2 2026ISSN 03440745 | K2408Zeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V.Wiesbaden und der Rheingau
2InhaltTitelbild: Monopteros auf dem Neroberg © Anna-Maria Gerock, WICM4 Thermalquellen fördern StadtentwicklungWiesbaden gestern und heuteVon Sigrid Lindner6 Museum WiesbadenHessisches Landesmuseum für Kunst und NaturVon Ursula Michalke7 Museum Reinhard ErnstEin Haus für abstrakte KunstVon Ursula Michalke8 Wiesbaden – die Stadt der StatistikWo selbst die Bäume eine Nummer tragenVon Ursula Michalke9 Literaturhaus Villa Clementine in WiesbadenEine der schönsten Villen der hessischen LandeshauptstadtVon Sibylle Weitkamp10 Das Hessische Staatstheater WiesbadenEin renommiertes Fünf-Sparten-HausVon Sibylle Weitkamp12 Forschung und AnalytikDie Familie FreseniusVon Birgit Potthoff-Karl13 Ein prickelnder GenussDie Sektkellerei HenkellVon Birgit Potthoff-Karl14 Der Neroberg – Wiesbadens HausbergNatur, Architektur und ErinnerungVon Ursula Michalke15 Schloss JohannisbergWeingut und kulturelles ZentrumVon Ursula Michalke16 Ein Sommer voller MusikDas Rheingau Musik FestivalVon Ursula Michalke17 Der Rhein als SehnsuchtsortDie Rheinromantik in Literatur und MalereiVon Karin Breuer18 kurz notiert19 Rätsel20 Für Sie gelesen21 Aktuelle Kunstausstellungen22 Aus dem Verband31 Personalia/ImpressumIn unserer Verbandszeitschrift verwenden wir überwiegend eine geschlechtergerechte Schreibweise mit Beidnennung. Wo dieses nicht möglich ist, sind bei allen relevanten Wörtern und Textstellen immer Frauen und Männer gemeint. Im Interesse einer besseren Lesbarkeit verzichten wir jedoch auf Zeichen wie *, : oder das Binnen-I, die nicht in die amtliche Rechtschreibregelung aufgenommen wurden.
3EditorialWiesbaden und der Rheingau bilden eine Kulturregion, die durch ihre historische Tiefe und ihre vielfältigen Institutionen geprägt ist. Die Landeshauptstadt verbindet städtische Kulturangebote mit einer traditionsreichen Kurgeschichte und einer Architektur, die bis heute das Stadtbild bestimmt. Museen, Theater, Literaturhäuser und Musik- und Literaturfestivals tragen dazu bei, dass Wiesbaden ein lebendiger Ort kultureller Vermittlung ist. Das zeigt sich auch darin, dass bedeutende Sammler ihre Sammlungen dem Museum Wiesbaden überlassen oder gleich ein eigenes attraktives Gebäude in der Stadt errichten. Wiesbaden ist außerdem Standort von sieben Hochschulen mit einem breiten, praxisorientierten Angebot, das von angewandten Wissenschaften über Verwaltung bis hin zu Musik reicht.Der Rheingau ergänzt dieses Bild mit seiner besonderen Landschaft, die durch ihre Romantik seit Jahrhunderten Schriftsteller und Maler inspiriert hat. Auch der Weinbau und die zahlreichen historischen Anlagen – Burgen, Schlösser oder Klöster – haben die Region über Jahrhunderte geprägt.Ein guter Ort, um hier unsere Bundestagung stattfinden zu lassen und zugleich das Jubiläum zum 130-jährigen Bestehen unseres Verbands zu feiern.Im Namen des Redaktionsteams wünsche ich Ihnen eine anregende Lektüre mit vielen Inspirationen.IhreUrsula MichalkeLiebe Leserin, lieber Leser,W
4ThemaThermalquellen fördern StadtentwicklungWiesbaden gestern und heuteVon Sigrid LindnerWer heute aus gesundheitlichen Gründen eine Badekur erwägt, denkt vermutlich nicht zuerst daran, in die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden zu fahren. Dabei sprudeln hier jeden Tag ca. zwei Mio. Liter heißes Wasser aus mehreren Quellen aus der Erde. So viel Heilwasser gibt es mit Ausnahme von Aachen in keinem anderen deutschen Thermalbad.Von Anfang an war die lange Geschichte der Stadt eng mit den kochsalzhaltigen heißen Quellen verbunden. Vermutlich wussten bereits die Römer um deren Vorteile, als sie hier um 121 n. Chr. ihre Siedlung Aquae Mattiacorum („Wasser der Mattiaker“) gründeten und erste Thermalanlagen errichteten, in denen sich die Soldaten erholen konnten. Frauen sollen sich zudem mit den Kalkablagerungen die Haare gefärbt und die Gesichter geschminkt haben. Die wohltuende Wirkung, insbesondere bei Rheuma und entzündlichen Erkrankungen der Atmungsorgane, muss sich schnell herumgesprochen haben, denn Mitte des 14. Jahrhunderts gab es rund um die Heilquellen – der Ort hieß inzwischen wisibada – 16 Bade- und Gästehäuser zur Beherbergung Heilung suchender Menschen.Mondäner KurortZu einem der angesehensten Ziele für Bade- und Trinkkuren in Europa entwickelte sich Wiesbaden im 18./19. Jahrhundert. Damals kurten allerdings nicht nur chronisch kranke, Linderung suchende Menschen; die zog es vor allem in die kleinen Bäder. Auch viele gesunde Wohlhabende sowie die gesellschaftliche und intellektuelle Elite reisten regelmäßig zur Kur. Für sie gehörte der Kuraufenthalt ganz selbstverständlich zu einem gehobenen Lebensstil dazu.Während einer Kur konnte man sich nämlich freier und ungezwungener verhalten als im normalen Alltag. Das galt auch für Frauen, die – anders als sonst – im Rahmen eines Kuraufenthaltes ohne männliche Begleitung oder Anstandsdame in der Öffentlichkeit unterwegs sein durften. Für Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler aller Bereiche wurde der Kurort zum inspirierenden Treffpunkt und zur wichtigen Kontaktbörse für die künstlerische Arbeit. Diese Kurgäste bevorzugten die mondänen Badeorte, zu denen Wiesbaden seinerzeit gehörte. So u. a. Dichterfürst Goethe, der in den Jahren 1814 und 1815 zur Kur in Wiesbaden weilte und seine Impressionen ausführlich in diversen Tagebuchaufzeichnungen und Schriftstücken dokumentierte. Auch die Komponisten Richard Wagner und Johannes Brahms sowie Schriftsteller Heinrich Mann erholten sich in dem beliebten Kurort.Der seinerzeit noch wenig bekannte russisch-deutsche Maler Alexej von Jawlensky kam zwar nicht zur Kur, ließ sich 1821 aber dauerhaft in Wiesbaden nieder, nachdem eine von der Wiesbadenerin Emmy Scheyer organisierte Ausstellung seiner Werke auf ein breites positives Echo stieß. Hier fand Jawlensky schnell Kontakte zu einflussreichen und finanzkräftigen Kunstinteressierten, die seine weitere künstlerische Arbeit unterstützten und förderten.Auf den russischen Dichter Fjodor Dostojewski hatte die Stadt dagegen keinen positiven Einfluss. Im Gegenteil. Hier gab es nämlich nicht nur die erholsamen Thermalquellen, sondern auch eine verlockende Spielbank. Nach einer anfänglichen Glückssträhne konnte Dostojewski ab 1863 dem Reiz des Roulettes nicht mehr widerstehen. Allen Warnungen ihm nahestehender Menschen zum Trotz entwickelte er aus dem Glücksspiel eine Spielsucht und verlor nicht nur sein eigenes Geld, sondern auch das der Familie. In seinem Roman Der Spieler thematisiert Dostojewski vor fiktiver Kulisse u. a. diese zerstörerischen Erfahrungen mit der Spielsucht. Das Kurhaus: Sitz der SpielbankGlücksspiele waren eigentlich seit Jahrhunderten entweder verboten oder durch Gesetze streng geregelt. Fürst Carl von Nassau-Usingen hatte Wiesbaden 1771 allerdings dafür eine Sondergenehmigung erteilt. So war es 40 Jahre später die Kurhaus Wiesbaden Foto: Dandra Hoerr © wiesbaden.de
5ThemaGlücksspielpacht und nicht der Kurbetrieb, die dem Badeort zu einem repräsentativen Kurhaus verhalf. Errichtet wurde es nach den Plänen von Bauinspektor Christian Zais im klassizistischen Baustil mit Säulenportikus an der Vorderseite und seitlichen Säulengängen; 1810 wurde es eröffnet und die Spielbank zog ein. Den repräsentativen Kurpark legte Hofgärtner Johann Schweitzer an.In den folgenden Jahrzehnten strömten immer mehr Kurgäste und Besucher in die Stadt und Wiesbaden entwickelte sich zum bedeutendsten Kurort Europas. 1870 wurde die Kurtaxe eingeführt und 1872 ging der Kurbetrieb in kommunale Hand über. Den mit den hohen Besucherzahlen verbundenen steigenden Ansprüchen genügte das alte Kurhaus bald nicht mehr und so bekam 1902 der angesehene Architekt Friedrich von Thiersch den Auftrag, das bestehende Kurhaus durch ein zeitgemäßes repräsentatives Gebäude der Bäderkultur zu ersetzen. In mehrjähriger Bauzeit entstand ein von außen dem alten Kurhaus ähnlicher eindrucksvoller Bau im neoklassizistischen Baustil mit einer imposanten, mit abendländischen und orientalischen Ornamenten geschmückten Eingangshalle. Innen erhielt das Kurhaus zwölf edel ausgestattete Räume wie z. B. einen großen Konzertsaal mit Säulen aus Nassauer Marmor und mahagoniverkleideten Wänden, den mit Muscheln, Kieseln und Fresken ausgekleideten Muschelsaal, das Bacchuszimmer und den in gelben Marmor gekleideten Weinsalon. 1907 fand in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II., der sich regelmäßig im Sommer zur Kur in Wiesbaden aufhielt, die feierliche Einweihung des neuen Kurhauses statt.Im Zweiten Weltkrieg wurde das formidable Kurhaus zerstört und nach Kriegsende zunächst nur vorläufig instandgesetzt. Erst 1983 erfolgte anhand noch vorhandener Pläne, Abbildungen und Fotografien der umfassende Wiederaufbau im ursprünglichen Stil von 1907 samt von Säulen getragenem Eingangsbereich mit der Inschrift AQUIS MATTIACIS; nunmehr komplett modernisiert und zu einem vielfach nutzbaren Veranstaltungszentrum erweitert, das am 4. Dezember 1987 im Rahmen einer Festwoche in Betrieb genommen wurde. Die Spielbank befindet sich seither im ehemaligen Weinsaal, einem – wie es heißt – der schönsten Spielsäle Europas.Ökologischer Nutzen?Als Reiseziel für Trink- und Badekuren hat Wiesbaden nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verloren. Heute sprudelt das zwischen 46 und 66 Grad heiße Wasser meist nur noch in den Spa-Bereichen großer Hotels oder in privat betriebenen Badehäusern und Thermen. Öffentlich zugänglich sind nur wenige, wie z. B. der bekannte Kochbrunnen am Kranzplatz, der täglich ca. 500.000 Liter heißes Wasser an die Oberfläche fördert. Mit zunehmender Bedeutung regenerativer Energiequellen kam Anfang der neunziger Jahre die Idee auf, die heißen Quellen für Heizzwecke zu nutzen. Dazu führte die Stadt Wiesbaden zusammen mit der für die kommunale Wärmeversorgung zuständigen ESWE Versorgungs AG in den Jahren 2007/2008 ein Pilotprojekt „Nahwärmeinsel Kleine Schwalbacher Straße“ durch. Technisch – so die Erkenntnis – ist das mittels Pumpen, Titan-Wärmetauscher und glasfaserverstärkter Kunststoffrohre durchaus möglich. Für einen großflächigen Einsatz in Privathaushalten rechnet sich das aufgrund der damit verbundenen hohen Investitionskosten für die Erschließung der Quellen, den Betrieb der vorhandenen Anlagen und wegen der hydrogeologischen Verhältnisse aber nicht. Hinzu kommt, dass das Thermalwasser zunächst entsalzt werden muss und die Temperatur von ca. 60 Grad für Heizzwecke nicht reicht. Ralf Cohrs, Hauptabteilungsleiter Asset-Strategie und Erneuerbare der ESWE Versorgungs AG: „Die Erschließung und der Betrieb macht in Anbetracht der enormen Bereitstellungskosten lediglich für Wärmenetze von größeren Quartieren oder Städten Sinn. Weil uns aber die Nutzung erneuerbarer Energien so wichtig ist, planen wir auch zukünftig die Nutzung von Thermalwasser. In welchem Umfang diese allerdings erfolgen wird, hängt entscheidend von alternativen Optionen ab.“ – Und auch das spricht z. Zt. noch gegen eine großflächige Nutzung des Thermalwassers in Heizungen: das Risiko, dass die Quellen infolge der erforderlichen Erdwärmebohrungen versiegen könnten.Friedrich-von-Thiersch-Saal im KurhausFoto Jonathan Gaubatz © WICMKochbrunnenpavillon Foto: Svenja Münzer © wiesbaden.de
