entlang. Regen troff ihnen vom Wams, Regen griff ihnen mit kühler
Hand zwischen Rock und Kragen, machte die Pferdehülse blank und tropfte vom
blitzenden Zaumzeug.

Das war gerade so ein Wetter für einen herzhaften Fluch und für noch Schlimmeres.

"Den Regen sollst du mir büßen, du Jammermann, da oben an deinem Kreuze", rief
der Schwede, als der Trupp an einem Feldkreuz vorüberkam. "Bist du der Herrgott,
dann kannst du uns auch ein anderes Wetter machen. Wird's bald?" Und drohend
fuhr die Hand des Schweden an die Satteltasche, in der die lange Reiterpistole stak.

Als der Herrgott unter seiner Dornenkrone schwieg und nur voll Mitleid auf den
Frevler herabzublicken schien, zog der Schwede kurzerhand das Schießeisen, legte
an und zielte: Ein Schuss bellte auf. Pulverdampf verhüllte für Augenblicke das Kreuz.

"Gut getroffen", höhnte der Schwede, als er das schwarze Loch in der Stirn des
Heilands sah, aber die Worte erstarrten ihm auf den Lippen, als da aus der dunklen
Wunde rotes, lebendiges Blut sickerte und zwei tiefe Furchen über die Wangen bis
zum Kinn zeichnete. Angst packte den Frevler. Er schlug seinem sich aufbäumenden
Ross die Sporen in die Weichen, dass sie bluteten, und sprengte fort. Aber weit kam
er nicht. Noch ehe er Unterbaldingen erreichte, tat sich die Erde auf und verschlang
Ross und Reiter.

Das geschändete Bild aber holten die Geisinger in frommer Prozession ein und
erbauten darüber ein Gotteshaus, zu dem einst Ungezählte Wallfahrten: die weithin
bekannte Heiligkreuzkapelle.

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