4 2025ISSN 03440745 | K2408Zeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V.Rückblicke – Erinnerungen
2InhaltTitelbild: Foto von Rosalia Ricotta auf PixabayZum Titelbild der Ausgabe 3/2025: Aufmerksame Leserinnen und Leser haben den Fehler gleich bemerkt: Natürlich liegt Prag an der Moldau!4 Was lässt uns erinnern und vergessen?Das Wunderwerk GehirnVon Ursula Michalke5 Das Vergissmeinnicht Symbol für ewiges Erinnern und ZuneigungVon Sigrid Lindner6 TagebücherIntime ZeitzeugenVon Ursula Michalke8 Leben in der Kriegs- und Nachkriegszeit Zeitzeuginnen erinnern sich Im Gespräch mit Ursula Michalke 10 Maria Marc Ehefrau des „Blaue Reiter“-Künstlers Franz Marc Von Sibylle Weitkamp11 Memoiren – Reflektierte RückschauZwischen Wahrheit und subjektiver WahrnehmungVon Sigrid Lindner13 Ein Bild sagt mehr als tausend WorteDas Foto – ein eingefrorener MomentVon Ursula Michalke14 Es begann mit einer RöhreDas Fernsehen brachte die Welt ins WohnzimmerVon Birgit Potthoff-Karl15 Haus der Geschichte in BonnDeutsche Zeitgeschichte in Objekten und MedienVon Birgit Potthoff-Karl17 EXPO 2000 in HannoverRückblick auf ein GroßereignisVon Sibylle Weitkamp18 75 Jahre Deutsches MüttergenesungswerkDie Gründung der „Elly-Heuss-Knapp-Stiftung\"Von Sibylle Weitkamp19 Früher war mehr LamettaChristbaumschmuck im Wandel der ZeitVon Ursula Michalke20 kurz notiert22 Für Sie gelesen23 Aktuelle Kunstausstellungen24 Aus dem Verband31 Personalia/ImpressumIn unserer Verbandszeitschrift verwenden wir überwiegend eine geschlechtergerechte Schreibweise mit Beidnennung. Wo dieses nicht möglich ist, sind bei allen relevanten Wörtern und Textstellen immer Frauen und Männer gemeint. Im Interesse einer besseren Lesbarkeit verzichten wir jedoch auf Zeichen wie *, : oder das Binnen-I, die nicht in die amtliche Rechtschreibregelung aufgenommen wurden.
3EditorialIhreUrsula Michalkedas Jahr 2025 neigt sich dem Ende zu und mit ihm ein Vierteljahrhundert des neuen Jahrzehnts. Wir haben es zum Anlass genommen, Rückblicke auf einige wichtige Ereignisse der letzten hundert Jahre zu werfen.Das weitere Thema ist die Erinnerung: An welche Begebenheiten, Erlebnisse von früher erinnern wir uns noch? Manchmal sind sie ganz plötzlich da, was war der Auslöser – ein Duft, eine Fotografie, eine Melodie oder Ähnliches? Wie können wir unsere Erinnerungen festhalten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten?Einige der vielfältigen Aspekte haben wir in dieser Ausgabe angesprochen und vielleicht ruft der eine oder andere Artikel bei Ihnen einen Erinnerungsblitz hervor.Das Redaktionsteam und der Bundesvorstand wünschen Ihnen eine stimmungsvolle Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Übergang in ein hoffentlich friedliches neues Jahr.Liebe Leserin, lieber Leser,Kurrende Sänger, Entwurf Max Schanz Foto: Ronald Stolte
4ThemaWas lässt uns erinnern und vergessen?Das Wunderwerk GehirnVon Ursula MichalkeDie Erinnerung ist das mentale Wiedererleben früherer Erlebnisse und Erfahrungen. Sie stammt aus dem sogenannten episodischen Gedächtnis – dem Teil unseres Langzeitgedächtnisses, der persönliche Erlebnisse speichert. Je intensiver das Gefühl, desto stärker die Erinnerung. Dabei sind Erinnerungen meist multimedial: Sie enthalten Bilder, Geräusche, Gerüche und vor allem Gefühle.Doch das Gedächtnis speichert nicht alles. Es filtert, bewertet und rekonstruiert. So entstehen Erinnerungen, die nicht nur das Erlebte widerspiegeln, sondern auch unsere Interpretation davon. Erinnerung ist ein lebendiger Prozess. Wir erinnern uns nicht einfach an das, was war, sondern an das, was unser Gehirn daraus gemacht hat, also nicht objektiv, sondern emotional, selektiv und häufig sogar falsch.Studien zeigen, dass Menschen sich an Dinge erinnern können, die nie passiert sind. Diese falschen Erinnerungen entstehen durch Suggestion, Wiederholung oder emotionale Überlagerung. Ein Beispiel dafür sind unterschiedliche Zeugenaussagen.Damit unser Gehirn nicht überlastet wird, filtert es die Sinneseindrücke. Im Ultrakurzgedächtnis werden die Informationen, die wir ganz flüchtig wahrnehmen, nur wenige Sekunden gespeichert. Wenn wir uns auf etwas konzentrieren und merken wollen, landen diese Informationen für eine begrenzte Zeit im Kurzzeitgedächtnis. Erst wenn wir das Gelernte mehrmals wiederholen, setzt es sich im Langzeitgedächtnis fest. Besonders eindrücklich bleiben emotionale Erlebnisse haften – beispielsweise die Hochzeit, ein Unfall oder das Scheitern bei einer Prüfung. Im limbischen System des Gehirns – dem Teil des Gehirns, der für Emotionen und Erinnerungen zuständig ist – gibt es unterschiedliche Bereiche, in denen die verschiedenen Arten von Erinnerungen gespeichert werden. Wissenschaftler verorten die neuronalen Verknüpfungen, die mit erlernten Fähigkeiten zusammenhängen, im Striatum. Faktisches Wissen wird eher im Hippocampus abgespeichert, Emotionen in der Hirnregion Amygdala.Erfahrungen aus manchen Lebensabschnitten bleiben besonders stark haften, andere weniger. Frühe Kindheitserinnerungen verblassen, die stärksten Erinnerungen – Wissenschaftler sprechen von Reminiszenshöckern – gibt es über die Zeitspanne zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr, weil in dieser Zeit die intensivsten Erfahrungen des Lebens gemacht werden und sich hier die Identität gebildet hat. Daher erinnern sich Alzheimer-Patienten noch gut an diese Phase des Erwachsenwerdens. Der „Proust-Effekt“Manche Erinnerungen kommen ganz plötzlich, beispielsweise durch einen Geruch oder eine Melodie. Viele unserer Duft-Erinnerungen stammen aus der Kindheit. Der Geruch von Vanille erinnert vielleicht an die Küche der Mutter, Zimt an Weihnachten, während der Duft von Sonnencreme sofort Bilder vom Sommerurlaub am Meer heraufbeschwört. Düfte haben die einzigartige Fähigkeit, Erinnerungen nicht nur wachzurufen, sondern sie mit all ihren Emotionen und Details wieder erlebbar zu machen. Der Geruchssinn ist direkt mit dem limbischen System verbunden und anders als visuelle oder auditive Reize durchlaufen Düfte keine komplexe Verarbeitung, sondern wirken unmittelbar. Deshalb können sie so intensiv und plötzlich Erinnerungen hervorrufen.Dieses Phänomen wird auch der „Proust-Effekt“ genannt. Er beschreibt, wie ein sensorischer Reiz – besonders ein Duft – eine lebendige, emotionale Erinnerung hervorruft, die lange vergessen schien. Der Name geht auf Marcel Proust zurück, der mit seiner berühmten Madeleine-Szene in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit den Geruch als Auslöser autobiografischer Erinnerung literarisch verewigt hat. In einer Szene des Romans weckt bei dem Kunstliebhaber Swann der Geruch von frisch gebackenen Madeleines und einer Tasse Tee eine Fülle an Erinnerungen und Emotionen: \"Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand, hatte ihn durchströmt. […] Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die ihm am Sonntagmorgen seine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren Tee getaucht hatte.\"Patrick Süskind treibt das Motiv des Geruchs auf die Spitze: In Das Parfum wird der Geruchssinn zur Obsession, zur Quelle von Macht und zur Metapher für Identitätsverlust. Der Protagonist Grenouille besitzt keinen Eigengeruch – ein Symbol für seine soziale Unsichtbarkeit – und erschafft ein Parfum, das Menschen willenlos macht.Auch ein Blick ins Fotoalbum ruft Erinnerungen hervorFoto: Freepik
5ThemaDas Vergissmeinnicht Symbol für ewiges Erinnern und ZuneigungVon Sigrid LindnerRosen, Veilchen, Nelken, alle Blumen welken, nur das eine welket nicht, welches heißt „Vergissmeinnicht“.In den 1950/1960er Jahren waren vor allem bei den Mädchen Poesiealben sehr beliebt. So manch Freundin und Freund, manch Lehrer und Verwandte hat sich in dem kleinen Erinnerungsbüchlein verewigt - auch mit eben diesem schönen Kinderreim*. Hübsch verziert mit Glanzbildchen, selbst gemalten oder gepressten Blütenblättern sollten die Verse an den Wert ewiger Freundschaft erinnern.Die ab den frühen Sommermonaten blühende Pflanze gehört zur Familie der Raublattgewächse (Boraginaceae), zählt über 50 Arten und ist in vielen Teilen Europas sowie in Asien und Nordamerika heimisch. Der botanische Name Myosotis sylvatica bedeutet übersetzt „Mäuseohr“, was so gar keine Ähnlichkeit mit der geläufigen, volkstümlich geprägten Bezeichnung Vergissmeinnicht hat. Wie es zu dieser romantisierten Umbenennung, die seit dem späten Mittelalter belegt ist, kam, dazu kursieren verschiedene Geschichten.Sagen und LegendenEiner auf die Antike zurückgehenden Version zufolge soll Göttervater Zeus, als er die Blumennamen verteilte, einige übersehen haben, woraufhin sich das zarte, unscheinbare Myosotis sylvatica mit einem beherzten „Vergiss mein nicht!“ in Erinnerung brachte. In einer abgewandelten Erzählung heißt es, die Blume selbst habe sich ihres ursprünglichen Namens nicht mehr erinnern können, woraufhin Gott es „Vergissmeinnicht“ nannte.Ganz anderes berichtet eine aus dem späten Mittelalter überlieferte Legende. Danach stürzte ein Ritter bei dem Versuch, seinem Burgfräulein während eines gemeinsamen Ausflugs am Flussufer einige Stängel des himmelblauen Blümchens zu pflücken, ins Wasser und konnte ihr nur noch ein trauriges “Vergiss mein nicht!” zurufen, bevor ihn die schwere Rüstung unaufhaltsam in die Tiefe zog. Allen Legenden gemeinsam ist die mit dem volkstümlichen Blumennamen verbundene Aufforderung zur ewigen Erinnerung.Die Romantisierung der lateinischen Pflanzenbezeichnung ist keine eigens deutsche Vorliebe. Auch in anderen Ländern ist die liebliche Myosotis sylvatica unter einem Namen mit dieser Bedeutung bekannt; angeblich ist es sogar die einzige Pflanze, auf die das zutrifft: In England ist sie das Forget-menot, in Frankreich das Ne m'oubliez pas. In Italien spricht man vom Non ti scordar di me, in Schweden vom Förgätmigej und in der Türkei vom Unutmabeni. Selbst in Japan kennt man mit Wasurenagusa (übersetzt: Pflanze, die nicht vergisst) und in China mit wu wang cao (übersetzt: Nicht-Vergessen-Kraut) diese Bezeichnung. Kulturübergreifend ist neben der bildhaften Benennung auch die dem Vergissmeinnicht zugeschriebene Symbolik für Beständigkeit, Erinnerung und Treue.Durch die Blume gesprochenBlumen symbolisch aufzuladen, hat eine lange Tradition. So wurden im Mittelalter z. B. der Lilie und der Rose religiöse Bedeutungen zugeschrieben. Relevant für die symbolische Bedeutung des Vergissmeinnicht ist zuallererst seine charakteristische himmelblaue Farbe, denn schon damals galt die Farbe Blau – Farbe des Himmels und der Ferne – als Symbol für ewige Treue. Daneben tragen der an die Form eines Auges erinnernde Blütenkranz mit goldgelber Mitte sowie die infolge der Selbstaussaat beständige Wuchserneuerung zur symbolischen Bedeutung bei. Blüte und Wurzel des Vergissmeinnicht – so heißt es – können zudem Liebeszauber bewirken.Aufgrund dieser Konnotationen wundert es nicht, dass das Vergissmeinnicht auch in der Literatur – vor allem in vielen Gedichten und Volksliedtexten - als Symbol für Liebe und stete Erinnerung zahlreich Verwendung findet. Als Beispiel seien hier nur Vergissmeinnicht von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) und Goethes (1749-1832) Ballade Das Blümlein Wunderschön genannt. In der bildenden Kunst ziert ein Vergissmeinnicht manch melancholisch gestimmtes Bildnis. So im Porträt eines Mädchens mit Vergiss-mein-nicht von Lucas Cranach d. Ä. aus dem Jahr 1526.In seiner Symbolik ist das Vergissmeinnicht ein ausdrucksstarkes Instrument und wird gern bei Verabschiedungen und Gedenkveranstaltungen in Blumengebinden eingesetzt. Seit 2019 machen das Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit im Saarland sowie seit 2023 die Landesinitiative Demenz Sachsen e. V. jeweils im Frühjahr mit einer großangelegten Aktion auf das weitverbreitete Krankheitsbild Demenz, das u. a. durch ein stark nachlassendes Erinnerungsvermögen in Erscheinung tritt, aufmerksam: Landesweit rufen sie dazu auf, an öffentlichen Plätzen Vergissmeinnicht zu pflanzen – als wichtiges Zeichen für Erinnerung und Wertschätzung gegenüber Betroffenen und Angehörigen.* Um 1911 gesammelt von Johann Lewalter (1862-1935).Foto: Landesinitiative Demenz/ Simone Vierkant
6ThemaTagebücherIntime ZeitzeugenVon Ursula MichalkeMenschen schreiben Tagebücher, um Erinnerungen festzuhalten, negative Gedanken zu verarbeiten, aber auch, um sich mit positiven Gedanken oder Inspirationen zu befassen. Sie sind wertvolle persönliche Dokumente, die sowohl der Selbstreflexion dienen als auch zur historischen Forschung genutzt werden. War vor 1900 das Tagebuchschreiben überwiegend im städtischen Bürgertum beliebt, nahm es danach Einzug in immer mehr verschiedene soziale Schichten. Die individuellen Beweggründe für das Tagebuchschreiben variieren stark und sind oft von persönlichen Erlebnissen geprägt. Manchmal ist es ein besonderer Anlass, der zum Stift greifen lässt. Beim Schreiben werden Gedanken aufs Papier gesetzt und beim Nachlesen aus einem Abstand wahrgenommen. Dieses Distanzieren kann die Perspektive ändern und heilsam sein.Tagebucheinträge sind eine sehr besondere Textform. Sie beschreiben Gedanken zu einem bestimmten Zeitpunkt, ohne dass die Person selbst weiß, wie ihr Leben weiter geht. Sie sind geschrieben für sich selbst, werden aber immer häufiger posthum veröffentlicht. Denn sie sind authentische Quellen für Historiker, um Erkenntnisse über historische Ereignisse zu gewinnen. Normalerweise wird Geschichte in der Rückschau geschrieben und im Wissen darum, was aus bestimmten Entwicklungen geworden ist. Tagebücher zeigen die Gegensicht zum Zeitpunkt des Geschehens, ohne dass die schreibende Person weiß, was in der Zukunft passiert.Ein berühmtes Beispiel ist das Tagebuch der Anne Frank. Sie schrieb es in der Unwissenheit über ihr Schicksal, uns Leser aber berührt es so, weil wir wissen, dass sie keine Chance hatte, dem Nazi-Terror zu entkommen und in Bergen-Belsen gestorben ist.Victor Klemperer (1881-1960), ein deutscher Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker, schrieb seit seinem 17. Lebensjahr Tagebuch. Besonders seine Aufzeichnungen aus der Zeit des NS-Terrors haben sich als unverzichtbare Zeitdokumente erwiesen. Seine Tagebücher wurden 1995 unter dem Titel Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933–1945) herausgegeben. Er sah sich als „Kulturgeschichtsschreiber der Katastrophe“ und wurde darüber hinaus zum Chronisten von Schicksalen und Familientragödien, die sonst vergessen wären. Trotz ständiger Todesgefahr, Zwangsarbeit und entwürdigender Existenz im sog. „Judenhaus“ schrieb er tagtäglich und notierte alles: Gerüchte, Nachrichten, sogar Witze. Immer öfter mussten seine Frau Eva und er von vertraut gewordenen Menschen Abschied nehmen, immer öfter fiel im Zusammenhang mit Judentransporten der Name Theresienstadt und später auch Auschwitz.Aber auch die Tagebuchaufzeichnungen von Menschen, die normalerweise keine Stimme haben, weil sie nicht prominent sind oder irgendetwas Besonderes geleistet haben, sind für Historiker interessant. Seit den 1980er Jahren beforschen sie auch breitere Bevölkerungsschichten; beginnend mit den Kriegstagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg.Viele bisher unveröffentlichte Tagebücher aus dem deutschsprachigen Raum werden im Deutschen Tagebucharchiv (DTA) in Emmendingen gesammelt, archiviert und sowohl der Wissenschaft als auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Nach dem Motto „Jeder Mensch hat das Recht, gehört zu werden“ wurde der gemeinnützige Verein 1998 gegründet. Der Bestand des Archivs umfasst mittlerweile rund 28.000 Dokumente – hauptsächlich Tagebücher, aber auch Briefe, Erinnerungen oder Kalender – von mehr als 5.800 Autoren und Autorinnen, ein gutes Fünftel der Dokumente ist digitalisiert. Eine mühsame Aufgabe für die 30 Foto: Danielkirsch – Freepik\"Ich möchte nicht umsonst gelebt ha- ben, wie die meis- ten Menschen.\" Anne Frank