6ThemaMuseum WiesbadenHessisches Landesmuseum für Kunst und NaturVon Ursula MichalkeDen Grundstock der Sammlungen bilden die Privatsammlungen – Kunstwerke, zoologische und botanische Exponate sowie Altertümer – des Schriftstellers Johann Isaac Freiherr von Gerning, der sie 1825 dem Herzogtum Nassau zur Verfügung stellte. Zunächst wurden sie im Palais des Nassauischen Erbprinzen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, später in drei Museen untergebracht, bis diese im Jahr 1900 in städtisches Eigentum übergingen. Zwischen 1913 und 1915 entstand ein Neubau nach Plänen des Architekten Theodor Fischer.Sehr breit ist das Spektrum dessen, was hier zu sehen ist – die Naturhistorische Sammlung des Museums ist ebenso eindrucksvoll wie die der Alten Meister oder der Klassischen Moderne. Durch Ankäufe, Schenkungen und Leihgaben ist besonders die Kunstsammlung eine der wichtigsten in Deutschland geworden, vor allem auf dem Gebiet des 19. und 20. Jahrhunderts. Den Anstoß zur Sammlung der Klassischen Moderne gab Heinrich Kirchhoff (1874–1934), der seine Sammlung in fünf Sälen des Museums als Dauerleihgabe ausstellte und sie als Schenkung überlassen wollte. Die Nationalsozialisten entfernten die Bilder aus dem Museum und die Sammlung wurde nach Kirchhoffs Tod weltweit verstreut. Durch Hanna Bekker vom Rath (1893—1983) erhielt das Museum eine Schenkung von dreißig expressionistischen Werken und zählt damit in diesem Bereich wieder zu einer der ersten Adressen in Deutschland. Der in Wiesbaden lebende Frank Brabant (* 1938) verfügte testamentarisch, die Hälfte seiner Sammlung mit Schwerpunkt Expressionistische Avantgarde, Neue Sachlichkeit und Sozialkritischer Realismus nach Wiesbaden zu geben. Die ausgestellten Gemälde von Max Ernst, Gabriele Münter oder Karl Schmidt-Rottluff können aufgrund der Schenkung von Marianne und Wirnt Rick dauerhaft im Museum verbleiben.Mit 111 Werken besitzt das Museum die international bedeutendste Sammlung des Werkes von Alexej von Jawlensky. 1921 kam Jawlensky für eine Ausstellung nach Wiesbaden und war so angetan von der Stadt und ihren kunstbegeisterten Bewohnern, dass er sich hier mit Frau und Sohn niederließ.Ein weiterer Glücksfall für das Museum war die Schenkung der Jugendstil-Sammlung von Ferdinand Wolfgang Neess, die er in über 40 Jahren auf höchstem Niveau zusammengestellt Museum Wiesbaden Foto: Bernd FickertAm Eingang des imposanten Museumsgebäudes mit einem beeindruckenden Foyer steht eine übergroße Statue Johann Wolfgang von Goethes, der in Wiesbaden zur Kur weilend, die Errichtung des Museums anregte. Die große Jugendstilabteilung Alle Fotos: Museum Wiesbaden, Bernd Fickert
7ThemaMuseum Reinhard ErnstEin Haus für abstrakte KunstVon Ursula MichalkeSeit Juni 2024 ist Wiesbaden um einen kulturellen Anziehungspunkt von internationalem Rang reicher: Museum Reinhard Ernst (mre).Das privat gestiftete Museum widmet sich ausschließlich der abstrakten Kunst und präsentiert die umfangreiche Sammlung von Reinhard Ernst, ergänzt durch internationale Leihgaben und wechselnde Sonderausstellungen. Auf rund 2500 m² Ausstellungsfläche zeigt das Haus Werke aus Europa, den USA und Japan; insgesamt umfasst die Sammlung mehr als 960 Arbeiten.Das Museum ist ein architektonisches Highlight in der Wiesbadener Innenstadt. Entworfen wurde das markante, kubische Gebäude mit der leuchtend weißen Granitfassade und zentralem Atrium auf einer Gesamtfläche von 9700 Quadratmetern von dem japanischen Architekten Fumihiko Maki. Es bietet großzügige, säulenfreie Ausstellungsräume. Die Baukosten beliefen sich auf mehr als 80 Millionen Euro. Trägerin des neuen Museums ist die gemeinnützige Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung in Wiesbaden.hatte. Das Museum wurde damit zu einem der führenden Museen des Jugendstils in Europa. Über 500 Objekte bilden einen Querschnitt durch alle Bereiche des Jugendstils und Künstlerinnen und Künstlern aus ganz Europa, beispielsweise Gustave Moreau, Franz von Stuck, Heinrich Vogeler, Alfons Mucha oder Emile Gallé. Das spektakuläre Konvolut setzt sich aus Objekten der angewandten Kunst wie Möbel und Objekte aus Glas, Porzellan und Keramik zusammen. Viele Werke der Sammlung wurden erstmals auf der legendären Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 präsentiert. Oben: Blick auf das Atrium Unten: Einer der vielen Ausstellungsräume © Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, mre, Foto: © Helbig Marburger Karl Schmidt-Rottluff: Verandamorgen, 1952, Schenkung M. und W. Rick 2013, VG Bild-Kunst, Bonn 2025Alexej von Jawlensky: Dame mit Fächer, 1909
8ThemaWiesbaden – die Stadt der StatistikWo selbst die Bäume eine Nummer tragenVon Ursula MichalkeWiesbaden ist eine Stadt voller Eleganz, mit klassizistischen Fassaden, sanften Hügeln, Kurhausglanz. Doch Wiesbaden ist auch das Zentrum der amtlichen Statistik.Seit 1948 ist Wiesbaden Hauptsitz des Statistischen Bundesamts (Destatis). Von hier aus werden zentrale Daten für Deutschland erhoben, geprüft und veröffentlicht – darunter Bevölkerungszahlen, Wirtschaftsindikatoren, Preisstatistiken und Gesundheitsdaten. Die Behörde zählt zu den wichtigsten Institutionen der Bundesverwaltung und prägt Wiesbaden als Standort wissenschaftlicher und administrativer Infrastruktur.Wer aufmerksam durch die Straßen geht, entdeckt ein Detail, das diese Haltung perfekt verkörpert: Die Bäume sind nummeriert. Jeder einzelne. Von der Platanenalleebis zu den Kastanien am Warmen Damm tragen sie kleine Metallplaketten, unscheinbar, aber konsequent. Diese Nummerierung zeigt, wie ernst die Stadt ihre Grünflächen nimmt. Jeder Baum ist erfasst, katalogisiert, gepflegt, überwacht. Wiesbaden ist eine der grünsten Städte Deutschlands und verfügt über mehr als 26 Naturschutzgebiete und zahlreiche Parks. Die Stadtverwaltung hat erkannt, wie wichtig Grünflächen und Stadtbäume für das Klima sind und damit unverzichtbare Elemente einer lebenswerten Stadt. Besonders die Bäume prägen das Stadtgesicht. Aus diesem Grund wurde 2007 die Baumschutzsatzung für die Landeshauptstadt Wiesbaden beschlossen, um den Baumbestand und damit das Stadtbild und -klima nachhaltig zu sichern.Stadtbaum Nr. 25 Foto: Ursula MichalkeWiesbaden Innenstadt Foto: Sandra Hoerr © WICM
9ThemaLiteraturhaus Villa Clementine in WiesbadenEine der schönsten Villen der hessischen LandeshauptstadtVon Sibylle WeitkampLiterarische und gesellschaftliche Debatten und spartenübergreifende Projekte, die eine Brücke von der Literatur zu den anderen Künsten schlagen, prägen das Konzept des Literaturhauses Villa Clementine. An der Kulturmeile Wiesbadens, der Wilhelmstraße, befindet sich an der Ecke Frankfurter Straße gegenüber des Kurparks und wenige Schritte vom Hessischen Staatstheater entfernt die prachtvolle Villa Clementine. Sie ist eines der herausragenden Beispiele für den monumentalen Historismus. Das Stadtpalais wurde 1878 – 1882 durch den Architekten Georg Friedrich Fürstchen (1848 – 1884) im Auftrage des Mainzer Fabrikanten Ernst Mayer errichtet und wurde der Zeit entsprechend nach der Gattin benannt. Noch bevor der Bau vollendet war, starb Clementine Mayer und der verwitwete Fabrikant bot das „Landhaus im Bauquartier an der Englischen Kirche“ zum Kauf an.Nach wechselvoller Geschichte – Höhepunkt darin die Zuflucht der serbischen Königin Nathalie mit ihrem Sohn Kronprinz Alexander 1888 und dessen gewaltsamer Rückführung in die ungeliebte Heimat durch den Vater, König Milan, als „Wiesbadener Prinzenraub“ bekannt – gelangte das Haus 1960 in den Besitz der Stadt Wiesbaden, die es für kulturelle Zwecke nutzt. Seit 2002 befindet sich das Literaturhaus Wiesbaden in der Villa Clementine und führt diese Tradition fort. Mit seinen zahlreichen, kleinen und stilvollen Salons, gleich mehrere gibt es davon – das Rote, Gelbe und Blaue sowie das Flämische Zimmer und den Wintergarten – bietet das Haus einen idealen Ort, an dem mit Lesungen, Vorträgen oder Schreibworkshops für junge und ältere Besucher und Besucherinnen die Lust auf die Auseinandersetzung mit Literatur geweckt werden soll. Auch das Literaturhauscafé lädt zum Verweilen ein. Als eines der wenigen Literaturhäuser Deutschlands besitzt die Villa Clementine auch eine Stipendiatenwohnung. Verschiedene Festivals werden im Literaturhaus veranstaltet, darunter als Highlight die seit 1986 alle zwei Jahre stattfindenden „Wiesbadener Literaturtage“. Das Motto des Literaturhauses lautet: Ein Besuch des Literaturhauses sei „Mehr als nur ein Buch zu lesen“. Nahe bei der Villa Clementine an der Kleinen Wilhelmstraße wurde 1865 die englische Backsteinkirche für die britischen Kurgäste gebaut, die damals gerne die Taunusbäder aufsuchten. Später wurde hier der englische Gottesdienst für die Amerikaner gehalten.Wie kaum ein zweiter Bau in Wiesbaden vermittelt die Villa Clementine den Stilwandel vom Spätklassizismus zur Neorenaissance, der sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog. Das in exponierter Ecksituation gelegene Gebäude hat zwei Schauseiten, die sich durch Risalite gliedern. Der parkseitige Risalit ist im Obergeschoss als Loggia ausgebildet. Die Bauteile sind durch Terrassen differenziert, in stehende Flächen aufgelöst und gliedern sich durch das volumenreiche Dekor der Rahmen und Gesimse. Die wertvolle, weitgehend erhaltene Innenausstattung mit Stuckdecken und Wanddekorationen reicht vom kühlen palladianischen Klassizismus bis zur gründerzeitlichen Renaissance und zeigt künstlerische Qualität. Die Villa Clementine ist damit sichtbarer Ausdruck eines durch Vermögen und Kultur zelebrierten Lebensstils, der sich sowohl in der Vielschichtigkeit der äußeren Form, der Repräsentation der Haupttreppe, der vestibülartigen Halle und den unterschiedlich gestalteten Salons, Loggien und Terrassen eindrucksvoll vermittelt.Villa Clementine Foto: Wiesbaden MarketingBlauer Salon Foto: Literaturhaus
