SZ PHOTO/ CATHERINA HESS FRANK BIENEWALD/ LIGHTROCKET/ GETTY IMAGES ERIC LAIGNEL GETTY IMAGES/ MATT CARDY PIERRE JACQUES/ HEMIS.FR/ LAIF GETTY IMAGES/ MOMENT RF/ FLOTTMYND PICTURE ALLIANCE /ZOONAR/ OLIVER FÖRSTNER Bahnenziehen vor Bergen, Kopfsprung mit Kathedralenkulisse oder Schwimmen in einem Denkmal: zehn spektakuläre Outdoorpools, zusammengestellt von Annemarie Ballschmiter HOTEL DU CAP-EDEN-ROC PICTURE ALLIANCE / NICK ZONNA/NICK ZONNA / IPA WILDER WESTEN Der Pool des Amangiri in Canyon Point (Utah/USA) ist umgeben von dramatischer Fels- und Wüstenlandschaft. Suite ab 3570 Euro (mit allen Mahlzeiten) GRÜNER WIRD‘S NICHT Das Münchner Freibad Maria Einsiedel hat ausgedehnte Liegewiesen mit altem Baumbestand – und mitten durch fließt der Isarkanal. Eintritt: 6 Euro, Mai bis September geöffnet GROSSSTADTOASE Karibikblau schimmert das Wasser der Bagni Misteriosi (Geheimnisvolle Bäder) aus den 1930er-Jahren. Mitten in Mailand fühlt man sich wie Esther Williams. Tageskarte: 16 Euro. Bademütze im Wasser obligatorisch OLYMPISCH ERHABEN Wer im Piscina Municipal de Montjuic über Barcelona einen Salto vom Sprungbrett macht, dem liegt die ganze Stadt einschließlich der Kathedrale Sagrada Familia zu Füßen. Eintritt: 7,26 Euro. Von Juni bis 3. September göffnet POLARHEISS Fast am Ende der Welt, im Norden von Island, befindet sich das Schwimmbecken von Hofsós. Im 30 Grad warmen Wasser schwimmt man hier mit Blick über den Fjord auf die Drangey Insel. Eintritt: 8 Euro GRANDEZZA Das im See schwimmende Becken des Grand Hotel Tremezzo am Comer See (Italien) bietet auf der einen Seite den Blick auf die Berge, auf der anderen auf das Belle-Epoque-Gebäude. Im Garten gibt es einen weiteren Pool. DZ ab 880 Euro PLANESPOTTING Freien Blick auf die Landebahn bietet der Pool des 2019 eröffneten TWA Hotel am John F. Kennedy Airport in New York. Tageskarte: 45 Euro ART DECO DENKMAL Der dreieckige Jubilee Pool in Penzance an der Küste Cornwalls, 1935 eröffnet, steht unter Denkmalschutz. Seine Wassertemperatur liegt 1–2 Grad über der des Meeres (Juli 2023: 16 Grad). Eintritt: 8,20 Euro HAFENBAD Das Island Brygge Harbour Bath mitten in Kopenhagen hat Architekturstar Bjarke Ingels entworfen. Der Eintritt ist frei. Bis auf den Monat April ist es ganzjährig geöffnet LAVAMEER In den Naturschwimmbecken von Porto Moniz an Madeiras Nordwestküste schwimmt man streng genommen im Atlantik. Eintritt: 3 Euro. Ganzjährig geöffnet EINTAUCHEN MIT WOW GETTY IMAGES/ E+/ PAWEL.GAUL 16. JULI 2023 WELT AM SONNTAG NR. 29 STIL 51 © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
52 STIL ESSEN & TRINKEN WELT AM SONNTAG NR. 29 16. JULI 2023 KOCHSCHULE SOMMERKÜCHE Beim Grillen eines Huhns sollte man ein paar einfache Regeln beachten. Wer nicht gerade einen Drehspießgrill zur Hand hat, dem empfehle ich, das Tier zu zerlegen, so kommt die Hitze besser da an, wo sie hin soll. Zudem sollte man die jeweiligen Teile so präparieren, dass sie sich optimal auf dem offenen Feuer garen lassen. Am besten kauft man eine Poularde, die mit Mais gefüttert wurde, was man schon an der gelben Haut erkennt. Denn oft wird Geflügel mit Hülsenfrüchten wie Soja gemästet, was den Geschmack des Fleischs negativ beeinflusst, es bekommt dann eine Note von unreifen Erbsen. Die Voraussetzung für optimale Ergebnisse beim Grillen ist eine gut durchgeglühte Kohle – und lieber etwas zu wenig Hitze als zu viel. Bevor das Fleisch auf den Grill kommt, kann man noch Paprika, Zwiebeln, Frühlingslauch und andere Gemüse rösten. Neben selbst gemachtem Chimichurri passt zum Grillhuhn auch ein mildes Ajvar. VON VOLKER HOBL UND ROBIN KRANZ (FOTO); WEINTIPPS: MANFRED KLIMEK A Volker Hobl ist Koch und Foodstylist. Manfred Klimek ist Autor, Weinkritiker und Fotograf. VARIATIONEN VOM GRILLHUHN Die Holzspieße in Wasser legen, damit sie nicht gleich in Flammen aufgehen. Die Hühnerherzen vom Fett befreien und auf die vier Spieße verteilen. Die Orangenmarmelade, den Saft der Zitrone und die Lao-Gan-Ma-Chili in Öl mischen. Die Spieße für eine Stunde unter regelmäßigem Wenden marinieren. Dann auf den Grill legen, bis sie gerade gar sind und eine leichte Farbe bekommen haben. Sie sollten unbedingt warm serviert werden. Dazu noch mehr vom Lao Gan Ma reichen. Passt perfekt: Ein seltener Wein, eine seltene autochthone Traube: der Jacquere 2020 Cru Apremont der Domaine de Chevillard, gekeltert aus 100 Prozent Jacquere, eine generell seltene Rebsorte aus dieser bergigen, kaum bekannten Weinregion. In der Nase, selten bei Wein: Traube (Sauvignon). Dann Ribisel, nasser Stein und feuchtes Bahngleis. Im Mund, und deswegen hier passend: sehr streng, eine schöne Würze und Salzigkeit. Für 27,50 Euro bei gute-weine.de Zutaten Ca. 30 Hühnerherzen 1 EL Orangenmarmelade Saft einer halben Zitrone 1 EL Lao Gan Ma (Knusprige Chili in Öl mit Röstzwiebeln, Sojabohnen und Gewürzen – bekommt man im Asialaden) Salz, Pfeffer Holzspieße HERZEN MIT CHILI Den Ingwer schälen und in sehr feine Würfel schneiden. Das Zitronengras der Länge nach vom Stielansatz bis knapp zum Ende einschneiden, sodass das Aroma an das Fleisch abgegeben werden kann, das Zitronengras aber nicht auseinanderfällt. Von den Hühnerbrüsten das Innenfilet entfernen (das kann man separat grillen). Mit einem schmalen Messer der Länge nach ein Loch in die Brust stechen und das Zitronengras hineinstecken. Mit Salz und Pfeffer würzen, zuerst auf der Hautseite grillen, bis die Haut goldbraun und knusprig ist, dann von der Fleischseite grillen, bis auch diese Farbe bekommen hat. Nun die gegrillten Stücke noch fünf Minuten ganz am mich ein wesentlicher Signaturwein der Region. In der Nase ein Berg Steinobst, vor allem feuchte Marillenkerne und dann das, wovon Experten sagen, man könne es nicht riechen: Schiefergestein. Ich kann! Im Mund ein volles Maul Wein, immens dicht und auch hier ein Tick Salz. Für 15 Euro wieder bei gute-weine.de Zutaten 2 Hühnerbrüste 2 Stangen Zitronengras Ein kleines Stück Ingwer 1 Limette Salz, Pfeffer Die Zutaten in den Mörser geben und gut durcharbeiten. Kräftig abschmecken. Chimichurri passt zu allen hier zubereiteten Gerichten. Zutaten 6 EL fein gehackte Petersilie 1 Prise getrockneter Oregano 1 Prise getrockneter Thymian 3 EL Weißweinessig 4 EL Olivenöl Salz, Pfeffer Die Hühnerunterkeulen rings um mit einem scharfen Messer einschneiden und das Kniegelenk vom Knochen hebeln. So kann sich das Fleisch zusammenziehen, und man erhält eine hübsche Keule, die man gut in die Hand nehmen kann. Je einen Rosmarinzweig zwischen Keule und Knochen stecken. Den übrigen Rosmarin fein hacken und die Keulen in Paprika und Rosmarin wenden, mit Salz und Pfeffer würzen. Beim Grillen langsam vorgehen und ständig drehen, dass die Keulen auch bis zum Knochen hin gar werden. Passt perfekt: Ein Klassiker eines großen und hervorragend arbeitenden Winzers, der nach Adenauer keltert: Keine Experimente. Der Beaujolais Villages (Dorflagen) aus 2021 von Joseph Drouhin – dieser Gamay hat mit den Nouveau-Plörren genau nix gemeinsam. In der Nase wuchtig Kirsche, dann etwas, sehr gering, aber da, Cassis, gering Veilchen und ein Bund Wiesenkräuter. Im Mund – ich trinke diesen Rotwein bei zwölf Grad – konzentrierte Frucht und ein kleiner Wumms im Schluck. Für 15,90 Euro bei bremer-weinkeller.de Zutaten 4 Unterkeulen 5 Zweige Rosmarin 1 TL scharfes Paprikapulver Olivenöl Salz, Pfeffer Den Knochen der Oberschenkel auslösen und die Haut abziehen. Das Fleisch quer zum Verlauf der Muskeln parallel auf die Spieße stecken. So kann sich das Fleisch beim Garen nicht so sehr zusammenziehen und lässt sich gut wenden. Die Sojasoße mit der Fischsoße mischen und das Fleisch für eine Stunde marinieren. Vor dem Grillen abtropfen lassen, dann von beiden Seiten grillen, bis die Keulen gar sind. Währenddessen die Aprikosen halbieren und zuerst auf der Hautseite grillen, bis sie Farbe bekommen haben. Dann wenden und zu den mit Koriander bestreuten Spießen servieren. Passt perfekt: Ein Sake. Und zwar der schon einmal hier von mir beschriebene Sake Wien (kommt tatsächlich aus Wien) eines Quereinsteigers, der erstaunlich gut Sake keltern kann – er wundert sich selbst drüber. In der Nase Birne, dann rosa Grapefruit, dann ungeröstete Mandeln, sehr gering andere Nüsse und auch Marille. Im Mund ganz hervorragend ausgewogen – ein Faserschmeichler. Für 38,80 Euro bei augora.at Zutaten 4 Hühneroberschenkel 6 EL Sojasoße 3 EL Fischsoße 4 feste Aprikosen Ein paar Zweige Koriander 8 Metallspieße OBERSCHENKELYAKITORI KEULE MIT PAPRIKA BRUST MIT ZITRONENGRAS Rand des Grills ruhen lassen. Mit Limettenspalten servieren. Passt perfekt: Der Trarbacher Ortswein 2020 des sehr kleinen und präzise arbeitenden Familienweinguts Weiser-Künstler aus Traben-Trarbach an der Mosel. Weise Künstler sind die beiden Winzer, denn ihr Wein ist für CHIMICHURRIE © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. 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Ärmel. „Alles sah aus wie ein großer Chouchou“, so Jacquemus, also wie das stoffumwickelte Haargummi, das die junge Madonna populär machte. Damit der Look von damals nicht gestrig wirkt, streute der Designer noch ein wenig vorgestrigen, barocken Sexappeal à la Marie-Antoinette ein – mit Spitzenlingerie und Mini-Krinolinen. Nach den puristischen 90ern bedeuteten die Nullerjahre einen kulturellen und modischen Umschwung: Soziale Medien begannen sich zu etablieren und verbreiteten rasant Trends in alle Welt. Digitale Innovationen schufen Möglichkeiten, wie etwa die innovativen Designs von Iris van Herpen, die mit rapid prototyping und 3-D-Druck arbeitete. Kurzum: Das neue Jahrhundert versprach den großen Umschwung. Erst mal stieg die Party: bauchfreie Tops, das Schambein freilegende Hüftjeans, klebriger Lipgloss. Darauf folgte in den 2010erJahren eine Prüderie, die sich an den 70ern orientierte. Es gab einen hastigen Übergang von Minirock zu Momjeans, von High Heels zu Öko-Latschen und von Polyester zu Strick. Gleichzeitig erkämpfte sich Street- und Loungewear den Weg aufs Parkett. Mode war erst billig und danach bequem geworden. Nach der Corona-Zeit kehrten die freizügigen Nullerjahre eilig wieder auf die Laufstege zurück. Dort halten sie sich bereits erstaunlich lange. Nun aber erwacht ein neues altes Klassenbewusstsein. Allerdings mit etwas anderen Vorzeichen als in den 80ern. In Zeiten von steigendem Umweltbewusstsein und Inflation kaufen Modefans bei Secondhandplayern wie Vestiaire Collective oder The Real Real, wo Galliano-Kleider und Gucci-Pantoletten erschwinglich sind. Und weil Auftragen nur bei langlebigen Produkten möglich ist, werden die sozialen Medien zur Bühne für erwachsene, elegante Outfits aus hochwertigen Materialien wie Kaschmir, Seide oder Leder. Dort werden derzeit Stilvorbilder aus den 80ern geteilt: Caroline von Monaco, Lady Di sowie Frauen am Rande von Tennismatches und Polospielen in Marken wie Burberry oder Ralph Lauren. Auch Schulterpolster dominieren momentan die Schauen, zuletzt bei Saint Laurent, wo Anthony Vaccarello über Tops mit Leo-Muster scharf geschnittene anthrazitfarbene Nadelstreifenanzüge streift . Margaret Thatcher lässt grüßen – oder auch Joan Collins. S ogar das Streetwear-Label Vetements setzte bei seiner Show in Paris vor wenigen Tagen auf Eleganz. Der Designer Guram Gvasalia, Bruder des Balenciaga-Designers Demna, wiederbelebte jüngst das berühmte rote Abendkleid, das Julia Roberts in „Pretty Woman“ bei ihrem ersten Opernbesuch trägt. Der Film kam zwar erst 1990 in die Kinos, aber spielte noch mal den Traum vom sozialen Aufstieg durch, der die vergangenen Jahre geprägt hatte. Der mit Spannung erwartete Barbiefilm (Start: 20. Juli) passt in dieses Bild. Wenn man den Trailern glauben darf, wird er in seiner überzogenen Zuckrigkeit beides sein: eine Feier des ambitionierten Auftritts – und dessen Parodie. Er war einer der bekanntesten Werbeclips der 80er-Jahre: Die unnahbar attraktive Frau steigt morgens blond und kühl in den Flieger nach Mailand, trifft sich mittags an der Bar mit Geschäftsleuten und bringt am Abend in Hamburg ihre Kinder ins Bett. Das alles gelingt ihr nur mit dem Haarspray Drei Wetter Taft, das die aufwendige Frisur in allen Lebenslagen in Form hält. Das Filmchen beschrieb den Zeitgeist und die Ambitionen jener Dekade, in der Zickereien unter Frauen in Designerkleidung und bei einem Glas Champagner ausgetragen wurden (zumindest im „Denver Clan“). VON MARIA-ANTONIA GERSTMEYER Heute verbringen junge Frauen morgens wieder Stunden im Bad, konturieren und akzentuieren ihr Makeup. Laut Euromonitor wird 2023 ein Umsatz von 151 Milliarden US-Dollar bei Premium-Schönheitsprodukten erwartet, 2021 waren es nur 100 Milliarden. Und neuerdings, so sieht man es immer wieder bei TikTok, arbeiten sie sich auch noch zeitraubend Lockenwickler ins Haar für so eine fluffige, unzerstörbare Mähne wie die der Drei-WetterTaft-Frau. Das neue Bedürfnis nach mähnenhaften Kampffrisuren ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass die 80er demnächst modisch eine Rolle spielen dürften. Geld zu verdienen und auf eine konservative Weise reich auszusehen, das scheint, wie in den „Dress for success“-Jahren vorgelebt, wieder erstrebenswert. Die verkommenen Superreichen in der Serie „Succession“ spielen den Leitspruch „Gier ist gut“ in allen Varianten durch, und ihre Garderobe wird von Fans genauestens analysiert. Andere Serien wie „The Crown“, „Bridgerton“ oder „Young Royals“ zeigen die ungebrochene Begeisterung für Royales und traditionelle Werte, auch wenn die Figuren zuweilen dagegen aufbegehren. D ie Modemacher reagieren darauf. Seine Kollektion sei von Lady Diana inspiriert, erklärte der hellwache Simon Porte Jacquemus am Rande seines Defilees, das er kürzlich in den Gärten von Versailles zeigte. Als Stilikone hat die Prinzessin seit einigen Jahren wieder Konjunktur, aber der Designer interessierte sich nicht für ihre Radlershorts oder Schafpullover, sondern für den glamouröseren Teil ihrer Garderobe. Er ließ einen mehrere Hundert Meter langen roten Laufsteg neben den gewaltigen Wasserbecken installieren, die einst der Gartenarchitekt Le Nôtre entworfen hatte. Die Zuschauer, unter ihnen das Ehepaar Beckham sowie die Model-Berühmtheiten Emily Ratajkowski und Laetitia Casta, saßen in kleinen weißen Booten und bestaunten die Zeitreise, die Jacquemus ihnen präsentierte. Ein Choker mit fettem blauem Stein ähnelte deutlich der Perlenkette mit enteneigroßem Saphir, die Diana 1981 von Queen Mother zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Und die weißen Sahnehäubchenkleider erinnerten an die Rüschen, in denen sie 1981 Charles das Jawort gab und die Welt glauben ließ, hier stehe eine künftige Königin. Die aufgebauschten Silhouetten zitierten die 80er, genauso wie das gepunktete Kleid und die XXL16. JULI 2023 WELT AM SONNTAG NR. 29 STIL 53 Aufstiegstraum: Julia Roberts und Richard Gere in „Pretty Woman“ Wie die stoffumwickelten Haargummis, die Madonna in den 80ern populär machte: Chouchou-Kleider von Jacquemus, im Garten von Versailles Prinzessinnenchic und Kampffrisuren E Diana, „Denver Clan“-Schultern und Drei Wetter Taft: Die Mode der 80er kehrt zurück. Nach der Dominanz der Streetwear wächst die Lust an traditionellem Glamour Frisur sitzt: 80er-Werbung für das Haarspray Drei Wetter Taft SCREENSHOT VIA WELT AM SONNTAG PICTURE ALLIANCE/ UNITED ARCHIVES/ TBM JACQUEMUS/ FILIPPO FIOR JACQUEMUS/ FILIPPO FIOR A ls kürzlich die neue Ausgabe des „Gault-Millau“ in München vorgestellt wurde, habe ich die Gelegenheit ergriffen und bin zum Mittagessen in den „Werneckhof“ bei Sigi Schelling eingekehrt, die vom Restaurantführer am Tag zuvor als „Aufsteigerin des Jahres“ ausgezeichnet worden war. Die langjährige Sous-Chefin von Hans Haas im „Tantris“ hat sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht. Dass sie den bisherigen Küchenstil beibehält und teilweise bis hin zur Anrichteweise exakt die gleichen Gerichte wie unter Haas serviert, mag mancher Kritiker als nicht eigenständig genug bemängeln, aus eigener Erfahrung möchte ich aber gern eine Lanze für ihre Vorgehensweise brechen. Weil ich selbst lange Jahre als Sous-Chef bei Harald Wohlfahrt gearbeitet habe, weiß ich genau, welchen Anteil an der Entwicklung und Umsetzung von Ideen die zweite Person am Herd hat und wie oft die eigenen Ideen in die Gerichte einfließen. Und als Küchenchef weiß ich, wie sehr ich bei der Entwicklung von Gerichten auf eine kreative SousChefin angewiesen bin, in meinem Fall auf Sarah Hackenberg. In ihren 15 Jahren unter Hans Haas hat Sigi Schelling die Küche im „Tantris“ sicher entscheidend mitgeprägt. Dass sie weiterhin so kocht, ist ihr gutes Recht – und ein Glücksfall für viele Münchner Gourmets, die den „Werneckhof“, wie ich feststellen konnte, sehr gern besuchen. Hier herrscht eine Atmosphäre, wie sie sich nur in einem Restaurant entfalten kann, das hauptsächlich von Stammgästen frequentiert wird. Bei unserem Besuch saßen da zum Beispiel neun Gäste an einem großen Tisch und feierten ihren Lunch. Im Restaurant verbreitete sich eine sehr gelöste Stimmung, die sich auch auf uns übertrug. In diese zwanglose Umgebung passt die unkomplizierte Küche perfekt. Zum Einstieg bekamen wir eine Vichyssoise, eine geeiste Kartoffel-Lauch-Creme mit LimonenSchnittlauch-Öl, und einen Cracker, als Zweites gab es Gänseleberterrine mit eingelegten Kirschen. Der erste Höhepunkt war ein Klassiker aus dem „Tantris“, das KartoffelLauch-Püree mit Nussbutterschaum und einer großen Nocke Kaviar. Dieses Gericht habe ich bestimmt fünf Mal bei Hans Haas gegessen, man kann nichts hinzufügen oder es besser machen als Sigi Schelling an diesem Mittag. Das nächste Highlight war ein im Ganzen gegarter bretonischer Steinbutt, der am Tisch tranchiert wurde. Dabei zeigte sich das ganze Selbstverständnis von Schellings Küche und das hohe Level ihres handwerklichen Könnens. Der Fisch wurde in einer großen Braisière gegart und mit Butter arrosiert. Dazu gab es den feinen, säuerlich abgeschmeckten Bratenjus mit Kapern, TomatenConcassée und Kräutern. Einen Fisch, der so an der Gräte gegart wird und vor Geschmack nur so strotzt, bekommt man in Deutschland nur noch selten. Ich habe die Augen geschlossen und gedacht, ich wäre im Steinbutt-Himmel. Es folgten Ravioli vom Jungschwein mit saurem Rettich. Was sich wie ein regional-rustikales Gericht anhört, entpuppte sich als zwei mit allerfeinster Schweinefarce gefüllte Teigtaschen mit einer Rosette vom rosa gegarten Schwein, dem Rettich und einem wunderbaren Schweinejus – eine Verbindung von Aromen, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Ein echter Steinbutt-Himmel hängt im „Werneckhof“ übrigens an der Wand. Schon im „Tantris“ hat Hans Haas die Gräten der Fische ausgekocht, bunt lackiert und auf Drahtgestellen montiert. Die Installation im Lokal seiner Schülerin gab dem Lunch eine zusätzliche emotionale Note: Der wohlwollende Geist von Hans Haas steckt hier nicht nur in den Gerichten, sondern schwebt auch, in Gestalt seiner Kunst, über den Köpfen der Gäste. Im SteinbuttHimmel VON CHRISTIAN BAU Unser Kolumnist Christian Bau kocht im „Victor’s Fine Dining“ in Perl-Nennig, das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist ESSKRITIK © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