7ThemaAphorismen„Die Monate haben es eilig. Die Jahre haben es eiliger. Und die Jahrzehnte haben es am eiligsten. Nur die Erinnerungen haben Geduld mit uns.“ Erich Kästner „Erinnerungen bedeuten mir mehr als Kleider.“Anne Frank„Im Abschied liegt die Geburt der Erinnerung.“Salvador Dalí„Man trägt doch eine eigentümliche Kamera im Kopfe, in die sich manche Bilder so tief und deutlich einätzen, während andere keine Spur zurücklassen.“Bertha von Suttner„Unsere Erinnerung ist eine vollkommenere Welt als das Universum: Sie gibt denjenigen Leben zurück, die nicht mehr existieren.“Guy de Maupassant„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“Jean Paul„Wie völlig blind ist der Mensch. Er weiß nichts von der Vergangenheit, weil er nicht dabei war, er weiß nichts von der Gegenwart, weil er dabei ist.“Victor Klemperer„Wer sich des Guten nicht erinnert, hofft nicht.“Johann Wolfgang von Goethe„Seltsam ist es, daß wir in schlimmen Tagen uns die vergangenen glücklichen sehr lebhaft vergegenwärtigen können; hingegen in guten Tagen die schlimmen nur sehr unvollkommen und kalt.“Arthur Schopenhauser„Genieße die kleinen Dinge, denn eines Tages wirst du zurückblicken und erkennen, dass sie die großen Dinge waren.“Robert Brault„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“Søren Kierkegaardehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Tagebücher aus früheren Jahrhunderten bis in die 1940er Jahre wurden in alter deutscher Schrift verfasst und müssen – zum Teil in monatelanger akribischer Arbeit – zuerst transkribiert, also in heutige Schrift übertragen werden. Daher will das Archiv zunehmend neue Techniken nutzen und versucht mit Künstlicher Intelligenz zu arbeiten, um die Handschriften schneller erfassen und digitalisieren zu können. Die Anfragen von Menschen, die Tagebücher anbieten wollen, nehmen zu. Das DTA ist nicht nur Archiv im engeren Sinne. Durch öffentliche Veranstaltungen, wie die „ZEITREISE“, ist das Deutsche Tagebucharchiv auch ein Forum für individuelle Lebensgeschichten. Ein kleines Museum erweitert seit 2014 die Möglichkeit, ausgewählte Dokumente in Wechselausstellungen eigenständig zu betrachten.Das Interesse an den autobiographischen Dokumenten ist groß, denn sie bieten einzigartige Einblicke in das Denken und Erleben von Menschen in der Vergangenheit. Jährlich gibt es etwa 200 Anfragen, hauptsächlich von Historikern aber auch von Germanisten, Psychologen, Soziologen, Pädagogen und Journalisten. So erforschte Dr. Janosch Steuwer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität HalleWittenberg und wissenschaftlicher Berater des DTA, mithilfe von über 140 Tagebüchern, wie Menschen ab 1933 die Anfänge des Nationalsozialismus wahrnahmen. Sie vermitteln ein gutes Bild, wie die Leute damals dachten, als sie noch nicht wussten, wie sich die NS-Politik entwickeln würde.Tagebücher sind Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie erinnern uns daran, dass Geschichte nicht nur aus Daten besteht, sondern aus gelebtem Leben. In ihrer Subjektivität liegt ihre Stärke – sie machen Geschichte fühlbar, nahbar und menschlich.Es gibt auch Versuche, die Tagebuchform zu nutzen, um damit einen publizistischen Erfolg zu landen. 1905 wurde das „Tagebuch einer Verlorenen“ von Margarete Böhme veröffentlicht, das als authentisches Tagebuch einer Bürgerstochter, die ungewollt schwanger wird und sich prostituieren muss, galt. Der Roman wurde über 1,2 Millionen Mal verkauft, in 14 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt. Er rief ein öffentliches Interesse an Tagebüchern hervor.Manchmal spielt auch Profitsucht eine große Rolle. Wir erinnern uns alle an die Sensation, als 1983 plötzlich bisher unbekannte Hitler-Tagebücher auftauchten und die Zeitschrift Stern begann, sie zu veröffentlichen, ohne sie auf die Richtigkeit zu überprüfen. Sie erwiesen sich als komplette Fälschung, der Fälscher und Kunstmaler Konrad Kujau hatte sie selbst verfasst und für 9,3 Millionen DM an den Stern verkauft. Das führte zu einem der größten Medienskandale der Nachkriegszeit und erschütterte die Glaubwürdigkeit des Stern.
8ThemaKeller gespielt. Ich hatte meine Puppe dabei, es war Alltag für mich und ich habe die Gefahr mit fünf Jahren nicht realisiert. Aber ich kann mich noch daran erinnern, dass wir im Keller saßen, eine Frau ein wichtiges Schriftstück aus der Wohnung holen wollte und dann von einer Bombe getroffen wurde. Das war schrecklich.Metz: Ich wohnte in einem vierstöckigen Haus, der Luftschutzkeller war klein, mit nur einem Bett darin. Auf dem saßen wir und haben gewartet, bis der Angriff vorbei war. Bei größeren Angriffen sind wir in die unterirdischen Keller Nürnbergs gegangen. Dort war es dunkel und unheimlich, aber ein Apotheker hat uns mit Geschichten abgelenkt.Wie war die Stimmung in der Familie?Gsell: Sie war nicht gut, weil meine Eltern gegen die Nationalsozialisten waren. Wenn Äußerungen gegen Hitler fielen, haben sie mir eingeschärft, das nicht weiterzusagen. Man konnte nicht frei sprechen.Brennhäußer: Es durften keine ausländischen Sender gehört werden. Meine Mutter war Deutsch-Schweizerin und hatte daher einen schweizerischen Sender eingestellt – ganz leise – und von dort, im Gegensatz zum deutschen Sender, die Wahrheit über den Kriegsstand erfahren. Sie war immer ganz empört, wie wir angelogen wurden.Metz: Mein Vater wurde 1942 eingezogen und meine Mutter war mit zwei kleinen Kindern allein. Er kam erst 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Waren Ihre Väter Zwängen ausgesetzt?Gsell: Mein Vater war als Buchhalter beschäftigt und musste nicht in die Partei eintreten. Von meinem Onkel, der Beamter war, hat man es erwartet. Aber er hat sich geweigert und ist deshalb nie befördert worden. Mein Opa musste in die Partei eintreten. Er war Malermeister mit vielen Mitarbeitern und wurde vor die Wahl gestellt: Parteieintritt oder keine Aufträge der öffentlichen Hand mehr. Er hätte dann über die Hälfte Leben in der Kriegs- und Nachkriegszeit Zeitzeuginnen erinnern sich Im Gespräch mit Ursula Michalke Maria Gsell, geb. 1934Susanne Brennhäußer, geb. 1938 Ingrid Metz, geb. 1940 Fotos: Ursula MichalkeIm Gespräch erklärten alle drei Zeitzeuginnen, dass sie – trotz Krieg, Hunger und Entbehrungen – ihre Kindheit als glücklich empfunden haben. Die Eltern haben versucht, das Schreckliche, soweit es möglich war, von ihnen fernzuhalten. Für sie als Kinder war es Normalität, sie kannten es nicht anders. Geprägt hat sie diese Zeit trotzdem.Haben Sie Erinnerungen an den Krieg?Gsell: Am Anfang des Krieges verlief meine Kindheit eigentlich ziemlich unbelastet, ab 1943 wurden die Angriffe auf Deutschland intensiviert und ich habe schon mitbekommen, dass etwas Schlimmes passiert. Zu Ostern 1940 wurde ich eingeschult. In der Schule haben wir zu Hitlers Geburtstag am 20. April Hakenkreuze mit Lorbeerkränzen gemalt. Am Beginn der Stunde mussten wir aufstehen und „Heil Hitler“ sagen. Am 8/9. März 1943 gab es einen starken Angriff auf Nürnberg und das Schulhaus war ausgebrannt. Wir sind dann in ein anderes Schulhaus umgezogen.Brennhäußer: Meine Mutter hat immer gesagt: Du bist noch so klein, du musst nicht den „Hitlergruß“ machen. Mein Vater hat sie immer gewarnt, das wäre gefährlich.Metz: Ich war am Anfang des Krieges noch zu klein und weiß nur, was meine Mutter mir berichtet hat.Wie haben Sie die Bombenangriffe erlebt?Gsell: Es gab oft Sirenenalarm, wir haben dann unsere immer bereitstehenden Koffer genommen und sind schnell in den Keller gegangen. Ich war noch ein Kind und habe mich schnell daran gewöhnt, aber das laute Krachen der Bombeneinschläge hat mir schon Angst gemacht. Es waren mehrere Kinder im Keller und wir mussten ganz still sein. Schlimm waren die Angriffe von Kampffliegern auf offener Straße, dann habe ich mich auf den Boden geworfen.Brennhäußer: Wir haben bei Alarm im
9Themader Mitarbeiter entlassen müssen. Gewählt hat er die Partei aber nicht.Brennhäußer: Mein Vater ist auch zum Parteieintritt genötigt worden, weil sonst der Gasthof seiner Mutter geschlossen worden wäre. Es ging um die Existenz.Wie hat sich Ihre Familie mit Kleidung und Lebensmitteln versorgt, litten Sie Hunger?Gsell: Wir hatten Verwandte, die in einem kleinen Ort nahe Bad Kissingen lebten und eine Landwirtschaft besaßen. Sie haben uns mit Essen versorgt. Da sie auch einen Gasthof mit Zimmern besaßen, konnten wir bei ihnen ab August 1943 unterkommen, weil es sicherer war. Es ist da auch nichts zerstört worden.Brennhäußer: Die Zuteilungen auf den Lebensmittelkarten waren sehr knapp bemessen, davon konnte man nicht leben. Fast alle sind zu den Bauern gegangen und haben mit Waren getauscht (Bettwäsche, Teppiche, Schmuck u.a.) oder hatten das Glück, von Verwandten auf dem Land unterstützt zu werden.Meine Mutter hat sehr gut genäht, aus alten Kleidern, Vorhängen, Tischdecken usw. Neues geschaffen. Auch viel gestrickt, wir waren immer gut angezogen. Aufgetragen wurden auch Kleidung und Schuhe von den älteren Geschwistern. Schuhe gab es auf Marken nur ein Paar pro Jahr und man wuchs schnell raus.Metz: In der Stadt war Hamstern nicht möglich. Wir haben im Hof unseres Wohnblocks ein kleines Beet zugeteilt bekommen, da haben wir Gemüse angebaut. Es war bewundernswert, was Mütter damals aus dem Wenigen, vielfach nur aus Maismehl, gekocht haben. Mäkelig war keiner, alle hatten Hunger und waren froh, etwas zu bekommen. Das Essen wurde genau und gerecht aufgeteilt.Welche Kriegserinnerung werden Sie nie vergessen?Gsell: Einmal war ich allein mit meinem Vater bei einem Angriff auf Nürnberg, er wollte nicht in den Keller. Wir blieben draußen und da habe ich dann diese furchtbaren Einschläge viel stärker gehört und immer wieder die schrecklichen Leuchtbomben, sog. „Christbäume“, gesehen, das war schlimm. Das war vom 8. auf den 9. März 1943, das Datum vergesse ich nicht.Brennhäußer: Ich habe 22 km von Stuttgart entfernt gewohnt und habe alles nur von der Ferne erlebt und gesehen, wenn es in Stuttgart gebrannt hat. Aber 1944 war ich mit meinen Eltern in einem Zug, der bombardiert wurde, als wir gerade ausgestiegen waren. Meine Mutter hat sich über uns Kinder gelegt. Da habe ich – mit sechs Jahren – zum ersten Mal Tote gesehen.Metz: Bei einer größeren Zerstörung in der Nähe mussten wir über Steine aus dem Keller klettern. Als wir nach draußen kamen, brannte in unserer Straße ein Haus lichterloh. Das war ein furchtbarer Anblick und bleibt immer in meiner Erinnerung.Hatten Sie Begegnungen mit den Besatzern?Gsell: Ich habe damals den ersten Afro-Amerikaner gesehen, das war eine Sensation!Brennhäußer: Als die Amerikaner kamen, durften nicht mehr als fünf Leute zusammenstehen und sich unterhalten.Sobald wir einen Soldaten gesehen haben, sind wir auseinandergegangen.Metz: Die amerikanischen Besatzer waren nett zu uns Kindern, sie haben Süßigkeiten und Obst verteilt. Wie ging es Ihnen in der Nachkriegszeit?Gsell: Unser Haus war beschädigt, aber noch bewohnbar. Dort waren jedoch ausgebombte Verwandte (zwei Ehepaare mit einer erwachsenen Tochter) untergebracht, da war für uns kein Platz mehr. Daher sind wir bis August 1946 bei unseren Verwandten auf dem Land geblieben. Am 6. April 1945 wurde dort von der Wehrmacht die Brücke gesprengt, über die wichtige Versorgungsleitungen liefen, dadurch hatten wir zwei Wochen lang kein Wasser und keinen Strom. Erst als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkam, zogen wir nach Nürnberg zurück, meine Mutter hatte vorher keine Wohnung bekommen. Die Wohnungsknappheit hat lange angedauert. 1957 habe ich geheiratet, aber eine Wohnung bekamen wir nicht. Wir blieben über zwei Jahre bei der Familie – mit Baby – in einem Zimmer wohnen.Die Innenstadt von Nürnberg war komplett zerstört. Eine Schmalspurbahn mit einer Lore, die mit Schutt beladen war, fuhr von der Innenstadt täglich bis zum Silberbuck, direkt an unserem Haus vorbei. Das war lange Zeit so, von 1946 bis mindestens 1948. Bevor der Schutt nicht beseitigt war, konnte kein Neuaufbau beginnen. Brennhäußer: Ich habe mitbekommen, dass bei einigen Kindern der Papa gefallen war. Es gab kaum eine Familie, die nicht Gefallene zu beklagen hatte. Junge Männer kamen als Kriegsversehrte zurück. Wir hatten Glück, Care-Pakete von Verwandten aus Amerika zu bekommen, das hat uns sehr geholfen. Nach der Währungsreform 1948 waren plötzlich die Geschäfte voll, es gab alles zu kaufen.Metz: Unser Haus wurde im Mai 1945 von den Amerikanern besetzt und wir mussten ausziehen. Wir haben dann in der selben Straße ein Zimmer in einer Wohnung bekommen. Meine Mutter wollte Möbel mitnehmen, hatte sie schon auf ein Fuhrwerk laden lassen, aber die Amerikaner ließen alles wieder zurückbringen. Die Möbel haben wir nie wiedergesehen. Erst 1947 waren wir wieder in unserer alten Wohnung, es gab noch immer eine Einquartierung von Ausgebombten. Wie wir damals geschlafen haben, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Über die Quäker-Speisung in der Schule waren wir sehr froh, bekamen wir doch ein warmes Essen und manchmal sogar einen Schokoriegel.Überall sahen wir zerstörte Häuser, aber für uns Kinder war es ein Abenteuer, in den Ruinen herumzuklettern.