10ThemaDas Hessische Staatstheater WiesbadenEin renommiertes Fünf-Sparten-HausVon Sibylle WeitkampDas Staatstheater Wiesbaden in der hessischen Landeshauptstadt gehört zu den erfolgreichsten Bühnen im deutschsprachigen Raum. Es ist ein Fünf-Sparten-Haus mit den Bereichen Oper, Ballett, Schauspiel, Junges Staatstheater und Konzerte. Mehr als 300.000 Besucher und Besucherinnen erfreuen sich heute jährlich an den Aufführungen.Das Große Haus bietet über 1000 Plätze, das Kleine Haus 328, das Studio 89, und es gibt die externe Spielstätte Wartburg an der Schwalbacher Straße mit 154 Plätzen. Über 50 Produktionen sind pro Spielzeit auf den Bühnen zu sehen, hinzu kommen Gastspiele und Sonderveranstaltungen.Ein Highlight sind die Internationalen Maifestspiele Wiesbaden, die erstmals 1896 veranstaltet wurden. Sie finden jährlich am Hessischen Staatstheater statt, dem kulturellen Herzen der Stadt, und gehören neben den Wagner Festspielen in Bayreuth zu den ältesten Veranstaltungsreihen in Deutschland. Der Intendant Graf Georg von HülsenHaeseler, ein Jugendfreund Kaiser Wilhelms II., wollte den Kaiser mit den Festspielen in besonderer Weise für Wiesbaden interessieren. Der Kaiser bestimmte den Spielplan, beeinflusste Dekoration, Besetzung und Inszenierung. Für den Herrscher und den Hof wurden die Maifestspiele zu einem festen Bestandteil in der alljährlichen „Tournee“ durch das In- und Ausland.Die Gesellschaft der Freunde des Staatstheaters Wiesbaden e. V., kurz „theaterfreunde wiesbaden“ genannt, wurde 1931 gegründet, 1962 wiedergegründet und ist heute mit 1000 Mitgliedern einer der großen Theaterfördervereine in Deutschland. BaugeschichteAm 16. Oktober 1894 wurde das Wiesbadener Theater in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. feierlich eröffnet.Das Vorgängertheater wurde 1827 im damaligen Stil des Klassizismus am Kaiser-Friedrich-Platz auf Veranlassung des Herzogs Wilhelm von Nassau-Weilburg erbaut. Das 1839 vom herzoglichen Hof übernommene Haus, das heute nicht mehr vorhanden ist, verfügte über 700 Sitzplätze. Infolge der rasanten Expansion, die die Stadt Wiesbaden seit ihrem Aufstieg zur Hauptresidenz des Herzogtums Nassau 1806 genommen hatte, war die Kapazität des herzoglichen Hoftheaters bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erschöpft. Nach der Annexion Nassaus durch Preußen wurde das herzogliche nassauische Hoftheater 1866 als Königliches Hoftheater der Generalintendanz der Königlichen Schauspiele in Berlin unterstellt. Die preußischen Monarchen übernahmen fortan die Subventionen des Theaters. Als das für ein Städtchen mit 7000 Einwohnern geschaffene Theater in den 1880er Jahren für die auf 70.000 Einwohner und 100.000 Kurgäste angewachsene Stadt immer weniger ausreichte, wurde die Errichtung eines Neubaus unumgänglich. Nach einem Wettbewerb erhielten 1892 die renommierten Wiener Architekten Ferdinand Fellner (1847–1916) und Hermann Helmer (1849–1919) den Auftrag für den Bau. Mit der Eröffnung des neuen Hauses nach nur zweijähriger Bauzeit war die Hinwendung zum Neubarock in Wiesbaden vollzogen. Der Bau ist entsprechend der funktionalen Reformen im Verlauf der Entwicklung – ausgelöst durch Richard Wagners Theater in Bayreuth – in Vorderhaus, Saalbau und Bühne, diese mit französischer Haube, gegliedert. Die Fassadenflächen werden von Halbsäulen und Pilastern bestimmt. Vier Panther-Gespanne mit Lenkerinnen in zweiHessisches Staatstheater ©wiesbaden.de, Foto Peter Kraussgrill
11Themarädrigen Wagen bekrönen die Eckpostamente der abschließenden Balustrade. Sie wurden 1895 von Gustav Eberlein aus Zinkblech geschaffen. Die Bühnenseite wurde durch einen römisch-korinthischen Portikus zum Warmen Damm hin aufgewertet. Er ist mit einem Fries und einem Sinnspruch Friedrich Schillers geschmückt: „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben, bewahret sie!“ Ein Denkmal Friedrich Schillers, 1905 von Joseph Uphues geschaffen, steht vor der Auffahrt zum Bühneneingang. Für die Innendekorationen dieser Epoche wurde das allgemein gebräuchliche festliche Rokoko verwendet.Von 1976 bis 1978 wurde das Theater von Grund auf renoviert. Der Zuschauerraum erhielt dabei seine im Zweiten Weltkrieg verlorene glanzvolle Ausstattung wieder. Außerdem wurde das Gebäude von einem neuzeitlichen Anbau für Berufs- und Werkstatträume erweitert.Beim Bau des Theaters fehlte ein ausreichend großes Foyer. 1901/02 schuf deshalb Stadtbaumeister Felix Genzmer (1856–1926) einen barocken Foyerbau mit zweiläufiger Rampentreppe und reichem Interieur, der in seiner festlichen Eleganz eine außergewöhnliche Architekturleistung des Späthistorismus ist. Die wertvollen Deckenbilder stammen von dem Wiesbadener Maler Kaspar Kögler (1838–1923).Zuschauersaal Foto: Wikimedia, Martin KaufholdDas barocke Foyer Foto: Wikimedia, Martin Kaufhold Schillerdenkmal Foto: Wikimedia, Robert Braum
12ThemaForschung und AnalytikDie Familie FreseniusVon Birgit Potthoff-KarlDer Name Fresenius hat in Deutschland im Bereich Chemie und Pharmazie einen besonderen Klang. In Wiesbaden wurden gleich zwei Personen mit diesem Nachnamen zum Ehrenbürger ernannt: 1892 der Geheime Hofrat Professor Doktor Carl Remigius Fresenius und 1985 Professor Doktor Wilhelm Fresenius.Aus der weit verzweigten Familie entstammen etliche Gelehrte und Firmengründer. Einer ihrer Ur-Väter ist der 1705 geborene Theologe Johann-Philipp Fresenius. Von seinen Enkeln machte der Chemiker Carl Remigius Fresenius von sich reden. Nach seinem Chemiestudium in Bonn kristallisierte sich sein Hauptinteresse heraus: die chemische Analytik. Zu Beginn fokussierte er sich auf die Schwerpunkte Analytik von Mineralwasser sowie Wein und Ton, hier mit dem Ziel, den Wein zu „schönen“, denn Ton bindet Trübstoffe. Carl Remigius Fresenius gründete 1848 sein Chemisches Laboratorium Fresenius Wiesbaden. „Forsche gründlich, rede wahr, schreibe bündig, lehre klar.“ Dieser Ausspruch von Carl Remigius Fresenius ist ein Ausdruck seiner Lehren und Werte, die er als Chemiker und Bildungsleiter verfolgte. Er ermutigte seine Schüler und Mitarbeiter auf diese Weise, eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Bildung zu gewährleisten. Später wurde zusätzlich eine heute international aufgestellte Hochschule Fresenius in Wiesbaden gegründet. Anfangs nur für die Ausbildung von Chemieingenieuren gedacht, kamen später die Business Academy Fresenius sowie die Fachbereiche Wirtschaft und Medien dazu. 2021 wurde in Wiesbaden eine weitere Hochschule gegründet, die den Namen der Frau von Carl Remigius Fresenius trägt, die Charlotte Fresenius Hochschule. Es ist die erste universitätsgleichgestellte Hochschule in Deutschland mit dem Namen einer Frau. Die Trägergesellschaft der Hochschule möchte mit dieser Namensgebung ein Zeichen setzen und hat sich bewusst für eine Frau aus der Familie Fresenius entschieden, deren Bildungstradition damit weiter fortgeschrieben wird.Während sich Carl Remigius Fresenius auf die Chemie konzentrierte, übernahm einer seiner Cousins, Johann Philipp Fresenius, die Hirsch-Apotheke in Frankfurt. Sein Sohn Eduard Fresenius fährt bereits zweigleisig: Neben der Apotheke baut er einen Großhandel mit Medikamenten plus Lieferservice auf. Und er erweitert die Pharmaaktivitäten auf die Produktion von Infusionslösungen und Naturheilmitteln am Standort Bad Homburg. Heute ist Fresenius ein globaler Gesundheitskonzern mit Schwerpunkt auf Medikamente und Medizintechnik für Infusionen, ein europäischer Klinikbetreiber und Weltmarktführer für Dialyseprodukte. Der zweite Ehrenbürger Wiesbadens – Professor Doktor Wilhelm Fresenius – ist ein Urenkel von Carl Remigius Fresenius, der sich ebenfalls der Chemie verschrieben hat. Wie sein Urgroßvater war auch er Leiter des Instituts Fresenius, welches er zum Marktführer für Lebensmittelanalytik machte. 2003 ist das bis dahin eigenständige Institut Fresenius in die SGS- Fresenius (Société Générale de Surveillance; ein Schweizer Unternehmen) übergegangen, europaweit der bedeutendste Anbieter für nichtmedizinische Laboranalytik. Es führt unabhängig Qualitätskontrollen von Lebensmitteln, Konsumgütern und technischen Produkten (z.B. für die Automobilindustrie) durch und verleiht das „SGS Institut Fresenius“-Siegel.Nach Wilhelm Fresenius wurden die Fachhochschule Fresenius in Idstein und die Fresenius Klinik in Wiesbaden benannt. Carl Remigius Fresenius, Lithografie von Rudolf Hoffmann, 1860 WikimediaPrüfsiegel des Instituts © SGS Germany GmbH
13ThemaEin prickelnder GenussDie Sektkellerei HenkellVon Birgit Potthoff-KarlIn Wiesbaden-Biebrich hat die Henkell & Co. Sektkellerei ihren Stammsitz. Ihr Gründer, Adam Henkell, beherrschte als einer der ersten in Deutschland das Verfahren, aus Wein Sekt zu produzieren. Eine Methode, wie sie zuvor nur in Frankreich zur Champagnerherstellung angewandt wurde. Schon 1898 wurde als eine der ersten Marken der Name Henkell Trocken geschützt und seither auch konstant in künstlerischen ganzseitigen Werbeanzeigen beworben. Kurze Zeit später schrieb Otto Henkell einen ArchitekturWettbewerb aus, um Gestaltungsvorschläge für das neue Produktions- und Verwaltungsgebäude zu sammeln. Paul Bonatz realisierte das neue Gebäude und erfüllte dabei zwei Zwecke: Es sollte moderne Produktionsbedingungen aufweisen und unauffällig repräsentieren. Ein klassizistischer Bau mit einem in zwei Meter Größe geschriebenen Schriftzug Henkell Trocken entstand.Für viele ist der Begriff Piccolo (dt. Pikkolo) verbunden mit einer Sektflasche von 0,2 Liter Inhalt. Henkell ließ sich bereits 1935 das Markenzeichen Pikkolo sichern und schuf mit dem „schwarzen Herren“ im Stil eines Scherenschnittes das Erkennungszeichen für Henkell trocken. Ein doppelter Sinn verbarg sich dahinter, denn damals wurden Kellner-Lehrlinge ebenfalls Piccolos genannt.In den Sechziger Jahren wurde Henkell Trocken mit dem Spruch ausgelobt: „Ein Sekt, mit dem man Ehre einlegt“. Es waren die Jahre des Wirtschaftswachstums, Erfolge wurden mit Sekt begossen. In Deutschland wurden pro Kopf ca. fünf Liter Sekt im Jahr getrunken.Kommen wir an dieser Stelle zu dem, was den Sekt besonders macht: Er wird aus Wein, meistens aus einer Mischung (Cuvée) verschiedener Grundweine, hergestellt. Durch Zugabe von Zucker wird mittels einer zweiten Hefegärung in der verschlossenen Flasche das in Wein gelöste Kohlendioxid produziert, das im Glas schöne kleine Blasen aufsteigen lässt, die am Gaumen angenehm kitzeln. Diese Gärung erfolgt für hochwertige Sekte und Winzersekte in der traditionellen Flaschengärung. Die Flaschen müssen dabei regelmäßig bewegt werden. Dann gilt es den Hefepfropf zu entfernen und nach Auffüllen der Flasche mit Rohsekt diese wieder mit einem Korken (Kork oder Kunststoff) zu verschließen. Für die großen Sektmengen (ca. 90 Prozent) muss die Gärung im Tank – großen Druckbehältern aus Edelstahl – erfolgen. Die Kontaktzeit zur Hefe ist kürzer und die Qualität wird somit niedriger. Die Ausgangsweine für diese Sekte kommen hauptsächlich aus Spanien und Italien, da die Mengen aus deutscher Produktion nicht reichen würden. Bei der Sektherstellung nicht erlaubt ist der künstliche Zusatz von Kohlensäure, man spricht stattdessen von Perlwein oder Secco.Seit den 1960er Jahren begann Henkell seine Expansion durch Zukäufe, die sich sowohl auf Sekt als auch auf Spirituosen fokussierten. Heutzutage muss sich Henkell den geänderten Trinkgewohnheiten anpassen. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Sekt in Deutschland sank auf ca. 3,5 Liter im Jahr. Alkoholfreie Varianten werden vermehrt nachgefragt. Somit ist auch der Henkell-Trocken-Sekt in einer alkoholfreien Form erhältlich.Henkell Stammhaus in Wiesbaden-BiebrichFoto: Hessen Agentur GmbH, Florian TrykowskiDer repräsentative Marmorsaal im Stammhaus HenkellFoto: Henning KreftHenkell Piccolo Werbung 1935 © Henkell Freixenet
14ThemaDer Neroberg ist mit seinen historischen Anlagen, Spazierwegen und der berühmten Nerobergbahn einer der beliebtesten Ausflugsziele Wiesbadens. Von seiner Kuppe eröffnet sich ein weiter Blick über die Stadt, die Taunushänge und bei klarer Sicht bis in den Rheingau. Der Neroberg – Wiesbadens HausbergNatur, Architektur und ErinnerungVon Ursula MichalkeBereits im frühen 19. Jahrhundert wurde der Neroberg als „Lustberg“ genutzt. Musste der 245 m hohe Berg früher zu Fuß oder per Ritt auf dem Maulesel erklommen werden, bringt die Nerobergbahn seit 1888 die Besucher bequem nach oben. Sie gilt als älteste mit Wasserballast betriebene Standseilbahn Deutschlands. Die beiden Wagen werden bis heute allein durch das Gewicht von Wasser bewegt, das in den bergseitigen Wagen gefüllt wird. Auf dem Gipfelplateau entstanden mehrere Bauten, die bis heute das Bild des Nerobergs prägen. Im Zentrum dieses Ensembles steht die Russische Kirche, deren fünf goldene Zwiebeltürme schon von Weitem über die Stadt leuchten. Sie wurde zwischen 1846 und 1855 als Grabeskirche für Herzogin Elisabeth von Nassau errichtet, die aus dem russischen Zarenhaus stammte und jung verstarb. Ihr Ehemann, Herzog Adolf von Nassau, ließ den Bau als Ausdruck seiner Trauer und als Zeichen der Verbindung zwischen Nassau und Russland errichten. Der Friedhof hinter der Kirche gehört zu den bedeutendsten orthodoxen Friedhöfen Westeuropas, hier befinden sich die Grabstätten von russischen Adelsfamilien, Künstlern – z. B. von Alexej von Jawlensky – Geistlichen und Emigranten, die Wiesbaden seit dem 19. Jahrhundert geprägt haben. Nur wenige Schritte entfernt steht der Monopteros, ein klassizistischer Rundtempel von 1851. Als Aussichtspunkt mit Tanzfläche ist er zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden.Eine weitere Besonderheit auf dem Berg ist das 1934 im Bauhausstil in Form eines Ozeandampfers unter Architekt Franz Schuster erbaute „Opel-Bad“. Es wurde durch eine 100.000-Mark-Stiftung von Dr. Wilhelm von Opel ermöglicht und steht unter Denkmalschutz.An den Südhängen des Nerobergs liegt ein Weinberg von 1525, einer der ältesten dokumentierten Weinberge Wiesbadens, der heute von den Hessischen Staatsweingütern Kloster Eberbach bewirtschaftet wird.Monopteros auf dem Neroberg © David Vasicel, CWICMNerobergbahn © wiesbaden.de, Foto Oliver HebelRussische Kirche © Martin Nicholas Kunz, WICM