Logenplatz über dem Meer: die Aussicht auf die Adria in Grottammare MAURITIUS IMAGES/ SALLA_DINHO / ALL MAURITIUS IMAGES TRAVEL WELT AM SONNTAG NR. 29 16. JULI 2023 SEITE 54 REISEN B ahn-Fans lieben Japan. Denn in dem fernöstlichen Inselreich finden sie eine große Auswahl an unterschiedlichen Zügen und Strecken vor, von der Schmalspur-Bimmelbahn bis zum Superschnellzug Shinkansen, der mit bis zu 320 Kilometern pro Stunde durchs Land rauscht. Dazu gibt es grandiose Aussichten – und Fahrpläne, die auf die Minute eingehalten werden. Die Pünktlichkeitsquote liegt bei sagenhaften 99 Prozent. Hier und da beschleicht den Reisenden jedoch ein komisches Gefühl, wenn er mit der japanischen Bahn unterwegs ist. Vor allem dann, wenn es ihm gelungen ist, einen der begehrten Plätze ganz vorn im ersten Wagen direkt hinter dem Zugführer zu ergattern. Meist trennt nur eine Glasscheibe den Passagier vom Führerhäuschen und damit vom Ausblick nach vorn. Wer den Zugführer bei der Arbeit genau beobachtet, wundert sich: Alle zwei Minuten hebt er die Hand, deutet auf die Uhr und berührt allerhand Gerätschaften. Auch beim Ein- und Aussteigen der Passagiere fuchtelt er laut rufend theatralisch in der Gegend herum. Ähnliches geschieht auf den Bahnhöfen, bevor die Züge wieder losfahren: Erst wenn der Zugbegleiter oder die Bahnsteigbeamtin mit einem Fingerzeig optisch den Zug entlanggefahren ist, geht die Reise weiter. Doch wieso dieses ZugHandballett? Dahinter steckt ein ur-japanisches System namens Shisa Kanko, auch als „Pointing and Calling“ bekannt. Indem Zugführer, Schaffnerinnen und andere Bahnangestellte alle erforderlichen Checks mit Handbewegungen begleiten und den jeweiligen Status laut ansagen, stellen sie sicher, dass sie nichts vergessen und erhöhen so die Sicherheit im Zugbetrieb erheblich. So deuten die Schaffner, bevor die Türen geschlossen werden, jeweils mit ausgestrecktem Arm in beide Zugrichtungen und rufen ein lautes „Türen klar“, bevor sie den Knopf betätigen. Zugführer wiederum begleiten jede Geschwindigkeitsänderung mit einem Fingerzeig und der lauten Ansage der Kilometer pro Stunde. Für Außenstehende sieht das mitunter aus wie eine Slapstick-Komödie, während Shisa Kanko japanischen Reisenden keinen Blick mehr wert ist. Immerhin hat sich die Methode schon mehr als 100 Jahre bewährt. Wahrscheinlich geht sie auf den kurzsichtigen Lokomotivführer Yasoichi Hori zurück, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem begleitenden Feuerwehrmann alle Signale zurief, um sicherzustellen, dass er keines übersah. Der Kollege wiederum bestätigte die Ansagen – und zumindest der akustische Teil des Shisa Kanko war geboren. 1913 wurde das System offiziell Teil des Eisenbahner-Handbuchs, 1925 kamen auch die Gesten dazu. Wobei diese nicht „frei Schnauze“ ausgeführt werden dürfen. Wie es sich für Japan gehört, sind sie streng reglementiert. Das dafür zuständige Japan National Institute of Occupational Safety and Health hat eigens eine Liste der offiziellen Shisa-Kanko-Gesten für die japanischen Eisenbahngesellschaften entwickelt. Darin ist geregelt, wie die Pantomime auf dem Bahnsteig und im Zug auszusehen hat, von der Körperspannung bis zur Haltung der Finger. Die erforderliche Disziplin bringen die Bahnbediensteten, die sich keinen Fehler erlauben dürfen, ohnehin mit. Japanisches Bahn-Ballett VON FRANÇOISE HAUSER UNTERWEGS Fingerakrobaten: Japanische Bahnschaffner nutzen Handzeichen ALAMY STOCK PHOTO/ TREVOR MOGG Frisch aus dem Ofen, erfüllen die knusprigen Brotscheiben die milde Nachtluft auf der Piazza mit ihrem Aroma. Belegt sind die handtellergroßen Snacks mit dem Weichkäse Stracchino, mit einer Salami namens Ciauscolo und mit Friarelli, das ist ein delikater Stängelkohl. Es gibt aber auch die Option mit Trüffeln aus den Bergen des Apennin. Zu den Crostoni, wie hier die deftige Variante der Bruschetta heißt, wird ein Glas kräftiger Rotwein aus den Abruzzen serviert. Crostoni? Ciauscolo? Dass die Gäste viele seiner Zutaten und Gerichte nicht kennen, ist der Wirt Marco Romans in seinem kleinen Restaurant „Fleurie“ im mittelalterlichen Dorf Grottammare gewohnt. „Es sind die Italiener selbst, diejenigen, die aus anderen Regionen stammen, die mich immer wieder fragen, was es mit diesen Produktnamen auf sich hat“, erzählt Marco Romans. Denn sogar unter seinen Landsleuten ist die Region kaum bekannt. VON TESEO LA MARCA Die Marken sind gewissermaßen die Wade des italienischen Stiefels. Gelegen an der Adria und angrenzend an die Regionen Emilia-Romagna, Abruzzen, Toskana, Umbrien, Latium sowie an die Republik San Marino, sind die Marken so etwas wie das bestgehütete Geheimnis Mittelitaliens. Während die Strände in den anderen Regionen überfüllt sind, präsentiert sich hier ein geradezu unentdeckter Landstrich, weit ab von den Rennstrecken zwischen Mailand und Rom. Was für ein Glück für diejenigen, die den Weg hierher finden. Kommt man vom Meer, liegt Grottammare auf der ersten Anhöhe, bevor das Hügelland beginnt, mit Weinreben und Sonnenblumenfeldern, mit Mittelmeerzypressen und gelegentlich einem hoch gelegenen mittelalterlichen Dorf. Gen Westen türmt sich irgendwann ein Hügel auf den anderen, bis aus den Erhebungen schroffe Berggipfel werden, die bis weit in den Sommer hinein Schneehauben tragen: die Monti Sibillini. Und das alles, vom Meer bis zum alpinen Apenningebirge, spielt sich innerhalb von 40 Kilometer Luftlinie ab. EIN DESTILLAT ITALIENS „Wenn man beschreiben wollte, welche italienische Landschaft am typischsten ist, müsste man die Marken nennen“, schrieb der italienische Reiseschriftsteller Guido Piovene einmal über die Marken. Sie seien ein „Destillat Italiens“. Die Region vereint ja auch wie keine andere das Meer mit Hügeln und Berggipfeln, Wein mit Kultur, die Effizienz des Nordens mit der Lässigkeit des Südens. Und vielleicht genau deshalb führt sie ein Dasein als Mauerblümchen: Sie hat alles und steht deshalb für nichts Bestimmtes. Die „New York Times“ fragte einmal nicht zu Unrecht: „Sind die Marken die nächste Toskana?“ Seitdem sind zwar fast 20 Jahre vergangen, doch die Marken bleiben ein Geheimtipp. Zwar brachen die Besucherströme im Jahr 2022 vorherige Rekorde, doch mit rund zwei Millionen nehmen sich die Ankünfte in den Marken gegenüber den 14 Millionen Ankünften in der benachbarten Toskana geradezu mickrig aus. Was der Region folglich – und zum Glück – fehlt, sind Busse mit Tagestouristen, die Schlangen vor den Museen, und die Mühsal, die authentische Trattoria von der Touristenfalle zu unterscheiden. Der Tourismus in den Marken bringt offenbar gerade so viel ein, dass sich der Erhalt der Kulturstätten finanzieren lässt, aber nicht so viel, dass Müll, Staus und Menschenmassen zum Problem werden. In den mittelalterlichen Ortschaften (auf Italienisch: borghi) wie Grottammare merkt man das sofort. Die Kopfsteingassen sind sauber gefegt, die Fassaden der alten Häuser gepflegt. Und im Sommer gibt es sogar einen Gratisshuttle zum Strand. Wobei es sich lohnt, die Wegstrecke zu Fuß zurückzulegen. Der kürzeste Weg von der Ebene bis zum Dorf führt über das Innere eines der alten Wehrtürme, die im 16. Jahrhundert zum Schutz vor Piratenangriffen errichtet wurden. Die Treppen winden sich mühselig und scheinbar endlos nach oben. Wer sie erklimmt, wird durch eine spektakuläre Aussicht auf die darunterliegenden Ortschaften und die kilometerlangen Strände der Adria belohnt. Nicht ohne Grund wurde Grottammare 2021 zu den schönsten Borghi Italiens gewählt. JUGENDSTIL UND RITTERSPIELE Einzelne Besucher, die den Charme der Marken zu schätzen wussten, gab es zu allen Zeiten. In Ascoli Piceno, einer bedeutenden Stadt des Mittelalters, die an der Nahtstelle zwischen Hügel- und Bergland liegt, wird man überrascht sein, welche Persönlichkeiten im „Caffè Meletti“ schon Station gemacht haben. Das Philosophenpaar Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre hat hier, auf der zentralen Piazza del Popolo, Aperitif genossen, und natürlich Ernest Hemingway, der seine Unterschrift sowieso im Gästebuch jedes schönen europäischen Cafés in Europa hinterlassen hat. Wer selbst im Café einkehrt, um zum Aperitif eine Anisetta zu trinken – den traditionellen süßen Gewürzlikör, den der Ascolaner Silvio Meletti schon 1870, lange von der Eröffnung des Cafés, entwickelte –, fühlt sich um mindestens 100 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Unter einer hohen Stuckdecke sitzt man inmitten des bernsteinfarbenen Jugendstilmobiliars auf alten Bugholzstühlen mit Wiener Geflecht. Das Gefühl, in einer ganz anderen Zeit angekommen zu sein, gehört zu Ascoli Piceno wie der poröse Kalkstein Travertin, aus dem fast alle Gebäude hier bestehen. In dieser mittelgroßen Stadt mit kaum 50.000 Einwohnern macht der historische Kern noch fast das gesamte Stadtgebiet aus. Die Fassaden aus dem Mittelalter und der Renaissance machen den Stadtbummel herrlich pittoresk. Doch zugegeben: Das gibt es auch anderswo in Italien. Was die Zeitreise in Ascoli Piceno täuschend echt macht, sind eigentümliche, zugleich spannende Großevents wie die jährliche „Quintana“ mit ihren Ritterturnieren. Sie findet fünf Wochen im Hochsommer statt. Dann bevölkern Hundertschaften aus Fanfarenbläsern und Hofnarren, Fahnenschwingern und herausgeputzten Hofdamen, Bogenschützen und Reitern die zentralen Plätze der Stadt. 1500 Einwohner spielen mit. Neben prächtigen Umzügen stehen die Pferderennen und die Wettbewerbe der Bogenschützen und Lanzenstecher im Mittelpunkt des Festes. Diese Turniertradition geht auf das neunte Jahrhundert zurück, als die von der Arabischen Halbinsel stammenden Sarazenen dieses Gebiet überfielen und plünderten. Der Schock saß den Ascolanern auch später noch tief in den Knochen. Damit die Reiter auf künftige Invasoren besser vorbereitet seien, riefen die lokalen Herrscher verschiedene Turniere ins Leben. Das erklärt auch, warum die Attrappe, die die Reiter mit ihrer Lanze an der richtigen Stelle treffen müssen, geradezu klischeehaft arabisch aussieht. Die Augen sind mit schwarzem Kajal umrandet, dazu trägt die überlebensgroße Puppe einen Turban, Ohrringe und eine Halskette in Form eines Halbmondes. „EIN BISSCHEN MITTELALTERLICH“ Nach einer Pause von fast vier Jahrhunderten wurden die Ritterspiele der Quintana in der Euphorie des Wirtschaftswunders im Jahr 1955 wiederbelebt. Doch im Gegensatz zu anderen Historienspielen wurde die Quintana beim Neustart mit einer Feierlichkeit und einem Ernst begangen, als wäre sie nie ausgesetzt worden. Heute ist sie in der Stadt nicht mehr wegzudenken. Die Region Marken zwischen Apennin und Adria gilt als das bestgehütete Geheimnis des Landes. Sie bietet Sandstrände, Berge, mittelalterliche Dörfer, gutes Essen. Trotz dieser Vielfalt wird sie übersehen – zum Glück F Ritterturnier: Im Juli und August findet die Quintana in Ascoli Piceno statt PICTURE ALLIANCE / PACIFIC PRESS/ GIAN LUCA PALLAI Mit Ballons dekoriert: ein Party-Piaggio in einer Gasse von Grottammare MAURITIUS IMAGES / VIVIDAPHOTOPC/ ALL MAURITIUS IMAGES DAS ANDERE GETTY IMAGES/ WESTEND61 / LORENZO MATTEI Mystisch: Der Tempel von Valadier, eine Kirche aus Travertin, in einer Grotte © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. 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REISEN55 I n der Ukraine gibt es spezielle Puppen für das Glück, die gern als landestypisches Souvenir verschenkt werden. Sie sind aus Stoff gefertigt und heißen Motanka, was auf Deutsch „verwickeln“, „wickeln“ oder „binden“ bedeutet. Diese Puppen werden nicht genäht, sondern ohne Hilfe von Schere und Nadel aufgerollt und gebunden. Ein alter Glaube besagt, dass man sowohl gute als auch böse Gedanken nähen kann. Also lässt man Nadeln und Faden für die Herstellung besser weg. Man geht davon aus, dass es solche Puppen schon in der Antike gegeben hat. Damals repräsentierten sie die Einheit der Familie und die Verbundenheit der Generationen. Motankas gelten auch als Symbole der Fruchtbarkeit und der weiblichen Weisheit. Sie haben eine lange Tradition als Talisman, der die Familie beschützt, und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Neben dem Wunsch nach einer glücklichen Familie setzt man sie auch für Erfolg, Gesundheit, Glück und Harmonie ein. Außer ihrer zeremoniellen und beschützenden Bedeutung können sie auch einfach Spielpuppen für Kinder sein. Motankas haben ganz bewusst kein Gesicht mit Augen, Nase und Mund, sondern stattdessen ein Kreuz, das das Gleichgewicht der Vertikalen (Spiritualität) und der Horizontalen (die irdische Entwicklung des Menschen) darstellt und dazu beitragen soll, Harmonie herzustellen. Eine andere Interpretation ist, dass die horizontale Linie das Weibliche symbolisiert und die vertikale das Männliche. Ferner gibt es die Ansicht, dass man mit den gesichtslosen Puppen den bösen Blick umgehen wollte. Traditionell wurden die Puppen oft zu Anlässen wie Geburten und Hochzeiten angefertigt. Unverheiratete Mädchen sangen beim Herstellen der Puppen Hochzeitslieder. In der Ukraine ist es bis heute Brauch, die Motorhaube des ersten Autos des Hochzeitszuges mit einer Motanka zu schmücken. Die gesichtslosen Gestalten galten auch als Schutz für Reisende. Gern wurde ein kleiner Gegenstand in die Motanka eingenäht, wie zum Beispiel ein Stück Brot – als Symbol gegen Hunger. Es konnten aber auch Geldstücke, Körner oder Wolle sein, um so für Reichtum, Essen und Wärme zu sorgen. Ein besonderes Augenmerk galt schon immer dem Stoff, aus dem die Puppen hergestellt werden. Seide gilt als Symbol der Schönheit, Baumwolle steht für Lebensenergie und Leinen für Gelassenheit und Ruhe. Im privaten Rahmen werden gern die Stoffe der Kleider von Familienmitgliedern verwendet. Heute dienen Motankas meist der Dekoration. Eine große Auswahl gibt es auf dem Samstagsmarkt in Kossiw in der Westukraine. Online gibt es sie zum Beispiel bei der Wohltätigkeitskampagne United24 (techxonn.com). Dort kann man mit dem Kauf einer Puppe den Menschen in der Ukraine direkt helfen und bekommt damit zugleich auch jede Menge Glück zurück. Ein ukrainischer Glücksbringer VONKATHARINA KOPPENWALLNER Die Autorin bereist für ihren Berliner Laden „International Wardrobe“ die Welt. Was sie dort findet, stellt sie hier vor SOUVENIR In den Nationalfarben: eine MotankaGlückspuppe KATHARINA KOPPENWALLNER „Für die Ascolaner sind die Turniere kein Spiel, sondern schon lange ein unersetzlicher Teil ihrer Identität“, sagt Guido Spurio, der an der Organisation der Ritterspiele beteiligt ist. Grund dafür ist wahrscheinlich ein Charakterzug der Stadtbewohner, der sich tatsächlich seit dem Mittelalter kaum verändert haben dürfte: Es ist die tiefsitzende erbitterte Rivalität zwischen den einzelnen Stadtvierteln, den sogenannten „Sestieri“, die während der Ritterspiele, genauso wie vor 500 Jahren, gegeneinander antreten. „Vereint waren wir immer nur gegen äußere Feinde“, erzählt Guido Spurio, „aber innerhalb der Sestieri und der Familien gibt es unüberwindbare Rivalitäten.