1 2026ISSN 03440745 | K2408Zeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V.Von der Schrift zum Buch
2InhaltTitelbild: Bibliothek des Trinity College Dublin. Ihr berühmtester Teil ist die Alte Bibliothek mit dem ikonischen Long Room, einem über 60 Meter langen Saal aus dem 18. Jahrhundert, der zu den schönsten Bibliotheksräumen Europas zählt. Foto: Wikimedia4 KommunikationVor der Schrift – Wie sich Schrift entwickelteVon Birgit Potthoff-Karl6 BeschreibstoffeTon, Papyrus, Pergament, PapierVon Sibylle Weitkamp7 Das weiße BlattVom Mut des SchreibensVon Karin Schreiner, Gruppe Ludwigshafen/Mannheim8 Die Kunst der BuchilluminationSchrift und Buchmalerei als GesamtkunstwerkVon Ulrich Karl10 Shodō - Mehr als schöne SchriftDie Kunst der Kalligraphie in JapanVon Sigrid Lindner11 Handschrift fordert Hand und HirnInterview mit Karin ThränVon Ursula Michalke 13 Streng geheim!Kryptologie – die Lehre des VerborgenenVon Ursula Michalke14 ExlibrisBucheignerzeichenVon Sibylle Weitkamp15 MalerbücherDie Künstlerbuchsammlung der Herzog August Bibliothek in WolfenbüttelVon Sibylle Weitkamp16 Zentrum des Wissens in der AntikeDie legendäre Bibliothek von Alexandria Von Sigrid Lindner17 Archive der MenschheitBerühmte Bibliotheken EuropasVon Ursula Michalke18 kurz notiert19 Rätsel20 Für Sie gelesen21 Aktuelle Kunstausstellungen30 Aus dem Verband31 Personalia/ImpressumIn unserer Verbandszeitschrift verwenden wir überwiegend eine geschlechtergerechte Schreibweise mit Beidnennung. Wo dieses nicht möglich ist, sind bei allen relevanten Wörtern und Textstellen immer Frauen und Männer gemeint. Im Interesse einer besseren Lesbarkeit verzichten wir jedoch auf Zeichen wie *, : oder das Binnen-I, die nicht in die amtliche Rechtschreibregelung aufgenommen wurden.
3Editorialheute kommunizieren wir problemlos und auf vielfältige Weise. In der Antike und im Mittelalter war Schrift ein Privileg, das nur von wenigen Gelehrten beherrscht wurde. So waren die Hieroglyphen eine komplexe Mischung aus bildlichen und symbolischen Elementen, die nur ausgewählte Priester entziffern konnten. Im Mittelalter kopierten Mönche in Klöstern mit Feder und Tinte heilige Texte – oft unter Kerzenlicht und in asketischer Stille. Bücher waren kostbar, Wissen exklusiv. Doch mit Gutenberg kam die Wende. Der Buchdruck machte Schrift massenhaft verfügbar. Bücher waren nicht länger Luxusobjekte, sondern wurden zu Trägern von Bildung und Meinung. Die Reformation, die Aufklärung, die Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts – sie alle wären ohne die mediale Macht der Schrift kaum denkbar gewesen.Im 20. Jahrhundert wurde Schrift zur Kunstform. Die Bauhaus-Bewegung etwa propagierte klare, funktionale Typografie – ein Bruch mit verschnörkelten Traditionen. Später prägten digitale Schriftarten wie Helvetica oder Times New Roman das visuelle Erscheinungsbild ganzer Generationen.Die Digitalisierung hat neue Formen des Schreibens und Lesens hervorgebracht, die unsere Kommunikation grundlegend verändern. Nicht alles, was heute geschrieben wird, besteht aus Buchstaben. Emojis und GIFs sind neue Formen der Schriftlichkeit. Jedoch bleiben Printmedien wie Bücher und Zeitschriften weiterhin unverzichtbar, trotz aller digitalen Medien. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen im Namen des Redaktionsteams eine anregende Lektüre und ein schönes Frühjahr,IhreUrsula MichalkeLiebe Leserin, lieber Leser,
4ThemaKommunikationVor der Schrift – Wie sich Schrift entwickelteVon Birgit Potthoff-KarlWie wichtig die Schrift für die Menschheit ist, wird deutlich, wenn man einen Blick darauf wirft, wie die Menschen früher Informationen gespeichert und übermittelt haben.Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte wurden Informationen hauptsächlich mündlich weitergegeben. In Indien lernten früher Priester religiöse Texte auswendig und übermittelten sie mündlich an ihre Nachfolger; ebenso wie die gallischen Druiden. Nachteilig an dieser Methode war, dass man eine außerordentliche Gedächtnisleistung trainieren musste. BilderFelszeichnungen und Felsmalereien wurden auf allen Kontinenten gefunden. Fixierung von Informationen in Bildern ist eine von der Sprache unabhängige Technik. Höhlenmalereien in Altamira (Spanien) oder Lascaux (Frankreich) waren für die damaligen Bewohner Teile ihrer magisch-religiösen Rituale. Für die Steinzeitmenschen existierten Begriffe wie Kunst, Schrift oder Literatur nicht. Um die Bedeutung der Felsbilder zu verstehen, muss man sie im Kontext der Zeit, in der sie entstanden sind, interpretieren. In Skandinavien hat man Sagen, Mythen und Erzählungen in Felsen oder Steine geritzt. Zudem wurden auch Texte im altnordischen Runenalphabet in Stein gemeißelt. ZählsteineBauern und Herrscher mussten bereits vor mehr als 10.000 Jahren v. Chr. Getreide und Vieh zählen und Verträge abschließen können. Anfangs benutzen sie Knoten in einer Schnur oder Kerben auf einem Knochen („Kerbholz“). Später kamen sogenannte Zählsteine auf – aus Ton gebrannt und mit einem Siegelabdruck versehbar. Den Sumerern gelang ca. 3000 v. Chr. ein entscheidender Fortschritt: Ihre Beamten hielten die Mengen von Waren (Getreide, Bier und Rohstoffe) auf feuchten Tonplatten fest, indem sie mit Griffeln aus Schilfrohr oder Knochen passende Symbole eindrückten. Größere Tontafeln waren in Rechtecke unterteilt, in die Mengenangaben gedrückt wurden. Entscheidend wurde der Übergang bei der Nutzung der Tafeln weg von der reinen Buchhaltung hin zu Geschichten, die Ziffern und Symbole für Menschen und Tiere enthielten. Zunächst hatten diese Symbole noch keinen Bezug zur gesprochenen Sprache und mussten „gelernt“ werden. Als es jedoch möglich war, ein Wort anhand seines Klanges zu umschreiben, war der Übergang von reinen Symbolen zur Silbenschrift, später dann Buchstabenschrift geglückt. Ein Beispiel: Das Wort „Gebot“ kann mit den Symbolen für Beine (Gehen/Geh) und einem Boot dargestellt werden, laut ausgesprochen fügen sich Geh+Boot zu Gebot. HieroglyphenDie Sumerer waren nicht das einzige Volk, das sich mit Zeichen und Symbolen auseinandersetzte. Die Ägypter ersannen eine spezielle Schrift – die Hieroglyphen: anfangs reine Piktogramme, später auch in Form schematischer Darstellungen, die gleichlautende Wörter abbildeten. Sie wurden hauptsächlich für religiöse Zwecke benutzt. Hieroglyphen wurden so weiterentwickelt, dass eine von ihnen für einen einzigen Laut oder eine einzige Silbe stand. Somit bilden sie den Vorläufer des heutigen Alphabets. Bild eines Pferdes aus den Höhlen von Lascaux, das von den Cro-Magnon-Menschen auf ihrer Jagdroute in der Steinzeit angefertigt wurde. Foto: WikimediaHieroglyphen und Zeichnungen als Grabbeigabe Foto: Ursula Michalke
5ThemaHieroglyphen wurden verwendet, um in Grabinschriften die göttliche Ordnung und den Schutz der Verstorbenen in Bezug auf ihr ewiges Leben zu sichern. Dazu enthielten sie sogenannte Wächterformeln. Daraus ein Beispiel: Das Auge des Horus ist ein mächtiges Schutzsymbol, welches die Augen der Verstorbenen sichern sollte. Die Hinterbliebenen mussten zusätzlich ihre Verstorbenen mit Speisen und Getränken versorgen, damit ihr Weg in die Ewigkeit gesichert war. Üblich war, dass sich die Hinterbliebenen mit Briefen an ihre Toten wandten, um ihnen ihre Anliegen aus dem Alltag (Krankheiten, Streitigkeiten, Verwünschungen), bei denen sie Unterstützung brauchten, vorzubringen. Wissenschaftliche Puzzlearbeit bei den HieroglyphenDer Stein von Rosette oder Stein von Rosetta ist das Fragment einer Stele aus Memphis (Ägypten) und enthält ein mehrsprachiges Synodaldekret von 196 v. Chr. aus der Zeit der altgriechisch-makedonisch-ptolemäischen Dynastie, erstellt im Auftrag des Königs Ptolemaios V. Epiphanes, eines Nachfolgers von Alexander dem Großen. Die Tatsache, dass die Texte auf diesem Stein mitsamt Übersetzung vorliegen, war entscheidend für die Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen. Jean-François Champollion, ein französischer Sprachwissenschaftler, legte 1824 mit dem Entziffern der Hieroglypheninschrift den Grundstein für die wissenschaftliche Erforschung des dynastischen Ägyptens.Der Stein befindet sich seit 1802 im British Museum in London.Elamische StrichschriftAuch wenn heute weitgehend unbekannt, so stellt die Elamische Strichschrift, die ca. 2000 v. Chr. in der Gegend um Susa (im heutigen Iran) benutzt wurde, neben der mesopotamischen Keilschrift und den ägyptischen Hieroglyphen eine der ältesten bekannten Schriftarten der Menschheit dar. Der Archäologe François Desset konnte mit Hilfe von Texten auf 2000 Jahre alten Vasen aus britischem Privatbesitz 72 der 76 Zeichen entschlüsseln.IndusschriftSie blieb lange die einzige Schrift des indischen Subkontinentes. Sie enthält eine Kombination von linearen und piktografischen Zeichen. Bislang konnte sie nicht entschlüsselt werden, da die Texte auf Siegeln und Kupfertafeln zu kurz sind. Vorbereitung des AlphabetsEtwa 1000 v. Chr. entwickelten die Phönizier ein aus 22 Zeichen bestehendes Alphabet, aus dem sich später hebräische, griechische und lateinische Schreibsysteme entwickelten. Die 22 Buchstaben hatten für je einen Laut nur ein einfaches lineares Zeichen. Dieses Alphabet kam über Kreta nach Griechenland, wo sich das klassische griechische Alphabet mit 24 Großbuchstaben ergab. Das uns gebräuchliche lateinische Alphabet wurde über die Etrusker eingeführt. Das etruskische Alphabet ähnelt dem griechischen Alphabet, allerdings sind die Schriftzeichen „linksherum“ geschrieben. Die ersten lateinischen Inschriften, gefunden im Forum Romanum, stammen aus dem Jahr 600 v. Chr. Das klassische lateinische Alphabet umfasst 23 Buchstaben, welche in römischer Zeit in Großbuchstaben geschrieben wurden. Unser heutiges Alphabet wurde daraus auf 26 Buchstaben erweitert.Eine Art Alphabet gibt es heute noch in anderen Sprachen, die jeweils kyrillische, arabische, indische oder koreanische Zeichen verwenden. Weiterhin ohne Alphabet, aber auf Basis vieler Schriftzeichen, wird heute noch in China und Japan geschrieben.Der Stein von Rosette: oben Hieroglyphen, in der Mitte Demotisch, unten Altgriechisch. Foto: Wikimedia„Inšušinak“ in elamischer Strichschrift (deutsch „Herr von Susa“). Es war der Name einer der Hauptgottheiten in Elam. Abb. Wikimedia
6ThemaUrsprünglich sind natürlich gegebene oder in einem einfachen Verfahren bearbeitete Stoffe wie Stein, Holz,Knochen, Baumrinde, Palmblätter, Metall und Häute als Schriftträger verwendet worden und für besondere Zwecke bis heute in Gebrauch.Die Funktion aller Beschreibstoffe ist, als Träger menschlicher Äußerungen in Bild- und Schriftform zu dienen. Die Herausbildung hoch entwickelter Schriftkulturen verlangte Schriftträger, deren Schreibfläche vom Naturvorkommen unabhängiger und die je nach Bedarf in relativ unbeschränkter Menge herstellbar waren. Ihre Bearbeitung erforderte bereits kompliziertere Verfahren. Zu diesen Beschreibstoffen ist Ton zu rechnen, den die Sumerer schon seit Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. verwendeten. In aus Ton geformten Tafeln im Klein- und Großformat wurden in feuchtem Zustand Schriftzeichen eingedrückt. Durch Trocknen in der Sonne oder durch Brennen im Feuer erhielt man einen dauerhaften Beschreibstoff, wie die in großer Zahl überlieferten Dokumente der Babylonier, Assyrer und Griechen bezeugen.Seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. wurde in Ägypten als Beschreibstoff Papyrus verwendet. Er wurde aus einer 3 – 4 m hochwachsenden Sumpfpflanze gewonnen, die man im Nildelta waldmäßig kultiviert hatte und in regelmäßigen Ernten einbrachte. Der Beschreibstoff Papyrus wurde in Manufakturen hergestellt. Das Mark der etwa armdicken Pflanze zerschnitt man in Streifen, legte diese in einer senkrechten und einer waagerechten Schicht übereinander und presste und beklopfte beide, so dass sie mittels ihres Pflanzensaftes zusammenklebten. Das so gewonnene Papyrusblatt von etwa 20- 25 cm Breite und 30 cm Höhe zeigte eine weißgelbe Färbung. Es wurde mit einem Knochen oder einer Muschel geglättet. Die einzelnen sauber beschnittenen Blätter klebte man zu längeren Bahnen zusammen, diese brachte man als Rollen in den Handel. Die nach innen gerollte Seite mit waagerechter Faserstruktur diente als Schreibfläche. Der Papyrus eroberte bald die alte Welt und war ein wichtiger Exportartikel Ägyptens im gesamten Mittelmeerraum. Bis ins hohe Mittelalter hinein ist Papyrus als Beschreibstoff besonders für die päpstlichen Urkunden (Bullen) benutzt worden.Zu den ältesten Beschreibstoffen gehören auch Tierhäute. Zu Leder gegerbt, waren sie in Rollenform im alten Orient weit verbreitet. In späterer Zeit wurde ungegerbte, nur manuell gereinigte und geglättete Haut zu dem bedeutenden Schriftträger Pergament verarbeitet. Der Name steht vermutlich mit der Stadt Pergamon in Verbindung, wo im 2. Jahrhundert v. Chr. eine berühmte Bibliothek existierte. Im Altertum neben Papyrus als minderwertiger Beschreibstoff geltend, setzte sich das Pergament seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. durch, u. a. für Aufzeichnungen der christlichen Literatur. Seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. wurde es dem Papyrus vorgezogen.Neben Papyrus und Pergament dienten in der Antike für alltägliche Zwecke auch Tonscherben (Ostraka) und mit Wachs beschichtete Holztafeln als Schriftträger.In China bildete sich die Papierherstellung im 2. bis 1. Jahrhundert v. Chr. heraus und breitete sich Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. nach Korea und Japan aus, seit dem 8. Jahrhundert weiter nach Westen. Das Papier verdrängte mehr und mehr alle vorherigen Beschreibstoffe und wurde im 15. Jahrhundert zum allgemein verwendeten Schriftträger.BeschreibstoffeTon, Papyrus, Pergament, PapierVon Sibylle WeitkampPapyruspflanze am NiluferFoto: CC BY-SA 3.0, WikimediaPapyrus mit Versen in altgriechischer Sprache über die Arbeiten des Herakles, in griechischer Kanzleischrift und mit Federzeichnungen. Abb. WikimediaPergamentmacher, circa 1425Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band 1. Nürnberg 1426–1549. Stadtbibliothek Nürnberg