15ThemaSchloss JohannisbergWeingut und kulturelles ZentrumVon Ursula MichalkeDas Schloss Johannisberg im Rheingau, oberhalb von Geisenheim, gilt als eines der renommiertesten Weingüter der Welt und hat die Entwicklung des europäischen Weinbaus entscheidend geprägt. Aber es ist weit mehr als nur ein Weingut. Es wurde zu einem Treffpunkt europäischer Diplomatie, Kultur und Wissenschaft und ist bis heute ein lebendiger Kulturort.Der Gebäudekomplex des Schlosses Johannisberg mit der Basilika inmitten der WeinbergeFoto: Fritz Geller-Grimm, WikimediaDie Geschichte des Schlosses, das hoch über dem Rhein gelegen einen weiten Blick über das Rheintal bietet, reicht bis ins Jahr 817 zurück, als Kaiser Ludwig der Fromme dem Kloster Fulda Weinberge am Johannisberg übertrug. Im 12. Jahrhundert entstand hier ein Benediktinerkloster, das dem Berg seinen Namen gab und den Grundstein für eine außergewöhnliche Weintradition legte. Wirtschaftlich schwierige Zeiten mit wechselnden Besitzern und mehrere Kriege führten zum Untergang des Klosters. Anstelle der Klosterruine begann 1716 der Bau des barocken Schlosses als Sommerresidenz für den neuen Besitzer Fürstabt Konstantin von Buttlar. Die Anlage wurde später mehrfach erweitert und ging im Laufe der Jahrhunderte durch die Hände bedeutender Adelsfamilien. Trotz aller politisch bedingten Besitzwechsel überstand die Weinbaudomäne die Zeit relativ unbeschadet. Seit 1720 wird auf dem gesamten Berg ausschließlich Riesling angebaut – ein weltweit einzigartiges Monopol. Berühmt wurde Schloss Johannisberg durch eine glückliche Fügung: die Entdeckung der Spätlese. 1775 verspätete sich der Kurierreiter aus Fulda, der die Leseerlaubnis überbringen sollte. Der Kellermeister wagte es, die Trauben, die bereits zu edelfaulen begannen, trotzdem zu keltern – es entstand ein Wein von ungeahnter Tiefe und Eleganz. Diese „verspätete Lese“ markierte den Beginn einer neuen Qualitätsstufe im deutschen Weinbau und machte den Johannisberg international bekannt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Schloss Johannisberg zu einem gesellschaftlichen und politischen Magneten. Klemens von Metternich, der das Schloss ab 1816 besaß, ließ den Hauptbau des Schlossgebäudes klassizistisch umgestalten. Es wurde zu einem Treffpunkt europäischer Diplomatie, Kultur und Wissenschaft. Nach schweren Kriegszerstörungen 1942 wurde das Schloss wieder aufgebaut. Es bleibt im Besitz der Linie Metternich-Winneberg. Das Weingut wurde modernisiert. Die steilen Südwesthänge, der mineralreiche Boden und das milde Rheinklima schaffen ideale Bedingungen für Rieslinge von außergewöhnlicher Präzision. Vom trockenen Spitzenwein bis zur edelsüßen Rarität entstehen hier Jahrgänge, die weltweit zu den besten ihrer Art zählen.Gleichzeitig ist das Schloss ein lebendiger Kulturort: Der Fürstvon-Metternich-Saal gehört zu den wichtigsten Spielstätten des Rheingau Musik Festivals, und die historischen Keller und Terrassen ziehen Besucher aus aller Welt an.Schon Johann Wolfgang von Goethe besuchte in den Jahren 1814 und 1815 den Johannisberg. Er genoss die Aussicht und lobte den Wein ausdrücklich. Auch Heinrich Heine geriet einst ins Schwärmen: „Der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen Statue des Spätlesekuriers ließe.“ Foto: Gabriele Delhey, Wikimedia
16ThemaEin Sommer voller MusikDas Rheingau Musik FestivalVon Ursula MichalkeDas Rheingau Musik Festival zählt zu den größten Musikfestivals Europas. Jeden Sommer bietet es ein breit gefächertes musikalisches Programm. Der Schwerpunkt liegt auf hochkarätigen Konzerten internationaler Künstlerinnen und Künstler.Das Musikfestival wurde 1987 durch Michael Herrmann ins Leben gerufen, mit der Idee, Musik, Landschaft und Kultur des Rheingaus zu verbinden. Es entwickelte sich rasch vom regionalen Projekt zu einem der größten Musikfestivals Europas.Zwischen Juni und September finden über 170 Konzerte in der gesamten Region von Frankfurt am Main über Wiesbaden bis zum Mittelrheintal statt. Einmalige Kulturdenkmäler wie Kloster Eberbach, Schloss Johannisberg, Schloss Vollrads und das Kurhaus Wiesbaden sowie lauschige Weingüter verwandeln sich in Konzertbühnen für Stars der internationalen Musikszene von Klassik über Jazz bis hin zu Kabarett und Weltmusik. Diese besondere Verbindung von Musik, historischer Architektur und regionaler Kulturlandschaft prägt das Profil des Festivals. Das nächste Rheingau Musik Festival findet vom 20. Juni bis zum 5. September 2026 statt. Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr der Pianist Hayato Sumino, dreifacher Opus Klassik-Preisträger. Er wird als Artist in Residence 2026 in zahlreichen Konzerten seine Virtuosität und musikalische Bandbreite präsentieren. Darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, Musik auch unter freiem Himmel zu erleben: Sechs Open-AirKonzerte, vom Sommerfest im historischen Ambiente von Schloss Johannisberg bis zu Musical Hits im Kurpark Wiesbaden laden zum Lauschen, Flanieren, Tanzen und Genießen ein.Spielstätten des Festivals: Ringkirche in WiesbadenBasilika von Kloster EberbachLutherkirche in WiesbadenKurhaus WiesbadenAlle Fotos: Wikimedia, Gerda ArendtSommerfest auf Schloss JohannisbergFoto: Florian Kresse
17ThemaDer Rhein als SehnsuchtsortDie Rheinromantik in Literatur und MalereiVon Karin BreuerDie Rheinromantik entstand im frühen 19. Jahrhundert, als der Rhein als Landschaft voller Geschichte, Sagen und Ruinen entdeckt wurde. Die Künstler suchten das „Erhabene“ – dramatische Felsen, Nebel, Burgen, Lichtstimmungen – und machten den Rhein zu einem Sehnsuchtsort Europas.Der Rolandsbogen, die Ruine oberhalb von Remagen, war im 19. Jahrhundert ein regelrechter Kultort der Rheinromantik. Der Ursprung basiert auf der Legende über die unerfüllte Liebe des Ritters Roland von Rolandseck und seiner Verlobten Hildegund. Die Legende beschreibt die Teilnahme des Ritters Roland am Krieg gegen die Mauren in Spanien. Bei der Nachricht von seinem Tode tritt seine Verlobte Hildegund, ihr Geburtsort war Burg Drachenfels, in das Kloster auf der Insel Nonnenwerth ein. Rolands Tod war aber eine Falschmeldung. Nach seiner Rückkehr konnte seine Braut ihn wegen den Ewigen Gelübden nicht mehr heiraten. Roland lebte dann einsam auf seiner Burg Rolandseck. Ritter und Nonne schauten hinauf und hinunter, bis sie starben, getrennt und doch mit unveränderter Sehnsucht nacheinander.Diese innige Legende über „ewige Treue“ („Versittlichung der Literatur“) verbindet literarische Elemente des altfranzösischen Epos Chanson de Roland (1100) mit diversen literarischen Veröffentlichungen in den folgenden Jahrhunderten in verschiedenen Ländern, bis sie im 18. und 19. Jahrhundert zu dem literarischen Thema wurde, dem viele nationale und internationale Schriftsteller mit Texten und dem Besuch des Rolandsbogen huldigten – und dadurch zur Rheinromantik führte. Heinrich von Kleist schrieb: „Ach, das ist eine Gegend wie ein Dichtertraum.“Auch Musiker und Maler waren von der romantischen Landschaft verzaubert. Die Ruine wurde unzählige Male gemalt, beschrieben und besungen. Besonders Künstler der Düsseldorfer Malerschule – darunter Andreas Achenbach – machten den Blick vom Rolandsbogen über das Rheintal zu einem ikonischen Motiv. Der Rolandsbogen im Abendlicht, der Rhein als mächtiger, aber friedlicher Strom, Schiffe, Weinberge, Burgen, diese Bilder prägten das touristische Bild des Rheins nachhaltig.Ferdinand Freiligrath (1810-1902) hat 1840 nicht nur für die Wiedererrichtung des Bogens gesorgt, sondern auch eine anthologische Sammlung von Texten, Gedichten und Sagen um den Rolandsbogen, den Ritter Roland und die romantische Rheinlandschaft herausgegeben, das Rolands-Album. Mit Nietzsche, Shaw, Apollinaire, Rolland, Bertram u.a. hielt das literarische Interesse großer Schriftsteller bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts an. 2010 wurde in einem Neuen Rolands-Album eine Sammlung aller Gedichte und Prosatexte mit den Darstellungen der Bildenden Kunst verbunden, 2019 eine neue Anthologie unter dem Titel Literarischer Weinberg Rolandsbogenzusammengestellt.Ein Weinberg auf dem Gelände der Unterburg, gewidmet dem französischen Dichter Apollinaire sowie dem deutschen Dichter Freiligrath, soll an das Zentrum der Rheinromantik und an die besondere Beziehung des Weinbaus am nördlichen Mittelrhein zu Poesie und Prosa dieser Periode und dieses Ortes erinnern. Er ist der einzige literarische Weinberg in Deutschland, der noch dazu von einem Mitglied des PEN, Prof. Dr. Kurt Roessler, angelegt wurde, mit 180 Rebstöcken Riesling.Andreas Achenbach, Blick vom Rolandsbogen auf das abendliche Rheintal, 1833Der Rolandsbogen im heutigen Zustand. Er wurde ab 2010 grundlegend saniert und 2013 in das bundesweite Förderprogramm \"National wertvolle Kulturdenkmäler\" aufgenommen.Foto: Karin Breuer