10ThemaMaria Marc Ehefrau des „Blaue Reiter“-Künstlers Franz Marc Von Sibylle WeitkampAm 25. Januar 2025 hat sich der Todestag von Maria Marc (1876-1955) zum 70. Male gejährt. Und am 12. Juni 2026 wird ihres 150. Geburtstages gedacht.Maria Marc war für eine kurze, aber wichtige Periode ihres Lebens selbst Malerin. Etwa drei Dutzend Ölgemälde, etliche Skizzenbücher und Lithographien aus den Jahren 1905 bis 1914 sowie einige frühe Studienzeichnungen haben sich in ihrem persönlichen Nachlass erhalten.Alles deutet darauf hin, dass sie seit Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht mehr gemalt hat, sondern sich seit Ende der 1920er Jahre auf das Weben von Teppichen nach eigenen Entwürfen konzentriert hat, von denen sich ebenfalls einige im Nachlass erhalten haben.Maria Franck wurde am 12. Juni 1876 als Tochter von Philipp und Helene Franck in Berlin geboren. Ihr Vater war Angestellter, später Leiter einer Bank. Sie besuchte die Zeichenklasse an der „Königlichen Kunstschule“ in Berlin, erhielt Klavierunterricht und war Mitglied der Singakademie. 1903 verbrachte sie einen Malaufenthalt in Holstein in Seedorf. Um 1904 hielt sie sich zum ersten Mal in München auf, wo sie ihr Studium an der Schule des Künstlerinnen-Vereins fortsetzte. Auf einem Kirchweihball im Schwabingerbräu begegnete Maria Franck Franz Marc (1880-1916) Anfang 1905 zum ersten Mal. Im Sommer 1905 weilte sie zu einem Malaufenthalt in Worpswede unter Anleitung des Malers Otto Modersohn. Nach ihrer Rückkehr entwickelte sich Ende des Jahres eine Beziehung zwischen Franz Marc und Maria Franck. Den Sommer 1906 verbrachten sie gemeinsam in Kochel. Im März 1907 heiratete Franz Marc dann aber die Malerin Maria Schnür. Maria Franck erkrankte an Rheumatismus und hielt sich im Sommer zu einer mehrwöchigen Kur in Bad Aibling auf, während Franz Marc mit Maria Schnür einen Malaufenthalt in Indersdorf verbrachte. Franz Marc ließ sich 1908 von Maria Schnür wieder scheiden und verlebte einen Malsommer mit Maria Franck in Lenggries. Anfang des Jahres 1909 entdeckten sie den Bauernort Sindelsdorf bei Kochel und mieteten sich dort für das Sommerhalbjahr ein. Im darauffolgenden Jahr siedelten sie mit ihrem gesamten Hausstand von München nach Sindelsdorf über. Sie schlossen Freundschaft mit August und Elisabeth Macke und Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in Murnau. Da Franz Marc eine amtliche Dispens für eine erneute Eheschließung nicht bekam, blieb Maria Franck von Anfang 1911 bis April bei ihren Eltern in Berlin. Im Juni reisten die beiden nach London, in der Hoffnung, dort ihre Ehe schließen zu können. Die Hoffnung zerschlug sich jedoch, trotzdem benannten sie sich öffentlich als Ehepaar. Die rechtsgültige Eheschließung erfolgte dann am 9. Juni 1913. Im Dezember 1911 fand die erste Ausstellung von „Der Blaue Reiter“ in der Galerie Thannhauser in München statt. Auf der zweiten Ausstellung dieser Künstlervereinigung in der Galerie Goltz in München im Jahr 1912 war Maria Marc mit drei Graphiken vertreten. Maria Marc, 1953 Porträtfoto von Kaethe AugensteinMaria Marc: Stillleben mit blauer Tasse und roter Schale, um 1911/12
11ThemaAnfang des Jahres 1914 erwarben Franz und Maria Marc ein eigenes Haus in Ried bei Kochel. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Franz Marc an die französische Front eingezogen. Die Beziehung des Ehepaars musste sich im Wesentlichen auf den Briefwechsel konzentrieren, der ein wichtiges Dokument ihrer persönlichen und künstlerischen Auseinandersetzung wurde. Franz Marc fiel am 04. Mai 1916 in der Nähe von Verdun. Maria Marc übernahm alleine die Verwaltung des Nachlasses ihres Mannes. Im Verlag von Paul Cassirer in Berlin erschien 1920 das von ihr herausgegebene Buch „Franz Marc. Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen“, in dem unter anderem seine „Briefe aus dem Feld“ und das „letzte Skizzenbuch aus dem Feld“ publiziert wurden. 1929 übersiedelte Maria Marc von Ried nach Ascona in der Schweiz, wo sie bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges weitgehend lebte. Hier widmete sie sich intensiv der Weberei von Wandteppichen nach eigenen Entwürfen. Während des Zweiten Weltkrieges kehrte Maria Marc in ihr Haus in Ried zurück und setzte dort ihre Webarbeiten fort, soweit es ihr gesundheitlicher Zustand erlaubte. Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sie sich mit dem kompetenten jungen Kunsthistoriker Klaus Lankheit der Bearbeitung des schriftlichen und künstlerischen Nachlasses von Franz Marc.In der „Modernen Galerie“ von Otto Stangl in München fand 1952 eine Ausstellung mit Wandteppichen von Maria Marc statt, kombiniert mit Zeichnungen aus Franz Marcs letztem Skizzenbuch.Am 25. Januar 1955 starb Maria Marc nach längerer Krankheit in Ried und wurde auf dem Friedhof in Kochel beerdigt. Nach ihrem Tod erfolgte eine Würdigung ihrer Mal-, Web- und Stickkunst mit mehreren Ausstellungen: 1995 im Lenbachhaus in München, 2004 im Schlossmuseum in Murnau und 2022 in der Galerie Thomas in München. Maria Marc: Webteppich mit Sternmotiven, vermutlich 1930/35Memoiren – Reflektierte RückschauZwischen Wahrheit und subjektiver WahrnehmungVon Sigrid LindnerManch namhafte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens wirft gern einen Blick zurück auf ihr Wirken und publiziert die Erinnerungen für eine interessierte Öffentlichkeit in den Memoiren.Im Gegensatz zu der chronologisch den gesamten Lebenslauf nachzeichnenden Autobiografie greift, wer seine Memoiren schreibt, nur punktuell und konzentriert einzelne persönliche Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen heraus und reflektiert diese vor dem Hintergrund des politischen, gesellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Zeitgeschehens. Ob es dem Verfasser oder der Verfasserin dabei darum geht, sich selbst bereits zu Lebzeiten ein Denkmal zu setzen oder darum, rückblickend das eigene Verhalten und Wirken zu erklären, mag dahingestellt sein; in jedem Fall sind Memoiren mehr oder weniger stark subjektiv gefärbt, keine an nachweisbaren Fakten orientierte Geschichtsbücher. Den Lesern gewähren sie einen tieferen Blick in Persönlichkeit und Privatsphäre des Autors.Sachbuch oder Literatur?Die Antwort darauf hängt von Erzählkunst und Schreibstil des jeweiligen Verfassers ab sowie von den von ihm geschilderten Ereignissen und Aspekten. Wer Memoiren schreibt, verbindet darin persönlich Erlebnisse, spätere Selbstreflexion, Kommentierung und daraus resultierende Erkenntnisse mit historisch bedeutsamem Zeitgeschehen. Das unterscheidet Memoiren von Autobiografie und Tagebuch.Als die ältesten vollständig erhaltenen Memoiren gelten die von Gaius Julius Cäsar (100 v. Chr. - 44 v. Chr.). Der mächtige römische Staatsmann – zugleich begnadeter Redner und Schriftsteller - setzt sich unter dem Titel Commentarii de bello Gallico (Kommentare über den Gallischen Krieg) in sieben Bänden mit dem von ihm von 58 bis 51/50 v. Chr. erfolgreich geführten Feldzug gegen die Gallier auseinander und rechtfertigt diesen, freilich auf sehr subjektive Weise. Bedeutsam sind diese Aufzeichnungen vor allem wegen Cäsars klarer und anschaulicher Darstellung der Lebensweise der verfeindeten Gallier, Germanen und Britannier, was
12Themadas Werk bis heute zur gern genutzten Anfangslektüre im Lateinunterricht macht. Anders als es für Memoiren kennzeichnend ist, nutzt Caesar für seine Rückblicke nicht die Ich-Form; möglicherweise, um einer an seiner Kriegsführung aufkommenden Kritik vorzubeugen.Zunehmender Beliebtheit erfreute sich das Memoirenschreiben im 16. Jh. und erreichte im 18. Jh. in Frankreich und England erste Blütezeiten. Ein wahrlich aufsehenerregendes Echo löste im 19. Jh. die erstmalige Veröffentlichung von Die Geschichte meines Lebens des Italieners GiacomoCasanova (1725-1798) aus. 64-jährig hatte der als Frauenverführer bekanntgewordene promovierte Jurist seine Lebenserinnerungen begonnen, deren Veröffentlichung aber selbst nicht mehr erlebt. Darin schildert er neben seiner Familiengeschichte und vielen anregenden Reisen und Begegnungen mit wichtigen Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft sehr ausschweifend seine unzähligen amourösen Erlebnisse. Erst 1822, also mehr als 20 Jahre nach Casanovas Tod, erschien das damals höchst umstrittene Werk erstmalig, verlegt von Ferdinand Arnold Brockhaus in deutscher Übersetzung und in deutlich „entschärfter“ Fassung. Heute bewertet man Casanovas Memoiren – auch das unveränderte Original Histoire de ma vie – als Weltliteratur und wichtiges kulturgeschichtliches Dokument.Anders als Casanova konnte der zweimalige britische Premierminister, Journalist und Schriftsteller Sir Winston Churchill (30.11.1948 – 24.01.1965) die große öffentliche Anerkennung und Wertschätzung seiner Memoiren noch selbst erleben. 1953 wurde er für seine historischen Kriegserinnerungen Der Zweite Weltkrieg mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt. In der Begründung des Komitees werden insbesondere die anschauliche Sprache, bildhafte Beschreibungen und treffende Vergleiche, mit denen Churchill seine Erinnerungen an das Kriegsgeschehen und dessen Hintergründe erzählt, gewürdigt. Schon bald nach Erscheinen wurde das Buch in 18 Sprachen übersetzt und führte in vielen Ländern die Bestsellerlisten an. Eine wahre Meisterin des Memoirenschreibens ist Simone de Beauvoir (09.01.1908 – 14.04.1986). An jeweils wichtigen Wegmarken ihres Lebens hat die französische Schriftstellerin und Intellektuelle ihre persönlichen Rückblicke niedergeschrieben. Im ersten, 1958 erschienenen Band Memoiren einer Tochter aus gutem Hause schildert sie in ebenso klar verständlicher wie bildhafter und fesselnder Weise ihren Weg von einer noch konventionell geprägten Kindheit und Jugendzeit hin zu einer in jeder Hinsicht unkonventionell lebenden, selbstbestimmten Persönlichkeit. Hier wie auch in den folgenden Bänden analysiert und hinterfragt sie scharfsinnig und in unverfälschter Offenheit ihr Leben im Kontext des aktuellen Zeitgeschehens und der ihre Persönlichkeitsentwicklung prägenden Begegnungen. Ihre zahlreichen Bücher und Schriften haben eine ganze Frauengeneration zu mehr Selbstbewusstsein, Selbstbestimmtheit und zur Forderung nach Gleichberechtigung inspiriert und ermutigt.Top oder Flop?Ob sich Memoiren gut verkaufen lassen oder zum Ladenhüter werden, hängt neben der Prominenz von Autor oder Autorin vor allem vom Inhalt ab. Mit belanglosen selbsterlebten Begebenheiten wird auch eine noch so namhafte Persönlichkeit keine Bestsellerliste stürmen; mag sie im politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Leben noch so bedeutend sein. Selbst dann nicht, wenn Lektor, beauftragter Ghostwriter oder die Marketingabteilung des Verlags ihr Bestes gegeben haben. Bei Michelle Obama stimmte offensichtlich alles. Denn ihre mit Becoming - Meine Geschichte betitelten Memoiren lösten weltweit eine riesige Nachfrage aus. Ihr Erfolgsrezept: Im unterhaltsamen Plauderton und stets authentisch lässt sie bislang öffentlich nicht bekannte, bedeutende und sie prägende Episoden und Erlebnisse aus ihrem Leben - auch sehr Privates – Revue passieren, spricht sie Probleme und Schwierigkeiten an, Widerstände und verletzte Gefühle. Damit zeigt sich die ehemalige US-First Lady ihren Lesern nahbar und spricht auf dieser Ebene eine breite Leserschaft an.Simone de Beauvoir im Jahr 1967Foto: Wikimedia