“ Diese Verbundenheit zum eigenen Viertel sei in Ascoli Piceno mit der Anhängerschaft zu einem Fußballklub vergleichbar, erzählt Spurio, und das durchaus mit allen Folgeerscheinungen. Auch die Quintana, habe ihre „Hooligans“ – Fans, die bis zum Äußersten gehen, um das eigenen Sestiere zu unterstützen. Im Jahr 2007 musste die Preisverleihung nach Raufereien ausgesetzt werden. „Ein bisschen mittelalterlich“ nennen andere Italiener augenzinkernd auch die Marchigiani, so heißen die Einwohner der Marken. Bei Menschen klingt das Adjektiv im Normalfall deutlich weniger schmeichelhaft als bei Gebäuden oder lokalen Bräuchen. Und doch ist es bei den hier Heimischen anders gemeint. Es geht um das Langsame und Gemächliche, die Lust an menschlichen Begegnungen und dem Austauschen von Anekdoten, die den Marchigiani eigen ist. Zugleich sind sie als ein bescheidener, bodenständiger Menschenschlag bekannt. Allesamt Eigenschaften, die sehr hilfreich sind, wenn es darum geht, Besucher willkommen zu heißen und sie am eigenen Leben teilhaben zu lassen. MUSIK IN DEN GASSEN Marco Romans, der junge Gastwirt in Grottammare, erzählt beispielsweise von seiner Ambition, Musiker zu werden. Dann aber sei vor einigen Monaten ein Freund an ihn herangetreten: Ob sie nicht zusammen ein Restaurant aufmachen wollten? Gesagt, getan. Es klingt nach einer Geschichte von typisch italienischer Leichtigkeit. Mittlerweile hat Romans festgestellt, dass sich seine musikalische Leidenschaft und der gastronomische Brotjob gut verbinden lassen. Noch spätabends serviert Marco Romans Spezialitäten und gute Weine aus der Region. Die Gäste lieben es, wenn er sich anschließend an sein Keyboard setzt und zum musikalischen Abschluss des Abends die neoklassischen Stücke von Ludovico Einaudi spielt. Wenn nur noch wenige Gäste da sind, dürfen sie Marco Romans sogar bitten, ihre Lieblingslieder zu spielen. Nur bei Schlagern von Al Bano oder Toto Cutugno lehne er ab, sagt der musikalische Gastwirt. Das werde ihm dann doch zu kitschig. Und Italien-Klischees, so viel ist nach einer Entdeckungsreise durch die unentdeckten Marken klar, begegnet man hier glücklicherweise nicht. Der Ort scheint jedenfalls Musiker schon lange zu inspirieren. Im Sommer 1868 verbrachte der ungarisch-österreichische Pianist Franz Liszt sechs Wochen in Grottammare . Er spielte täglich auf der Orgel, die noch heute im barocken Kirchlein an der Piazza steht. In einem Brief an einen Freund pries Liszt das milde Klima, das Blau des Meeres und die grünen Wogen des Hügellands. Seine Zeit in den Marken beschrieb er als eine der „schönsten und süßesten Erinnerungen in meinem Leben“. WIE KOMMT MAN HIN? Mit dem Auto über den Brennerpass. Mit der Bahn oder dem Flugzeug, etwa mit Lufthansa oder Ryanair nach Bologna, Weiterreise mit dem Mietwagen oder Regionalzügen. Zugtickets gibt es bei Trenitalia (italiatren.com/de). WO WOHNT MAN GUT? Grottammare: „La Torretta sul Borgo”, privat geführtes Bed & Breakfast in einem Stadthaus aus dem 17. Jahrhundert. Doppelzimmer mit Frühstück ab 55 Euro (latorrettasulborgo.it). Ascoli Piceno: „Palazzo dei Mercanti“, stilvolles Hotel in einem ehemaligen Kloster. DZ mit Frühstück ab 89 Euro (palazzodeimercanti.it). Um das Hügelland kennenzulernen, empfiehlt sich ein Aufenthalt in einem der zahlreichen „Agriturismi“, Ferienbauernhöfe, zum Beispiel dem „Agriturismo Oasi Biologica“ nahe dem mittelalterlichen Dorf Montedinove. DZ ab 90 Euro (oasibiologica.it). HISTORIENSPIELE Die fünfwöchigen Ritterspiele der „Quintana“ in Ascoli Piceno finden jedes Jahr im Juli und August statt. In diesem Sommer enden sie am 6. August mit dem Highlight: der Versammlung aller 1500 Teilnehmer in ihren Kostümen, dem historischen Umzug durch die Stadt und dem Lanzenstechen zu Ehren des Schutzheiligen Emidio (www.quintanadiascoli.it). WEITERE INFOS turismo.marche.it www.italia.it Quele:OpenStretMap Monti Sibillini Marken ITALIEN Abruzzen Adria Grottammare Ascoli Piceno Nationalpark Monti Sibillini km EUROPA Tipps und Informationen Typisch Marken: Im Juli blüht der Knoblauch auf den Feldern GETTY IMAGES/FRANCESCO RICCARDO IACOMINO ITALIEN © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
1. DER THERAPEUT FLUGHAFEN-KATER, KALIFORNIEN Reisefieber, Flugangst? Oder genervt von langen Warteschlangen bei der Abfertigung? Für solche Fälle gibt es seit ein paar Monaten in San Francisco einen Flughafen-Kater namens Duke. Sein Schnurren soll helfen, gestresste Passagiere in den Terminals zu beruhigen. Duke Ellington Morris, so der volle Name des Katers, gehört damit zur berühmten „Wag Brigade“, einem Team aus geschulten FlughafentherapieTieren. Er ist unter ihnen die einzige Katze, die meisten Einsatztiere der „Wedeltruppe“ sind Hunde. Seit zehn Jahren kommen Tiere in allen Terminals zum Einsatz, sie tragen ein Leibchen mit der Aufschrift „Pet me!“ („Streichele mich“) . Der Service ist gratis, über Spenden freut sich die verantwortliche San Francisco „Society for the Prevention of Cruelty for Animals“ – also eine Organisation, die Tiere vor Misshandlungen schützt. Sie hat gemeinsam mit dem Flughafen die Wedeltruppe gegründet. Die Tiere leben ganz normal bei ihren Haltern, mit denen sie dann stundenweise im Einsatz sind. Für Kater Duke ist das ein Happyend: Der Streuner wurde einst halb verhungert aufgefunden und aufgepäppelt. flysfo.com/passengers/services-amenities/ wag-brigade 2. DER FITNESSTRAINER HOTEL-LABRADOR, KANADA Der fünf Jahre alte schwarze Labradorrüde Bear ist der wohl beliebteste Mitarbeiter des Hotelresorts „Fairmont Banff Springs“ im Banff-Nationalpark in Kanadas Rocky Mountains. Als ein „Canine Ambassador“ (Botschafterhund) ist es sein Beruf, Gäste mit seinem gutmütigen Wesen zu begeistern, sich streicheln zu lassen und Besucher zu gemeinsamen Spaziergängen zu motivieren. Als Proviant und Belohnung für den Hund gibt es Wasser (mit kleiner Schüssel) und ein paar Leckerbissen, die Hotel-Mitarbeiter bereitstellen. Viele Hotels der FairmontGruppe haben solche bellenden Botschafter. Meist sind es Hütehunde wie Labradore und Golden Retriever, etwa das Pärchen Stanley und Calla im kanadischen Jasper, Ella und Elly in Vancouver oder auch Bixby und Gibbs in Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona. Nach Angaben der Hotelgruppe nutzen allein reisende Gäste gern die Hunde für einen Spaziergang, auch, um sich sicherer zu fühlen. fairmont.de/offers/fairmont-canine-ambassadors 3. DIE ENTERTAINER HOTELGARTEN-SCHWEINE, ENGLAND Wer einmal Hausschweinchen außerhalb eines Stalls im Garten beobachtet hat, weiß: Es handelt sich um intelligente, neugierige und verspielte TieWELT AM SONNTAG NR. 29 16. JULI 2023 RÄTSEL 22. Juli bis 20. August Beim Jubiläumsrätsel in WELT AM SONNTAG gibt es jedes Wochenende die Chance auf attraktive Gewinne im Gesamtwert von über 50.000 €. ANZEIGE 56 REISEN Tiere, die im Tourismus arbeiten re. Daher sind Minischweine als Haustiere durchaus beliebt – zumal sie, entgegen allen Vorurteilen, nicht stinken, gern baden und stubenrein werden. Wer im Urlaub im Süden Englands Schwein haben will, wird im „The Pig“ in Brockenhurst (Hampshire) fündig. Es ist das Stammhaus der gleichnamigen Hotelgruppe, von denen es in Großbritannien inzwischen mehrere gibt – kleine Hotels mit lässig-luxuriösem Flair, Shabby-Chic-Interieur sowie regionaler Küche nach dem Vom-Acker-aufden-Tisch-Konzept – und im Garten grunzen Kunekune-Schweine. Als „Resident Pigs“ sind diese bunt gefleckten Tiere dauerhafte Mitbewohner, landen also nicht auf dem Teller, sondern arbeiten als Entertainer für die Gäste. Dazu müssen sie weiter nichts tun, als frei herumzulaufen, wie etwa die Schweinchen Biggy und Spot. Diese KunekuneSchweine stammen aus Neuseeland, in der Sprache der Maori bedeutet ihr Name „rund und fett“. Mit ihren weichen Borsten, Stehohren und freundlichem Gemüt sind sie herzige Tiere. thepighotel.com 4. DIE KUSCHELTIERE ZWERGZIEGEN, ÖSTERREICH Für Kinder zählt das Zusammensein mit Tieren im Urlaub zu den allergrößten Wünschen. Viele Familienhotels, vor allem in Österreich, halten deshalb Zwergziegen im Garten oder in einem artgerechten Freigehege. Diese Tiere sind sehr gesellig, werden zahm – und bis zu 18 Jahre alt. So können Kinder ihre „Ferienzicklein“ immer wieder besuchen. Wie zum Beispiel im „Hotel Wagrainerhof“ im Salzburger Land oder auch im „Familienresort Petschighof“ in Kärnten. Das richtige Füttern mit der flachen Hand erfolgt unter Aufsicht, damit Kinder den behutsamen Umgang mit den Tieren lernen. Auch die Eltern sind explizit eingeladen, die HotelTiere besuchen zu dürfen. wagrainerhof.com; petschnighof.at 5. DIE MEDITATIONSLEHRER MELK-KUH, FINNLAND Viele mögen Milchprodukte, aber kaum jemand weiß, wie man Kühe mit der Hand melkt. Urlauber in Finnland können dieses fast meditative Handwerk lernen – in einem viertägigen „Cow Camp“ in Nordkarelien. Die Region mit ihren Bergen, Seen und Flüssen gilt auch unter Finnen als ideales Urlaubsziel für Naturliebhaber. In dieser Umgebung lernen jeden Sommer die Camp-Teilnehmer das traditionelle Leben auf einem Bauernhof kennen. Die braun gefleckten Rinder mit ihren Kälbchen werden auf den Weiden gehalten, die Kühe kommen nur zum Melken in den Stall. thecowcamp.com 2 5 3 1 4 FAIRMONT HOTELS & RESORTS JOSI PURHONEN/ COWCAMP PICTURE ALLIANCE/ WILDLIFE/ G.LACZ PICTURE ALLIANCE/ DPA/ LIBOR SOJKA SFO AIRPORT Fünf Urlaubsbegegnungen mit ganz besonderen Vierbeinern. Zum Streicheln und Schmunzeln. Von Maike Grunwald © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
WIE KOMMT MAN HIN? Direktflüge nach La Palma gibt es zum Beispiel mit Eurowings, Condor oder Lufthansa. WO WOHNT MAN GUT? Zum Beispiel mitten in den Bananenfeldern: Die Herrenhäuser einer ehemaligen Zuckerrohrplantage am Rande von Tazacorte an der Westküste gehören zur „Hacienda de Abajo“, DZ ab 190 Euro (hotelhaciendadeabajo.com/de). Exklusiv ist auch das kleine Hotel „Faro Punta Cumplida“, in dem Gäste in einem mehr als 150 Jahre alten Leuchtturm in Barlovento im Nordosten der Insel residieren, Suite ab 290 Euro (www.floatel.de). Die neu gebaute Ferienhausanlage „La Pequeña Maravilla“ in zentraler Lage bietet einen Blick auf den neuen Vulkan Tajogaite und über das weite Aridanetal, Apartment ab 75 Euro (lapalma-maravilla.com). Ebenfalls im Westteil der Insel, bei Los Llanos de Aridane, liegt das Resort „La Palma Jardín“ mit Wellnessbereich inmitten eines großen Gartens, Villa ab 100 Euro (lapalmajardin.com). WER BIETET VULKANTOUREN? Geführte zweieinhalbstündige Wanderungen zum neuen Vulkan, zur Caldera de Taburiente, in die Vulkantunnel von Las Manchas oder in die Lorbeerwälder buchbar über Graja Tours (wandern-auf-lapalma.de), Isla Bonita Tours (www.islabonitatours.com) sowie La Palma Outdoor, Canary Life Experience und La Palma Transfer & Tours (holaelpaso.es/de/erlebnisse/), ab 30 Euro pro Person. MEHR INFOS visitlapalma.es/de/; deutsch.lapalmacit.com Tipps und Informationen 16. JULI 2023 WELT AM SONNTAG NR. 29 REISEN 57 InselFöhr-Frühlingsgefühle,ErholungPur,Zwei exkl. Ferienhäuser, Neubau, 2-5 Personen, Wyk-Boldixum,www.haus-groenland.de Mallorca Valldemossa Exkl. Finca Meer-Klippe, atemberaubende Panorama-Meersicht, Sunset, 80 m2 (!) InfinityPool, Beachlandschaft, 2000 m2 trop. Garten, Kamin, ruhig, Sat-TV/WLAN, Golf 12 km, 2 SZ, 2 Bd, 2 Pers./Last minute: 29.07.-05.08.: € 3100 Tel. +41-79 503 30 00 www.valldemossafinca.com FERIENHÄUSER / -WOHNUNGEN INLAND NORDSEE BALEAREN FERIENHÄUSER /-WOHNUNGEN AUSLAND Eine echte Sehenswürdigkeit: unser Reisemarkt. Wir sind für Sie da! Ihr Kontakt zur Anzeigenberatung: welt-anzeigenservice@ axelspringer.de ANZEIGE D ie Wanderschuhe versinken knöcheltief in der Asche. Es läuft sich wie auf dunkelgrauem, weichem Schnee. Ein Wanderweg führt zum Bergrücken Cumbra Vieja im Westen von La Palma. Vorbei an Kiefern, mit verkohlten Stämmen, aber neu sprießenden Nadeltrieben. Die Natur erholt sich vom Vulkanausbruch. Jetzt kommen die Touristen. VON BRIGITTE JURCZYK „Alle wollen den Vulkan aus der Nähe sehen“, sagt Lotte von Lignau. Die auf La Palma lebende Deutsche weiß, wovon sie spricht. Sie kennt die neue Hauptattraktion von La Palma – den Tajogaite. „Entdecke den neuen Vulkan“, heißt die zweieinhalbstündige Wanderung, die von der Inselregierung freigegeben wurde. Sie liegt im Sperrgebiet. Das macht sie so reizvoll. „Niemand darf dieses Gebiet allein betreten, es gibt nur geführte Touren“, sagt die 41-Jährige, auch wenn sich der Vulkan längst beruhigt hat und friedlich vor sich hin raucht. Als einer von mehreren Vulkanguides mit Spezialgenehmigung bringt sie pro Tour maximal 14 Gäste in die neu entstandene Lavalandschaft am Tajogaite, die zuvor nur Vulkanologen kannten. A uf diesen Namen haben die Insulaner den neuen Vulkan getauft, der sich beim Ausbruch eines sogenannten Spaltvulkans 2021 unter Lavaeruptionen aus dem Berginnern geschoben hatte. Tajogaite, so heißt auch die Gegend um diese Eruptionsstelle. Die Landschaft, einst sanft zum Meer abfallend, wirkt wie eine Geröllwüste. Überragt vom neuen Vulkan. Große Lavabrocken markieren den Wanderweg. Lotte von Lignau zeigt auf ein Geröllfeld in der Ferne. Dort lag bis 2021 die Ortschaft El Paraíso, die unter der aufgetürmten Lavaschicht begraben wurde. Nur ein einziges Haus blieb durch Zufall verschont. E s geht immer weiter höher, etwa 183 Höhenmeter sind zu überwinden, bis zu einem Aussichtspunkt. Weißlicher Rauch wabert über dem Vulkan. „Das ist nur Wasserdampf, der aufsteigt“, beruhigt Lotte von Lignau. Viele Vulkantouristen wollen von ihr wissen, wie sie den Ausbruch erlebt hat. „Es kündigte sich mit lautem Grollen an, die Erde bebte, dann schoss eine Feuerfontäne in die Höhe“, sagt sie. Vulkanologen hatten rechtzeitig gewarnt. Sie und ihre Familie brachten sich in Sicherheit. Sie wirkt gefasst. Die Insulaner leben mit der Gefahr. 120 Vulkane reihen sich hintereinander auf dem 14 Kilometer langen Bergrücken Cumbra Vieja. Zwei von ihnen entstanden erst bei Eruptionen in den Jahren 1949 und 1971. Doch der jüngste Ausbruch von 2021 war der gewaltigste: Es dauerte drei lange Monate, bis die Erde sich wieder beruhigte und ein neuer Vulkan geboren war. Lotte von Lignau hat dem Tajogaite beim Wachsen zugesehen. Täglich sind sie und ihr Mann zu ihrem bedrohten Haus am Rande von El Paso gefahren. Sie haben die Asche von den Dächern gefegt, während sich der Vulkan weiter gen Himmel aufbaute. „Wir wussten ja nicht, wie weit die Lava fließen würde“, sagt sie. Die Familie hat Glück gehabt: Nur 200 Meter Luftlinie liegen jetzt zwischen der schwarzen Zunge aus fast erkaltetem Gestein und ihrem Grundstück. An insgesamt acht Stellen nördlich des Dorfes San Nicolás war damals die Erdkruste aufgerissen und ihr glühender Inhalt die Berge hinabgewälzt. Mindestens 7000 Menschen wurden evakuiert. Ganze Ortschaften versanken in der Lava – mit ihnen Schulen, Kirchen, Supermärkte, Straßen und Tausende von Häusern, Ferienanlagen und Hotels. Erst am 25. Dezember 2021, genau 85 Tage nach dem Ausbruch, hörten die Eruptionen abrupt auf. Zu dem Zeitpunkt war der Lavafluss bereits bis auf eine Breite von drei Kilometern angeschwollen. Er suchte sich seinen Weg ins Meer, nahe der Ferienorte Puerto Naos und La Bombilla. Beide sind bis heute gesperrt. Die Aufräumarbeiten dauern an, eine Schneise wurde in die Lavamassen gesprengt. Links und rechts der Fahrbahn ragen Hausdächer und Mauerreste aus der Lavaschicht, die an einigen Stellen bis zu 15 Meter dick ist. „Anhalten verboten“, steht auf Warnschildern. D ie Lava bedeckt eine Fläche fast so groß wie das Stadtgebiet von Hamburg. „Das sind rund zehn Prozent der Insel“, sagt Manuel Negro von der Marketingorganisation La Palma. „Von außen sah es so aus, als würden wir alle untergehen.“ Doch die Insel hatte Glück im Unglück. Niemand sei durch den Ausbruch ums Leben gekommen. Die Bilder des Lavainfernos gingen um die Welt, und viele Touristen blieben erst einmal verschreckt weg. Seit der Eröffnung des neuen offiziellen Vulkanweges sind sie aber wieder in Scharen da. Jetzt kommen nicht nur Strandurlauber zurück, auch Fans der Feuerberge reisen auf die Kanareninsel. Markus Sauermann aus Niedersachsen ist einer von ihnen. Er und seine Frau Yvonne und Sohn Cedric haben die Vulkantour extra vorab reserviert. Er sagt: „Man liest zwar viel über den neuen Vulkan. Aber eine echte Vorstellung von den Dimensionen kann man sich nur machen, wenn man selbst vor Ort ist.“ Weil das Interesse der Touristen groß ist, soll bald ein weiterer Wanderweg eröffnet werden, der sich dem Tajogaite von einer anderen, noch spektakuläreren Route her nähert. Z ehn Kilometer weiter nördlich vom Tajogaite ist von den Verwüstungen nichts mehr zu sehen. Die Restaurants von Tazacorte sind gut besucht, am Strand tobt das Beachleben wie eh und je. Doch La Palma setzt als zweites Standbein auf Geotourismus rund um den Vulkan. Das Instituto Volcanológico de Canarias bietet dafür Schulungen für Insulaner. Dieses Angebot nehmen auch Gastronomen wahr, die ihre von der Lava zerstörten Restaurants in Sichtweite des Vulkans wiederaufbauen wollen. Die „Ecotienda Cañaña“ beispielsweise, die unter der Lava in La Laguna begraben liegt, wurde in El Paso wiedereröffnet. Ebenfalls vom Geotourismus profitieren möchte Jonás Pérez von Islabonita Tours mit Vulkantouren. Sein Büro im gesperrten Puerto Naos kann er nicht mehr nutzen, das Unternehmen führt er nun von Santa Cruz aus. „Der Vulkan muss zurückgeben, was er uns genommen hat“, sagt der 46-Jährige. „Er ist nun unsere Hauptattraktion.“ T Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit La Palma & CIT Tedote. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit Vor zwei Jahren brach auf La Palma ein Vulkan aus. Längst hat er sich beruhigt – und der Kanareninsel eine außergewöhnliche neue Attraktion beschert Damals: 2021 brach ein sogenannter Spaltvulkan aus dem Bergrücken Cumbre Vieja GETTY IMAGES/ ANDREAS WEIBEL PICTURE ALLIANCE/ EUROPA PRESS/ ABACA Die Spur der Lava Santa Cruz LA PALMA (SPANIEN) Atlantik 2 km SPANIEN Kanarische Inseln Tajogaite El Paso Cumbre Vieja San Nicolás El Paraíso Los Llanos de Aridane La Laguna Puerto Naos La Bombilla Tazacorte BRIGITTE JURCZYK Heute: Touristen wandern durch die Aschelandschaft am Cumbre Vieja Meerespool: Charco Azul im Ostteil blieb vom Vulkanausbruch verschont PICTURE ALLIANCE / KLAUS OHLENSCHLÄGER Die Vulkanhöhlen Caños de Fuego entstanden bei einer Eruption 1949 SOMMER-RANKING USA sind die Nummer eins Das gefragteste Reiseziel bei deutschen Urlaubern, die in Hotels übernachten, sind die USA mit einem Marktanteil von zwölf Prozent. Das ergibt sich nach Angaben des Buchungs-Onlinetools Ratehawk aus allen deutschen Reisebüro-Buchungen für den Sommer 2023. Für Überraschungen sorgen Platz zwei und Platz drei: Norwegen und Japan sind diesen Sommer ebenfalls sehr beliebt. Es folgen Italien, Südafrika, Großbritannien und Frankreich. Portugal erreicht Platz acht, Spanien neun und Österreich den zehnten Platz. KIR SCHWEDEN Fähre ohne Fährmann In Stockholm ist mit der „MF Estelle“ die erste selbstfahrende Fähre in Betrieb. Das innovative Transportmittel wurde vom norwegischen Unternehmen Torghatten konzipiert und gebaut. Kosten: 1,5 Millionen Euro. Auf einer Länge von zwölf Metern bietet die Fähre Platz für bis zu 24 Passagiere. Seit Juni bedient sie die Route über den Riddarfjärden, der die Inseln Kungsholmen und Södermalm verbindet. Künftig soll sie als umweltfreundliche Alternative auch die Innenstadt mit den umliegenden Inseln verbinden. Ein Ticket ist für rund 2,80 Euro erhältlich. SFL/SRT ROM Barrierefrei in die Antike Im Kolosseum von Rom ist ein Lift eingeweiht worden, der Besucher mit Mobilitätseinschränkungen in die oberen Ränge bringt. Bisher mussten Touristen dafür 100 Treppenstufen erklimmen, nun geht es ganz bequem mit dem Aufzug in die Antike. Auch die Galerien im ersten und zweiten Stock wurden restauriert. Zeitgleich wurde auch ein weiteres Highlight der römischen Antike nach mehreren Jahren der Restaurierung für Besucher wieder eröffnet: der Tempelbezirk Largo di Torre Argentina, wo im Jahre 44 vor Christus Julius Caesar ermordet wurde. Über den Platz mit seinen vier Tempeln, der Kurie und Resten eines Aquädukts führt nun ein barrierefrei gestalteter Weg dicht an die antiken Bauten heran. RSR ISRAEL Neues Urlaubs-Resort am Yeruham-See Das israelische Tourismusministerium will das Bettenangebot in der NegevWüste erweitern. Geplant ist der Bau eines Urlaubs-Resorts auf dem Berg Shashash in der Nähe des YeruhamSees mit 250 Zimmern. Außerdem sollen in den nächsten Jahren auch vier Agrotourismus-Siedlungen entstehen. Ein Erholungspark mit Pools ist ebenfalls geplant. RSR GRIECHENLAND Zakynthos-Strand gesperrt Die griechische Regierung hat einen der bekanntesten Strände des Landes, den Navagio-Strand auf Zakynthos, komplett gesperrt. Ein Aufenthalt an Land, das Schwimmen in der Bucht, aber auch das Ankern von Schiffen ist verboten. Nur noch Ausflugsboote dürfen Touristen an festgesetzten Punkten in die Nähe des Strandes bringen – und das auch nur für 20 Minuten. Der Navagio-Strand ist mit Schiffswracks eines der meistbesuchten Ziele Griechenlands. RSR NACHRICHTEN © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
Am Ufer hocken Fischreiher und Stockenten. Beinahe jedes Haus am Wasser hat einen eigenen Bootssteg, an dem Kanus vertäut sind. Auf der Sachsenbrücke im Clara-Zetkin-Park genießen Einheimische und Urlauber die Abendsonne, lassen ihre Füße über dem Wasser baumeln. Hinter der Könneritzbrücke schaukeln venezianische Gondeln auf dem Wasser. So mediterran kann Leipzig sein. VON HANNE BAHRA Es wäre übertrieben, die Sachsenmetropole mit der italienischen Lagunenstadt an der Adria gleichzusetzen. Immerhin um die 300 Brücken kann man in Leipzig überqueren. Das sind zwar weniger als in Venedig, wo es etwa 400 gibt. Doch venezianisches Flair umweht tatsächlich hier und da die Brückenpfeiler – und erst recht die schwimmende Terrasse des italienischen „Ristorante La Gondola“. Zwei tiefschwarz lackierte Gondeln, ausstaffiert mit roten Teppichen, warten vertäut auf Gäste wie in der Lagunenstadt. Der Gondoliere trägt auch in Leipzig den traditionellen Strohhut mit Bändchen, geringeltes Shirt, schwarze Hose. Wie dieses Gasthaus haben sich an den Wasserwegen unzählige weitere Cafés und Restaurants angesiedelt. Überall kann man auf Uferwegen entspannt sitzen, essen, radeln oder flanieren. Leipzig ist eine Wasserstadt. Flüsse wie Weiße Elster, Pleiße und Parthe, Dutzende Bäche und Kanäle durchfließen das Stadtgebiet mit einer Gesamtlänge von gut 186 Kilometern. Neben den Gondeln als den exotischsten Wasserfahrzeugen lässt sich die Stadt vom Wasser aus auf viele weitere Arten entdecken: in Schlauchbooten, Kajaks und auf Stand-up-Paddelboards, es gibt geführte Bootstouren und Bootsverleih. Ein Highlight ist der Karl-Heine-Kanal im Leipziger Westen. Hier ließ der Unternehmer Karl Heine Mitte des 19. Jahrhunderts eines der größten deutschen Industriereviere hochziehen. Längst sind die Fabrikgebäude links und rechts des Kanals saniert: Wohnen im historischen Industrial-Design-Ambiente. Das einst rußgeschwärzte Viertel Plagwitz beheimatet nun einige der begehrtesten Adressen der Stadt. Hinter der 250 Meter langen Klinkerfassade der ehemaligen Buntgarnwerke fertigten früher bis zu 2000 Menschen Tapisseriegarne. Heute ist der Komplex eines der europaweit größten Industriedenkmale, hinter den rot-weißen Wänden aus Back- und Naturstein befinden sich Lofts. Auf den Balkonen stehen Sonnenschirme und Palmen, der Wasserblick ist unverbaubar. F ast hätte Leipzig sogar eine Verbindung zum Meer bekommen. Der gut drei Kilometer lange Karl-Heine-Kanal sollte einst Teil eines Schifffahrtsweges von der Weißen Elster zur Saale und weiter über Hamburg zur Nordsee werden. „Von der Elster an die Alster – das ist kein Witz“, so sei es gedacht gewesen, sagt Frank Fechner. Der 59-Jährige gehört als Gründungsmitglied des Vereins „WasserStadt-Leipzig“ zu denen, die seit Jahren ein altes Vorhaben wiederbeleben wollen: die Sachsen-Metropole an die Weltmeere anbinden. So, wie es Karl Heine vorschwebte, dessen Pläne jedoch im Sande verliefen. Eigentlich fehlt tatsächlich nur ein letztes Stück Kanal, ein Durchstich. Der elf Kilometer lange Saale-ElsterKanal, das Verbindungsstück, liegt isoliert durch zwei Landstreifen wie ein vergessenes Versprechen in der Landschaft – nur sieben Kilometer von der Saale entfernt. Frank Fechner hofft, irgendwann werde Hamburg doch noch zum Vorhafen von Leipzig. Mit der Schute „Luise“ seines Vereins „Wasser-Stadt-Leipzig“ – einem offenen, hölzernen Nachbau jener Transportkähne, die einst über den Karl-Heine-Kanal schipperten – geht es unter 14 Brücken hindurch und vorbei an historischen Industriegebäuden und alten Villen, neuen Wohnhäusern und Parks. An Leipziger PADDELei Die sächsische Metropole lässt sich ganz entspannt vom Wasser aus entdecken. Mit dem Boot, mit der Schute oder vom Ponton aus. Es gibt A sogar einen Gondoliere Wundt KönigJohannBrücke Pleiße Weiße Elster Sachsenbrücke „Ristorante La Gondola“ Lindenauer Hafen Leipzig Karl-Hei Karl neKanal Könneritzbrücke Luisenbrücke m SACHSEN Quele:OpenStretMap GERHARD WESTRICH/ LAIF PICTURE ALLIANCE/ DPA/ HENDRIK SCHMIDT GETTY IMAGES 58REISEN W ELT AM SONNTAG NR.29 16.JULI2023 Unterwegs auf dem Wasser WOHNEN MIT WASSERBLICK Inklusionshotel „Philippus Leipzig“ in Plagwitz, mit Bootsanleger und Biergarten am KarlHeine-Kanal, Doppelzimmer ab 89 Euro mit Frühstück, www.philippus-leipzig.de. Apartmenthaus „Elster Lofts“ im ehemaligen Buntgarnwerk direkt an der Weißen Elster, ab 60 Euro/Nacht (elster-lofts.apartment-leipzig.de). BOOTSTOUREN Der Bootsverleih Herold, ein mehr als 130 Jahre bestehender Bootsbaubetrieb an der Weißen Elster, verleiht Paddel-, Ruder- und Elektromotorboote und veranstaltet geführte Touren mit Motorbooten (bootsverleihherold.de). Der Bootsverleih Klingerweg veranstaltet geführte Kanutouren durch die City und Motorbootrundfahrten (www.bootsverleih.scdhfk.de). Beim Bootsverleih Leipziger Eck im Stadtteil Schleußig können neben Kajaks und Kanadiern auch SUPs gemietet werden. Angeboten werden auch Drachenboot-Touren (bootsverleihleipzig.de). Der Stadthafen Leipzig vermietet Kajaks, Kanadier, Elektromotor und Drachenboote. Eine Kanalrundfahrt mit dem Motorboot dauert etwa 70 Minuten (stadthafen-leipzig.com). Das „Ristorante La Gondola“ bietet einstündige Fahrten in einer venezianischen Gondel, ab 98 Euro pro Gruppe bis sechs Personen (la-gondola-leipzig.de). Der Verein „Wasser-Stadt-Leipzig“ bietet Rundfahrten auf der Schute „Luise“ mit Platz für 20 Personen, ab 14 Euro pro Person (wasser-stadt-leipzig.de). Vom 11. bis 13. August veranstaltet der Verein wieder das Leipziger Wasserfest am Karl-HeineKanal und am Lindenauer Hafen mit vielen Wettbewerben und diversen Wasseraktionen (www.wasser-stadt-leipzig.de/ aktionen/leipziger-wasserfest). WEITERE INFOS leipzig.travel PICTURE ALLIANCE/ WESTEND61/ WERNER DIETERICH Perspektivwechsel: Leipzig lässt sich auf gut 40 Kilometer Länge vom Wasser aus erkunden. Mit dem Paddelboot geht es vorbei an den ehemaligen Buntgarnwerken (ganz oben) oder mit der nachgebauten historischen Schute „Luise“ (l. o.), mit der Gondel auf dem Karl-HeineKanal (r.), Logenplatz am Kanal: die Pontons wie etwa in Sichtweite des Stelzenhauses (l.) Bord des Bootes können Besucher die Stadt von einer ganz neuen Seite erleben, die selbst der Leipziger Fechner erst nach der Wende entdeckt hat. Fechner zeigt seinen Gästen die „Persilfrau“, Leipzigs berühmtestes Wandbildnis. Die haushohe weiße Dame mit Hut wirbt seit mehr als 100 Jahren für das Waschmittel oberhalb der König-Johann-Brücke an einer Hausfassade am Kanal. „Sie wurde sogar von der Stasi übersehen, niemand kam damals in diese vergessene Ecke“, erinnert er sich. D ie „Luise“ gleitet weiter. Unmittelbar an einer scharfen Kanalbiegung schiebt sich ein Haus ins Bild. Es ist ein spektakulärer Bau aus Klinker, Beton und Glas, der auf 101 Betonstelzen steht – streng linear und schmucklos. Die Hausfront ragt weit hinaus über das Kanalufer, sodass das Gebäude über dem Wasser zu schweben scheint. Das in der Nachfolge der klassischen Moderne in den 1930er-Jahren erbaute Stelzenhaus ist eine der ausgefallensten architektonischen Varianten der Wasserarchitektur des Leipziger Westens. An den Ufermauern rosten viele Eisenringe, an denen einst Lastkähne vertäut wurden. Stellenweise lagern am Rand Haufen voller „Heine-Knack“, jenes harte Grauwacke-Gestein, durch das man den Kanalweg einst frei sprengen musste. Ein Schild am Ufer zeigt die Entfernung bis nach Hamburg: 471,02 Kilometer. H inter der Luisenbrücke ist erst einmal Schluss. Das Boot muss wenden. Nur die alten Hafenspeicher am Nordufer des Lindenauer Hafens zeugen von der Sehnsucht nach einer Verbindung Leipzigs zu den Weltmeeren. Nie allerdings erreichte ein Containerschiff diesen Hafen. Geldmangel, immer neue Verzögerungen und ein mangelndes wirtschaftliches Interesse setzten dem Bauprojekt ein Ende; Leipzig blieb ohne Anschluss an das Bundeswasserstraßennetz. Dass zumindest der Durchstich zum Lindenauer Hafen inzwischen beschlossen wurde, ist ein Verdienst des Vereins. Ob sich noch der Traum von der Anbindung an die Saale erfüllen wird? Frank Fechner will es unbedingt erleben: „Auf jeden Fall. Auf welchem Weg auch immer. Erste Schritte sind getan. Die Vision lebt.“ Etwa 40 Kilometer der Leipziger Flussläufe sind derzeit bereits wieder befahrbar. Jedes Jahr werden weitere Kanalstrecken ausgebaggert. Fechner steuert die Schute zurück zum KarlHeine-Kanal, vorbei an den Gondeln, Fahrgastschiffen, Schlauchbooten, Kajaks und Kanus. Selbst zum Baden geht es ans Flussufer: Bis ins 20. Jahrhundert hatte Leipzig 25 Flussbäder. Heute existiert an der Elster immerhin noch das Schreberbad, erbaut 1866. Es war das erste „FreiluftDamenschwimmbad“ Deutschlands. 1950 wurde die Anlage umgebaut, seither stammt das Wasser in den Becken freilich nicht mehr aus der Elster. Dennoch ist das einstige Flussbad am Ufer unbestritten die Lieblingsplansche der Leipziger. Im Süden der Stadt lockt der 400 Hektar große Cospudener See, genannt „Cossi“. Dort können schon mal maritime Gefühle aufkommen, auch ohne Anbindung Leipzigs ans Meer. © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
IQ ist etwas höher, Frühchen profitieren besonders. Ein Baustein, der daran beteiligt sein dürfte, ist der Muttermilchstoff myo-Inosit. Zellbiologen der Yale University berichten aktuell in der Fachzeitschrift „PNAS“, dass die Zahl der Nervenzellverbindungen in einer Gewebekultur, die damit gefüttert wurde, sprunghaft anstieg. Solche Ergebnisse sind es, die noch eine andere Frage aufwerfen. Was sollen denn Mütter machen, die nicht selbst stillen können, auf die Entwicklungschance für ihre Kinder verzichten? Kliniken leisten sich, wenn überhaupt, eine spezielle Milchbank ausdrücklich nur für Sorgenkinder. Im Gespräch mit Judith Karger-Seider, Kinderfachpflegerin und Wächterin der Hamburger Schatzkammer, wird klar, warum: Es ist sehr aufwendig. Muttermilch kann auch krank machen; wird sie weitergegeben, muss ausgeschlossen sein, dass sich darin zum Beispiel die Erreger von HIV oder Hepatitis, von Tuberkulose oder Typhus, von Leishmaniose oder Malaria befinden. Hinzu kommt das Problem, dass beim Abpumpen Keime hineingeraten sein könnten. „Wir testen erst die Spenderinnen und dann jede einzelne Spende, unser Hygienelabor hat damit viel zu tun“, sagt Karger-Seider. So ein Aufwand kostet. Das UKE nennt keine Zahl, doch die Frauenmilchbank in Freiburg beziffert die Herstellungskosten auf 300 Euro pro Liter Milch. Und nach Angaben der 2018 gegründeten Frauenmilchbankinitiative stehen 40 Banken 200 Perinatalzentren gegenüber, Muttermilch ist ein begehrtes, aber knappes Gut. Der Milchvorrat am UKE umfasst fünf Liter – eine Menge, die nur etwa zwei Tage reichen würde, wären fünf Neugeborene zu versorgen. I nzwischen organisieren sich Eltern mit Muttermilchbedarf auch privat, über Facebook oder Instagram teilen sie mit #milk2share“; alleinerziehende, verwitwete Väter suchen zum Beispiel im ausdrücklich nicht kommerziellen Forum „Human Milk 4 Human Babies“ nach Muttermilch. Und in Anzeigen vieler Spenderinnen taucht ein beliebtes Fotomotiv auf: Ein Baby liegt auf dem Boden, in einem Herz aus MilchtütenstamicroRNA schwimmen in der Muttermilch; gut 90 Prozent dürften Wachstumsprozesse steuern, andere beruhigen Entzündungen, lassen das Immunsystem reifen oder legen braunes Fettgewebe an, den Babyspeck. Alle Mütter produzieren diese RNA-Moleküle. Spannend wird es für Milchbanken nun mit Blick auf den kleinen, aber vielleicht entscheidenden Rest: Steuermoleküle, die nur bestimmte Frauen bilden. Seit 2019 weiß man zumindest, dass es sie gibt, über ihre Funktion ist nichts bekannt. Auch nicht darüber, wie sich diese microRNAs auf fremde Kinder auswirken. Dass Muttermilch je nach Spenderin noch ganz andere Einflüsse auf ein Kind haben könnte, wird auch noch anhand einer anderen Zutat denkbar: mehrere Arten von Stammzellen, die sich ebenfalls in der Milch finden. Neuen Hochrechnungen im Fachblatt „Frontiers in Immunology“ zufolge sollen mehrere Milliarden dieser Zellen von der Mutter zum Kind wandern, umso mehr, je länger gestillt wird. S tammzellen sind die Regenerationsreserve im Körper, manche der in Muttermilch enthaltenen können neue Zellen für alle Gewebe im Körper bilden. Im Bauch der Babys dienen sie tatsächlich nicht als Nahrung, sondern schwärmen von dort aus – und setzen sich zum Teil in den inneren Organen fest, teilweise im Gehirn. Warum? Unerforscht. Im Gehirn werden daraus mal Neuronen, mal Stützgewebe, „je nachdem, was gerade gebraucht wird“, vermutet die griechische Zellbiologin Foteini Kakulas, die an der University of Western Australia forscht. Die Wissenschaftlerin war auch an jenen Studien beteiligt, durch die Stammzellen in der Milch überhaupt entdeckt wurden, und sie sagt, diese mütterlichen Zellen würden zu einem Teil des Kindes: Sie blieben nicht nur einige Monate, sondern für Jahrzehnte in dessen Körper. Mit dem Stillen verändert sich also ein Kind, die Mutter nimmt auf ungeahnte Weise Einfluss. Zelle für Zelle. Der im Englischen gebräuchliche Begriff der „Stillgeschwister“ für alle Säuglinge, die an derselben Brust tranken, bekommt so eine ganz neue Bedeutung, denn danach haben sie tatsächlich gemeinsame Gene. Könnte fremde Muttermilch einem Kind womöglich schaden? Müsste man die Spenden gar genetisch testen, um ganz sicherzugehen? Das sind Fragen, auf die sowohl die Frauenmilchbanken als auch die Milchbörsen bisher noch gar keine Antwort gefunden haben. peln. Bei aller Hilfsbereitschaft lässt das erahnen, dass wohl die wenigsten wissen, wie sie die Milch behandeln müssen, damit daraus kein Gesundheitsrisiko wird. Die Bakterien, nach denen das Hamburger Labor in jeder einzelnen Probe fahndet, dürften sich auch auf diesen Fußböden tummeln. Ohne saubere Arbeitsflächen und sorgfältige Handhygiene geht es nicht. In den USA sind außerdem Geschäftsmodelle erfolgreich, die Rücksicht auf bestimmte Ernährungsweisen