18Themakurz notiert130 Jahre Maifestspiele WiesbadenSeit 1896 finden in Wiesbaden – mit Ausnahme der beiden Weltkriege - in jedem Mai die Internationalen Maifestspiele statt. Jeweils vom 01.-31. Mai wird das Hessische Staatstheater zum Aufführungsort für herausragende internationale Opern-, Schauspiel-, Tanz- und Konzertinszenierungen – ein einzigartiges kulturelles Angebot, das ein breites Publikum aller Altersgruppen anzieht und begeistert. Die Internationalen Maifestspiele gehen auf die Initiative Kaiser Wilhelm II. zurück, der den seinerzeit äußerst beliebten mondänen Kurort auch kulturell zum Besuchermagneten machen wollte. Von Beginn an wirkten hochkarätige Ensembles aus aller Welt an den Inszenierungen mit und ließen die Festspiele zu einem der renommiertesten Kulturfestivals Deutschlands werden.In diesem Jubiläumsjahr haben die Intendantinnen Dorothea Hartmann und Beate Heine ein besonders vielfältiges Programm zusammengestellt. Höhepunkte im Veranstaltungskalender werden sicherlich das große Familienfest am 02. Mai sowie der 17. Mai sein, wenn in den Theaterkollonaden an einer langen weißen Tafel \"Déjeuner en blanc\" angeboten wird. SL Rheingauer LebensfreudeAuf Schusters Rappen durch Wiesbaden und das Rheingau – dafür gibt es wunderschöne Wanderrouten. Ob auf dem Rheingauer Klostersteig, an dessen Wegstrecke die Klöster Eberbach, Johannisberg, Marienthal, Nothgottes, St. Hildegard und Marienhausen (Aulhausen) liegen oder auf einem der 14 themenbezogenen Riesling-Schleifen durch die malerischen Weinberge der Region. Ob auf dem Rheingauer Gebück, auf dem Flötenweg, auf dem Mühlenwanderweg oder einem anderen der insgesamt 80 (Rund)Wanderwege. Überall kann man sich an der malerischen Landschaft erfreuen, allerlei Interessantes über den Weinbau und die Kulturlandschaft im Rheingau erfahren und – ganz wichtig – in einer der gastlichen Straußenwirtschaften oder Gutsschänken bei einem Glas Rheingauer Wein traditionelle Speiseangebote der regionalen Küche probieren und genießen, allesamt bodenständig und lecker: z. B. Spundekas, Handkäs mit oder ohne Musik, die Wingertsknorze, Wisperforelle, Tresterkäse oder Winzersuppe - Rheingauer Lebensfreude pur! SLRheingau Literatur FestivalJedes Jahr hält im September ein besonderer literarischer Jahrgang Einzug in einmalige Kulturstätten des Rheingaus: das Rheingau Literatur Festival. Idyllische Weingüter, Klöster oder Schlösser öffnen ihre Pforten für pure Leselust: Schriftstellerinnen und Schriftsteller stellen sich mit ihren Romanen und Sachbüchern vor und geben aus aktuellen oder bisher unveröffentlichten Werken Kostproben. 2026 findet die WeinLese bereits vom 27.-30. August und 24.-27. September statt. Zu den Veranstaltungsorten gehören in diesem Jahr das Weingut Baron Knyphausen, das Weingut Balthasar Ress, das Schloss Johannisberg, die Villa Belvedere und die Kelterhalle des Rheingau Musik Festivals. Den Abschluss bildet die Verleihung des Literatur Preises, der mit 11.111 Euro und 111 Flaschen besten Rheingauer Rieslings dotiert ist. Traditionell werden die Lesungen durch Literarische Weinwanderungen durch den Rheingau ergänzt: Auf den Spuren von Dichtern und Denkern. KBOrt der DemokratiegeschichteNeben vielen anderen Orten des Rheingaus ist auch das Jagdschloss Niederwald – bei Rüdesheim gelegen – ein geschichtsträchtiger Ort. Im „Grünen Salon“ des Schlosses kamen 1948 Konrad Adenauer und die elf westdeutschen Ministerpräsidenten dreimal zusammen, um die Grundlagen für die Arbeiten am deutschen Grundgesetz zu schaffen. UM
19RätselAuflösung aus Ausgabe 1/2026: Gesucht wurde die Pianistin und Komponistin Fanny Hensel geb. Mendelssohn Wissen Sie, wer ich bin?Die musikalisch hochbegabte Fanny Hensel-Mendelssohn stand ihr Leben lang im Schatten ihres Bruders Felix. Geboren am 14.11.1805 in Hamburg wuchs sie in einer wohlhabenden Familie auf. Die Eltern erkannten früh die außergewöhnliche Begabung der Tochter. Zunächst erteilte die Mutter ihr und Felix Klavierunterricht, später in Berlin ließen die Eltern sie von den besten Lehrern in Musiktheorie und Komposition ausbilden. Während Felix auf eine Laufbahn als Berufsmusiker vorbereitet wurde, musste sich Fanny damit begnügen, ihr Können lediglich im privaten Umfeld zu zeigen. Den Konventionen der Zeit entsprechend sahen die Eltern Fannys Bestimmung darin, sich auf die zukünftige Rolle als Ehefrau und Mutter vorzubereiten, nicht darin, öffentlich musikalische Auftritte zu bestreiten oder Berufsmusikerin zu werden. Immerhin durfte Fanny bei den ab 1823 regelmäßig in den im häuslichen Gartensaal veranstalteten hochkarätigen „Sonntagsmusiken“ die von ihr komponierten Klavierstücke und Lieder vor den teils sehr prominenten Gästen präsentieren und so das Auftreten vor Publikum üben. Nur zweimal konnte sie von ihr komponierte Lieder veröffentlichen – unter Felix Namen in dessen im Musikverlag Breitkopf und Härtel erschienenen Liederheften.Das ändert sich, als Fanny 1829 den Maler Wilhelm Hensel heiratete, den sie bereits als Siebzehnjährige kennengelernt hatte. Wilhelm bestärkte sie darin, ihre musikalischen Neigungen nicht den gesellschaftlichen Rollenerwartungen zu opfern und nur als Hobby zu betreiben, sondern ihr Können auch noch nach der Geburt von Sohn Sebastian 1930 zu praktizieren. Zur Aufführung kamen ihre Werke zwar weiterhin nur bei den „Sonntagsmusiken“, sie komponierte nun aber zunehmend größere Werke und erntete als Dirigentin, als Komponistin und vor allem als Pianistin und begnadete Beethoven-Interpretin den Beifall des Gartensaal-Publikums. Neue und wichtige Impulse für ihre künstlerische Entwicklung bekam Fanny während einer von ihr schon lange ersehnten Italien-Reise, die sie 1839/40 mit ihrem Mann und Sohn Sebastian unternahm. Während der Aufenthalte in Venedig und vor allem in Rom hatte sie zahlreiche Kontakte und Begegnungen mit bedeutenden Musikern, Intellektuellen und Vertretern aller Kunstbereiche, die sie inspirierten, ihre Kreativität anregten und Fannys musikalische Arbeit würdigten.Derart beflügelt komponierte Fanny nach ihrer Rückkehr nach Berlin ihr Reise-Album 1839 –1840 mit 18 Kompositionen, in denen sie die Erinnerungen an die Italienreise musikalisch dokumentierte und das ihr Mann mit Italienmotiven illustrierte. 1841 entstand Das Jahr – 13 Klavierstücke, die die zwölf Monate im Jahreskreislauf thematisieren, plus Nachspiel. Im Sommer 1846 beschloss die inzwischen 40-Jährige, gegen den ausdrücklichen Widerstand von Bruder Felix, ihre Kompositionen endlich systematisch unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. Der Diplomat und Komponist Robert von Keudell, den sie kurz zuvor in Berlin kennengelernt hatte, ermutigte und unterstützte sie dabei. Lange konnte Fanny ihr Vorhaben allerdings nicht mehr realisieren, denn sie starb nur wenige Monate später überraschend am 14. Mai 1847. SLHaben Sie mich erkannt? Die Auflösung gibt es in der nächsten Ausgabe.Moritz Daniel Oppenheim: Fanny Hensel, 1842 Foto: WikimediaIch wurde in eine italienische Künstlerfamilie hineingeboren. Kein Wunder also, dass ich bereits als Fünfjährige mit der Gitarre in der Hand gemeinsam mit den Eltern und den Geschwistern auf der Bühne stand. Singend, tanzend und mit verschiedenen artistischen Darbietungen tingelten wir durch die Lande. Dabei lernte ich ganz nebenbei sechs Sprachen fließend sprechen, die später meiner internationalen Karriere zugutekamen. Meine Solokarriere als Sängerin startete ich in Paris, zunächst mit Chansons und Jazz, in den 1950er Jahren in Deutschland dann allerdings mehr mit Schlagern und Tanzmusik. Tanzen war meine große Leidenschaft und besonders gern hatte ich bei den Auftritten meinen älteren Bruder als Tanzpartner. In Deutschland war ich so beliebt, dass ich sogar eine eigene TV-Personality-Show bekam, die erste überhaupt.
20Für Sie gelesenPorträt einer starken KünstlerpersönlichkeitAm 08. Februar 2026 wäre die zu Lebzeiten völlig verkannte Paula Modersohn-Becker 150 Jahre alt geworden – für den Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch Anlass, sie mit einer neuen Biografie zu würdigen. Vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Strömungen ihrer Zeit schildert der Autor Leben und Wirken der selbstbewussten Künstlerin, die sich bereits als Kind zur Malerei hingezogen fühlte und unabhängig von den seinerzeit vorherrschenden Kunstströmungen und allen gültigen Konventionen zum Trotz ebenso entschlossen wie kompromisslos ihren eigenen Weg als Künstlerin suchte. Im letzten Kapitel zeichnet von Brauchitsch die Rezeptionsgeschichte ihres umfangreichen Oeuvres nach. SLBoris von Brauchitsch, Paula Modersohn-Becker. Biografie, Insel Verlag 2025Aus der Stille ins LebenDer Autor Hans-Josef Ortheil zeigt dem Leser mit eindringlicher Intensität, dass die Sprache Grundlage und Voraussetzung für eine gesunde geistige und soziale Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen ist. Der in der Nachkriegszeit spielende Roman erzählt von einem durch ein Kriegstrauma stummen Jungen, der sich erst entdecken muss, um sich im normalen Leben zurechtzufinden. Der gesamte Roman ist ein Rückblick des erwachsenen Autors auf sein bisheriges Leben. Die Geschichte führt den Leser durch die frühen Jahre des stummen Jungen Johannes und seiner durch ein Trauma ebenfalls wortlos gewordenen Mutter – unfähig ihrem Sohn das Sprechen beizubringen.Das Geheimnis dieser Traumata wird für Johannes erst viel später aufgeklärt. Beide, Mutter und Sohn, sind in engster Symbiose gefangen. Den Kontakt zur Außenwelt bringt der Vater. Der Vater ist es auch, der seinem Sohn die Grundlage für erste Sprecherfolge möglich macht. Kleine Erfolge, Rückschläge und Neuanfänge ziehen sich durch diese biografische Emanzipationsgeschichte. Durch die Ich-Form des Erzählens und den immer wiederkehrenden Reflexionen können die Leser die Intensität und Empathie der jeweiligen Situation miterleben. Die zwar zunächst noch rudimentäre Sprache und die Liebe zur Musik werden zum Schlüssel, sich aus der familiären Enge zu lösen, er macht erste Gehversuche, die Welt für sich zu entdecken.Fast zeitgleich entstehen für Mutter und Sohn erste schmerzliche Risse in ihrer einengenden Symbiose. Der Junge erfährt zum ersten Mal ein Gefühl von Freiheit. Der Versuch eines Klavierstudiums scheitert. Durch die Ermutigung eines Lehrers findet der junge Erwachsene zu seiner eigentlichen Berufung. Er schlägt den Weg des Schreibens ein, das zum Kern seines Lebens wird. In diesem und vielen seiner veröffentlichten Bücher beweist Ortheil, dass er nicht nur seine, wenn auch spät erworbene Sprache beherrscht, sondern mit dieser wunderbar feinnervig umgehen kann. Ursula WeitkampHanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des LebensLuchterhand Literaturverlag, 2009Verkannte PionierinWer gern biografische Romane liest, findet in Das verborgene Genie der US-amerikanischen Schriftstellerin Marie Benedict eine ansprechende und interessante Lektüre. Darin lässt die Autorin ihre Leserschaft an den letzten zehn Lebensjahren von Rosalind Franklin teilhaben, einer beruflich zielstrebenden britischen Biochemikerin Mitte des 20. Jahrhunderts, deren Forschungsergebnisse die Grundlage für die Entschlüsselung der DNA waren, die trotzdem aber bis heute nahezu unbekannt ist. In ihrem Nachwort betont die Autorin die weitgehend fiktive, dennoch an den wenigen über die Privatperson Franklin verfügbaren Fakten orientierte Handlung. Dass die im Roman geschilderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die junge Wissenschaftlerin lebte und arbeitete, tatsächlich so gewesen sein können, wird man kaum bezweifeln; insbesondere, weil nicht sie die angemessene öffentliche Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistung erhielt, sondern Männer; 1962 sogar durch den Nobelpreis für Medizin. SLMarie Benedict, Das verborgene Genie Insel Verlag 2025