13ThemaEin Bild sagt mehr als tausend WorteDas Foto – ein eingefrorener MomentVon Ursula MichalkeEin Foto kann vieles aussagen – je nachdem, wer es betrachtet, wer es gemacht hat und in welchem Kontext es steht. Es ist weit mehr als nur ein Abbild der Realität. Die Bedeutung eines Fotos kann sich im Laufe der Zeit ändern, so kann ein Familienfoto, momentan nur eine schöne Erinnerung, in einigen Jahrzehnten zu einem wertvollen historischen Dokument werden.Digitale Kameras und Smartphones ermöglichen es heute jedem, zum Fotografen zu werden. Unzählige Bilder werden täglich produziert und geteilt – nette Schnappschüsse zur Erinnerung. Anders sind die Bildkompositionen großer Fotografen und Fotografinnen, die stark berühren oder Kunstobjekte sind. Zwei Beispiele:Lee MillerZu den außergewöhnlichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts zählt Lee Miller (1907-1977). Ursprünglich ein gefragtes Model für die Vogue, wechselte sie die Seite und begann, statt vor der Kamera zu posieren, hinter ihr zu arbeiten. Sie ging nach Paris und bei dem surrealistischen Fotokünstler Man Ray in die Lehre. Mit ihm zusammen entwickelte sie die Technik der „Solarisation“, bei der Hellund Dunkelwerte von Fotos umgekehrt werden. Dort fotografierte sie viele befreundete Pariser Künstler wie Pablo Picasso, Max Ernst und Jean Cocteau.1932 kehrte sie nach New York zurück, eröffnete ein Fotostudio und porträtierte Berühmtheiten aus Kultur und Gesellschaft. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, ging Lee Miller 1942 als Kriegsberichterstatterin an die Front. Sie lieferte Bilder vom zerstörten Westdeutschland, von der Invasion der Alliierten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und schrieb Reportagen für die amerikanische und britische Vogue. Lee Millers Fotoreportagen der Befreiung von Paris und des Konzentrationslagers Dachau gehören zu den eindringlichsten Kriegsdokumentationen des 20. Jahrhunderts. Eines ihrer berühmtesten Werke ist die Fotografie Lee Miller in Hitlers Badewanne, die sie am 30.4.1945 (Hitlers Todestag) mit David E. Scherman realisierte. Lee Miller sitzt in Hitlers Badewanne, ihre Stiefel mit dem Schmutz aus Dachau stehen auf dem Vorleger, ein Bild des „Führers“ befindet sich hinter ihr – eine Inszenierung der Besitzergreifung der Intimsphäre des besiegten Feindes.Die Kriegserlebnisse hatten Lee Miller erschüttert, sie litt unter Depressionen. Sie sprach nicht über das Erlebte und versteckte ihre Fotos auf dem Dachboden, die Originalabzüge zerstörte sie. Erst in den 2000er-Jahren arbeitet ihr Sohn Antony Penrose ihren künstlerischen und privaten Nachlass auf. 2023 wurde ihr Leben mit Kate Winslet in der Hauptrolle verfilmt (Die Fotografin). Die Tate Britain in London ehrt vom 2. Oktober 2025 bis 15. Februar 2026 mit einer umfangreichen Retrospektive Lee Millers bedeutendes Werk. Dorothea LangeDie amerikanische Fotografin Dorothea Lange (1895-1965) machte mit ihrer Kamera soziale Ungerechtigkeit sichtbar und ihre Bilder haben das kollektive Gedächtnis der USA tief geprägt. Sie war eine der ersten, die Frauen, Minderheiten und Arme als würdige Subjekte ins Zentrum rückte. Ihre Arbeit beeinflusste Generationen von Fotografen und Fotografinnen.Ihr bekanntestes Foto ist Migrant Mother. Es entstand in einem Lager für Erbsenpflücker in Nipomo, Kalifornien und zeigt die 32-jährige Florence Owens Thompson mit drei ihrer sieben Kinder. Ihr Gesicht ist gezeichnet von Sorge und Erschöpfung, die Kinder schmiegen sich an sie, ihre Gesichter abgewandt. Es ist ein Bild der Verzweiflung, aber auch der stillen Stärke.Das Foto wurde am 11. März 1936 in der San Francisco News mit der eindringlichen Frage „Was wird aus diesen Menschen, die hungern?“ veröffentlicht und löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Bereits am nächsten Tag wurden Lebensmittelhilfen in das Lager geschickt. Das Bild wurde zum Symbol für die Armut der 1930er Jahre und zur Ikone sozialdokumentarischer Fotografie. Lee Miller 1943 Dorothea Lange, Migrant Mother, 1936 beide Abb.: Wikimedia
14ThemaEs begann mit einer RöhreDas Fernsehen brachte die Welt ins WohnzimmerVon Birgit Potthoff-KarlFernsehen, ein Zeitvertreib, der über die Jahrzehnte Menschen auf aller Welt in seinen Bann geschlagen hat. Auch heute noch aktuell, auch wenn sich Zeit und Weg zum Fernsehen geändert haben.Bevor 1935 in Deutschland das Fernsehprogramm auf Sendung gehen konnte, waren mehrere technische Entwicklungen notwendig. Es mussten Bilder in Lichtpunkte zerlegt werden, dazu gab es ein Verfahren, welches von Paul Nipkow 1884 patentiert worden war. Die Lichtpunkte wurden danach in elektrische Impulse zerlegt und diese wurden über eine elektrische Leitung – physisch ein Kabel – transportiert und danach wieder zu Bildern zusammengesetzt. Später wurde das Zerlegen der Bilder elektronisch mittels der Braunschen Röhre (Elektronenröhre, die einen gebündelten Kathodenstrahl erzeugt) durchgeführt. Abschließend wurden diese elektrischen Informationen mit einem Kathodenstrahl auf den Boden einer Bildschirmröhre projiziert. An die Modelle der sehr großen und schweren Röhrenfernseher können sich inzwischen nur noch die Älteren erinnern. Ebenso an Wohnzimmerbrände, ausgelöst durch implodierende Röhren in Fernsehgeräten.Der Transport von Bildern und Tönen gelang über Radiowellen, dafür wurden bestimmte UltraKurzWellen (UKW) freigehalten. Limitierend war damals, dass das Fernsehen nur in Ballungsgebieten produziert und gesendet werden konnte. Um eine flächendeckende Reichweite zu erhalten, musste in ein engmaschiges Netz von Fernsehsendern und Fernsehsendetürmen investiert werden. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nur ein Programm, das der ARD. Erst als zusätzliche Frequenzen zur Verfügung gestellt wurden, war der Weg frei für zusätzliche Programme. So konnten das ZDF und die Dritten Programme der ARD-Sender mit ihren Fernsehprogrammen starten. Der „Wert“ des Mediums Fernsehen, einfach sehr große Menschenzahlen zu erreichen, wurde bereits zu seinen Anfängen erkannt. Nachdem am 22.3.1935 der erste Fernsehsender der Welt (Paul Nipkow) in Berlin seine Sendeanlangen auf dem Berliner Funkturm in Betrieb genommen hatte, erkannten die Nationalsozialisten sofort das Potenzial dieses Mediums. Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren das erste große Fernsehereignis überhaupt und wurden propagandistisch genutzt. 1944 kam das Fernsehen kriegsbedingt zum Erliegen. Es sollte bis zum 25.12.1952 dauern, bis in Westdeutschland wieder Fernsehen regulär übertragen wurde (Fernsehprogramm der Bundesrepublik Deutschland) und ab 1.1.1954 das Deutsche Fernsehen der ARD. In der DDR startete das Fernsehen am 3.1.1956.Nachdem die technischen Voraussetzungen geschaffen waren, wurde 1967 in Westdeutschland publikumswirksam auf der IFA (Internationale Funkausstellung) quasi per Knopfdruck durch Willy Brandt die Ära des Farbfernsehens eingeläutet. Im ZDF war Der Goldene Schuss die erste Fernsehshow, die in Farbe ausgestrahlt wurde.Bis zum Jahr 1984 gab es in Deutschland nur die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, zu denen seit Mitte der 1960er Jahre die Dritten Programme der ARD gekommen waren, die zu Beginn noch stärker den Bildungsauftrag erfüllten.In den fünfziger und sechziger Jahren war es für Familien noch selbstverständlich, dass alle Familienmitglieder sich gemeinsam vor dem Fernseher (Pantoffelkino genannt) Werbung des TV-Herstellers Metz aus den 1960er Jahren @ Metz-CEEine Familie aus den 1960er Jahren verfolgt gemeinsam das Fernsehprogramm Foto: Wikimedia
15Themaeinfanden. Übertragungen der Krönung von Elisabeth II. von England, oder der Fußballweltmeisterschaft in Bern waren Motivation, in einen damals noch teuren Fernseher zu investieren; auch um Serien (zum Beispiel Bonanza oder Flipper), und selbstverständlich auch um die Tagesschau zu gucken. Hierzu gab es damals noch bei den meisten Menschen das Verständnis, dass unter keinen Umständen nach 20 Uhr noch Anrufe getätigt wurden. Nach der Tagesschau schauten alle die Fernsehshows (Dalli Dalli, Einer wird gewinnen oder Amlaufenden Band). Wenn es um Musik ging, gab es damals den Blauen Bock und die ZDF-Hitparade. Zudem wurde ein neues Wort kreiert: der Straßenfeger. Gemeint waren mehrteilige Sendungen, meist Krimis, die dazu führten, dass die Straßen im Sinne des Wortes leergefegt waren – weil die Fernsehzuschauer zum Beispiel den Durbridge 6-Teiler Das Halstuch oder die Science-Fiction-Reihe Raumpatrouille Orion sahen. Damals waren diese Sendungen auf dem Schulhof und bei der Arbeit Gesprächsthemen. Die Moderatoren Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff waren die ersten Entertainer in Deutschland. Später waren Serien wie die Schwarzwaldklinik, die Lindenstraße, sowie Dallas und Denver in aller Munde.1984 ging der erste private Fernsehsender PKS (Programmgesellschaft für Kabel und Satellitenrundfunk) auf Sendung. Heute gibt es mehr als 100 private Fernsehsender, die sich über Werbung finanzieren. Pay-TV (Bezahlfernsehen) hat sich mittlerweile auch etabliert. Seine Kanäle können nur über eine zusätzliche monatliche Gebühr empfangen werden. Das lineare Fernsehen wurde schon oft für tot erklärt. Es heißt so, weil man sie nur exakt zu der Uhrzeit, an der eine Sendung ausgestrahlt wird, anschauen kann. Aber es gibt auch eine Fülle von Vorteilen: Das moderne Fernsehgerät ist inzwischen ein Multikanalgerät geworden. Es wird nicht mehr nur das eigentliche Fernsehprogramm gezeigt, es ermöglicht auch gegen Gebühr den Zugriff auf sogenannte Streaming Portale, wie z.B. Netflix oder Amazon Prime. Hier und in den Mediatheken des öffentlich-rechtlichen Fernsehens können zu jeder beliebigen Zeit Nachrichten und Filme (gratis oder gegen Bezahlung) abgerufen werden. Zudem ist inzwischen auch eine große Auswahl von fremdsprachigen Sendern verfügbar.Auf diese Weise ist das Fernsehen auch in Zeiten des Internets immer noch ein wichtiger Baustein, um sich zu informieren oder zu unterhalten. Zeitlich startet die Ausstellung 1945, als die Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion Deutschland besetzen und die Herrschaft übernehmen. Die Deutschen benötigen je nach Besatzungszone unterschiedliche Ausweise und müssen Fremdsprachen lernen. Zeitgleich beginnen die Alliierten mit den Nürnberger Prozessen und der Verurteilung von NS-Verbrechern. Entnazifizierung steht an, wobei Briten und Franzosen eher darauf achten, dass ein schneller Aufbau von Verwaltung und Wirtschaft möglich wird.Millionen deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten müssen untergebracht und versorgt werden. Ohne Hilfe aus den USA (Marshall-Plan) und Millionen Care-Pakete wäre es nicht möglich gewesen. Aus den vier Zonen werden 1949 zwei deutsche Staaten, die sich in den Westen (BRD) und in den Osten (DDR) orientieren. Die BRD entsteht als Staat ohne Armee und die deutsche Wiederbewaffnung ist ein sehr umstrittenes Thema. Zumal sich die Situation ergeben könnte, dass westdeutsche Soldaten auf ostdeutsche Soldaten schießen müssten. 1952 wird ein Vertrag zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) von Frankreich, Italien, den Beneluxstaaten und Westdeutschland unterzeichnet. 1954 tritt die BRD der Nato bei; jedoch nicht alle politischen Parteien in Westdeutschland wollen diesen Schritt. Für die Menschen in Ostdeutschland sind es schwierige Jahre: Der Aufbau des Sozialismus mit zunehmenden politiHaus der Geschichte Foto: WikimediaHaus der Geschichte in BonnDeutsche Zeitgeschichte in Objekten und MedienVon Birgit Potthoff-KarlDieses Museum präsentiert die Geschichte Deutschlands seit 1945 mittels dreidimensionaler Gegenstände, Dokumenten, Film- und Tonaufnahmen sowie Fotos. Wissenschaftler erneuern diese Dauerausstellung immer wieder, da sich aktuelle Bezüge für die heutige Gesellschaft ändern.