nehmen. In der Milch einer Frau finden sich immer auch Spuren von dem, was sie verzehrt, etwa Gluten aus Weizenprodukten. Zwar sind es so geringe Mengen, dass diese selbst bei genetisch vorbelasteten Babys meist keine Unverträglichkeit auslösen. Die Käuferinnen auf der Website www.onlythebreast- .com wollen trotzdem ganz sichergehen. Hier bieten Ungeimpfte, Glutenfrei-Esserinnen oder Rohköstlerinnen ihre „Produkte“ an, das derzeit beliebteste: Milch von Veganerinnen, die für 71 Dollar pro Liter zu haben ist. Die neonatologischen Abteilungen angegliederten Frauenmilchbanken verzichten ganz auf die Milch veganer Mütter. Diese, so die in den USA und in Deutschland vorherrschende Fachmeinung, sei für Kinder potenziell gefährlich, weil Spurenelemente und Vitamine fehlen könnten. Tatsächlich sind B-Vitamine, Eisen und Jod in Pflanzen in geringeren Mengen enthalten als in Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs. Aber die meisten Veganerinnen wissen das, sie achten entweder penibel auf den Vitamin- und Mineralgehalt ihres Essens oder substituieren mit Nahrungsergänzungsmitteln. Spätestens in der Schwangerschaft wird ihnen ihre Frauenärztin entsprechende Tabletten verschreiben. Aktuelle Studien zeigen, wohin das führt: Misst man zum Beispiel den Gehalt an Cobalamin (Vitamin B 12) im Blut von Schwangeren oder in der Milch von Stillenden, dann lassen sich zumindest in der westlichen, überversorgten Welt nur noch marginale, fürs Kind unerhebliche Unterschiede zwischen Veganerinnen und Mischkostlerinnen feststellen. In einer kanadischen Studie hatte zwar ein Drittel der vegan lebenden Frauen in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft zu wenig Cobalamin im Blut, aber unter den Mischkostlerinnen waren es genauso viele. Im Zweifel ließe sich der Vitamingehalt einer Milchspende prüfen – und diese bei Bedarf anreichern. E rstaunlicher ist jedoch, wie wenig bisher auf andere, individuelle Bestandteile der Milch geachtet wird. Die Zusammensetzung verändert sich nicht nur stark mit dem zunehmenden Alter des Säuglings, weswegen zumindest die Frauenmilchbanken immer nur Kinder passenden Alters mit Milchspenden versorgen. Zudem variiert die Rezeptur von Frau zu Frau, gerade in Bezug auf die zahlreichen bioaktiven Komponenten, die ebenfalls die kindliche Entwicklung beeinflussen. Individuelle Antikörper entscheiden darüber, wer später anfälliger gegen Infektionen wird. Und kurze Nukleinsäurestücke, microRNAs, bestimmen in ihren Zielzellen, welche Gene abgelesen werden und welche nicht. Rund 1400 verschiedene Typen Der grüne Fahrstuhl fährt vom Foyer hinauf zur Schatzkammer. Diese liegt im fünften Stock des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE), und der Schatz lagert in einem blank polierten Eisschrank – cremeweißes Irgendwas, abgefüllt in Glasfläschchen. Würde ein Labor die Inhaltsstoffe des Eingefrorenen auflisten, klänge das wie das Rezept für ein neuartiges Arzneipräparat: Zytokine und Immunglobuline, Makrophagen, Lymphozyten, mit RNA beladene Exosomen, Antikörper und Stammzellen. Ach ja, Zucker, Fett und Proteine sind sowieso dabei: Der wertvolle Vorrat in der Neonatologie ist kein Pharmaprodukt, es ist eine Erfindung der Natur – Muttermilch. VON NIKE HEINEN Die Hamburger Frauenmilchbank sammelt Muttermilchspenden, um Säuglinge zu ernähren, deren Mütter keine oder noch keine Milch haben. Diese Babys sind zu früh geboren oder krank: „So gefüttert sind sie messbar gesünder, haben weniger Probleme mit Darm oder Lunge, ein abwehrbereiteres Immunsystem“, erklärt eine UKE-Ärztin. Ob bei den Fachgesellschaften oder der Weltgesundheitsorganisation, die Meinung ist heute einhellig: In den ersten sechs Monaten ist alles suboptimal, was nicht Muttermilch ist. Zwar sind Milchpulver inzwischen biotechnologisch ausgefeilte Produkte, neben Laktose enthalten sie Proteine, Milchfette und kurzkettige Kohlenhydrate genau nach dem Vorbild der Natur. Trotzdem fehlt etwas Entscheidendes: All die biologischen Komponenten, welche die Hersteller gar nicht hineinmischen dürfen, weil es dann kein Lebensmittel, sondern ein Medikament wäre. Dank dieser Substanzen entwickeln sich Kinder gesünder, so zeigen es Studien. Gestillte Babys bekommen im Vergleich zu Flaschenkindern seltener Asthma, Übergewicht oder Diabetes, und ihr W WELT AM SONNTAG NR. 29 16. JULI 2023 SEITE 59 ISSEN & GESCHICHTE V or rund 20 Jahren forderte der Nobelpreisträger Paul Crutzen dazu auf, ein neues Kapitel der Erdgeschichte aufzuschlagen – und brachte provokant den Begriff „Anthropozän“ ins Spiel. Seither wird in Fachkreisen einerseits darüber gestritten, ob es denn wirklich nötig ist, dem Menschen (griechisch „anthropos“) ein geologisches Zeitalter zu widmen, das sich an das seit Ende der letzten Eiszeit herrschende Holozän anschließt. Andererseits darüber, wann diese durch menschliche Aktivitäten beeinflusste Epoche beginnen soll. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert? Der Verwendung von Kunstdünger? Oder mit Zündung der ersten Atombombe? Und weil diese Definition im Gegensatz zu einem Kulturwandel, etwa vom Neolithikum zur Bronzezeit, den Geologen obliegt, müssen es global geltende Effekte sein, die sich in Bodenproben präzise nachweisen lassen. Und dafür hat die zuständige Anthropocene Working Group jetzt nicht nur einen Ort, sondern auch eine Zeitmarke gefunden sein: am Grund des Lake Crawford im kanadischen Ontario. Dort setzen sich die Sedimente langsam ab, Schicht für Schicht, und lassen sich in Bohrkernen klar unterscheiden; mit Anstieg der Plutonium-Isotope Anfang der 1950er-Jahre, durch die Kernwaffentests, zeigt sich eine deutliche Zäsur. Ob dieser kleine, 24 Meter tiefe See nun zum Maßstab wird, ist noch nicht entschieden – mehrere Gremien müssen dem Vorschlag zustimmen. Wenn, könnte es im Sommer 2024 so weit sein, dann lebt die Menschheit künftig im Erdzeitalter des Anthropozäns. Ein See fürs Anthropozän VON SONJA KASTILAN QUANTENSPRUNG Graue Mausmakis leben länger, wenn sie besonders intelligent sind. Das belegt eine Langzeitstudie, deren Ergebnisse Wissenschaftler des Göttinger Leibniz-Instituts für Primatenforschung nun im Journal „Science Advances“ veröffentlichten. Sie hatten auf Madagaskar 198 wild lebende Exemplare eingefangen, gewogen und jeweils vier Kognitions- sowie zwei Persönlichkeitstests unterzogen, bevor sie die Affen wieder freiließen. Anschließend verfolgten sie über Jahre, wie alt die Mausmakis wurden. Ein hohes Lebensalter erreichten nicht nur jene Tiere, die bei den Kognitionstests am besten abgeschnitten hatten. Es zeigte sich auch eine Korrelation D zum Gewicht: Schwere lebten länger. E AGOSTINI/ GETTY IMAGES/ V. GIANNELLA BEFUND Intelligenz und Körpermasse D GETTY IMAGES/CECILE LAVABRE Mamas MILCH macht’s Zucker, Proteine, Fett – die nähren ein Kind. Beim Stillen gibt eine Mutter aber unzählige Stoffe an ihr Baby weiter. Mit welcher Wirkung, das ist in einigen Fällen noch rätselhaft Muttermilch enthält so viel mehr als nur Nährstoffe – und ist ein echtes Lebensmittel Nano-Roboter im Einsatz: Auf den Zahn gefühlt S. 60 QUÄNTCHEN fischte ein Forschungsteam aus dem Kurilen-Kamtschatka-Tiefseegraben. In Tiefen zwischen 5134 und 9582 Metern fanden sich etwa Schnüre und Industrieverpackungen. Ein Großteil des Mülls in der 2250 Kilometer langen Pazifikrinne, so der Bericht im Journal „Environmental Pollution“, stammte aus dem regionalen Seeverkehr und der Fischerei. 111 Plastikobjekte © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
60 WISSEN WELT AM SONNTAG NR. 29 16. JULI 2023 J ahr für Jahr beschäftigen sich Zahnärzte mit Wurzelkanälen, oft zum Leidwesen der Patienten. Von den rund 15 Millionen Behandlungen scheitern etwa 20 Prozent, also drei Millionen. Der Grund: Restbestände von Bakterien halten sich hartnäckig in den winzigen Dentinkanälchen, die das vitale Zahnbein der Zähne durchziehen. Übliche antibakterielle Essenzen reichen in die feinen Röhrchen zumeist nicht hinein. Allerdings eröffnen Wissenschaftler nun neue Möglichkeiten. Aktiv gesteuerte Nanoroboter, sogenannte Nanobots, können bei einer normalen Zahnbehandlung in die Wurzelkanäle eindringen und sie desinfizieren. VON REINHARD BREUER So hat ein Team indischer Nanophysiker um Ambarish Ghosh vom Indian Institute of Science in Bangalore vor Kurzem demonstriert, dass sie mit magnetisch gesteuerten, schraubenförmigen Nanobots in Tiefen der Kanälchen vordringen können, die bislang nicht erreichbar waren. Auch ließen sich dort, im Zahninneren, Bakterizide freisetzen, um die problematischen Keime abzutöten. Das würde Reinfektionen verhindern, die Hauptursache gescheiterter Wurzelbehandlungen. Platz im Zahninneren gibt es, jedenfalls aus Nanosicht. Die Kanäle messen vier Mikrometer – das sind 0,004 Millimeter – mal ein- bis zwei Mikrometer; die Nanobots sind kaum ein Zehntel so groß. Noch werden dentale Nanobots erst in präklinischen Studien untersucht. Doch zeigen sie das Potenzial, infizierte Stellen zu lokalisieren und Wurzelbehandlungen erfolgreicher durchzuführen. Die Nanobots haben Sensoren und werden von außen über Signale gesteuert. Nach getaner Arbeit können sie vom Zahnarzt wieder aus den Wurzelkanälen herausgeleitet werden. Und das weist einen Weg. Nano- oder Mikroroboter sind nämlich so klein, dass sie sich bequem im menschlichen Körper aufhalten können: nicht nur in Zahnkanälen, auch im Blutkreislauf, in Gelenkflüssigkeiten, im Inneren von Zellen. Forscher entwickeln solche Geräte und prognostizieren, dass Nanobots einmal zum Einsatz kommen können – für den Transport von Wirkstoffen im Körper, aber auch beim Zähneputzen. Schon 1959 empfahl der Physiker Richard Feynman in Hinblick auf die Nanowelt: „Swallow your doctor!“ Den Arzt einfach zu schlucken klang seinerzeit utopisch, nähert sich heute der Umsetzung. Schwärme von Miniaturgeräten bewegen sich bereits testweise durch Körperflüssigkeiten, transportieren Medikamente zu Infektionsherden, vernichten Viren oder bohren sich in Krebszellen. Medizinische Nanoroboter sollen Diabetes messen, Kalkablagerungen von Blutgefäßwänden abtragen und Nierensteine zerlegen. KÜNSTLICHE PROPELLER ALS ANTRIEB „Wir bauen Mikroschwimmer und Mikropropeller, um zu verstehen, wie sich so winzige Objekte autonom bewegen können“, sagt Peer Fischer. Der Professor für Molecular Systems Engineering an der Universität Heidelberg ist eher in der Mikrowelt zu Hause, nicht etwa in der tausendmal kleineren Nanowelt. Fischers Schöpfungen messen rund einen Mikrometer, 50-mal kleiner als ein Haar. Ob Eidechsen, Insekten oder Bakterien – jedes Lebewesen hat in seiner Welt das Bewegungsproblem irgendwie gelöst. „Bei den kleinsten Lebewesen hat die Natur dafür zwei Methoden entwickelt“, erklärt Peer Fischer. „Das ist einmal der Geißelschlag, eine nicht reziproke, also unsymmetrische Bewegung.“ Das andere biologische Beispiel sei die Schraube. Geißelfortsätze, Flagellen genannt, treiben Bakterien an wie ein Propeller, der in der Zellwand über einen molekularen Motor verankert ist. Ein Flagellenantrieb misst nur 50 Nanometer, also 0,00005 Millimeter. Er peitscht seine Geißel bestens an. „So etwas können wir bisher nicht“, sagt Fischer. Auch lasse sich die Energie für den Antrieb noch nicht auf so winzige Skalen verdichten. Künstliche Nanobatterien gebe es nicht. Der kleinste Motor, den man heute kaufen kann, sei knapp einen Millimeter groß – und der ist mit einem Kabel mit der Außenwelt verbunden. „Wir wollen aber kabellose, autonome Maschinen bauen, die zudem etwas Nützliches tun.“ Künstliche Nanopropeller sind eine Spezialität der Forscher. In biologischen Flüssigkeiten – der Hyaluronsäure, die in den gallertartigen Gelenk- oder Augenflüssigkeiten vorkommt – sieht die Welt anders aus. Miteinander verflochtene Molekülketten bilden ein bis zu Hunderte Nanometer großes Netzwerk. Fischers künstliche Propeller müssen klein genug sein, um sich durch dieses Polymergestrüpp durchzwängen zu können. Mithilfe umliegender Magnetspulen, die die kleinen Schrauben drehen und damit nach vorne bewegen, drangen diese dann zielgerichtet bis zur Netzhaut vor. „Die etwa einen Zentimeter lange Strecke durchs Auge schaffen die Mikropropeller in rund einer halben Stunde“, erklärt Fischer. Im Mikrokosmos eines Auges ist das ein Affentempo. Winzige Objekte könnten so rasch zur Makula eingeschleust werden, „ein vielversprechender Weg für Anwendungen in der Augenmedizin“. Fragt man Hendrik Dietz nach solchen Mikrogeräten, dann verweist er auf die Unterschiede. Das sei eine völlig andere Welt: „Im Vergleich zu dem, was wir hier machen, sind das Schlachtschiffe.“ Der Biophysiker von der Technischen Universität in München ist eben in der wesentlich kleineren Nanowelt zu Hause. Sein Ziel sei „die ultimative Miniaturisierung autonomer Molekülmaschinen“. Dietz beschäftigt sich vor allem mit dem zentralen Molekül des Lebens, der DNA. Das Erbmolekül, das in jeder Körperzelle steckt, ist rund tausendmal kleiner als Peer Fischers Mikropropeller. Als zusammengeknäulter Doppelhelixstrang liegt das DNA-Molekül im Kern jeder Zelle vor. Den Nanorobotiker interessieren jedoch weniger die darin gespeicherten Erbinformationen, sondern ihre Qualitäten als Nanomaterial – DNA ist offenbar ein guter Werkstoff. „Das Molekül ist chemisch stabil“, erläutert Hendrik Dietz. „Man kann es kaufen und im Kühlschrank ein Jahr aufheben.“ Die DNA diene vor allem als Gerüst, um daraus vielfältigste Nanoobjekte zu basteln. „Damit konstruierten wir bereits molekulare Käfige, mit denen wir sogar Viren einfangen konnten.“ Die Fachleute sprechen nach der japanischen Kunst des Papierfaltens von „DNA-Origami“. Aus der DNA bauen sie Molekülkäfige für den Transport von Wirkstoffen. WEG MIT ZAHNBÜRSTE, ZAHNSEIDE, MUNDSPÜLUNG Die Käfige sind zwar winzig, aber doch so groß, dass sie fast alle gängigen Viren einschließen können. „Wir nennen es eine Virusvenusfalle“, sagt Dietz. Die DNA-Gefäße sind geräumig genug, um gleich mehrere der Viren aufzunehmen. Innen werden die hohlen Schalen mit Antikörpern gespickt, welche die Viren inaktivieren. „Selbst wenn wir in den Schalen nur noch vier Antikörper einbauen, blockierten sie die Viren noch zu 80 Prozent“, erklärt der Münchner Nanoforscher. Wie schon den Mikrotechnologen fehlt auch den Nanoforschern bislang ein echter Motor, aber das ändert sich gerade. Seit 2022 gibt es neue Möglichkeiten: einen Nanomotor, der zwar immer noch keine eigene Batterie hat, aber seine Energie aus seiner Umgebung bezieht. Hendrik Dietz und sein Team präsentierten damit eine Novität, den das Wissenschaftsmagazin „Nature“ sogleich als „Meilenstein“ einstufte. Als Energiequelle entpuppt sich hier die Umgebung, in Form der sogenannten Brownschen Molekularbewegung, bei der Teilchen sich unregelmäßig und ruckartig bewegen. Es sei nicht der erste künstliche DNA-Motor, erklärt Dietz, aber es ist „sicherlich der erste, der auch mechanische Arbeit verrichten kann“. Wohin das führt, muss sich noch zeigen. Aber robotische Mikroschwärme könnten beim Zähneputzen sowohl Zahnbürsten, als auch Dentalseide und Mundspülungen ersetzen. Im vergangenen Jahr präsentierte ein Team vom Center for Innovation & Precision Dentistry der University of Pennsylvania ein radikal neues Verfahren, um die alltägliche Zahnpflege zu erledigen. Die neue Vorrichtung nutzt magnetisch gesteuerte Mikroroboter – Nanopartikel aus Eisenoxid. Diese formieren sich dabei zu bürstenartigen Strukturen, welche die Plaque auf den Zähnen wegfegen. Oder sie gruppieren sich zu längeren dünnen Fäden, die wie Zahnseide zwischen die Zähne schlüpfen können. Während des Bürstens können die Nanopartikel antibakterielle Stoffe – etwa Wasserstoffperoxid – freisetzen, um Bakterien abzutöten und den Mundraum zu reinigen. Die Forscher konnten zeigen, dass alle Nischen erreicht werden, auch bei Schiefständen. Das Zahnfleisch blieb ohne Beeinträchtigungen oder Schäden. Bisherige Versuche an echten Menschengebissen bewiesen, dass die Dentalroboter auf den Zähnen die Biofilme fast vollständig entfernen können, die typischen Ursachen von Karies. Wenn das keine Zukunft ist – für gesunde und strahlende Zähne. GETTY IMAGES /WESTEND61; GETTY IMAGES; MONTAGE: WELT AM SONNTAG Forscher entwickeln Nanobots, die die Dentalbehandlung revolutionieren könnten. Diese winzigen Geräte würden dann sogar das Zähneputzen übernehmen A ntreten zum Medizinexamen. Der nächste Prüfling wird von den Professoren mit besonderem Interesse beäugt. Dieser Kandidat ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern ein Chatbot mit dem Namen Med-Palm. Wird diese Maschine mit künstlicher Intelligenz die schwierigen Fragen der Prüfer beantworten können? VON NORBERT LOSSAU Im Fachjournal „Nature“ berichtet nun Stanford-Professor Sandeep K. Singhal von dem Experiment und dass Med-Palm das Examen bestanden hätte – wäre es ein leibhaftiger Mensch gewesen. Der auf dem Sprachmodell Palm von Google basierende KI-Medizin-Experte startet einen neuen Wettlauf der Tech-Giganten. Ist er besser als ähnliche Systeme der Konkurrenz? Med-Palm beantwortete 92,6 Prozent der Fragen korrekt. Selbst medizinische Fachleute sind dieser KI mit 92,9 Prozent nicht wirklich überlegen. Wichtiger ist aber die Frage, ob ein solcher Chatbot auch Antworten gibt, deren Umsetzung zu einer akuten Gefährdung von Patienten führen könnte. Die Autoren der „Nature“-Studie stuften 5,8 Prozent der Antworten von Med-Palm als potenziell schädlich ein; Fachleute erreichen hier mit 6,5 Prozent einen vergleichbaren Wert. Problematisch ist Med-Palms „Geschwätzigkeit“: Die Auskünfte sind viel zu ausführlich und verirren sich gerne in Nebenschauplätzen. Und dort liefert die KI dann bei 18,7 Prozent aller Antworten unpassende oder sogar inkorrekte Inhalte. Menschen sind in dieser Hinsicht (noch) deutlich besser. Nur in 1,4 Prozent der Fälle schweifen sie vom eigentlichen Thema ab. Bei der Studie ging es vordergründig um einen Vergleich von Mensch und Maschine. Doch Med-Palm wurde von der zu Google gehörenden KI-Schmiede DeepMind entwickelt und steht damit unter anderem in Konkurrenz zu ChatGPT von Microsofts Firma OpenAI. Man sollte die Aussage der Studienautoren, dass Med-Palm im Examen durchschnittlich 17 Prozent besser abschneidet als andere aktuelle Sprachmodelle – also die der Google-Konkurrenz – mit ein wenig Vorsicht zur Kenntnis nehmen. „Methodisch basiert das Modell auf der Palm-Architektur von Google und ist State of the Art, vergleichbar mit GPT-4“, sagt Professor Roland Eils, Direktor des Zentrums für Digitale Gesundheit des Berlin Institute of Health, und verweist zugleich auf die Schnelllebigkeit dieses Forschungsfeldes. Während in dieser Woche die Studie zu MedPalm veröffentlicht wurde, diskutieren Experten bereits ein Preprint über das Nachfolgemodell Med-Palm-2. So oder so ist die Schwelle erreicht, bei der es nicht mehr nur um Tests geht, sondern um den Einsatz von KI im Krankenhaus, am Patienten. Google hat angekündigt, Med-Palm-2 im Klinikalltag zu testen. Damit wird die Sache ernst. „Fragwürdig ist, wie gut das Modell mit einer realistischen Situation umgehen würde, in der ein Patient unklare, unvollständige und zum Teil falsche Aussagen trifft und Entscheidungen im Kontext von praktischen klinischen Einschränkungen getroffen werden müssen“, sagt Eils, „die Modelle können halluzinieren, und es ist schwierig zu bewerten, wann eine Aussage korrekt ist und wann sie nur auf den ersten Blick korrekt aussieht.