7Thema 1390 nahm Ulman Stromer die erste deutsche Papiermühle bei Nürnberg in Betrieb. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ausschließlich handgeschöpftes oder Bütten-Papier aus Hadern (Lumpen – Leinen oder Baumwolle) hergestellt. Hadernpapier ist die feinste und teuerste Papierqualität. Man verwendet Hadernpapier hauptsächlich als Schreibpapiere (Urkunden), weniger für Bücher. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Lumpen so gut wie der einzige Rohstoff für die Papierherstellung, obgleich schon sehr früh nach Ersatzstoffen gesucht wurde, da das Angebot an Lumpen den Bedarf bei Weitem nicht decken konnte.Als Rohstoff der Papierherstellung dient heute hauptsächlich Holz. Es kommt in aufbereiteter Form als Zellstoff zur Verarbeitung. Unter Zusatz von erheblichen Mengen von Wasser, Leim, Füllstoffen sowie eventuell Farbe entsteht ein Papierbrei, der auf das Sieb der Papiermaschine geleitet wird, wo ihm ein wesentlicher Teil des Wassers durch Absaugen entzogen wird.Der Schrift-, Bild und Farbträger Papier hat, vor allem seit dem 19. Jahrhundert, das Alltagsleben der breiten Masse bereichert. Gleißmühle, nach 1463 als Hadermühle bezeichnet, Aus- schnitt aus der Nürnberg-Ansicht in der Schedel'schen Weltchronik von 1493. (StadtAN A 4/VIII Nr. 188)Weiß und jungfräulich liegt es vor mir. Das Licht des Papiers blendet meine Augen, so hell strahlt es mir entgegen. Es scheint mir etwas zuzurufen – leise, eindringlich, fordernd. In mir wirbeln Worte, Sätze und Geschichten. Sie tanzen, streiten, ringen um Aufmerksamkeit – ein Sturm aus Gedanken, der meinen Kopf und mein Herz erfüllt.Da stößt das T mit seinem Ellenbogen das A an. „Mach du den Anfang“, flüstert es. „Hab Mut, aus der Stille herauszutreten. Lass auf diesem weißen Blatt Leben entstehen. Wenn du dich zeigst, werden andere folgen – Buchstaben, Worte, Sätze, ganze Welten.“Das A zögert. Es spürt den Reiz des Anfangs, aber auch die Angst vor Sichtbarkeit. Was einmal geschrieben steht, kann gelesen – und vielleicht missverstanden – werden. Doch ohne diesen Schritt bleibt alles ungehört, verborgen im Innern.Erneut flüstert das T: „Vertrau. Jede Geschichte beginnt mit einem einzigen Buchstaben.“Da fassen sich Buchstaben an den Händen, Worte schließen sich zusammen, Sätze bilden sich – und aus der Schrift wächst ein Text, eine Erzählung, eines Tages ein Buch.Das weiße Blatt ist nicht mehr leer. Es atmet, trägt Geschichte, bewahrt Erinnerung. Und irgendwo zwischen seinen Zeilen lebt der Mut, der aus Buchstaben Kultur werden lässt.Das weiße BlattVom Mut des SchreibensVon Karin Schreiner, Gruppe Ludwigshafen/Mannheim
8ThemaDie Kunst der BuchilluminationSchrift und Buchmalerei als GesamtkunstwerkVon Ulrich KarlDie Codices boten jetzt neue Gestaltungsmöglichkeiten für Illustrationen, da die Blätter im Wortsinn einen Rahmen bilden, der vielfältig genutzt werden kann. Im Frühbis Hochmittelalter wurden mit illuminierten Handschriften Gesamtkunstwerke aus Schrift und Malerei geschaffen. Die Pracht dieser Buchverzierungen kommt bereits in ihrer Bezeichnung als Illumination zum Ausdruck, d.h. dass sie die Bücher erleuchten und erstrahlen lassen. Hintergründe und Heiligenscheine aus Blattgold und mit Goldtusche gemalte Ornamente und Texte reflektierten das flackernde Licht von Kaminfeuer oder Kerzen und ließen die Abbildungen fast lebendig wirken. Auch viele der verwendeten Pigmente waren leuchtend und intensiv farbig. Die für Malerei und hervorgehobene Textstellen verwendete Mennige (lat. minium) wurde zur Namensgeberin für Miniaturen; erst später kam die heutige Bedeutung von „Verkleinerung“ hinzu.Während die Miniaturen oft wie kleine Tafel- oder Leinwandgemälde wirken, sind andere Erscheinungsformen der Buchmalerei völlig eigenständige Kunstgattungen: insbesondere kunstvolle Initialen, die bald zu ganzen Initialzierseiten erweitert wurden; üppige Verzierungen der Seitenränder (Bordüren) sowie die sogenannten Teppichseiten vor allem der insularen (anglo-irischen) Buchmalerei. Reich verzierte Initialen waren nicht nur ästhetisch attraktiv, sondern auch eine praktische Orientierungshilfe beim Wiederfinden von Textstellen, weil die Codices lange Zeit ohne Seitenzahlen benutzt wurden! In den frühen, überwiegend liturgischen Manuskripten fiel die Bemalung noch bescheiden aus und diente eher dem praktischen Nutzen. In späteren Prunkcodices wurde die Bemalung vollends verschwenderisch.Nach ihrer Ausgestaltung werden verschiedene Typen von Initialen unterschieden.Ornamentale InitialeDas Beispiel zeigt die üppig verzierte, mit Goldtusche gemalte Zierinitiale „b“ von beati (lat. „Glückliche“), dem Anfang eines Psalms aus dem Egbert-Psalter, einem Meisterwerk der ottonischen Buchmalerei, das wohl um 980 im Kloster Reichenau geschaffen wurde. Die ornamentalen Flechtbänder zeugen von Vorbildern der insularen Buchmalerei, die irische und nordfranzösische Missionare wie der Hl. Pirmin nach Zentraleuropa brachten.Historisierte InitialeDie Historisierte Initiale erzählt eine Geschichte, in den liturgischen Werken meist biblisches Geschehen: Im Antiphonar – Gesangbuch für den Wechselgesang der Stundengebete von Nonnen bzw. Mönchen – der Anna von Hachenberch entsteigt der auferstandene Christus mit Siegesfahne dem Grab in der prächtig ausgeschmückten Initiale A, die das Alleluia einleitet. Der ab dem 14. Jh. wieder häufiger verwendete Hintergrund aus Blattgold ist nicht nur bemalt, sondern zusätzlich mit Ritzungen/Punzierung ornamentiert. Das Antiphonar wurde für die Augustiner-Chorfrauen von St. Cäcilien in Köln © Museo Archeologico Nazionale, Cividale del Friuli: EgbertPsalter, MS CXXXVI, fol. 103r Foto: Museum Schnütgen/Rheinisches Bildarchiv Köln (Detail), Marion Mennicken. Inv. C 44aIn der Spätantike ersetzten allmählich zu Büchern gebundene Einzelblätter aus Pergament die bis dahin vorherrschenden Schriftrollen. Die gebundenen Blätter, der Buchblock, wurden zu ihrem Schutz meist zwischen Holzbretter gefasst. Diese Buchblöcke wurden nach dem lateinischen caudex („Holzblock“) als codex bezeichnet, was anfangs rein die Form als Buch meinte, nicht den Inhalt.
9Themaum 1520/30 geschaffen. Text und Noten stammen von Anna Hachenberch, Initialen und Bordüren wohl von einer externen Schreiberwerkstatt.Bewohnte InitialeDie Initiale „D“ aus einem Predigtbuch aus dem 12. Jh. zeigt die Nonne Guda, die die innere Ranke ergreift und sich demütig-selbstbewusst, die Betrachter direkt ansehend, vorstellt: „Guda, Frau und Sünderin, hat dieses Buch geschrieben und gemalt.“ Dieses Beispiel stellt wohl eines der ältesten Selbstportraits einer Künstlerin dar.Kombinierte ornamentale und historisierte InitialeIn dieser Initiale versteckt sich abgekürzt ein ganzes Wort: D(eu)s (lat. „Gott“), der Anfang des Gebets zur Ostermesse: Deus qui hodierna die… („Gott, du hast uns am heutigen Tag durch deinen eingeborenen Sohn...“). Das grüne „s“ versteckt sich rechts im inneren Rankenwerk. Im Innenraum des „D“ stehen unten die drei Marien mit Engel am leeren Grab Jesu. In der Rundung des „D“ in der Mitte wird zusätzlich die Begegnung von Maria Magdalena mit dem Auferstandenen geschildert. Das Sakramentar, das die vom Priester in der Messe zu sprechenden Gebete enthält, wurde für den Bischof von Metz um 850 in Aachen vollendet.Initialzierseite Die Abbildung zeigt eine Initialzierseite aus dem Brandenburger Evangelistar – einer Sammlung der Lesungen aus den Evangelien im Gottesdienst, der sogenannten Perikopen – das um 1210 n. Chr. in Magdeburg für den Konvent der Prämonstratenser in der Stadt Brandenburg geschaffen wurde.Die Miniaturen des Evangelistars zeugen von byzantinischem Einfluss. Die durch Goldhintergrund, Goldtusche und kräftige Farben illuminierte Initialzierseite erinnert an den Channel Style, der sich beiderseits des Ärmelkanals entwickelt hatte und der von anglo-irischen Missionaren im kontinentalen Europa verbreitet wurde. Der Schaft des großen „L“ wird von einer wild wuchernden Akanthus-Pflanze mit spiralig rankenden, fleischigen Blättern gebildet, in der Fabeltiere, zwei kämpfende Drachen und ein verstecktes Jungtier, leben. Oben auf der Pflanze sitzt der Evangelist Matthäus mit einer Schriftrolle, die die Anfangsworte des rechts oben zitierten Textes zum Weihnachtsfest aus dem Beginn seines Evangeliums in der lateinischen Vulgata-Bibel trägt: (L)iber generationis Iesu Christi filii David, filii Abraham. (\"Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.\")Im 15. Jahrhundert werden vermehrt Stundenbücher für die private Andacht geschaffen. Wohl am bekanntesten sind die Très Riches Heures des Jean Duc de Berry, illuminiert von den drei Brüdern Limburg. Hier nehmen die Schriftanteile viel weniger Platz als die Miniaturen ein.© Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M., Ms. Barth. 42, fol. 110v© Bibliothèque nationale de France, Paris, Ms. lat. 9428, fol. 58r© Domstiftsarchiv Brandenburg, Signa- tur Ms. 1, fol. 4r. Foto: Quarternio Verlag Luzern AG
10Themaren wollte, musste sich zunächst durch meditative Übungen und inneres Versenken in das jeweilige Schriftzeichen bzw. dessen Bedeutung darauf vorbereiten. Nur durch derart hingebungsvolles Schreiben konnte die angestrebte Vollkommenheit erreicht werden. In der Edo-Zeit (1603-1868) schließlich wurde die japanische Schreibkunst, die bis dahin Kaiserhof und Adelsstand vorbehalten war, auch in der breiten Bevölkerung bekannt und beliebt und Shodō Teil der allgemeinen kulturellen Bildung. Im ganzen Land entstanden von den Meistern der Kunst gegründete Shodō-Schulen. Bis heute wird die japanische Kalligraphie an Schulen vermittelt, üben sich kulturbewusste Erwachsene in Kursen in der Kunst des Shodō.Das Shodō-ZubehörWer Shodō praktizieren will, braucht eine besondere Grundausstattung an Schreibutensilien. Einfache Stifte oder ein herkömmlicher Farbkasten tun’s nicht. Vor allem der Pinsel muss sorgfältig ausgewählt werden. Denn je nach Beschaffenheit, Saugfähigkeit, Länge, Dicke und Dichte der Haare – insbesondere der Pinselspitze – je nachdem, wie man ihn beim Schreiben hält, mit wieviel Druck und Schwung, wie langsam oder schnell und in welchem Rhythmus man den Pinsel auf das Papier setzt und darauf bewegt, fällt das Schriftbild unterschiedlich aus.Die Tusche gibt es in flüssiger oder fester Form. Letztere muss vor Gebrauch auf einem speziellen Reibstein zerrieben und in Wasser aufgelöst werden. Auf diese Weise kann der Kalligraph bedarfsgerecht die Intensität der Tusche verändern.Und schließlich das Papier. Ob handgeschöpft oder maschinell hergestellt und welches Holz dafür verwendet wurde, ist nicht so entscheidend, wohl aber dessen Saugfähigkeit und die richtige Lagerung, gut geschützt vor Sonne, Licht und Feuchtigkeit.Das Ziel: VollkommenheitZur Vorbereitung auf das kunstvolle Schreiben des Schriftzeichens gilt es zunächst, die richtige Körperhaltung einzunehmen, aufrecht und mit ausreichend Abstand zum Tisch zu sitzen und achtsam die einzelnen Striche in der korrekteren Weise und Reihenfolge zu setzen; nicht aus dem Handgelenk, sondern aus der Körperbewegung heraus. Ganz wichtig ist dabei die richtige Atmung, tief und ruhig aus dem Bauch heraus. Bis man das alles wirklich vollkommen beherrscht, braucht es ganz viel Übung, jede Menge Geduld und noch mehr Disziplin. Vollkommenheit zu erreichen, ist das Ziel wohl jedes Kalligraphen.Shodō - Mehr als schöne SchriftDie Kunst der Kalligraphie in JapanVon Sigrid LindnerBeinahe so alt wie die Kulturtechnik des Schreibens selbst, ist auch das Bestreben der Menschen, Schriftzeichen besonders schön zu gestalten. In nahezu allen Kulturen kennt man daher die Kalligraphie (altgriech. kállos/kalós = schön und graphía = schreiben) als Kunstform.In Japan aber geht die Bedeutung des schönen Schreibens noch weit darüber hinaus. Shodō, der japanische Begriff für Kalligraphie (sho = Schrift, do = Weg), heißt in der Übersetzung „Weg des Schreibens“. Daran wird deutlich, dass es hierbei nicht zuerst um ein ästhetisch gestaltetes Schriftzeichen geht, sondern – wie bei vielen traditionellen japanischen Kunstformen – um eine ritualisierte Handlung, der eine intensive, beinahe meditative Vorbereitung des Schreibenden vorausgeht.Vom Schriftzeichen zur spirituellen ÜbungShodō als Schreibkunst hat in Japan eine jahrhundertelange Tradition und bis heute eine tiefe kulturelle Bedeutung. Ihrem Ursprung nach aber geht sie auf die chinesische Kalligraphie zurück, die im 6. Jh. zusammen mit dem Buddhismus vom chinesischen Festland auf das östliche Inselreich hinüberschwappte. Die Japaner übernahmen Schriftzeichen sowie Tusche und Pinsel als Schreibmaterial, passten die chinesischen Zeichen im Laufe der Zeit allerdings immer mehr an die japanische Vorstellung von Ästhetik an.In der Heian-Zeit (794-1185) erlebte die japanische Kalligraphie eine erste große Blüte. Es entstanden mehrere Schreibstile und -techniken. Als sich im Mittelalter der Zen-Buddhismus in Japan ausbreitete, wurde Shodō in den Klöstern von den Mönchen und Nonnen zur spirituellen Übung weiterentwickelt. Wer die Schreibkunst praktizieSuzuki Harunobu: Schreibende Frau, 1764-68Das Zeichen Sho