16Themaschen Repressionen ist nicht für alle das ersehnte Ziel. Zumal es deutliche Engpässe in der Versorgung mit Konsumgütern gibt. Die Menschen hungern, viele flüchten und 1953 kommt es zum Volksaufstand in Ost-Berlin, mit der Folge, dass die Sowjetunion das Kriegsrecht verhängt und offiziell wieder die Regierungsgewalt in weiten Teilen der DDR übernimmt. Das kulturelle Leben beginnt in den 1950er Jahren in beiden Teilen Deutschlands mit Kinofilmen und Illustrierten. Kinder schmökern in Fix und Foxi Heften und für Erwachsene gibt es Taschenbücher zum Preis von 1,50 DM im Handel.Bei einigen Olympischen Spielen treten westdeutsche und ostdeutsche Athleten noch in einer Mannschaft an, ohne dass es dadurch zu einer Annäherung der Länder kommt. Das wichtigste Sportereignis nach dem Krieg war 1954 der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft durch das westdeutsche Team. Beide deutsche Staaten versuchen ihre Wirtschaft anzukurbeln. Die BRD exportiert 1952 bereits mehr als sie importiert. Das Wirtschaftswunder hat begonnen. Die Planwirtschaft in der DDR führt nach wie vor zu Versorgungsengpässen für die Bevölkerung. Viele Menschen entscheiden sich für die Flucht in den Westen. In den 1960er Jahren kommt es parallel zum Kalten Krieg zwischen der UdSSR und den USA zu vielen globalen Krisen: Ungarn-Aufstand, Suez-Krise, Kuba-Krise und Mauerbau in Berlin 1961. In Westdeutschland ist die Mehrzahl der Menschen zufrieden, da die Wirtschaft prosperiert und sie Reisefreiheit genießen. 1966 kommt es jedoch zu einer Wirtschaftskrise. Billiges Öl aus dem Ausland verdrängt einheimische Kohle und angestammte Berufe fallen weg. In Ostdeutschland ziehen sich mehr und mehr Bürger auf das Private zurück, da die Regierung aufgrund maroder Wirtschaftsbetriebe (die DDR gibt ihre Ressourcen eher für Überwachung statt für Investitionen aus) es nicht schafft, den Lebensstandard zu erhöhen. Aber auch in Westdeutschland wachsen die Bäume nicht in den Himmel, wie die erste Ölkrise 1973 zeigt. Gemeinsame Absprachen mit westlichen Partnern sollen die Wirtschafts-und Finanzpolitik koordinieren und Alleingänge von einzelnen Staaten verhindern. Dennoch beginnt Westdeutschland den globalen Wettbewerb, insbesondere im Bereich elektronischer Geräte aus Asien, zu spüren. Die Veränderungen spiegeln sich auch in Politik und Gesellschaft wider. Angst und Schrecken verbreitet die linksextreme Terrorgruppe Rote-Armee-Fraktion (RAF), die den Rechtsstaat mit Entführungen und Morden herausfordert. Die Olympischen Spiele 1972 in München werden von einem Terroranschlag überschattet. Die grüne Partei kommt 1983 als Ergänzung zu den jahrzehntelang herrschenden Parteien CDU/CSU, SPD und FDP in den Bundestag.Verlassen wir jetzt den Zeitstrahl und blicken darauf, wie das, im Übrigen kostenfreie, Museum aufgebaut ist. So kann der Besucher schneller erkennen, welche Bereiche ihn besonders interessieren. Die folgenden Sammlungsbereiche beinhalten spannende Exponate:Medien – derzeit sind 3902 Filme hinterlegtFotografie – Der Sammlungsbereich umfasst mit mehr als 20.000 Einzelobjekten alle Gattungen des Mediums von der Architekturfotografie über das Portrait und die Produktfotografie bis zum fotografischen Zeitdokument. Gesammelt werden zeithistorisch aussagekräftige Arbeiten von hoher bildnerischer Qualität sowohl von Amateuren als auch von professionellen und künstlerischen FotografenArchivgut – z. B. alte Wahlzettel oder Rechnungen Bildende Kunst – hauptsächlich Kunst von Kindern und Erwachsenen, die keine künstlerische Ausbildung hatten und Situationen aus dem Alltag malenAlltagsdesign – Werbeträger jeglicher Art spiegeln auf besondere Weise den Zeitgeist wider Insignien – Orden und Medaillen und die Gründe ihrer Verleihung werden erläutert(Innen-)Architektur – hier sind Bauwerke und Möbel mehrerer Jahrzehnte aufgebautTextilien – Bekleidung gilt als Spiegel der Kultur und WirtschaftsgeschichteLebensführung – hier sind Geschirr und Besteck zu findenTechnisches Gerät – Motorräder, Autos, technische FahrzeugeZahlungsverkehr – Banknoten und MünzenKarikatur – satirisch-bildliche Darstellungen von Personen und politischen, gesellschaftlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen EreignissenGebrauchsgrafik – Material aus der politischen PropagandaWer also den Bierdeckel, auf dem Friedrich Merz einst die Steuererklärung erstellen wollte, sehen möchte, ist hier richtig. Ebenso wie diejenigen, die noch einmal einen Original Trabant-Zweitakter (Trabi) aus der Nähe sehen wollen.Die Dauerausstellung im Haus der Geschichte in Bonn wird gerade, zum dritten Mal in ihrer Geschichte, komplett neu aufgebaut und ist ab Dezember 2025 wieder für Besucher zugänglich.Eingang zur Dauerausstellung© Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
17ThemaEXPO 2000 in HannoverRückblick auf ein GroßereignisVon Sibylle WeitkampVor 25 Jahren, vom 01. Juni bis zum 31. Oktober 2000, fand zum ersten Mal in der 150-jährigen Geschichte der Weltausstellungen eine Weltausstellung in Deutschland – in Hannover – statt: die EXPO 2000.Zu Beginn eines neuen Jahrtausends war Deutschland fünf Monate lang Gastgeber für mehr als 192 teilnehmende Nationen und Organisationen. Das war eine große Chance, sich der Welt zehn Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung zu präsentieren und gemeinsam mit den Nationen nach Wegen in eine bessere Zukunft unseres Planeten zu suchen.Unter dem Leitthema „Mensch – Natur – Technik“ zeigte die EXPO 2000 Möglichkeiten auf, wie die Weltgemeinschaft die ökologischen und ökonomischen Herausforderungen der Zukunft annehmen kann.Im Oktober 2000 war vielfach zu lesen und zu hören: „Schade, dass dieses einzigartige Ereignis EXPO 2000 nun zu Ende gehen muss“. Die EXPO 2000 war äußerst erfolgreich durchgeführt worden, viele, die Kritik geäußert hatten, waren längst verstummt. Während 153 Tagen zeigte sich Deutschland als weltoffenes, kreatives Gastgeberland, und die Besucher und Besucherinnen lernten die Welt in ihrer bunten Fülle kennen, nachdenklich bis ausgelassen. Hannover hatte im Sommer 1990 vom Expo-Büro in Paris den Zuschlag erhalten, im Jahr 2000 Gastgeberstadt für die EXPO 2000 zu sein. Der Jubel bei den Verantwortlichen war groß, und Hannover nutzte das Jahrzehnt, um sich herauszuputzen. Bei einer Bürgerbefragung votierten 1992 nur knapp 51,5 Prozent für die EXPO und 48,5 stimmten dagegen. Das Messegelände wurde ausgebaut, dort wuchs unter anderem das größte Holzdach der Welt in die Höhe. In dem inzwischen aufwendig umgebauten Komplex sind heute Mikroappartements zu finden. Der Deutsche Pavillon erhielt seine außergewöhnlich konkaven Glasfassaden. Der einstige Planet-M der Bertelsmann-Stiftung wird heute von der Hochschule Hannover genutzt, und die vom Bauunternehmer Günter Papenburg gestiftete Eventhalle (heute ZAG Arena) ist weiterhin in Funktion und bereichert Hannover. In den bereits bestehenden Messehallen oder in eigenen Pavillons stellten sich die teilnehmenden Nationen vor und beleuchteten das Leitmotiv „Mensch – Natur – Technik“ aus ihrer eigenen Perspektive. Im Themenpark wurden zukunftsweisende Themen zur Nachhaltigkeit auf der Grundlage der Agenda 21 dargestellt, die Länder und Regionen inhaltlich miteinander verbinden. Die Agenda 21, das Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, wurde auf der Umweltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 beschlossen. Die Beiträge im Themenpark stellten den Menschen in den Mittelpunkt, illustrierten sein verändertes Verhalten gegenüber der Natur und zeigten den sinnvollen Einsatz von Technik.Ein vielseitiges Kultur- und Ereignisprogramm, spielerisch, bunt, fröhlich und attraktiv für ein breites Publikum, rundete die EXPO 2000 ab. Es gab eine Fülle von Veranstaltungen aus den Bereichen Kunst, Kultur und Sport, die die Themen der EXPO 2000 ergänzten und neue Akzente setzten. Vom finnischen Birkenwald waren es nur ein paar Schritte bis zum farbenprächtigen Bhutan-Pavillon. Im arabischen Wüstenfort konnte man sich mit Henna-Tattoos bemalen lassen und aus Seilbahngondeln auf die Welt hinabblicken. Immer dabei: das Maskottchen Twipsy!Die Weltausstellung wurde leider eher halbherzig beworben und außerhalb Deutschlands praktisch ignoriert. Statt der avisierten 40 Millionen Besucher und Besucherinnen kamen nur 18 Millionen. Der Anteil internationaler Gäste lag bei gerade sechs Prozent.Heute ist das ehemalige EXPO-Gelände ein Gewerbegebiet mit nachgenutzten Länderpavillons und wandelbaren Gärten.In diesem Jahr, 2025, fand die Weltausstellung in der japanischen Metropole Osaka statt, bei der in die Welt von morgen geblickt wurde.Auf dem Pavillon-Ostgelände errichteten die Niederländer ihre „Gestapelten Landschaften“, um die Platzprobleme ihres Landes zu demonstrieren Foto: JuergenGWikimedia
18Thema75 Jahre Deutsches MüttergenesungswerkDie Gründung der „Elly-Heuss-Knapp-StiftungVon Sibylle WeitkampDas Deutsche Müttergenesungswerk, eine Einrichtung, die der Müttererholung und insbesondere auch den Kindern breiter Bevölkerungsschichten zugutekommen soll, wurde 1950 von der Journalistin und Politikerin Elisabeth Eleonore „Elly“ Heuss-Knapp (1881-1952) und Dr. Antonie Nopitsch (1901-1975), der Initiatorin des Bayerischen Mütterdienstes, gegründet. Beide konnten prominente Persönlichkeiten und Organisationen für die Unterstützung des Hilfswerkes gewinnen, was ihm zu einer breiten Akzeptanz in der Gesellschaft verhalf.Elly Heuss-Knapp, Tochter des Nationalökonomen Georg Friedrich Knapp und dessen Frau Lydia, wurde am 25. Januar 1881 in Straßburg geboren. 1899 legte sie ihr Lehrerinnenexamen ab. Ab 1905 begann sie ein Studium der Volkswirtschaft in Freiburg, das sie in Berlin fortsetzte. Sie lernte dort Alice Salomon und die Frauenbewegung kennen. Dem Studium folgte eine Zeit intensiver Vortragstätigkeit in Straßburg. Von dem nationalliberalen Politiker Friedrich Naumann erhielt sie wesentliche Anregungen für eigenes Denken und Urteilen. Für seine Zeitschrift „Die Hilfe“ lieferte sie Beiträge, und durch ihn kam es zur Bekanntschaft mit dem jungen Theodor Heuss. 1908 heirateten Elly Knapp und Theodor Heuss und zogen nach Berlin. Für kurze Zeit widmete sich Elly Heuss-Knapp dem 1910 geborenen Sohn Ernst Ludwig. Während der Zeit des Nationalsozialismus durfte Elly Heuss-Knapp keine Vorträge halten und ihr Mann verlor sein Lehramt an der Deutschen Hochschule für Politik, und sein Reichstagsmandat wurde ihm aberkannt. Elly Heuss-Knapp wagte den Sprung in die Werbewirtschaft und war erfolgreich. Damit hat sie die Existenz der Familie gesichert. 1934 erschien ihr autobiographisches Buch „Ausblick vom Münsterturm“. 1945 wurde Theodor Heuss Kultusminister von Württemberg, seine Frau zog mit ihm nach Stuttgart und wurde 1946 selbst Landtagsabgeordnete. 1948 ging Elly Heuss-Knapp mit ihrem Mann nach Bonn, der am 12. September 1949 als Vorsitzender der FDP zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde. Sie übernahm in Bonn das Präsidium der Hoover-Speisung, die hungernden Schulkindern zu einer Mahlzeit verhalf.Am 12. Dezember 1949 fand die Gründungssitzung des Deutschen Müttergenesungswerkes statt, und die Stiftungsurkunde wurde am 17. November 1950 unterzeichnet. Der Bundespräsident Theodor Heuss hat das Lebenswerk seiner Frau nicht nur aktiv unterstützt, sondern betrachtete darüber hinaus das Müttergenesungswerk auch als sein Anliegen.Nicht unerwähnt bleiben sollen die Muttertags-Sammlungen, bei denen kleine handgefertigte Blumen verkauft und verteilt wurden. Durch die Herstellung konnte vielen Familien ein bescheidenes Einkommen gesichert werden. In den beiden ihr noch verbliebenen Lebensjahren nach der Gründung des Deutschen Müttergenesungswerkes – schon von schwerer Krankheit gezeichnet – widmete Elly HeussKnapp ihre ganze Kraft der Elly-Heuss-Knapp-Stiftung „Deutsches Müttergenesungswerk“, die in ihrer tätigen Hilfeleistung ihrem Wesen so sehr entsprach.Elly Heuss-Knapp starb am 19. Juli 1952 in der Universitätsklinik Bonn.Elly Heuss-Knapp war nicht nur die vermutlich bedeutendste Gattin eines Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Ihr Leben erreichte seinen Höhepunkt im Aufbau der nunmehr ein dreiviertel Jahrhundert bestehenden Institution des Deutschen Müttergenesungswerkes, deren Schirmherrin nach wie vor die Frau des jeweils amtierenden Bundespräsidenten ist.2023 haben mehr als 100.000 Mütter, Väter, pflegende Angehörige und ihre Kinder an Mutter-/Vater-Kind-Kuren in über 70 Kliniken teilgenommen – seit der Gründung des Müttergenesungswerkes bis heute mehr als vier Millionen Menschen. Die gemeinnützige Stiftung finanziert sich ausschließlich durch Spenden und wird mit ehrenamtlicher Arbeit und Patenschaften unterstützt.Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Deutschen Müttergenesungswerkes hat die Deutsche Post mit Erstausgabetag 02. Januar 2025 eine 95-Cent-Briefmarke herausgegeben, und Elly Heuss-Knapp ist mit einer am 11. September 2025 erschienenen 20-Euro-Gedenkmünze in Silber in der Serie „Prägende Frauen“, die weibliche Lebensleistungen in den Fokus rückt, gewürdigt worden.Bis heute leistet das Deutsche Müttergenesungswerk im Bereich der Frauengesundheit Pionierarbeit.Theodor und Elly Heuss beim Spen- den, 1950Bundesarchiv Bild 146-1984-013-25