21Aktuelle KunstausstellungenCarl GrossbergSachlich – magisch – visionär22. März bis 30. August 2026Von der Heydt-Museum WuppertalDie Ausstellung widmet sich der Wiederentdeckung von Carl Grossberg (1894–1940), einer der herausragenden Maler der Neuen Sachlichkeit. In nur knapp 20 Jahren schuf er ein umfangreiches Werk, dass sich fast ausschließlich den Themen Architektur und Industrie widmet. Mit seiner formalen Klarheit und Strenge ist es Ausdruck eines neuen, fotografischen Sehens und spiegelt den technischen Fortschritt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.For your Eyes onlyMiniaturen der Romantik6. Februar bis 7. Juni 2026Hamburger KunsthalleDie in Rahmen, Broschen oder Etuis gefassten Kleinporträts zählten zu den persönlichsten und intimsten Bildnissen, die Menschen von sich malen ließen. Sie waren für nur ein weiteres Paar Augen bestimmt, konnten – oftmals direkt am Herzen – getragen und jederzeit betrachtet werden. Die Bildnisse sollten die Erinnerung bei langer Trennung wachhalten oder Trost beim Verlust eines geliebten Menschen spenden. Porträtminiaturen waren um 1800 in Europa weit verbreitet. Die Ausstellung widmet sich umfassend der facettenreichen Kunst der Miniaturmalerei in Hamburg von ihrer Blütezeit um 1800 bis zu den 1840er Jahren. Gezeigt werden über 250 Objekte. Zusammenstellung Ursula MichalkeRADIKAL. REAL.Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre 3. Juli bis 11. Oktober 2026Kunsthalle MannheimEs ist die größte Sonderausstellung in Deutschland seit mehr als 15 Jahren zum Nouveau Réalisme und seinem Umfeld. Zum ersten Mal entsteht dabei ein umfassender, vielseitiger und weltweiter Überblick über diese Kunstbewegung, deren Epizentrum in Paris liegt und deren internationale Ausdehnung über die 1960 von Pierre Restany initiierte und unterstützte Gruppe mit Mitgliedern wie Yves Klein, Niki de Saint Phalle und Christo hinausgeht.ICH, GUSTAVE COURBETMaler und Rebell17. Juli bis 8. November 2026Museum Folkwang EssenDie große Retrospektive widmet sich einem der prägendsten Künstler des 19. Jahrhunderts, einem künstlerischen Erneuerer mit schillernder Persönlichkeit – getrieben vom Streben nach Unabhängigkeit. In seiner Kunst spiegelt sich sein politisches Engagement wider, vor allem in Auseinandersetzungen mit den historischen Ereignissen und Umbrüchen in Frankreich, was 1873 dazu führte, dass er als politisch Verfolgter Paris verlassen und in die Schweiz flüchten musste. Gustave Courbet wandte sich gegen die idealisierte Ästhetik des Klassizismus und der Romantik und machte stattdessen das Leben einfacher Menschen und die Wirklichkeit zum Gegenstand seiner Malerei. Mit seiner kompromisslosen Haltung und seiner innovativen Maltechnik gilt Courbet als Wegbereiter der Moderne – ein Grenzgänger zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik.Gustave Courbet, L'Homme à la pipe, um 1849© Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole / Foto Frédéric Jaulmes Carl Grossberg, Selbstbildnis, 1928© Von der Heydt-MuseumAdélaïde Labille-Guiard (1749–1803) Selbstbildnis, um 1774 Aquarell und Gouache auf Elfenbein, 10,3 x 8,4 cm, um 1774 © The Tansey Miniatures Foundation, Celle, Foto: Birgitt Schmedding
22Aus dem VerbandZur diesjährigen Bundestagung in Wiesbaden vom 26. bis 27. April reisten insgesamt 58 Mitglieder aus den bestehenden vierzehn Gruppen an. Wiesbaden zeigte sich mit viel Sonne und frühlingshaften Temperaturen von seiner besten Seite. Das Dorint Pallas Hotel bot den geeigneten Rahmen für die Zusammenkunft und Feier zum 130-jährigen Jubiläum des Verbandes.Am Sonntagnachmittag stand der Besuch des nahegelegen Landesmuseums Wiesbaden auf dem Programm. Eine Gruppe erhielt eine Führung zu den Highlights der umfangreichen Sammlung des Museums, bei der anderen ging es durch die Sonderausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker… Oder wie Kunst ins Museum kommt“. Das Museum verdankt seine einmalige, hochkarätige Sammlung (s. a. Seite 6) den vielen Schenkungen. In dieser Sonderausstellung wurden diese bedeutenden Mäzene und ihre dahinter verborgenen Geschichten vorgestellt, beispielsweise fragte ein Mäzen jeweils vor dem Kauf eines Bildes beim Museum an, ob es für das Museum interessant wäre. Bei der Führung wurden wir auf einen Film über den großen Sammler Frank Brabant hingewiesen, der in der ARDMediathek noch zu sehen ist: BRABANT – Vom Nachtclub zur Millionensammlung. Sehr sehenswert!Nach den Führungen blieb noch ein wenig Zeit, sich selbstständig im Museum umzusehen oder sich in der gemütlichen Lobby des Hotels auszutauschen.Bundestagung 2026 in Wiesbaden© wiesbaden.de / Foto: Marcel WaldmannBewundernde Blicke zum Oktogon in der Eingangshalle des MuseumsFührung durch die aktuelle Sonderausstellung
23Aus dem VerbandFestabendDas Abendprogramm begann mit einem Sektempfang im Foyer. Nach der Begrüßung durch die Bundesvorsitzende Dr. Elisabeth Kessler-Slotta übermittelte Saskia Veit-Prang, Frauenbeauftrage der Stadt Wiesbaden, zunächst die Grüße des Bürgermeisters und der Bürgermeisterin der Stadt Wiesbaden. Anschließend wies sie darauf hin, wie wichtig es sei, das Erreichte nicht zu verlieren. Noch immer wird die Politik von Männern dominiert und auch gleicher Lohn für gleiche Arbeit – vor 100 Jahren gefordert – ist immer noch nicht erreicht. Bewundernswert sei es, dass unser Verein viele Veränderungen und Politisches überlebt und auch den Generationenwechsel in den Gruppen bewältigt habe. Zum Abschluss bemerkte sie, dass unser Verein Frauen ermutigt habe, tragbare Kleidung selbst zu nähen und dass auch sie ihre Kleider selbst nähen würde.Nach einem ausgezeichneten Dinner Buffet begann der Höhepunkt des Abends: die literarische Performance bedeutender historischer Frauen unter der Leitung von Prof. Ulla Dohmann. Den Anfang machte Elke Cronau (Gruppe Dortmund) in persona Dr. Sera Prölß. Sie war die maßgebliche Initiatorin des „Vereins für Verbesserung der Frauenkleidung“ und auch dessen Erste Vorsitzende.Danach erschienen Wiltrud Banschbach-Hettenbach und Ulrich Hettenbach (Gruppe Ludwigshafen/Mannheim) und führten als Berta und Carl Benz ein witziges Streitgespräch um die erste Fahrt von Berta mit dem von ihm entwickelten Automobil: Mutig, viel zu riskant – aber immerhin sehr erfolgreich.Marlene Szymanek (Gruppe Hamm) erklärte als Elisabeth Selbert, wie wichtig ihr die Gleichberechtigung war und wie lange sie darum kämpfen musste, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in das Grundgesetz aufgenommen wurde.Antje Rösener und Claudia Schrader (Gruppe Bochum) brachten Aenne Burda in Erinnerung, die eine der prägendsten Unternehmerinnen der Nachkriegszeit war. Mit strategischem Geschick, unbändigem Willen und einer klaren Vision formte sie aus einem kleinen Modeverlag ein globales Medienimperium. Mit Burda Moden machte sie für Millionen Frauen erstmals erschwingliche Mode zugänglich. Die Performance beendete Maria-Elisabeth Warnecke (Gruppe Herne) als Helene Lange, die Pädagogin, Publizistin und Politikerin und eine der zentralen Stimmen der bürgerlichen Frauenbewegung war. Sie kämpfte beharrlich für gleiche Bildungs- und Berufschancen für Frauen. Mit ihr diskutierte Ulla Dohmann (Gruppe Aachen) als Alice Schwarzer – die bekannte feministische Aktivistin und Gründerin der Zeitschrift EMMA – über die Frauen der Gegenwart und ihre Rückkehr in das konservative Rollenmodell als „Tradwives“.Reger Austausch der Mitglieder untereinanderWunderbare musikalische Umrahmung des Abends durch das Cello-Quartett der Leibniz-Schule WiesbadenSie stellten bedeutende historische Frauen und einen Mann dar, v. l. n. r.:Marlene Szymanek (Elisabeth Selbert), Antje Rösener und Claudia Schrader (Aenne Burda), Elke Cronau (Dr. Sera Prölß), Ulrich Hettenbach (Carl Benz), daneben versteckt sich Wiltrud Banschbach-Hettenbach (Berta Benz) Ulla Dohmann (Alice Schwarzer) und Maria-Elisabeth Warnecke (Helene Lange) Alle Fotos: Ursula Michalke
24Aus dem VerbandStabwechsel in Moers Verabschiedung der Ersten VorsitzendenIm Februar 2026 verabschiedete sich Anne Helmich bei der jährlichen Mitgliederversammlung von ihrem Amt der Ersten Vorsitzenden und übergab den Staffelstab an Ulrike Strobel, die sich freundlicherweise für die Nachfolge zur Wahl gestellt hatte. Frau Helmich kann auf eine Dekade erfolgreicher und mit viel Herzblut ausgeübter Tätigkeit zurückblicken. Es gelang ihr, ein breit gefächertes Programmangebot aufzubauen, das spannende Vorträge und interessante Tagesfahrten umfasste. In besonders kostbarer Erinnerung werden sicherlich auch die verschiedenen Jahresfahrten bleiben, die die Gruppe unter anderem nach Lothringen, in die Bodenseeregion und in Städte wie Murnau, Heidelberg, Wiesbaden, Weimar und Leipzig führte und den Teilnehmerinnen die dortigen kulturellen Highlights nahe brachte. Frau Esser als 2.Vorsitzende bedankte sich im Namen der Mitglieder für die erfolgreiche und ergebnisstarke Zusammenarbeit und die vielen Momente, in denen Anne Helmich mit ihrer Energie das Vereinsleben bereichern konnte. Für den neuen Lebensabschnitt seien ihr nicht nur viel Erfolg, sondern auch Freude, Mut und viele bereichernde Begegnungen gewünscht. Wie sagte schon Konfuzius: Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen. Und so haben wir Frau Helmich kennengelernt. Marlies Rohde, Gruppe MoersUlrike Strobel (links) und Anne Helmich Foto: privatJahreshauptversammlungVor Beginn der Mitgliederversammlung informierten Brigitte Korbach Brosda und Valentine Goldmann über das Frauen Museum Wiesbaden. Das 1984 gegründete Museum wurde mehrfach ausgezeichnet, 1997 mit dem Kulturpreis der Stadt Wiesbaden und 2024 als Museum des Monats durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Träger ist der gemeinnützige Verein Frauenwerkstatt Wiesbaden e.V. Sie sind auf Spenden angewiesen und freuen sich daher über unsere diesjährige Spende in Höhe von 1000 €, die für die Restaurierung eines Kunstwerks der Künstlerin Franca Weiss verwendet wird.Danach begrüßte die Bundesvorsitzende die Mitglieder und stellte die neue 1. Vorsitzende der Gruppe Moers, Ulrike Strobel, vor. Im Anschluss daran las sie den Jahresbericht 2025 vor. Der Kassenführer Dr. Ulrich Hettenbach berichtete über die Schwierigkeiten mit den Banken durch den Kassenführerwechsel, wodurch kein Kassenbericht zum heutigen Zeitpunkt erstellt werden konnte. Die Entlastung wird deshalb erst im nächsten Jahr erfolgen.Nach dem Kurzreferat der Redakteurin der Verbandszeitschrift empfahl die Bundesvorsitzende ausdrücklich die Teilnahme am Kunstseminar, das vom 17. bis 19. Juli stattfinden wird. Es ist das einzige Seminar des Verbandes, da das Literaturseminar wegen der zu geringen Nachfrage nicht mehr angeboten wird.Elke Cronau beendete ihre Tätigkeit als 2. Vorsitzende. Dr. Elisabeth Kessler-Slotta dankte ihr für die ausgesprochen gute und sehr konstruktive Zusammenarbeit in den letzten vier Jahren. Sie hob besonders ihre Vitalität, ihren Ideenreichtum und die unbedingte Loyalität hervor. Zu ihrer Nachfolgerin wurde Dr. Sigrid Lindner gewählt.Mit einem Dank an alle teilnehmenden Mitglieder, besonders an diejenigen, die das Abendprogramm so illuster gestaltet hatten und im Besonderen an Ulla Dohmann für die Organisation – auch des musikalischen Beitrags – beendete Dr. Elisabeth Kessler-Slotta die Jahresversammlung.Die nächste Bundestagung wird vom 18.–19.4.2027 in Darmstadt stattfinden.Ursula MichalkeErinnerung an das Kunstseminarmit Ulrike Kuschel:\"Feministische Kunst: Als das Private politisch und Frauen zu Subjekten wurden\"17. bis 19. Juli 2026 im Tagungskloster Frauenberg in FuldaAnmeldung bis zum 31.05.2026 beiDr. Ulrich Hettenbach unter: [email protected]