“ Tatsächlich stellen sich insbesondere bei der Nutzung von künstlicher Intelligenz in der Medizin vielfältige, auch ethische Fragen. Mit diesen hat sich der Deutsche Ethikrat bereits proaktiv auseinandergesetzt und dazu die umfangreichen Stellungnahme „Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz“ publiziert. Unter anderem gibt es dort Empfehlungen zur Qualitätssicherung von KI-Produkten, zur Vermeidung ärztlicher Kompetenzverluste und zur Sicherung der Privatsphäre von Patienten. „KI-Anwendungen können menschliche Intelligenz, Verantwortung und Bewertung nicht ersetzen“, betont in diesem Zusammenhang Julian Nida-Rümelin, Philosoph und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Für die ethische Bewertung von KI genüge es keinesfalls, nur die Technologien zu verstehen. Auch die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Technik sowie gesellschaftliche Effekte müssten beachtet werden. In der Praxis von Dr. med. Chat Das Expertenwissen von KI-Systemen ist mittlerweile mit dem von erfahrenen Ärzten vergleichbar. Doch reicht das bereits für einen Einsatz am Patienten? KI-ANWENDUNGEN KÖNNEN MENSCHLICHE INTELLIGENZ, VERANTWORTUNG UND BEWERTUNG NICHT ERSETZEN JULIAN NIDA-RÜMELIN stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates ,, Nanoroboter sind nach dem griechischen Wort „Nano“ für Zwerg benannt. Unsichtbar für das Auge agieren sie in Dimensionen von „Nano“, milliardstel Meter, wo Zellen oder große Moleküle direkt ansteuerbar werden. Das macht Nanobots für medizinische Anwendungen besonders interessant. Diagnostik: Winzige, oft metallische Partikel können bessere Bilder von (erkrankten) Organen liefern als etwa gängige MRT-Aufnahmen, weil sie sich genauer steuern lassen. Dadurch wird Gewebe in raffinierteren Farben und mit mehr Details darstellbar. Nanotherapeutik: Biochemische Wirkstoffe werden im Körper oft nur schlecht aufgenommen oder zu schnell ausgeschieden, als dass sie ihre Wirkung voll entfalten könnten. Durch Einsatz von Nanopartikeln gelingt es zum Beispiel, die Verweildauer der Substanzen zu verlängern, in der ein Wirkstoff im Körper aktiv sein kann. Nano-Chemotherapie: Bei der Behandlung von Krebspatienten ist es eine Herausforderung, die Wirkstoffe im Körper so zielgenau wie möglich zum Tumorgewebe zu transportieren, um so wenig wie möglich gesundes Gewebe zu beschädigen. Spezielle Nanotherapeutika können mit größerer Präzision wirken – und das ermöglicht es, die benötigte Dosis zu senken. Auf diese Weise kann gesundes Gewebe weitgehend verschont werden. Die Kraft der Nanoroboter Mini-ROBOTER im Mund © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
K riegsauswirkungen in der Wissenschaft beginnen mit dürren Mitteilungen. Donnerstag, 3. März 2022, meldete die „Icarus“-Datenbank am Max-PlanckInstitut für Verhaltensbiologie am Bodensee, dass die weltweit mit Sendern ausgestatteten Tiere keine Daten mehr liefern. „Wir waren alle geschockt“, sagt Uschi Müller, Projekt-Koordinatorin von „Icarus“. Der Grund: Das Tierbeobachtungssystem lief seit Herbst 2020 über die „Internationale Raumstation“ („ISS“), die im Weltraum empfangenen Daten gingen zunächst an die Kontrollstation in Moskau. Nach dem Überfall der Ukraine wurden alle deutsch-russischen Projekte eingestellt. Plötzlich kam nichts mehr durch. Nun kehrt „Icarus“ zurück ins All. Mitte Juni startete ein kleiner Satellit von Kalifornien aus, der in 400 bis 600 Kilometer Höhe um die Erde kreist. Für einige Monate werden nun Tests unternommen. Im Oktober 2024 soll dann die zweite „Icarus“-Generation gestartet werden, die gerade gebaut wird. Und es gibt erhebliche Verbesserungen. Die Antenne auf der „ISS“ war noch drei Meter lang und eineinhalb Meter breit. Hinzu kam ein normaler Computer. Der neue „Cube Sat“ ist ein Würfel mit zehn Zentimeter Kantenlänge und 20 Zentimeter langer Antenne, erzählt Uschi Müller nicht ohne Stolz. Der Computer ist bloß noch daumengroß, der Energieverbrauch beträgt ein Zehntel, zugleich können viermal mehr Sender von Tieren gleichzeitig ausgelesen werden. Und die Daten gehen künftig direkt nach Deutschland und stehen Forschern bereit. „Icarus“ war von Beginn an ein viel beachtetes Projekt, es empfing die Daten von Tausenden Tieren. Die wenige Gramm schweren Sender zeichnen den jeweiligen GPS-Standort auf und geben Auskunft über die Umgebung: Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdruck. Dokumentiert werden die Wanderungsbewegungen ebenso wie die genutzten Räume, das lässt Schlüsse zu auf Veränderungen der Ökosysteme – und wie die Tiere darauf reagieren. Allerdings gab es Grenzen der Beobachtung. Die „ISS“ fliegt zwischen 55 Grad Nord und 55 Grad Süd über die Erde, die beiden Pole werden nicht erreicht. „Der neue ,Cube Sat‘ wird sonnensynchron fliegen und sämtliche Punkte auf der Erde abdecken“, sagt Müller. So wollte man bisher den Flug einiger Vogelarten bis nach Chile verfolgen, aber „wir konnten die Daten nur erheben, wenn sie sich im Bereich der ,ISS‘ aufgehalten hatten“. Ähnlich ist es bei Küstenseeschwalben, die in der Nordpolarregion brüten und binnen eines Jahres rund um die Welt fliegen, um in der Südpolarregion zu überwintern. Eine Verfolgung soll nun möglich sein. Als die „ISS“-Daten ausgefallen waren, hatten die Forscher kurzerhand umgestellt auf terrestrische Systeme am Boden als Empfänger. Das funktionierte überall dort, wo Aufzeichnungen möglich waren. Unter anderem in Südafrika läuft im Krüger-Nationalpark das Projekt „Tiere schützen Tiere“. Die Fluchtbewegungen sollen als Warnung vor Wilderern genutzt werden und den Rangern Auskunft geben, auch beim Schutz der Nashörner kommen die Daten zum Einsatz. In Zukunft sollen die Sender mit beiden Systemen kommunizieren, mit jenen am Boden und im Orbit. So hat der Ausfall vom 3. März etwas in Gang gesetzt. Uschi Müller sagt: „Es war ein Startzeichen, die neuen, leichteren und leistungsstärkeren Systeme mit Volldampf voranzutreiben. Was uns auch gut gelungen ist.“ HOLGER KREITLING Den Tieren aus dem All zuschauen Projekt „Icarus“ läuft wieder per Satellit Nein. Musik ist keine Sprache, damit fängt es an. Sprache hat völlig andere kommunikative Aufgaben als Musik. Eine Form der Kommunikation, die auf der ganzen Welt verstanden wird? Auch das nicht. Eine der deutlichsten Lehren aus Jahrzehnten der interkulturellen Musikforschung besagt: Unsere gefühlten Gewissheiten sind sehr oft falsch. Gerade Dinge, von denen wir intuitiv überzeugt sind, sie müssen global gelten, sind häufig kulturell bedingt. Zum Beispiel? Sie kennen sicher das Prinzip der Oktav-Äquivalenz: Nehmen wir die G-Saite einer Geige. Eine halb so lange, gleich dicke Saite schwingt exakt doppelt so schnell und erzeugt einen Ton, der genau eine Oktave höher ist als derjenige der G-Saite. Beide Töne klingen für unsere Ohren sehr ähnlich. Diese OktavÄquivalenz spiegelt sich im Notationssystem der abendländischen Musik wider, das für Noten, die eine Oktave auseinanderliegen, ja die gleichen Buchstaben verwendet: zum Beispiel g und g’. Zudem entspricht die Höhendifferenz der Stimmlage von Männern und Frauen rund einer Oktave. Also liegt nahe, dass die Oktav-Äquivalenz ein universelles Prinzip sein muss. Aber unsere Experimente haben das Gegenteil bewiesen. Klingen Töne, die eine Oktave auseinander liegen, für Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht ähnlich? Unser Nachweis war direkter: Wir ließen die Testpersonen Intervalle nachsingen. Der Ausgangston war jeweils zu hoch oder zu tief für deren Stimmlage. Wie wir vermutet hatten, konnte die große Mehrzahl der Menschen auf unterschiedlichen Kontinenten die Intervalle präzise nachsingen, auch die Testpersonen aus dem indigene Volk der Tsimané in Bolivien. Aber? Die meisten Musiker und einige Nichtmusiker in den USA transponieren Tonfolgen in ihre Stimmlage, wenn sie sie singen. Wenn sie eine Tonfolge hören, die für sie zu hoch ist, singen sie diese Intervalle einfach eine oder zwei Oktaven tiefer. Die Tsimané dagegen wählten jeden beliebigen Ausgangston: zwei Septimen höher, drei Quinten tiefer – was auch immer. Es wurde deutlich, dass die Oktav-Äquivalenz für sie keine Rolle spielt. Es handelt sich also keineswegs um ein universelles Prinzip, sondern um eines, das kulturell erlernt werden muss. Sie wollen auch herausfinden, was im Gehirn vorgeht, während Menschen musizieren. Verfrachten Sie dafür Kernspintomografen in Urwald und Savanne? Manche Neurowissenschaftler würden vielleicht so vorgehen. Ich dagegen gehöre zu den Experimentalpsychologen, die das Verhalten von Menschen beobachten, um Rückschlüsse auf Prozesse in deren Gehirn zu ziehen. Beide Methoden haben Vorteile: Neurowissenschaftler entdecken zum Beispiel vielleicht, dass ein kognitiver Prozess an einer bestimmten Stelle im Hirn stattfindet. Aber warum ist das so? Wenn Sie die Motorhaube eines Autos öffnen und sehen: Ah, an dieser Stelle gibt es Öl, dann ist das interessant. Aber Sie haben damit noch nicht verstanden, welchen Zweck das Öl an jener Stelle hat. Wie trägt Ihr Forschungsgebiet zu Verständnis bei? Durch die Analyse der Prozesse, die an der Wahrnehmung und Produktion von Musik beteiligt sind, wollen wir die menschliche Kognition entschlüsseln. Der erste Schritt besteht darin, die mentalen Repräsentationen der Bausteine, aus denen Musik besteht, herauszuarbeiten. Wir spielen den Versuchspersonen zum Beispiel Tonaufnahmen von Rhythmen vor und bitten sie, das Gehörte nachzuklopfen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei nicht um Rhythmen im eigentlichen Sinne, sondern um eine Art Klopfgeräusche, die von einem Computersystem zufällig generiert wurden. Und Sie kennen wahrscheinlich „Stille Post“? Das Kinderspiel, bei dem man jemandem ein Wort ins Ohr flüstert, der es auf gleiche Weise weitergibt. Genau. Und die letzte Person in der Gruppe versteht meist etwas ganz anderes als das, was am Anfang geflüstert wurde. Nach diesem Prinzip arbeiten wir bei vielen Experimenten: Die Testpersonen versuchen, eine computergenerierte, zufällige Sequenz von Schlägen so genau wie möglich zu reproduzieren. Diesen Rhythmus wiederum nehmen wir als Vorlage für den nächsten Schritt des Experiments – und immer so weiter, wie bei „Stille Post“. Und? Egal ob in New York, in Westafrika oder im Amazonasgebiet: Bereits nach etwa fünf Schritten des Experiments 16. JULI 2023 WELT AM SONNTAG NR. 29 D ie Bratsche ist sein Hauptinstrument. Aber Nori Jacoby spielt außerdem Klavier, Synthesizer, Melodica und verschiedene Flöten. Viele Jahre lang lebte er vom Musizieren und Komponieren, bevor Experimente zur interkulturellen Musikwahrnehmung zu seinem Schwerpunkt wurden – und der Neurowissenschaftler begann, Mythen aus diesem Forschungsgebiet zu hinterfragen. VON TILL HEIN WELT AM SONNTAG: Welche Musik fällt Ihnen ein, wenn Sie an Ihre Kindheit in Tel Aviv zurückdenken? NORI JACOBY: „Die Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach. Wir hatten eine wunderschöne Aufnahme dieses Werks auf Schallplatte. Und mein Großvater spielte Bratsche, er gab häufig Konzerte mit seinem KammermusikQuartett. Erst als ich älter wurde, begann ich mich stärker für andere Musik als das westliche klassische Repertoire zu begeistern. Schwärmten Sie als Teenager für Rock und Pop? Weniger. Am meisten faszinierte mich da die Musik in „unserer“ Synagoge. Die jüdischen liturgischen Gesänge sind außergewöhnlich: Es gibt da Passagen, während denen die Stimmen alle unabhängig voneinander zu singen scheinen, und erst nach und nach wieder zusammenfinden. Diese spannenden, kraftvollen Wechsel haben mich sehr beeindruckt und zu ersten eigenen Kompositionen angeregt. Die Leidenschaft für Musik, die eben gerade nicht im westlichen Sinn „klassisch“ ist, treibt mich auch als Forscher bis heute an. Hilft es, dass Sie auch Musiker sind? Aus meiner Sicht gibt es keine direkte Beziehung: Weder hilft mir die Forschung fürs Musizieren noch die Musik, um als Wissenschaftler besser zu werden. Beim Komponieren sehe ich durchaus Parallelen zur Arbeit als Forscher: etwas erschaffen oder herausfinden wollen, Neuland betreten – ich denke, diese Ziele motivieren Komponisten und Wissenschaftler gleichermaßen. Was ist Musik aus Ihrer Sicht? Eine schwierige Frage. Die Ergebnisse von Feldforschungen auf der ganzen Welt – an vielen war ich beteiligt – legen nahe, dass in allen menschlichen Kulturen irgendeine Form von Musik existiert. Aber es gibt große Unterschiede. So gewaltige, dass es selbst Fachleuten schwerfällt, eine überzeugende allgemeine Definition zu formulieren. Häufig wird behauptet: „Musik = arrangierte Klänge“. Der amerikanische Komponist John Cage kreierte in den 1950er-Jahren aber sogenannte aleatorische Musik, für die genau das nicht gilt. Nach seiner Auffassung kann Musik auch nach dem Zufallsprinzip entstehen. Ist Musik eine Weltsprache, wie es immer wieder heißt? konvergieren die Antworten der Teilnehmer zu einem Muster, das sie zu hören erwartet haben. Statt das zu reproduzieren, was sie tatsächlich gehört haben, reproduzieren sie also das, was sie zu hören glaubten: den Rhythmus, den sie selbst in die Zufälligkeit projiziert haben. Auf diese Weise können wir eine Menge über die Hörerwartungen der Menschen lernen. Wir finden heraus, welche Rhythmen ihnen so vertraut sind, dass sie darauf eingestellt sind, sie zu hören, auch wenn ihnen etwas völlig anderes vorgespielt wird. Hören die Probanden denn nicht hin? Sie hören genau hin und geben sich sehr viel Mühe. Aber ihre Wahrnehmung verändert das, was sie hören. Die Erwartungen, wie Klänge oder Rhythmen sein sollten, haben offensichtlich einen enormen Einfluss darauf, wie wir Menschen sie wahrnehmen. Was die Versuchspersonen „nachklopfen“, beginnt immer als zufällig maschinell erzeugtes „rhythmisches“ Ausgangsmaterial und verwandelt sich in etwas, das sehr geordnet ist und klaren Prinzipien folgt. Glaubten Testpersonen in der Karibik bei solchen Experimenten, sie hörten Reggae-Rhythmen und Wiener den Walzertakt? In Jamaika und in Österreich haben wir das noch nicht untersucht. Aber in 15 anderen Ländern. Und in Bulgarien, wo der 7/8-Takt in der traditionellen Volksmusik sehr dominant ist, glaubten die Versuchspersonen sehr oft, diesen zu erkennen. In der Türkei ist diese ungerade Taktart in der Volksmusik ebenfalls sehr verbreitet, und die Versuche ergaben prompt ähnliche Ergebnisse. Auf der Basis von Wohnort, Muttersprache und Lokalfolklore könnten Sie also vorhersagen, was Versuchspersonen „nachklopfen“ werden? Nicht immer. Unter den Probanden waren zum Beispiel viele Studentinnen und Studenten. Und egal ob die in Asien oder den USA lebten und welche Muttersprache sie hatten: Sie „erkannten“ bei den „Telefonspiel“-Experimenten meist ganz ähnliche Rhythmen. Im Kontrast zu den weitgehend gleichförmigen Ergebnissen bei Studenten in aller Welt waren die Rhythmen, die Menschen, die keine akademische Ausbildung absolvierten, in Großstädten wie Bamako in Mali oder La Paz in Bolivien zu hören glaubten, enorm vielfältig. Wie erklären Sie sich das? Wir vermuten, dass ähnliche Hörerwartungen auf ähnliche Erfahrungen schließen lassen. Studentinnen und Studenten sind offenbar weltweit sehr einheitlichen Einflüssen ausgesetzt und hören wohl auch ähnliche Musik. Bei zahlreichen