19ThemaFrüher war mehr LamettaChristbaumschmuck im Wandel der ZeitVon Ursula MichalkeDie dünnen, goldenen oder silbernen Metallstreifen waren seit ihrer Erfindung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein beliebter Christbaumschmuck. Ein Weihnachtsbaum ohne Lametta war noch bis in die 1980er Jahre hinein unvorstellbar. Lametta stammte überwiegend aus Fabriken in Roth und Nürnberg. Es wurde aus Stanniol, einer hauchdünnen Zinnfolie, gefertigt. Durch Beimischung von Blei hing es schwerer und somit schöner von den grünen Zweigen. Die neue Glitzerware, verpackt in schmalen Tüten mit bunten, weihnachtlichen Motiven, wurde schnell ein weltweiter Verkaufsschlager. Die schmalen Metallstreifen wurden einzeln – oder üppiger gleich als Bündel – an die Zweige gehängt. Sie glitzerten im Schein der echten Wachskerzen und erinnerten an Eiszapfen. Nach Weihnachten wurde das Lametta sorgfältig wieder vom Baum abgenommen, geglättet und für das nächste Jahr zurückgelegt. Das Geld war knapp, kaum jemand konnte es sich leisten, den Baumschmuck jährlich neu zu kaufen.Schon 1978 quengelte Opa Hoppenstedt in Loriots Sketch „Früher war mehr Lametta“, eine Tatsache, die frühe, weihnachtliche Familienfotos belegen.Heute gibt es nicht weniger, sondern gar kein Lametta mehr, wie wir es kannten. Der letzte deutsche Hersteller, das Unternehmen Riffelmacher & Weinberger aus Roth, beendete im Dezember 2015 nach über 90 Jahren die Produktion, weil die Nachfrage zu gering war. Aus mehreren Gründen hat Lametta als Weihnachtsschmuck ausgedient: Die bleihaltigen Fäden sind umweltschädlich, die Nachfolgeprodukte aus Aluminium oder Kunststoff haben nicht dieselbe Wirkung; andererseits hat sich nicht nur der Geschmack geändert, sondern auch der Weihnachtsbaum. Früher schmückte eine Fichte die Weihnachtsstube, die dünnere Zweige hatte. Daher diente das Lametta auch dazu, dem Baum etwas mehr Fülle zu geben. Die jetzt beliebte Nordmanntanne ist so dicht bewachsen, dass Lametta kaum noch Platz fände.Mittlerweile hat sich der humorvolle Ausspruch Loriots „Früher war mehr Lametta“ zu einer allgemeinen Metapher entwickelt. Er wird oft verwendet, um auszudrücken, dass früher alles besser oder schöner war – sei es in Bezug auf Weihnachtsdekoration, festliche Stimmung oder andere Aspekte des Lebens. „Ohne viel Lametta“ wiederum wurde zu einer Redensart für das Schlichte, Einfache. Und in der Soldatensprache bezeichnet „Lametta“ oder „viel Lametta“ den Behang von Ordensträgern: die Orden selbst, aber auch die Litzen und Schützenschnüre. Ein üppig mit Lametta geschmückter Weihnachtsbaum aus dem Jahr 1942 Foto: privat Lamettapackungen mit typischen Motiven aus den 1930er bis 1950er Jahren Foto: Ronald Stolte
20Themakurz notiert100 Jahre RolltreppeAls 1925 die erste Rolltreppe in Deutschland im Kaufhaus Tietz in Köln eröffnet wurde, war es zur damaligen Zeit ein echtes Spektakel! Die Rolltreppe galt als Symbol der Moderne und wurde als „Roll-Fußsteige“ beworben, die den Kunden „Zeit und damit Geld“ ersparen sollte.Noch im selben Jahr folgten weitere Rolltreppen in Berlin und München, wo anfangs sogar ein Liftboy bereitstand, um den Kunden beim Einstieg zu helfen. Die Einführung dieser „rollenden Treppen“ war ein Ausdruck des urbanen Fortschritts und der beginnenden Konsumgesellschaft.Bereits 1898 war im Kaufhaus Polich in Leipzig ein sogenannter Rollsteig installiert worden. Diese frühe Form der Rolltreppe war jedoch noch nicht mit Stufen ausgestattet, sondern bestand aus einem schrägen Förderband mit flachen Gliedern – also eher eine geneigte, bewegliche Plattform als eine Treppe im heutigen Sinne. UMPippi LangstrumpfAls Astrid Lindgren vor 80 Jahren die Figur der Pippi Langstrumpf erfand, veröffentlichte der schwedische Verlag die Geschichte 1945 erst nach einer Überarbeitung. Man befürchtete einen negativen Einfluss auf Kinder, denn die neunjährige Pippi war stark, unabhängig und zog mit einem Äffchen und einem Pferd – ohne Eltern – in die Villa Kunterbunt ein.In Deutschland erschien das Buch 1949, nachdem es fünf Verlage als jugendgefährdend abgelehnt hatten. Die rebellische, unabhängige Pippi passte nicht ins damalige Bild vom „braven Kind“, das sich still und gehorsam verhalten sollte. Erst Friedrich Oetinger erkannte das Potenzial der Figur und war mutig genug, es in seinem Verlag zu veröffentlichen. Er war begeistert von Pippis Unangepasstheit und wollte deutschen Kindern nach dem Krieg eine neue Art von Heldin zeigen.Das Buch wurde sofort ein Erfolg und traf den Nerv der Zeit. Kinder liebten Pippi, weil sie laut, stark, frei und witzig war – ein Gegenbild zur strengen Nachkriegserziehung. Pippi Langstrumpf steht für Freiheit, Unabhängigkeit und kindliche Fantasie. Sie ist ein Symbol dafür, dass man auch ohne Regeln und Zwänge ein gutes Herz haben und anderen helfen kann. Die Bücher wurden in über 70 Sprachen übersetzt und sind weltweit Klassiker der Kinderliteratur. UMWandelbare ErinnerungskulturDamit wichtige geschichtliche Ereignisse und bedeutende Repräsentanten eines Landes nicht in Vergessenheit geraten, lassen seit jeher spätere Regierungen Gedenkstätten und Gedenktage einrichten, um das kollektive Erinnern einer Nation wachzuhalten. Denn die Bevölkerung soll das historische Geschehen nicht als „erledigt“ abhaken, vielmehr soll es auch an zukünftige Generationen weitergegeben werden – rühmend oder mahnend. Doch wie Geschichte überliefert wird, ist nicht ein für alle Mal in Stein gemeißelt. Das gilt vor allem für das kollektive Erinnern einer Nation. Vielmehr verändern sich oft im Laufe folgender Jahre die politischen Bewertungen früherer Ereignisse und Persönlichkeiten – sei es durch neue historische Forschungsergebnisse, sei es aufgrund veränderter Wertmaßstäbe bei der Aufarbeitung der Geschichte. Schon so manches einstige Ehrenmal wurde später wieder vom Sockel geholt, manch Gedenktag durch einen neuen ersetzt. Somit wird die Erinnerungskultur eines Landes immer auch ein kritischer Blick zurück sein. SLSpiel mit dem ErinnernWohl kaum ein Kind, das sich nicht gern mit diesem unterhaltsamen Gedächtnisspiel beschäftigt: Memory. Seit inzwischen mehr als 65 Jahren hält der Erfolg des Legespiels um die Suche nach zwei völlig identischen Bildkarten an. Dabei war die in England unter dem Namen „Zwillingsspiel“ auf den Markt gebrachte Vorgängerversion ein Flop. Erst das von William Hurter 1946 abgewandelte und 1959 vom Ravensburger Verlag unter dem Namen Memory auf den Markt gebrachte Gedächtnisspiel wurde ein Riesenerfolg. Inzwischen wird das beliebte Familienspiel, das es in vielen Varianten, zu unterschiedlichen Themen und mit zig unzähligen Motiven gibt, in 70 Länder vertrieben, werden Memory-Turniere - auch europaweite – ausgetragen, gibt es in Deutschland eine „Gesellschaft der Freunde des Memory-Spiels“. SL
21RätselAuflösung aus der Ausgabe 3/2025: Gesucht wurde die Malerin Rosa Bonheur.Wissen Sie, wer ich bin?In einer Zeit, in der Frauen nicht einmal zum Kunststudium zugelassen und finanziell von Familie oder Ehemann abhängig waren, erreichte sie mit ihren Tierdarstellungen und Landschaften große Anerkennung - nicht nur in Frankreich. Sie erhielt mehrere prestigeträchtige Auszeichnungen und erzielte Verkaufspreise, die ihr ein in jeder Hinsicht unabhängiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichten.Geboren wurde Rosa Bonheur am 16. März 1822 in Bordeaux. Der Vater war Landschaftsmaler und Zeichenlehrer, die Mutter Klavierlehrerin. Weil Rosa, die gern malte, sich in der Schule bei Lesen und Schreiben schwer tat, ermunterte die Mutter sie, zu jedem Buchstaben des Alphabets ein Tier mit passendem Anfangsbuchstaben zu malen und weckte damit deren spätere Vorliebe für dieses Sujet. Das künstlerische Handwerkszeug erhielt Rosa vom Vater, der sie und die Geschwister in Zeichnen und Malen unterrichte. Da war sie zwölf Jahre alt, die Mutter bereits gestorben. In der freien Zeit half das talentierte Mädchen einem Künstler-Ehepaar beim Kolorieren oder übte im Louvre durch Kopieren von Exponaten ihre Fertigkeiten, bevorzugt an Tierdarstellungen. Das machte Rosa so meisterhaft, dass sie als knapp Zwanzigjährige erstmals mit zwei Gemälden auf dem renommierten Pariser Salon vertreten war; beide Arbeiten stilistisch, wie man es bis dahin von Frauen kannte: hübsch anzusehen, in handlichem Format, von Rosa aber bereits mit außergewöhnlich virtuoser Maltechnik umgesetzt. Auch in den folgenden Jahren war die jetzt vielbeachtete Malerin regelmäßig mit Tierstudien und Landschaften dort vertreten, wurde 1848 mit der Goldmedaille ausgezeichnet, 1855 ein zweites Mal.Bonheur war Vertreterin des Realismus. Sie wollte das Wesen eines Tieres zeigen, typische Merkmale, im natürlichen Lebensraum. Es ging ihr auch um die Würde des Tieres, die sie in für das Sujet ganz untypischen monumentalen Bildformaten zum Ausdruck brachte. Bonheur betrieb intensiv anatomische Studien, fertigte zig Skizzen an. Zu diesem Zweck hielt sie in ihrem Atelier Hühner, Hasen, Vögel und Ziegen, zog vorübergehend auf einen Bauernhof, besuchte Tiergärten und Schlachthöfe, ging auf Erkundungstouren hinaus in die Natur. Weil ihr das in Kleidern oder Röcken zu unbequem war, beantragte die selbstbewusste Künstlerin bei der Polizei die Erlaubnis, bei der Arbeit Männerkleidung tragen zu dürfen und musste die Genehmigung fortan alle sechs Monate erneuern lassen.Von Anfang an betrachtete Rosa ihre Arbeit als Beruf, nicht als liebgewordene Freizeitbeschäftigung. Ein Kunsthändler vermarktete ihre Gemälde sehr erfolgreich, im Rahmen von Wanderausstellungen erreichten sie auch im Ausland ein interessiertes Publikum. Vor allem in England feierte die Französin große Erfolge. Den 1853 entstandenen „Pferdemarkt“ ließ sich Tierliebhaberin Königin Victoria 1855 auf Schloss Windsor zeigen, bevor es in der englischen Öffentlichkeit zu sehen war.In den Folgejahren reiste Rosa viel ins Ausland, auch nach Übersee, und brachte von dort zahlreiche Skizzen von Groß- und Wildtieren mit, die sie später in ihrem Atelier malte. Am 25. Mai 1899 starb Rosa Bonheur. SLHaben Sie mich erkannt? Die Auflösung gibt es in der nächsten Ausgabe.Anna Klumpke: Porträt Rosa Bon- heur, 1898 Foto: WikimediaDass ich einmal eine sehr erfolgreiche Unternehmerin und eine der wohlhabendsten Frauen Deutschlands sein würde, war mir nicht in die Wiege gelegt. Denn ich wuchs in ausgesprochen bescheidenen, ärmlichen Verhältnissen auf. Damit kam für mich der Besuch einer höheren Schule trotz meiner sehr guten Noten überhaupt nicht in Frage. Also machte ich nach der Volksschule in einer neu gegründeten Versandgroßhandlung eine Lehre. Die Firma entwickelte sich rasant und ich konnte mich – motiviert von der Aufbruchstimmung – auch nach der Lehre fleißig engagieren. Im Einkauf schaffte ich es schnell in eine Leitungsfunktion. Im Zuge veränderter äußerer Umstände konnte ich schließlich zur Chefin meines einstigen Lehrbetriebs avancieren.
22Für Sie gelesenUngetrübte KindheitserinnerungenAls Reaktion auf unsere Winterausgabe 2024 hat Autorin Renate Czech, Mitglied der Gruppe Freiburg, dieses kleine Büchlein zugeschickt. Darin erzählt sie von einer glücklichen Kindheit im böhmischen Kaiserwald der 30er/40er Jahre des letzten Jahrhunderts (heutiges Tschechien). Protagonist ist der elfjährige Jakob, der in einem bei Marienbad gelegenen Dorf in einem behüteten Zuhause mit Eltern und Großeltern väterlicherseits heranwächst. Altes Brauchtum und Rituale bestimmen Leben und Alltag der Dorfgemeinschaft jener Zeit und zeigen, wie tief die Menschen damals im oft schweren Alltag nicht nur miteinander, sondern auch mit Natur, Tieren und Pflanzen verbunden waren. Die kalten, dunklen Wintermonate, die unheimlichen Raunächte zwischen Weihnachten und Neujahr setzen in Jakob zwar einerseits manch ängstigende Phantasie frei, geben ihm in ihrer gewohnten Wiederkehr aber auch Halt und Sicherheit. Die zentrale Bezugsperson für Jakob ist der Großvater, den er eines Tages auf dem langen und beschwerlichen Fußmarsch durch tief verschneite Wälder begleiten darf, um den Karpfen für die Festtage zu holen.Renate Czech erzählt all das anschaulich, einfühlsam und lebendig. Schöne Illustrationen und Fotos ergänzen diesen ungetrübten Rückblick. SLRenate Czech, Winter im Egerland. Eine Geschichte aus dem Kaiserwald. Morsak und Ohetaler VerlagHistorisch-poetischer Rom-Führer„Komm ich nach Rom noch heut?“ fragt das von einer Reise nach Rom träumende lyrische Ich in Josef von Eichendorffs Gedicht „Täuschung“. Unsere Leserin Dorothea Kubanek hat viele Jahre in der Stadt am Tiber, die seit jeher mit ihrer alten Kultur und Geschichte fasziniert, gelebt und gearbeitet und ein mit diesem Vers betiteltes außergewöhnliches Rom-Porträt erstellt. Anhand zahlreicher die Ewige Stadt beschreibender Gedichte und Auszüge aus Aufzeichnungen, die frühere Herrscher, Künstler, Wissenschaftler und Dichter über ihre Rom-Aufenthalte verfasst haben, zeichnet Dorothea Kubanek – beginnend im Mittelalter – die bau- und kunstgeschichtliche Entwicklung der Stadt sowie das sich im Laufe der Jahre verändernde Lebensgefühl von Einwohnern und Besuchern nach. Die kommentierenden Begleittexte der Autorin, die vielen kunstvollen Illustrationen sowie das ansprechende Layout von Tochter Bettina Kubanek bereichern die interessanten Beschreibungen. Einziges Manko: Die kleine Schrift, die die Lektüre leider etwas erschwert. SL Dorothea Kubanek: Komm ich nach Rom noch heut? Verlag Turia + Kant, Wien 2023Ein vergessenes HandwerkKati Naumann entführt uns in ihrem Roman in die thüringische Spielzeugstadt Sonneberg, wo die fiktive Familie Langbein über Generationen hinweg eine Puppenfabrik betreibt. Der Roman ist eine bewegende Familiengeschichte, die sich vom Kaiserreich über die NS-Zeit und DDR bis in die Gegenwart erstreckt. Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt: Vergangenheit und Gegenwart wechseln sich ab. In der Gegenwart versuchen die Urenkel Eva, Iris und Jan, die Geschichte ihrer Familie zu rekonstruieren. Die Vergangenheit zeigt, wie die Puppenfabrik politische Umbrüche übersteht – mit viel Herzblut und familiärem Zusammenhalt.Naumann gelingt es, historische Realität mit Fiktion zu verweben, ohne ins Kitschige abzurutschen. Die Figuren wirken authentisch und greifbar, mit Ecken und Kanten – Streit, Unglück und Hoffnung prägen die Handlung. Der Roman ist eine Hommage an das fast vergessene Handwerk der Spielzeugherstellung. Er zeigt, wie politische Systeme das Leben einfacher Menschen beeinflussen – und wie Familiengeschichte zur Identitätsfindung beitragen kann. UMKati Naumann, Wo wir Kinder warenHarperCollins 2021 Erinnerung und IdentitätEin bewegender Roman über zwei Frauen, die ein jahrzehntelanges Familiengeheimnis aufdecken. Zwischen Paris und Krakau entfaltet sich eine Geschichte über jüdischen Widerstand, Schuld und Erinnerung – inspiriert von wahren Begebenheiten. Der Roman überzeugt durch seine feinfühlige Sprache, die sorgfältige Recherche und die emotionale Tiefe. Er thematisiert nicht nur die Verfolgung jüdischer Familien, sondern auch das lange Schweigen danach – und die Kraft, die in der Wahrheit liegt. UMBettina Storks, Die Schwestern von KrakauHeyne 2025