25Aus dem VerbandGruppen berichten von ihren VeranstaltungenDie Schwarzwaldmaler Hans Thoma und Franz Xaver WinterhalterTagesfahrt der Gruppe Freiburg nach Bernau und MenzenschwandAn einem wunderschönen Oktobernachmittag besuchten wir zunächst das 2024 neu konzipierte Hans-Thoma-Museum in Bernau. Dort erhielten wir eine Führung, die uns einen tiefen Einblick in das Leben und Werk des dort 1839 geborenen Künstlers gewährte. Thoma hielt die heimatliche Schwarzwaldlandschaft in vielen poetisch-romantischen Gemälden und Grafiken fest. Doch die Stationen seines Lebens führten ihn weit über Bernau hinaus. Er lebte in Düsseldorf, München und Frankfurt, reiste nach Paris und war mehrfach in Italien.Thoma war kein Avantgardist, sicher auch kein Impressionist, er pflegte eine eher traditionelle, naturnahe Malweise. Sein Erfolg stellte sich daher spät und erst mit 50 Jahren ein. Doch ab 1890 und in einer Zeit der raschen Industrialisierung fanden seine detailreich ausgeführten Bilder plötzlich großen Anklang. Schließlich zeigten sie eine heimelige Gegenrealität, einen Rückzugs- und Sehnsuchtsort, der die ländliche, vorindustrielle Lebensweise verklärte. Ab 1899 war Thoma sowohl Professor der Karlsruher Kunstakademie als auch Direktor der dortigen Kunsthalle. 1924 starb der Künstler hoch geschätzt in der badischen Residenzstadt. In unmittelbarer Nachbarschaft des Museums befindet sich die Kirche St. Johann. Dort konnten wir uns mit religiösen Sujets Hans Thomas, zwei großformatigen Altarbildern von 1912, vertraut machen.Danach stärkten wir uns mit Kaffee/Tee und Kuchen im Gasthaus Rössle und erlebten eine schöne Überraschung: Bekleidet mit der typischen Schwarzwälder Tracht trug Walter Kaiser amüsante Mundartgedichte vor. Eine Erfolgsgeschichte, die jene Hans Thomas sogar noch übertraf, erwartete uns im \"Le Petit Salon\" in Menzenschwand. Die beiden unterhaltsam vorgetragenen Führungen veranschaulichten den märchenhaften Aufstieg Franz Xaver Winterhalters (1805-1873) vom armen Bauernbub zum international tätigen Malerfürsten und Multimillionär. Eine filmreife Geschichte, denn der aus bettelarmen Verhältnissen stammende Winterhalter zählte im 19. Jahrhundert zu den gefragtesten Porträtisten und ging beim europäischen Hochadel ein und aus. Sein weltberühmtes Porträt der Kaiserin Elisabeth von Österreich prägt unser Bild von \"Sisi\" bis zum heutigen Tag. Jeder kennt dieses Gemälde, doch der Name seines Schöpfers geriet schnell in Vergessenheit. Seit seiner Gründung im Jahr 2008 hat es sich daher das kleine Museum zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an den Künstler und seinen wichtigsten Mitarbeiter, den deutlich weniger bekannten Bruder Hermann (1808-1891), wach zu halten. Antje Lechleiter, Gruppe Freiburg Hans Thoma: Das Kornfeld, 1892Foto: Wikimedia, MeCorbeauFranz Xaver Winterhalter: Kaiserin Elisabeth in Balltoilette mit Diamantsternen im Haar, 1865Foto: Wikimedia
26Aus dem VerbandKomponierende FrauenVortrag Dr. Claes J. BiehlDer Krefelder Komponist und Musikwissenschaftler Dr. Biehl nimmt uns mit auf einen weiten Streifzug durch die europäische Musikgeschichte. Zu allen Zeiten hat es musikalische Talente von Frauen gegeben. Sie erfuhren aber wenig Würdigung, wurden oft schnell und lange vergessen.Im antiken Griechenland musizierten Frauen auf Flöten, Schalmeien, Harfen, trommelten zu selbst erdachten Melodien und traten in Kultveranstaltungen auf. Vorausgesetzt, sie waren nicht verheiratet.Auch im alten Rom galt: „Mulier tacet“, die Ehefrau hatte zu schweigen. Da nun auch Prostituierte mit erotischen Liedern als Musikerinnen in Erscheinung traten, hatten die frühen Kirchenväter einen Grund, die Frauen erfolgreich aus dem öffentlichen Musikleben zu verdrängen: „Mulier tacet in musica.“Über Jahrhunderte blieb ihnen im Christentum nur der Rückzug ins Nonnenkloster. Unvergessen die Äbtissin [1] Hildegard von Bingen (1098-1179) als Universalgelehrte, als Naturforscherin, Ärztin, Dichterin und Komponistin: ihr zweistimmiges Ave generosa – wunderbare Vokalmusik! Ab dem 12. Jh. entwickelten sich die Frauenklöster zu neuen Machtzentren. Aus dem Zisterzienserinnenkloster Wienhausen bei Celle ist ein Liederbuch des 15. Jh. erhalten mit Hymnen, Kirchenliedern, Balladen, darunter die Vogelhochzeit.Aus dem frühen 17. Jahrhundert vom Medici-Hof in Florenz, eine Wiederentdeckung: [2] Francesca Caccini (1587-1640) mit einer Romanesca für Laute, Geige und Cembalo von großer Vielfalt!Zur Zeit des Absolutismus galt das Schweigen der Frauen in der Musik für den Hochadel nicht unbedingt. Am Hof Ludwig des XIV. musizierte [3] Elisabeth Claudet Jaquet de la Guerre (1665-1729) erfolgreich als Cembalistin. Sie komponierte Opern, Ballette, Kantaten, Kammermusik, war als freischaffende Künstlerin zu Lebzeiten sehr angesehen und wurde doch fast vergessen.Eine große Ausnahme für das weibliche Komponieren im deutschsprachigen Raum war [4] Prinzessin Anna Amalie von Preußen (1723-1787), die Schwester Friedrichs II. Wie ihre Freunde J.S. Bach und J. Quantz liebte sie das kontrapunktische Komponieren für Flöte und Cembalo.Im politisch zersplitterten Deutschland entstand in der „Berliner Liederschule“ ab Mitte des 18. Jahrhunderts gediegene Hausmusik in volkstümlichem Ton. Einige Melodien wurden erste Gassenhauer. Corona Schröter (1751-1802), vertonte klassische Lyrik. [5] Louise Reichhardt (1797-1826), in Berlin ausgebildet als Sopranistin und Musikpädagogin, gründete und dirigierte in Hamburg einen Frauenchor. Von ihr stammt Der Spinnerin Nachtlied.Nicht zu vergessen die Wiener Sängerin und Pianistin [6] Maria Theresia von Paradis (1759-1824). Mit vier Jahren erblindet, schuf sie ein umfangreiches, fast verschollenes Werk mit stilistischer Nähe zu Mozart, der sie kannte: Opern, Kantaten, Lieder, sehr viel Kammer- und Klaviermusik zur Aufführung in den Salons der Wiener Klassik.Musik der Romantik brachte überall in Europa neue Empfindsamkeit und mehr Individualisierung. [7] Fanny Mendelssohn-Hensel (1805-1847) gestaltete in Berlin in privatem Rahmen ein intensives Musikleben als Pianistin, Dirigentin, Konzertorganisatorin. Ihre über 450 heimlich komponierten, souveränen Partituren blieben lange unbekannt, nur z. T. vom berühmten Bruder Felix unter seinem Namen veröffentlicht. Ihr als Frau untersagte es die eigene Familie.[8] Clara Schumann (1819-1896) war von Jugend auf eine international bekannte Pianistin, Klavierpädagogin und Komponistin mit virtuosen Klaviersoli, Kammermusik und Liedern. Aus der 13-jährigen Ehe und Künstlergemeinschaft mit Robert gingen acht Kinder hervor. Clara blieb musikalisch aktiv, veröffentlichte das Werk des verstorbenen Mannes, wurde Muse und Beraterin von Brahms. Ihr eigenes Werk musste in den 1960er Jahren neu entdeckt werden.In der 2. Hälfte des 19. Jh. verbesserte sich die Situation der Komponistinnen. [9] Louise Farrenc (1804-1875) studierte am Pariser Conservatoire unter J.N. Hummel. Ihre symphonischen Orchesterwerke, in Frankreich bis heute gespielt, wurden professionell aufgeführt und kritisch gewürdigt. Ab 1842 hatte die virtuose Pianistin eine Professur für Anna Amalie von Preußen, um 1740 Klavierpädagogik am Conservatoire.Clara Schumann, 1853
27Aus dem Verband [11] Lili Boulanger (1893-1918) hospitierte bei Fauré, kannte Debussy. Geprägt durch den französischen Symbolismus gewann sie im Alter von 20 Jahren als erste Frau den Prix de Rome für die Kantate Faust et Hélène! Ihre tiefgründigen, innovativen Kompositionen sind bis heute bedeutend, vor allem Vokal- und Kammermusik. Krankheitsbedingt blieb eine Oper Fragment. 1917 entstand Vielle prière bouddhique, ein Jahr vor ihrem frühen Tod.Nach dem Studium in Leipzig und ersten Erfolgen in Deutschland schrieb [10] Ethel Smyth (1902-1996) neben Vokal- und Kammermusik sechs Opern, weltweit aufgeführt, in der New Yorker Met erstmalig als Werk einer Frau; am bekanntesten The Wreckers über Strandräuber in Cornwall. Hoch angesehen in der Musikwelt wurde die Komponistin 1922 geadelt.[12] Kaija Saariaho (1952-2023) komponierte nach Studien in Finnland, Deutschland, Frankreich zeitgenössische Musik. Typisch für ihr international erfolgreiches Werk mit Opern Orchesterwerken, Kammermusik ist die Kombination von elektronischer Musik und traditionellen Instrumenten, darunter neueste Technologien, re-synthetisierte Naturklänge, immer modern, nie technokratisch.[13] Olga Neuwirth (*1968) studierte Film und Malerei, erst dann Komposition. Frühe Erfolge feierte sie mit Kurzopern von Elfriede Jelinek. Neuwirth gehört zur musikalischen Avantgarde. Ihr oft preisgekröntes, facettenreiches Werk ist experimentell, radikal, provokant. Neben Musik für den Konzertsaal schuf sie Bühnenwerke, Filmmusiken, Installationen, Bücher, Filme.„Aktuell erleben wir eine wirkliche Hochphase weiblichen Komponierens, nachdem vor einigen Jahrzehnten die spezielle Förderung von Frauen auf diesem Gebiet begann. Zum anerkannten Musikkanon gehören die Kompositionen von Frauen noch nicht.“ So das Fazit des Vortragenden.Zum Portrait jeder Komponistin hat Dr. Biehl ein lebendiges Lebensbild entworfen, das in einem charakteristischen Musikbeispiel gipfelte; nebenstehende „YouTube-Liste“ ist auf der Moerser Homepage auch digital erreichbar. Edda Glinka, Gruppe MoersKomponierende FrauenEin Streifzug durch die MusikgeschichteAufstellung der Musikbeispiele[1] Hildegard von Bingen: Ave generosahttps://www.youtube.com/watch?v=Lbg4TSP44yU[2] Francesca Caccini: Romanescahttps://www.youtube.com/watch?v=bIYvV4CIAow[3] Élisabeth Jacquet de La GuerreSuite Nr. 1 für Cembalohttps://www.youtube.com/watch?v=HaYWhHChWGA[4] Anna Amalie von PreußenSonate in F-Dur: Adagiohttps://www.youtube.com/watch?v=8C-4LDfVUo0[5] Louise ReichardtDer Spinnerin Nachtliedhttps://www.youtube.com/watch?v=J5qBuC5UlXY[6] Maria Theresia von ParadisOuvertüre zu: Der Schulkandidathttps://www.youtube.com/watch?v=9SckVzifDQM[7] Fanny Mendelssohn-Hensel: Klaviertrio op.11[https://www.youtube.com/watch?v=SLhoZxcN8I0[8] Clara Schumann: Drei Romanzen op.21https://www.youtube.com/watch?v=TYdxYpRMlRE[9] Louise FarrencSinfonie Nr.3 g-mollhttps://www.youtube.com/watch?v=uLSww02ptiI[10] Ethel SmythOuvertüre zu The Wreckershttps://www.youtube.com/watch?v=dj9U3QLTd1c[11] Lili BoulangerVieille prière bouddhiquehttps://www.youtube.com/watch?v=vvvlnnm5vxc[12] Kaija SaariahoHUSH, Konzert für Trompete und Orchesterhttps://www.youtube.com/watch?v=Rovptc3BfwE[13] Olga Neuwirth: Vampyrotheonehttps://www.youtube.com/watch?v=NFEDl_K2u6oLili Boulanger, 1913 Alle Abbildungen: Wikimedia