anderen psychologischen Experimenten ist diese globale Ähnlichkeit während des Studiums übrigens ebenfalls zu beobachten, während ihre Ergebnisse von denjenigen der Durchschnittsbevölkerung an den Orten, an denen sie leben und aufgewachsen sind, abweichen. Worum ging es in den ersten Liedern der Menschheit? Um Liebe? Um Freude? Um Trauer? Oder um Krieg? Darüber können wir nur spekulieren. Aber Kollegen von mir haben kürzlich ethnografische Studien aus verschiedenen Ländern durchforstet, um herauszufinden, in welchen Alltagssituationen Musik eine besonders zentrale Rolle spielt. Es scheint, dass insbesondere Wiegenlieder besonders häufig sind. Ich persönlich glaube aber nicht an eine monokausale Erklärung für den Ursprung der Musik. Warum nicht? Musik kann, ganz allgemein, Gefühle ausdrücken und auslösen – und manchmal sogar Bewusstseinszustände verändern. Das ist hilfreich, wenn man zum Beispiel sein Baby beruhigen will. Andere Formen von Musik können aber etwa eingesetzt werden, um den Kampfeswillen von Soldaten zu schüren. Ich denke, es ist ähnlich wie mit der Sprache: Die Sprache wurde nicht nur erfunden, um Häuser zu bauen oder Treibjagden zu organisieren. Es geht viel allgemeiner um soziale Aktivitäten. Sowohl Sprache als auch Musik ermöglichen Kommunikation: Sprache vor allem auf der Ebene der Fakten, Musik auf der Ebene der Gefühle. Und man sollte die Bedeutung der Musik nicht unterschätzen: Komplexe menschliche Gesellschaften haben sich immer unter dem Einfluss von Kultur entwickelt. Es ist gut möglich, dass die Musik dabei eine zentrale Rolle gespielt hat. Wird künstliche Intelligenz bald in der Lage sein, berührende Musik zu komponieren? Kreative Prozesse scheinen Maschinen relativ leichtzufallen. Ein Auto sicher durch den Verkehr zu lenken, hat die künstliche Intelligenz bisher an ihre Grenzen gebracht. Eine Symphonie zu komponieren, könnte dagegen etwas sein, was KI-Programme aus dem Stegreif erledigen können. Das beunruhigt manche Menschen. Mich nicht. Ich lasse mich gern überraschen. Nori Jacoby untersucht die interkulturelle Wahrnehmung von Rhythmen und Melodien. Ein Gespräch über Oktaven im Amazonasgebiet und das Potenzial der „Stillen Post“ WISSEN 61 Der Vielklang DER WELT GETTY IMAGES (10); MONTAGE: WELT AM SONNTAG Musik kann Gefühle ausdrücken und auslösen – und manchmal sogar Bewusstseinszustände verändern Der 43-Jährige studierte Neurowissenschaften, Mathematik und Physik an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er forschte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im amerikanischen Cambridge, an der University of California in Berkeley und an der Columbia University in New York. Seit 2018 leitet er eine Forschungsgruppe zur computergestützten auditiven Wahrnehmung am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. Nori Jacoby Neurowissenschaftler MPI FÜR EMPIRISCHE ÄSTHETIK Elefantenherde in Kenia GETTY IMAGES/MARTIN HARVEY © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
Der Befehl des Königs ließ keine Ausflüchte zu: „Nehmt Breda“, hatte Philipp IV. (1605–1665) an seinen Oberbefehlshaber in den Niederlanden mit der Ehrfurcht gebietenden Unterschrift „Ich, der König“ geschrieben, mit der schon sein Großvater Philipp II. von Spanien seine Generäle zur Verzweiflung getrieben hatte. Also fügte sich Ambrosio Spinola (1569–1630) zähneknirschend und begann im August 1624 mit der Belagerung der stark befestigten Stadt Breda im westlichen Brabant. VON BERTHOLD SEEWALD Zehn Monate sollte das Ringen um diese Schlüsselstellung im Achtzigjährigen Krieg der aufständischen Niederlande gegen ihre spanischen Herren dauern. Am 2. Juni 1625 musste sich der Verteidiger Justinus von Nassau (1559–1631) eingestehen, dass der Schwund seiner Vorräte keine Fortführung des Kampfes mehr zuließ, und unterschrieb die Kapitulationsurkunde. Zehn Jahre später hat der spanische Hofmaler Diego Velázquez (1599–1660) die Übergabe von Breda in einem Gemälde in Szene gesetzt. Es wurde eines seiner berühmtesten Werke und gilt als erstes reines Geschichtsbild der neueren europäischen Malerei. Als der Kampf um Breda im August 1624 begann, tobte der Krieg zwischen Spanien und den nördlichen Teilen seiner Niederlande bereits seit 56 Jahren. Als burgundisches Erbe Kaiser Karls V. waren die Gebiete, die ungefähr die heutigen Staaten Belgien und Niederlande ausmachen, dem Spanischen Weltreich zugefallen. Der strenge Katholizismus Karls und seines Nachfolgers Philipp II., die auch vor Konfiszierungen nicht zurückschreckten und eine Ketzerverfolgung mithilfe der Inquisition einführten, hatte den Widerstand der Protestanten zumal im Norden des Landes provoziert. Einen calvinistischen Bildersturm beantwortete Philipp 1567 mit der Entsendung eines Heeres unter dem Befehl des Herzogs von Alba, der mit Terror die Unruhen niederzuschlagen versuchte. Tausende wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Zehntausende emigrierten. Ein Jahr später machte Wilhelm von Oranien aus der Revolte einen Unabhängigkeitskrieg. Mit ihrer Wirtschaftsmacht konnten sich die nördlichen Provinzen um die Handelsmetropole Amsterdam behaupten, während der Süden mit Antwerpen und Brügge bei Spanien blieb (siehe Karte). Wegen seiner angespannten Finanzlage hatte Philipp III. 1609 mit den sieben Vereinigten Provinzen einen Waffenstillstand vereinbart, den sein Sohn und Nachfolger Philipp IV. 1621 aufhob. ERMATTUNGSSTRATEGIE Damit wollte der spanische Habsburger auch verhindern, dass die Republik aufseiten der Protestanten in den Dreißigjährigen Krieg im Heiligen Römischen Reich eingriff, wo der österreichische Habsburger Kaiser Ferdinand II. soeben mit der Niederschlagung Böhmens einen großen Erfolg errungen hatte. Dafür entwickelte der führende spanische Minister Conde-Duque de Olivares eine Strategie, die auf die Wirtschaft der Republik zielte. Indem spanische Truppen die Verteidigungslinien attackierten, sollten die Niederlande zum Unterhalt einer großen Armee gezwungen werden. Die verschlang hohe Geldsummen, während die Kampfhandlungen selbst den Handel empfindlich störten. Zu diesem Zweck wurden auch weite Teile Nordwestdeutschlands von spanischen Truppen besetzt, was die Protestanten im Reich weiter in die Defensive drängte. Diese Ermattungsstrategie erklärte auch den königlichen Befehl an Ambrosio Spinola vom Sommer 1624, das Gros seiner 70.000 Mann starken Flandernarmee nicht für weiträumige Aktionen einzusetzen, sondern um die Stadt Breda zu konzentrieren. Deren Festungswerke entsprachen neuestem Standard, die Garnison von 9000 Mann verfügte über genügend Vorräte, um einer monatelangen Belagerung standhalten zu können. Um gegen Entsatzangriffe geschützt zu sein, ließ Spinola eine doppelte Befestigungslinie aus Forts, Feldschanzen und Geschützbatterien um die Stadt herum anlegen. Sie waren mit Laufgräben verbunden, die eine Länge von fünf Kilometern aufwiesen. Schwere Geschütze nahmen die Wälle und Bastionen unter Beschuss. Zwar versuchten die Niederländer mit einem Heer, den Belagerungsring von außen zu durchbrechen. Aber Spinola ließ das Gelände durch Öffnen der Schleusen unter Wasser setzen. Das vertrieb zwar den Gegner, sorgte aber dafür, dass Krankheitserreger idealen Nährboden fanden: Auf beiden Seiten der Wälle forderten Seuchen viele Opfer. In Breda kam der Hunger hinzu. Zur Begründung für seine Kapitulation gab Justinus von Nassau denn auch an, er habe „mit Betrübnis gesehen, wie ein jeder auf seinen Privatnutzen gesehen und wenig für seinen Nächsten gesorgt hat. So bald der Proviandt anfieng abzugehen, verstack ein jeder was er hatte unnd sagte nicht viel davon … Ja es wurd solcher Wucher und Schinnerey getrieben, als wann die Leuth Gottes und aller Christlichen Lieb gäntzlich vergessen hätten.“ 13.000 Verteidiger und Zivilisten sollen gestorben sein. Spinola gewährte den geschlagenen Niederländern großzügige Bedingungen. Die überlebenden Soldaten durften mit ihren Waffen und Fahnen abziehen. Plünderungen wurden untersagt. Nicht zuletzt diese generöse Geste, die sich deutlich vom Wüten des Herzogs von Alba abhoben, machten die Übergabe von Breda zu einem strahlenden Sieg. Man verglich Spinolas doppelte Befestigungslinie mit Caesars ähnlicher Taktik bei der Belagerung von Alesia 52 v. Chr. in Gallien. Auch im Reich feierten katholische Flugschriften den Triumph, der mit keinem unangenehmen Beigeschmack verbunden war. Als Philipp IV. ab 1632 daranging, mit dem Buen Retiro im Osten von Madrid einen neuen repräsentativen Palast zu errichten, sollte denn auch die Übergabe von Breda angemessen gewürdigt werden. Der Herrscher über das Spanische Weltreich wollte damit auch seiner berühmten Kunstsammlung eine adäquate Bühne bieten. 800 Gemälde schmückten die Wände der „schönen Zuflucht“, die im Aufstand gegen Napoleon I. 1808 bis 1812 weitgehend zerstört wurde. DIE SIEGE PHILIPPS IV. 1634 erhielt Philipps Hofmaler Diego Velázquez den Auftrag, den „Salón de los Reinos“ mit zwölf Darstellungen großer spanischer Siege auszustatten. Der knapp 35 Meter lange und zehn Meter breite Saal sollte dem Empfang ausländischer Gäste sowie als Forum für Festlichkeiten dienen. Daher erhielt er ein ausgeklügeltes Bildprogramm. Neben Darstellungen seiner Vorfahren und der mythischen Arbeiten des griechischen Helden Herakles wünschte sich Philipp zwölf Gemälde, auf denen jüngere Siege vom Ruhm seiner Waffen künden sollten. Das war Mitte der 1630er-Jahre gar nicht so einfach, denn der Mehrfrontenkrieg gegen Frankreich, die Niederlande und die Protestanten im Heiligen Römischen Reich zehrte an den Kräften Spaniens und ruinierte seine Finanzen. GESTE DER ANTEILNAHME Velázquez wählte sich die Einnahme von Breda für seinen eigenen Beitrag aus, während er die übrigen Gemälde an Kollegen vergab. Das 3,70 mal 3,07 Meter große Werk beruhte auf dem Augenzeugenbericht von der Übergabe, die wenige Tage nach der Kapitulation erfolgte: Beide Feldherrn waren von ihren Pferden gestiegen und begegneten einander in der Bildmitte. „Spinola begrüßte und umarmte den Kommandanten mit freundlichem Blick (humaniter salutans) und mit noch freundlicheren Worten, die Tapferkeit und Standhaftigkeit der Verteidigung rühmend.“ Damit bewies der Spanier eine menschliche Anteilnahme, die der Kapitulation der Garnison die Bitterkeit nahm. Gleichwohl zeigte der Wald der spanischen Lanzen, der die obere rechte Bildhälfte ausfüllt (und dem Bild den spanischen Titel „Las Lanzas“ gab) und der sich klar von den gebeugten niederländischen Stangenwaffen abhebt, wessen Triumph auf dem Gemälde gefeiert wurde. Velázquez, der sich selbst mit einem Selbstporträt ganz rechts unter die Zeugen der Zeremonie mischte, hatte Spinola in Italien persönlich kennengelernt. Die ihm unbekannte niederländische Landschaft gestaltete er nach Kupferstichen. Moderne Interpreten haben aus den abgewandten spanischen Soldaten, die im Gegensatz zu ihrem General und seiner Entourage ihre Hüte aufbehalten haben, auf Disziplinlosigkeit der Söldner geschlossen, denen das Verbot der Plünderungen gegen den Strich ging. Dagegen steht, dass auch einige Niederländer ihre Kopfbedeckungen tragen. Vor allem aber ist schwer vorstellbar, dass der spanische Hofmaler Velázquez, der auch menschlich mit dem kunstsinnigen Monarchen verbunden war, einem offiziellen Triumphalgemälde einen subversiven Akzent verliehen haben soll. Die „Übergabe von Breda“, in der der spanische Feldherr seinem Gegner die Hand auf die Schulter legt und nicht zum Schlüssel der Stadt greift, sollte Spaniens Großmut im Krieg feiern. Das verbot auch Kritik an der Disziplin seiner Soldaten, die sich im Übrigen kaum weniger unter Kontrolle halten ließen als die Truppen anderer Fürsten. Allerdings erhielt nicht Velázquez‘ Werk, sondern die „Die Rückgewinnung der Allerheiligenbucht“ in Brasilien 1625 von Juan Bautista Maíno den Ehrenplatz im „Salón de los Reinos“. Einzig auf diesem Gemälde ist Philipp IV. als siegreicher Kriegsherr zu sehen, dem mit der Rückeroberung des portugiesischen Stützpunkts Bahia (bis 1640 waren Spaniens Könige in Personalunion auch Herrscher von Portugal) von den Niederländern ein großer Erfolg gelungen war. Der „Übergabe von Breda“ hing zudem der Makel an, dass den Niederländern bereits 1637 die Rückeroberung gelang. Erst nachdem das Gemälde 1772 in den neuen Königspalast in Madrid überführt worden war, wurde es als überragendes Meisterwerk erkannt und gewürdigt. Den Takt gab der Schweizer Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin vor, indem er in dem Bild das Genie des Velázquez „in größter Erdennähe“ erkannte. Seine versöhnliche Botschaft hat sich tief in die Erinnerungskultur Spaniens eingeprägt. Als während der Diktatur Francisco Francos eine Zeitung einmal „Las Lanzas“ ohne Kommentar auf der ersten Seite druckte, was die Zensur schlecht verbieten konnte, verstand jeder Leser dies als Aufruf, von der brutalen Verfolgung von Bürgerkriegsgegnern endlich abzulassen. T Neue Geschichten aus der Geschichte lesen Sie täglich auf: welt.de/geschichte Hoch die LANZEN Die Belagerung von Breda durch spanische Truppen endete 1625 mit der Kapitulation der ausgehungerten niederländischen Garnison. Die Darstellung durch den Maler Velázquez wurde zu einem der berühmtesten Historienbilder der Kunstgeschichte Lob der Humanität: „Die Übergabe von Breda“, wegen der erhobenen Stangenwaffen auch „Las Lanzas“ genannt, entstand 1634/35 für den Repräsentationssaal im Palast Buen Retiro, den Philipp IV. von Spanien in Madrid errichten ließ; ganz rechts stellte sich Velázquez selbst dar PICTURE ALLIANCE / WORLD HISTORY ARCHIVE Nordsee Münster Breda Groningen Brüssel Köln Rhein Republik der Vereinigten Niederlande (um 1620) aktuelle Landesgrenzen/-namen historische Grenzen Königreich England Königreich Frankreich Heiliges Römisches Reich Spanische Niederlande Den Haag Utrecht Amsterdam 50 km Antwerpen Brügge NIEDERLANDE BELGIEN Quelle: Haus der Bayerischen Geschichte Freiheitskampf der Niederlande Der Schöpfer: Diego Velázquez (Selbstporträt; 1599–1660), wurde 1623 Hofmaler Philipps IV. und zählt zu den bedeutendsten Künstlern des Barock PICTURE ALLIANCE / HERITAGE-IMAGES/© FINE ART IMAGES D WELT AM SONNTAG NR. 29 16. JULI 2023 SEITE 62 GESCHICHTE © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
16. JULI 2023 WELT AM SONNTAG NR. 29 RÄTSEL & WETTER 63 Lösung der Rätsel der vergangenen Woche: im Uhrzeigersinn rechts beginnend leicht, mittel und schwer LEICHT SCHWER MITTEL SUDOKU VON STEFAN HEINE Die Qualität seiner Trumpfausrüstung war nicht hochwertig, dafür war das Drumherum sehr ansehnlich. Süds rudimentärer Spielplan um 4♠ nach Hause zu bringen, führte zum Desaster. Nachdem Nord mit 2 SA eröffnete, ließ die Weiterreizung Süd zum Alleinspieler in 4♠ werden, West spielte ♣3 aus. Unter der Voraussetzung, dass die Trümpfe 3-2 stehen, war der Verlust von drei Trumpfstichen unvermeidlich, Coeur und Treff waren komplett, seinen potenziellen Karo-Verlierer konnte Süd auf Treff abwerfen. So nahm er den Angriff am Tisch, deblockierte die Coeurs, setzte mit ♠3 fort. Ost hatte keine andere Wahl, als den Stich mit ♠10 zu gewinnen, brachte Karo. Süd hielt an seinem ursprünglichen Plan fest, nahm ♦A, ging mit Treff zum Tisch, warf auf die dritte Trefffigur Karo ab. Das Nichtstechen seitens Ost sollte ihm eine Warnung gewesen sein, doch Süd setzte unbeirrt mit Trumpf fort. Genüsslich konnte West Trumpf ziehen, zwei Treffs einsammeln, Ost bekam noch ♦K – vier Faller. Aufgabe für d. 16.7.23: Können Sie auf Süd 6♥ erfüllen? West greift mit ♠D an . Lösung d. Aufgabe v. 9.7.23: Süd gewinnt den Angriff, zieht Trumpf, kassiert seine Coeurs, kann seinen zweiten Karostich einsammeln, verfolgt mit ♣A, Treff zum König und Treff. Aus der Hand wirft Süd Karo ab, West kommt ans Spiel, kann nur noch Coeur oder Treff in die Doppelchicane spielen. Süd schnappt am Tisch, wird sein letztes Karo los. BRIDGE MIT ROBERT BOEDDEKER Autsch unbestimmter Artikel Titel und Anrede für Kardinäle Kegel beim Bowling (engl.) Anrede ital. Geistlicher schott. Fluss Erhitzung Berg- von Erzen steiger Berühmtheit (Kf.) israel. Politiker † mit dem Hund ... gehen eine Baltin Blütenstand Agentin dt. Aktienindex (Kf.) 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Insel Hafenstadt in Japan 1 2 3 4 5 6 7 8 9 2 9 5 1 8 6 4 7 3 slv1318-29 ® Aufösung aus dem Heft 27 (1-9) Tourismus E N T H E E L S P D O U G L A S M A R A M A O R I G O T E S P U K L A U S B U B T L E A R G E C O R T E Z A F F I G H L O B H A S T N L A S E R A G A S S I R A T E L W A R E O B O E T O M A T E T O N A L E M I R E X E E T A L O N A T T I L A M E I S J E A M A T I E R E K S K F D M SONNTAGSRÄTSEL – Gewinne im Wert von 300 € SO SPIELEN SIE MIT: Nennen Sie das Lösungswort per Telefon: 01379-560 056 (0,50€/Anruf aus allen deutschen Netzen) oder Sie senden eine SMS mit folgendem Text an die 40400 (0,50€/SMS): Rätsel, Lösung, Name, Anschrift Teilnahmeschluss ist am 21. 7. 2023 um 24 Uhr. Rechtsweg und Barauszahlung sind ausgeschlossen. 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Das deutsche Schach ist nicht nur aufgrund der Erfolge von Vincent Keymer (18), der schon zur erweiterten Weltspitze zählt, im Aufwind. Gegen den erfahrenen tschechischen Großmeister Vlastimil Babula gelang ihm nach Flankenangriffen gegen beide Könige eine schöne Mattattacke im Endspiel. Svane Frederik – Babula Sizilianisch 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.Ld3 Lc5 6.Sb3 La7 7.De2 Se7 8.Le3 0-0 9.Sc3 b5 10.Lxa7 Txa7 11.De3 Sbc6 12.0- 0-0!? Mit der langen Rochade stellt Weiß die Weichen für Angriffe auf beiden Flügeln. 