11ThemaWas vollkommen ist, richtet sich nach den Regeln für den jeweiligen Schreibstil und dessen Technik. Zur Beurteilung wird dasselbe System verwendet, das für alle traditionellen Kunstformen und die Kampfkünste gilt. Dieses bewertet Schüler in zehn absteigenden Kyu- und Meister in acht aufsteigenden Dan-Graden.Damit kehren wir noch einmal zu den Shodō-Utensilien zurück. Ein ganz persönliches Schreibutensil ist der Stempel mit dem Namen des Kalligraphen. Diesen setzt er nach Vollendung des Schriftzeichens rechts oder links unten auf das Papier. Die Stempelfarbe ist für Shodō-Schüler Schwarz, die der Meister Rot.Shodō hat in Japan bis heute eine hohe kulturelle Bedeutung und wird trotz digitaler Kommunikationsmedien allgemein wertgeschätzt und von vielen Japanern in Kursen praktiziert. Handschrift fordert Hand und HirnInterview mit Karin Thrän Von Ursula Michalke Karin Thrän studierte Kommunikationsdesign. Arbeitete viele Jahre in der Werbung. Lehrte an der Akademie und der FOS, Fachbereich Gestaltung, „Schrift\" (Kalligraphie und Typografie). Trainierte Schrift(en) – einLeben lang. Daher ist es für sie keine Frage, dass Kinder eine Handschrift lernen müssen. Schon wegen der Augen-Hand-Koordination, der Entwicklung der Feinmotorik. Weil Schreiben Hand und Hirn fordert. Welche Rolle spielt die Handschrift heute noch in einer zunehmend digitalen Welt? Sie sollte mindestens die Rolle haben, die sie heute hat –wenn sie flüssig geschrieben werden kann: für handschriftliche Notizen, Mitschrift bei Vorlesungen, Aufnehmen von Protokollen bei Sitzungen, dem Schreiben von Schulaufgaben, um ein mehrstündiges Deutsch-Abitur durchzuhalten, für Prüfungen aller Art. Die Schrift sollte lesbar sein, damit nicht allzu viele Irritationen entstehen. In der digitalen Welt sollte das Wissen über Schrift eher größer sein! Jeder verwendet heute Satzschriften am PC, die früher nur Fachleuten vorbehalten waren. Meines Erachtens kommt die Ausbildung von Schrift und Typografie in allen Schularten viel zu kurz.Welche gestalterischen Qualitäten hat Handschrift, die digitale Schriften nicht leisten können? Die Handschrift ist immer viel persönlicher. Ihr Einsatz liegt dort, wo es persönlich und nah sein darf – oder schnell sein muss: Briefe, Beileidschreiben, Grußkarten, Notizen, Einträge in ausgelegte Gäste- und Kondolenzbücher. Auch in der Werbung, wenn persönliche Aussagen getroffen werden.Handschriftliche Einträge in Goldene Bücher und Gästebücher haben bis heute Tradition. Zur Ehrung und Auszeichnung werden sie handschriftlich (kalligraphisch) vorgenommen, von Grafikern, die historische Schriftformen beherrschen.Schreiben denn noch viele Menschen per Hand? Möglicherweise wird weniger mit der Hand geschrieben. Ich beobachte jedoch, dass vermehrt Grußkarten, Briefpapier aber auch Tagebücher und gutes Schreibgerät von Menschen aller Altersstufen gekauft werden. Allerdings findet kaum jemand die eigene Schrift oder auch Unterschrift „schön“, weil sie ungelenk, ungeübt und kindlich wirken könnte. Was oft nicht stimmt. Vielleicht liegt es an einer der Schulausgangsschriften, die seit 2001 gelehrt werden, mit merkwürdigen Unterstützungsversuchen wie angehängte Aufstriche, Schreiben ohne Abzusetzen u. ä., die nicht schön, nur funktional sein müssen. Für die nicht mehr so viel Trainingszeit benötigt und aufgewendet werden soll – zugunsten anderer Fächer.Karin Thrän in ihrem Atelier © VNP, Foto: Horst LinkeHon'ami Koetsu:Kalligraphie, zwischen 1601 und 1700Alle Abb.: Wikimedia
12ThemaAphorismen„Es gibt keinen treueren Freund als ein Buch.“Ernest Hemingway „Freie Menschen werden niemals begreifen können, was Bücher für diejenigen bedeuten, die eingesperrt leben.“Anne Frank„Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele.“Cicero„Jedesmal, wenn du ein Buch fortgelegt hast und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch seinen beabsichtigten Zweck erreicht.“Janusz Korczak„Wenn ein Kind lesen gelernt hat und gerne liest, entdeckt und erobert es eine zweite Welt, das Reich der Buchstaben. Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil. Aus Druckerschwärze entstehen Dinge, Menschen, Geister und Götter, die man sonst nicht sehen könnte. Wer noch nicht lesen kann, sieht nur, was greifbar vor seiner Nase liegt oder steht (…) Wer lesen kann, sitzt über einem Buch und erblickt mit einem Male den Kilimandscharo oder Karl den Großen oder Huckleberry Finn im Gebüsch oder Zeus als Stier, und auf seinem Rücken reitet die schöne Europa. Wer lesen kann, hat ein zweites Paar Augen, und er muss nur aufpassen, dass er sich dabei das erste Paar nicht verdirbt.“Erich Kästner„Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.“Mark Twain„Wir finden in den Büchern immer nur uns selbst. Komisch, daß dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor zum Genie erklären.“Thomas Mann„Wie schlecht würde es also um das menschliche Wissen stehn, wenn Schrift und Druck nicht wären! Daher sind die Bibliotheken allein das sichere und bleibende Gedächtnis des menschlichen Geschlechts.“Arthur SchopenhauserWas kann man dagegen tun?Eigentlich nur trainieren. Am besten unter fachlicher Anleitung! Denn man gewöhnt sich schnell eine unglückliche Handhaltung an. Man kann andere Schreibgeräte und Materialien verwenden, gröbere, glattere Papiere. Oder man nimmt sich Übungen vor, die die eigene Schrift ändern – schneller, breiter höher. Das ist ein langer Weg. Nur Mut. Was halten Sie davon, dass Kinder nur noch eine Druckschrift in der Schule lernen sollen?Kinder lernen immer erst eine einfache, sog. Druckschrift, die mit Bleistift geschrieben wird. Eine weitere Vorlage – derzeit gibt es drei Schulausgangsschriften – soll zu einer verbundenen, schnell zu schreibenden Schreibschrift führen. Was leider nicht gelingt. Denn die Schriften, die entstehen, sind aufgrund der merkwürdigen Vorgaben meist keine verbundenen Schreibschriften, sondern Druckschriften, ohne Ober- und Unterlängen mit viel zu großen Wortund Zeilenabständen, daher schwer les- und korrigierbar, wie Deutschlehrer bemängeln.Kinder werden mit der Entwicklung der eigenen Schreibschrift allein gelassen, die sie natürlich nicht selbst erfinden können. Auch nicht mit Hilfe ihrer Lehrer, die dafür nicht ausgebildet sind.Ein Blick in die Schweiz könnte helfen! Dort hat der Grafiker und Typograf Eduard Meier (Hochschule Zürich) an alles gedacht. Er beginnt in der 1. Klasse mit einer gerade geschriebenen, wohlgeformten Antiqua, die sukzessive in eine kursive, verbundene Schreibschrift verwandelt wird – mit kleinen Bogenverbindungen oberhalb der Grundlinie. Ein schlüssiges Konzept mit vielen Vorlagen. Vielleicht braucht es in Deutschland ebenfalls fachliche (grafische) Unterstützung und neue Vorlagen, die gute Formen und Unterstützung bieten. Wie könnte sich Schreibenlernen zum Lieblingsfach entwickeln?Durch neue Vorlagen und ein neues Konzept, wie beschrieben. Aber auch durch Freude am Schreiben mit allerlei ungewöhnlichen Schreibgeräten – auch selbstgebauten. Wichtig ist der Spaß am Üben.Wir sollten also mehr mit der Hand schreiben?Ja, unbedingt – und sich ggf. der Kalligraphie widmen! Eine eigene Kunstschrift entwickeln. Das ist wunderbar entspannend! Ich wünsche mir mehr Achtung vor der Menschheitserfindung Schrift. Mit 26 Zeichen kann man die ganze Welt beschreiben!Falsche Handhaltungen beim Schreiben Foto: Karin Thrän
13ThemaStreng geheim!Kryptologie – die Lehre des VerborgenenVon Ursula MichalkeGeheimschriften begleiten die Menschheit seit den frühesten Hochkulturen. Sie dienten der Diplomatie, dem Militär, religiösen Gemeinschaften, Liebenden und heute auch der digitalen Kommunikation. Als die Fähigkeit, schriftliche Nachrichten zu verfassen und zu lesen, einem größeren Kreis von Personen zugänglich war, entstand die Notwendigkeit, geheime Nachrichten so auszutauschen, dass sie nur für einen begrenzten Empfängerkreis, dem der Code bekannt war, verständlich waren.Antike GeheimschriftenEine der ältesten bekannten Verschlüsselungstechniken ist die Skytale, die bereits um 500 v. Chr. von den Spartanern genutzt wurde. Sie umwickelten einen Stab mit einem schmalen Streifen aus Papyrus oder Leder und schrieben ihre Nachricht darauf. Der Bote überbrachte dem Empfänger dann den abgewickelten Streifen, auf dem kein sinnvoller Text zu lesen war. Nur ein Stab mit dem gleichen Durchmesser konnte die Botschaft lesbar machen. Diese Art der Verschlüsselung wird als Transposition verzeichnet: Die Buchstaben des Klartexts bleiben erhalten, doch ihre Position wird vertauscht.Der römische Feldherr Julius Caesar verschlüsselte seine Nachrichten durch das Substitutionsverfahren: eine einfache Verschiebung der Buchstaben im Alphabet um eine feste Anzahl von Stellen, meistens drei Stellen nach rechts. Aus heutiger Sicht eine sehr leicht zu entziffernde Methode, aber damals revolutionär und wirkungsvoll.Geheimschriften im MittelalterIm Mittelalter galt Schrift selbst als wirkmächtig – und Geheimschrift verstärkte diese Wirkung. Viele geheimschriftliche Texte stehen in magischen und mystischen Kontexten wie Schutzformeln, Beschwörungen, Amuletten oder Ritualen.Für Geheimschriften wurde auch unsichtbare Tinte verwendet, die erst sichtbar wurde, wenn man sie mit einer bestimmten Substanz erhitzte. Dadurch war es möglich, vertrauliche Informationen auf scheinbar leeren Seiten zu verstecken.Die Tempelritter entwickelten während der Kreuzzüge ihren eigenen geheimen Templer-Alphabet-Code, um wichtige militärische Informationen zu schützen.Leonardo da Vinci verfasste viele seiner Aufzeichnungen in Spiegelschrift, was oft als Geheimhaltung interpretiert wird. Wahrscheinlicher ist, dass ihm das Schreiben von rechts nach links als Linkshänder leichter war und verhinderte, dass er die Tinte verwischte.Verschlüsselung im Zweiten WeltkriegDas deutsche Militär nutzte im Zweiten Weltkrieg für die Weitergabe der Befehle eine Maschine, die Enigma (griechisch: „Rätsel\"). Sie sah aus wie eine Schreibmaschine. Der Nutzer tippte den Originaltext auf die Tasten. Der gedrückte Buchstabe erschien allerdings nicht auf dem Papier, stattdessen blinkte es auf einem Feld über der Tastatur. Dieser verschlüsselte Buchstabe wurde dann aufgeschrieben und später per Funk weitergegeben. Die Codes der Enigma galten lange Zeit als unknackbar. In London arbeiteten ab 1939 Tausende Codebrecher daran, die Enigma-Codes zu entschlüsseln. Dem Mathematiker Alan Turing gelang schließlich der Durchbruch. Die Alliierten knackten mithilfe seines Geräts den Code und verschafften sich damit einen erheblichen strategischen Vorteil, ohne den der Zweite Weltkrieg noch zwei bis vier Jahre länger gedauert hätte.Voynich-ManuskriptDas Voynich‑Manuskript – benannt nach Wilfrid Voynich, der es 1912 entdeckte – ist ein rätselhaftes handschriftliches Buch aus dem frühen 15. Jahrhundert, dessen Schrift und Inhalt bis heute nicht entschlüsselt werden konnten. Es enthält rund 240 Seiten mit Zeichnungen von u.a. unbekannten Pflanzen, astronomischen und astrologischen Diagrammen, pharmazeutischen Motiven und rezeptähnlichen Textpassagen. Trotz intensiver Forschung durch Kryptologen, Linguisten und Historiker – und trotz gelegentlicher Behauptungen, der Code sei geknackt – existiert bis heute keine allgemein akzeptierte Übersetzung. Das Manuskript bleibt damit eines der faszinierendsten ungelösten Rätsel der Kryptologie.Seite 34 aus dem Voy- nich-ManuskriptAlle Abb.: WikimediaEnigma Schreibmaschine Skytale