28Aus dem VerbandSeit Jahrhunderten fasziniert die Menschen der Mythos von Atlantis, der versunkenen Insel. Weltweit suchte und sucht man nach dieser – an den unterschiedlichsten Orten wie z.B. im Mittelmeer, im Schwarzen Meer und selbst in der Nähe von Helgoland. Auch der historisch verbriefte Vulkanausbruch auf Thera 1600 v. Chr. wird mit Atlantis in Verbindung gebracht.Der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) hat das Inselreich als „jenseits der Säulen des Herakles“, also jenseits der Straße von Gibraltar verortet. Seine Werke gelten als schriftliche Quellen über das Schicksal von Atlantis. In den sog. sokratischen Dialogen Timaios, Kritias und Hermokrates wird die Geschichte der Insel von Sokrates (469-399 v. Chr.) erzählt, der diese von Solon (640 – 540 v. Chr.) erfahren hat. Solon selbst will die Geschichte von Atlantis auf seiner Reise nach Ägypten kennengelernt haben.Das Hauptthema der o.g. Schriften Platons bildet die Staatslehre. Der Philosoph stellt am Beispiel von Athen und Atlantis zwei Staatsutopien gegenüber: Athen bildet dabei den Idealstaat ab, gekennzeichnet durch Maßhalten, Bescheidenheit, Weisheit, Tradition und Beständigkeit, Wissensstreben und Tugend sowie Dauerhaftigkeit. Atlantis steht für das genaue Gegenteil: Maßlosigkeit, Gigantismus, Völlerei, Libido und Erotik sowie Unstetigkeit. Damit wird auch der Untergang der Insel vor 9000 Jahren durch eine Naturkatastrophe begründet.Stellt nun Atlantis bei Platon nur einen Mythos dar, um idealisierte Staatformen zu vergleichen sowie moralische Lehren zu vermitteln und keine historische Tatsache? Herr Müller erläuterte, dass Archäologen, Philologen und auch Ägyptologen durch die Quellenanalyse unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis gekommen sind.Der in Timaios erwähnte Solon hat bei seinem Aufenthalt in Ägypten einen einheimischen Priester als Fremdenführer an seiner Seite. Um diesen zu verstehen, bedient er sich eines Übersetzers. Dieser Umstand ist von entscheidender Bedeutung.Denn der Übersetzer vermischt zwei Themenbereiche, die der Priester erläutert: Zum einen den Untergang von Kulturen durch Naturkatastrophen, wie z.B. bei der Insel Thera, die ca. 1000 Jahre vor Sokrates durch einen Vulkanausbruch und ein Erdbeben zerstört wurde. Andererseits beleuchtet der Priester das Werden und Vergehen der Schöpfung als solcher anhand der Geschichte von der Insel Atlantis. Diese soll laut dem Priester vor 9000 Jahren untergegangen sein. 9000 Jahre sind dabei nicht als genaue Zeitangabe zu werten, sondern bezeichnet bei den alten Ägyptern einfach nur einen sehr langen Zeitraum. Die Insel und ihre Zivilisation werden durch moralischen Verfall, Korruption und Dekadenz letztendlich (durch die Götter) zerstört. Diese klassische, eschatologisch zu betrachtende Erzählung soll als Warnung für nachfolgende Zivilisationen dienen.Der Priester möchte Solon das ägyptische Weltbild erklären und so beschreibt er, dass am Anfang der Urozean „NUN“ stand – fälschlicherweise bezeichnet der Übersetzer gegenüber Solon diesen Begriff als „Ozean“. Aus dem Urozean tauchte der „Urhügel“ auf, auf dem der Schöpfergott Atum stand – der Übersetzer macht daraus eine „Insel ohne Namen“, die wiederum bei Platon zu „Atlantis“ (Insel des Atlas) wird. Der „Urhügel“, so erzählt der Priester weiter, ging vor 1000 Jahren im Urozean unter. Er will damit ausdrücken, dass die Schöpfung immer wieder untergegangen ist. Der Übersetzer erkennt in dieser Beschreibung allerdings die Zerstörung der Insel Thera. Also dort, wo der Priester im eschatologischen Sinn von der Schöpfung spricht, vom Zyklus von Aufstieg und Fall, von den Gefahren von Hybris und Dekadenz findet in der Übersetzung der Transfer zu einer historischen Begebenheit statt: Der Untergang der Insel Thera wird zum Schicksal von Atlantis. So ist der Mythos Atlantis aus Missverständnissen bei der Übersetzung vom ägyptischen ins griechische entstanden: die ägyptische Schöpfungsgeschichte wird auf diese Weise zu einem bis heute die Menschen faszinierenden Phänomen.Doris Kanzer, Gruppe BochumAtlantis – Insel ohne NamenVortrag von Rouven MüllerFiktive Karte von Atlantis von Athanasius Kircher, 1678Abb. Wikimedia
29Aus dem VerbandBundesvorstandBundesvorsitzende: Dr. Elisabeth Kessler-Slotta, Uhlandstr. 55, 44791 Bochum, Tel. 0234 580356, E-Mail: [email protected] Stellvertr. Vorsitzende: Dr. Sigrid Lindner, Steinkuhlstr. 87, 44799 Bochum, Tel. 0234 380329, E-Mail: [email protected] Kassenführer: Dr. Ulrich Hettenbach, Pfalzring 105, 67112 Mutterstadt, Tel. 06234 929744, E-Mail: [email protected]:Frank Schöpe, Hexentalstr. 18 d, 79249 Merzhausen, Tel. 0170 8150035, E-Mail: [email protected] des Verbandes: Deutscher Verband Frau und Kultur e.V., Postbank Essen, IBAN: DE91 3601 0043 0611 9184 39 Schriftführerin: Dr. Wiltrud Banschbach-Hettenbach, Pfalzring 105, 67112 Mutterstadt, Tel. 06234 929744, E-Mail: [email protected]änderungen und Neuanmeldungen:Anke Linsa, Apollinarisstr. 20, 53474 Bad Neuenahr, Tel. 02641 90 610 10, E-Mail: [email protected] Internet-Adresse des Verbandes: www.verband-frau-und-kultur.de (Geschäftsstelle)Internetbearbeitung:Silke Mayer, Blücherstraße 53, Berlin, Tel. 0170 7309234, E-Mail: [email protected] Verbandszeitschrift Redaktionsteam: Ursula Michalke, Thomas-Mann-Str. 6, 90763 Fürth, Tel. 0911 630536, E-Mail: [email protected] Dr. Sigrid Lindner, Steinkuhlstraße 87, 44799 Bochum, Tel. 0234 380329, E-Mail: [email protected] Sibylle Weitkamp, Hohenrode 28, 30880 Laatzen, Tel. 0511 22 17 23, E-Mail: [email protected]. Birgit Potthoff-Karl, Bordolloring 29, 67269 Grünstadt, Tel. 06359 802928, E-Mail: [email protected] 2026Deutscher Verband Frau und Kultur e. V.Aachen1. Vors. Prof. Ulla DohmannAachener Str. 51, 52134 Herzogenrath Tel. 02406 3736E-Mail: [email protected] 2. Vors. Anita BraunsdorfViktoriaallee 28, 52066 AachenTel. 0241 9003140 E-Mail: [email protected] Bochum1. Vors. Renate Ruhlig-SchulteBunsenstr. 24 44793 BochumTel. 0234 67126E-Mail: [email protected] 2. Vors. Antje RösenerHombecker Weg 4, 44793 BochumTel. 0234 330524 E-Mail: [email protected] Neuenahr-Ahrweiler 1. Vors. Anke Linsa Apollinarisstraße 20 53474 Bad Neuenahr-AWTel. 02641 9061010E-Mail: [email protected] 2. Vors. Ulrike WächterLandgrafenstraße 7 53474 Bad NeuenahrTel. 02641 752345Anschriften der Vorsitzenden aller Gruppen
30Aus dem VerbandDortmund1. Vors. Elke CronauKaiseradlerweg 26, 44229 Dortmund Tel. 0231 136200E-Mail: [email protected]. Vors. Bärbel Lorenz-HollmannKurt-Tucholsky-Str. 18, 59427 UnnaTel. 02303 53235E-mail: [email protected]. Vors. Dr. Ulrike KöckeAlexanderstr. 26, 45130 Essen Tel. 0201 779440E-Mail: [email protected] 2. Vors. Hannelore Trümper Worringstraße 2, 45289 EssenTel. 0201 578464E-Mail: [email protected]. Vors. Claudia Schall Hexentalstr. 18 d 79249 Merzhausen Tel. 0761 288258 ,mobil: 0170 8044141 E-Mail: [email protected]. Vors. Angelika KirschKirchstr. 7, 79100 Freiburg Tel.: 0761 70 74 50 40mobil: 0176 55 44 85 02 E-Mail: [email protected]ßen1. Vors. Brigitte SekulaAdalbert-Stifter-Str. 18, 35428 Langgöns, Tel. 06403 74851 E-mail: [email protected]. Vors. Doris SchmiederEisenstein 26, 35396 GießenTel. 0641 25092988 E-Mail: [email protected]. Vors. Marlene SzymanekBrokbrede 39, 59073 Hamm Tel. 02381 34623E-Mail: [email protected]. Vors. Grete RichterPirolweg 20, 59071 HammTel. 02381 880261E-Mail: [email protected] 1. Vors. Maria-Elisabeth WarneckeWeidest. 10, 44628 HerneTel. 0173 8921614E-Mail: [email protected]. Brigitte LandscheidHebbelstr. 2 d, 44623 HerneTel. 02323 490122 E-Mail: [email protected]/Mannheim1. Vors. Dr. Wiltrud BanschbachHettenbachPfalzring 105, 67112 MutterstadtTel. 06234 929744E-Mail: [email protected]. Gerda BindewaldHauptstr. 6 a, 67489 KirrweilerTel. 06344 9395173E-Mail: [email protected] Lübeck1. Vors. Lore EversHerrmann-Lange-Str. 6, 23558 LübeckTel. 0173 60 61 998E-Mail: [email protected]. Vors. Ragna RichterTel. 0179 3914353 E-Mail:[email protected]. Vors. Ulrike StrobelXantener Strasse 42, 47441 MoersTel. 02841 9989470 mobil: 015750378416E-Mail: [email protected]. Vors. Erika EsserEichenstr.181, 47443 Moers Tel. 02841 507618Münster1. Vors. Gilla ExternestBurchardstraße 20,48145 MünsterTel. 0251 393566, mobil: 0157 3910 5661 E-Mail: [email protected] 2. Vors. Ine WaaldijkWiener Straße 36, 48145 MünsterTel. 0251 392740E-Mail: [email protected]ürnberg1. Vors. Barbara KönigKupferschmiedshof 1290403 Nürnberg Tel. 0911 21086279E-Mail: [email protected]. Vors. Sigrid DuschekGebbertstraße 52, 91052 ErlangenTel. 09131 209945E-Mail: [email protected] des VerbandesBarbara Horney, Am alten Stadtpark 55, 44791 Bochum, Tel. 0234 581692Ehrenvorsitzende der GruppenDortmund: Ilse Monhemius, Kirchhörder Str. 19, 44229 Dortmund, Tel. 0231 7270228 Karin Rüger, Kleiner Floraweg 20, 44229 Dortmund, Tel. 0231 735200 Lübeck: Gundel Granow, Hauptstr. 8a, 23860 Klein Wesenberg, Tel. 04533 8535 Münster: Ingrid van Endert, Bösenseller Str. 146, 48161 Münster, Tel. 02536 201 Nürnberg: Ulrike Kreppner, Lorenzer Straße 22, 90402 Nürnberg, Tel. 0911 222645
31Personalia/ImpressumImpressumBlickpunkt frau und kultur, Ausgabe 2/2026Herausgeber:Deutscher Verband Frau und Kultur e.V.www.verband-frau-und-kultur.deBundesvorsitzende:Dr. Elisabeth Kessler-SlottaUhlandstr. 55, 44791 BochumTel.: 0234 580356E-Mail: [email protected] für Nichtmitglieder, Adressänderungen und Neuanmeldungen:Anke Linsa Apollinarisstr. 20, 53474 Bad Neuenahr-AWTel. 02641 9061010E-Mail: [email protected] für neue Abonnements: Jährlich 20 € inkl. PortoKonto für Verbandsabgabe und Abonnements:Dt. Verband Frau und Kultur e.V.Postbank Essen, IBAN DE91 3601 0043 0611 9184 39Druck:Druckerei Plettner, Schwabacher Str. 512a, 90763 FürthNachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion und mit Quellenangabe gestattet. Mit Namen gekennzeichnete Beiträge stellen nicht in jedem Fall die Auffassung der Herausgeber dar. Wir freuen uns über Ihre Mitarbeit an unserer Verbandszeitschrift. Schon jetzt bitten wir um Ihr Verständnis, wenn wir uns unaufgefordert zugeschickte Beiträge aus redaktionellen Gründen verändern, diese mit der Bitte um Überarbeitung an die Verfasserin oder den Verfasser zurücksenden oder ablehnen müssen. Redaktionsteam:Ursula Michalke Thomas-Mann-Str. 6, 90763 FürthTel.: 0911 630536E-Mail: [email protected]. Sigrid Lindner Steinkuhlstr. 87, 44799 BochumTel.: 0234 380329E-Mail: [email protected] WeitkampHohenrode 28, 30880 LaatzenTel.: 0511 22 17 23E-Mail: [email protected]. Birgit Potthoff-KarlBordolloring 29, 67269 GrünstadtTel. 06359 802928E-Mail: [email protected] der Gruppe Frau und Kultur Ludwigshafen/MannheimBrigitte Seiler, die 2025 bereits zur 40-jährigen Mitgliedschaft geehrt worden war, wurde bei der Mitgliederversammlung 2026 zum Ehrenmitglied ernannt. Seit 2000 betreut sie als Sachgebietsleiterin das Kunstforum und organisiert Führungen in diversen regionalen Museen und Künstlerateliers.Zusätzlich kümmert sie sich seit bald vierzehn Jahren innerhalb des Ludwigshafener Hackgartens, einer Initiative des WilhelmHack-Museums, um das Beet von Frau und Kultur.Sie ist vielseitig interessiert (Reisen, Kunst, Theater, Literatur, Musik und Sport) und wir wünschen Ihr, dass sie diesen Interessen noch lange nachgehen kann. Birgit Potthoff-Karl, Gruppe Ludwigshafen/Mannheim Brigitte Seiler Foto: privat
Unser VerbandUnsere ZieleUnser EngagementUnsere ZeitschriftVertreten ingehört zu den traditionsreichen Frauenverbänden Deutschlandsarbeitet überparteilich und überkonfessionellist über Gruppen in 14 Städten der BRD vertretenist vernetzt mit Verbänden ähnlicher Zielsetzung auf nationaler und internationaler Ebene, dem Deutschen Frauenrat, UN Women Deutschland, Bündnis Sorgearbeit fair teilenwww.verband-frau-und-kultur.deKulturelle Teilhabe und lebendige Kommunikation zu ermöglichenden Gedankenaustausch und eine öffentliche Meinungsbildung anzuregenden sozialen Zusammenhalt zu stärkendie Gleichstellung der Geschlechter und den Einsatz für deren Rechte zu intensivierenehrenamtliche Mitarbeit in unterschiedlichen Bereichen anzubietenOrganisation regelmäßiger Treffen zu Vorträgen Angebot von Arbeitsgemeinschaften zu einem breit gefächertem Programm Studienfahrten und Seminare zur Weiterbildunggruppenspezifische Netzwerke zu regionalen Kulturangeboten finanzielle Förderung sozialer wie bildungsrelevanter Projekte Blickpunkt frau und kultur erscheint viermal jährlichjeweils mit einem Schwerpunktthemamit Berichten zu den Gruppenaktivitätenmit Hinweisen auf Fortbildungsangeboteerreicht alle Mitglieder ist gegen Gebühr für Interessierte erhältlichAachen – Bad Neuenahr-Ahrweiler – Bochum – Dortmund – Essen – Freiburg – Gießen – Hamm – Herne – Ludwigshafen / Mannheim – Lübeck – Moers – Münster – NürnbergZeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V., gegründet 1896Thema der nächsten Ausgabe:Lebensraum NaturRedaktionsschluss für Ausgabe 3/2026:19. Juli 2026Anmeldung von Beiträgen zum Themabitte bis zum 30. Mai 2026Das Magazin dient der MitgliederbindungZeitschrift des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V.