23Aktuelle KunstausstellungenSuzanne Duchamp10. Oktober 2025 bis 11. Januar 2026SCHIRN FrankfurtDie weltweit erste umfassende Einzelausstellung, die der Pionierin der Dada-Bewegung Suzanne Duchamp gewidmet ist.Spielzeug gestalten – Holz formen100 Jahre Spielzeuggestaltung26. November 2025 bis 22. Februar 2026Museum Storchen, GöppingenBasierend auf dem Nachlass des Lehrers und Spielzeuggestalters Max Schanz (1895–1953) aus dem Erzgebirge haben vier Familien seiner Nachkommen bis in die heutige Zeit umfangreiche Sammlungen zusammengetragen und bewahrt – von den Werkstätten des Erzgebirges, alpenländischen Regionen bis hin zu jungen Gestaltergruppen aus Katalonien und Bulgarien. So entsteht ein Panorama von hundert Jahren Spielzeugentwicklung: vom Geist der Weimarer Zeit und des Deutschen Werkbunds bis in die Gegenwart. Die Ausstellung lädt dazu ein, das Spielzeug als Kindheitserinnerung, aber auch als Ausdruck von Kulturgeschichte und Gestaltungskunst zu erleben – und als lebendige Verbindung zwischen Göppingen und den großen Spielzeuglandschaften Europas. Zusammenstellung Ursula MichalkeKünstlerinnen!Von Moijé bis Münter25. September 2025 bis 1. Februar 2026Kunstpalast DüsseldorfDiese Künstlerinnen kämpften für ihre Ausbildung, für Anerkennung und Sichtbarkeit – und verschwanden dennoch fast vollständig aus der Geschichtsschreibung. Mit dieser Ausstellung holt der Kunstpalast über 30 Künstlerinnen zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Sie gibt Einblick in rund 100 Jahre weiblichen Kunstschaffens in Düsseldorf – einer Stadt, die im 19. Jahrhundert wichtiger Anlaufpunkt für Künstlerinnen aus ganz Europa war, obwohl ihnen die Türen der Kunstakademie verschlossen waren. In der Ausstellung vertretene Künstlerinnen: Victoria Åberg | Amalie Bensinger | Fanny Churberg | Mathilde Dietrichson | Alma Erdmann | Ilna Ewers-Wunderwald | Alexandra Frosterus-Såltin | Marta Hegemann | Minna Heeren | Adeline Jaeger | Elisabeth Jerichau-Baumann | Marga Klinckenberg | Benita Koch-Otte | Magda Kröner | Gertrud von Kunowski | Marie Laurencin | Emmy Lischke | Amalia Lindegren | Luise von Martens | Paula Monjé | Gabriele Münter | Emilie Preyer | Sophie Ribbing | Julia Schily-Koppers | Christiane Schreiber | Martel Schwichtenberg | Alwine Schroedters | Hermine Stilke | Milly Steger | Emma Volck | Marie WiegmannImpressionismus in DeutschlandMax Liebermann und seine Zeit03. Oktober 2025 bis 08. Februar 2026Museum Frieder Burda, Baden-BadenMehr als 70 Arbeiten aus über 25 internationalen Museums- und Privatsammlungen geben einen opulenten Überblick über die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland, darunter Schlüsselwerke von Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth und Fritz von Uhde. Zu den zahlreichen Highlights gehört eine umfangreiche Auswahl an Liebermanns farbgewaltigen Darstellungen seines berühmten Blumengartens am Wannsee. Max Liebermann: Blumenstauden am Gärtnerhäuschen nach Osten, 1923 Foto: Museum Frieder BurdaESNAF Tiere – Kugelspiel G.Kaden © Sabine RommelSuzanne Duchamp: Fabrique de Joie, 1920 © VG BildKunst, Bonn
24Aus dem VerbandGruppen berichten von ihren VeranstaltungenMusikalischer Start in den SeptemberEin klassisches Gitarrenkonzert mit der österreichischen Musikerin Verena Merstallinger war sicherlich schon gleich zu Anfang ein herausragendes Angebot für unser Programm der 2. Jahreshälfte. Verena Merstallinger ist ausgebildete klassische Gitarristin, die sich auf die Aufführung von Komponistinnen spezialisiert hat. Ihr abwechslungsreiches Soloprogramm \"concerning normal and right\", bestehend aus virtuosen und gefälligen Stücken des 19. Jahrhunderts und der Moderne, regte uns zum Staunen, Träumen und Nachdenken an.Ausgebildet an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, weiter an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und der Norwegischen Musikhochschule Oslo, haben wir eine junge Frau erlebt, die sehr berührend ihre klassische Art des Spielens mit experimentellen Elementen verbunden hat. Sie nutzte in einem exklusiv für sie komponierten Stück von Ixta Rodero Gil (*1997) Trope 1: Concerning Normal and Right, das auch dem ganzen Programm seinen Namen gibt, ihren Körper in liegender Haltung zusätzlich als Resonanzraum, zupfte die Saiten oder brachte sie, mit einem langen Kugelschreiber als eine Art Bogen, gestrichen zum Klingen. Aber auch als Trommel wurde das Volumen der Gitarre genutzt. Dann erklangen wieder eher gewohnte Weisen wie die Variationen von Catharina Josepha Pratten (1821-1895) Carnaval de venise, die auf einer uns sehr vertraut gewordenen Grundmelodie beruhen. Wir kennen es jetzt als Kinderlied Mein Hut, der hat drei Ecken.Nicht nur die Abwechslung durch ungewohnte Spielweisen und zwei Instrumente, eine kleinere Gitarre aus der Biedermeierzeit und eine klassische Konzertgitarre gestalteten ihr Programm abwechslungsreich. Verena Merstallinger legt auch großen Wert darauf, Kompositionen von Zeitgenossinnen und Komponistinnen des 19. Jahrhunderts zu spielen. Viele Musikerinnen aller Richtungen konnten ihre Begabungen nicht zeigen oder noch weniger veröffentlichen. Deswegen ist es so wichtig, die wenigen bekannten zu Gehör zu bringen und dadurch im Bewusstsein nicht nur zu halten, sondern auch erst einmal bekannt zu machen. „Pionierinnen und Gitarrenvirtuosinnen ließen sich zu unserem Glück nicht von der Emanzipation abhalten. Auch heute ist das Normale männlich, die klassische Gitarrenwelt männerdominiert und klassische Gitarrenkonzerte sind rar“, so schreibt Merstallinger auf ihre Homepage.Dieses Anliegen wurde bei ihrem Auftritt in Herne spürbar, teilweise herrschte atemlose Stille, als sie mit ihrem Instrument spielend durch die Zuhörenden ging. Ungewohnte Haltungen und dadurch erzeugte unerwartete „Klang-Geräusche“ brachten leise Staunensrufe. Zum Ende des Konzertes und nach dem Beifall erhob sich niemand, alle Zuhörenden blieben und nutzten die Chance, durch Fragen ins Gespräch zu kommen. Dieses Phänomen, dass nach dem Ende eines Programms niemand rasch aufstand und ging, zeigte uns, in welch intensiver Weise dieses Konzert bewegte und wohl auch faszinierte. Die vielen gewonnen Preise und Auszeichnungen lassen erkennen, dass wir eine wirklich „ausgezeichnete“ Virtuosin zu Gast hatten. Wir sind froh, sie auf ihrer CD dann auch immer wieder erneut genießen zu können. Maria-Elisabeth Warnecke, Gruppe HerneVerena Merstallinger Foto: Daniel Bierdümpfl
25Aus dem VerbandCunrad (Konrad) ohne NachnameUnsere Familiennamen – Herkunft und BedeutungVortrag von Prof. Dr. Peter FleischmannEs war ein spannender und unterhaltsamer Vortrag über die Onomastik, die u.a. Herkunft, Struktur und Entwicklung von Eigennamen, den Vornamen und Familiennamen von Personen beschreibt.Bis in das 12. Jahrhundert war es im Gebiet des heutigen Europas üblich, Menschen nur jeweils einen Namen zu geben. Dieser eine Name, der Rufname, reichte lange Zeit aus, um seinen Träger in den einstmals kleinen, weniger differenzierten Sozialverbänden zu kennzeichnen.In manchen Situationen wurden einnamige Personen schon immer durch Zusätze besonders gekennzeichnet, etwa zur Auszeichnung (Karl der Große), zur Unterscheidung (Pippin der Ältere/Jüngere) oder zur Charakterisierung (Ludwig der Fromme). Die germanischen Rufnamen waren zweigliedrig und hatten eine Bedeutung, so wies beispielsweise der Name Hartmut auf den Krieg hin. Ab dem 11. Jahrhundert kamen christliche Namen hinzu: Christian, Christine, die Namen der Jünger Jesus und Heiligennamen. Überhaupt spiegeln die Rufnamen die jeweilige Epoche wider: Zur Zeit der Reformation war Martin ein häufiger Rufname, im Dreißigjährigen Krieg Gustav.Durch das erhöhte Bevölkerungswachstum reichte, besonders in den Städten, der Rufname zur Unterscheidung der Personen nicht aus. Es wurde ein Familienname hinzugefügt, angefangen beim Adel ab dem 10. und 11. Jahrhundert, später bei den Patriziern, dem Bürgertum und zuletzt in den ländlichen Gebieten. Bei Dienstboten, Knechten und Mägden breitete sich der Familienname erst im Laufe des 16. Jahrhunderts aus. 1875 wurden im Deutschen Reich die Standesämter eingeführt und die Namen festgeschrieben. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich die Familiennamen aus fünf Bildungsformen:• patronymisch, das heißt aus Rufnamen,• nach der Wohnstätte,• nach dem Beruf,• nach der Herkunft und• aus sogenannten Übernamen, die den Träger verschiedentlich charakterisierten.Die Übernamen charakterisierten den Träger beispielsweise aufgrund der Körperform (Lang, Klein), der Haarfarbe (Schwarz), Wesensart (Demut, Lustig, Fröhlich) oder seiner Eigenschaften (Zorn, Storm, Stammler). Auch die Biografie konnte den Familiennamen bestimmen: Geburt (Findling, Rauschert = Bankert), Geburtstermin (Sonntag, Freitag), Jahreszeit (Frühling, Lenz, Winter). Heute sind die Namen oft nicht sofort in ihrer Bedeutung zu erklären. Es gab verschiedene Dialekte und Mundarten, keine einheitliche Schreibweise – so wurde der Berufsname Schmied auch zu Schmidt – und fremdsprachige Familiennamen wurden eingedeutscht.Aktuell gibt es in Deutschland etwa 200.000 Familiennamen. Die häufigsten Namen sind – in dieser Reihenfolge: Müller, Schmidt, Meier, Schneider und Hofmann, sie gehören 37 Prozent der Bevölkerung.Zum Abschluss wies uns Professor Fleischmann auf das Digitale Familienwörterbuch Deutschlands DFD hin. Dort kann nach der Häufigkeit des Nachnamens und der Verbreitung in Deutschland geforscht werden. Ursula Michalke, Gruppe NürnbergJakob NagelLorenz von Maynheim (Mannheim)Alle Abb. aus den Hausbüchern der Mendelschen und Landauerschen Zwölfbrüderstiftungen, StBN
26Aus dem VerbandLeben, Werk und Krankheit des französischen Impressionisten Pierre-Auguste RenoirVortrag von Dr. med. E. NischkPierre-Auguste Renoir wird 1841 in Limoges geboren und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit 13 Jahren beginnt er in Paris als Porzellanmaler zu arbeiten. Ab 1858 nimmt er Malunterricht bei Charles Gleyre, bei dem er Claude Monet, Frédéric Bazille und Alfred Sisley kennenlernt. Zwei Jahre später beginnt er ein Studium an der École des Beaux-Arts in Paris.Die Malerei ist zu dieser Zeit durch den Neoklassizismus geprägt, eine Stilrichtung, die die Schönheit der Natur idealisiert und in der strenge Regeln und Kriterien vorherrschen. Renoir und seine Freunde entwickeln gemeinsam den Impressionismus, eine Malweise, die sich durch freie und lockere Pinselstriche, helle Farben und die Darstellung von Licht und Bewegung auszeichnet. Seine Vertreter malen nun nicht mehr in Ateliers, sondern in der freien Natur.Im Sommer 1869 fertigt Renoir eine Reihe von Gemälden des Restaurants La Grenoullière an, das er zusammen mit Monet häufig besucht. Diese lichtdurchfluteten Bilder veranschaulichen besonders deutlich seinen unverkennbaren Stil der flüchtigen Pinselstriche und der zarten, hellen Farbigkeit. Das Flimmern der Luft sowie das Glitzern des Wassers werden in ihrer sich im Licht verändernden Farbigkeit festgehalten. Als typische Werke dieser Zeit gelten auch Der Garten in Fontenay (1874), Ball im Moulin de la Galette (1876) und Das Frühstück der Ruderer (1881).Neben den Landschafts- und Gartenbildern entstehen auch Porträts der Pariser Oberschicht wie z.B. Promenade(1870) und Die Schaukel (1876). Die Darstellung von Frauen rückt immer stärker in Renoirs Mittelpunkt. So entsteht 1867 das bekannte Bild Lise mit dem Sonnenschirm, eines seiner ersten verkauften Bilder mit seinem Lieblingsmodell Lise Tréhot.Die Jahre 1872 bis 1883 gelten als das große Jahrzehnt der Impressionisten. Die Farbgebung wird wichtiger als die Linienführung, Schatten erfahren eine differenzierte Kolorierung. Dies wird dadurch erleichtert, dass die nun verfügbaren Tubenfarben direkt auf der Leinwand vermischt werden und nicht mehr auf der Palette.Nachdem die impressionistischen Maler wiederholt von der Teilnahme an der staatlichen Kunstausstellung „Salon de Paris“ durch deren konservative Jury ausgeschlossen wurden, findet 1874 die erste Gruppenausstellung der Impressionisten in den Atelierräumen des Fotografen Nadar in Paris statt. Bis 1886 folgen sieben weitere Ausstellungen. Renoir verkauft nun mehr und mehr Bilder und kann sich ab 1875 ein eignes Atelier leisten.Nach einer kreativen Krise 1883 ändert Renoir seinen Stil: Er bevorzugt nun schärfere Formen und wendet sich der genaueren Darstellung des menschlichen Körpers zu, wie in seinen Bildern Tanz auf dem Land (1883) und Der Zopf (1887) gut zu erkennen ist. Nicht mehr die Wiedergabe atmosphärischer Stimmung steht fortan für ihn im Zentrum, sondern die Zeichnung und Komposition.Die letzte gemeinsame Ausstellung der Impressionisten findet 1887 statt. Erneut ist in Renoirs Bild Die großen Badenden sein geänderter Malstil sichtbar: Die Pinselstriche sind weniger sichtbar, die Körperformen betont. Pierre-Auguste Renoir: La Grenoullière, 1869Pierre-Auguste Renoir: Lise mit dem Sonnenschirm, 1867Pierre-Auguste Renoir um 1875
27Aus dem VerbandBitte vormerken:Das traditionelle Kunstseminar findet im Juli 2026 wieder im Kloster Frauenberg in Fulda statt.Das Thema des Wochenendseminars ist: Feministische Kunst: Als das Private politisch und Frauen zu Subjekten wurdenAusführliche Informationen dazu und alle Details zur Anmeldung werden in der nächsten Ausgabe bekanntgegeben.Im Jahre 1892 kauft der französische Staat das Bild Junge Mädchen am Klavier, was den Verkauf von Renoirs Bilder sehr fördert. Auch privat hat der Maler eine glückliche Lebensphase: 1890 heiratet er Aline Charigot, mit der er insgesamt vier Kinder hat.1892 zeigen sich allerdings auch die ersten Folgen seiner damals unheilbaren Krankheit, der rheumatoiden Arthritis, einer chronisch-entzündlichen Erkrankung der Gelenke: Renoir hat zunehmend Gehbeschwerden. Fünf Jahre später sind bereits seine Handgelenke sichtbar geschwollen. 1907 zieht Renoir aufgrund des milden Klimas nach Cagnes-surMer (Südfrankreich) in sein Atelierhaus „Les Collettes“.Ein Foto von Renoir aus dem Jahre 1910 zeigt einen aufgrund der Muskelrückbildung ausgemergelten Mann, der weit älter aussieht als er ist. Er wiegt nur noch 97 Pfund und kann sich nur mit zwei Gehstöcken mühsam fortbewegen. Ab 1912 sitzt er im Rollstuhl. Weder eine damals übliche Antipurin-Behandlung noch diverse Kuraufenthalte bringen eine Verbesserung seines Zustandes.Aufgrund seiner stark verformten Finger und Handgelenke kann Renoir den Pinsel nicht mehr normal greifen. Er übt sogar Jonglieren, um seine Finger beweglich zu halten, was aber auch zu keiner Verbesserung führt. Seit 1914 trägt Renoir Müllverbände um seine Hände, um so die empfindlich gewordene Haut zu schützen. Auch die Pinsel lässt er sich mit Mullbinden an seine Finger binden.Sein Hausmeister fertigt für ihn eine spezielle Staffelei an, die er von seinem Rollstuhl aus gut erreichen kann, um so ca. 30 x 30 cm Malfläche bearbeiten zu können. Trotz seiner Krankheit und deren Einschränkungen malt Renoir unermüdlich weiter. Um sich von den schlimmsten Schmerzen abzulenken, malt er bevorzugt in der späten Nacht und am frühen Morgen. Renoir konzentriert sich in dieser Phase auf Porträts und Alltagsszenen, aber auch auf die Darstellung von Landschaften. Die Formen werden weicher und runder, die Farben leuchtender und wärmer.Die Malerei ist für Renoir eine Lebensnotwendigkeit. Sinngemäß soll er einmal gesagt haben: „Der Schmerz vergeht, aber die Freude an der Kunst bleibt.“ Und so malt er auch in seiner Leidenszeit keine düsteren oder pessimistische Bilder.1915 stirbt Renoirs Frau Aline. Sein zweitgeborener Sohn kümmert sich nun um ihn, der bis zu seinem Tode weiter jeden Tag malt. Renoir stirbt am 3.12.1919 in Cagnes-sur-Mer. Doris Kanzer, Gruppe BochumPierre-Auguste Renoir: Die großen Badenden, 1884-87Pierre-Auguste Renoir: Der Zopf, 1887