12…Tc7 13.f4 d5 14.e5 b4 15.Se2 a5 16.Sbd4 Sxd4 17.Sxd4 a4 18.g4 a3. Heissa - die Bauernstreitmachten stürmen aufeinander los! 19.b3 Tc3 20.Sb5 Tc6 21.Thf1 La6 22.Sd4 Tc3 23.f5 Dc7. Nun bringt gleich 24.fxe6 Lxd3 dem Weißen nichts. 24.Kb1 Sc6 25.fxe6 Lxd3 26.cxd3 Dxe5 27.Dxe5 Sxe5 28.Tde1 f6? Stattdessen war 28…Sg6! 29.exf7+ Txf7 30.Te8+ Tf8 mit Ausgleich angezeigt. Scheinbar ist die schwarze Königsfestung ganz sicher, aber … 29.g5! Txd3? Unbedingt nötig war es, sich mit 29…Tc7 auf die Hinterfüße zu stellen. 30.gxf6 gxf6. Aber nicht 30…Txd4 31.f7+! Sxf7 (31…Kh8 32.e7!) 32.exf7+ Kh8 33.Te8! 31.Tg1+ Kh8 32.Sf5 Tc3 33.e7 Te8 34.Sh6! Ein schöner Schlusszug – Schwarz gab auf. Es droht 35.Txe5! fxe5 36.Sf7 mit ersticktem Matt. Weder 34…Sg6 35.Sf7+ Kg8 36.Sd6 Txe7 37.Txe7 noch 34…Tf3 35.Tg8+! Txg8 36.Sxg8 mit Bauernumwandlung im nächsten Zug helfen. a b c d e f h a b c d e f g h 8 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 5 4 3 2 1 g a b c d e f h a b c d e f g h 8 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 5 4 3 2 1 g Stellung nach 28…f6 Stellung nach 34.Sh6 SCHACH MIT HELMUT PFLEGER Gebrüder Svane ganz vorn N W O S ♠ B 9 5 3 ♥ A K ♦ D B 10 ♣ A K D 9 ♠ 10 ♥ 10 7 5 2 ♦ K 8 7 6 5 3 ♣ 10 8 ♠ 8 7 6 4 ♥ D B 8 6 4 ♦ A 2 ♣ 7 5 ♠ A K D 2 ♥ 9 3 ♦ 9 4 ♣ B 6 4 3 2 Teiler: Nord, Gefahr: Alle Hamburg Bremen Hannover Leipzig Münster Rostock Düsseldorf Friedrichshafen Saarbrücken Köln Kiel München Kassel Stuttgart Berlin Dresden Frankfurt Nürnberg DEUTSCHLAND SONNTAG Bewölkt, gebietsweise Schauer Sonne Mond 05:24 21:31 03:22 21:26 Angaben für Kassel Der Tag beginnt im Osten und Südosten noch mit einigen Schauern, die aber rasch ostwärts abziehen. Sonst ist es teils heiter, teils wolkig und zunächst weitgehend trocken. Nachmittags und abends entwickeln sich im Südosten örtlich Schauer oder Gewitter. Auch im Westen und Nordwesten sind einzelne Schauer möglich. Die Höchstwerte bewegen sich zwischen 21 und 31 Grad. Das Wetter ist für den Organismus belastend. Asthmatiker und Menschen mit chronischer Bronchitis haben Atembeschwerden. Personen mit niedrigem Blutdruck leiden unter Kreislaufstörungen, Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen. 6 5 4 3 23 26 14 16 26 15 25 14 29 16 29 16 29 14 25 14 27 16 28 15 27 14 27 17 26 15 26 15 26 13 29 16 27 14 27 18 20 20 Sonntag: Biowetter: Antalya Bali Buenos Aires Djerba Honolulu Innsbruck Jerusalem Kairo Kapstadt Mailand Manila Mombasa Neu Delhi Rio de Janeiro Sydney WELTWETTER HEUTE TEMPERATURREKORDE VORHERSAGE Montag Norden Süden Dienstag Mittwoch Donnerstag Maximum 33,3° (2007), Minimum 6,3° (1959) Maximum 37,1° (2007), Minimum 9,6° (1977) Dublin Brüssel Oslo Warschau Bordeaux Kiew Moskau St. Petersburg Stockholm Riga Reykjavik Kopenhagen Berlin Helsinki Wien Zürich Nizza Palma London Paris Rom Athen Tunis Zagreb Budapest Lissabon Las Palmas Barcelona Madrid Malaga Algier -9 bis -5 -4 bis 0 1 bis 5 6 bis 10 11 bis 15 16 bis 20 21 bis 25 26 bis 30 31 bis 35 über 35 Hoch / Tief Warmfront Kaltfront Okklusion Warmluft Kaltluft 12 23 12 24 12 24 12 22 18 29 18 30 17 29 16 26 Istanbul 43° sonnig 26° Schauer 12° heiter 40° sonnig 31° wolkig 30° Gewitter 33° sonnig 42° sonnig 17° wolkig 33° heiter 29° Gewitter 30° Schauer 33° Schauer 25° wolkig 18° wolkig Hamburg München 14 18 22 23 34 35 26 27 24 27 25 35 33 30 23 28 29 33 33 29 19 26 37 34 37 42 33 35 25 29 26 28 23 23 23 23 20 20 24 23 23 21 H T Vancouver Washington New Orleans Mexico City Tokio Peking Seoul Chengdu Bangkok Kuala Lumpur Ho Chi Minh Stadt Singapur Manila Hongkong Shanghai Brunei Taipeh Dhaka Yangon San Francisco Salt Lake City Los Angeles Calgary Winnipeg Toronto Montreal New York Chicago Dallas Denver Phoenix Atlanta Miami Nassau Havanna Online-Wetter: welt.de/wetter Immer wissen, wie das Wetter wird! Umfangreiche und aktuelle mobile Wetterinformationen unter mobile.wetter.de 27° 26° 17° 25° 31° 27° 24° 45° 23° 34° 36° 29° 35° 27° 40° 32° 30° 31° 33° 34° 31° 31° 34° 36° 29° 29° 28° 30° 31° 33° 40° 37° 30° 34° 23° Hamburg Berlin ANZEIGE Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Mitte 14 29 16 31 15 29 15 28 ANZEIGE Maximum 33,8° (2007), Minimum 7,3° (2011) Maximum 35,7° (2003),München Minimum 4,0° (1978) Frankfurt N W O S ♠ A K 5 ♥ A 9 ♦ K 7 3 2 ♣ 7 6 5 4 ♠ 9 8 7 6 4 ♥ 5 4 ♦ A B 10 6 ♣ 8 3 ♠ - ♥ K D B 10 6 2 ♦ D 5 4 ♣ A K 9 2 ♠ D B 10 3 2 ♥ 8 7 3 ♦ 9 8 ♣ D B 10 Aufgabe Teiler: Süd, Gefahr: Ost/West Schon für WELTplus Premium freigeschaltet? Jetzt freischalten! Falls nicht, holen Sie dies gleich nach. Jetzt alle digitalen Vorteile von WELT freischalten Als Abonnent bekommen Sie nicht nur WELT AM SONNTAG bequem nach Hause geliefert, sondern können auch uneingeschränkt auf alle Inhalte auf WELT.de, in der WELT News App und im WELT Club zugreifen. 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Rainer Haubrich Thema: Marc Neller Investigation/Reportage: Tim Röhn Außenpolitik: Klaus Geiger Wirtschaft/ Finanzen/Immobilien: Jan Dams, Olaf GerseIMPRESSUM min: Dr. Dorothea Siems Korrespondent Politik/ Gesellschaft: Ulrich Exner Chefkorrespondent Wissenschaft: Dr. Norbert Lossau Chefkorrespondent Feuilleton: Dr. Jan Küveler Literarischer Korrespondent: Richard Kämmerlings Leitender Redakteur Zeitgeschichte: Sven-Felix Kellerhoff Ständige Mitarbeit: Prof. Michael Stürmer Autoren: Henryk M. 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mi, im Netz von Hatern beschimpft. Immer wieder gibt es solche rassistischen Hass-Posts. Haben Sie als Mannschaft inzwischen einen Abwehrmechanismen dagegen entwickelt? ANYOMI: Es ist leider so, wie Sie es gerade beschrieben haben: Es passiert immer wieder. Es gibt halt immer wieder Idioten, die sich auf Social Media oder in anderer Form auf diese Weise äußern. Für mich ist es in solchen Momenten wichtig, dass wir als Mannschaft zusammenhalten. Und das habe ich bisher immer so erlebt, dass meine Mitspielerinnen für mich da sind, mich unterstützen – dass sie diesen Hass von mir fernhalten. Der DFB hat zuletzt angekündigt, juristisch gegen die Hater vorzugehen. ANYOMI: Es ist wichtig, dass man gegen diese rassistischen Anfeindungen vorgeht – auch juristisch. Und es ist wichtig, dass man, wenn man selbst davon betroffen ist, etwas dagegen sagt. Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen von wenigen Leuten. Ein anderes Thema, das bei der Männer-WM zuletzt für Schlagzeilen sorgte, ist diesmal im Vorfeld vergleichsweise geräuscharm abgeräumt worden. Statt einer Regenbogen-Kapitänsbinde gibt es jetzt eine Auswahl von acht Varianten, auf denen für Bildung, Inklusion, Gender-Gleichheit, Frieden, Indigene geworben wird. Wie bewerten Sie die Lösung der Fifa? DÄBRITZ: Das ging von der Fifa aus, die darüber den Austausch mit den jeweiligen Mannschaften gesucht hat. Jetzt gibt es acht Varianten, die alle für verschiedene Werte stehen, mit denen wir uns identifizieren können und die alle gut zu uns passen. Deshalb ist das eine gute Sache. Kürzlich hat Jürgen Klopp die Frauen-Nationalmannschaft im Trainingslager in Herzogenaurach besucht. Hatte er noch ein paar nützliche Tipps für die bevorstehende WM? DÄBRITZ: Das war schon ein cooler Überraschungsgast. Wir wissen natürlich, was für ein großartiger Trainer er ist. Er hat uns alles Gute und viel Erfolg für die WM gewünscht und dass er uns die Daumen drückt. Jede von uns hat sich sehr gefreut, Kloppo im Camp zu sehen. WELT AM SONNTAG NR. 29 16. JULI 2023 SEITE 64 DAS GESPRÄCH Dass Niederlagen Motivationsschübe, ja sogar Begeisterung auslösen können, haben Nicole Anyomi und Sara Däbritz erst vor einem Jahr erlebt, als sie mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen im EM-Finale gegen England knapp unterlagen. Auf die hohen Einschaltquoten während des Turniers folgten Zuschauerrekorde sowohl in der Frauen-Bundesliga als auch in anderen europäischen Ligen. Anyomi, 23, Stürmerin bei Eintracht Frankfurt, und Sara Däbritz, 28, Mittelfeldstrategin beim Champions-League-Sieger Olympique Lyon, sind zwei Gesichter dieses Erfolgs. Dass es zuletzt während der Vorbereitungsphase vor dem Beginn der Weltmeisterschaft am 20. Juli in Australien und Neuseeland im deutschen Team noch arg holperte, ist für beide kein Grund, pessimistisch zu sein. Wir haben mit Anyomi und Däbritz im Trainingslager in Herzogenaurach gesprochen. VON MARTIN SCHOLZ WELT AM SONNTAG: Nach zwei schwachen Testspielen gegen Vietnam und Sambia, von denen das letzte mit einer Niederlage endete, ist die Euphorie vor der Weltmeisterschaft erst mal verflogen. Wie gehen Sie damit um? SARA DÄBRITZ: Ich denke, das war ein Dämpfer zur richtigen Zeit. Wir haben das analysiert – und werden bis zum Start der WM weiter an uns arbeiten. Dennoch haben wir Lust auf die WM! Es ist ein Mega-Event am anderen Ende der Welt, die Vorfreude ist sehr, sehr groß. Hat es womöglich auch Vorteile, zu diesem Zeitpunkt nicht automatisch als Titelfavorit wahrgenommen zu werden? NICOLE ANYOMI: Es gibt in diesem Jahr ohnehin nicht diesen einen großen TopFavoriten, viele Nationen machen sich berechtigte Hoffnungen auf einen positiven WM-Verlauf. Insofern spüren wir da keinen besonderen Druck, und wie Sara schon gesagt hat: Wir freuen uns jetzt trotz der zwei Testspiele einfach auf die WM. Im vergangenen Jahr haben Sie das EM-Finale gegen England im Wembley-Stadion knapp verloren. Wenn man einen Titel so haarscharf verpasst hat, ist das noch mal ein besonderer Ansporn, den nächsten unbedingt gewinnen zu wollen? DÄBRITZ: Das EM-Finale hat uns sehr viel gegeben. Zunächst einmal, weil es für uns alle etwas Besonderes war, in Wembley zu spielen, in diesem historischen Stadion – und dann noch vor ausverkauftem Haus. Unvergesslich. Natürlich war es anfangs enttäuschend, dass wir den Titel dann ganz knapp verfehlt haben. Aber heute sehen wir, wie viel dieses Turnier uns als Mannschaft gebracht hat – und was es darüber hinaus ausgelöst hat, diese Begeisterung für den Frauenfußball. ANYOMI: Wir haben den Schwung der EM mit nach Deutschland in die Bundesliga genommen, und seitdem gab es im Frauenfußball eine enorme Entwicklung. Es war beispielsweise großartig zu erleben, wie viel mehr Zuschauer seitdem zu unseren Spielen in der Liga gekommen sind. DÄBRITZ: Und jetzt wollen wir, dass diese Begeisterung und dieser Hype, den die EM ausgelöst haben, weitergehen. Dafür sind wir auf dem Platz verantwortlich – da müssen wir gute Leistungen zeigen, um die Fans wieder zu begeistern und mitzunehmen auf diesem Turnier. Wir haben uns athletisch, taktisch und technisch weiterentwickelt. Wir haben in unserer Mannschaft großes Potenzial, wir können bei dieser Weltmeisterschaft um den Titel spielen, wenn alles passt. Und diese neue Aufmerksamkeit für den Frauenfußball nach der EM, die haben wir auch jetzt, während der Vorbereitung, zu spüren bekommen. Dieser Hype, der sich entwickelt hat, ist nachhaltig. Wenn wir jetzt mit der Nationalmannschaft in der Vorbereitung Länderspiele vor heimischem Publikum bestreiten, ist es toll zu erleben, dass das Stadion voll ist und uns so viele Fans anfeuern – auch wenn es nicht wie geplant gelaufen ist. Es ist einfach schön, Teil dieser insgesamt positiven Entwicklung zu sein. Natürlich muss es jetzt weitergehen. Unser Ziel ist es jetzt, uns zu steigern. Dafür geben wir auf dem Platz alles. Dieser nachhaltige Hype, von dem Sie sprachen, ist ja konkret messbar. In der Frauen-Bundesliga gab es mehrere Zuschauerrekorde – zum Eröffnungsspiel von Eintracht Frankfurt gegen den FC Bayern kamen 23.200 Zuschauer ins Waldstadion, der gesamte Zuschauerschnitt in der Fußball-Bundesliga der Frauen hat sich in der Saison 2022/2023 im Vergleich zur vorherigen verdreifacht – auf 359.404 Besucher. Gibt auch das noch mal besonderen Rückenwind für eine WM? ANYOMI: Ja, auf jeden Fall. Zum Spiel der Eintracht gegen den 1. FC Köln kamen sogar fast 40.000 Zuschauer ins Stadion – damit haben wir den Zuschauerrekord der Frauen-Bundesliga geknackt. Das war ein schönes Erlebnis, wie auch das Spiel gegen Wolfsburg, zu dem 17.000 Fans kamen. Die Stimmung bei den Spielen der Eintracht gegen Bayern und Wolfsburg im Waldstadion war euphorisch. Gleichwohl war – ungeachtet der Rekordzahlen von 23.000 oder 17.000 Fans – nicht zu übersehen, dass das große Stadion nicht mal zur Hälfte besetzt war. Wie nehmen Sie das wahr? ANYOMI: Ich persönlich nehme diese Kulisse wahr wie ein volles Stadion, mit vielen Tausend Fans, die uns anfeuern. Man darf nicht vergessen, dass solche Zuschauerzahlen für Frauenmannschaften etwas Neues, etwas ganz anderes darstellen. Hier muss man immer auch die langfristige Entwicklung dahinter sehen. Das Gros der Bundesliga-Spiele Ihrer Mannschaft wird im wesentlich kleineren Brentano-Stadion ausgetragen, zu denen zuletzt im Schnitt 2500 bis 3500 Zuschauer kamen. ANYOMI: Ja, und wenn dann 23.000 im großen Stadion sind, ist das einfach etwas anderes. Das haben wir nicht so oft erlebt, diese Atmosphäre nehme ich auch ganz anders, aber sehr positiv wahr. Wenn uns so viele Menschen supporten, dann pusht einen das noch mal zusätzlich. Eintracht-Vorstandssprecher Axel Hellmann freute sich über die Zuschauerzuwächse, gab aber unumwunden zu, dass die Gesamtheit des Produkts Frauenfußball im Moment noch nicht marktfähig und daher ein Zuschussgeschäft sei. In nüchternen Zahlen ausgedrückt: Der Frauenfußball mache derzeit ein Fünfzigstel des Erlösniveaus des Männerfußballs aus. Welche Wünsche haben Sie vor diesem Hintergrund für die Zukunft – noch öfter im großen Stadion spielen? ANYOMI: Natürlich würde ich mir wünschen, häufiger in die großen Stadien zu gehen. Denn das beflügelt einfach ungemein. Das ist für den Frauenfußball an sich wie auch für die einzelnen Vereine, in meinem Fall für die Eintracht, ein Mehrwert. Deswegen hoffe ich, dass unsere Spiele weiterhin gut vermarktet werden – so werden wir step by step mehr Zuschauer in die Stadien locken. Bei dieser WM hat die Fifa erstmals die Preisgelder für die Spielerinnen festgeschrieben, sie haben sich mehr als verdreifacht – die Prämie für den Titelgewinn beträgt 252.000 Euro pro Spielerin. Die Männer hätten bei der WM in Katar 400.000 Euro bekommen. Wie bewerten Sie das? Begrüßen Sie die Steigerung, oder stört Sie der Pay Gap zu den Männern? DÄBRITZ: Diese Prämie ist sehr positiv, wir sind damit sehr zufrieden, weil auch diese Preisgelderhöhung ein weiterer Beleg ist für die positive Entwicklung des Frauenfußballs. Aber ich möchte an dieser Stelle dann doch noch mal etwas anderes betonen, das mir in dem Zusammenhang sehr wichtig ist: Wir alle haben aus Liebe und Leidenschaft für diesen Sport angefangen, Fußball zu spielen. Natürlich sind solche Prämien schön und sicher auch ein kleiner zusätzlicher Ansporn. Es ist auch toll, dass es erstmals für jede Spielerin eine Mindestprämie für die Teilnahme an dieser WM gibt. 28.000 Euro, die auch die Fifa zahlt. DÄBRITZ: Das alles freut uns. Aber unser Traum ist es, den WM-Titel zu gewinnen, das ist es, was uns anspornt. Nach der sportlichen Krise der DFBMänner gab es zuletzt Schlagzeilen wie „Jetzt müssen die Frauen unseren Fußball-Sommer retten“. Spüren Sie noch mal einen besonderen Erwartungsdruck? DÄBRITZ: Nein. Das wird bei uns getrennt. Wir konzentrieren uns komplett auf uns, versuchen, uns in jedem Training weiterzuentwickeln und die Themen, an denen wir noch arbeiten müssen, umzusetzen. Aber natürlich wünschen wir uns, dass wir beim DFB alle, Männer wie Frauen, gemeinsam erfolgreich sind. Erfolge blieben zuletzt auch bei der U21-Nationalmannschaft der Männer während der EM aus. Zwei der Spieler, Jessic Ngankam und Youssoufa Moukoko, wurden nach verschossenen Elfmetern auf Social Media massiv rassistisch beleidigt. Nach dem verlorenen EM-Finale im vergangenen Jahr wurden auch Sie, Frau AnyoIm vergangenen Jahr wurden Nicole Anyomi und Sara Däbritz mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft Vize-Europameisterinnen. Bei der WM wollen sie den Titel gewinnen. Ein Gespräch über Rekorde und Rückschläge, Idioten auf Social Media und Tipps von Jürgen Klopp D PICTURE ALLIANCE / FOTO2PRESS/ STEFFEN PROESSDORF PICTURE ALLIANCE/ DPA/ DANIEL LÖB NICOLE ANYOMI SARA DÄBRITZ Dieser Hype ist nachhaltig In der Jugend des SuS Krefeld begann ihre Karriere, über Borussia Mönchengladbach wechselte sie 2014 in die B-Jugend der SGS Essen, wo sie 2016 in den Bundesliga-Kader aufrückte. Etonam Nicole Anyomi, am 10. Februar 2000 als Tochter einer ghanaischen Mutter und eines aus Togo stammenden Vaters in Krefeld geboren, spielt inzwischen als Stürmerin bei Eintracht Frankfurt in der Bundesliga, seit 2021 ist sie A-Nationalspielerin. Nicole Anyomi Sturm Mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen gewann sie bereits einige Titel; wurde Europameisterin (2013) und Vize-Europameisterin (2022) sowie Olympiasiegerin (2016). 2016 wurde die am 15. Februar 1995 in Amberg geborene Sara Däbritz mit dem FC Bayern Deutscher Meister und 2021 mit Paris Saint-Germain Französischer Meister – ein Titel, den sie mit ihrem aktuellen Verein Olympique Lyon 2023 wieder gewann. Sara Däbritz Mittelfeld © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung