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Das Sonett: !Materialien zur bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs!!! 1. !Die englische Variante in netter Übersetzung! [«Hamlet-Sonett» wurde das ...

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Published by , 2017-01-15 02:30:08

Das Sonett: !Materialien zur bekanntesten Gedichtform ...

Das Sonett: !Materialien zur bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs!!! 1. !Die englische Variante in netter Übersetzung! [«Hamlet-Sonett» wurde das ...

!!!Das Sonett: Materialien zur bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs



!1. Die englische Variante in netter Übersetzung



[«Hamlet-Sonett» wurde das Sonett Nr. 66 häufig genannt. Wer sich in Shakespeares «Hamlet» auskennt, entdeckt

zahlreiche inhaltliche Parallelen, viele der Übel, Gebrechen und Verkehrungen, die das Gedicht aufzählt, werden auch
in der Tragödie thematisiert.]


!!! !!!!William Shakespeare, Sonett Nr. 66









! !66

66


1

Statt dieses nun, fleh’ ich um stillen Tod; –


1

Tired with all these, for restful death I cry,



Als sehn: Verdienst zum Bettelstab geboren,




As to behold desert a beggar born,

3

Und dürft’ges Nichts geschminkt mit falschem Rot,


3

And needy nothing trimmed in jollity,



Und reinste Treu’ böswillig weggeschworen,




And purest faith unhappily forsworn,

5

Und goldne Ehre Schelmen zugewendet,


5

And gilded honor shamefully misplaced,



Und wahre Trefflichkeit schmählich verkannt,




And maiden virtue rudely strumpeted,

7

Und jungfräuliche Tugend roh geschändet,


7

And right perfection wrongfully disgraced,



Und Manneskraft durch lahme Macht entmannt,




And strength by limping sway disabled,

9

Und Wissenschaft gewaltsam stumm gemacht,


9

And art made tongue-tied by authority,



Und Narrheit doktorhaft die Kunst regieren,




And folly, doctor-like, controlling skill,

11

Und Einfalt als Einfältigkeit verlacht,


11

And simple truth miscalled simplicity,



Und Hauptmann Bös, Gut als Gefangnen führen:




And captive good attending captain ill.

13



Satt dies zu sehn, wär’ Tod mir keine Pein,


13



Tired with all these, from these would I be gone,






Liess sterbend ich mein Liebstes nicht allein.

!!!!!!!!



Save that, to die, I leave my love alone.



[Übersetzung: M. G. Warburg, Privatdruck, Berlin 1876.]Das englische Original sowie die hier zitierten Übersetzungen sind
der kommentierten Sammlung sämtlicher Übersetzungen von Shakespeares Sonett Nr. 66 entnommen.1 Der Herausge-

ber Wolf Erckenbrecht mischt unter verschiedenen Pseudonymen eigene Varianten bei, die nachstehende unter dem

Namen Rolf Meise. Erckenbrecht nutzt respektlos den ganzen Spielraum zwischen hohem und niederem Stil, eine

!!wohltuende Abwechslung zum weihevoll geschraubten Ton der meisten Übersetzungen.



1

Shakespeare Sechsundsechzig, Variationen über ein Sonett, gesammelt, ediert und kommentiert von Ulrich
Erckenbrecht, Göttingen 1996 [Warburg-Übersetzung: S. 194].

!2. Die englische Variante, nicht so nett übersetzt


!66



1

Ich hab’ die Schnauze voll und mach’ die Fliege:




Verdienst wird abgespeist mit Hungertüchern,


3

und aufgetakelt tanzt die Nullenriege,



!

und Treue find’t man nur bei Marschall Blüchern,



5

und Spezis teilen sich die goldnen Ehren,




und junge Mädchen sind schon alte Nutten,


7

und die Genies verbannt man auf Galeeren



!

und an der Spitze sudeln die Kaputten,



9

und Künstlern wird vom Staat der Mund verboten,




und hochgelehrte Narren ham das Sagen,


11

und Wahreitsfreunde gelten als Idioten,



!

und Meister Böse hält die Welt beim Kragen.



13

Ich hab’ die Schnauze voll und mach’ die Mücke,



!!!

blieb nicht mein Liebchen dann allein zurücke.2


!3.

Die italienische Variante, nicht so nett kommentiert


!

Robert Gernhardt, Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs3



1

Sonette find ich sowas von beschissen,




so eng, rigide, irgendwie nicht gut;


3

es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,



!

dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut



5

hat, heute noch so’n dumpfen Scheiss zu bauen;




allein der Fakt, dass so ein Typ das tut,


7

kann mir in echt den ganzen Tag versauen.



!

Ich hab da eine Sperre. Und die Wut



9

darüber, dass so’n abgefuckter Kacker




mich mittels seiner Wichsereien blockiert,



!11

schafft in mir Aggressionen auf den Macker.





Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.


13

Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:



!

Ich find Sonette unheimlich beschissen.



2

Shakespeare Sechsundsechzig, op. cit., S. 172.

3

Robert Gernhardt, Wörtersee, Frankfurt a. M. 1981, S. 164.

!4. Andreas Gryphius (1616 – 1664) und Günter Kunert: englisch oder italienisch?


!

Es ist alles eitel4



1

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.






Was dieser heute baut, reisst jener morgen ein;


3



Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,




Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden;


5

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;






Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;


7



Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.




Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.


9



Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.






Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?


11

Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten,






Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,


13



Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind’t!



!

Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.


!![Logik der typographische Anordnung!]


!Günter Kunert (geb. 1929)


!Barockes Gedicht5



1

Nicht ein Gedanke, nicht ein Traum,




Nicht Blitz, nicht Helle, Schatten kaum,


3

was mir geschah an diesem Tage:




ein Nichts, worüber ich hier klage.


5

Selbst jener Riss durch unsre Welt,




aus dem sonst täglich Scheisse fällt


7

und Gift und Moder, Plunder, Kot,




sich heute wie erloschen bot.


9

Auch ich: erstorbener Vulkan,




umweht von Stunden, leer, vertan,


11

der Gipfel längst kein Göttersitz,




dem Haupt entflohen jeder Witz:


13

Kein Traum, kein Denken und kein Samen.



!

Verloren: Ich. In aller Namen.



Weitere Materialien zum Sonett:


vgl. Ernst Jandl, Leerformen


Ulla Hahn, Anständiges Sonett

4

in: 80 Barockgedichte, Hrsg. H. Heckmann, Berlin 1976, S. 35.

5

in: Günter Kunert, Stilleben, Gedichte, München / Wien 1983, S. 92.


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