14ThemaExlibrisBucheignerzeichenVon Sibylle WeitkampDas Exlibris ist ein kleinformatiges, durch Druckgraphik oder Buchdruck vervielfältigtes Blatt Papier, das mit Bild und Text versehen, den Besitzer eines Buches ausweist und ihn kennzeichnet, und das zum Schutz seines Eigentums auf die Innenseite des vorderen Buchdeckels geklebt wird.Exlibris (lat. = aus den Büchern) verwenden neben Privatpersonen auch Bibliotheken, Gesellschaften u. a. Einrichtungen, neben der Eigentumsbezeichnung dienen sie vor allem dem Buchschmuck. Die alten Exlibris sind heute beliebte Sammelobjekte aus der Buchgeschichte. In Frankfurt/M. hat die Deutsche ExlibrisGesellschaft ihren Sitz, die die Förderung der Exlibriskunst in der Gegenwart und die Erforschung von deren Geschichte zum Ziel hat. Auf die künstlerische Herstellung der Exlibris wurde viel Eifer und Mühe verwandt. Sie sind mitunter mit Wappen und Namen bzw. Monogramm des Besitzers sowie meist noch mit allegorischen bzw. symbolischen Zeichnungen oder mit Sinnsprüchen bedruckt.Das Exlibris entwickelte sich mit dem Buchdruck in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das Ursprungsland ist Deutschland, doch verbreitete es sich bald über ganz Europa. Exlibris wurden vom Adel, der Geistlichkeit aber auch von vermögenden Patriziern in Auftrag gegeben. Während aus dem 15. Jahrhundert nur einzelne Zeugnisse der Exlibriskunst überliefert sind, sind aus dem 16. und 17. Jahrhundert Beispiele aus nahezu allen europäischen Ländern erhalten. Die Glanzzeit der Exlibriskunst war im 16. Jahrhundert. In Deutschland fertigten bedeutende Künstler wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä., Hans Burgkmair u. a. Exlibris an. Neben den anfangs ausschließlich verwendeten Holzschnitten trat zunehmend bei der Exlibrisherstellung der Kupferstich. Bildmotive sind außer Wappen nun auch das Bildnis des Bucheigners sowie religiöse, emblematische und allegorisierende Darstellungen. Im 18. Jahrhundert erfuhr das Exlibris nach einem vorübergehenden Stillstand in seiner Entwicklung durch die Prachtbibliotheken der absolutistischen Herrscher eine Neubelebung. Als Motive traten Architekturansichten, Darstellung von Innenräumen und hier vor allem Bibliotheken auf. In den reichen Blumen-, Pflanzen- und Landschaftsmotiven der Exlibris zeigt sich die Naturverbundenheit des Rokoko. Künstlerisch bedeutende Exlibris entstanden zu dieser Zeit vorrangig in Frankreich. Künstler wie François Boucher, Hubert Gravelot u. a. gestalteten selbige. Die grazilen und kleinteiligen Bildformen des Rokoko wurden von den klaren und schweren des Klassizismus abgelöst. Inhaltlich gewannen erzählerische und allegorische Darstellungen aus der antiken Mythologie an Bedeutung. Malerische Holzstichexlibris mit stimmungsvollen Ruinen- und Italienansichten verweisen auf die romantische Richtung des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Bemerkenswerte Exlibris existieren u. a. von Daniel Chodowiecki. Im 18. Jahrhundert ist ein deutlicher Rückgang der Exlibriskunst zu verzeichnen. Erst als sich gegen 1900 die Buchkunst in ihren Reformbestrebungen wieder auf die alten Techniken und Traditionen besann und man dem Buchschmuck eine große Bedeutung zumaß, nahm der Bedarf an Exlibris zu. Stilistisch orientierten sich die Exlibriskünstler der Jahrhundertwende anfangs an den überlieferten heraldischen Bucheignerzeichen, doch fanden sie bald zu den dekorativen Gestaltungselementen des Jugendstils, die sich auch im verstärkten Einsatz der Farbe zeigten. Symbolhafte und allegorische Darstellungen mit einer Vorliebe für Verschlüsselungen finden im Jugendstilexlibris eine bevorzugte Anwendung. Bedeutende Künstler, vor allem in England und im deutschsprachigen Raum, befassten sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit der Exlibrisgestaltung, so Audrey Beardsley, Max Klinger, Otto Ubbelohde, Heinrich Vogeler, Max Slevogt u. a. In der Geschichte der Exlibriskunst gilt der Jugendstil neben dem 16. Jahrhundert als eine zweite Blütezeit.Auch in der Gegenwart behauptet sich das Exlibris als kleingraphisches Kunstwerk, doch ist seine Verwendung als Bucheignerzeichen zugunsten der als Sammelgraphik weit zurückgetreten.Exlibris für die Topogr. Ges. Leipzig von Max Honegger, um 1898Exlibris für Martha Vogeler W(orpswede) von Heinrich Vogeler, um 1900Exlibris für Jean Tyssen, Holzschnitt von Frans Masereel, um 1950 Eigenexlibris Auguste Kichler, um 1900, Hochdruck
15ThemaMalerbücherDie Künstlerbuchsammlung der Herzog August Bibliothek in WolfenbüttelVon Sibylle WeitkampDie Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel in Ostniedersachsen, eine der traditionsreichsten Büchersammlungen in Europa, verfügt nicht nur über einen großen Schatz alter Drucke, sondern sie ergänzt seit 70 Jahren die kostbaren Handschriften, die Inkunabeln und Bücher der frühen Neuzeit um eine Sammlung moderner Malerbücher.Der Begriff Malerbuch (oder auch Künstlerbuch) ist die Übersetzung des französischen „Livre de peintre“. Er bezeichnet Texte mit Illustrationen von Künstlern des 20. Jahrhunderts, die oft sehr frei assoziativ mit der Vorlage umgehen. Aus der Verbindung von Text und Bild entsteht ein neues Kunstwerk.Der Bibliothekar, Schriftsteller und Sammler Erhart Kästner (1904 – 1974), der von 1950 – 1968 Direktor der Herzog August Bibliothek war, begründete die bedeutende Wolfenbütteler Sammlung der Malerbücher 1955 als zeitgenössisches Gegengewicht zu den historischen Beständen. Sie umfasst ca. 900 Stücke, davon alleine etwa 300 von den großen Malern der École de Paris, sowie etwa 400 Bücher deutscher Künstler. Zu den bekanntesten europäischen und angloamerikanischen Malern und Bildhauern, die in der Sammlung vertreten sind, gehören u. a. Hans Arp, Pierre Bonnard, Georges Braque, Marc Chagall, Salvador Dalí, Max Ernst, Aristide Maillol, Joan Miró, Henri Matisse, Fernand Léger und Pablo Picasso. Nach der Definition von Erhart Kästner handelt es sich bei den Malerbüchern um ungebundene Bücher von bibliophilem Charakter. Das Hauptmerkmal des Malerbuches ist die darin enthaltene Originalgraphik zu einem literarischen Text: als Holzschnitt, Kupferstich, Radierung oder Lithographie wird sie vom Künstler selbst – oder unter seiner Aufsicht von hochqualifizierten Druckern – ausgeführt. Die limitierten, nummerierten Ausgaben werden von ihm handsigniert, oft auch die einzelnen Abzüge. In vielen Fällen werden die Druckplatten nach dem Abziehen vernichtet, um die Auflagenhöhe zu garantieren, die von durchschnittlich 50 bis zu etwa 500 Exemplaren variiert. Die Illustrationen sind auf losen Bogen handgeschöpften Papiers gedruckt, der Text ist vornehmlich handgesetzt von hervorragenden Typographen. Die Mehrzahl solcher überwiegend großformatigen Luxuseditionen, in losen Lagen zusammengefügt, wird sorgsam in Kassetten oder Schuber gelegt aufbewahrt. Der literarische Themenkreis, der als Inspirationsquelle für die gegenständlichen oder abstrakten Illustrationen dient, reicht von den Mythen, Epen und Fabeln des Altertums über die Bibel, die Dramen und Komödien der Weltliteratur bis zur zeitgenössischen, vorwiegend avantgardistischen Literatur, wobei die Lyrik einen breiten Raum einnimmt.Ein Malerbuch aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek ist das Werk Jazz von Henri Matisse. Es ist 1947 in Paris im Verlag Tériade erschienen, mit Farbdrucken nach Collagen und Scherenschnitten von Henri Matisse und einem Manuskript von ihm. Das Exemplar ist die Nummer 158 von insgesamt 270 Exemplaren der Auflage, umfasst 146 Seiten und hat das Format 42 x 32,5 cm. Alle Exemplare sind auf der Seite des Druckvermerkes vom Künstler signiert. Das Werk Jazz mit 20 Scherenschnitten gilt als Meilenstein in Bezug auf das Gesamtwerk von Matisse, dessen letzte wichtige Phase das Buch mit der konsequenten Anwendung der Scherenschnitttechnik ankündigt. Die Vorlagen für die Farbdrucke in Jazz sind von Matisse im Jahre 1944 entworfen worden. Die in großer kursiver Schrift beschriebenen Textseiten nutzte er, um die Bildseiten voneinander zu trennen. Ziel war es, jedes Bild in seiner Einzigartigkeit völlig zur Geltung kommen zu lassen. Diese Absicht und die verschiedenen Themen seiner Bilder und handschriftlichen Bemerkungen rekapituliert Matisse auf einer Textseite am Ende des Buches: „Diese Bilder, lebhaft und ungestüm, sind eine Kristallisation von Zirkuserinnerungen, Volksmärchen und Reisen. Die Textseiten habe ich gemacht, um im selben Atemzug die Wirkung meiner einfarbigen und rhythmischen Improvisationen zurück zu nehmen. So bilden sie einen ruhigen Hintergrund, der die Bilder trägt, umhüllt und ihre Eigenarten beschützt“.Das Schlüsselbild in der Entwicklung der Scherenschnitttechnik ist die Figur „Ikarus“, die als Farbblatt VII in Jazz gedruckt worden ist.Die Sammlung der Malerbücher in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel ist von Erhart Kästners Amtsnachfolgern kontinuierlich erweitert worden. Henri Matisse, Jazz – Titelseite Abb. Wikimedia
16ThemaBibliotheken als Aufbewahrungsort für wichtige Schriftstücke kannte man bereits vor Beginn unserer Zeitrechnung. Die wohl größte und bedeutendste Bibliothek des klassischen Altertums war die im 3. Jh. v. Chr. in Alexandria in Ägypten errichtete. Schon damals hatten Machthaber und Gelehrte erkannt, wie wichtig es ist, gesichertes Wissen, Erkenntnisse und bedeutende Ereignisse schriftlich zu fixieren und in geeigneter Weise aufzubewahren, um auch andere daran teilhaben zu lassen. So auch die Dynastie der Ptolemäer, die nach dem Tod Alexander des Großen 323 v. Chr. die Herrschaft über das Land am Nil übernahm. Unter ihrer Regentschaft war in der Hafenstadt Alexandria, damals die Hauptstadt Ägyptens, mit dem Museion (griech.: Heiligtum der Musen) bereits eine bedeutende, universitätsähnliche Forschungsstätte errichtet worden, an der angesehene Gelehrte, Intellektuelle, Wissenschaftler mehrerer naturwissenschaftlicher Disziplinen sowie der Philologie aus dem gesamten Mittelmeerraum tätig waren. Um deren Forschungsarbeit zu unterstützen und durch Bereitstellung der wichtigsten Wissensgrundlagen zu fördern – so wird vermutet - ließ König Ptolemaios I. (305–283/82 v. Chr.) auf dem Museion-Gelände eine Bibliothek errichten und mit allen damals verfüg- und erreichbaren Schriften ausstatten; darunter auch ins Griechische übersetzte, ursprünglich fremdsprachige Texte aus anderen Kulturkreisen. Zwar gibt es nur wenig gesichertes Wissen über die Bibliothek, allgemein wird aber angenommen, dass sie im Jahr 288 v. Chr. eröffnet wurde und die zu der Zeit größte Bibliothek der Antike war. Außer den Museion-Gelehrten hatten allerdings lediglich der König selbst und dessen Familie Zugang zu der bedeutenden Bildungseinrichtung. Unkonventioneller SammlungsaufbauDer Aufbau der Bibliothek war bestens organisiert und finanziell gut ausgestattet, allerdings von der Vorgehensweise her durchaus fragwürdig. Vom König beauftragte Käufer zogen los, um alles damals nur denkbare Schriftgut zu kaufen oder anderweitig für deren universelles Sammlungskonzept zusammenzutragen. Die günstige Lage nahe dem alexandrinischen Hafen erwies sich dafür als besonders vorteilhaft: Die Käufer vereinnahmten gegen ein Pfand kurzerhand alle auf den vor Anker liegenden Schiffen vorhandenen Schriftstücke, ließen diese offiziell von Schriftexperten kopieren und gaben anschließend die Abschriften an die Besitzer zurück, während die Originale in die Sammlung der Bibliothek übergingen. So verfuhr man auch mit den Schriften namhafter Autoren, wobei die rechtmäßigen Besitzer jedoch stets das Pfand behalten durften. Auf diese Weise – so die Vermutungen – soll der Bibliotheksbestand im Laufe der Zeit auf insgesamt an die 700.000 Schriftrollen angewachsen sein.Wegweisende SammlungsorganisationDie so vereinnamten Original-Schriftrollen kamen in der Bibliothek zunächst zur weiteren Bearbeitung in ein Magazin, wurden ggf. zunächst restauriert, genauer geprüft und zugeordnet, bevor sie in den Bestand übergingen.Alle wichtigen Ämter und Funktionen für Leitung, Verwaltung und Arbeit der Bibliothek Alexandria besetzte der König aus dem Kreis der Museion-Mitglieder. Den beiden Bibliothekaren Zenodotus von Ephesus (ca. 285-270 v. Chr.) und dessen Nachfolger in diesem Amt Kallimachos von Kyrene (ca. 270-260 v. Chr.) sagt man ein besonders verdienstvolles Wirken nach: Sie sollen ein Sortierungs- und Katalogisierungssystem für die schlüssige Erfassung des umfangreichen Bibliotheksbestandes entwickelt haben, das den Nutzern das Auffinden der Schriften erleichterte und bis heute als vorbildlich für das Bibliothekswesen gilt. Die größte Universalbibliothek des klassischen Altertums existierte bis in die Zeit der Spätantike. Was zu ihrem Ende führte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Gesichert weiß man lediglich, dass das Palastviertel von Alexandria, auf dessen Gelände sich die Bibliothek befand, 272 n. Chr. im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen zerstört wurde.Seit dem 16. Oktober 2002 gibt es in der ägyptischen Hafenstadt wieder eine Bibliothek. Diese für rd. 225 Mio. Dollar neu errichtete Bibliotheca Alexandrina mit dem weltweit größten Lesesaal steht zwar in der Tradition ihrer berühmten Vorgängerin, bedeutendes Wissens- und Bildungszentrum zu sein, soll aber nunmehr durch ein fortschrittliches Bildungskonzept mit angegliedertem Kulturzentrum sowie einem zeitgemäßen Medienangebot einer ganz breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.Darstellung des Inneren der Bibliothek von Alexandria Abb. WikimediaZentrum des Wissens in der AntikeDie legendäre Bibliothek von Alexandria Von Sigrid Lindner