28Aus dem VerbandDer heißeste Ausflug – im wahrsten Sinn des Wortes – führte die Freiburger Gruppe am 2. Juli 2025 in den nördlichen Kaiserstuhl. Bei 38 Grad fuhr der angenehm gekühlte Bus quer durch den Kaiserstuhl zunächst nach Endigen. Herr Linder, unser Führer durch Endingen, war bereits in Freiburg zugestiegen und gab uns vorab wichtige Informationen über den Kaiserstuhl: Der ehemalige Vulkan, aus der Plattentektonik und einem damit verbundenen Grabenbruch entstanden, ist eigentlich nur die oberste Spitze eines massiven Vulkankegels, der rund 3.000 m in die Tiefe bis zum Erdmantel reicht und dessen Basis sich von den Vogesen bis zum Schwarzwald erstreckt. Würde man die Sedimente, die zwischen Schwarzwald und Vogesen abgelagert wurden, beiseite räumen, hätten wir einen rund 3.000 m hohen Berg vor uns. Der Oberrheingraben ist kein Flusstal, sondern eine Absenkung nach dem Bruch zwischen Teilen der Erdkruste, die dafür sorgte, dass sich die Erdoberfläche zwischen Basel und Frankfurt absenkte, Vogesen und Schwarzwald rechts und links der Absenkung aufwölbten und sich Sedimente durch Erosion ablagern konnten. Diese Absenkung zwischen Vogesen und Schwarzwald wird pro Jahr 6 – 8 mm breiter und um dieses Maß driften Schwarzwald und Vogesen auseinander. Die Terrassenlandschaft des Kaiserstuhls wird heute hauptsächlich zum Weinanbau genutzt, früher wurde hier auch Getreide und Gemüse angebaut. In Endingen angekommen, erklommen wir unter Anleitung von Herrn Linder den „Venusberg“, eigentlich die ehemalige, mit kleinen Fachwerkhäusern bebaute Stadtbefestigung. Endingen wurde 862 erstmalig urkundlich erwähnt und erhielt 1285/1286 das Stadtrecht. Heute hat die Stadt rund 11.000 Einwohner. Markant im mittelalterlichen Stadtbild sind die sieben Brunnen und die beiden Stadttore. Brunnen gibt es erst seit ca. 1750 in Endingen, die als Laufwasserbrunnen die Quellschüttungen der Umgebung nutzten. Vorher war es für die Einwohner äußerst schwierig, an unbelastetes Wasser zu kommen. Durch Misthaufen vor jedem Haus war die Nitratbelastung mit rd. 500 mg pro Liter zehnmal so hoch wie der heutige Grenzwert von 50 mg pro Liter und mit der Gesundheit der Bevölkerung war es nicht gut bestellt. Die sieben öffentlichen Brunnen waren Teil der städtischen Wasserversorgung und sie dienten der Trinkund Brauchwasserversorgung. Sie erfüllten aber auch repräsentative Zwecke, wie man beim ältesten und größten Brunnen, dem Rathaus- oder Jokilibrunnen, sehen kann, dessen achteckige Brunnenschale rund 24.000 l fasst. Der Jokili, die zentrale Figur der Endinger Fasnet, ruht der Sage nach auf dem Brunnengrund und wird zur Fasnet in einer imposanten Zeremonie aus dem Brunnen geholt. Zur weiteren Führung brachte uns Herr Linder in das wunderbar kühle, alte Rathaus. Hier konnten wir neben mittelalterlichen Strafutensilien wie Halsgeige und diversen Handund Fußschlössern noch Überreste der ehemaligen Wasserleitungen sowie Modelle der traditionellen Fasnachtsfiguren besichtigen. Zu den Lavendelfeldern im KaiserstuhlStudienfahrt der Gruppe FreiburgStadtführung mit Herrn Linder durch Endingen Foto: Claudia SchallFoto: Angelika Kieler
29Aus dem VerbandAltelierbesuch bei Alex BärDer Besuch galt Alex Bär – einem Schweizer Künstler – 1967 in Zürich geboren. Nach dem Schulabschluss absolvierte er eine Grafik-Designer-Ausbildung, arbeitete in der Schweiz – freischaffend – als Grafiker und Maler, bis er sich 1996 in Basel zu einem Studium der „Freien Malerei“ entschloss.Von 1997 - 2002 besuchte er die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Prof. A. Rink und Neo Rauch. Kursangebote sowie Dozenturen an diversen Institutionen folgten.Bär lebt und arbeitet in Mannheim, Ludwigshafen und Zürich, nahm an diversen Ausstellungen – an der Art Karlsruhe, in Museen und Galerien – teil.Seine Arbeiten zeigen realistische, figürliche Malerei, farbenfroh und großflächig, Porträts, Akte und Stillleben. Sehr anschaulich beschrieb er uns seine Vorgehensweise, die Komposition und die Inszenierung des Bildraums. Seine Bilder wollen wie ein spannendes Buch gelesen werden. Dabei verändern sich die Perspektiven, je tiefer der Blick in die Komposition eindringt. Nahsicht und Fernsicht, Draufsicht und Vogel-Perspektive bilden hier ein engmaschiges Netz. Die vielschichtigen Inhalte seiner Malerei entstehen sukzessive im Malprozess, indem er Farben und Formen zur Wirkung bringt. Die Damen genossen den beeindruckenden Vormittag und bedankten sich für die uns vom Künstler geschenkte Zeit. Brigitte Seiler, Gruppe Ludwigshafen/MannheimDer Künstler Alex Bär erläutert seine Vorgehensweise und Bildkomposition Foto: Brigitte SeilerMit viel neuen Informationen im Gepäck fuhren wir dann zu „Biancas Bistro“ ins Weingut Johner in Bischoffingen, wo Bianca uns verschiedene, köstlich duftende und wohlschmeckende Flammkuchen servierte. Gut gestärkt konnten wir den kurzen Fußweg zum nächsten Ziel, dem Lavendelshop von „Kaiserstuhl Lavendel“ antreten. Bevor wir den Shop überhaupt sahen, rochen wir ihn: Die Luft war angefüllt von intensivem Lavendelduft! Im Hof des Lavendelshops neben einem großen Haufen Lavendel erwartete uns Familie Klingenmeier mit einem köstlichen Lavendelcocktail und Informationen zum Lavendelanbau am Kaiserstuhl. Die Familie baut seit 2021 drei Sorten Lavendel an, der ein großes Potential für die Region hat dank des geringen Wasserbedarfs und ein Gewinn für die Naturlandschaft am Kaiserstuhl ist als Eldorado für Bienen und Insekten. Aus dem Lavendel wird durch Wasserdampfdestillation hochwertiges, ätherisches Lavendelöl gewonnen. Während das herbe, leicht holzig riechende Lavandinöl überwiegend als Duftstoff in Seifen und Parfums, zur Raumbeduftung, als Zusatz für Saunaaufgüsse oder auch als natürlicher Fußbodenreiniger Verwendung findet, wurde die beruhigende, heilende und antibakterielle Heilkraft des echten Lavendels (Lavandula officinalis, Lavandula angustifolia) bereits von Hildegard von Bingen beschrieben. Im Lavendelshop konnten wir schließlich die vielfältigen Produkte des Betriebes begutachten und erwerben. Viel zu schnell war die Zeit verflogen und wir konnten den Rückweg nach einem Blick auf die nahe gelegenen blühenden Lavendelfelder um viele Informationen und Eindrücke reicher antreten. Schade, dass wir die intensiven Dufterlebnisse dieses Ausfluges unseren Leserinnen und Lesern nur in Worten weitergeben können! Wir danken Anne Zahm für die Anregung und Mithilfe bei diesem Ausflug, Herrn Linder für seine kompetente Führung, Bianca für die köstliche Bewirtung und Familie Klingenmeier für den wunderbaren Abschluss im „Kaiserstuhl Lavendel“. Und natürlich Bernward Lindinger, der uns sicher mit seinem gut gekühlten Bus zum Kaiserstuhl und zurück transportiert hat. Angelika Kieler, Gruppe FreiburgDer Lavendelshop mit dem riesigen Angebot an LavendelproduktenFoto: Claudia Schall
30Aus dem VerbandIch schaue in den Spiegel und denke, wer ist das? War ich gestern nicht viel jünger? Ich schaue in den Spiegel und sehe das kleine Mädchen mit der Schultüte; voller Erwartung auf die Schule und das Lernen. Wie erwartungsvoll war ich damals! Ich schaue in den Spiegel und sehe das mutige Mädchen, dass für Gemeinschaftserleben brennt. Wie groß war doch das Erleben wollen! Ich schaue in den Spiegel und sehe den Teenager, der die Wände und Mauern mit ihren Ideen einreißen wollte.Welche Kraft lag in mir! Ich schaue in den Spiegel und sehe die taffe junge Frau, die wunderbare Visionen, Ziele und Forderungen an das Leben hatte.Welch Glaube an die eigene Stärke! Ich schaue in den Spiegel und sehe eine berufstätige Frau, die 1000 Prozent mit den Arbeitsaufgaben und den Lebensaufgaben in Zufriedenheit lebt. Welche Lebendigkeit war damals in mir und um mich herum! Ich schaue in den Spiegel und sehe eine aktive Frau in der Blüte ihres Seins, die keine Kraftgrenzen und Liebesgrenzen kennt. Kann denn im Leben überhaupt je etwas schiefgehen! Ich schaue in den Spiegel und sehe nur eine Familienfrau, die für alle und für alles da ist. Wo bleibt denn nun das Ich, fragt sie sich aber manchmal? Ich schaue in den Spiegel und sehe eine reife Frau, die langsam altert, arbeitet, da ist und sich ein wenig verliert. Was kommt denn noch, ist die Frage? Ich schaue in den Spiegel und sehe eine aktive Frau, die rund ist mit sich und dem fortschreitenden Lebensabschnitt. Was sind die Aufgaben für morgen? Ich schaue in den Spiegel und sehe die leicht alte Frau, die sich mit dem Leben und mit sich arrangiert hat und wirklich gut lebt. Was gibt es aber noch an Überraschungen für sie? Ich schaue in den Spiegel und suche die Frau, die erwartungsvoll, neugierig, großartig und lebendig war. Wo ist sie nur geblieben? Ich sehe in den Spiegel und sehe mich – gerne – in jeder meiner Lebensphasen mit Wohlwollen, Demut und Dankbarkeit. Denn was auch der neue Tag bringt, ich nehme es nun ruhig, nicht immer gelassen aber bejahend an.Aber manchmal tanze ich an allen Spiegeln vorbei und strecke mir selbst die Zunge raus!Martina Prasuhn, Gruppe LübeckSpiegel NachrufWir mussten Abschied nehmen von unserer langjährigen 1. Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden Frau Gisela Beier Sie verstarb am 20. Sept. 2025 im Alter von 90 Jahren. Mit großem Engagement leitete sie 28 Jahre unsere Gruppe in Bochum. Auch als Bundesvorsitzende war sie für einige Zeit zum Wohle aller Mitglieder im Verband tätig. Für ihre verdienstvollen Tätigkeiten erhielt sie 2005 das Bundesverdienstkreuz.Von ihrem Ideenreichtum haben wir alle profitiert. Wir blicken dankbar zurück. Auch ihre klare und vorbildliche Haltung wird uns immer Vorbild bleiben. Renate Ruhlig-Schulte, Gruppe Bochum
31ImpressumBlickpunkt frau und kultur, Ausgabe 4/2025Herausgeber:Deutscher Verband Frau und Kultur e.V.www.verband-frau-und-kultur.deBundesvorsitzende:Dr. Elisabeth Kessler-SlottaUhlandstr. 55, 44791 BochumTel.: 0234 580356E-Mail: [email protected] für Nichtmitglieder, Adressänderungen und Neuanmeldungen:Anke Linsa Apollinarisstr. 20, 53474 Bad Neuenahr-AWTel. 02641 9061010E-Mail: [email protected] für neue Abonnements: Jährlich 20 € inkl. PortoKonto für Verbandsabgabe und Abonnements:Dt. Verband Frau und Kultur e.V.Postbank Essen, IBAN DE91 3601 0043 0611 9184 39Druck:Druckerei Plettner, Schwabacher Str. 512a, 90763 FürthNachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion und mit Quellenangabe gestattet. Mit Namen gekennzeichnete Beiträge stellen nicht in jedem Fall die Auffassung der Herausgeber dar. Wir freuen uns über Ihre Mitarbeit an unserer Verbandszeitschrift. Schon jetzt bitten wir um Ihr Verständnis, wenn wir uns unaufgefordert zugeschickte Beiträge aus redaktionellen Gründen verändern, diese mit der Bitte um Überarbeitung an die Verfasserin oder den Verfasser zurücksenden oder ablehnen müssen. Redaktionsteam:Ursula Michalke Thomas-Mann-Str. 6, 90763 FürthTel.: 0911 630536E-Mail: [email protected]. Sigrid Lindner Steinkuhlstr. 87, 44799 BochumTel.: 0234 380329E-Mail: [email protected] WeitkampHohenrode 28, 30880 LaatzenTel.: 0511 22 17 23E-Mail: [email protected]/ImpressumKontaktaufnahme zu den GruppenAachen, 1. Vors. Prof. Ulla Dohmann, Tel. 02406 3736 E-Mail: [email protected] Neuenahr-Ahrweiler, 1. Vors. Anke Linsa Tel. 02641 90 610 10, E-Mail: [email protected], 1. Vors. Renate Ruhlig-Schulte, Tel. 0234 67126 E-Mail: [email protected], 1. Vors. Elke Cronau, Tel. 0231 136200E-Mail: [email protected], 1. Vors. Dr. Ulrike Köcke, Tel. 0201 779440 E-Mail: [email protected], 1. Vors. Claudia Schall, Tel. 0761 288258, mobil: 0170 8044141, E-Mail: [email protected]ßen, 1. Vors. Brigitte Sekula, Tel. 06403 74851E-Mail: [email protected], 1. Vors. Marlene Szymanek, Tel. 02381 34623E-Mail: [email protected], 1. Vors. Maria-Elisabeth Warnecke, Tel. 0173 8921614E-Mail: [email protected]/Mannheim, 1. Vors. Dr. Wiltrud BanschbachHettenbach, Tel. 06234 929744, E-Mail: [email protected]übeck, 1. Vors. Lore Evers, Tel. 0173 6061998E-Mail: [email protected], 1. Vors. Anne Helmich, Tel. 02801 6881mobil: 01765-5724642, E-Mail: [email protected]ünster, 1. Vors. Gisela Externest, Tel. 0251 393566 mobil 0157-39105661, E-Mail: [email protected]ürnberg, 1. Vors. Barbara König, Tel. 0911 21086279E-Mail: [email protected]
Unser VerbandUnsere ZieleUnser EngagementUnsere ZeitschriftVertreten ingehört zu den traditionsreichen Frauenverbänden Deutschlandsarbeitet überparteilich und überkonfessionellist über Gruppen in 14 Städten der BRD vertretenist vernetzt mit Verbänden ähnlicher Zielsetzung auf nationaler und internationaler Ebene, dem Deutschen Frauenrat, UN Women Deutschland, Bündnis Sorgearbeit fair teilenwww.verband-frau-und-kultur.deKulturelle Teilhabe und lebendige Kommunikation zu ermöglichenden Gedankenaustausch und eine öffentliche Meinungsbildung anzuregenden sozialen Zusammenhalt zu stärkendie Gleichstellung der Geschlechter und den Einsatz für deren Rechte zu intensivierenehrenamtliche Mitarbeit in unterschiedlichen Bereichen anzubietenOrganisation regelmäßiger Treffen zu Vorträgen Angebot von Arbeitsgemeinschaften zu einem breit gefächertem Programm Studienfahrten und Seminare zur Weiterbildunggruppenspezifische Netzwerke zu regionalen Kulturangeboten finanzielle Förderung sozialer wie bildungsrelevanter Projekte Blickpunkt frau und kultur erscheint viermal jährlichjeweils mit einem Schwerpunktthemamit Berichten zu den Gruppenaktivitätenmit Hinweisen auf Fortbildungsangeboteerreicht alle Mitglieder ist gegen Gebühr für Interessierte erhältlichAachen – Bad Neuenahr-Ahrweiler – Bochum – Dortmund – Essen – Freiburg – Gießen – Hamm – Herne – Ludwigshafen / Mannheim – Lübeck – Moers – Münster – NürnbergZeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V., gegründet 1896Thema der nächsten Ausgabe:Von der Schrift zum BuchRedaktionsschluss für Ausgabe 1/2026:18. Januar 2026Das Magazin dient der MitgliederbindungZeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V.