17ThemaArchive der MenschheitBerühmte Bibliotheken EuropasVon Ursula MichalkeÖffentliche Bibliotheken sind großartige Orte. Sie ermöglichen allen Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen, freien Zugang zu Bildung, Kultur und Information. Sie bewahren das kulturelle Erbe und einige begeistern schon allein durch ihre Architektur und Ausstattung. Nachfolgend eine begrenzte Auswahl – siehe auch Titelbild – besonderer europäischer Bibliotheken.Die British Library in London zählt zu den größten Bibliotheken der Welt. Sie bewahrt eine Sammlung von über 170 Millionen Objekten, darunter Bücher, Handschriften, Karten, Zeitungen, Tonaufnahmen, Patente und Briefmarken. Sie sammelt nicht nur englischsprachige Literatur, sondern besitzt riesige Bestände in hunderten Sprachen aus aller Welt, um die internationale Forschung zu unterstützen.Die Biblioteca Nazionale Braidense in Mailand gehört zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Bibliotheken Italiens. Sie befindet sich im historischen Palazzo di Brera. Sie verfügt über 1,5 Millionen Bände, dazu zahlreiche alte Drucke und historische Materialien. Der Bestand wächst kontinuierlich durch Pflichtexemplare, Ankäufe und Schenkungen.Eine der ältesten Bibliotheken Europas und Teil des UNESCO- Weltkulturerbes ist die Stiftsbibliothek St. Gallen. Ihr berühmter Rokokosaal (1758–1767) zählt zu den schönsten Bibliotheksräumen der Welt: geschwungene Galerien, reiches Stuckwerk und Fresken über die Geschichte des menschlichen Geistes. Der Bestand umfasst über 170.000 Bände, darunter rund 2.100 Handschriften und viele bedeutende frühmittelalterliche Texte. Herzstück ist der St. Galler Klosterplan, das älteste erhaltene Architekturkonzept des Abendlandes.Die österreichische Stiftsbibliothek Admont, 1776 vollendet, gilt als größter klösterlicher Büchersaal der Welt und architektonisches Juwel. Sie ist ein Meisterwerk des Spätbarock und wurde vom Architekten Josef Hueber entworfen. Die Deckenfresken stammen von Bartolomeo Altomonte, der Skulpturenschmuck von Josef Stammel. Der Saal beherbergt rund 70.000 Bände, während der Gesamtbestand des Stifts etwa 200.000 Werke umfasst — darunter über 1.400 mittelalterliche Handschriften und knapp 1.000 Inkunabeln.Der alte Lesesaal des British Museum in London Alle Fotos: WikimediaBiblioteca Nazionale Braidense in MailandStiftsbibliothek St. Gallen Stiftsbibliothek Admont in der Steiermark
18Themakurz notiertMartin LutherAls Martin Luther 1521 auf der Wartburg mit der Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Lateinischen, vor allem aber aus dem griechischen Urtext begann, wollte er eine Bibel, die Menschen verstehen konnten. Luther fragte sich: Wie würde ein deutscher Handwerker, Bauer oder Bürger das sagen? Er hörte dem Volk zu, um lebendige, verständliche Formulierungen zu finden. Seine Übersetzung erschien im September 1522 als „Septembertestament“, reich illustriert und bewusst für ein breites Publikum gestaltet. Es wurde ein enormer Erfolg und prägte die deutsche Sprache nachhaltig.Seine Bibelübersetzung hat zahlreiche Redewendungen geprägt, die wir heute ganz selbstverständlich verwenden, beispielsweise: „Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“, „Den Balken im eigenen Auge nicht sehen“, „Perlen vor die Säue werfen“, „Ein Herz und eine Seele sein“, oder Begriffe wie Langmut, Feuereifer und Herzenslust. UMSütterlin SchriftWer kann noch die Deutsche Schrift – Sütterlin – der Großeltern lesen? Da in den Schulen die lateinische Schreibschrift gelehrt wird, ist die heutige Generation kaum noch imstande, handschriftliche Dokumente in Deutscher Schrift zu entziffern.Die Sütterlin Schrift wurde 1911 im Auftrag des preußischen Kulturund Schulministeriums vom Grafiker und Pädagogen Ludwig Sütterlin entwickelt. Sie stellt eine vereinfachte Form der älteren deutschen Kurrentschrift dar und wurde speziell als Schulausgangsschrift konzipiert, um Kindern das Schreiben zu erleichtern. Buchstaben wurden aufrechter, breiter und weniger verschnörkelt gestaltet und die Strichstärken vereinheitlicht. Charakteristisch sind ihre senkrechten, gleichmäßig breiten Striche.Etwa ab 1915 wurde Sütterlin zunächst in preußischen Schulen eingeführt, ab 1935 nahm man sie in leicht abgewandelter Form bei allen Schulen als Deutsche Volksschrift in den Lehrplan auf. Sie blieb bis in die 1940er Jahre in Gebrauch. Mit dem sogenannten Normalschrifterlass von 1941 wurde sie jedoch aus dem offiziellen Schriftgebrauch verdrängt und durch die lateinische Schreibschrift ersetzt. Im privaten Bereich passierte keine sofortige Umstellung, die meisten behielten ihre deutsche Handschrift bei.Die Entscheidung der Nationalsozialisten griff tief in das deutsche Alltagsleben ein. Die Kinder lernten nicht mehr die Deutsche Schrift und konnten somit die Briefe der Eltern nicht mehr oder nur noch schwer lesen. Die Sütterlin Schrift wird heute als kulturelles Erbe betrachtet. Archive, Museen und Vereine bieten Unterstützung beim Entziffern alter Dokumente, Briefe und Tagebücher. UMRenommierte Ausbildungsstätte für BuchkunstDie 1764 als Akademie für Malerei gegründete Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ist eine der ältesten staatlichen Kunsthochschulen Deutschlands. Seither wurde die Ausbildungsstätte mehrmals umstrukturiert und 1900 in die Königliche Akademie für graphische Künste und Buchkunst umgewandelt. Fünf Jahre später war sie die erste deutsche Kunsthochschule, die Frauen zum Studium zuließ; 1913 gab es hier mehr Studentinnen als Studenten. Die seit 1950 unter dem heutigen Namen geführte Hochschule genießt weit über die deutschen Grenzen hinaus hohes Ansehen. Von der Homepage des Instituts für Buchkunst: „Gestalterisches Erbe und traditionelle (sowie zeitlose) Techniken werden als lebendiges Wissen verstanden – nicht museal, sondern als Ressource für die Entwicklung neuer Formate und Ausdrucksformen.“ Viele der hier gestalteten Bücher erhielten nach der Veröffentlichung hohe Auszeichnungen und Preise, auch internationale. SL
19RätselAuflösung aus der Ausgabe 4/2025: Gesucht wurde die Unternehmerin Grete Schickedanz, geb. Lachner.Wissen Sie, wer ich bin?Die bescheidenen Familienverhältnisse, in die Grete Lachner am 20. Oktober 1911 im bayerischen Fürth hineingeboren wurde, ließen nicht erkennen, welch erfolgreichen Weg sie eines Tages gehen würde. Obwohl das Mädchen eine ausgesprochen gute und leistungsorientierte Schülerin war, kam der Besuch einer weiterführenden Schule für sie nicht in Frage. Stattdessen musste Grete nach dem Besuch der Volksschule eine Berufsausbildung machen, um möglichst schnell zum Unterhalt der kinderreichen Familie beizutragen.Somit begann die 15-Jährige eine kaufmännische Lehre in der 1923 von Gustav Schickedanz gegründeten Firma für den Versand von Kurz- und Wollwaren, die 1927 in Versandhaus Quelle umbenannt wurde. Die rasante Entwicklung des Unternehmens bot dem zupackenden Lehrmädchen ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten, die es nach der Ausbildung u. a. durch Übernahme von Leitungsfunktionen in Buchhaltung und Einkauf zu nutzen verstand. Nicht nur das: Grete Lachner entwickelte sich in den folgenden Jahren auch zu einer engen Mitarbeiterin des Firmengründers.Noch während Gretes Lehrzeit hatte Gustav Schickedanz 1929 Ehefrau, Sohn und Vater bei einem schweren Verkehrsunfall verloren. 13 Jahre später wurde die engagierte Mitarbeiterin seine Ehefrau. Von nun an wirkte Grete Schickedanz aktiv an der Entwicklung von Quelle mit. Nach Kriegsende baute sie gemeinsam mit ihrem Mann das Versandhaus Quelle wieder auf und verantwortete ab 1954 als Generalbevollmächtigte und ab 1963 als Mitglied des Beirats Einkauf, Marketing, Werbung und Soziales. Die geschickte Unternehmerin knüpfte neue Lieferantenverbindungen und erschloss neue Märkte, auch über Europa hinaus. Mit dem Quelle-Katalog erreichte sie Millionen Haushalte und bediente so die wichtigsten Konsumbedürfnisse einer breiten Bevölkerungsgruppe, vor allem das Modeinteresse der Frauen. Quelle expandierte mehr und mehr und entwickelte sich in dieser Zeit zu einer der größten Versandhandelsgruppen Europas, die ab 1975 als Gustav und Grete Schickedanz Holding KG firmierte, mit Grete und Gustav als persönlich haftenden Gesellschaftern.Als Gustav Schickedanz 1977 starb, übernahm sie den Vorstandsvorsitz der Quelle-Handelsgruppe und kümmerte sich in den folgenden Jahren verstärkt um den Sozialbereich. Grete Schickedanz sorgte für allgemein bessere Arbeitsbedingungen und durch die Einrichtung eines Kindergartens für Quelle-Beschäftigte für eine leichtere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, was vor allem den Mitarbeiterinnen zugute kam. Die von ihr initiierte betriebliche Altersversorgung brachte den Beschäftigten einen wichtigen Beitrag zur Alterssicherung. Grete Schickedanz blieb bis 1987 aktiv in der Quelle-Geschäftsführung tätig. Für ihre unternehmerischen und sozialen Verdienste wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Sie starb am 23. Juli 1994 in ihrer Heimatstadt Fürth. SLHaben Sie mich erkannt? Die Auflösung gibt es in der nächsten Ausgabe.Porträt Grete Schickedanz Foto: fürth.wiki.deIch wuchs mit drei jüngeren Geschwistern in einer großbürgerlichen Familie auf. Meine Eltern erkannten frühzeitig mein musikalisches Talent. Sie ließen mich und meinen ebenfalls begabten Bruder von den besten Lehrern der Stadt auf dem Gebiet der Musik ausbilden. Während mein Bruder auf eine Laufbahn als Berufsmusiker vorbereitet wurde, musste ich mich auf ein musikalisches Wirken im häuslichen Bereich beschränken und meine Kompositionen unter seinem Namen veröffentlichen. Schließlich – so dachte man damals – müsse ich mich als Frau vorrangig auf ein Leben als Gattin und Mutter vorbereiten, nicht auf das einer professionellen Komponistin und Pianistin. Doch mein späterer Mann dachte anders. Er förderte meine Arbeit, ermunterte mich zu öffentlichen Auftritten. Unsere Reisen, u. a. nach Italien, brachten mir für meine musikalische Entwicklung wichtige Kontakte, Anregungen und große Anerkennung.
20Für Sie gelesenReflexionen über die Macht der WörterDer Protagonist des gut 500 Seiten umfassenden Romans, Simon Leyland, ist bereits in jungen Jahren von Sprachen fasziniert und beschließt nach einem Besuch bei seinem Onkel, einem Professor für orientalische Sprachen, die Sprachen aller ans Mittelmeer grenzenden Länder zu lernen. Er arbeitet als Übersetzer, als er sich in die Auslandskorrespondentin und spätere Verlegerin Livia Petot verliebt und sie heiratet. Livia teilt vor allem seine Leidenschaft für Sprachen. Nach ihrem überraschenden Tod übernimmt Leyland die Verlagsleitung. Als er eines Tages mit der schrecklichen Diagnose, an einem tödlichen Gehirntumor erkrankt zu sein, konfrontiert wird, verkauft Leyland den Verlag, um in der ihm verbleibenden kurzen Zeit im Haus des inzwischen verstorbenen Onkels Rückschau auf sein Leben zu halten. Egal, wo der Protagonist dabei anknüpft, immer geraten seine Gedanken zu einer tiefsinnigen Reflexion über Worte, deren Bedeutungen, deren Wirkung, deren Nachhall – und das auch im Vergleich mit anderen Sprachen. SLPascal Mercier: Das Gewicht der Worte. Hanser Verlag 2020Geschichte eines VerlagesDer Ullsteinroman von Sten Nadolny über die legendäre, von Leopold Ullstein vor 123 Jahren begründete Verleger-Dynastie erregte Aufsehen. Hajum Hirsch Ullstein betrieb noch eine Papiergroßhandlung in der Nachbarschaft der Synagoge in Fürth, dem „fränkischen Jerusalem“. Sein Sohn Leopold wagte den Sprung nach Berlin, wo er Stammvater der berühmten Zeitungsdynastie wurde. Seine fünf Söhne erweiterten den Verlag zum ersten modernen Medienkonzern der Welt, bis die Nationalsozialisten das Unternehmen an sich rissen. Sten Nadolny hat den packenden Roman einer ehrgeizigen und schöpferischen Familie geschaffen, mit allen Erfolgen, Hoffnungen, Rückschlägen. Gleichzeitig ist der Roman ein Spiegel der Geschichte, der Demokratie-, der Wirtschafts- und Presseentwicklung und eine genaue Beobachtung jüdischen Lebens vor dem Hintergrund eines über Jahrzehnte wachsenden Antisemitismus. Karin BreuerSten Nadolny, Ullsteinroman, Ullstein Verlag Spannende ProvenienzforschungAutor Kai Artinger, promovierter Kunsthistoriker und Provenienzforscher, legt hier ein interessantes, auch für Laien gut verständliches Buch über Kunstwerke und Kulturgüter mit fraglichen Eigentumsverhältnissen vor. Darin beschreibt er anhand von 19 ausgewählten Beispielen nicht nur die jeweiligen historischen und politischen Hintergründe, die einst zu deren unrechtmäßigen Entwendungen geführt haben, sondern auch die oft mühsame, mit detektivischem Gespür arbeitende Provenienzforschung, die sich um die Klärung von Herkunft und rechtmäßigen Eigentümern bemüht. Der Autor geht dabei auch auf die seit Ende der 1990er Jahre in Deutschland verstärkten und sehr kontrovers bewerteten Bemühungen zur Rückführung geraubter Kunst- und Kulturgüter an die rechtmäßigen Eigentümer sowie auf die damit verbundenen Probleme ein. SL Kai Artinger, Raubkunst-Kunstraub. 19 Werke und ihre Geschichte. BeBra Verlag 2024Familie Thomas Mann im ExilFlorian Illies erzählt über das Exil der Familie Thomas Mann und seiner Frau Katia im Sommer des Jahres 1933 südfranzösischen Sanary sur Mere. Ein Ort, eine Familie mit sechs Kindern und die Trauer um den Verlust der Heimat. Ein Ausnahmezustand, da sich die politische Lage in Deutschland immer weiter zuspitzt.Man wird gezwungen, sich zu bekennen: zueinander – zu Deutschland. Oder auch, so traurig es ist: dagegen. Zugleich entsteht ein lebendiges Bild des kleinen Ortes Sanary, der sich für kurze Zeit in ein Zentrum des deutschen Exils verwandelt — voller Schriftsteller, Intellektueller und prekärer Hoffnungen.Der letzte Abschnitt des Buches gehört dem Kater „Le Monstre“, der den Manns in Sanary zugelaufen ist. Diese Anekdoten sind so erfrischend und lassen den Blick schweifen von Sanary über Zürich nach Küsnacht. Claudia SchallFlorian Illies, Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary.S. Fischer Verlag, 2025
21Aktuelle KunstausstellungenLa vie moderne Grafiken von Manet bis Picasso27. März bis 5. Juli 2026Kunsthalle MannheimDie Ausstellung präsentiert rund 75 Werke der französischen Avantgarde – Zeichnungen, Aquarelle, Lithografien, Radierungen und Holzschnitte – aus der Zeit zwischen 1870 und 1918 aus den Beständen der Kunsthalle. HAAR – MACHT – LUST20. März bis 4. Oktober 2026Kunsthalle MünchenOb lang, kurz oder rasiert, glatt oder gelockt – Haare sind weit mehr als eine Frage des Stils. Sie erzählen von Schönheit und Begehren, von Macht und Ohnmacht, von Anpassung und Rebellion. Haare sind ein starkes Mittel des Ausdrucks – politisch, religiös, kulturell und persönlich. Mit ihnen bekennen wir Zugehörigkeit, gestalten Identität oder ziehen andere in unseren Bann. Die Ausstellung lädt zu einem anregenden, sinnlichen und überraschenden Streifzug durch drei Jahrtausende Kunstund Kulturgeschichte der Haare ein. Rund 200 Exponate von der Antike bis zur Gegenwart zeigen, welche Wirkmacht das scheinbar Alltägliche entfalten kann.Yayoi Kusama 14. März bis 2. August 2026Museum Ludwig KölnDie Künstlerin wurde mit ihren begehbaren Spiegelräumen weltberühmt, ihre Polka-Dots sind zu einem Markenzeichen geworden. Im Jubiläumsjahr zeigt das Museum eine große Überblicksausstellung der japanischen Künstlerin, die einen Einblick in ihr über siebzig Jahre umspannendes Schaffen gibt. Wer die sehr sehenswerte Ausstellung in der Fondation Beyeler nicht sehen konnte, hat jetzt noch eine Chance. Zusammenstellung Ursula MichalkeCezanne25. Januar bis 25. Mai 2026Fondation Beyeler Riehen bei BaselErstmals widmet die Fondation Beyeler eine Einzelausstellung einem Pionier der modernen Kunst und zentralen Künstler ihrer Sammlung – Paul Cezanne (1839–1906). Die Ausstellung konzentriert sich mit rund 80 Werken auf die letzte und bedeutendste Phase seines Schaffens: Zu sehen sind geheimnisvolle Porträts, paradiesische Badende, Sehnsuchtslandschaften aus der Provence und sein Lieblingsberg, die Montagne Sainte-Victoire, die der Künstler in immer neuen Ansichten darstellte. In seinem Atelier im Süden Frankreichs brachte Cezanne mit meisterhaftem Gespür Licht, Farbe und Form in ein kraftvolles Spannungsverhältnis. Er gestaltete revolutionäre Bilder, die Generationen von Künstlern und Künstlerinnen bis heute inspirieren. Monets Küste19. März bis 5. Juli 2026Städel Museum FrankfurtDie Felsen von Étretat, in der Normandie an der Atlantikküste gelegen, zogen im 19. Jahrhundert zahlreiche Künstler in ihren Bann. Präsentiert wird eine große Ausstellung über die künstlerische Entdeckung des einstigen Fischerdorfes Étretat und den Einfluss des Ortes auf die Malerei der Moderne. Gezeigt werden rund 170 herausragende Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente, darunter allein 24 Werke von Claude Monet, weiterhin u. a. von Eugène Delacroix, Gustave Courbet, Henri Matisse, Camille Corot und Gustave Caillebotte. Paul Cezanne, Pommes et oranges (Äpfel und Orangen), um 1899 © GrandPalaisRMN (musée d'Orsay) / Hervé LewandowskiClaude Monet Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval, 1885 © The clark Art InstitueHenri de Toulouse-Lautrec, La Loge au mascaron doré, 1894 Kunsthalle MannheimSandro Botticelli, Profilbildnis einer jungen Frau, 1475-80 Foto: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/ Christoph Schmidt
22Aus dem VerbandLiebe Damen und liebe Herren,in diesem Jahr wollen wir das 130jährige Jubiläum unseres traditionsreichen Verbandes im Rahmen unserer Bundestagung am 27. April im Wiesbadener Dorint Hotel Palace gebührend feiern.Dieses Ereignis ruft die Anfänge unseres „Vereins für (die) Verbesserung der Frauenkleidung“ im Oktober 1896 in Erinnerung. Damals beschlossen entscheidungskräftige Frauen, unterstützt von Medizinern und Hygienikern, das obligatorische Tragen des Korsetts zu verweigern: Sie stellten sich erfolgreich dem männlich dominierten Kontrollzwang in der Kaiserzeit entgegen. Der Boykott gegen das in jeder Hinsicht gesundheitsschädigende Kleidungsstück kam einem revolutionären Akt gleich und leitete, eingebettet in die Reformbewegung jener Jahre, einen innovativen Wandel in der Frauenmode ein. Auch der Publizist und Kulturtheoretiker Paul Schultze-Naumburg (1869-1949), eine schillernde Persönlichkeit, befürwortete in seiner 1901 erschienenen Schrift „Die Kultur des weiblichen Körpers“, den „es zu pflegen und zu veredeln galt“, Natürlichkeit und einen zwanglosen Kleidungsstil.Noch Ende der 1920er Jahre, als unser Verband „Deutsche Frauenkultur“ – inzwischen enorm angewachsen und deutschlandweit in nahezu 80 Gruppen tätig – die Zeitschrift „Deutsche Frauenkleidung und Frauenkultur“ mit 12 Heften pro Jahr herausgab, werden die Annehmlichkeiten dieses entscheidenden Wandels eigens betont. Zentrales wie auch titelgebendes Thema in den historischen Ausgaben jener Jahre ist die Frauenkleidung. Das modische Erscheinungsbild der Frau präsentierte sich facettenreich in Gesellschaftskleidern in unterschiedlichen TaGrußwortUnsere Verbandszeitschrift im Wandel der Zeit. Von links nach rechts: Ausgabe 1929 Heft 5 mit Seite 145, Ausgabe 1971 Heft 3 und 2021 Heft 1geszeiten und für wechselnde Anlässe in Alltags- sowie Festtagsgarderobe. Platzmäßig einen ebenso großen Raum beanspruchten Kleinanzeigen aus ganz Deutschland, die natürlich wesentlich zur Finanzierung der Zeitschrift beitrugen. Selbstverständlich wurden auch neue Modetrends vorgestellt und besprochen, z. B. „Hosenanzüge für die Frau“ (Deutsche Frauenkleidung und Frauenkultur, Heft 8/1930, S. 243-244). Verbandsinterne nationale und internationale Treffen fanden gleichfalls Erwähnung.Im Zuge der Nachkriegsentwicklung und im Einklang mit der 1973 erfolgten Namensänderung in „Deutscher Verband Frau und Kultur e.V.“ konzentrieren sich seither, anfangs noch in 29 Städten, die vielseitige Bildung und Aktivierung der Mitglieder vorwiegend auf kulturellem Gebiet. Seit 2017 zählen im Zuge der Gleichberechtigung auch Männer dazu. Leider hat sich im Laufe der vergangenen Jahre die Gruppenstärke auf gegenwärtig 14 Gruppen reduziert, die von überaus engagierten und tatkräftigen Frauen geleitet werden. Auch der Erscheinungsumfang unserer Zeitschrift „Blickpunkt frau und kultur“ hat sich stark verändert und umfasst derzeit vier Ausgaben pro Jahr mit einem anspruchsvollen Niveau.Mögen wir zuversichtlich und motiviert in das neue Jahr 2026 blicken! Elisabeth Kessler-Slotta
23Aus dem VerbandBundestagung 2026vom 26. bis 27. April in Wiesbaden„Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es.“ Dieser vielzitierte Satz stammt aus dem Buch „Das andere Geschlecht“ der Philosophin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir. Ihre Theorie wurde maßgeblich für den Feminismus. Im Mittelpunkt unserer Auseinandersetzung steht die „Zweite“ oder „Neue Frauenbewegung“ ab Ende der 1960er Jahre. Nun wurden Anliegen von Frauen vermehrt öffentlich diskutiert. Das brachte Abhandlungen, Theorien und Gruppen hervor, die sich zu Aktionen und Demonstrationen versammelten. Mit neuem Selbstbewusstsein forderten Künstlerinnen ihren Platz in der bildenden Kunst, auch sie stellten u.a. die männliche Dominanz in Frage. Neben der Forderung nach Gleichberechtigung wandten sie sich gegen die tradierten Frauenrollen. Es fällt auf, dass feministische Kunstschaffende nicht nur mit den „klassischen“ Medien Malerei und Skulptur arbeiteten, sondern verstärkt neue Ausdrucksweisen wie Video und Performance wählten. Das Kunsthandwerk, das historisch als „Frauenarbeit“ galt, gewann in ihrer Kunst eine neue Bedeutung. In den frühen Jahren stammten die Künstlerinnen meist aus Europa und den USA. Heute finden wir in der ganzen Welt Kunstwerke zu feministischen Themen. Damals wie heute geht es zum Beispiel um die Befreiung des weiblichen Körpers von den geltenden ästhetischen Idealisierungen. Manche der in den 1960er und 1970er Jahren angestoßenen Debatten dauern bis heute an, wobei Prozesse angestoßen wurden, die tatsächlich zu gesellschaftlichen Entwicklungen geführt haben. Und die feministische Kunst, die lange eher in der Theorie diskutiert als gezeigt wurde, scheint inzwischen in den Museen angekommen zu sein, beispielsweise die Ausstellungen 2025 über die Künstlerinnen Annegret Soltau (Frankfurt/M.) oder Judy Chicago (Recklinghausen). Mit etwas Distanz erkennt man, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl von Frauenbewegungen und feministischen Theorien. Deswegen werden wir auch zeitgenössische Werke betrachten, die ebenfalls dem Feminismus zugeordnet werden können. Eine jüngere Künstlerinnengeneration setzt sich selbstverständlich mit Fragestellungen wie der kulturellen sowie der Geschlechtsidentität auseinander. Damit ist heute die Bandbreite der Themen weiter gefasst: Es geht um die Chancengleichheit, Menschenwürde und Selbstbestimmung aller Menschen.Termin:Freitag 10.7., 16:00 Uhr bis Sonntag 12.7.2026, 13:00 UhrTagungsbeitrag:315.- € für Mitglieder, 330.-€ für Nichtmitgliederinkl. Übernachtung und VollpensionOrt: Tagungskloster Frauenberg in Fulda Anmeldung bei :Herrn Dr. Ulrich Hettenbach unter: [email protected] bis zum 31.05.2026KunstseminarTagungsort: Dorint Pallas Hotel Auguste-Viktoria-Straße 15 65185 Wiesbaden Tel. 0611 33060Übernachtung (falls gewünscht): Einzelzimmer 129 € inkl. Frühstück Doppelzimmer 155 € inkl. FrühstückTagungspauschale: € 95 € Beinhaltet: Führung, Sektempfang, Festabend, Dinnerbuffet, Mittagsbrunch am Montag Überweisung bis zum 27.02.2026 an: Deutscher Verband Frau und Kultur e. V. Sparda-Bank West eG Düsseldorf IBAN DE69 3606 0591 0002 8810 01Programm: Sonntag, 26. April 2026 15:30 Uhr Führungen in Gruppen durch das Museum Wiebaden, fußläufig vom Hotel erreichbar 18:00 Uhr Sektempfang 18:30 Uhr Festabend: Begrüßung durch die Bundesvorsitzende 18:40 Uhr Grußwort der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Wiesbaden, Frau Saskia Veit-Prang 18:50 Uhr Dinnerbuffet 20:15 Uhr Performance von Gruppen des Verbandes Musikalische Gestaltung vom Cello-Quartett der Leibnizschule WiesbadenMontag, 27. April 2026 09:00 Uhr MitgliederversammlungWir freuen uns über Ihre rege Teilnahme.Im Namen des BundesvorstandsIhre Dr. Elisabeth Kessler-SlottaFeministische Kunst: Als das Private politisch und Frauen zu Subjekten wurden Museum Wiesbaden – Hessisches Landesmuseum
24Aus dem VerbandDer vortragende Künstler, Kunstgeschichtler, Mentor an Klever Museen spannt einen weiten Bogen über künstlerische Entwicklungen vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Bedeutende Künstlerinnen und ihre Werke stellt er im gesellschaftlichen und sozialen Spannungsfeld exemplarisch vor. Gerd Borkelmann zeigt eindrucksvoll, wie wesentlich Frauen die zeitgenössische Moderne geprägt haben – oft gegen erhebliche Widerstände. Anfang des 20. Jahrhunderts kämpfen viele Künstlerinnen für Ausbildung, Reputation und werden vergessen. Künstlerinnen wie beispielsweise Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter und Käthe Kollwitz nutzen ihre Möglichkeiten an den privaten Pariser Akademien Julien oder Colarossi, die Frauen akzeptierten.Inspiriert vom Fauvismus entwickelt Paula ModersohnBecker in Paris eine eigene Bildsprache und schafft mit ihrem Dreiviertelakt als Schwangere einen ersten weiblichen Selbstakt der Kunstgeschichte. Gabriele Münter, zeitlebens aktiv und einflussreich, lange nur im Schatten Kandinskys gesehen, ist zentrale Mitbegründerin des Blauen Reiters und seines Stils mit frühen Einzelausstellungen in Krefeld oder in Waldens Berliner „Sturm“, einem Ort, an dem die Kunst weiblicher Avantgarde aus Ost und West gleichberechtigt gezeigt wird.Erst die Weimarer Verfassung 1919 bringt rechtliche Gleichstellung und neue Möglichkeiten für die „neue Frau“: Hannah Höch glänzt mit dadaistischen Fotomontagen, Jeanne Mammen wird Chronistin der wilden 20er, Sophie Täuber-Arp und Sonja Delaunay-Terk sind Pionierinnen der Abstraktion.Trotz anfänglicher Gleichheitsversprechen finden Studentinnen, die Holz, Metall, Ton bearbeiten wollen, sich am Bauhaus oft in der „Frauenklasse“ Weberei wieder; geführt von Gunta Stölzl, einziger „Meisterin“ am Bauhaus, künstlerisch und ökonomisch erfolgreich! Entscheidende Impulse in Design und angewandter Kunst setzen Persönlichkeiten wie Alma Buscher (Holzspielzeug und Kinderzimmer, 1923), Friedl Dicker mit Flachdachentwurf vor 1923, oder Margarete Heymann-Loebenstein, keramische Formmeisterin, kurz am Bauhaus, dann erfolgreich bis 1933 in den Haël-Werkstätten. Viele werden durch den Nationalsozialismus schwer getroffen, müssen emigrieren oder werden ermordet.Keramikerin Eva Stricker-Zeisl (1909-2011) emigriert nach New York. Ihr Design mit sanften Linien war tonangebend für die Majolikafabrikation der 1930er Jahre. Ihre Porzellanentwürfe bleiben Verkaufsschlager und prägen das „Organic Design“ der USA.Nach 1945 verschieben sich die Zentren der Kunstwelt, New York wird führend, Abstrakter Expressionismus, Pop Art & Minimal Art werden prägend. Frauen können sich stärker behaupten: Helen Frankenthaler mit spontan-abstrakten großen Formaten und flüssigen Farben auf roher Leinwand. Joan Mitchell mit abstrakter, poetischer Bildsprache ist in den wichtigen Museen der USA und Europas vertreten.In den 1960er und 1970er Jahren tritt eine neue Generation selbstbewusst hervor: Künstlerinnen wie Niki de Saint Phalle, Eva Hesse, Ulrike Rosenbach, Marina Abramovic und Valie Export brechen radikal mit Konventionen, nutzen Performance und Aktion, thematisieren Körper, Identität und Machtstrukturen.Seit den 1980er Jahren sind Künstlerinnen zunehmend präsent, sogar ältere wie Maria Lassnig, *1919. Seit 1980, zurück in Wien als Professorin für Malerei, prägen ihre figurativen, witzig-ironischen Akte ihrer New Yorker 1960er Jahre die Kunstgeschichte.Cindy Sherman, Jenny Holzer, Marlene Dumas oder Rosemarie Trockel beeinflussen die internationale Kunstszene nachhaltig mit feministischen Diskursen, neuen Perspektiven und erweitertem Verständnis von Identität. „I don’t kehr!“ (care?), mit diesem ironisch doppelbödigen Statement Rosemarie Trockels schließt Gerd Borkelmann seinen Vortrag und wünscht gelebter Gleichstellung der Geschlechter eine Zukunft auf allen Ebenen.Edda Glinka, Gruppe MoersVortrag und Collage von Gerd BorkelmannGruppen berichten von ihren Veranstaltungen
25Aus dem VerbandRichard Wagner – ein Ausnahme-KünstlerVortrag und Text von Marlene Szymanek, Gruppe HammRichard Wagner gilt als einer der bedeutendsten und zugleich umstrittensten deutschen Komponisten. Mit ihm erreicht die Oper einen Höhepunkt an Größe, Umfang und Länge. Er ist es, der in seinen 12 Opern das Konzept eines Gesamtkunstwerkes mit einer durchgehenden Erzählung entwickelt und den Stil durch Leitmotive prägt. Seine Vorlagen sind mittelalterliche Mythen, Sagen und Legenden. Wagner schreibt Libretto und Musik mit genauen Regieanweisungen; erfindet Musikinstrumente, wie die WagnerTuba, um eine neue Klangfarbe zwischen dem Horn und der Posaune im Walhall-Motiv im „Rheingold“ zu schaffen oder die Gralsglocke für den „Parsifal“, um die tiefe religiöse Bedeutung des Grals hervorzuheben. Er verändert die Position des Dirigenten, stellt ihn in den Mittelpunkt zum Orchester gewandt. Üblich war, dass das Dirigat ein Orchestermitglied zusätzlich übernahm.Richard Wagner wird am 22. Mai 1813 als neuntes Kind in Leipzig geboren. Napoleon herrscht über Europa und bald tobt vor den Toren der Stadt die „Völkerschlacht“. Leipzig hat mit vielen Toten und Verletzten zu kämpfen. Typhus ist weit verbreitet, woran der Vater stirbt. Die Mutter zieht mit ihren neun Kindern zu Ludwig Geyer nach Dresden. Er ist Schriftsteller und begeisterter Schauspieler. Häufiger Gast im Hause Geyer ist der Komponist Carl Maria von Weber.Nach dem Tod von Ludwig Geyer 1821 lebt die Familie wieder in Leipzig. Richard ist acht Jahre alt und sein Onkel Adolph Wagner wird ihm zur geistigen Vaterfigur. In seiner umfangreichen Bibliothek kommt der Junge mit den alten germanischen Sagen in Kontakt. Auch das Buch seines Onkels Theater und Publikum, worin dieser zu einer Reform des Theaters aufruft, wird Richard gelesen haben. Zudem fördert Adolph Wagner das Interesse seines Neffen an der Musik. Sie besuchen die Oper und gehen in Konzerte. Richard ist begeistert, komponiert zunächst kleinere Musikstücke und verfasst ein großes Trauerspiel (ohne Gesang) in fünf Akten.Mit 20 Jahren wirkt Wagner als Chordirektor in Würzburg, 1834 ist er Kapellmeister in Magdeburg. Hier lernt er die Schauspielerin Minna Planer (1809-1866) kennen und lieben. Er folgt ihr nach Königsberg. Die jungen Leute heiraten dort 1836. Minna ist 22 Jahre die Gefährtin seiner Existenzkämpfe. Schon ein Jahr später sind sie in Riga, von wo sie vor Gläubigern in einer abenteuerlichen Fahrt auf einem Segelschiff über London nach Paris reisen. Wagners Versuch, in der Pariser Kulturszene Fuß zu fassen, schlagen fehl. Die Schulden des jungen Paares wachsen an. 1842 wendet sich kurz das Blatt. Die Oper \"Rienzi\" wird mit großem Erfolg in Dresden uraufgeführt und bald ist er königlich-sächsischen Kapellmeister. Ein Jugendtraum geht für ihn in Erfüllung.Mit Wagners Beteiligung am Dresdner Aufstand am 15. Mai 1849 in vorderster Front mit Gottfried Semper endet diese erfolgreiche Zeit. Er wird steckbrieflich gesucht. Sein späterer Schwiegervater Franz Liszt beschafft ihm einen fremden Pass und Wagner flüchtet nach Paris. Hier begegnet er der 16jährigen Cosima Liszt (1837-1930), lernt Hans von Bülow und Heinrich Heine kennen.1857 sind Minna und Richard in Zürich und bewohnen das Gartenhaus der Eheleute Wesendonck bis 1858. Mathilde Wesendonck schreibt Gedichte, die Wagner vertont. Eine Affäre bahnt sich an und Minna verlässt ihren Ehemann.1864 schreibt Wagner einem Freund: \"Ein Wunder muss mir jetzt begegnen, sonst ist's aus\", und das Wunder geschieht: König Ludwig II. von Bayern begleicht alle seine Schulden und eine sorglose Zeit beginnt im Haus in Tribschen bei Luzern. Er lädt Hans von Bülow mit Frau, Kindern und Magd zu sich ein. Cosima von Bülow geb. Liszt reist mit ihren zwei Töchtern eine Woche vor ihrem Ehemann an - und neun Monate später wird Tochter Isolde geboren.Wagners größter Traum, ein eigenes Festspielhaus, wird nach seien Entwürfen mit großzügiger finanzieller Unterstützung von König Ludwig II. 1876 in Bayreuth mit dem dritten Teil des Ringzyklus „Siegfried“ feierlich eröffnet. Die inzwischen siebenköpfige Familie siedelt in die Villa „Wahnfried“ über.Richard Wagner stirbt am 13. Februar 1883 in Venedig an einem Herzinfarkt. Sein Leichnam wird nach Bayreuth überführt.Das Grab befindet sich auf der Rückseite der Villa Wahnfried. Cosima Wagner übernimmt für 25 Jahre die Leitung der Festspiele. Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth von der SeiteFoto: Dr. Larissa Szymanek Villa Wahnfried Foto: Ursula Michalke
26Aus dem VerbandDie Wiederherstellung der Kathedrale Notre Dame in Paris nach dem Brand im April 2019Vortrag von Prof. Dr. Barbara Schock-Werner Die Kunsthistorikerin und ehemalige Kölner Dombaumeisterin – die erste Frau in dieser Position! – referierte über den Dachstuhlbrand der Pariser Kathedrale vom 15. April 2019, die daraus resultierenden Schäden, über die Instandsetzungsarbeiten sowie über die glanzvolle Wiedereröffnung am 7. Dezember 2024 „ausberufenem Munde“, denn sie war als ausgewiesene Architekturexpertin unmittelbar in die Restaurierung involviert. Die auf der Ile de la Cité, einer Seine-Insel im Herzen von Paris, gelegene Bischofskirche ist ein architektonisches Juwel gotischer Baukunst. Sie gehört zu den bedeutendsten Kathedralen Europas und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Mit den monumentalen Dimensionen von 130 m Länge, 48 m Breite und 35 m Höhe zählt sie zu den herausragenden historischen Kirchenräumen. Vor 1182 begonnen, erstreckte sich die Bauzeit nahezu über 200 Jahre, 1345 war sie vollendet. Im Zeitalter der Aufklärung wurden die Buntglasfenster durch weiße Fenster ersetzt, wie auch die mittelalterliche Ausmalung des Kirchenraumes einem weißen Anstrich weichen musste: Das Gebäude fungierte nunmehr als „Tempel der Vernunft“. Im Zuge der Französischen Revolution wurden Teile der Innenausstattung zerstört, die Kathedrale entweiht, sie verfiel in den folgenden Jahren kontinuierlich. Erst der Schriftsteller Victor Hugo entfachte mit dem Erscheinen seines Romans „Der Glöckner von Notre Dame“ (1831) ein neues Bewusstsein im Umgang mit dem historischen Bauwerk, das er als universelles Symbol für die Entwicklung von Zivilisation, Wissen und kulturellem Ausdruck deutete. Daraufhin leitete der Denkmalpfleger Eugène Viollet-le-Duc ab 1844 Restaurierungskampagnen ein, u.a. ließ er den hölzernen und bleiverkleideten Dachreiter über der Vierung, d. i. die Kreuzung von Langhaus und Querhaus, errichten. 1915 wurde das Bauwerk wie nahezu alle französischen Sakralbauten durch das Gesetz der Trennung von Kirche und Staat zum Staatseigentum erklärt.Im April 2019 begannen aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes der Kathedrale erneut umfangreiche Restaurierungsarbeiten, in deren Verlauf sich am Abend des 15. April eine Brandkatastrophe in der Dachregion ereignete. Vermutlich ausgelöst durch ein defektes Kabel wurden der gesamte Dachstuhl und große Teile des Gewölbes zerstört: Der Dachreiter stürzte vor den Augen des weltweit zusehenden Fernsehpublikums in sich zusammen. Erst am Mittag des folgenden Tages konnte der Brand unter Beteiligung von 1000 Feuerwehrleuten gelöscht werden. Im Innenraum türmten sich Schuttberge der eingestürzten Gewölbe und die verkohlten Balken des Dachstuhls, doch konnten glücklicherweise zahlreiche Kunstschätze, Reliquien – wie etwa Teile der Dornenkrone – und die Glocken gerettet werden. Noch am Abend der Katastrophe verkündete Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Wiederaufbau des Gebäudes im ambitionierten Zeitrahmen von nur fünf Jahren. Unverzüglich setzte eine enorme Spendenwelle aus dem In- und Ausland ein.Für Deutschland koordinierte Armin Laschet, der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Kulturbevollmächtigte der BRD im Rahmen des Elysée-Vertrages, im Auftrag der Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Verteilung der deutschen Spendengelder und bot daneben Feuer im Dachstuhl von Notre Dame 15. April 2019Foto: LeLaisserPasserA38, WikimediaNotre Dame von Südosten, November 2019Foto: Qwertzu111111, Wikimedia
27Aus dem Verbandauch fachliche Hilfe bei der Wiederherstellung der Kathedrale an. Drei Tage nach der Brandkatastrophe wurde Frau Prof. Schock-Werner mit der Leitung der deutschen Hilfsmaßnahmen aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz als Denkmalpflegerin in der Kölner Dombauhütte beauftragt. Nach kontroversen Debatten um den Wiederaufbau von Notre Dame – bizarre Modelle hatten u.a. auf dem Dach des Sakralbaus ein Freibad oder einen Autoparkplatz favorisiert – beschloss das französische Parlament aber schließlich einen möglichst originalgetreuen Wiederaufbau. Zu den ersten Maßnahmen des Wiederaufbaus hatte der leitende Architekt eine Stabilisierung des Mauerwerks sowie den Ausbau der brandgeschädigten Fenster angeordnet. Da Deutschland über profunde Kompetenz in der Restaurierung von historischen Glasfenstern verfügt, gelangten vier Obergadenfenster mit einer Fensterfläche von 1000 Quadratmetern, die in über 40 Kisten transportiert wurden, in die Kölner Dombauhütte. Hier organisierte Frau Prof. SchockWerner die kunstgerechte Restaurierung von 300 Einzelstücken vom gefährlichen beim Brand entstandenen Bleistaub, die akribische Säuberung (mit Wattestäbchen) sowie auch die Reparatur von Bruchstellen. Nach der Restaurierung wurden die farbigen Glasfenster, 1965 von dem Glasmaler Jacques Le Chevallier geschaffen, wieder nach Paris zurücktransportiert und dort bis zum Einsetzungstermin in einem Depot gelagert.Die gelungene Wiederherstellung der Obergadenfenster von Notre Dame symbolisiert die seit mehr als sechzig Jahren währende deutsch-französische Zusammenarbeit und Freundschaft, die sich neben der finanziellen Unterstützung von 700.000 Euro vor allem in der fachlichen Hilfe dokumentiert hat.Am 7. Dezember 2024 fand die feierliche Wiedereröffnung der Pariser Kathedrale mit einem Staatsakt in Anwesenheit des französischen Präsidenten Macron und des Erzbischofs Laurent Ulrich und im Beisein der vielen Helfer, Arbeiter und Handwerker sowie internationalen Staatsgästen statt, begleitet von Klängen der frisch gereinigten weltberühmten Cavaillé-Coll-Orgel. Von den über 840 Millionen Spendengeldern profitierte auch die Innenausstattung mit einem neuen Altar und einer Neugestaltung der Kathedra wie auch der Klerus von der Anschaffung zeitgemäßer liturgischer Gewänder. Elisabeth Kessler-Slotta, Gruppe BochumBehutsame Reinigung eines Glasmalereifeldes mit Ethanol-Wassergemisch durch Glasmalerei-Restauratorin Sandra Williger in der Kölner Dombauhütte© Hohe Domkirche, Dombauhütte; Foto: J. Rumbach.Gedenkjahr 2025 – 500 Jahre Bauernkrieg – MühlhausenStudien- und Begegnungsreise der Gruppe Münster nach Mühlhausen und Bad Frankenhausen in ThüringenEs war ein wahrer Glücksfall, dass unsere 30-köpfige Gruppe an diesen vier spätsommerlichen Septembertagen von Mühlhausens Ehrenbürger StD. a.D. Klaus Meier geleitet wurde, der 1959 als junger Mann aus seiner Geburtsstadt in den damaligen Westen und dann nach Münster geflüchtet war. Schon vor einem Jahr hatte Klaus Meier uns in einem mitreißenden Bildervortrag seine attraktive mittelalterliche Heimatstadt vorgestellt, die nach der Wende sehr aufwendig und perfekt restauriert wurde, ein echtes Kleinod, heute mit mehr als 36.000 Einwohnern. Detailreich durch seine persönlichen Erlebnisse seit der Kindheit in den dreißiger Jahren, mit herrlichen Anekdoten, geschichtlich sehr versiert und vor allem humorvoll hat er uns vertraut gemacht mit Münsters Partnerstadt, die für viele von uns noch völlig unbekannt war.Wir erfuhren, dass hier der Theologe, Reformator und Revolutionär Thomas Müntzer (1489-1525), einer der wichtigsten Köpfe der Reformationsbewegung, gelebt hat und die Stadt ins Zentrum des Thüringer Bauernkrieges gerückt hat.Bei Ankunft erlebten wir am Rande der Stadt am imposanten Brunnenhaus der Popperöder Quelle einen besonDas Blumenopfer am Brunnenhaus
28Aus dem Verbandders schönen Brauch: Das Blumenopfer, dargebracht von uns als neuen Gästen der Partnerstadt Münster. Der hübsche Blumenstrauß, beschwert durch einen großen Stein unter der Wasseroberfläche gehalten, ziert meistens einige Wochen lang den runden Teich. Drei volle Tage fühlten wir uns sehr wohl in dieser nostalgisch schönen Stadt. Die bewundernswerte Architektur der zahlreichen Kirchen mit herrlichen Türmen, teils genutzt als Museum, teils als Bibliothek oder Konzertsaal und prachtvolle Häuserreihen haben wir bestaunt. Einem Vergleich mit Münster hält Mühlhausen absolut stand. Anstatt einer Promenade dort, gibt es hier eine intakte Stadtmauer mit Wehrgängen, die wir begeistert bestiegen und die Stadt so umrundet haben bei herrlicher Aussicht über die Umgebung und den weiten, bewaldeten Nationalpark Hainich. Die Brauhäuser mit gemütlichen Gewölbekellern haben wir kennengelernt, auf dem Wochenmarkt Thüringer Bratwurst probiert und leider manche Leerstände in Geschäften der attraktiven Fußgängerzone festgestellt. Die „Delegation aus der westfälischen Partnerstadt“, wie wir beim Empfang im historischen Rathaus genannt wurden, hat durch Klaus Meier, der 1991 zusammen mit Münsters damaligem Oberbürgermeister Twenhöven diese Städtepartnerschaft begründet hat, einzigartige Einblicke in die Geschichte der mittelalterlichen Reichsstadt nehmen können, u.a. im Rathaus mit seiner Großen Ratsstube mit spätgotischer und Renaissancebemalung, im alten städtischen Reichsarchiv, wo neben wertvollen Urkunden das Mühlhauser Rechtsbuch aus dem 13. Jahrhundert zu entdecken ist, das älteste Stadtrechtsbuch in deutscher Sprache. Kulturell gab es manchen Höhepunkt beim Besuch des Bauernkriegsmuseum in der Kornmarktkirche oder der Müntzer-Gedenkstätte in der Marienkirche, vorzüglich kuratiert. In der großen gotischen Kirche Divi Blasii, wo der junge J.S. Bach zwei Jahre als Organist tätig war, erlebten wir ein besonderes Orgelkonzert, nachdem der sehr versierte Kreiskantor und Generalmusikdirektor Oliver Stechbart uns die Geheimnisse dieses gewaltigen Instruments mit den vielen Registern und Pedalen mit Verve erklärt hatte.Am letzten Tag fuhren wir nach Bad Frankenhausen, nord-östlich in Richtung Südharz gelegen. Dieser Besuch stand im Zeichen des monumentalen Rundgemäldes, auch „Sixtina des Nordens“ genannt, von Werner Tübke, Maler der Leipziger Schule. Ein imposantes Panoramamuseum ist dafür gebaut worden, hoch auf dem Berg, unweit des einstigen finalen Schlachtfeldes des Bauernkrieges, nur für ein kreisrundes Gemälde, 123 Meter lang und 14 Meter hoch, mit 3000 Einzelfiguren. Tübke sollte im Auftrag der DDR ein Bauernkriegsgemälde malen und hat mit künstlerischer Freiheit ein Meisterwerk im Stile der Renaissance geschaffen. Zwölf Jahre lang arbeitet der Maler an diesem riesengroßen Bild mit Thomas Müntzer als zentraler Hauptfigur, Spaziergang auf der StadtmauerFoto: Ine WaaldijkGruppenbild nach dem Empfang im RathausKlaus Meier und Organist Oliver Stechbart in der Kirche Divi Blasii Foto: Peter Externest
29Aus dem VerbandWerner Tübke: Monumentalbild Bauernkriegspanorama, Panorama Museum Bad FrankenhausenFoto: Ine WaaldijkVerabschiedung des Ehrenmitglieds Ilse Gremmelspacher – „Adieu Ilse“Während der Weihnachtsfeier der Gruppe Freiburg im stimmungsvoll geschmückten Veranstaltungsraum des Central Hotels verabschiedete die 1. Vorsitzende Claudia Schall Frau Ilse Gremmelspacher, die ihre Mitgliedschaft im Verein Frau und Kultur zum 31.12.2025 aus gesundheitlichen Gründen beendete. Über sieben Jahre leitete Frau Gremmelspacher die Freiburger Gruppe in Personalunion als 1. und 2. Vorsitzende mit viel Kraft und Energie, bis sie im Februar 2021 den Vorsitz aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste. In der Mitgliederversammlung am 8. Juli 2021 wurde sie zum Ehrenmitglied der Freiburger Gruppe ernannt. Lebhaft und humorvoll erzählte Ilse Gremmelspacher, wie sie sich seinerzeit zur Übernahme des Amtes entschloss, als ihre Vorgängerin plötzlich aufhörte und der Freiburger Gruppe die Auflösung drohte. Sie berichtete über die Höhepunkte ihrer Amtszeit wie z. B. über das gelungene Jubiläum der Freiburger Gruppe zum 110-jährigen Jubiläum, das auch Dank der vielfältigen Unterstützung aus dem Bundesverband ein Erfolg wurde. Ein besonders wichtiges Projekt war für sie auch die große Reise in ihre ehemalige Heimat Siebenbürgen im Oktober 2016. Das Programmangebot der Freiburger Gruppe baute sie in ihrer Amtszeit klug auf und aus: Sie lud Referentinnen und Referenten aus allen Fachrichtungen von Kunst und Kultur zu Vorträgen ein und förderte den Zusammenhalt der Gruppe durch zahlreiche Exkursionen und gemeinsame Aktivitäten. Zusammenfassend betonte Frau Gremmelspacher, dass der Anfang ihrer Amtszeit zwar hart war, dass ihr aber die Arbeit als 1. und 2. Vorsitzende immer viel Freude bereitet habe und dass sie viel Schönes erlebt habe.Claudia Schall dankte ihr herzlich für ihr großes und wirkungsvolles Engagement und überreichte unter dem Beifall der Anwesenden einen Blumenstrauß. Angelika Kirsch, Gruppe Freiburgden wir in Mühlhausen näher kennengelernt hatten. Im Sommer 1989, kurz vor dem Mauerfall, wurde das Museum eröffnet. Sehr eindrucksvoll auch dieses Erlebnis!Eine wirklich großartige Reise, die wir alle in bester Erinnerung behalten werden! Ine Waaldijk, Gruppe MünsterClaudia Schall und Ilse Grimmelsbacher
30Aus dem VerbandIn Basel ist immer etwas in Bewegung – Tagesfahrt der Gruppe Freiburg nach BaselImmer wieder las Daniela Engist aus ihrem wunderba- ren Buch über Basel vor. Die Tour endete an der Mittleren Brücke, über die einst Erasmus von Rotterdam in die Stadt gekommen war. Dort steht ein weiteres Kunstwerk von Eichin, die Helvetia, eine allegorische Frauenfigur, die sich von ihren heldenhaften Zwängen befreit hat und müde und melancholisch den Rhein hinunter Richtung Deutschland blickt.Das Mittagessen haben wir im Restaurant „Zum Isaak“ auf dem Münsterplatz eingenommen. Im wunderschönen Garten war für uns alle eingedeckt. Daniela Engist, Mein Basel – Die bewegte Stadt8 grad verlag, gebunden mit Lesebändchen, 168 Seiten mit Illustrationen von Petra SchuppenhauerInteressentinnen für Lesungen oder geführte Rundgänge dürfen sich unter [email protected] melden.Die bronzenen Markttische der Künstlerin Bettina EichinGruppenfoto am Fähranleger vor dem ÜbersetzenBettina Eichin, Helvetia auf der Reise, 1980 Fotos: Claudia SchallIm September 2025 stand bei der Freiburger Gruppe die Nachbarstadt jenseits der Schweizer Grenze im Mittelpunkt. In einem Bild-und-Wort-Vortrag stellte die Freiburger Schriftstellerin Daniela Engist ihr sehr persönliches, literarisches Porträt von Basel vor, gefolgt von einer Exkursion. Chemie, Kunst, Kultur, Grenzen und der Rhein seien die fünf großen Themen, die „ihr“ Basel ausmachten, sagte Engist, die dort lange als Grenzgängerin in Basel gearbeitet hat. Sie führte zwanzig Teilnehmerinnen abseits der ausgetretenen Pfade auf eine Highlights-Tour der besonderen Art: Von der Gewerbeschule, die eine wesentliche Rolle in der Entwicklung des modernen Grafikdesigns spielte, zum mitten in einem Wohnquartier hinter hohen Hecken versteckten Landhof, wo einst das erste Fußballländerspiel der Schweiz gegen Deutschland stattfand. Durch das Areal des Pharmariesen Roche mit seinen von den Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron entworfenen, weithin sichtbaren weißen Türmen, vorbei am Tinguely-Museum ging es zum Rhein, wo die Gruppe mit einer der vier traditionellen Gierfähren übersetzte. Auf der Münsterpfalz hoch über dem Fluss lenkte Engist den Blick auf wenig bekannte Details und ihre Geschichte, den goldenen Engel auf dem Chor des Basler Münsters, die im Kreuzgang halb verborgenen, bronzenen Markttische, ein Werk von Bettina Eichin, einer der bedeutendsten Bildhauerinnen der Schweiz. Aus dem Verband30
31ImpressumBlickpunkt frau und kultur, Ausgabe 1/2026Herausgeber:Deutscher Verband Frau und Kultur e.V.www.verband-frau-und-kultur.deBundesvorsitzende:Dr. Elisabeth Kessler-SlottaUhlandstr. 55, 44791 BochumTel.: 0234 580356E-Mail: [email protected] für Nichtmitglieder, Adressänderungen und Neuanmeldungen:Anke Linsa Apollinarisstr. 20, 53474 Bad Neuenahr-AWTel. 02641 9061010E-Mail: [email protected] für neue Abonnements: Jährlich 20 € inkl. PortoKonto für Verbandsabgabe und Abonnements:Dt. Verband Frau und Kultur e.V.Postbank Essen, IBAN DE91 3601 0043 0611 9184 39Druck:Druckerei Plettner, Schwabacher Str. 512a, 90763 FürthNachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion und mit Quellenangabe gestattet. Mit Namen gekennzeichnete Beiträge stellen nicht in jedem Fall die Auffassung der Herausgeber dar. Wir freuen uns über Ihre Mitarbeit an unserer Verbandszeitschrift. Schon jetzt bitten wir um Ihr Verständnis, wenn wir uns unaufgefordert zugeschickte Beiträge aus redaktionellen Gründen verändern, diese mit der Bitte um Überarbeitung an die Verfasserin oder den Verfasser zurücksenden oder ablehnen müssen. Redaktionsteam:Ursula Michalke Thomas-Mann-Str. 6, 90763 FürthTel.: 0911 630536E-Mail: [email protected]. Sigrid Lindner Steinkuhlstr. 87, 44799 BochumTel.: 0234 380329E-Mail: [email protected] WeitkampHohenrode 28, 30880 LaatzenTel.: 0511 22 17 23E-Mail: [email protected]. Birgit Potthoff-KarlBordolloring 29, 67269 GrünstadtTel. 06359 802928E-Mail: [email protected]/ImpressumKontaktaufnahme zu den GruppenAachen, 1. Vors. Prof. Ulla Dohmann, Tel. 02406 3736 E-Mail: [email protected] Neuenahr-Ahrweiler, 1. Vors. Anke Linsa Tel. 02641 90 610 10, E-Mail: [email protected], 1. Vors. Renate Ruhlig-Schulte, Tel. 0234 67126 E-Mail: [email protected], 1. Vors. Elke Cronau, Tel. 0231 136200E-Mail: [email protected], 1. Vors. Dr. Ulrike Köcke, Tel. 0201 779440 E-Mail: [email protected], 1. Vors. Claudia Schall, Tel. 0761 288258, mobil: 0170 8044141, E-Mail: [email protected]ßen, 1. Vors. Brigitte Sekula, Tel. 06403 74851E-Mail: [email protected], 1. Vors. Marlene Szymanek, Tel. 02381 34623E-Mail: [email protected], 1. Vors. Maria-Elisabeth Warnecke, Tel. 0173 8921614E-Mail: [email protected]/Mannheim, 1. Vors. Dr. Wiltrud BanschbachHettenbach, Tel. 06234 929744, E-Mail: [email protected]übeck, 1. Vors. Lore Evers, Tel. 0173 6061998E-Mail: [email protected], 1. Vors. Anne Helmich, Tel. 02801 6881mobil: 01765-5724642, E-Mail: [email protected]ünster, 1. Vors. Gisela Externest, Tel. 0251 393566 mobil 0157-39105661, E-Mail: [email protected]ürnberg, 1. Vors. Barbara König, Tel. 0911 21086279E-Mail: [email protected]
Unser VerbandUnsere ZieleUnser EngagementUnsere ZeitschriftVertreten ingehört zu den traditionsreichen Frauenverbänden Deutschlandsarbeitet überparteilich und überkonfessionellist über Gruppen in 14 Städten der BRD vertretenist vernetzt mit Verbänden ähnlicher Zielsetzung auf nationaler und internationaler Ebene, dem Deutschen Frauenrat, UN Women Deutschland, Bündnis Sorgearbeit fair teilenwww.verband-frau-und-kultur.deKulturelle Teilhabe und lebendige Kommunikation zu ermöglichenden Gedankenaustausch und eine öffentliche Meinungsbildung anzuregenden sozialen Zusammenhalt zu stärkendie Gleichstellung der Geschlechter und den Einsatz für deren Rechte zu intensivierenehrenamtliche Mitarbeit in unterschiedlichen Bereichen anzubietenOrganisation regelmäßiger Treffen zu Vorträgen Angebot von Arbeitsgemeinschaften zu einem breit gefächertem Programm Studienfahrten und Seminare zur Weiterbildunggruppenspezifische Netzwerke zu regionalen Kulturangeboten finanzielle Förderung sozialer wie bildungsrelevanter Projekte Blickpunkt frau und kultur erscheint viermal jährlichjeweils mit einem Schwerpunktthemamit Berichten zu den Gruppenaktivitätenmit Hinweisen auf Fortbildungsangeboteerreicht alle Mitglieder ist gegen Gebühr für Interessierte erhältlichAachen – Bad Neuenahr-Ahrweiler – Bochum – Dortmund – Essen – Freiburg – Gießen – Hamm – Herne – Ludwigshafen / Mannheim – Lübeck – Moers – Münster – NürnbergZeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V., gegründet 1896Thema der nächsten Ausgabe:Wiesbaden und der RheingauRedaktionsschluss für Ausgabe 2/2026:19. April 2026Anmeldung von Beiträgen zum Themabitte bis zum 28. Februar 2026Das Magazin dient der MitgliederbindungZeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V.